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Eine Nacht mit Folgen – Verbotene Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Eine Nacht mit Folgen
  5. In der nächsten Folge
  6. Exklusive Fotos von den Filmaufnahmen

»Was wollen Sie für das Bild haben, Frau Mendes?« Der große grauhaarige Mann deutete auf ein Schwarzweißfoto, das im Flur der Arztpraxis hing, und sah Julia herausfordernd an.

Verlegen wich sie seinem Blick aus. »Das Bild ist leider unverkäuflich.«

»Schade. Aber wenn Sie Ihre Meinung ändern sollten, sagen Sie mir Bescheid. Ich sammle Fotokunst und bin bereit, dafür einen guten Preis zu zahlen.« Er reichte Julia die Hand. »Es tut mir leid, dass ich schon gehen muss. Aber was ich gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt.«

Der Mann gehörte zu Ricardos deutschen Patienten und hatte die Einladung zur Vernissage von Julias Fotoarbeiten gern angenommen. Sie hatten den Donnerstag ausgewählt, weil ihnen dieser Tag so kurz vor dem Wochenende am günstigsten erschienen war. Dafür hatten sie sogar ausnahmsweise auf den Praxisbetrieb verzichtet.

Dass dennoch zahlreiche Interessierte gekommen waren, hatte Julia überrascht. Aber Ricardo hatte viele Patienten, außerdem gehörte er zu einer der alteingesessenen Familien Mallorcas und beide, Ricardo und Julia, hatten einen großen Freundeskreis.

In der kleinen Praxis war es brechend voll gewesen, so viele Menschen waren zur Vernissage gekommen.

»Danke, dass Sie vorbeigeschaut haben«, sagte Ricardo, der hinzugekommen war, um den grauhaarigen Mann zu verabschieden. Der hatte seinen Arzt im ersten Moment in der dunklen Hose und dem blauen Hemd gar nicht erkannt.

»Nein, ich muss mich bedanken«, wehrte der Besucher höflich ab. »Die Bilder Ihrer Frau haben mir Mallorca noch einmal ganz neu gezeigt, obwohl ich schon zwanzig Jahre hier wohne.«

Er wandte sich an Julia und blickte sie wohlwollend an. Sie sah mit ihren langen blonden Haaren und dem ärmellosen schwarzen Kleid sehr elegant aus.

»Ihre Bilder sind ungewöhnlich«, lobte er. »Sie zeigen Mallorca aus einem anderen Blickwinkel. Manches hätte ich gar nicht wiedererkannt. Machen Sie weiter so, Sie haben das Zeug zu einer großen Fotografin.« Dann verabschiedete er sich von Julia und Ricardo.

Als auch die letzten Gäste gegangen waren, nahm Julia ein Tablett, um die leeren Sektgläser einzusammeln, die überall in den Praxisräumen standen. Sie war etwas benommen – ob von dem Sekt, den sie mit den Gästen getrunken hatte, oder vom Erfolg ihrer Ausstellung, hätte sie nicht sagen können.

Sie hielt das Tablett in der Hand und sah den Flur entlang, in dem ihre Fotografien hingen. Es waren Schwarzweiß-Aufnahmen von abgelegenen Orten Mallorcas.

Für die Ausstellung hatte Julia nur Landschaftsaufnahmen ausgewählt, auf denen keine Menschen zu sehen waren. Gerade das hatte viele der Gäste zunächst irritiert und dann begeistert, denn Mallorca ohne Menschen hätten sie sich vorher kaum vorstellen können.

Eine der Aufnahmen zeigte das Meer, das sich wie ein Spiegel bis zum Horizont erstreckte. Ein Gast hatte es als totenstill bezeichnet, es hatte nichts gemein mit dem typischen Foto vom Mittelmeer, dem azurblauen Wasser und dem obligatorisch blauen Himmel darüber.

Auf einem anderen Bild war eine schroffe Felswand zu sehen, die die linke Hälfte des Bildes einnahm und sich bedrohlich schwarz im Wasser spiegelte. Es erinnerte eher an ein Felsmassiv in den Dolomiten als an die sonnenbeschienene Steilküste Mallorcas.

Julia hatte die Aufnahmen zu unterschiedlichsten Tageszeiten gemacht, immer dann, wenn sie Zeit gehabt hatte und sich nicht um ihren Sohn Timo, die Arztpraxis ihres Mannes Ricardo oder die große Finca hatte kümmern müssen.

Julia konnte Stunden damit verbringen, das passende Bild zu suchen. Oft musste sie dann lange warten, bis der Ort, den sie festhalten wollte, menschenleer war. Wenn sie auf den Auslöser drückte, war es, als würde sie die Zeit einfrieren.

Hatte sie einen solchen Augenblick dann verewigt, spürte sie ein tiefes Glücksgefühl in sich. Julia liebte diese Fototouren, auf denen sie ihren Alltag hinter sich lassen und ganz im Augenblick leben konnte.

Sie zuckte zusammen, als Ricardo seinen Arm um sie legte.

»Du bist ja ganz fasziniert von deinen eigenen Werken.« Er lachte.

»Entschuldige, ich war in Gedanken versunken. Ehrlich gesagt bin ich selbst erstaunt, dass ich so schöne Bilder zustande bringe.«

»Und was hast du dich aufgeregt, als ich dir vorgeschlagen habe, du könntest wieder fotografieren. Nie wieder!«, machte Ricardo ihre Stimme nach.

»Man soll eben niemals nie sagen«, konterte Julia.

»Niemals mache ich eine Ausstellung!« Wieder imitierte Ricardo seine Frau und beide mussten lachen.

»Ich hatte einfach Angst, mich bis auf die Knochen zu blamieren – und dich dazu. ›Die Frau des Doktors macht jetzt auf Kunst‹, hätte es geheißen und alle hätten gelacht.«

»Jetzt wissen sie, dass die Frau des Doktors richtig gute Kunst macht. Die Leute wollen sie sogar kaufen, aber du rückst deine Werke ja nicht raus. Oder willst du nur den Preis in die Höhe treiben?«

»Quatsch. Die anderen Bilder würde ich schon verkaufen, nur dieses nicht«, sagte Julia.

Ricardo betrachtete das große Strandbild, an dem der grauhaarige Mann sich so interessiert gezeigt hatte. »So aufregend finde ich es gar nicht. Du hast wirklich bessere Bilder gemacht.«

»Dr. Mendes?«, rief Dolores aus einem der Untersuchungszimmer. »Soll ich die Zimmer wieder einräumen?«

Die ältere Sprechstundenhilfe tauchte mit einem Ultraschallgerät in der Hand im Flur auf. Auch in den Untersuchungszimmern hingen Julias Bilder, und sie hatten als Vorsichtsmaßnahme vor der Veranstaltung die teuren medizinischen Geräte bei Seite geräumt.

Dolores war schon bei Ricardos Vater, dem alten Dr. Antonio Mendes, Sprechstundenhilfe gewesen. Da sie nicht mehr die Jüngste war, teilte sie sich ihre Stelle nun mit Julia. Seit einiger Zeit arbeiteten beide halbtags in der Praxis, Julia am Vormittag, während Timo in der Schule war, und Dolores am Nachmittag. Ricardo konnte sich nicht vorstellen, wie er ohne die beiden auskommen sollte.

»Warten Sie, Dolores«, rief er und ging ihr entgegen, »ich helfe Ihnen.«

Julia betrachtete das Strandbild. Es war ihr Lieblingsbild. Niemals hätte sie es weggegeben. Sie wusste noch genau, wann sie es gemacht hatte. Es war an ihrem und Jans Geburtstag gewesen. Mit Timo und Ricardo hatte sie morgens ausgiebig gefrühstückt, und das war es auch schon gewesen.

Es hatte Jahre gedauert, bis sie Ricardo davon hatte überzeugen können, dass sie ihren Geburtstag nicht feiern wollte. An diesem Tag würde sich alles nur um sie drehen, und das wäre ihr zu viel, hatte sie ihm versichern können.

Ricardo wusste nichts von ihrer Familie, ihrer Herkunft, ihrem Leben auf dem Schloss der von Anstettens. Er wusste vor allem nichts von ihrem Zwillingsbruder und ihrer verbotenen Liebe zu ihm. Niemand hier wusste etwas davon.

Auf Mallorca war sie Julia Mendes, die Frau des Doktors, des erfolgreichen Neurochirurgen. Sie managte seine Praxis und viele Patienten nannten sie deshalb auch »Frau Doktor«, was Julia jedes Mal energisch abwehrte und Ricardo zum Schmunzeln brachte.

Am Abend ihres Geburtstags war Julia allein gewesen, Ricardo hatte noch in der Praxis gearbeitet und Timo war schon im Bett gewesen. Sie hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten und war mit ihrer Kamera losgezogen. Andere gingen joggen, wenn sie entspannen wollten, Julia ging fotografieren.

Sie ließ ihren Blick langsam über das Bild wandern. Es war perfekt, alles stimmte, die Belichtung, der Blickwinkel, das Motiv. Nur Kunst, die aus Schmerz geboren wird, ist wirklich gut, hatte sie einmal gehört. Auf dieses Bild traf es zu.

Es zeigte nichts als einen leeren, aufgewühlten Sandstrand und dahinter das Meer, und es erzählte doch so viel mehr. Vorn im Bild war ein vergessener Ball zu sehen, er zeugte vom Glück des Tages, von ausgelassenen Spielen und fröhlichen Menschen, die sich vielleicht das ganze Jahr auf diesen Urlaub gefreut hatten. Die mit ihrer Familie oder mit ihren Freunden gekommen waren. Oder mit ihrem Liebsten, wie Julia damals auch.

Das Bild hatte schon viele fasziniert, es war im Dämmerlicht aufgenommen worden und die Schwarzweiß-Aufnahme verstärkte die Verlassenheit des Ortes noch. Die Betrachter versuchten, die Geschichte des Bildes zu rekonstruieren. Wem könnte der Ball gehört haben? Was haben die vielen Fußspuren im Sand zu bedeuten?

Fragen, die auch Julia nicht beantworten konnte. Sie hatte nur ihre Erinnerung an diesen Strand und hütete sich davor, auch nur einem Menschen davon zu erzählen.

Am Abend ihres Geburtstages war sie ziellos über die Insel gefahren. An einer Bucht hatte sie angehalten und war zum Strand gegangen. Julia erinnerte sich noch daran, wie erstaunt sie gewesen war. Der Strandabschnitt hatte ausgesehen wie der auf Lanzarote. Mit der spitz zulaufenden Bucht, den Felshügeln und der kargen Vegetation. Auch das Licht war ähnlich gewesen, ein mildes Dämmerlicht.

Windstill war es gewesen, der Strand verlassen, damals, als sie mit Jan dort gewesen war. Sie hatten einen herrlichen Tag gehabt, den schönsten ihres Liebesurlaubs. Endlich hatten sie den Mut gehabt, das Tabu zu brechen und ihre Liebe zu leben. Wie ein glückliches Kind war Julia ins Wasser gelaufen.

Jan hatte noch einen Paparazzo verscheucht – eine Julia von Anstetten im Bikini gab immer ein gutes Motiv ab.

Allerdings hatte sie sich seitdem oft gefragt, was genau der Paparazzo von ihnen gewollt und ob er von ihrem Geheimnis gewusst hatte. Sie hatte sich noch einmal zu Jan umgedreht, ihm zugewinkt, dann war sie tiefer ins Wasser gegangen und von einer gefährlichen Strömung hinausgetrieben worden.

Julia hatte ihren Bruder und Geliebten seitdem nie wieder gesehen.

Schon eigenartig, dachte sie, während sie immer noch das Bild betrachtete, dass ausgerechnet das Meer uns getrennt hat. Was Menschen nicht vermochten, hat die Natur geschafft.

Nur wenige hatten von ihrer Beziehung gewusst, ihre Mutter Clarissa, ihr Vater Arno, Jans Stiefmutter Fiona und auch Charlie Schneider, ihre ältere Vertraute. Und alle hatten versucht, Julia und Jan auseinanderzubringen.

Warum eigentlich?, fragte sich Julia, wie schon so oft. Wir haben uns das doch nicht ausgesucht. Die Liebe kam über uns, wie es so schön heißt, und wenn sich Geschwister nicht lieben dürfen, dann dürfte es doch auch solche Gefühle nicht geben. Wenn die Natur aber diese Gefühle zulässt, dann kann es doch nicht falsch sein?

Julia schreckte hoch. Hör auf mit diesen Gedanken, schalt sie sich. Das ist ja absurd! Es ist lange vorbei. Vergessen und Vorbei. Wie um sich daran zu erinnern, drehte sie sich abrupt um und ging weiter ins Wartezimmer, wo sie die leeren Gläser einsammelte. Ein Glas war umgekippt und hatte auf dem Fußboden eine klebrige Pfütze hinterlassen.

Julia holte einen Lappen aus der Küche und wischte den Fußboden auf. Leise summte sie vor sich hin. Sie war glücklich, dass ihre Bilder bei den Gästen so gut angekommen waren. Julia arbeitete zwar gern in der Praxis, doch von Beruf war sie Fotografin und die Leidenschaft fürs Fotografieren war immer noch vorhanden.

Als die Praxis aufgeräumt war, trank sie mit Dolores und Ricardo ein Glas Sekt auf die gelungene Veranstaltung, dann machten sie sich auf den Heimweg.

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Ricardo saß am Steuer ihres Kleinwagens, es war voll auf den Straßen und sie kamen nur langsam voran. Die Praxis lag mitten in der historischen Altstadt von Palma, hier hatten schon Ricardos Vater und sein Großvater praktiziert.

Die Finca, auf der Ricardo und Julia lebten, lag dagegen am Stadtrand, und so mussten sie sich jeden Tag durch den Großstadtverkehr quälen. Es war ungewöhnlich heiß, obwohl es erst Frühsommer war. Ricardo ließ die Fensterscheiben hochgleiten und schaltete die Klimaanlage ein. Aus dem Radio ertönte der neuste Hit. Julia hielt Ricardos Hand, sie hatte die Augen geschlossen und lauschte der Musik.

Als der Verkehr stockte, schlug sie die Augen auf und sah auf die Straße. In einiger Entfernung entdeckte sie einen Verkehrspolizisten, der sich mit einem Mundschutz vor den Abgasen schützte. Träge lotste er die Autoschlange an einer Baustelle vorbei.

»Was ist denn da vorne los?«, fragte Ricardo.

Julia reckte den Kopf. »Da steht ein Riesengerät, das dampft und die Straße neu macht.«

Ricardo grinste. »Wie gut, dass Timo dich nicht gehört hat. Der hätte dir genau erklären können, was das für ein Riesengerät ist. Das ist nämlich ein Straßenfertiger. Damit wird eine neue Asphaltschicht aufgetragen. Timo hätte dir auch erzählen können, dass man zwischen Raupen- und Radfertiger unterscheidet.«

»Woher wissen Männer so etwas eigentlich?«

»Das ist angeboren. So wie Frauen alle Handtaschenmodelle unterscheiden können. Für mich ist eine Tasche nur eine Tasche.«

»Da gibt es Riesenunterschiede! Es gibt Shopper zum Einkaufen, eine Clutch für den Abend, die berühmte Kelly-Bag, die ich übrigens gern hätte …« Sie schielte zu Ricardo hinüber, doch der reagierte nicht.

»Als Timo noch klein war, musste ich an jeder Baustelle mit ihm stehen bleiben.« In Gedanken daran lächelte er. »Ich kannte die Bauarbeiter teilweise schon beim Namen. Sie haben uns dann die Geräte erklärt und er durfte sogar auf so einem Ding mitfahren.«

»Was?« Entgeistert sah Julia ihren Mann an. »Das ist doch verboten!«

»Natürlich, aber dann macht es doch umso mehr Spaß.«

»Wie gut, dass ich nicht alles mitbekommen habe, was ihr so unternommen habt.«

Der Verkehr war zum Stillstand gekommen. Schweigend warteten Julia und Ricardo darauf, dass es weiterging. Der Mann im Auto vor ihnen stieg aus und ging an den anderen Wagen vorbei zu dem Polizisten. Nachdem er mit ihm gesprochen hatte, kam er zurück und deutete den Autofahrern an, sie sollten wenden.

Ricardo fuhr die Fensterscheibe herunter. »Was ist los?«

»Das Ding da vorn hat irgendwelche Probleme. Sie müssen die Straße sperren.« Der Mann stieg wieder in sein Auto und wendete.

»Ein Mann, der nicht weiß, was ein Straßenfertiger ist«, bemerkte Julia schadenfroh.

»Es gibt auch ahnungslose Männer«, erwiderte Ricardo und drehte das Lenkrad. Ein Wagen nach dem anderen wendete und fuhr zurück. Doch statt den anderen Autos zu folgen, bog Ricardo nach rechts in eine sehr schmale Gasse ein.

»Ricardo!«, rief Julia und sah entsetzt aus dem Seitenfenster, »das ist Wahnsinn. Das schaffst du nie!«

»Vertrau mir«, sagte er nur kurz, einen Satz, den Julia schon oft zu hören bekommen hatte, wenn er sie in heikle Situationen manövriert hatte. Triumphierend lächelte er sie an, als er ohne Kratzer aus der Gasse herausgekommen war.

Sie waren in einem abgelegenen Teil der Fußgängerzone gelandet. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine kleine Straße für Anwohner, sie führte direkt zur Umgehungsstraße.

Pfeifend legte Ricardo das Schild »Arzt im Einsatz« auf das Armaturenbrett und überquerte die Fußgängerzone. Julia rutschte tiefer in ihren Sitz und hoffte, dass kein Polizist in der Nähe war. Sie hatte es schon lange aufgegeben, sich über Ricardos Fahrkünste zu beschweren. Es kostete sie nur Nerven und änderte nichts.

Als sie auf die Umgehungsstraße einbogen, lehnte sich Ricardo zufrieden in seinen Sitz zurück. »Na? Wie hab ich das gemacht?«

»Ich möchte nicht wissen, wie viel Bußgeld du im Monat zahlen musst. Mir wird angst und bange, wenn ich mit dir unterwegs bin.«

»Bis jetzt bist du noch immer heil angekommen«, konterte er. »Was machen wir eigentlich am Wochenende?«

Irritiert sah Julia ihn an. »Wie kommst du jetzt darauf?«

»Wir könnten doch zur Yachtmesse in den Hafen gehen.« Er sah kurz zu ihr hinüber, um abzuschätzen, wie sein Vorschlag ankam.

»Aha, daher weht der Wind. Du willst dir Luxusboote angucken und Timo und ich sollen mitgehen.«

»Vielleicht gefällt dir ja eine Yacht.« Ricardo sah auf die Straße vor sich.

»Ricardo«, sagte Julia laut. »Du hast doch nicht vor, eine Yacht zu kaufen?«

»Warum nicht«, antwortete er unschuldig. »Wir leben immerhin auf einer beliebten Touristeninsel im Mittelmeer.«

Verständnislos sah Julia ihn an. »Was hat das damit zu tun?«

»Hier hat jeder eine Yacht«, sagte Ricardo überzeugt.

»Hier haben nur Angeber eine Yacht.« Sie mochte solche mondänen Veranstaltungen wie die internationale Yachtmesse nicht. »Da trifft sich doch nur die Schickeria und schlürft Champagner.«

»Das ist nur bei bestimmten Ausstellern, die solche Leute für Werbezwecke einladen. Unser Händler ist nur an echten Käufern interessiert.«

»Unser Händler?«, fragte Julia entgeistert. »Ricardo, verschweigst du mir etwas?«

»Ich habe nur mal angefragt, ob er was Passendes auf Lager hat. Was Kleines«, fügte er schnell hinzu, »nur so ein Sportboot.«

»Du kannst so eine Yacht doch gar nicht steuern.«

»Doch, ich habe mal einen Motorbootführerschein gemacht.«

»Das ist zehn Jahre her und du bist nie gefahren.«

»Dann nehme ich eben wieder ein paar Fahrstunden. Wir könnten mit Freunden aufs Meer hinausfahren. Das wäre doch toll.« Ricardo strahlte sie an.

Julia runzelte die Stirn. Seit ihrem Badeunfall auf Lanzarote, bei dem sie fast ertrunken wäre, mied sie das Wasser. Doch Ricardo schien es mit seiner Yacht ernst zu sein.

»So eine Yacht kostet doch ein Vermögen, du brauchst einen Liegeplatz, Treibstoff, sie muss gewartet werden und was weiß ich noch.«

»Mein Schatz, wann leiste ich mir schon mal etwas?« Er sah kurz zu ihr hinüber. »Wir fahren ein bescheidenes Auto, verreisen nicht, weil wir das Meer vor der Tür haben, und sind fast nur auf unserer Finca. Der einzige Luxus, den wir uns leisten, ist unsere Haushälterin Lucia und ab und zu essen zu gehen.«

»Das stimmt«, nickte Julia. »Wenn man bedenkt, dass du von deinem Vater schon den größten Teil seines Vermögens bekommen hast, dann gehst du wirklich sparsam damit um.«

»Mir bleibt gar nichts anderes übrig. Mein Vater würde mir die Hölle heiß machen, wenn ich das Geld verpulvern würde. Außerdem soll Timo auch noch etwas davon haben«, sagte Ricardo, »aber eine Kleinigkeit würde ich mir schon gern gönnen.«

»Als wenn eine Yacht eine Kleinigkeit wäre.«

»Wir können es uns ja noch mal überlegen«, meinte er nur und bog in die Auffahrt zu ihrer Finca ein.

Julia wusste, wenn er diesen Satz sagte, dann war es schon beschlossene Sache. Er wollte sich nur nicht weiter mit ihr auseinandersetzen, in der Hoffnung, sie würde es schon akzeptieren, wenn er sie dann vor vollendete Tatsachen stellte.

Ein wenig verärgert sah sie ihn an. War es typisch südländisch, dass er einfach seinen Willen durchsetzte, ohne auf ihre Einwände zu hören, oder war es typisch Ricardo? Wenn er sich etwas in den Kopf setzte, dann zog er es durch, egal was sie dazu sagte.

Julia betrachtete seine kurzen dunklen Haare, den Dreitagebart und seine gebräunte Haut. Er sah aus wie ein Vorzeigespanier, dabei hatte er typisch deutsche Eigenschaften, wie sie ihm schon oft scherzhaft vorgeworfen hatte. Während ihre spanischen Freunde es mit der Pünktlichkeit und den Zusagen nicht so genau nahmen, war Ricardo noch nie zu spät gekommen, und wenn er etwas versprach, dann hielt er es auch. Seine Korrektheit brachte Julia manchmal auf die Palme und sie nannte ihn dann Oberlehrer, was ihn allerdings nicht störte, denn er war grundsätzlich der Überzeugung, im Recht zu sein.

Sie passierten das schmiedeeiserne Tor, das ihren Besitz abgrenzte, und kurz darauf hielt Ricardo vor der Finca.

»Was siehst du mich so an?«, fragte er erstaunt

Statt zu antworten, gab Julia ihm einen Kuss auf die Wange. »Sag mir wenigstens Bescheid, wenn du das Boot kaufst«, meinte sie nur.

Ricardo lächelte zufrieden, als sie aus dem Auto ausstiegen.

Arm in Arm gingen sie auf die Finca zu, ein romantisches Haus im landestypischen Stil aus hellem Stein und dunklem Holz. Es war schon seit Langem im Besitz von Ricardos Familie und sie hatten es aufwändig renovieren lassen.

Zunächst hatte Ricardo allein hier gewohnt, und es war viel zu groß für ihn gewesen, doch als Julia eingezogen und kurz darauf Timo auf die Welt gekommen war, war er froh gewesen, dass sie so viel Platz hatten.

Ricardo hatte einen Swimmingpool bauen lassen, in dem Julia jeden Morgen ihre Bahnen zog, im Gegensatz zu Ricardo, der den Pool kaum nutzte. Am Anfang hatte Julia noch versucht, das weitläufige Grundstück allein zu pflegen, doch damit war sie bald überfordert gewesen.

Sie hatte keine Ahnung von Gartenarbeit, außerdem galten hier im trockenen, sonnenreichen Süden andere Regeln als im regensicheren Deutschland. Sie hatten dann einen Gärtner und ein Kindermädchen angestellt, die sich jedoch als Ganoven entpuppt und Timo entführt hatten.

Seit diesem einschneidenden Ereignis lebte nur noch Lucia, ihre Haushälterin, in einem kleinen Appartement auf der Finca. Sie beaufsichtigte auch die Gartenfirma und die Putzhilfe, die regelmäßig kamen.

Julia schloss die Haustür auf und ging auf die Veranda. An dem großen Teakholztisch saß Timo mit mürrischem Gesicht über ein Heft gebeugt. Er hatte das gleiche blonde Haar wie seine Mutter und auch ihre zarte Figur geerbt.

Gegenüber von ihm hatte Lucia auf einem Korbstuhl Platz genommen und hielt eine große Zeitung vor ihr Gesicht. Als sie Julia und Ricardo bemerkte, ließ sie die Zeitung raschelnd sinken.

»Erst hat er gesagt, dass er heute keine Hausaufgaben aufhat«, sagte sie knapp, ohne Julia und Ricardo zu begrüßen.

Erstaunt sah Julia ihren Sohn an.

»Ich hab’s vergessen«, maulte er und schrieb langsam, mit krakeligen Buchstaben, einen Text aus einem Lesebuch ab.

»Obwohl ich dich ein paar Mal gefragt habe?« Lucia sah ihn mit gespielter Strenge an und Timo biss sich schuldbewusst auf die Lippen.

Für Lucia war der Junge wie ein Enkelkind, das sie gern verwöhnte, dem sie aber nichts durchgehen ließ.

Lucia hatte keine Familie und hatte sich nach langen Berufsjahren als Haushälterin eigentlich zur Ruhe setzen wollen, als eine Bekannte ihr die Familie Mendes empfohlen hatte. Die ältere Frau mit der rundlichen Figur hatte den kleinen Timo sofort in ihr Herz geschlossen und sich dann dazu durchgerungen, noch ein paar Jahre zu arbeiten. Seitdem versorgte sie den Haushalt und passte auf Timo auf, wenn Julia nicht da war.

»Ich bereite dann schon mal das Essen vor«, sagte sie und erhob sich schwerfällig aus dem tiefen Stuhl.

»Was gibt es denn?«, fragte Ricardo, der sich aus dem Wasserkrug auf dem Tisch ein Glas eingeschenkt hatte.

»Timo hat sich Pizza gewünscht«, antwortete Lucia und fügte, als sie Ricardos enttäuschtes Gesicht sah, schnell hinzu: »Dazu gibt es natürlich noch einen Salat und als Vorspeise frische Garnelen mit Chili, meine berühmten Gambas especiales.«

»Hört sich lecker an«, meinte Ricardo, nahm die Zeitung und ließ sich mit einem Seufzer in den frei gewordenen Korbstuhl fallen. »Schatz, erinnerst du mich daran, dass ich nach dem Essen noch den Yachthändler anrufe? Dann kündige ich unseren Besuch für Samstag an.«

Julia nickte, setzte sich dann neben Timo an den Tisch und legte den Arm um ihn. Er besuchte eine spanische Grundschule und das Lernen dort fiel ihm schwer.

Julia hätte ihn gern auf eine deutsche Privatschule geschickt, damit sie ihm besser helfen konnte, doch Ricardo war strikt dagegen gewesen. Er kannte sich mit dem deutschen Schulsystem nicht aus und hielt davon überhaupt nichts. ›Die halten sich nur an den Händen und singen‹, hatte er gemeint.

Vor Timos Einschulung hatten sie deswegen zahlreiche Auseinandersetzungen gehabt und Julia war manches Mal drauf und dran gewesen, ihn eigenmächtig auf der deutschen Schule anzumelden.

Doch Ricardo liebte Timo und er fühlte sich für ihn verantwortlich, obwohl der nicht sein leiblicher Sohn war. Julia wollte ihn nicht übergehen.

Als Kompromiss hatte sie dann eine internationale Schule vorgeschlagen. Das Schulgeld dort war zwar horrend, doch Timo hätte danach einen guten Abschluss gehabt. Ricardo hatte daraufhin nur gesagt: »Lass uns noch mal überlegen«.

Er hatte Timo einfach an der spanischen Grundschule des kirchlichen Ordens, zu der er selbst schon gegangen war, angemeldet. Julia hatte sich darüber furchtbar mit Ricardo gestritten, doch da Timos Freunde auch auf diese Schule gingen, hatte sie schließlich nachgegeben.

Von Anfang an hatte Timo Probleme in der Schule gehabt. Er ging nicht gern hin, war im Unterricht oft abgelenkt und brauchte zu Hause Stunden, bis er seine Hausaufgaben erledigt hatte.

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