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Der Traum vom Glück – Verbotene Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Der Traum vom Glück
  5. In der nächsten Folge
  6. Exklusive Fotos von den Filmaufnahmen

Frühlingsregen klatschte an das Küchenfenster. Julia und ihr kleiner Sohn Timo sahen staunend hinaus. So schlimm hatte es auf Mallorca lange nicht geregnet.

»Weißt du was?«, fragte Julia Timo, »wir machen das Fotoalbum fertig. Das ist genau das Richtige bei diesem Wetter.« Sie holte einen Karton aus dem Wohnzimmer, in dem sie ein Album und Stapel von Fotos aufbewahrte. Damit setzte sie sich an den Küchentisch und hob Timo auf ihren Schoß.

Sie nahm das erste Foto vom Stapel. Es zeigte eine erschöpfte Julia und einen strahlenden Ricardo, der ein Bündel aus Decken im Arm hielt, aus dem Timos winziges Köpfchen herausschaute. Timo zeigte auf das Bild.

»Mama, Papa und Baby.«

»Das bist du. Du warst erst ein paar Stunden alt.«

»Jetzt bin ich drei.«

»Siehst du, so schnell vergeht die Zeit.« Julia legte das Bild zur Seite. Als Timo hörte, wie die Haustür geöffnet wurde, sprang er von Julias Schoß.

»Papa!« Er rannte zur Tür und wollte Ricardo in die Arme springen, doch der musste erst den Regenschirm wegstellen.

»An solchen Tagen fragt man sich, warum Mallorca die Sonneninsel genannt wird«, rief Ricardo aus der Diele.

»Weil morgen wieder die Sonne scheint«, sagte Julia lachend. Mit Timo auf dem Arm kam Ricardo in die Küche. Er begrüßte Julia mit einem Kuss.

»Deinen Optimismus möchte ich haben. Oh, was sind das für Fotos?«. Er setzte sich, hob Timo auf den Schoß und nahm eines der Bilder in die Hand. »Sieh mal, wie schön du ausgesehen hast, Julia.«

Sie warf einen Blick darauf. »Schön? Ich war unglaublich dick! Das war kurz vor der Geburt.«

Ricardo nahm das nächste Foto. »Das war am Flughafen. Wir sind gerade von Fuerteventura gekommen.«

Julia betrachtete es. »Wie blass ich aussehe! Richtig mitgenommen. Kein Wunder nach all dem, was ich durchgemacht hatte.«

»Du wärst fast ertrunken, hattest dein Gedächtnis verloren und hast erfahren, dass du schwanger bist. Ich finde, dafür siehst du sogar gut aus.«

»Und es ist nichts zurückgeblieben, bis auf gelegentliche Albträume.« Julia gab Ricardo einen Kuss auf die Wange. »Ich war ja auch in sehr guter medizinischer Betreuung.«

»Du wirst sehen, auch die Alpträume werden dich irgendwann nicht mehr quälen«, sagte Ricardo. »Das verspricht dir dein Hausarzt.«

Julia schmunzelte und nahm ihm das Bild aus der Hand. »Das ist jetzt Vergangenheit«, sagte sie, nachdem sie es in das Album geklebt hatte. Entschlossen schlug sie eine neue Seite auf und überschrieb sie mit Familienglück auf der Finca.

Als sie fertig war, blätterte Julia das Album noch einmal durch. Sie war Fotografin und ihr liebstes Motiv waren Timo und Ricardo. Die beiden sahen so glücklich aus. Dabei würde vom Aussehen her niemand darauf schließen, dass sie Vater und Sohn waren. Ricardo sah südländisch aus, er war dunkelhaarig, schlank und muskulös, während Timo Julias blonden Haare und ihren hellen Teint geerbt hatte. Doch Ricardo hatte ihn angenommen wie seinen eigenen Sohn. Dass er nicht der leibliche Vater war, spielte für ihn keine Rolle.

Nachdem Ricardo den Kleinen ins Bett gebracht hatte, ging er zu Julia ins Wohnzimmer. Obwohl es bereits April war, hatte es sich wieder stark abgekühlt. Ricardo zündete ein Feuer im Kamin an und setzte sich zu Julia aufs Sofa. »Heute war in der Praxis die Hölle los.«

»Ist etwas passiert?«, erkundigte sich Julia.

»Nein, das nicht. Aber um zehn Uhr heute Morgen war das Wartezimmer schon so voll, dass wir keine Patienten mehr annehmen konnten. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich der einzige Chirurg auf Mallorca.«

»Du bist zwar nicht der einzige, aber einer der Besten. Und das spricht sich herum.«

»Mein guter Ruf spricht sich jetzt schon bis Russland herum«, meinte Ricardo. »Stell dir vor, die haben gefragt, ob ich dort Ärzte fortbilden will. Das Krankenhaus ist in Omsk.«

»Omsk? Wo ist das?«, fragte Julia.

»In Sibirien. Ich müsste mich dann reichlich mit warmen Pullovern eindecken«, sagte Ricardo grinsend.

»Und? Nimmst du das Angebot an?«

»Ehrlich gesagt: Ich weiß es noch nicht. Reizen würde mich die Aufgabe schon. Es geht um neue chirurgische Methoden.«

Julia nahm Ricardos Hand. »Wenn du möchtest, kannst du fahren. Timo und ich kommen schon klar.«

»Das weiß ich, aber ich lasse euch nur ungern allein.«

»Ich bin seit fast vier Jahren auf Mallorca«, beruhigte sie ihn. »Inzwischen kenne ich mich sehr gut aus und spreche spanisch. Du kannst wirklich unbesorgt fahren.«

Ricardo dachte einen Moment nach. »Vielleicht lasse ich es mir noch einmal durch den Kopf gehen.«

Julia lehnte sich an seine Schulter und sah in das knisternde Feuer.

»Und du willst deinen Geburtstag morgen bestimmt nicht feiern?«, fragte er vorsichtig.

Abrupt hob sie ihren Kopf. »Ricardo, das haben wir doch schon oft genug besprochen. Genau! Ich möchte nicht feiern.« Julia sah ihn an. »Wenn du mich wirklich liebst, dann erspar mir Geburtstagsgäste und den Sekt um Mitternacht, bitte.« Ricardo gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

»Dann müssen wir jetzt aber ganz schnell ins Bett gehen und uns irgendwie beschäftigen, damit wir auf gar keinen Fall um Mitternacht daran denken«, murmelte er.

»Gute Idee«, flüsterte Julia, »ich wüsste auch schon etwas, das wir tun könnten.«

Hand in Hand gingen sie hoch ins Schlafzimmer. Ricardo umfasste ihre schlanke Taille und nach einem langen, intensiven Kuss zog er sie aufs Bett.

»Alles Gute zum Geburtstag«, flüsterte Ricardo ihr zu, als sie erschöpft nebeneinanderlagen.

Überrascht sah Julia auf die Uhr, es war kurz nach Mitternacht. Sie gab Ricardo einen zärtlichen Kuss und sah ihn dankbar an.

Ricardo schwieg einen Moment. »Dass du nicht feiern möchtest, hat mit deiner Familie zu tun, stimmt’s?«, fragte er leise und sie nickte.

»Willst du mir nicht endlich mehr verraten? Ich weiß gerade mal, wie du heißt, Julia Sander«, sagte er liebevoll.

»Du weißt einiges über meine Familie. Viel mehr gibt es nicht zu erzählen«, wich sie aus.

»Ich weiß nur, dass deine Mutter Clarissa und dein verstorbener Stiefvater Christoph von Anstetten heißt. Mit Timos Vater Tim Sander warst du kurz verheiratet und hast ihn verlassen, weil er dich mit deiner besten Freundin betrogen hat.« Ricardo strich ihr eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.

Julia holte tief Luft. Die Wahrheit würde sie Ricardo nie sagen können.

»In meiner Familie herrschen Neid und Missgunst, dort wird eher gelogen, als die Wahrheit gesagt, und damit will ich nichts mehr zu tun haben. Jahrelang habe ich darunter gelitten und irgendwann wollte ich das nicht mehr mitmachen.«

»Du musst dich deiner Vergangenheit stellen, Julia. Wenn du deswegen nicht mal mehr Geburtstag feiern willst, dann stimmt irgendetwas nicht. An diesem Tag solltest du nicht an das Schlechte, sondern an all die schönen Momente denken, die dir widerfahren sind.«

»Das mache ich auch«, sagte sie leise. »Ich bin sehr glücklich, dass ich hier bin, ich bin stolz auf Timo und dankbar, dass ich dich gefunden habe. Nur feiere ich das auf meine Weise, ganz still und für mich.«

Ricardo sah sie an und spürte wieder die Wehmut, die er schon oft an ihr bemerkt hatte. Es gab etwas in ihrer Vergangenheit, an dem sie ihn nicht teilhaben lassen wollte. So schwer es ihm fiel, er musste es akzeptieren.

Als sie ihn lächelnd ansah, wurde ihm wieder bewusst, wie sehr er sie liebte. Vom ersten Tag an, als er sie damals bewusstlos auf dem Fischerboot seines Freundes gesehen hatte, hatte ihre Anmut ihn fasziniert. Sie zog ihn an, sie machte ihn stark und noch immer fand er, dass sie für ihn bestimmt war. Bis zu diesem Tag hatte seine Liebe zu Julia nichts von ihrer Kraft verloren.

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Als Julia am nächsten Morgen erwachte, schien die Sonne hell durchs Fenster und es war verdächtig still im Haus. Ricardo und Timo waren unten in der Küche und hatten die Tür geschlossen. Nachdem sie sich angezogen und frisch gemacht hatte, trat sie schmunzelnd in die Küche und die beiden drehten sich erschrocken um.

»Wir sind noch nicht fertig«, rief Ricardo und schickte sie wieder hinaus. Erst als ihr Geburtstagsständchen erklang, durfte sie eintreten.

»Das ist aber eine Überraschung!«, freute sie sich, als sie die Torte mit den brennenden Kerzen sah. Sie holte tief Luft und blies alle Kerzen aus. Timo überreichte ihr ein selbstgemaltes Bild und Julia beugte sich zu ihm hinunter und umarmte ihn.

»Das ist von mir.« Ricardo überreichte ihr einen Strauß roter Rosen und eine dunkelblaue Schachtel. Neugierig öffnete Julia die Schachtel und es verschlug ihr die Sprache. Darin lag genau die Kette, die sie vor einiger Zeit in einem Schaufenster in Palma gesehen hatte. Sie hatte damals kein Wort darüber verloren, wie sehr ihr die Kette gefiel, und doch hatte Ricardo es gespürt. Es war ein durchsichtiges Nylonband, an dem ein kleiner, in Gold gefasster Brillant hing.

»Es ist ein schwebender Diamant«, sagte Ricardo stolz, als er ihr die Kette umlegte. Julia berührte den Schmuckstein mit ihrem Finger und glaubte, sein Feuer zu spüren. Dieser Stein würde sie immer an Ricardos Liebe erinnern.

Nach dem Frühstück brachte Ricardo Timo zu einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Alba hatte einen kleinen Bruder und passte gerne hin und wieder auch auf Timo auf.

Als Julia plötzlich allein in der Diele stand, überfiel sie das Gefühl, die dunklen Deckenbalken würden sich auf sie herabsenken. Dieser besondere Tag lastete, wie auch schon in den Jahren zuvor, wie ein Mühlstein auf ihr. Sie versuchte schon den ganzen Morgen, sich abzulenken, doch immer wieder kamen die Gedanken an Jan hoch.

Auch ihr Zwillingsbruder Jan, von dem sie geglaubt hatte, dass er ihre große Liebe sei, hatte an diesem Tag Geburtstag. Julia wusste nicht, wo er sich gerade aufhielt und wie es ihm ging. Er wollte ihre Liebe, diese verbotene Liebe, nicht länger mit ihr teilen und hatte sich irgendwo ein neues Leben aufgebaut. Auch Julia hatte ein neues Leben angefangen. Sie hatte Ricardo kennengelernt, war mit ihm nach Mallorca gegangen und Mutter eines bezaubernden Sohnes geworden. Doch dieser Tag gehörte ihr und Jan. Sie vermisste ihn schmerzlich und sie spürte, dass sich das niemals ändern würde.

Wie anders, wie glücklich hätte ihr Leben hätte verlaufen können. Aber über ihr Schicksal war schon als Säugling entschieden worden, als ihre Mutter nur sie mit zu ihrem neuen Mann, dem reichen Adligen Christoph von Anstetten, genommen hatte. Julia hatte sich die Szene oft vorgestellt, und die Kaltherzigkeit ihrer Mutter erschütterte sie noch heute. Julia sah zwei Babys auf einem Bett liegen. Die Mutter nahm eines der beiden auf den Arm, das andere ließ sie liegen. Es war Jan.

Der Junge war bei ihrem Vater Arno Brandner aufgewachsen. Jan war ein schwieriges Kind gewesen und hatte den Menschen, die für ihn da waren, viel Kummer bereitet. Später hatte er sich dann wieder gefangen. Julia dagegen hatte in einem Schloss gelebt und ihr hatte es an nichts gefehlt.

Julia glaubte nicht an Zufälle, für sie war es Schicksal, dass Jan ihr eines Tages über den Weg gelaufen war. Sie schloss die Augen und sah alles noch einmal wie in einem Film: Wie am Düsseldorfer Flughafen ihre Gepäckwagen zusammenstießen, wie er zu ihr sagte: »Entschuldigung, ich habe Sie gar nicht gesehen!«, wie er sie ansah und Julia sich fühlte, als wäre sie nach Hause gekommen. In diesem kurzen Augenblick begann das Karussell ihrer Liebe sich zu drehen. Julia spürte noch einmal den ersten zärtlichen Kuss, die kurze, unbeschwerte Zeit des Glücks.

Dann war sie an Leukämie erkrankt. Nur noch Jans Knochenmark hatte sie retten können und erst, als sie bereits sterbenskrank gewesen war, hatte es ihre Mutter endlich geschafft, ihnen die Wahrheit zu offenbaren.

Doch die Erkenntnis, dass ihr Geliebter ihr Zwillingsbruder war, traf Julia schlimmer als der Tod. Sie hatte verzweifelt versucht, in Jan den Bruder zu sehen, den sie endlich zurückgewonnen hatte, doch ihr Begehren hatte die Geschwisterliebe überwogen. Sie hatten sich getrennt, sie hatten sich versöhnt, sie hatten sich andere Partner gesucht, aber nichts davon hatte ihre Liebe und ihre verbotenen Gefühle füreinander auslöschen können.

Dann waren sie heimlich zu einem Liebesurlaub nach Lanzarote geflogen, sie hatten es wagen, es miteinander versuchen wollen. Wieder hätte ihr Leben anders verlaufen können, wenn Julia an jenem Tag nicht allein zum Schwimmen ins Meer gegangen wäre. Die reißende Strömung hatte sie hilflos aufs Meer hinausgetrieben, weit weg von Jan.

Ein Fischer hatte sie vor dem Ertrinken gerettet und brachte sie in seinen Heimathafen nach Fuerteventura gebracht, wo sie Ricardo begegnet war …

Erschöpft wischte Julia sich über die Augen. Ihr Herz schlug heftig, wie immer, wenn sie an ihre Vergangenheit dachte.

Jan, immer wieder musste sie an Jan denken. Julias Liebe war wie eine offene Wunde, die nie zu heilen schien. Sie seufzte. Sie konnte nur lernen, damit zu leben. Und sie war entschlossen, diese Wunde nicht wieder aufzureißen, indem sie Gedenktage wie ihren Geburtstag einrichtete.

Julia sah auf die Uhr. Die Post musste längst da sein. Sie ging nach draußen und sog die frische Luft ein. Der Regen gestern hatte den Pflanzen gut getan, in voller Farbenpracht blühten der Hibiskus, Oleander und die Bougainvillea. Im Briefkasten lag ein großes weißes Kuvert aus schwerem Büttenpapier. Julia freute sich, als sie die Handschrift erkannte. Ihr Vater Arno hatte ihr geschrieben.

Julia las den Brief auf der Veranda. Er würde oft an sie und Jan denken, schrieb ihr Vater. Er wünschte ihnen beiden alles Gute und dass ihr neues Leben gelingen möge. Julia fühlte einen Stich im Herzen. Wie gern hätte sie etwas über Jan erfahren, aber Arno hatte sich vermutlich nicht getraut, ihr von ihm zu berichten.

Er war der Einzige, dem Julia mitgeteilt hatte, dass sie jetzt auf Mallorca lebte und sie hatte ihn zu absolutem Stillschweigen verpflichtet, an das er sich zu halten schien. Bislang hatte sich niemand aus ihrem früheren Leben bei ihr gemeldet. Julia wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie vermisste Arno, ihre Freunde und manchmal sogar ihre Familie. Vor allem aber vermisste sie Jan.

Dann atmete sie tief durch. Sie wollte mit ihrer Familie nichts mehr zu tun haben und es war besser so. Ihre Mutter Clarissa würde ihr vermutlich heute noch das Leben zur Hölle machen, Julia würde sich immer noch heimlich mit ihrem Bruder treffen und nicht wissen, wie sie mit ihren verbotenen Gefühlen für ihn klarkommen sollte. Entschlossen nahm sie den Brief und ging hoch ins Schlafzimmer.

Julia setzte sich an den kleinen antiken Sekretär, der unter dem Fenster stand, nahm einen Bogen Briefpapier und begann zu schreiben. Sie berichtete Jan, wie glücklich sie auf Mallorca war, wie ruhig ihr Leben mit Ricardo verlief, wie sehr sie ihren kleinen Sohn liebte. Sie hob den Kopf und sah aus dem Fenster.

Ich vermisse dich, schrieb sie dann, obwohl ich Ricardo liebe. Die Liebe zu ihm macht mich glücklich, aber sie versetzt nicht mein Herz in Aufruhr, wie meine Liebe zu dir es vermocht hat. Ich weiß nicht, welche Liebe besser ist. Die, mit der man den Alltag meistert oder die, mit der man dem Alltag entflieht? Sie zögerte, bevor sie die letzten Sätze schrieb: Lieber Jan, ich hoffe, du hast einen Weg gefunden, uns zu vergessen. Ich habe es nicht geschafft. Ich weiß, ich werde dich nie vergessen. Ich werde uns nie vergessen. Deine Julia.

Sie blieb noch lange sitzen und sah hinaus, ohne den blühenden Garten wahrzunehmen. Dann stand sie abrupt auf und ging zum Fensterbrett. Aus einer leeren Vase holte sie einen Schlüssel.

Julia schloss eine Schublade unter dem Sekretär auf. Sie hatte sie beim Putzen entdeckt und Ricardo nichts davon gesagt. In der Schublade lag der Brief, den sie letztes Jahr an Jan geschrieben hatte. Nun legte sie den neuen dazu.

Dann verschloss Julia die Schublade und legte den Schlüssel zurück in die Vase. Auch der Brief ihres Vaters durfte nicht in Ricardos Hände gelangen. Mit einem Lächeln auf den Lippen las sie die Zeilen noch einmal durch und zerpflückte den Brief anschließend in kleine, nichtssagende Fetzen.

Unschlüssig blieb Julia im Schlafzimmer stehen. Jetzt hatte sie alles, was ihr an diesem Tag besonders wichtig war, erledigt. Ihr Blick fiel auf das neue Kleid, das Ricardo ihr in der vergangenen Woche geschenkt hatte, ein blaues, enges Seidenkleid, das ihr hervorragend stand. Es hing am Schrank, sie hatte es noch nicht getragen. Kurzentschlossen nahm sie es vom Bügel und hielt es vor ihren Körper. Das leuchtende Blau hob ihre Bräune hervor und bildete einen reizvollen Kontrast zu ihren langen blonden Haaren. Ricardo hatte recht, sie musste lernen, das Schöne in ihrem Leben zuzulassen. Langsam streifte sie das Kleid über.

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Antonio Mendes saß in der ausladenden Sofalandschaft auf der überdachten Terrasse und sah sich um. Alles in dieser Villa wirkte überladen, die breiten weißen Ledersofas, die zahlreichen Seidenkissen, die unförmigen Skulpturen, von denen Antonio nicht wusste, was sie darstellen sollten.

Als er klackernde Schritte auf dem Marmorboden hörte, drehte er sich um. Es war Valencia, deren spitze Absätze auf die Fliesen knallten. Sie trug ein Silbertablett mit einem Glas und einer Flasche Sherry, das sie auf dem niedrigen Glastisch vor ihm abstellte.

Antonio hatte sie nicht mehr gesehen, seit sein Sohn Ricardo vor vier Jahren die Verlobung mit ihr gelöst hatte. Obwohl es schon so lange her war, konnte Antonio nicht ohne Zorn daran denken, wie Ricardo es hatte wagen können, diese von der Familie so geschickt eingefädelte Verbindung zu lösen. Valencia sah wie immer makellos aus. Das lange, fast schwarze Haar fiel offen über ihre Schultern. Sie trug ein weißes enges Kleid und dazu silberne Sandalen mit sehr hohem Absatz.

»Wie geht es Ihnen, Señor Antonio?«, erkundigte sie sich, während sie ihm ein Glas Sherry einschenkte.

»Danke der Nachfrage, mir geht es gut. Und dir, mein Kind?«, fragte Antonio. Valencia quittierte seine Begrüßung mit einem Lächeln. So hatte er sie schon als kleines Mädchen angeredet und hatte es dann beibehalten.

»Auch gut, danke. Seit ein paar Wochen bin ich aus Paris zurück und ich freue mich, dass ich wieder hier bin.«

»Du warst in Paris? Das wusste ich nicht.«

Valencia sah ihn nicht an, als sie antwortete: »Damals wollte ich nur noch weg und Paris bot sich an, weil wir dort Bekannte haben. Außerdem ist es meine Lieblingsstadt.«

Antonio nickte. Auch er hatte keine Lust, das unleidige Thema noch einmal anzusprechen und sich für seinen Sohn zu schämen.

»Mein Vater lässt ausrichten, dass er nur noch ein wichtiges Telefonat beendet, dann ist er bei Ihnen. Kann ich noch etwas für Sie tun?«, erkundigte sie sich und deutete damit an, dass sie sich zurückziehen wollte.

»Nein, danke«, antwortete Antonio, »ich werde einen Moment die Aussicht genießen.« Sie nickte ihm zu und ging mit ihren klackernden Schuhen wieder ins Haus zurück.

Antonio hätte gern auf das Meer geschaut, wenn ihm von den modernen Skulpturen nicht die Sicht versperrt worden wäre. Er blieb vor einem Koloss aus Bronze stehen, ein riesiges rundes Ding, das an einigen Stellen kunstvoll verrostet war.

Womöglich soll es eine Frau darstellen, überlegte Antonio kopfschüttelnd. Genauso gut hätte es auch eine überdimensionale Ensaimada sein können, die auf Mallorca so beliebte Hefeschnecke. Antonio fragte sich, woher sein alter Freund Esteban die vielen Millionen für den Unterhalt dieser luxuriösen Villa hatte. Er war einer der wichtigsten Politiker der Balearen-Regierung, vermutlich hatte er einflussreiche Freunde, die ihm für seine Lobbyarbeit diesen Lebensstil ermöglichten. Antonio ging ein paar Schritte in den parkähnlichen Garten.

Die Villa befand sich in bester Lage in einer ruhigen Gegend von Puerto de Andratx. Eigentlich durften hier schon lange keine Baugenehmigungen mehr erteilt werden, aber für einen Mann wie Esteban dürfte es kein Problem gewesen sein, dieses Verbot zu umgehen. Das Grundstück war nicht einzusehen und Abgeschiedenheit hatte auf einer der beliebtesten Ferieninseln nun einmal seinen Preis.

Nachdenklich betrachtete Antonio den gepflegten Garten. Als Arzt hatte er nicht viel verdient, seinen Beruf hatte er nur aus Leidenschaft ausgeübt. In vierter Generation waren die Mendes-Männer als Ärzte tätig und dennoch zählte die Familie zu den ältesten und vermögendsten auf Mallorca, was auf eine kluge Heiratspolitik zurückzuführen war. Ein Mann aus der Mendes-Familie nahm sich gewöhnlich eine Frau, die seinen Besitz mehrte, indem sie Geld und Grundstücke in die Ehe einbrachte. Wie seine Vorfahren hatte auch Antonio es mit der Wahl seiner Frau so gehalten. Es war ein Geschäft für beide Seiten: die Frau heiratete dafür in eine der angesehensten Familien ein und wusste ihre Mitgift in guten Händen.

Ricardo hätte mit Valencia diese Tradition weiterführen können, dachte Antonio verbittert. Sie hätte zwar nicht so viel Geld einbringen können, doch ihr Vater, Esteban Caumer hatte Verbindungen von unschätzbarem Wert. Er hätte dafür gesorgt, dass das Land der Familie Mendes am Naturstrand von Es Trenc endlich an Wert gewinnen würde. Mit seinen Beziehungen hätte er eine Baugenehmigung durchgesetzt und damit einem Hotel an einem der schönsten und beliebtesten Strände den Weg geebnet. Esteban hätte Antonio und seiner Familie Millionen verschafft.

Doch Ricardo war aus dieser Tradition ausgebrochen. Antonio fühlte wieder, wie der Zorn ihm die Adern schwellen ließ.

»Entschuldige, mein lieber Antonio«, unterbrach Esteban seine düsteren Gedanken und bot ihm einen Platz auf dem weißen Ledersofa an. »Ein wichtiges Telefonat mit der Umweltbehörde.« Antonio zog die Augenbrauen hoch, während Esteban die Stimme senkte.

»Sie wären immer noch bereit, das Land am Platja Es Trenc zu fördern. Eine Hotelanlage dort müsste natürlich entsprechend hochwertig sein.« Esteban sah Antonio aus den Augenwinkeln an. »Wir verstehen uns doch?«

»Wir verstehen uns«, entgegnete Antonio. »Ich hoffe nur, dass unsere Kinder das genauso sehen. Vor allem mein Sohn«, setzte er grollend hinzu.

»Ach ja, Ricardo«, sagte Esteban scheinbar gleichgültig. »Wie geht es ihm? Ist er immer noch mit dieser Frau zusammen? Ich habe gehört, sie soll sogar ein Kind haben.«

Antonio unterdrückte seinen Zorn. »Ich verstehe nicht, was er an ihr findet. Sie ist nichts und sie hat nichts«, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung, »aber Ricardo ist ihr verfallen.«

»Kennst du sie?«, fragte Esteban, um sich ein Bild von der Frau zu machen.

»Natürlich nicht«, entgegnete Antonio empört. »Ricardo versucht zwar immer wieder, uns bekannt zu machen, aber das habe ich bislang strikt abgelehnt.

Esteban beugte sich vor und aus seinem Gesicht wich die sonst so unverbindliche Freundlichkeit. Seine Augen wurden hart.

»Ich habe dich um dieses Gespräch gebeten, weil wir handeln müssen«, fing er an. »Die Umweltgesetze sollen verschärft werden.

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