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Verführung in Paris – Verbotene Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Verführung in Paris
  5. In der nächsten Folge
  6. Exklusive Fotos von den Filmaufnahmen

Jan schloss leise die Tür seines Zimmers und schlich auf Socken die Holztreppe ins Erdgeschoss hinunter. Er war peinlich darauf bedacht, die knarrenden Dielen zu umgehen und ging durch den dunklen Flur zur Haustür.

Es war noch früh am Morgen und er wollte weder Frau Finklheimer noch Pater Hans Jungwirth wecken.

Noch atmete das Haus eine tiefe Ruhe, nur das Ticken der alten Standuhr im Wohnzimmer und hin und wieder ein leises Knarren und Knacken im Gebälk des Fachwerks erinnerte daran, dass die Zeit nicht still stand.

Jan liebte diese frühe Morgenstunde, die ihm ganz allein gehörte. Ihm und den Vögeln, deren munteres Gezwitscher ihn nun begrüßte, als er vorsichtig die Haustür öffnete und ebenso vorsichtig wieder hinter sich zuzog.

Während er sich auf der obersten Treppenstufe setzte, um seine Turnschuhe anzuziehen, lauschte er einen Augenblick dem vielfältigen Zwitschern und Tirilieren. Er fragte sich wie so oft, was sie sich da in aller Herrgottsfrühe wohl zuriefen.

Jan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Eine typisch menschliche Eigenschaft, Tieren zu unterstellen, sie dächten, fühlten und kommunizierten genauso wie Menschen.

Wahrscheinlich freuen sie sich einfach nur darüber, dass die dunkle Nacht vorbei ist und ein neuer Morgen anbricht, dachte Jan und lief los. Tief sog er die frische Luft in seine Lungen und stieß sie kräftig wieder aus. Er konnte diese Freude gut nachvollziehen, besonders dann, wenn er morgens zu seinem täglichen Lauf aufbrach. Er spürte, wie sein Körper kräftiger und ausdauernder wurde und sich gleichzeitig die Schatten der Vergangenheit aufzulösen schienen.

Vor allem am Anfang hatte Jan oft das Gefühl gehabt, er liefe sich den ganzen Dreck aus dem Leib, der auf seiner Seele lastete. Mit der Zeit war es ihm vorgekommen, als würde er leichter und leichter werden, obwohl er tatsächlich eher zugenommen hatte. Nicht zuletzt dank der reichhaltigen Küche von Frau Finklheimer.

»Sie trainieren sich ja alles immer wieder ab«, jammerte sie stets halb im Spaß, halb im Ernst, seit Jan angefangen hatte, wieder regelmäßig Sport zu machen und jeden Morgen eine Runde zu laufen. »Wie soll ich dagegen ankommen?«

Wenn Jan sich heute an die erste Zeit erinnerte, in der er keuchend und japsend neben dem um einige Jahre älteren Jungwirth hergelaufen war, der ihn an zwei Tagen in der Woche begleitete – »Man muss es ja nicht übertreiben!« – dann konnte Jan es manchmal gar nicht glauben, dass er jetzt so leichtfüßig durch die Felder und Wiesen lief, die das beschauliche Dorf in Franken umgaben. Inzwischen lief er dem Pfarrer, wenn er es darauf anlegte, locker davon.

Jan hatte also allen Grund, sich zu freuen und dankbar zu sein. Und dankbar war er wirklich. Dafür, dass es Menschen gab, die für ihn da waren und ihn unterstützten, dafür, dass er eine zweite Chance bekommen hatte, dafür, dass sein Leben wieder einen Sinn hatte.

Jan war sogar dankbar dafür, dass Pater Jungwirth ihn mehr oder weniger dazu gezwungen hatte, sich in der nächsten Großstadt einer Therapiegruppe ehemaliger Alkohol- und Drogenabhängiger anzuschließen.

Anfänglich hatte Jan überhaupt nicht einsehen wollen, wozu das gut sein sollte. Immerhin hatte er seit seinem Gefängnisaufenthalt weder getrunken noch irgendwelche Drogen genommen.

Doch ihm war schnell klar geworden, dass längere Abstinenz einen noch lange nicht clean oder trocken machte. Erst in der Gruppe hatte Jan gelernt, mit seiner Sucht umzugehen.

Manchmal fragte sich Jan, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn Corinna sich nicht an die Kirche gewandt hätte, wenn Jungwirth und seine Kollegen ihn nicht aus dem Gefängnis geholt hätten. Ein besserer Mensch sicher nicht.

Vermutlich wäre er nach Ablauf seiner Haftzeit als völliges Wrack entlassen und nach Deutschland abgeschoben worden, wo er wieder auf der Straße gelandet wäre – endgültig unfähig, sein Leben in den Griff zu bekommen.

Der Gedanke daran verursachte Jan jedes Mal heftige Magenschmerzen und in ihm stieg fast so etwas wie ein Gefühl der Panik auf, sodass er sich zwingen musste, schnell an etwas anderes zu denken.

Wie eng das eigene Leben oft mit den Entscheidungen anderer Menschen verbunden war! Zufall? Schicksal?

Trotz der gelegentlichen Schrecken, die seine Überlegungen mit sich brachten, liebte Jan es, seinen morgendlichen Gedanken freien Lauf zu lassen, während seine Beine fast automatisch in gleichmäßigem Rhythmus die immer gleiche Strecke liefen.

Als Jan seine Runde fast beendet hatte, war die Sonne endgültig hinter der bewaldeten Anhöhe aufgegangen, die sich in östlicher Richtung in sanften Wellen am Horizont erhob.

Nur noch ein kurzer Sprint am Friedhof vorbei, der sich hinter der Kirche über einen terrassenförmigen Abhang erstreckte, dann den kleinen Trampelpfad vom Kirchplatz durch den Garten zum Pfarrhaus entlang und ihn würde der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee und Rührei mit Speck empfangen.

Jan war fast auf Höhe der Kirche, als er an einer der Engelsstatuen, von denen es auf dem Friedhof eine große Anzahl in unterschiedlicher Größe und Darstellungsform gab, eine Bewegung wahrnahm. Wie ein Schatten, der auftauchte und sofort wieder verschwand.

Jan hielt inne und blickte angestrengt in die Richtung, in der er die vermeintliche Bewegung gesehen hatte, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken.

Die Statue stand bewegungslos in der Morgensonne. Außer den Vögeln, deren vielstimmiger Chor inzwischen etwas abgeschwächter erklang, war nichts zu hören. Vermutlich hatte er sich getäuscht. Vielleicht war es nur eine Katze auf der Suche nach einem Plätzchen gewesen, an dem sie sich für eine Weile das Fell von der Sonne wärmen lassen konnte?

Obwohl Jan sich ziemlich sicher war, dort nichts Bemerkenswertes vorzufinden, lenkte er seine Schritte dennoch in Richtung des Engels, der mit weit ausgebreiteten Flügeln über dem Grab wachte.

Erst als Jan in den schmalen Weg zwischen den Gräbern einbog, erkannte er, dass er sich doch nicht getäuscht hatte. Neben dem Sockel, auf dem der Engel stand, suchte eine Person Halt.

In wenigen Sekunden war Jan zur Stelle. Erschrocken hockte er sich neben die kniende Gestalt.

»Um Himmels willen, Frau Bötzinger, ist Ihnen nicht gut?«

Die alte Frau schaute auf und ein Lächeln erschien auf ihrem angespannten Gesicht. »Jan, wie schön! Sie schickt der Himmel! Helfen Sie mir doch bitte auf.«

Als Frau Bötzinger nach Atem ringend neben ihm stand und sich gleichermaßen schwer auf seinen Arm und den Sockel des Engels stützte, nickte sie in Richtung der Bank, die nicht weit von ihnen entfernt unter einer Trauerweide stand. »Ich glaube, ich würde mich dort gerne ein wenig ausruhen.«

Nachdem Jan sie zu der Bank geführt und neben ihr Platz genommen hatte, tätschelte Frau Bötzinger seine Hand.

»Nun schauen Sie nicht so sorgenvoll drein, mein Junge«, sagte sie. »Mir ist nur ein bisschen schwindlig geworden. Hier!« Sie reichte ihm ein großes kariertes Taschentuch. »Machen Sie das mal dort hinten an der Pumpe ordentlich nass.«

»Soll ich nicht doch lieber einen Krankenwagen rufen?«, fragte er wenig später besorgt, als die alte Frau sich Gesicht und Hals mit dem feuchten Tuch betupfte.

»Aber nein! Das ist überhaupt nicht nötig! Mir geht es schon wieder viel besser.«

Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander. Es fiel Jan nicht leicht, einfach so ruhig neben der betagten Frau zu sitzen, die sich weiterhin, das kühlende Tuch gegen Schläfen und Halsschlagader drückte und weit weniger beunruhigt schien als er selbst.

Viel lieber hätte Jan seine Unsicherheit durch irgendeine Aktivität kompensiert? Wie viel einfacher wäre es gewesen, nach Hause zu sprinten, einen Krankenwagen zu rufen und alles Weitere anderen, kompetenteren Menschen zu überlassen?

Stattdessen musste Jan hier sitzen und abwarten. Inständig hoffte er, dass Frau Bötzinger ihren Zustand richtig einschätzte.

»Ts, ts«, machte sie plötzlich und schüttelte den Kopf, »ich fürchte, ich bin selbst schuld an der ganzen Misere.«

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich habe heute Morgen vergessen, meine Tropfen zu nehmen.« Sie seufzte und kicherte dann wie ein kleines Mädchen. »Versprechen Sie mir, dass Sie mich nicht verraten, Jan, aber ich fürchte, ich werde schusselig auf meine alten Tage.«

Jan lächelte. »Wenn ich mich nicht irre, sind Sie vor Kurzem fünfundneunzig geworden, da darf man ruhig ein bisschen schusselig werden.«

Er erinnerte sich noch gut an den Geburtstagsbesuch bei Frau Bötzinger. Jan hatte Pater Jungwirth begleitet. Das halbe Dorf war zum Gratulieren gekommen

Das betagte Geburtstagskind war ein aktives Mitglied der Kirche. Frau Bötzinger saß nicht nur jeden Sonntag und zu hohen Feiertagen in der Messe, sondern nahm auch regelmäßig an anderen Veranstaltungen der kirchlichen Gemeinde teil. Jan kannte sie von den wöchentlichen Seniorennachmittagen, bei denen er manchmal aushalf.

Jungwirth hatte ihm erzählt, dass Frau Bötzinger eine sehr gläubige, aber immer auch streitlustige Frau gewesen sei, die sich oft und gerne in das Gemeindeleben einmischte. Nicht immer zur Freude anderer Gemeindemitglieder, die jedes Mal gleich ihre wohl gehütete Ordnung bedroht sahen.

Im Alter war Frau Bötzinger ein wenig ruhiger und gelassener geworden, aber hin und wieder blitzte ihr Widerspruchsgeist auch heute noch auf, den sie mit einer ordentlichen Prise Humor würzte.

Jan mochte sie sehr und er war beeindruckt von der Energie und der Lebensfreude, die sie trotz ihres hohen Alters ausstrahlte. Es wunderte ihn nicht, dass sie ihm auf seine Worte, die eigentlich tröstlich gemeint waren, sofort widersprach, obwohl sie gerade eben selbst noch nachsichtig mit sich schien.

»Nein, nein, so einfach ist das nicht!«, sagte sie energisch. »Auch im Alter muss man seine Gedanken beisammen halten. Oder gerade dann.«

Jan schwieg, er wollte sich nicht mit ihr streiten. Was hätte er auch dagegensetzen sollen? Noch konnte er allenfalls vage erahnen, wie es sein würde, wenn die geistigen und körperlichen Kräfte im Alter nachließen. Es war sicher nicht leicht, sich damit abzufinden.

Frau Bötzinger legte ihre Hand auf Jans. »Wie dem auch sei, auf jeden Fall bin ich froh, dass der liebe Gott Sie zur rechten Zeit vorbeigeschickt hat. Wenn ich ehrlich bin, habe ich ein bisschen darauf gehofft, dass Sie mich finden.«

»Woher wussten Sie, dass ich hier vorbeikommen würde?«, fragte Jan erstaunt.

Sie lächelte. »Ich sehe Sie jeden Morgen hier vorbeilaufen.«

»Sie sind jeden Morgen hier? Ich habe Sie noch nie gesehen!«

Die alte Frau nickte lächelnd. »Sie sind mit Ihren Gedanken meistens ganz weit weg, glaube ich.« Dann schaute sie mit andächtigem Blick zu dem Grab mit dem Engel hinüber.

»Mein Karl und ich, wir haben früher jeden Morgen und jeden Abend gemeinsam gebetet. Wenn ich hierher komme, habe ich das Gefühl, dass er immer noch bei mir ist.«

Sie lächelte Jan wieder an. »Wir haben immer alles miteinander geteilt. Unsere Sorgen, unsere Ängste, aber auch unsere Freude. Die vor allem! Es ist gut, wenn man einen Menschen hat, mit dem man alles teilen kann.«

Frau Bötzinger richtete sich auf und atmete tief durch. »Vielen Dank für Ihre Hilfe, Jan! Ich habe Sie schon viel zu lange aufgehalten. Sicher wartet im Pfarrhaus das Frühstück auf Sie.«

Jan stand auf und gab ihr die Hand. »Das kann auch noch ein Weilchen warten. Bitte, darf ich Sie nach Hause begleiten? Mir wäre wohler, wenn ich Sie sicher in Ihrer Wohnung wüsste.«

»Wenn Sie darauf bestehen«, schmunzelte die alte Frau. »Wann ergibt sich für unsereins schon einmal die Gelegenheit von einem so hübschen jungen Mann nach Hause gebracht zu werden?«

Immer noch vor sich hin schmunzelnd, hakte sie sich bei Jan ein und sie machten sich gemächlichen Schrittes auf den Weg. Als sie an dem Grab ihres Mannes vorbeigingen, warf Jan schnell einen Blick auf die Inschrift im Sockel und rechnete nach.

Fast zwanzig Jahre war es her, dass Karl Bötzinger gestorben war! Seit zwanzig Jahren kam seine Frau jeden Morgen und jeden Abend hierher, um mit ihrem verstorbenen Mann zu beten!

Sie mussten sich sehr geliebt haben, wenn diese Verbundenheit schon so viele Jahre überdauert hatte, dachte Jan und spürte ein leichtes Ziehen in der Herzgegend.

Während sie schweigsam die kurze Strecke vom Friedhof zu dem kleinen Häuschen, in dem Frau Bötzinger lebte, zurücklegten, hatte Jan genügend Zeit, darüber nachzudenken, ob er ein anderes Paar kannte, das sich so eng verbunden war. In Jans Familie gab es das jedenfalls nicht, da gab es nur Brüche, Verletzungen und Trennungen.

Die Einzigen, die ihm einfielen, waren seine Freunde Pierre und Nathalie Vian in Paris. Bei den beiden konnte er sich gut vorstellen, dass sie auch im hohen Alter noch voller Liebe und Zuneigung miteinander verbunden sein würden.

Und auch Mme Mallermé, die Vermieterin in der Rue Violet, hatte mit großer Wärme von ihrem verstorbenen Mann gesprochen, obwohl es in ihrem Herzen auch noch einen anderen gegeben hatte.

Die Erinnerung an seine Zeit in Paris weckte traurige Gefühle in Jan, doch ehe er sich darin verlieren konnte, waren sie bereits angekommen.

»Sehen Sie, ich hab’s doch gewusst«, sagte die alte Frau, als sie die gemütliche Küche betraten, und tippte mit dem Zeigefinger auf einen Zettel, der auf dem altmodischen Küchenbüffet lag.

»Ein Tipp von unserem Herrn Doktor«, fügte sie auf Jans fragenden Blick erläuternd hinzu. »Ich mache jedes Mal einen Strich, wenn ich meine Tropfen genommen habe. Man wird ja so vergesslich im Alter, nicht wahr, meine liebe Mimi.«

Sie beugte sich zu der grau getigerten Katze hinunter, die ihr maunzend um die Beine strich. »Du hast auch schon vergessen, dass ich dich heute Morgen bereits gefüttert habe, was?«

Nachsichtig lächelnd griff Frau Bötzinger nach der Schachtel mit dem Trockenfutter und schüttete der Katze ein paar Bröckchen in ihren Napf. Schnurrend machte sich das Tier darüber her.

»So ist das mit uns alten Schachteln«, wandte sie sich wieder an Jan. »Aber nun schauen Sie, dass Sie nach Hause kommen, ich komme jetzt wieder gut allein zurecht. Und grüßen Sie mir den Herrn Pfarrer und Frau Finklheimer recht herzlich.«

Bevor Jan sich von Frau Bötzinger verabschiedete, rang er ihr noch das Versprechen ab, sich sofort mit ihrem Hausarzt in Verbindung zu setzen, sobald dessen Sprechstunde begann. Ihn vorher zu stören, lehnte sie vehement ab.

»Der arme Mann hat schon genug zu tun als einziger Arzt hier im Ort! Da soll er wenigstens ausschlafen und in Ruhe frühstücken dürfen«, sagte sie entschieden.

Jan fügte sich. Während er in mäßigem Tempo zum Pfarrhaus zurücktrabte, sann er die ganze Zeit darüber nach, wie Frau Bötzinger es wohl fertigbrachte, einerseits die Liebe zu ihrem Mann täglich wachzuhalten und andererseits ohne seine gegenwärtige Liebe so zufrieden leben zu können.

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»Da sind Sie ja endlich, Jan! Wir haben uns schon solche Sorgen um Sie gemacht!« Frau Finklheimer kam Jan aufgelöst entgegen, als er das Haus betrat. »Wo haben Sie denn gesteckt?!«

»Es tut mir leid, Frau Finklheimer, aber ich bin aufgehalten worden. Guten Morgen!«

»Ja, natürlich, guten Morgen.« Die Haushälterin stutzte kurz, um dann mit ihrem aufgeregten Redefluss fortzufahren und sich weiter über ihren morgendlichen Schrecken auszulassen.

»Ihr Rührei ist jetzt kalt geworden«, sagte sie in schmollendem Ton, der Jan etwas verwirrte, während sie ihm in die Küche folgte.

Pater Hans Jungwirth legte seine Zeitung beiseite und grinste Jan an. »Ich konnte Frau Finklheimer gerade noch so davon abhalten, die Polizei einzuschalten.« Das Grinsen breitete sich noch weiter auf seinem Gesicht aus. »Erst als ich ihr klar gemacht habe, dass ein junger Mann wie Sie durchaus auch mal eine Nacht wegbleibt, konnte ich sie davon überzeugen, dass für solche Maßnahmen bestimmt keine Notwendigkeit bestünde.«

Verblüfft sah Jan ihn an und spürte, wie er gegen seinen Willen rot wurde. Daher wehte also der Wind! Jungwirth hatte angenommen, er sei in Sachen Eros unterwegs gewesen und Frau Finklheimer war beleidigt, dass sie nicht eingeweiht war.

Nun war es an Jan zu grinsen. »Ich muss Sie leider enttäuschen, ich habe die Nacht in meinem eigenen Bett verbracht – allein.«

Er machte eine kurze Pause, um die Mischung aus Verwirrung und Neugier zu genießen, die sich auf den Gesichtern von Pater Jungwirth und seiner Haushälterin abzeichneten. Auf dem Gesicht von Frau Finklheimer meinte er sogar so etwas wie Erleichterung feststellen zu können.

»Aber«, fügte Jan dann schmunzelnd hinzu, »ich muss gestehen, dass ich mich heute Morgen schon in aller Frühe mit einer Dame getroffen habe.«

Um die beiden nicht länger auf die Folter zu spannen, erzählte Jan ausführlich von seiner Begegnung mit der alten Frau Bötzinger.

»Na, bitte«, sagte die Haushälterin zu Jungwirth, als Jan seinen Bericht beendet hatte, »ich wusste doch, dass etwas passiert ist!«

Pfarrer Jungwirth hob in einer halb zustimmenden, halb resignierenden Geste die Schultern. »Umso mehr wollen wir uns freuen, dass Jan im rechten Moment zur Stelle war.«

»Ich hoffe nur, ich habe alles richtig gemacht,« sagte Jan. »Manchmal ist es gar nicht so leicht, herauszufinden, was für einen anderen Menschen gut ist und was nicht. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich einen Krankenwagen gerufen, aber ich wollte mich auch nicht über den Willen von Frau Bötzinger hinwegsetzen.«

»Ich denke, dass das völlig in Ordnung war. Frau Bötzinger ist eine vernünftige Frau und ich glaube nicht, dass sie ihr Leben leichtsinnig aufs Spiel setzen würde. Schauen Sie heute Abend doch einfach noch mal bei ihr vorbei. Sie wird sich bestimmt darüber freuen und vielleicht kann sie eine kräftige Begleitung zum Friedhof ganz gut gebrauchen. Die Zwiesprache mit ihrem verstorbenen Mann bedeutet ihr viel.«

»Ja, das Gefühl habe ich auch.« Jan nickte. »Eine gute Idee.«

»Aber irgendwas beschäftigt Sie daran?« Jungwirth schaute Jan prüfend an.

Jan schluckte den Bissen herunter, den er sich gerade in den Mund geschoben hatte und lächelte ein wenig unsicher. »Steht es mir schon wieder auf der Stirn geschrieben?«

Es war nicht das erste Mal, dass der Pfarrer ihn durchschaute. Er hatte ein untrügliches Gespür dafür, wenn Jan an irgendwelchen Fragen herumkaute.

»Ich finde es außerordentlich bemerkenswert, eine Liebe aufrecht zu erhalten, die doch nicht mehr gelebt werden kann.«

»Aber es fällt Ihnen schwer, das nachzuvollziehen?«

»Ehrlich gesagt, ja.« Jan rührte nachdenklich in seinem Kaffee herum. »Ist es nicht so, dass man so auch den Schmerz über den Verlust des Menschen, den man verloren hat, ständig wachhält?«

»Wenn wir unsere Endlichkeit nicht als Gottes Ratschluss akzeptieren und im Tod eines geliebten Menschen nur eine persönliche Verletzung sehen, einen bösartigen Affront, mag das durchaus passieren. Aber wenn wir davon überzeugt sind, dass wir auch nach unserem Tod in Gottes Hand sind, dann ist es möglich, den Schmerz zu überwinden und mit dem Verstorbenen in Liebe verbunden zu bleiben.«

Jan nickte wieder. »Frau Bötzinger scheint auf jeden Fall sehr viel Kraft aus dieser Liebe zu ziehen.«

»Das tut sie bestimmt und trotzdem – und das finde ich sehr wichtig dabei – verliert sie sich nicht in der Vergangenheit und in ihren Erinnerungen, sondern lebt ganz im Jetzt. Ihr verstorbener Mann und die Gebete sind ein Teil ihres jetzigen Lebens.«

Pater Jungwirth schaute auf die Uhr und stand auf. »Oh, ich muss jetzt leider los, sonst komme ich zu spät zu meinem Termin in der Stadt. Wir sehen uns heute Abend? Dann können wir gerne noch weiter darüber reden.«

»Gern«, sagte Jan. Gleichzeitig dachte er daran, dass sie über das, was ihn wirklich bewegte, nicht reden konnten. Obwohl er großes Vertrauen zu Pater Hans Jungwirth hatte und ihn als Ratgeber sehr schätzte, ihm von seiner unerfüllten Liebe zu seiner Schwester Julia zu erzählen, würde Jan niemals fertigbringen.

Alles, was Jan sich wünschte, war, an seine geliebte Julia denken zu können, ohne dass es ihm jedes Mal das Herz zerriss. Die Erinnerung an sie war wie eine offene Wunde, die nicht zuheilen wollte und jedes Mal wieder zu bluten und zu schmerzen begann, wenn er nur daran rührte.

So sehr Jan sich auch bemühte, er konnte nicht an sie denken, ohne dass sein Herz sich zusammenkrampfte und die Sehnsucht in ihm wie ein Feuer brannte.

Bei seiner Begegnung mit Frau Bötzinger war ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf geschossen, der ihn nicht mehr losließ. Wenn es möglich war, aus der Liebe zu einem anderen Menschen auch nach dessen Tod Kraft zu schöpfen, statt an seinem Verlust zugrunde zu gehen, dann musste es doch auch möglich sein, Kraft aus einer Liebe zu schöpfen, die er nicht mehr leben konnte.

Sicher, Julia war nicht tot, insofern war der Vergleich vielleicht nur bedingt haltbar, aber dass sie ihre Liebe nicht leben durften, war genauso unausweichlich wie der Tod. Fast zumindest.

Julia und Jan hätten sich auch über dieses Tabu hinwegsetzen können und hätten es ja beinah auch getan, wenn er im entscheidenden Moment keinen Rückzieher gemacht hätte.

Jan hatte sich damals gegen Julia entschieden, als sie ihn gebeten hatte, ihr nach Spanien zu folgen, weil er sich nicht vorzustellen vermochte, dass sie in der Gewissheit, eine gesellschaftliche wie gesetzliche Regel zu brechen, glücklich werden konnten.

Nach langer Zeit des Zweifels war Jan jetzt mehr denn je davon überzeugt, dass seine Entscheidung richtig gewesen war. Und dennoch – die Sehnsucht nach Julia quälte ihn über die Maßen. Zwischen Verstand und Gefühl schien es manchmal unüberbrückbare Differenzen zu geben.

Oft versuchte Jan sich einzureden, dass Julia ihn längst vergessen hätte oder zumindest nicht mehr an ihn dächte, dass sie einen anderen Mann liebte, mit dem sie Kinder hätte und glücklich war, in der Hoffnung, darin irgendeinen Trost zu finden. Aber das Gegenteil war der Fall, solche Gedanken verschlimmerten Jans Schmerz nur noch.

Nein! Das Geheimnis musste irgendwo anders liegen. Nicht in der Verdrängung, nicht in der Vernunft und nicht im Warten darauf, dass sich der Schmerz von allein auflöste.

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Den ganzen Tag beschäftigte sich Jan mit dieser Frage, wälzte die unterschiedlichsten Theorien und Vermutungen hin und her, aber erst am Abend hielt er so etwas wie einen Schlüssel in der Hand, von dem er glaubte, dass der ihn weiterbringen würde.

Seit er das erste Mal hier in der Kirche gebetet hatte, nachdem er das Krankenlager endlich wieder hatte verlassen können, hatte Jan sich angewöhnt, jeden Tag einen kurzen Abstecher in das Gotteshaus zu machen.

Hier konnte er zur Ruhe kommen, wenn ihn seine Vergangenheit zu überwältigen drohte, sich sammeln und seine Gedanken sortieren. Ebenso oft verspürte er aber auch den Wunsch, sich dafür zu bedanken, so wie er es beim ersten Mal getan hatte, und um Führung zu bitten.

Als er heute sein Gebet beendet hatte und noch eine Weile sitzen blieb, um die Stille um sich herum zu genießen, ging ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, der ihm wie eine Antwort auf seine Frage erschien.

Jan wurde bewusst, dass Frau Bötzinger nicht sich selbst und ihren Schmerz in den Mittelpunkt stellte, sondern die Liebe, für die sie dankbar war und die sie als Geschenk betrachtete.

Als Jan sie am frühen Abend besucht und sie auf den Friedhof begleitet hatte, hatte sie ausschließlich darüber gesprochen, wie dankbar sie für die Zeit war, die sie mit ihrem Mann verbracht hatte. Kein Wort hatte sie darüber verlauten lassen, wie schmerzhaft es für sie gewesen sein musste, als er gestorben war oder dass sie sich einsam und verlassen fühlte. Im Gegenteil, sie vermittelte den überzeugenden Eindruck, ein erfülltes Leben zu führen.

Mit einem Mal erkannte Jan, wie sehr er selbst um seinen eigenen Schmerz kreiste und sich seinem Selbstmitleid hingab. Vielleicht wäre das auch eine Möglichkeit für ihn? Die Liebe zwischen Julia und sich in den Mittelpunkt zu stellen, dankbar dafür zu sein, dass es diese Verbindung zwischen ihm und ihr gab?

Noch erschien ihm dieser Gedanke fast unmöglich.

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