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Das Spiel der Liebe – Verbotene Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Das Spiel der Liebe
  5. In der nächsten Folge
  6. Exklusive Fotos von den Filmaufnahmen

»Meine Damen und Herren! In wenigen Minuten landen wir in Las Vegas. Bitte stellen Sie Ihre Rückenlehnen gerade und schnallen Sie sich an! Kapitän Levi und seine Crew wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt und natürlich viel Glück!«

Jan setzte sich auf und angelte nach den Sicherheitsgurten.

»Wird auch langsam Zeit«, sagte der Mann neben ihm und reckte sich. »Mir tut jeder einzelne verdammte Knochen weh.«

Da bist du nicht der Einzige, dachte Jan. Wem würden die Knochen nicht wehtun, nach diesen endlosen Stunden, eingepfercht in engen Sitzreihen? Jan schob sich ein Kaugummi in den Mund, um dem Druck auf den Ohren während der Landung entgegenzuwirken.

»Ach, schön, wieder zu Hause zu sein!«, seufzte sein Sitznachbar, der sich als Edward Conelli – meine Freunde sagen Eddy zu mir – vorgestellt hatte. »Las Vegas ist die großartigste Stadt der Welt! Sie werden Dinge erleben, die Sie noch nie erlebt haben, Jan. Denken Sie an meine Worte!«

Jan hütete sich, darauf etwas zu erwidern. Der Typ quatschte auch ohne Nachfragen genug. Mehr als einmal hatte Jan sich dafür verflucht, dass er aus lauter Gewohnheit mit freundlicher Verbindlichkeit auf Conellis Kontaktaufnahme reagiert hatte. Berufskrankheit. Wenn man wochen- und monatelang höflich und zuvorkommend sein musste, egal, ob einem die Leute passten oder nicht, dann konnte man das nicht von heute auf morgen ablegen.

Dazu kam, dass dieser Edward Conelli genauso aussah wie Tausende andere amerikanische Touristen, denen Jan im Laufe seiner Tour durch Europa immer wieder begegnet war. Übergewichtig und schlecht gekleidet.

Komisch, dachte Jan, dass die meisten Amerikaner sich immer so anzogen, als seien sie gerade auf dem Weg zum Strand oder wollten einen Spaziergang durch die Natur machen. Selbst dann, wenn sie in einem der teuersten Hotels der Stadt abstiegen und Geld für sie keine große Rolle zu spielen schien. Es in anständige Garderobe anzulegen, kam den meisten offenbar nicht in den Sinn.

Conelli trug zu seinen schlecht sitzenden, von breiten Hosenträgern gehaltenen Jeans ein wild gemustertes Hawaiihemd, das über seinem nicht unerheblichen Bauch bedrohlich spannte und den perlmuttschimmernden Knöpfen einiges abverlangte.

Eddys Vorliebe für Goldschmuck war nicht zu übersehen. Am linken Handgelenk prangte eine schwere Rolex – ein Imitat, vermutete Jan – auf der rechten Seite funkelten ein grobgliedriges Armband und ein auffälliger Siegelring. Auch in dem dichten Pelz, der aus seinem offenen Hemdkragen herauswuchs schimmerte es golden. Alles wirkte irgendwie protzig und billig.

Jan hatte Conelli auf maximal Ende fünfzig geschätzt, musste jedoch im Verlauf der Zeit feststellen, dass er um mehr als zehn Jahre daneben lag, Conelli hatte die Siebzig tatsächlich schon überschritten, wie er stolz kundtat, wenn auch erst um ein Jahr.

Eingeklemmt in dem engen Sitz hatte Jan sich bald seinem Schicksal ergeben und wusste nun, dass sein Sitznachbar fast sein ganzes Leben in Las Vegas verbracht hatte und dort auch begraben werden wollte. Das heißt, es war sein Wunsch, dass seine Asche in der Mojave-Wüste verstreut wurde.

Bei dieser Gelegenheit hatte er Jan dringend geraten, einen Ausflug ins Mojave National Preserve auf keinen Fall zu versäumen, einem riesigen Naturschutzgebiet am Rande von Las Vegas. Und natürlich müsse er unbedingt in die Rocky Mountains fahren. Etwas Vergleichbares würde er nirgendwo auf der Welt zu sehen bekommen.

Bei seinen Anpreisungen zeigte Conelli die gleiche Begeisterung, die Jan auch bei anderen Amerikanern aufgefallen war, wenn sie von ihrem Land erzählten. Sie schienen geradezu beseelt von dessen Großartigkeit zu sein und er hatte sich oft gefragt, warum sie es überhaupt verließen, um sich in dem kleinen, engen Europa die Füße wund zu laufen. Zumal sie nicht müde wurden, immer wieder zu betonen, dass in Amerika alles viel größer und beeindruckender sei.

Nach seinem Exkurs zu den landschaftlichen Sehenswürdigkeiten rund um seine Heimatstadt war Conelli wieder auf sich selbst zurückgekommen. Alle zwei, drei Jahre flöge er nach Europa, um seine Kinder zu besuchen, die, wie er einigermaßen amüsiert erzählte, zu ihren Wurzeln zurückgekehrt seien. Sein Sohn lebe in Rom, seine Tochter in Neapel.

»Ich weiß auch nicht, was mit den jungen Leuten heutzutage los ist«, hatte er kopfschüttelnd gesagt. »Da bemüht man sich jahrelang, ein guter Amerikaner zu sein und dann fällt der Brut plötzlich ein, dass sie eigentlich Italiener sind. Na ja, kann man nichts machen, es geht ihnen ja gut da, wo sie sind. Aber für mich wäre das nichts, alles viel zu eng und auf Dauer langweilig. Wer erst einmal Fuß gefasst hat in Las Vegas, der will auch nie wieder weg.«

Die einzige Möglichkeit, Conellis ununterbrochenem Redeschwall zu entgehen, war die Vortäuschung von Schlaf gewesen. Wobei Jan jetzt feststellen musste, dass er tatsächlich eingeschlafen war. Er hatte wirr geträumt. Wie so oft hatte sich Julia in seine Träume geschlichen und ihn in einen Sog schmerzhafter Erinnerungen gezogen. Aber so war wenigstens die Zeit vergangen, ohne dass er sich anhören musste, wie es gewesen war, als die Cosa Nostra die Stadt noch kontrolliert und dort ihr Unwesen getrieben hatte.

An diesem Punkt hatte Jan sich endgültig ausgeklinkt. Er verspürte absolut keine Lust, sich wilde Mafiageschichten anzuhören, die er in irgendwelchen Hollywoodfilmen schon viel spannender erzählt bekommen hatte.

Auf dem Weg zur Gepäckausgabe und durch die Passkontrolle hatten sie sich kurz aus den Augen verloren und Jan wollte schon frohlocken, aber im CAT Bus, der vom Flughafen bis Downtown den gesamten Las Vegas Boulevard – kurz Strip genannt – abfuhr, tauchte Conelli wieder auf und setzte sich wie selbstverständlich neben ihn.

»Na, was sagen Sie?«, fragte er kurze Zeit später mit der ihm eigenen Begeisterung in der Stimme, als der Doppeldeckerbus an den ersten Hotels und Kasinos vorbeifuhr. »Das geht den ganzen Strip so weiter! Ein Gebäude spektakulärer als das andere!«

Jan musste zugeben, dass das, was sich seinen Augen bot, wirklich überwältigend war. Allein die Dimensionen der einzelnen Gebäude waren geradezu atemberaubend. Dazu ein Lichterspektakel, das seinesgleichen suchte, überall glitzerte, blinkte und funkelte es.

Irgendwo hatte Jan gelesen, dass Las Vegas ein Zufluchtsort sei: Vor der Wirklichkeit, vor drückenden Sorgen, vor wahrer Empfindung. Genau der richtige Ort, um zu vergessen. Wenn es Jan hier nicht gelingen sollte, der Vergangenheit zu entfliehen, wo dann?

»Sie müssen jetzt aussteigen!« Conelli hievte seinen schweren Körper aus dem Sitz, um Jan durchzulassen. »Kommen Sie ruhig mal nach Downtown, wenn es Ihnen hier zu viel wird. Dort können Sie noch was vom alten Las Vegas finden«, sagte er, während er Jans Hand fast zerquetschte. »Es ist ruhiger und die Einsätze sind nicht so hoch. Falls das ’ne Rolle für Sie spielen sollte.« Er grinste und zwinkerte Jan zu, als hätte er einen Scherz gemacht. »Ich freu mich jedenfalls, Sie zu sehen! Viel Glück!«

»Danke«, murmelte Jan, »Ihnen auch!«

Er war sich ziemlich sicher, dass er Edward Conelli nicht wiedersehen wollte. Wahrscheinlich war Conelli völlig harmlos und hatte nur ein wenig Unterhaltung gesucht, aber man wusste ja nie. Irgendetwas an dem Typen gefiel Jan nicht, und es war nicht nur seine Geschwätzigkeit.

Conelli hatte zwar die ganze Zeit nur von sich erzählt, aber das konnte auch ein Trick sein, um Jan in Sicherheit zu wiegen und sein Vertrauen zu erschleichen, damit er ihn später umso besser ausnehmen konnte.

Wer weiß, mit wem er da unten in Downtown unter einer Decke steckt, dachte Jan. Um das Golden Nugget würde er jedenfalls einen weiten Bogen machen.

Er hatte schon bereut, Conelli überhaupt erzählt zu haben, dass er im Bellagio absteigen würde, was diesem einen anerkennenden Pfiff entlockt hatte. »Wow, nur vom Feinsten«, hatte er beifällig, aber auch mit einer Spur Ironie, gesagt. Entweder hielt er Jan für einen Aufschneider oder sah in ihm wirklich jemanden, den man um einige Dollars erleichtern konnte.

Jan hatte nämlich darauf verzichtet, Conelli zu erklären, dass er dieses Domizil vermutlich nicht während seines gesamten Aufenthaltes bewohnen würde, es sei denn, das Glück wäre ihm hold und er würde jede Menge Geld gewinnen, um seine Reisekasse aufzubessern. Was aber wohl eher unwahrscheinlich war.

Wie hieß es doch so schön? Die einzige Art, in einem Kasino reich zu werden, ist, es zu besitzen. Aber egal, Jan würde trotzdem den einen oder anderen Versuch wagen, schließlich war er deswegen hier.

Ein paar Tage Luxus und ein bisschen Abenteuer, dann würde er weiter sehen. Jan hatte zwar nicht schlecht verdient, vor allem in seinem letzten Job als Animateur in einem der besten Hotels in Neapel, aber ewig würde das Geld auch nicht reichen. Dass es überhaupt soviel war, hatte er vor allem den Gästen zu verdanken und da im Besonderen den russischen, die erstaunlich großzügig mit Trinkgeld um sich geworfen hatten.

In diesem Jahr war Neapel geradezu von russischen Touristen überschwemmt worden. Man hätte meinen können, sie hätten sich alle verabredet, um gemeinsam unter südlicher Sonne Spaß zu haben. Ganze Busladungen ergossen sich über das Hotel, das die Männer in der Regel kaum verließen. Manchmal hatte Jan sie in Verdacht gehabt, dass sie ihn vor allem deswegen so generös entlohnten, damit er ihnen ihre Frauen vom Hals hielt und sie selbst sich in Ruhe volllaufen lassen konnten. Zumindest schien das ihre Lieblingsbeschäftigung zu sein, während ihre Frauen sich mit irgendwelchen Pool-Spielchen, Sightseeing und Einkäufen die Zeit vertrieben.

Jan musste grinsen, als er an seine Erlebnisse in Neapel zurückdachte. Sie waren nicht ohne gewesen, die Damen aus Russland. Trotzdem hatte er strikt darauf geachtet, dass sich keine von ihnen in sein Zimmer verirrte, denn das wäre ihm nicht gut bekommen. Ein Kollege, der nicht so vorsichtig gewesen war, hatte eines Tages bitter zu spüren bekommen, dass auch die Großzügigkeit von neureichen Russen ihre Grenzen hatte.

Da Jan sich kaum über Mangel an anderen Gelegenheiten hatte beklagen können, hatte er sich nicht grämen müssen, dass die russischen Frauen tabu waren. Es gab genügend andere Touristinnen, die einem kleinen Abenteuer nicht abgeneigt waren.

Wobei sich Jan strikt an die Regel gehalten hatte, dass die Besucherinnen des eigenen Hotels tabu waren. Er hatte seinen Charme zwar gnadenlos eingesetzt, schließlich war das sein Job gewesen. Seine Bettgeschichten aber hatte er sich woanders gesucht. Und er war immer auf seine Kosten gekommen.

Nichtsdestotrotz war es ein ziemlich harter Job gewesen und Jan war der Meinung, dass er ein paar Tage Urlaub mehr als verdient hatte. Warum seinen USA-Trip, für den er schon seit Monaten Geld zurücklegte, also nicht in Las Vegas beginnen? Hier war Tag und Nacht Party, also keine Gefahr, zur Ruhe zu kommen.

Vielleicht könnte Jan hier später sogar einen Job finden? In den Bergen rund um Las Vegas gab es einige beliebte Wintersportgebiete, nicht mal hundert Kilometer vom Strip entfernt war das Las Vegas Ski & Snowboard Resort. Immerhin hatte Jan ja schon mal als Snowboard-Lehrer in den USA gearbeitet. Gar nicht mal so weit von Nevada entfernt, in Aspen, Colorado. Auch noch eine Option.

Doch jetzt wollte Jan erst einmal Urlaub machen! Die Zeit war vielleicht nicht so günstig gewählt, aber er hatte die Saison in Neapel noch bis zum Ende mitnehmen wollen. Es war bereits Anfang November und damit auch in der Wüstenstadt ein bisschen kühler als die meiste Zeit des Jahres, aber immer noch angenehm. Auf Poolpartys im Freien würde er wohl verzichten müssen, aber schließlich gab es auch in den Hotelanlagen innen liegende Swimmingpools.

Der Typ im Reisebüro hatte Jan erzählt, dass sich Las Vegas zwischen Halloween Ende Oktober und dem Valentinstag im Februar, so etwas wie eine kleine Verschnaufpause gönnte. Was allerdings nicht dazu führte, dass die Stadt in einen Winterschlaf verfiel, wie es in den Ferienmetropolen im Süden Europas der Fall war. Hier pulsierte das Leben weiter, auch ohne Poolpartys. Jan würde mit Sicherheit auf seine Kosten kommen.

Und diesen Edward Conelli würde er einfach vergessen. Die Chance, ihm in dieser Riesenstadt zu begegnen, war ohnehin eher gering. Dass er ihm gegenüber so misstrauisch war, lag vermutlich nicht zuletzt an den Warnungen seiner Kollegen, die sich mit Schauergeschichten über abgezockte Touristen geradezu übertroffen hatten, als er ihnen von seinem Plan erzählt hatte, nach Las Vegas zu reisen. Alles vermutlich völlig übertrieben.

Wenn Jan seinem Reiseführer trauen durfte, war Las Vegas inzwischen eine der sichersten Städte in den USA überhaupt. Die Hotels und Kasinos verfügten über ausgeklügelte Sicherheitssysteme und ließen einen keinen Augenblick unbeobachtet. Und die Polizei war angeblich auch überall präsent. Er musste sich ja nicht in irgendwelchen dunklen Ecken oder Hinterzimmern herumtreiben.

Jan war sich eigentlich ziemlich sicher, dass an seinen Befürchtungen nichts dran war. Ein bisschen Menschenkenntnis hatte er inzwischen ja auch und Edward Conelli war bei Licht betrachtet höchstwahrscheinlich nichts weiter als ein geschwätziger Rentner, der froh gewesen war, seine Geschichten loszuwerden.

Jan war mittlerweile um den riesigen künstlichen See, der zum Hotel Bellagio gehörte, herumgegangen, an dessen Ufer sich ein Restaurant an das andere reihte, und strebte dem überdachten Eingang des Hotels zu. Der Anblick der luxuriösen, weiträumigen Lobby mit der farbenprächtigen, glanzvollen Glasskulptur an der Decke raubte ihm für einen Moment den Atem. Natürlich wusste Jan aus seinem Reiseführer, was ihn erwartete, und es war ja auch nicht so, dass ihm Luxus völlig fremd war, aber was sich hier seinen Augen bot, übertraf alles, was er bisher gesehen hatte. Gegen diesen verschwenderischen Reichtum nahm sich das Hotel in Neapel fast wie eine bescheidene Hütte aus.

»Gefällt es Ihnen?« Die junge Hotelangestellte in dem dunkelroten Kostüm lächelte ihn freundlich an.

Jan lächelte zurück und nickte. »Ja, sehr beeindruckend.«

»Herzlich willkommen, Sir! Kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Vielen Dank … äh.« Er schaute schnell auf das Namensschild. »… Patricia. Ich glaube nicht. Ich wollte nur einchecken.«

»Kommen Sie, ich führe Sie zur Rezeption.«

Jan folgte der jungen Frau etwas peinlich berührt. Sah er wirklich so aus, als sei er zu blöd, zum einzuchecken?

Erst einige Zeit und weitere Begegnungen mit dem Hotelpersonal später wurde Jan bewusst, dass es nicht an ihm gelegen hatte, sondern ganz offensichtlich zur Aufgabe der Angestellten gehörte, zu verhindern, dass ein Gast sich auch nur eine Sekunde lang unwohl fühlen könnte. Die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, die man hier den Gästen zollte, war mit europäischen Standards nicht zu vergleichen. Vermutlich werden sie darauf getrimmt, die Wünsche der Leute bereits zu erkennen, bevor die überhaupt selbst wissen, was sie wollen, dachte Jan ein wenig belustigt.

Bis er in seinem Zimmer im zehnten Stock ankam, war er sozusagen viermal weitergereicht worden. Er drückte dem Kofferboy, der ihn nach oben begleitet hatte, ein Trinkgeld in die Hand und schaute sich um.

Edward Conelli hatte mit seiner Bemerkung »Alles vom Feinsten!« nicht übertrieben. Hier war nicht gespart worden! Das Zimmer war großzügig und geschmackvoll eingerichtet, das Bad ließ ebenfalls keine Wünsche offen.

Während Jan seine Sachen in Schubladen und Schränken verstaute, pfiff er leise vor sich hin. Hier würde es sich wohl eine Weile aushalten lassen. Was für ein Glück, dass er so sparsam gelebt hatte!

Bis jetzt hatte er allerdings auch nicht viele Möglichkeiten gehabt, sein Geld auszugeben. Seine Unterkünfte waren meist billige Zimmer gewesen, ohne großen Komfort, zum Leben brauchte Jan nicht viel und die durchgemachten Nächte hatten auch nicht die Welt gekostet. Hier würde er einfach mal ohne Nachzudenken aus dem Vollen schöpfen.

Nachdem Jan alles verstaut hatte, machte er sich auf den Weg, um das Hotel ein wenig zu erkunden. Schnell stellte er fest, dass es wirklich nicht übertrieben war, den Gästen einen Orientierungsplan in die Hand zu drücken. Das war kein Hotel, noch nicht einmal die Bezeichnung Hotelanlage schien angemessen, das war eine komplett konstruierte, eigene Luxuswelt, die sich hier vor ihm auftat. Jan kam es vor, als ginge er durch eine auf Hochglanz polierte italienische Stadt mit Bars, Nachtclubs, Restaurants, Edelboutiquen und einem riesigen Wintergarten. Es gab sogar eine Gemäldegalerie. Alles in allem viel zu viel, um es an einem Abend zu entdecken.

Jan beschloss bald, seinen Streifzug zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. Er aß eine Kleinigkeit in einem der Restaurants und stand einige Zeit später mit einem Glas Whiskey in der Hand am Fenster seines Zimmers, von dem er auf den Strip hinaussehen konnte und schaute erwartungsvoll in die blinkende, glitzernde Nacht hinaus.

Auf dem künstlichen See vor dem Hotel begann gerade eine der spektakulärsten Shows in Las Vegas, wie ihm bereits mehrfach versichert worden war. Er war gespannt und wurde nicht enttäuscht.

Unzählige Fontänen – mehr als tausend sollten es laut Hotelprospekt sein – schossen aus dem Wasser und bewegten sich zusammen mit ausgeklügelten Lichteffekten in einer geradezu perfekten Choreographie zu der Musik, die dazu erklang. Fasziniert beobachtete Jan das Schauspiel und rührte sich während der ganzen Zeit nicht von der Stelle. Erst als es vorbei war, griff er nach der Whiskeyflasche, die er sich aufs Zimmer hatte bringen lassen, setzte sich in den bequemen Sessel ans Fenster und schaute weiter in die bunt erleuchtete Nacht hinaus.

Würde Las Vegas das halten, was Jan sich davon versprochen hatte? Würde er endlich vergessen können, Julia aus seinen Gedanken verbannen? Trotz seiner rastlosen Streunerei durch Europa war es Jan bisher nicht gelungen, der Vergangenheit wirklich zu entfliehen. Julia folgte ihm, wohin er auch ging. Und mit ihr der Schmerz, der nach wie vor in ihm pochte, egal, womit auch immer er versuchte, sich zu betäuben.

Nachdem Kerstin ihn in Paris verlassen hatte, hatte Jan selbst auch nicht mehr dort bleiben können. Es war ihm zwar schwer gefallen, sich von seinen Freunden zu verabschieden, von Pierre und Nathalie mit ihrer kleinen Marie, Jean-Luc und Aimee und selbst von Mme Mallermé, die ihn trotz ihrer mütterlichen Fürsorge stets ein wenig verunsichert hatte.

Pierre, der zwar von Julia nichts wusste und deswegen auch nicht begriff, warum Kerstin so plötzlich verschwunden war, hatte eine Zeit lang versucht, Jan zum Dableiben zu bewegen. Vermutlich hatte Pierre geahnt, dass Jan vor etwas davonlief, dem er doch nicht entkommen konnte, egal, wohin er ging. Als Pierre merkte, dass seine Bemühungen nicht fruchteten, hatte er Jan das Versprechen abgenommen, sich auf jeden Fall bei ihm zu melden, wenn er Hilfe bräuchte.

Guter alter Pierre! Die Trennung von ihm war Jan am schwersten gefallen. Pierre war immer so etwas wie ein Ruhepol in dieser aufreibenden Zeit gewesen. Mit seiner direkten, herzlichen Art hatte er ihn oft genug wieder auf den Boden gebracht, doch auch das hatte die Katastrophe nicht verhindern können.

Wenn es nur um die Menschen gegangen wäre, hätte es Jan vielleicht nicht so sehr gedrängt, Paris zu verlassen. Sie hatte er alle ins Herz geschlossen und er wusste, dass sie ihn ebenfalls mochten. Doch alles andere erinnerte ihn zu sehr an sein Scheitern, an seine Unfähigkeit, ein neues Leben mit einer anderen Frau zu beginnen. Und daran, dass er nicht nur sich selbst damit Schmerz zugefügt hatte, sondern auch Kerstin, die für ihn in Deutschland alles aufgegeben und die er so bitter enttäuscht hatte.

So etwas sollte Jan nie wieder passieren. Nach dem Scheitern seiner Beziehung mit Kerstin hatte er sich geschworen, dass es zukünftig keine Verpflichtungen, keine Verbindlichkeit mehr in seinem Leben geben sollte. Bis jetzt hatte er sich daran gehalten. Er hatte keine engen Freundschaften geschlossen und sich auf keine feste Beziehung eingelassen. Ein, zwei Nächte, dann zog er sich wieder aus der Affäre.

Sex, Alkohol und Partys spielten eine große Rolle bei Jans Versuch, der Erinnerung zu entkommen. Ablenkung hieß das Zauberwort. Immer wieder Veränderung und Jobs, die es ihm ermöglichten, die Nacht zum Tage zu machen, um den quälenden Träumen keine Chance zu geben.

Jans erstes Ziel war Barcelona gewesen. Völlig idiotisch! Manchmal hatte Jan das Gefühl, dass ihm sein Unterbewusstsein Streiche spielte. Jedenfalls hatte er sich das nicht wirklich überlegt. Hatte er sich überhaupt etwas überlegt? Eher nicht. Er war einfach zum Flughafen Charles de Gaulle gefahren und hatte den nächsten Last-Minute-Flug gebucht, den er kriegen konnte. Trotzdem. Ausgerechnet Barcelona! Ausgerechnet Spanien!

Zugegeben, die Kanarischen Inseln und damit Lanzarote waren ziemlich weit weg, aber trotzdem war Jan das Gefühl nicht losgeworden, Julia sei ganz in seiner Nähe. Wer sagte denn auch, dass sie immer noch auf der Insel war und nicht schon längst auf dem Festland? Wenn sie denn überhaupt noch in Spanien war. Dass sie ihm aus Lanzarote geschrieben hatte, um ihn zu bitten, zu ihr zu kommen, musste gar nichts heißen. Vielleicht zog sie genauso ruhelos umher wie er?

Immer wieder hatte er sich dabei ertappt, dass er verzweifelt nach Julia Ausschau hielt. Abends in der Bar, wo er als Barkeeper jobbte, tagsüber, wenn er wie getrieben durch die Stadt streifte, weil er nicht schlafen konnte oder in seinen freien Abenden, in denen er sich bis zum Morgengrauen in den Diskotheken und Clubs der Stadt herumtrieb, um dann meist gegen Mittag in irgendeinem fremden Bett aufzuwachen und sich zu fragen, wie er dort hingekommen war.

Irgendwann wollte er nur noch weg, möglichst weit weg von Spanien. Den Tipp mit Prag hatte ihm ein Gast gegeben, der ihm völlig begeistert vom Prager Nachtleben erzählt hatte. Dazu hatte Jan auch gleich noch eine Telefonnummer bekommen. Glücklicherweise, denn so einfach wie im südlichen Europa war es in Prag nicht, einen Job zu finden. Der Kontakt erwies sich deswegen als außerordentlich nützlich, allerdings hatte Jan zeitweise auch das Gefühl, dass es nicht so ganz ungefährlich war, für diesen Janosz zu arbeiten.

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