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Entscheidung auf Mallorca – Verbotene Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Entscheidung auf Mallorca
  5. In der nächsten Folge
  6. Exklusive Fotos von den Filmaufnahmen

»Hey, wo willst du hin?« Julia kam gerade mit einer Vase voll Rosen aus der Küche. Erstaunt sah sie ihren Sohn Timo an. Er war frisch geduscht, sein kurzes blondes Haar hatte er mit viel Haargel gestylt. Julia rümpfte die Nase, als sie die herbe Duftwolke roch, die ihn umgab, ein Gemisch aus Deo, Duschgel und Aftershave.

Es gefiel ihr nicht, dass er sich in letzter Zeit so herausputzte und oft unterwegs war. Mit seinen siebzehn Jahren benahm er sich sehr erwachsen. Zu erwachsen, wie Julia fand.

»Ich muss noch mal weg«, rief Timo seiner Mutter zu und hatte schon fast die Veranda erreicht.

»Moment! Wir haben doch gestern ausgemacht, dass wir heute zusammen essen.«

»Tut mir leid, Mama. Ich treff mich noch mit meinen Freunden. Ist total wichtig, wir wollen noch für Französisch lernen.«

»Heute Abend? Das hättest du doch den ganzen Tag tun können.«

Er sah sie mit seinen großen blauen Augen vorwurfsvoll an. »Aber Mama! Da hatte ich keine Zeit. Ich musste dir doch im Garten helfen.«

»Das hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert. Danach warst du mit deinen Freunden unterwegs und jetzt willst du schon wieder los.« Julia stellte die Vase auf den kleinen schmiedeeisernen Tisch in der Diele. Timo bewegte sich langsam zur Veranda.

»Nein, Timo, du gehst nicht noch einmal raus«, sagte Julia entschieden, während sie ruhig die Blumen ordnete.

»Aber Mama, wir lernen wirklich!«

»Dann frage ich mich, warum du in Französisch so schlecht bist«, mischte sich Ricardo ein. Sie hatten ihn nicht kommen hören, weil die Haustür offenstand. Er sah müde aus, ein langer Tag in der Praxis lag hinter ihm.

»Wie bitte?« Julia sah verwundert von Ricardo zu Timo. »Du hast doch erzählt, dass es in Französisch gut läuft?«

Verlegen trat der hochgewachsene Junge von einem Fuß auf den anderen. »Na ja, nicht ganz so gut«, murmelte er.

»Deine Französischlehrerin war heute in der Praxis.« Ricardo stellte seinen Arztkoffer neben dem Dielentisch ab. »Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob sie wegen ihres Rückens oder deinetwegen gekommen ist.«

Über Timos Wangen zogen sich rote Flecken, er hatte die Hände in den Taschen vergraben und schaute seinen Stiefvater trotzig an.

»Wenn die nächste Arbeit auch so schlecht wird wie die anderen, dann ist deine Versetzung gefährdet.« Ricardo stand nun vor Timo und sah ihn verärgert an.

Beide waren gleich groß, doch das war auch die einzige Gemeinsamkeit in ihrem Aussehen. Timo war dünn und schlaksig, er hatte die blonden Haare und die helle Haut seiner Mutter geerbt und war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ricardo hatte ein südländisches Aussehen, seine Haut war das ganze Jahr über gebräunt, das dunkle Haar kurz geschnitten, der Vollbart sorgfältig gestutzt.

»Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie peinlich mir das war. Ich wusste von nichts!«, schnauzte Ricardo Timo an.

»Warum informiert die Schule uns denn nicht?«, fragte Julia aufgebracht. »Wir zahlen viel Geld für diese Privatschule und dann erfahren wir nicht einmal, wenn es Probleme gibt.«

Ricardo verschränkte die Arme und sah den Jungen mit bohrendem Blick an. »Timo, hast du dazu etwas zu sagen?«

Er schluckte. »Äh, also, es gab schon einen Brief.«

»Und wo ist der?«, wollte Julia wissen.

Timo schwieg und starrte zu Boden.

»Timo?«

»Der ist noch in meiner Tasche.«

»Das glaube ich nicht!«, entfuhr es Julia. »Du bist kurz davor sitzenzubleiben, die Schule schlägt Alarm und du erzählst mir, alles wär bestens!«

Timo fixierte eine Fliese am Boden.

»Deine Lehrerin war nämlich erstaunt, dass wir uns nicht bei ihr gemeldet haben«, fuhr Ricardo fort, »deshalb hat sie mich aufgesucht. Du kannst froh sein, dass sie überhaupt gekommen ist, sonst wäre dein Schicksal an dieser Schule besiegelt.«

»Auf die Schule hab ich sowieso keinen Bock mehr«, begehrte Timo auf. »Schule ist Zeitverschwendung. Das braucht kein Mensch.«

»Timo, wie redest du?«, fuhr Julia ihn an.

»Ich mach die Schule nicht weiter. Ich will Pilot werden!« Nun war es raus. Vorsichtig schielte er zu seinen Eltern. Seine Mutter schüttelte den Kopf und sein Vater starrte ihn an, als hätte er gesagt, er wolle zum Mond fliegen.

»Mach erst dein Abitur, dann reden wir weiter. Du bleibst jedenfalls die nächsten Tage zu Hause und lernst Vokabeln.«

»Papa! Du kannst mir nicht verbieten rauszugehen!«, rief Timo empört.

»Und ob ich das kann! Noch haben wir die Verantwortung für dich.«

»Timo, es ist wichtig, dass du die Schule beendest. Wie willst du ohne Abschluss einen guten Job finden?«, wandte Julia ein.

»Heute kann man auch ohne Abschluss was werden! Bill Gates ist sogar Milliardär geworden.«

»Der hat allerdings sein Studium abgebrochen und nicht die Schule«, entgegnete Ricardo trocken. »Manchmal glaube ich, dir geht’s zu gut. Du könntest irgendwann die Praxis übernehmen und dich in ein gemachtes Nest setzen. Stattdessen willst du die Schule schmeißen.«

»Papa, fang nicht wieder damit an! Nur, weil du gern im weißen Kittel rumläufst, muss ich das nicht auch toll finden.«

»Timo, sprich nicht so mit deinem Vater«, ermahnte Julia ihn.

»Ach, ist doch wahr. Ich will nun mal kein Arzt werden«, brummte er.

»Arzt ist ein schöner Beruf, es ist sogar eine Berufung«, dozierte Ricardo. »Du kannst anderen Menschen helfen, lernst ständig etwas dazu, außerdem bist du dein eigener Herr.«

»Aber ich will nicht jeden Tag in eine Praxis gehen, sondern die Welt sehen.«

»Das sagst du nur, weil dich die Schule nervt. Die Diskussion ist beendet. Du bleibst zu Hause und lernst. Basta.«

Timo wollte etwas entgegnen, doch in dem Augenblick klingelte Ricardos Handy. Er sah auf das Display, nickte Timo zu und ging dann ins Arbeitszimmer, um zu telefonieren.

»Wie kommst du denn darauf, Pilot zu werden?«, fragte Julia ihren Sohn. »Du hast dich doch nie für die Fliegerei interessiert.«

»Ich weiß auch nicht«, meinte Timo, der langsam wieder an Selbstbewusstsein gewann. »Es gefällt mir eben. Die ganze Technik, die vielen Reisen – und dann natürlich die Flugbegleiterinnen.« Er grinste.

»Also Timo, das kann doch nicht dein Ernst sein«, rügte Julia ihn. »Dein Vater hat recht, du brauchst einen Abschluss und dafür musst du Französisch lernen.« Sie sah ihren Sohn aufmunternd an. »Dann isst du heute Abend also doch mit uns?«

»Nee, mir ist echt der Appetit vergangen, ich geh lieber Vokabeln lernen«, verkündete er übertrieben und stapfte die Treppe hoch in sein Zimmer.

Kopfschüttelnd sah Julia ihm hinterher. Dann nahm sie die Vase mit den Rosen vom schmiedeeisernen Tisch und ging auf die Veranda, um den Esstisch zu dekorieren.

Lustlos hockte Timo sich an seinen Schreibtisch, suchte das Französischbuch unter dem Haufen von Schulbüchern hervor, die auf dem Fußboden lagen, und schlug es auf. Er musste lange blättern, bis er die richtige Seite fand. Langsam begann er den Text zu lesen.

Die meisten Vokabeln waren Timo fremd, er verstand nicht einmal den Sinn des Textes. Gähnend quälte er sich Wort für Wort vorwärts, seine Augen fielen immer wieder zu. Schulbücher hatten eine seltsame Wirkung auf ihn: Sobald er eins aufschlug, überkam ihn eine bleierne Müdigkeit. Nur eine kleine Pause, dachte er und gähnte.

Julia hatte den Esstisch auf der Veranda mit frischen Blumen geschmückt und das gute Porzellan gedeckt. Hier war der Lieblingsplatz der Familie.

Die Veranda war mit ockerfarbenen Steinmauern umgeben, ein großer Torbogen gab den Blick in den parkähnlichen Garten und auf den Pool frei. An der Wand standen große Tontöpfe mit Palmen, auf dem Boden gusseiserne Laternen mit Kerzen darin, die abends für romantisches Licht sorgten.

Die gemütlichen Korbsessel, die sie von Ricardos Eltern übernommen hatten, hatte Julia mit weichen Kissen aufpolstern lassen, und auch der große Tisch mit den eingemauerten Fliesen war schon lange im Besitz der Familie Mendes.

Das Menü hatte sie schon gestern mit Lucia, ihrer langjährigen Haushälterin, durchgesprochen, sie waren sich schnell einig geworden, einen Lammschmorbraten mit Gemüse und Rosmarin zuzubereiten, einen Rostit d’anyell, das Leibgericht von Ricardo und Timo.

Julia pustete vorsichtig gelben Blütenstaub von ihrem Kleid. Es war aus Seide, weit und fließend, hatte dünne geflochtene Träger. Oberhalb des Saumes waren große Blumen aufgedruckt. Ihr langes blondes Haar trug sie hochgesteckt. Sie hatte sogar Schmuck angelegt, den sie im Hochsommer selten trug.

Sie freute sich sehr auf den Abend mit ihrer Familie und hatte sich deshalb ihr Lieblingskleid angezogen.

Als sie jedoch Timos Gedeck sah, seufzte sie. Der Junge hatte bestimmt Hunger. Kurzentschlossen ging Julia zu seinem Zimmer, um ihn zu überreden, doch mit ihnen zu essen. Als sie die Tür öffnete, hörte sie ihn leise schnarchen. Timo lag über seinen Schreibtisch gebeugt, den Kopf auf die Arme gelegt, die auf dem Französischbuch ruhten. Sein Schlaf war tief und fest.

Julia musste lächeln, als sie ihren Sohn sah. Leise schloss sie die Tür und ging wieder hinunter zur Veranda.

»Soll ich nun servieren?«, fragte Lucia, die schon auf sie gewartet hatte.

»Ja, bitte, sonst zerkocht uns noch das Fleisch. Ich werde Ricardo Bescheid sagen.«

Als hätte er es gehört, erschien nun auch Ricardo. Erstaunt sah er auf den gedeckten Tisch. »Ist heute etwas Besonderes?« Julia ließ das brennende Streichholz sinken, mit dem sie gerade die Kerzen anzünden wollte. »Hört mir eigentlich keiner zu?«, fragte sie verärgert und blies schnell die Flamme aus. »Ich habe doch gestern gesagt, dass wir heute zusammen essen.«

»Oh«, meinte Ricardo betreten, »das hatte ich ganz vergessen.« Verlegen sah er seine Frau an. »Es tut mir leid, mein Schatz, aber ich bin im Yachtclub verabredet. Es geht um die Wahl zum Vorstand. Sie wollen, dass ich kandidiere. Ich kann dort heute Abend also schlecht fehlen.«

Als er Julias enttäuschtes Gesicht sah, ging er auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Lass uns den Abend morgen nachholen. Dann ist auch Timo dabei und die Stimmung besser.« Er gab ihr einen schnellen Kuss. »Ich beeile mich, versprochen! Vielleicht können wir dann noch ein Glas Wein trinken. Bis dann, mein Schatz.« Ricardo nickte Julia zu und verließ dann eilig das Haus.

Sprachlos sah sie ihm hinterher. Dann deckte sie wütend den Tisch ab und stapelte laut klappernd das Geschirr aufeinander.

Den ganzen Tag hatte sie sich auf das Essen mit ihrer Familie gefreut, aber hier ging lieber jeder seine eigenen Wege, dachte sie verärgert.

Seitdem Ricardo für den Vorstand des Yachtclub kandidierte, verbrachte er viele seiner Abende dort – und sie saß allein zu Haus. Ihr fehlte die Zweisamkeit sehr und sie vermisste den Austausch mit ihm, die vertraulichen Gespräche und das Nachdenken über das, was sie am Tag erlebt hatten. Sie verstand, dass Timo mehr mit seiner Clique als mit seinen Eltern zusammen sein wollte, doch dass er so viel unterwegs war, störte sie. Es war ohnehin nur noch ein Jahr, dann hatte er die Schule beendet, und wer weiß, wohin es ihn ziehen würde.

Julia spürte einen Stich im Herzen. Dass Timo eines Tages ausziehen würde, konnte sie sich kaum vorstellen.

Deshalb hatte sie gestern auch beschlossen, einmal pro Woche ein gemeinsames Essen einzuplanen, und es Timo und Ricardo gesagt. Sie hatten ohnehin wenig Zeit füreinander, hatte Julia ihnen erklärt, und wer wusste schon, wie lange sie solche Abende zu dritt noch genießen konnten.

Beide hatten ihre Idee begrüßt.

»Und nun?«, fragte Lucia, als Julia und sie in der Küche auf den leckeren Lammschmorbraten sahen.

Julia hätte sich am liebsten eine Scheibe abgeschnitten, sie hatte seit dem Mittag nichts gegessen.

»Können Sie nicht ein paar Freunde einladen? Es ist doch jammerschade um das schöne Essen.« Bedauernd sah Lucia auf den knusprigen Braten, doch Julia war die Lust auf ein geselliges Essen vergangen. Die Einzige, die sie jetzt sehen wollte, war ihre Freundin Garcia.

»Warten Sie«, sagte Julia. Sie holte ihr Handy, rief Garcia an und wenig später saß sie im Auto, in dem es durchdringend nach Lammbraten roch.

Wenn schon Julias Männer ihre Einladung nicht zu schätzen wussten, so freute sich doch wenigstens Garcia über das spontane Treffen.

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Julia war froh, dass sie nicht in der Stadt wohnten und in der ländlichen Gegend ihre Ruhe hatten. Vor Jahrzehnten war in der Gegend, durch die sie gerade fuhr, noch Landwirtschaft betrieben worden, doch mittlerweile waren die alten Fincas mit ihrem weitreichenden Grund zu begehrten und millionenschweren Wohnobjekten geworden.

Das großzügige Anwesen von Julia und Ricardo war seit Langem im Besitz der Familie Mendes und hatte ihnen vor Zeiten als landwirtschaftlicher Betrieb gedient.

Oliven und Orangen wurden dort schon lange nicht mehr angebaut, stattdessen hatte Ricardo die Finca restaurieren und zu einem modernen Wohnhaus ausbauen lassen. Vor allem Julia war es zu verdanken, dass aus den ungenutzten Feldern ein blühender Park geworden war. Sie freute sich über die Komplimente, die sie dafür bekam, dachte im Stillen aber auch daran, wie viel Zeit und Geld darin steckte. Ihre Bekannten hätten dafür kein Verständnis gehabt, für sie hatte Julia kaum Grund zu klagen.

Ricardos Familie gehörte zu einer der reichsten auf Mallorca, er leistete sich Hauspersonal und einen Gärtner. Für ihre Bekannten führte Julia ein beneidenswertes Leben.

Dass sie den riesigen Besitz gar nicht allein pflegen konnte, dass die Bewässerung und Bepflanzung des Parks jedes Jahr ein kleines Vermögen verschlang, sahen sie nicht.

Schwungvoll bog Julia in eine der kleinen Straßen ein, die zur Altstadt führten. Seit zehn Jahren kannte sie Garcia nun schon, sie hatten sich kennengelernt, als Garcia, die wie Ricardo auch aus Mallorca stammte, das Penthouse mit dem herrlichen Dachgarten im obersten Stock und die Geschäftsräume im Erdgeschoss gemietet hatte. Garcia führte sehr erfolgreich einen Laden für Inneneinrichtung.

Das Haus gehörte Ricardo, es war ein ansehnlicher Stadtpalast aus dem achtzehnten Jahrhundert in der Nähe der Via Veri, in der sich die teuren Galerien und Boutiquen befanden.

Die offene, direkte Art der resoluten älteren Frau hatte Julia von Anfang an gefallen. Ricardo war Garcia manchmal etwas zu offen, vor allem, wenn sie ihm scherzhaft seine Machoallüren vorhielt, doch er schätzte vor allem ihren Geschäftssinn. Sie wusste, wie man Geld vermehrte, eine Eigenschaft, die Ricardo und sie teilten.

Mit der Zeit waren Julia und Garcia beste Freundinnen geworden. Sie stritten sich in aller Freundschaft, nahmen sich aber nie etwas krumm.

Julia fand direkt vor dem Haus einen Parkplatz, was erstaunlich war. Normalerweise war im Sommer in der Innenstadt von Palma ein Parkplatz so rar wie ein Sechser im Lotto. Sie hob den Topf mit dem Braten vom Beifahrersitz, ging zum Haus, blieb dann aber neugierig vor dem Schaufenster stehen.

Garcia hatte neu dekoriert und Julia gefielen die neonfarbenen Seidenkissen im Leopardenmuster. Sie nahm sich vor, ein paar davon zu kaufen. Julia lächelte. Das musste man Garcia lassen, sie hatte ein Händchen für trendige Wohnaccessoires.

Julia gab den Zahlencode an der Haustür ein und nach einem Summton sprang die Tür auf. Angenehme Kühle empfing sie in dem breiten Entree. Mit dem Bratentopf in der Hand stieg sie die gewundene alte Holztreppe hoch.

»Der Cateringservice!«, rief Garcia scherzhaft, als Julia die Treppe hochgestapft kam. »Woher wusstest du, dass ich einen Mordshunger hab?« Sie strich sich das kinnlang geschnittene dunkle Haar aus dem Gesicht.

»Reine Intuition«, lachte Julia. »Außerdem war mir klar, dass dein Kühlschrank leer ist.«

»Seit wann kannst du hellsehen?« Garcia nahm Julia den Topf ab und ging voraus in die Wohnung. Sie war barfuß und trug ein weites Leinenkleid, das ihre rundliche Figur verhüllte.

Julia musste lächeln, sie hatte Garcia nie anders als barfuß in ihrer Wohnung gesehen, selbst im Winter trug sie zu Hause weder Schuhe noch Strümpfe, wofür sie sich eigens den Luxus einer Fußbodenheizung leistete.

»Oh, du hast neue Vorhänge!«, rief Julia und ging zu den großen Panoramafenstern, an dessen Seiten weiße Stoffe aus Naturseide hingen.

»Na hör mal, ich hab immerhin einen Einrichtungsladen. Meine Wohnung ist quasi mein Showroom.«

Julia sah sich um. Fast jedes Mal, wenn sie Garcia besuchte, entdeckte sie etwas Neues in der Wohnung. Garcia probierte vieles erst privat aus, bevor sie es in ihr Sortiment aufnahm.

Der große, lichtdurchflutete Wohnraum mit den weiß gestrichenen Deckenbalken war gekonnt möbliert, in der Mitte machte sich eine leuchtend rote Wohnlandschaft breit, davor stand ein niedriger Glastisch auf großen Rollen, an der Wand befand sich ein modernes Sideboard aus weiß gekalkter Eiche.

Im Übergang zur offenen Küche war ein eleganter Essplatz mit weiß gepolsterten Stühlen eingerichtet, an dem Garcia nun das Essen anrichtete.

Julia hatte auf dem roten Sofa die neonbunten Leopardenkissen entdeckt. Sie nahm eins in die Hand, deutete auf die anderen und schwärmte: »Die muss ich unbedingt haben.«

»Nimm dir ein paar mit, ich wette mit dir, du bringst sie mir wieder.«

»Willst du sie nicht mehr haben?«

»Ich werfe sie aus dem Fenster, wenn du mich nicht von diesen aufdringlichen Dingern erlöst«, drohte Garcia. »Es ist unglaublich, was manche Designer produzieren. Ich frage mich, wer sich mit so einem bunten Zeug einrichten soll.«

Prompt sammelte Julia die Kissen ein und legte sie vor die Eingangstür. »Damit ich sie nachher nicht vergesse. Bei uns würden sie sehr gut passen, unser Wohnzimmer könnte etwas Farbe vertragen.«

»Euer Wohnzimmer könnte überhaupt mal eine neue Einrichtung vertragen. Aber darüber rede ich mit dem Herrn Doktor ja schon seit Jahren«, stöhnte Garcia.

»Ricardo mag es nun mal traditionell«, meinte Julia.

»Na ja, andere würden es spießig nennen. Aber das hat auch Vorteile«, wehrte sie Julias Protest ab, »er ist immerhin sehr beständig.«

Julia drohte ihr scherzhaft mit dem Finger, dann nahm sie ihr Rotweinglas und erhob es. »Auf uns!«

Sie nahmen sich mehrmals von dem Braten, so gut schmeckte es ihnen. Danach setzten sie sich in die gemütlichen Korbstühle auf die Dachterrasse und blickten in das Lichtermeer von Palma.

Julia seufzte leise.

»Ärger?«, fragte Garcia.

»Timo macht mir Sorgen. Er ist in letzter Zeit nur noch mit seiner Clique unterwegs und tut nichts mehr für die Schule. In Französisch hat er so schlechte Noten, dass er nicht versetzt wird, wenn er sich nicht bald bessert. Ricardo hat ihm vorhin den Kopf gewaschen, ich hoffe, es nützt etwas.«

»Die beiden geraten in letzter Zeit aber oft aneinander«, meinte Garcia.

»Dabei verstehen sie sich eigentlich ganz gut«, sagte Julia. »Immer, wenn ich denke, jetzt kracht’s gleich, dann fahren sie zusammen mit dem Boot raus und danach ist wieder alles in Ordnung.«

Garcia dachte einen Augenblick nach. »Ich hab ja meine eigene Theorie, warum die beiden sich so oft zanken.«

»Und die wäre?«

»Timo spürt, dass etwas nicht stimmt. Er ahnt, dass Ricardo nicht sein Vater ist.«

»Er ist sein Vater«, betonte Julia, »nur nicht sein biologischer, wie es so schön heißt. Außerdem glaube ich nicht, dass Timo etwas ahnt. Das würde ich merken.«

Garcia war die Einzige, die wusste, dass Timo adoptiert war. Julia hatte es ihrer Freundin unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut.

»Du wolltest es ihm doch zu seinem achtzehnten Geburtstag sagen«, fuhr Garcia fort. »Tu das bitte auch. Es wird für euch alle gut sein.«

Julia schwieg und sah über die Hausdächer hinweg. »Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich es ihm wirklich sagen soll«, meinte sie dann. »Wer weiß, was so ein Geständnis bei ihm auslöst. Bis jetzt hat er nie danach gefragt und mein Gefühl sagt mir, ich sollte es dabei belassen.«

»Mich wundert, warum er nie etwas gemerkt hat. Er hat doch nicht die geringste Ähnlichkeit mit Ricardo.«

»Vor ein paar Jahren hat er mich einmal gefragt, warum er nicht so aussieht wie sein Vater. Ich habe ihm gesagt, er habe sein Aussehen nun mal von mir geerbt, und das hat ihm als Erklärung gereicht.«

»Was ja noch nicht einmal gelogen ist«, konterte Garcia.

»Timo glaubt, Ricardo sei sein Vater«, erklärte Julia, »er sagt immer, er habe den gleichen Dickkopf wie er.«

»Trotzdem finde ich, dass ihr es ihm sagen müsst«, wandte Garcia ein. »Euer Kind hat ein Recht darauf zu erfahren, von wem es abstammt.«

»Als Timo noch klein war, war ich froh, dass alles so gut lief. Ricardo hat ihn wie seinen eigenen Sohn angenommen, und als er ihn dann auch noch adoptiert hat, war für mich alles klar: Wir sind eine Familie und es spielt keine Rolle, ob Ricardo sein biologischer Vater ist oder nicht.«

»Wie denkt denn Ricardo darüber?«, wollte Garcia wissen.

»Er weiß natürlich auch, dass es besser wäre, wenn unser Sohn die Wahrheit erführe, aber er bringt es genauso wenig übers Herz wie ich.«

Garcia holte Luft. »Ich würde es Timo auf jeden Fall sagen. Was machst du, wenn er es auf einem anderen Weg erfährt? Wenn er zum Beispiel zufällig die Adoptionsurkunde findet?«

Julia zuckte die Achseln. »Es darf einfach nicht passieren.«

»Du steckst den Kopf in den Sand. Je länger du wartest, umso schlimmer wird es.«

»Ich habe Angst, dass er uns dann nicht mehr vertraut. Wenn er jetzt noch erfährt, dass wir ihn jahrelang belogen haben, wäre das eine Katastrophe für ihn.«

»Was würde denn im schlimmsten Fall passieren?«

Julia überlegte. »Dass er uns verlassen würde«, sagte sie leise.«

»Er wäre vermutlich eine Zeit lang sauer auf euch, weil ihr es ihm so spät gesagt habt. Aber Timo würde euch trotzdem lieben. Adoptivkinder wachsen im Herzen, nicht im Bauch heran.«

Julia schwieg betroffen.

»Sie sind Kinder der Liebe«, fuhr Garcia fort, »kein Kind ist so sehr gewollt wie das Adoptivkind. Vielleicht könnt ihr es ihm so erklären. Dir würde doch auch ein Stein vom Herzen fallen«, fügte sie hinzu, als Julia nichts sagte. »Ihr könntet endlich offen miteinander reden.«

»Dann würde er wissen wollen, wer sein Vater ist, wie ich ihn kennengelernt habe und wo ich damals gelebt habe«, sagte Julia schwach.

»Na und? Dann sagst du es ihm eben. Timos Vater wird ja wohl kein Unmensch gewesen sein. Du hast mir erzählt, der Mann wäre längst tot, also habt ihr nichts zu verlieren«, fuhr sie ruhiger fort.

Garcia spürte, wie Julia sich zurückzog, wie immer, wenn sie versuchte, mit ihr über ihre Vergangenheit zu reden. »Du hast Angst, dass er dich nach deiner Vergangenheit fragt, stimmt’s?«

Erschrocken sah Julia sie an. Sie hatte Garcia nie davon erzählt, doch die Freundin ahnte vermutlich, dass sie ein dunkles Geheimnis trug. »Meine Geschichte ist ziemlich kompliziert«, wich sie aus.

»Wer hat schon eine einfache Lebensgeschichte? Doch nur Leute, die nie etwas erlebt haben.« Als Julia nichts entgegnete, fragte Garcia vorsichtig: »Wollte Timo denn nie wissen, warum du keinen Kontakt zu deiner Familie hast?«

»Doch, aber ich habe ihm erzählt, meine Familie sei sehr schwierig.« Julia zog die Beine zu sich heran, stellte ihre Füße auf die Stuhllehne und schlang die Arme um die Knie.

Garcia spürte, dass sie einen wunden Punkt berührt hatte.

»Mir kommt es grad so vor, als wäre ich mutterseelenallein auf der Welt«, meinte Julia geknickt. »Wahrscheinlich ist das die Midlife-Crisis.«

»Du meine Güte! Davon bist du noch Lichtjahre entfernt.« Garcia lachte.

»Ich glaube, es liegt an Ricardo und mir«, sagte Julia. »Wir machen kaum noch etwas miteinander. Entweder arbeitet er oder er geht in seinen Yachtclub.«

»Dann such dir doch auch ein Hobby«, schlug Garcia vor. »Du könntest noch viel mehr mit deiner Fotografie machen.

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