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Ein neues Leben – Verbotene Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Ein neues Leben
  5. In der nächsten Folge
  6. Exklusive Fotos von den Filmaufnahmen

Julia lief über den heißen Sand ins seichte Wasser. Nach wenigen Schritten stand sie knietief in den Wellen.

„Jan, wo bleibst du denn?“ Julia drehte sich kurz um. Sie sah, dass er einen Papparazzo entdeckt hatte, und ging weiter.

Als Julia das Wasser bis zur Brust reichte, ließ sie sich treiben. Es war friedlich, schwerelos, grenzenlos. Am Strand lief Jan auf den Papparazzo zu, fuchtelte mit den Armen und warf ihm seine Sachen hinterher. Julia musste lachen. Typisch Jan! Er sah so harmlos aus, dabei war er ein richtiger Hitzkopf.

Julia drehte sich auf den Rücken, schloss die Augen und ließ Arme und Beine durch das Wasser gleiten. Sie fühlte sich so leicht und so glücklich wie schon lange nicht mehr. Lanzarote würde ihre Lieblingsinsel werden, diesen Urlaub mit Jan würde sie nie vergessen. Sie genoss jede Minute davon.

Mit langen Zügen schwamm sie auf das Meer hinaus. Ihre Arme glitten ohne Widerstand durch das klare Wasser und mit jedem Stoß ihrer Beine schoss sie vorwärts. Ihr eigenes Tempo überraschte sie.

Es geht zu schnell, dachte sie. Es fühlt sich zu glatt an. Irgendetwas stimmt nicht.

Plötzlich zog etwas an Julias Füßen. Mit unbändiger Kraft packte die Strömung sie und zog sie auf das offene Meer hinaus. Jan hatte vor den Gefahren gewarnt, vor der unsichtbaren Strömung, die sich blitzschnell aufbaute. Doch Julia hatte ihn nur ausgelacht.

Jetzt kämpfte sie verzweifelt gegen die Gewalt des Wassers. Julia versuchte, zum Ufer zu schwimmen, aber der Sog war zu stark. Die Kraft in ihren Armen ließ nach. Wie ein Tier kroch die Angst in ihr hoch.

Julia schrie nach Jan, verzweifelt und panisch, während der tödliche Sog der Strömung sie auf das offene Meer hinauszog.

War das Wasser in Strandnähe heimtückisch glatt gewesen, tobte es sich hier draußen erbarmungslos aus. Eine Welle nach der anderen rollte auf Julia zu. Sie schnappte nach Luft. Das Wasser brach schäumend über ihrem Kopf zusammen. Panisch ruderte sie wieder hoch und sog gierig die frische Luft ein. Der nächste Brecher verschlang sie.

Verzweifelt kämpfte Julia gegen das Wasser, gegen die Wellen und gegen den Sog aus der Tiefe. Bald wusste sie nicht mehr, wo oben und wo unten war. Um sie herum war nur noch graues Wasser.

Als sie wieder an die Oberfläche trieb, sah sie kurz den Strand und glaubte, Jan dort als einen winzigen Punkt zu erkennen.

„Bitte, komm! Bitte, bitte, komm, Jan“, flehte sie weinend und ihre Tränen vermischten sich mit dem Salzwasser. Ununterbrochen bewegte Julia ihre Arme und Beine, um sich an der Oberfläche zu halten. Das Wasser wurde kälter und tobte weiter um sie herum. Es lähmte ihren Körper und ihre Gedanken.

Julia war müde, sterbensmüde. Wie lange würde es dauern? Würde es wehtun? Sie dachte an Jan. Mit ihren letzten Gedanken wollte sie bei der großen Liebe ihres Lebens sein.

Welle um Welle schlug über ihr zusammen und drückte ihren Kopf unter Wasser. Als ein kräftiger Brecher Julia nicht mehr loslassen wollte, bäumte sie sich noch einmal auf und stieß an etwas Hartes – eine Holzpalette.

Ein Wunder!

Mit letzter Kraft zog sich Julia auf die Palette und schrammte sich die Haut an Bauch und Beinen blutig. Zitternd klammerte sie sich an das Floß.

Irgendetwas packte ihre Arme. Julia stöhnte. Es schmerzte, ihre Haut brannte wie Feuer. Julia wehrte sich und umklammerte die Palette, auf der sie lag. Mühsam hob sie den Kopf und öffnete ihre Augen. Sie brannten. Alles an ihr brannte.

Julia hatte Durst, die Sonne schien erbarmungslos vom Himmel. Das grobe Holz der Palette und das Salzwasser hatten ihre Haut wundgescheuert. Verschwommen sah Julia einen blauen Streifen, der sich hob und senkte. Ein Boot, es musste ein Boot sein! Mit hartem Griff zerrte etwas an ihren Fingern und wollte sie vom Treibholz lösen.

Julia wimmerte. Jemand packte ihre Handgelenke und zog sie hoch. Es tat weh. Sie war so schwer. Ihr Floß … Es schwamm weg …

Julias Beine glitten zurück ins Wasser.

Nicht wieder das Wasser! Alles nur das nicht! Julia schrie auf. „Nein … kein Wasser … bitte … kein Meer“, murmelte sie hilflos.

Starke Arme zogen sie ruckartig hoch. Eine Holzkante bohrte sich in ihre Rippen. Sie fühlte harten, festen Boden unter sich. Kein Wasser mehr. Keine Unendlichkeit. Das Sterben hatte aufgehört.

Julia sah ins Licht und fühlte ein Klopfen auf ihrer Wange. Fand sie nun endlich ihre Ruhe?

Das Loch, in das sie fiel, war bodenlos.

Luiz hob die Frau auf seine Arme und trug sie in die kleine Kajüte. Es war der einzige schattige Platz auf seinem Fischerboot. Er legte sie auf die Seite, winkelte ihre Arme und Beine an und bettete ihren Kopf auf seinen Pullover. Zusammengekrümmt lag sie vor ihm. Er nahm ihre schlaffe Hand und fühlte ihren Puls. Schwach, aber deutlich zu spüren – sie lebte. Luiz beugte sich über sie, hob ihr Kinn an und sah in ihr Gesicht.

„Hallo? Hören Sie mich?“ Ihr Kopf lag geborgen in seiner schwieligen Hand. Der Fischer hatte sein ganzes Leben auf Fuerteventura verbracht und die Sprachen der Touristen gelernt, manche gut, von manchen nur Brocken. Die Worte ‚Wasser‘ und ‚Meer‘ konnte er so gut wie jeder Sprache zuordnen.

Die Frau auf dem Schiffsboden war blond und zierlich, Deutsche oder vielleicht Österreicherin. Sie erinnerte Luiz an Karen. Seitdem die nach Deutschland zurückgegangen war, sah Luiz nur noch deutsche Frauen mit blonden, langen Haaren. Sie verfolgten ihn, sogar hier auf dem Meer.

Vorsichtig stellte Luiz sich vor die bewusstlose Frau und startete den Motor. Mit voller Kraft steuerte er den alten Kahn über das tiefblaue Meer auf den dunklen Inselstreifen zu.

Besorgt sah Luiz auf die Frau. Wieder so eine Touristin, die die Strömung unterschätzt hatte. Er wusste nicht, ob sie von Lanzarote oder Fuerteventura gekommen war. Das Meer hatte sie weit hinausgetrieben. Selbst geübte Schwimmer wurden auf das offene Meer gezogen und kamen nie mehr zurück. Die blonde Frau hatte Glück gehabt, die Holzpalette hatte ihr das Leben gerettet.

Verdammt hübsche Frau, dachte Luiz, und noch so jung. Hoffentlich hält sie durch.

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Maria band sich das schwarze Kopftuch um und hob den Weidenkorb auf.

„Die Paella steht im Kühlschrank. Du musst sie nur aufwärmen. Am zweiten Tag schmeckt sie ohnehin besser. Man soll gar nicht immer so frische Sachen essen. Du bist Arzt, du solltest das wissen.“

Ricardo musste schmunzeln und folgte der alten Frau auf die Veranda. Jeden Tag kam Maria zu ihm auf die Finca, brachte ihm in einem Tontopf etwas zu essen, machte sein Bett, putzte das Haus und ließ ihn, den studierten Doktor, an ihren Lebensweisheiten teilhaben. Auch wenn Ricardo schon einige Male gesagt hatte, dass er allein zurechtkam, Maria besuchte ihn trotzdem.

Sie kümmerte sich in jedem Urlaub auf Fuerteventura um ihn. Als sie das erste Mal gehört hatte, ein Doktor von Mallorca habe die Finca von ihrem Neffen Luiz gemietet, war Maria noch am gleichen Tag mit ihrer berühmten Paella erschienen. Luiz und Ricardo waren Freunde geworden und seitdem gehörte Ricardo für Maria sowieso zur Familie. Er wurde von ihr versorgt, aber auch zurechtgestutzt.

„Und sag Luiz, wenn du ihn heute Abend siehst, er soll sich mal wieder bei mir blicken lassen. Seitdem seine Frau weg ist, hockt er nur noch zu Hause.“ Mit strengem Blick sah Maria ihn an.

„Mach ich“, sagte Ricardo und nickte ihr zu. „Ich weiß allerdings nicht, wann er zurückkommt. Er wollte heute rausfahren.“

Maria winkte seufzend ab. „Fischen lohnt sich kaum noch, die Meere sind leer. Aber wenigstens versucht er es noch und verkauft nicht sein Haus. Hat Luiz dir gesagt, dass er erst letzte Woche wieder ein Angebot bekommen hat?“

Ricardo nickte. Luiz hatte außerdem erzählt, dass er das Angebot abgelehnt hatte. Er hatte das Haus für seine Frau Karen gebaut, und solange sie fort war, ließ er Freunde darin wohnen.

„Er glaubt doch tatsächlich, dass sie wiederkommt.“ Maria schüttelte den Kopf. „Aber die wird in Deutschland bleiben. Ist auch besser für sie, hat hier sowieso nicht hergepasst.“ Ricardo hütete sich, etwas zu sagen, er wollte Marias Wut nicht noch schüren.

„Ist immer wieder das Gleiche, sie kommen als Touristinnen und machen unseren Männern schöne Augen. Und wenn das Geld nicht reicht, fangen sie an zu jammern. Sie hätte arbeiten sollen, aber sie hat nur zu Hause gesessen und auf ihn gewartet.“

Maria zeigte mit ihrem knochigen Finger auf Ricardo. „Aber ihr Männer seid selbst schuld, ihr lasst ihnen zu viel durchgehen. Sie haben keinen Respekt mehr vor euch und dann laufen sie euch davon.“

Verlegen sah Ricardo zur Seite, er dachte an seine Verlobte und fühlte sich ertappt.

Als das Telefon klingelte, verabschiedete er sich schnell von Maria und ging ins Haus. Er nahm den Hörer ab und als er ihre Stimme hörte, bereute Ricardo schon, drangegangen zu sein.

Ohne ihn zu begrüßen, legte Valencia los: „Ich hätte gern mal gewusst, wann du wieder nach Hause kommst? Oder kommst du etwa gar nicht mehr? Ständig bist du weg, ständig! Entweder arbeitest du oder du bist auf Reisen! Weißt du eigentlich, dass die Leute mich schon bedauern? Ach, du Arme, wie konntest du dir nur einen Arzt suchen? Und wenn ich dann sage, dass das zu deinem Beruf dazugehört, dann sagen sie: Sein Vater hat nicht so viel gearbeitet und war auch nie so lange fort.“

Ricardo holte tief Luft und unterbrach ihren Redeschwall: „Valencia, ich bin in einer Woche wieder zu Hause. Es war alles ein bisschen viel in letzter Zeit und ich brauche ein paar Tage Ruhe.“

„Ach! Und was soll ich den anderen sagen, warum du allein Urlaub machst? Ohne mich? Das glaubt doch kein Mensch. Und dass du mich noch heiraten willst, glaubt mittlerweile auch keiner mehr.“

Ricardo verdrehte die Augen. Valencia war wieder bei seinem Vater gewesen.

„Meine Mutter fragt auch schon immer, wann es so weit ist. Wir sind jetzt seit drei Jahren verlobt und alle fragen, wann wir heiraten. Ricardo, ich möchte, dass du nach Hause kommst. Du kannst dich auch hier erholen und wir können endlich die Hochzeit planen.“

„Noch sind wir nicht verheiratet und noch bestimme ich, wann ich wohin fahre.“ Ricardos Ton wurde schärfer. „Nur weil du nichts zu tun hast und dich langweilst, kannst du nicht von mir erwarten, dass ich dir ständig zur Verfügung stehe.“ Noch nie hatte er so hart mit ihr gesprochen. Er hörte sie am anderen Ende heftig atmen.

„Du glaubst, das ist der Grund, warum ich mit dir zusammen bin? Ricardo, du überschätzt dich. So aufregend bist du nun auch wieder nicht. Ach, übrigens“, fuhr sie in spitzem Ton fort, „ich gehe heute Abend zu einer Vernissage. Julio wird mich begleiten.“

Ricardo verdrehte die Augen und nahm kurz den Hörer vom Ohr. Julio war Valencias Tennistrainer und sie versuchte immer wieder, Ricardo mit diesem hirnlosen Muskelpaket eifersüchtig zu machen.

„Dann wünsche ich dir viel Spaß. Frag ihn doch, ob er auch die nächsten Tage Zeit für dich hat, dann brauche ich mir wenigstens keine Vorwürfe mehr anzuhören.“ Er war so wütend über ihr Verhalten, dass er am liebsten den Hörer auf die Gabel geknallt hätte.

„Dir geht es doch nur um deinen Ehrgeiz! Du könntest auch hier in der Klinik operieren, aber nein, du lässt dich von irgendwelchen Berühmtheiten ködern. So viele Kongresse, wie du besuchst, die gibt es gar nicht!“

Ricardo hielt den Hörer umklammert, er fühlte eine heiße Wut in sich aufsteigen. „Ich verstehe dich nicht! Statt dass du stolz darauf bist, mit einem der renommiertesten Chirurgen zusammen zu sein, wirfst du es mir vor. Was glaubst du denn, wofür ich das alles mache? Doch nur, damit es uns eines Tages gut geht. Hast du eigentlich eine Ahnung, wie viel ich für diese Vorträge bekomme? So viel verdiene ich in der Praxis im ganzen Monat nicht!“

Valencia schnaubte. „Dir geht es doch nur um deinen Ruhm! Die Leute sollen dich bewundern. Das ist es, was du willst! Deswegen die Vorträge und die vielen Patienten. Du müsstest dich mal sehen, wie du sie anlächelst, als wärst du der Gott der Chirurgie! Und dabei bist du nur …“

„Valencia! Es reicht! Ich lasse mich von dir nicht beleidigen.“ Ricardo atmete heftig.

Valencia schwieg zunächst, er hörte nur ein Rauschen in der Leitung. „Ich rufe dich nach der Vernissage noch einmal an.“, sagte sie kurz darauf kühl. „Vielleicht hast du dich dann ja wieder beruhigt.“ Wortlos legte sie auf.

So heftig waren sie noch nie aneinandergeraten. Valencia war sehr selbstbewusst. Das hatte Ricardo an ihr gefallen, aber in letzter Zeit war sie richtig herrisch geworden. Oder war sie immer schon so gewesen und er hatte es nur nicht gemerkt?

Ricardo ging hinaus auf die Veranda und rückte die Stühle zurecht. Er war so aufgebracht, dass er sich nicht setzen konnte. Dass er sich auf Fuerteventura ausruhen wollte, war nur die halbe Wahrheit. Er brauchte auch Abstand von Valencia. Schon bei der letzten Reise hatte er das Gefühl gehabt, vor ihr fliehen zu müssen.

Ricardo stutzte. Mit rasantem Tempo fuhr ein Motorrad auf die Finca zu. Es war Carlos, der Sohn des Hafenwirtes.

„Luiz schickt mich. Sie müssen sofort kommen, Doktor! Er hat eine Frau an Bord. Sie ist bewusstlos.“ Schnell ging Ricardo ins Haus und holte seine Arzttasche. In der Hand hielt er schon den Autoschlüssel.

„Fahren Sie mit mir, das geht schneller.“

Einen Moment zögerte Ricardo, dann stieg er hinten auf das Motorrad. Er duckte sich hinter dem Fahrer und hoffte, dass sie schnell ankommen würden. Auf der Hafenmole hatten sich schon ein paar Fischer an Luiz’ Boot versammelt.

„Schnell, sie liegt in der Kajüte. Es geht ihr nicht gut!“, rief Luiz Ricardo zu. „Sie hat ein paar deutsche Worte gestammte. Spanisch kann sie wohl nicht.“

Ricardo sprang mit einem Satz auf das Boot und eilte in die Kajüte. Die Frau war wieder bei Bewusstsein.

„Ich habe ihr bereits etwas zu trinken gegeben“, sagte Luiz.

Die Frau lag auf dem Boden und schien sehr erschöpft zu sein. Mit schnellen, sicheren Handgriffen prüfte Ricardo ihren Puls, legte eine Hand auf den Bauch, die andere auf den Rippenbogen und ertastete ihre Atmung. Dann bog er ihren Kopf nach hinten und öffnete ihren Mund. Die Mundhöhle war frei. Er tastete den Körper der Frau ab, es war nichts gebrochen und sie schien keine inneren Verletzungen zu haben.

Als Ricardo sie anhob, röchelte sie. Ricardo drehte behutsam ihren Kopf zur Seite und hielt sie fest. Sie würgte und erbrach einen Schwall Wasser. Keuchend hielt sie sich an Ricardos Arm fest.

„Können Sie mich hören?“, fragte er laut.

Sie nickte schwach.

Ricardos Deutsch war gut, er hatte in Heidelberg studiert. „Ich werde Sie jetzt ins Krankenhaus fahren, dort wird man Sie versorgen“, sagte er.

Sie schüttelte heftig den Kopf und erbrach sich wieder.

„Nein“, flüsterte sie, „nicht Krankenhaus“. Sie holte tief Luft und drehte sich zu Ricardo um.

Wie zerbrechlich sie aussieht, dachte er. Instinktiv verspürte er das Bedürfnis, sie zu beschützen. Er sah sie prüfend an, ihr Zustand war nicht lebensbedrohend, soweit er das einschätzen konnte.

„Sie waren bewusstlos und haben viel Flüssigkeit verloren. Es ist wichtig, dass Sie gründlich untersucht werden.“

„Nicht Krankenhaus“, flüsterte sie wieder. „Nach Hause.“

„Wo ist Ihr Zuhause?“, fragte er behutsam.

Sie sah ihn matt an und schien ihn nicht zu verstehen.

„Wissen Sie, wo Sie wohnen?“, fragte Ricardo noch einmal und betonte jedes einzelne Wort. Sie schüttelte langsam den Kopf.

Eine Touristin, die zu weit hinausgeschwommen ist, dachte er. Sie wusste den Namen ihres Hotels nicht mehr, auch das kam oft vor. Erschöpft lehnte sie ihren Kopf auf seinen Arm, als suche sie seinen Schutz.

Ricardo drehte sich zu Luiz um. „Hast du dein Auto hier am Hafen?“

„Ja, es steht auf dem Parkplatz.“

„Dann hol es her, wir bringen sie zu mir“, sagte Ricardo.

Luiz sah ihn erstaunt an. „In ihrem Zustand? Ist das nicht zu riskant?“

„Glaub mir, ich weiß, was ich tue. Ich bin schließlich Arzt.“

Luiz runzelte die Stirn und ging davon.

Über das Gesicht der Frau huschte ein schwaches Lächeln. Sie flüsterte etwas. Ricardo hielt sein Ohr an ihren Mund, um sie zu verstehen.

„Danke“, hauchte sie und schloss die Augen. Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Ricardo auf den Boden und nahm sie in den Arm. Sie fühlte sich leicht an, zart und vertraut.

Ricardo nestelte einen Stift und ein Blatt Papier aus seiner Tasche. Es war schwierig zu schreiben, weil er mit dem linken Arm die Frau festhielt. Aber er wollte sie nicht auf den Boden legen. Schließlich schaffte er es doch, eine Liste mit dem medizinischen Bedarf zu schreiben, den Luiz ihm später aus der Apotheke holen sollte.

Luiz kehrte zurück. „Der Wagen steht oben, direkt am Schiff, wir können sie jetzt hochtragen“, sagte er.

„Gut, ich halte sie am Oberkörper und du nimmst ihre Beine.“ Luiz zwängte sich in die Kajüte. Gleichzeitig hoben sie die Frau an. Sie verzog das Gesicht und stöhnte.

Vorsichtig hoben die beiden Männer sie über die Reling. Zunächst legten sie sie behutsam auf die Ladefläche des Pickup. Ricardo breitete hastig die Decke aus, die Luiz ihm aus dem Führerhaus zuwarf. Er setzte sich auf die Decke, zog die junge Frau zu sich heran und lehnte sich mit dem Rücken ans Fahrerhaus. Erst jetzt bemerkte er die Fischer und Touristen, die neugierig näher gekommen waren.

„Fahr los!“, rief Ricardo.

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In schnellem Tempo fuhr Luiz die Mole hinab. Laut hupend schlängelte er sich auf der stark befahrenen Hauptstraße an den drängelnden Fahrzeugen der Spanier und den langsamen Mietautos der Touristen vorbei. Als er in die kleine Asphaltstraße eingebogen war, wurde die Fahrt ruhiger.

Plötzlich bremste er scharf und Ricardo rutschte mit der Frau über die harte Ladefläche. Sie stöhnte und verzog schmerzhaft das Gesicht. Besorgt fühlte Ricardo ihren Puls. Er war schwach, aber regelmäßig. Vorn stieß Luiz die Fahrertür auf, sprang heraus und brüllte los. Jemand keifte mit schriller Stimme zurück.

Ricardo hörte, wie Luiz wieder einstieg, die Fahrertür zuknallte und den Wagen rumpelnd über das steinige Feld am Straßenrand lenkte. Die Frau in Ricardos Arm verzog wieder das Gesicht und presste ihren Kopf in seinen Arm. Er wollte gerade wütend an das Fahrerhaus klopfen, als er den schmalen Eselskarren sah, der mitten auf der Teerstraße fuhr. Die schwarz vermummte Alte, die den Karren lenkte, hatte sich offensichtlich geweigert, den Weg frei zu machen. Als Luiz vor ihr wieder auf die Straße einscherte, drohte sie mit der Faust.

Ricardo war froh, als sie endlich vor der Finca anhielten. Es war dunkel geworden und sie konnten kaum etwas erkennen. Ricardo wollte Luiz bitten, das Außenlicht anzumachen, doch der klappte schon die Ladefläche herunter.

„Lass mich das machen, ich trage sie hinein. Du kannst das Licht anmachen“, sagte er.

„Soll ich sie nicht besser tragen?“, fragte Ricardo, „du weißt nicht, wie man sie halten muss. Schließlich bin ich der Arzt.“

„Das sagst du mir jetzt zum zweiten Mal. Du magst es zwar im Kopf haben, aber in den Armen hab ich’s.“ Um das zu bekräftigen, spannte Luiz demonstrativ seinen eisenharten Bizeps an. Dann streckte er die Arme nach der Frau aus. „Ich lasse sie schon nicht fallen“, sagte er beruhigend.

Ricardo hob sie ihm entgegen und Luiz nahm sie wie ein kleines Kind auf den Arm. Mit ernstem Gesicht ging er auf das Haus zu. Ricardo lief vorweg, schloss die Tür auf und knipste das Licht an.

„Hierher, ins Schlafzimmer!“ Ricardo eilte zu der Tür am Ende des Flures.

„Ich weiß, wo das Schlafzimmer ist“, knurrte Luiz. „Schließlich hab ich das Haus gebaut.“

„Tut mir leid, war nicht so gemeint. – Vorsicht, du tust ihr weh!“ protestierte Ricardo, als Luiz sie auf das Doppelbett plumpsen ließ. Die Frau stöhnte und bäumte sich auf.

„Ihr Rücken ist verbrannt, sie muss auf der Seite liegen.“ Vorsichtig drehte Ricardo sie um und strich ihr beruhigend mit der Hand über den Kopf. Luiz nahm die Decke, die Ricardo hastig zur Seite geschoben hatte und breitete sie sorgfältig über der Frau aus. Sofort entspannten sich ihre Gesichtszüge.

„Schlafen“, murmelte die Frau, „schlafen. So müde.“ Schweigend sahen die Männer ihr zu.

„Und was nun?“, fragte Luiz.

Ricardo sah auf seine Uhr und holte den Zettel aus seiner Hosentasche.

„Wenn du dich beeilst, schaffst du es noch zur Apotheke. Ich brauche dringend Medikamente und Spritzen.“

Luiz verzog das Gesicht. „Was würdest du eigentlich machen, wenn du mich nicht hättest?“

„Dann würde ich jetzt Marias Paella essen und keine Meerjungfrau verarzten.“

„Dafür bist du der Arzt“, grinste Luiz und ging schnell hinaus.

Die Frau atmete gleichmäßig, sie schlief tief und fest. Ricardo war beruhigt, ihr Zustand schien sich zu stabilisieren. Das war das Wichtigste. Sie war in einem schlimmen Zustand, es würde dauern, bis sie geheilt war. Ihr Gesicht war krebsrot und geschwollen, die Haut an den Lippen aufgesprungen.

Im Boot hatte Ricardo gesehen, dass die Sonne Rücken, Beine und Arme verbrannt hatte, und wenn er ihren Körper nicht bald mit einer Spezialsalbe behandelte, würden sich gefährliche Blasen bilden. Ihm waren auch Schürfwunden an Bauch und Beinen aufgefallen, sie kamen vermutlich von der Holzpalette, auf der sie gelegen hatte. Außerdem war sie dehydriert, ihr Flüssigkeitsmangel machte Ricardo Sorgen. Hoffentlich beeilte Luiz sich, die Frau brauchte dringend eine Infusion mit Kochsalzlösung.

Ricardo wollte sie genauer untersuchen und schlug die Bettdecke zurück. Als er kurze Zeit später mit der Untersuchung fertig war, hörte er in der Küche Geschirr klappern. Ob Luiz schon wieder da war? Ricardo stand auf und sah nach.

„Maria? Was machst du denn hier?“, fragte er erstaunt.

Sie nahm gerade den Wasserkessel vom Herd. Ohne Ricardo zu beachten, goss sie heißes Wasser in eine große Tasse, prüfte mit dem kleinen Finger die Temperatur und senkte langsam einen Beutel mit Kräutern hinein.

„Maria, stimmt etwas nicht?“, fragte er irritiert.

„Eine Frau gehört nicht in ein Haus, in dem ein Mann allein ist. Das ist nicht gut. Luiz hätte sie zu mir bringen sollen. Ich hätte sie pflegen müssen.“ Krachend zog sie eine Schublade auf und nahm eine Gabel heraus. „Heute rufen sie wegen jeder Kleinigkeit den Arzt, nicht einmal Kinder können sie noch allein bekommen. Dabei gibt es für alles ein Heilmittel.“

Mit der Gabel fischte Maria den Beutel mit den Kräutern wieder aus der Tasse. Erst jetzt fiel Ricardo ein, dass Maria ja Hebamme war.

„Maria, sie ist halb verdurstet und von der Sonne verbrannt. Sie bekommt nachher eine Infusion, dann geht es ihr besser.“

Maria schnaubte wütend. „Alles wisst ihr heute besser! Als wenn wir uns früher nicht hätten helfen können! Hast du eine Ahnung, wie viele Verunglückte sie mir ins Haus geschleppt haben? Alle hab ich durchbekommen, alle! Und kein Kind ist mir unter den Händen weggestorben.“

„Ich glaub dir ja, Maria“, beruhigte Ricardo sie, „aber die Frau braucht medizinische Hilfe.“

Maria nahm die Teetasse und ging an Ricardo vorbei in den Flur. „Nimm die Tasche da“, sie deutete auf eine altmodische schwarze Ledertasche, die vor der Küchentür stand, „und bring sie mir.“

Ricardo trug ihr die Tasche ins Schlafzimmer hinterher. Aufmerksam stand Maria vor der Frau und betrachtete sie. Dann setzte sie sich auf die Bettkante, hob den Kopf der Frau an und rieb ihr das Ohrläppchen. Die Frau schlug die Augen auf und Maria führte behutsam die Tasse an ihre Lippen.

„Trink, meine Kleine, trink nur, das wird dir helfen“, flüsterte sie ihr zu.

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