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Sommerfrische – Verbotene Küsse im Mondschein

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Nicola Cornick

Sommerfrische – Verbotene Küsse im Mondschein

Roman

Wenn Gentlemen alles auf eine Karte setzen, um ihre Herzdame zu erobern …

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1. KAPITEL

Die Saison hatte zwar erst begonnen, doch es hielten sich bereits zahlreiche Kurgäste in Harrogate auf. An einem Spätnachmittag im Juni fuhr die aus Leeds kommende Kutsche auf den Hof der Posthalterei, und sieben Passagiere stiegen aus – eine vierköpfige Familie, eine ältere, von einem sehr viel jüngeren Mann begleitete Dame sowie Lady Annis Feltham, Baroness Wycherley. Lady Wycherley kannte die Stadt, da sie in der Nähe geboren worden war und zahlreiche Sommer mit ihren Cousins und Cousinen hier verbracht hatte, wenn ihr Vater auf Landurlaub gewesen war. Er hatte bei Skipton ein kleines Anwesen erstanden, das sich seit nunmehr fast zehn Jahren in ihrem Besitz befand. Dort hielt sie sich auf, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergab. Da sie als Patronesse für Debütantinnen fungierte, weilte sie jedoch auch häufig in London, Brighton oder Bath, wenngleich von allen Städten, die bei der feinen Gesellschaft en vogue waren, Harrogate als der populärste Badeort galt. Unter den auf dem Platz wartenden Leuten entdeckte sie Charles, nahm ihren Portemanteau an sich und eilte zum Vetter.

Die meisten Frauen würden ihn als sehr attraktiv bezeichnen. Wie seine Schwester Sibella hatte er blaue Augen und ein ansprechendes Gesicht, und sein Lächeln war sehr gewinnend. Er arbeitete als juristischer Berater für Mr. Ingram, den erfolgreichsten Kaufmann der Stadt, und bekleidete daher in der Gesellschaft eine gehobene Position.

Annis stellte das Gepäck ab und umarmte ihn herzlich.

Zuneigungsvoll drückte er sie an sich, schob sie dann auf Armeslänge von sich fort und schaute sie belustigt an. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt, seit fast acht Jahren verwitwet und sah sehr gut aus. Ihr ovales Gesicht mit den nussbraunen Augen, der ebenmäßigen Nase und den hübsch geschwungenen vollen Lippen war sehr ausdrucksvoll und ihr Teint makellos. Ihre Schönheit kam nicht recht zur Geltung, weil das herrliche blonde Haar von einer Schute bedeckt wurde. Über einem einfachen Reisekleid trug sie eine schlichte graue Pelerine. “Du meine Güte, Annis!”, sagte Charles verdutzt. “Was hast du aus dir gemacht?”

“Wie schön, dich wiederzusehen, Charles”, antwortete sie lächelnd. “Was stört dich an meinem Aussehen? Ich kleide mich schlicht, wie es sich für jemanden gehört, der als Chaperone fungiert.”

“Deine Garderobe, meine Liebe, macht dich um Jahre älter”, erwiderte Charles kopfschüttelnd. “Beinahe hätte ich dich nicht wiedererkannt!”

“Eine allzu elegante Aufmachung wäre bei meiner Tätigkeit gänzlich unangebracht”, entgegnete Annis trocken.

“Hattest du angenehme Mitreisende?”, erkundigte er sich.

“Teils, teils”, antwortete sie und winkte den Fairlies zu, die soeben in die Herberge gingen. “Die Familie mit den beiden Kindern war sehr nett, aber leider kann ich das von den anderen Herrschaften nicht behaupten. Wie geht es dir und Sibella?”

“Sie erwartet ihr viertes Kind”, erklärte Charles. “Folglich ist ihr Befinden den Umständen entsprechend. Und ich kann nicht klagen.”

“Auch du solltest bald ans Heiraten denken”, meinte Annis schmunzelnd. “Findest du das nicht auch?”

“Nein”, sagte Charles auflachend. “Dafür bleibt mir noch viel Zeit. Ich schlage vor, wir fahren gleich in die Church Row”, fügte er an, nahm das Gepäck an sich und reichte der Cousine den Arm. “Du hast hinreichend Zeit, dich dort einzurichten”, setzte er auf dem Weg zu seiner Kutsche hinzu. “Sibella wird dich erst abends aufsuchen. Wann treffen deine Schützlinge ein?”

“Am Freitag. Sir Robert Crossley wird seine Töchter in Begleitung von Mrs. Hardcastle herbringen. Ich hoffe, dass sie ihnen bereits etwas Schliff beigebracht hat.”

“Wie steht es um beider … hm … Mitgift?”, wollte Charles wissen.

“Jede von ihnen wird so viel Geld haben, dass sie sich halb Harrogate kaufen kann”, erklärte Annis schmunzelnd. “Indes wird es bei Miss Fanny in Anbetracht ihrer schlechten Manieren nicht reichen, um einem Mann, der sich für sie interessiert, den Gedanken zu versüßen, sie zu heiraten. Zudem sieht sie nicht besonders gut aus und hat obendrein eine äußerst scharfe Zunge. Ich bin sicher, dass es mir nicht gelingen wird, einen Ehemann für sie zu finden.”

“Stell dein Licht nicht so unter den Scheffel”, erwiderte Charles lächelnd. “Dein Ruf als erfolgreiche Ehestifterin ist selbst bis hierher gedrungen.”

“Nun, vielleicht schaffe ich es, Miss Fanny oder Miss Lucy an den Mann zu bringen, aber beide … nein, das glaube ich nicht. Oder suchst du zufällig eine Frau mit großer Mitgift?”

“Nein!”, antwortete Charles entschieden. “Ich habe jedoch einen Klienten, Sir Everard Doble, der sich vermählen möchte. Er ist ein anständiger, aber ziemlich langweiliger Mensch, dessen Besitz leider hoch belastet ist. Wenn du willst, stelle ich ihn deinen beiden Schützlingen vor.”

“Das ist ein guter Einfall, Charles”, stimmte Annis zu. “Vielleicht hat meine Aufgabe sich dann schon zur Hälfte erledigt. Im Gegensatz zu Miss Fanny ist die jüngere Miss Lucy umgänglich, sodass ich die Hoffnung habe, einer der in der Stadt weilenden Offiziere werde Gefallen an ihr finden. Sollte ich es schaffen, beide Schwestern unter die Haube zu bringen, wenngleich wohl keine von ihnen eine exzellente Partie machen wird, dann kann ich noch einige Zeit in Starbeck bleiben. Diese Möglichkeit war der eigentliche Grund, weshalb ich Sir Roberts Auftrag überhaupt angenommen habe.”

“Über Starbeck müssen wir uns bald eingehender unterhalten, Annis. Leider muss ich dir mitteilen, dass in den vergangenen Monaten kein Pächter es dort lange ausgehalten hat und das Haus in erbärmlichem Zustand ist.”

Der Ton, in dem Charles gesprochen hatte, beunruhigte Annis. Seit dem Tod des Vaters hatte der Cousin den Besitz für sie verwaltet und ihr schon öfter vorgehalten, es sei Gefühlsduselei, Starbeck, das mehr Kosten verursachte, als es Gewinn abwarf, nicht abzustoßen. Bei ihrem schmalen Einkommen könne sie sich den Unterhalt nicht länger leisten. Da sie jedoch sehr an ihrem Heim hing, wollte sie es nicht veräußern.

“Natürlich stehe ich dir für ein Gespräch zur Verfügung, Charles”, erwiderte sie betroffen und hielt dann inne, weil ein Phaeton mit zwei Insassen viel zu schnell auf den Platz fuhr und etliche Reisende genötigt wurden, ihm hastig auszuweichen. Die üppig gewachsene, schwarzhaarige Dame zog Annis’ Blick auf sich, da sie kostspielig gekleidet war. Neugierig ließ sie den Blick über den Hof schweifen und einen Moment lang auf Charles verweilen, ehe sie die braunen Augen auf ihren Begleiter richtete, dessen Hand ergriff und sich von ihm aus der Kutsche helfen ließ.

“Nanu, was will der Earl of Ashwick hier?”, murmelte Charles.

Annis fragte sich, ob in seiner Stimme ein neidischer oder ablehnender Unterton mitgeschwungen hatte, und blickte wieder zu Seiner Lordschaft hinüber, der mit einem Angestellten der Posthalterei sprach. Sie hatte von ihm gehört, wie wohl jeder in Londons guter Gesellschaft. Er war mit dem Duke of Fleet und dem Earl of Tallant befreundet, zwei Herren, deren Skandale den ton seit Jahren in Atem gehalten hatten. Und von Lord Ashwick hieß es, er sei wie sie der Spielleidenschaft verfallen und verkehre in recht dubiosen Kreisen. Annis hatte ihn nie kennengelernt, wusste jedoch, dass seine Vorfahren über Generationen hinweg in Yorkshire ansässig waren und seiner Familie hier größere Ländereien gehörten. Wahrscheinlich befand er sich auf der Reise zu seinem Landsitz.

Er und seine Begleiterin hatten das Gespräch mit dem Bediensteten beendet und näherten sich Charles und Annis auf dem Weg zum Haupteingang der Umspannstelle. Als beide mit ihnen auf gleicher Höhe waren, hielten sie zu Annis’ Überraschung an, und der Earl verneigte sich leicht.

“Guten Tag, Mr. Lafoy”, sagte er kühl und lächelte mokant.

“Guten Tag, Mylord”, erwiderte Charles steif.

Sogleich hatte Annis den Eindruck, dass zwischen beiden Männern eine ihr unerklärliche Spannung bestand. Seine Lordschaft war kein besonders gut aussehender Mann, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Er war von hohem, kräftigem Wuchs und hatte ein kantiges, streng wirkendes Gesicht, graue Augen und an den Schläfen leicht ergrautes Haar, wenngleich er wohl höchstens Anfang dreißig war. Er hatte das Flair eines Menschen, der energisch und tatkräftig war, und nicht, wie sie erwartet hätte, die eines ausschweifenden Lebemanns. Mit seiner gebieterischen, selbstbewussten Aura unterschied er sich sehr von Charles, und unwillkürlich fühlte Annis sich von ihm beeindruckt.

Plötzlich richtete er den Blick auf sie. Rasch senkte sie die Lider, weil sie von ihm nicht dabei ertappt werden wollte, dass sie ihn beobachtete.

“Guten Tag, Madam”, begrüßte er sie mit einer angedeuteten Verneigung.

“Das ist die Dowager Baroness Wycherley, meine Cousine”, stellte Charles sie ihm widerstrebend vor.

Sein unüberhörbar steifer Ton belustigte Annis. Sie sah Seine Lordschaft an und bemerkte, dass auch er amüsiert war. Erheitert zog er, während er Annis anschaute, die rechte Braue hoch. “Guten Tag, Mylord”, äußerte sie höflich.

“Ihr Diener, Lady Wycherley”, erwiderte er, ergriff ihre Hand und hob sie zum Kuss an die Lippen.

Sie bereute, dass sie ihn in diesem Moment anschaute, da sie seinen prüfenden Blick bemerkte. Zu ihrer Bestürzung verriet der Ausdruck in seinen grauen Augen eindeutig Interesse an ihr, und voller Unbehagen entzog sie ihm ihre Hand.

Aus Verärgerung über die Nichtbeachtung zupfte Margot ihn am Arm, blickte ihn kokett an und äußerte schmollend: “Möchten Sie mich nicht mit den Herrschaften bekannt machen, Ashy?”

Annis biss sich auf die Zunge, um nicht laut aufzulachen. Aus dem Mund dieser Person, die mit französischem Akzent sprach, hatte die Verniedlichung des Titels Seiner Lordschaft einfach lächerlich geklungen.

“Miss Margot Mardyn”, stellte Adam sie in gleichgültigem Ton vor. “Mr. Charles Lafoy und Lady Wycherley.”

“Sehr erfreut”, sagte Margot strahlend. “Ich bin sicher, Sie haben bereits von mir gehört, nicht wahr?”

“Natürlich”, antwortete Annis hastig.

Verständnislos schaute Charles Miss Mardyn an.

“Ich weiß, dass wir im Sommer das Vergnügen haben werden, Sie auf der Bühne des Theatre Royal bewundern zu können”, fuhr Annis fort. “Charles und ich werden ganz gewiss eine der Vorstellungen besuchen.”

“Ich hoffe, Sie nach dem Ballett zu sehen, Mr. Lafoy”, wandte Margot sich lächelnd an ihn und drückte auffordernd den Arm des Earls. “Mir ist kalt, Ashy. Ich begreife nicht, warum das Wetter in England immer so miserabel ist!”

Annis sah ihn an und stellte befremdet fest, dass er sie nicht aus den Augen gelassen hatte. Er verneigte sich und lächelte in einer Weise, die sie ziemlich irritierte. Beunruhigt hoffte sie, nicht zu erröten, und fragte sich, wieso sie sich zu ihm, dessen Lebensstil sich stark von ihrem unterschied, hingezogen fühlte.

“Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt und freue mich darauf, Madam, Sie wiederzusehen”, äußerte Adam höflich, bevor er sich mit Miss Mardyn entfernte.

Verhalten seufzend schaute Charles ihr hinterher und erkundigte sich betont gleichmütig: “Was weißt du über Miss Mardyn, Annis?”

“Sie ist Sängerin und Tänzerin und war zuletzt im Drury Lane Theater engagiert”, antwortete Annis. “Kannst du dich endlich von ihrem Anblick losreißen und mir in die Kutsche helfen, Charles?”, fügte sie auflachend hinzu.

“Oh, Pardon!”, entschuldigte er sich, war ihr behilflich und nahm neben ihr Platz. Sobald Thompson das Gespann angetrieben hatte und der Landauer vom Platz fuhr, wiederholte Charles: “Tänzerin? Sie ist doch höchstens siebzehn Jahre alt.”

“Du irrst dich, mein Lieber”, widersprach Annis belustigt. “Sie ist mindestens fünfunddreißig. Die Verjüngungskur hat sie bestimmt den Schminkkünsten ihrer sehr fähigen Zofe zu verdanken. Außerdem stammt sie nicht aus Frankreich, sondern aus Portsmouth, wo sie im Hafenviertel aufgewachsen ist. Wenn du sie unbedingt wiedersehen willst, dann solltest du dich bald um Eintrittskarten für das Ballett bemühen.”

“Wie man sich doch täuschen kann”, murmelte Charles betroffen. “Wie kommt es, dass sie mit Lord Ashwick zusammen ist?”

Annis warf dem Cousin einen bedeutungsvollen Blick zu.

“Nun, das hätte ich mir denken können”, meinte er grinsend.

“Natürlich kann es sein, dass er sie einem Freund zuliebe mitgenommen hat”, meinte Annis. “Vor der Abreise aus London habe ich nämlich gehört, sie sei die Mätresse des Duke of Fleet. Ich habe jedoch nicht damit gerechnet, diesen Paradiesvogel hier zu sehen.”

“Du bist, wie mir scheint, über den neuesten Klatsch bestens auf dem Laufenden”, erwiderte Charles amüsiert. “Hoffentlich hältst du deine neuen Schützlinge davon ab, Gerüchten zu glauben!”

“Seit wann legst du so großen Wert auf Moral, Charles?”, wunderte sich Annis und schaute auf die am Wagen vorüberziehenden, von der Nachmittagssonne beschienenen Häuser. “Oh, es ist wundervoll, wieder hier zu sein!”, rief sie entzückt aus. “Zum letzten Mal war ich vor zwei Jahren in Harrogate, und das auch nur sehr kurz.” Sie wandte sich erneut dem Vetter zu, räusperte sich und sagte: “Ich wusste nicht, dass du den Earl of Ashwick kennst, Charles.”

“Ich bin ihm im letzten Jahr begegnet, nach dem Tod von Lord Tilney, seinem Schwager”, erklärte Charles.

“Ich hatte den Eindruck, dass zwischen euch eine gewisse Spannung besteht.”

“Ja, das stimmt”, räumte Charles unbehaglich ein. “Viscount Tilney hatte geschäftlich mit Mr. Ingram zu tun. Die Transaktion war jedoch nicht erfolgreich, sodass er hohe Verbindlichkeiten hatte. Die Schuldscheine wurden dann von Mr. Ingram übernommen, und Lord Ashwick willigte ein, die Außenstände zu begleichen, damit seine Schwester, die verwitwete Viscountess, finanziell nicht in Schwierigkeiten geriet. Die Verhandlungen sind nicht immer reibungslos verlaufen.”

Samuel Ingram, Charles’ wichtigster Klient, hatte den Ruf, in geschäftlichen Dingen nicht mit sich reden zu lassen. Annis konnte sich gut vorstellen, dass es jemandem wie dem Earl of Ashwick zuwider gewesen war, Schulden bei ihm zu haben. “Welcher Art war diese Transaktion?”, fragte sie neugierig.

“Eigentlich müsstest du dich erinnern, weil die Zeitungen voll davon waren”, antwortete Charles. “Die ‘Northern Prince’, die vor eineinhalb Jahren mit Mann und Maus auf der Fahrt zu den Kolonien unterging, gehörte zu gleichen Teilen Mr. Ingram und Lord Tilney. Aufsehen hat dieses Unglück vor allem deshalb erregt, weil ein Teil der Ladung aus Goldbarren, Silbermünzen, Banknoten und anderen Wertgegenständen bestand.”

“Das Schiff war doch gewiss versichert”, warf Annis ein.

“Ja, aber Lord Tilney hatte sich finanziell derart übernommen, dass er die Einlagen nicht in voller Höhe leisten konnte. Unter normalen Umständen hätte er seine Schulden in einigen Jahren abtragen können. So jedoch beliefen sich seine Verbindlichkeiten schließlich auf dreißigtausend Pfund. Wie gesagt, Mr. Ingram hat diesen Betrag übernommen, damit Lord Tilney nicht noch weiter in die Fänge von gierigen Geldverleihern geriet.”

Annis fand es seltsam, dass Mr. Ingram sich derart großzügig verhalten hatte. “Wie generös von ihm”, sagte sie trocken und wechselte das Thema. “Ist die ‘Northern Prince’ tatsächlich untergegangen? Oder hat Mr. Ingram dem Unglück vielleicht etwas nachgeholfen?”

“Weder das eine noch das andere!”, äußerte Charles entsetzt. “Um Himmels willen, sag so etwas nie in der Öffentlichkeit!”

“Ich habe nicht die Absicht, Charles.” Annis schüttelte den Kopf. “Ich verstehe nicht, warum du dich so aufregst. Schließlich war das nur eine Frage. Übrigens habe ich gelesen, dass es auf Mr. Ingrams Gut in Shawes gebrannt hat und man den Grund für das Entstehen des Feuers nicht kennt.”

“Es war keine Brandstiftung!”, verkündete Charles heftig und schaute die Cousine scharf an. “Warum interessiert dich das so?”

“Nun, ich weiß, dass man Drohungen gegen ihn ausgestoßen und schon früher Brände gelegt hat. Schließlich ist er in der Gegend äußerst unbeliebt.”

“Nun, ich muss zugeben, dass es der Dorfweiden wegen in Shawes zu Unruhen gekommen ist und man auch Anstoß an seinen Pachtforderungen genommen hat …”

“So parteiisch kann nur ein Advokat reden”, unterbrach Annis seufzend.

“Ich bin Mr. Ingrams Anwalt”, stellte Charles gelassen fest. “Also muss ich auf seiner Seite sein.”

“Dafür wirst du honoriert, und das sicher nicht schlecht.”

“Du nimmst wahrlich kein Blatt vor den Mund, Annis. “Wenn du ebenso freimütig mit den Verehrern deiner Schützlinge redest, wundert es mich, dass dir bei deiner Tätigkeit Erfolg beschieden ist.”

“Übersieh bitte nicht, dass diese Herren eine der jungen Damen, die ich unter meine Fittiche genommen habe, heiraten wollen, und nicht mich!”, entgegnete Annis ein wenig verstimmt. “Und ich habe ohnehin nicht vor, mich ein zweites Mal zu vermählen.”

“Dein Standpunkt ist mir unbegreiflich”, entgegnete Charles. “Wärst du verheiratet, müsstest du nicht für deinen Lebensunterhalt aufkommen.”

“Erstens hasse ich Müßiggang, und zweitens ziehe ich meine Unabhängigkeit vor. In meiner Ehe habe ich mich arg eingeengt gefühlt.” Annis blickte auf die Straße und dachte daran, dass die Unstimmigkeiten zwischen John und ihr kein Geheimnis gewesen waren. Obwohl seit dem Tod des sehr viel älteren Gatten inzwischen acht Jahre vergangen waren, empfand sie noch immer Kummer darüber, dass sie keine glückliche Ehe mit ihm geführt hatte.

“Entschuldige, Annis”, murmelte Charles kleinlaut. “Ich wollte keine unliebsamen Erinnerungen in dir wecken.”

“Schon gut”, erwiderte sie gedehnt. “Du weißt, John hatte sehr fest umrissene Vorstellungen davon, wie Frauen zu sein haben und wo ihre Grenzen sind. Gottlob bin ich jetzt nicht mehr gezwungen, seine Ansichten zu respektieren. Also kann ich es mir erlauben, meiner Meinung unumwunden Ausdruck zu verleihen.”

“Bestimmt gibt es genügend Ehemänner, die nichts dagegen haben, dass ihre Frau Zeitung liest und eine eigene Meinung hat.”

“So ein Mann ist mir noch nie begegnet, wahrscheinlich deshalb, weil ich nicht Ausschau nach ihm halte.”

In diesem Moment bog die Kalesche auf die Auffahrt eines schmucken Anwesens ab und hielt auf einem von einem langen Gebäude begrenzten Stallplatz. “Hinter dem Haus befindet sich ein mit einer Mauer umgebener Garten”, erklärte Charles. “Personal habe ich bereits für dich eingestellt, abgesehen von der Wirtschafterin.”

“Danke, Charles. Mrs. Hardcastle wird bald eintreffen und die Leitung des Haushaltes übernehmen.”

“Das Haus ist sehr gut eingerichtet und hat die für dich notwendigen Räumlichkeiten. Ich bin überzeugt, es wird dir gefallen”, fügte Charles hinzu, stieg aus und half der Cousine aus dem Wagen. “Geschäfte für den täglichen Bedarf sind in der Nähe und leicht zu erreichen. Ansonsten ist das hier eine recht beschauliche Gegend.”

“Gut, denn ich möchte nicht, dass meine neuen Schützlinge von Betrunkenen oder aufdringlichen Nachbarn belästigt werden”, erwiderte Annis erleichtert, vernahm im gleichen Augenblick lautes, grelles Gelächter und drehte sich befremdet um. Sie sah noch einen grüngelb lackierten Phaeton von der Straße abbiegen und auf das angrenzende Grundstück fahren, zog die Augenbrauen hoch und fragte, irritiert den Vetter ansehend: “Sind das meine Nachbarn?”

“Hm, ja”, antwortete er betreten.

“Was würde wohl Ihre Mutter sagen, Ashy, wüsste sie, dass Sie mich hierher mitgenommen haben?”, fragte Margot und setzte sich auf die Armlehne des Fauteuils, in dem Lord Ashwick Platz genommen hatte.

Er hob den Kopf, blickte flüchtig auf ihre straffen Brüste und sagte, während er die Augen wieder auf die Lektüre richtete: “Bitte, setzen Sie sich woanders hin, Miss Margot. Sie sind mir im Licht. Außerdem wird Tranter gleich den Tee servieren.”

Schmollend stand Margot auf, ging zur Chaiselongue und ließ sich in aufreizender Haltung darauf nieder. “Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Ashy”, sagte sie pikiert.

Seufzend ließ er die Zeitung sinken. Ihm war klar, dass er keine Ruhe haben würde, bis er Miss Mardyn ins Hotel gebracht hatte. Dummerweise hatte ein Pferd ein Hufeisen verloren, sodass er genötigt gewesen war, in der Umspannstelle Station zu machen. Danach hatte Miss Mardyn darauf bestanden, von ihm zum Tee eingeladen zu werden. “Ich bin überzeugt, dass meine Mutter entzückt sein wird, Sie hier anzutreffen, Margot”, erwiderte er ironisch.

“Fein!”, äußerte sie zufrieden. “Müssen wir Tee trinken, oder können wir die Zeit auch anders nutzen? Sebastian muss ja nichts davon erfahren.”

“Ich denke nicht daran, ihn zu hintergehen”, erwiderte Adam abweisend. “Das wäre schäbig von mir.”

“Männer und ihr Ehrgefühl!”, äußerte Margot abfällig, stand auf und ging zum Fenster. Zum nächsten Grundstück blickend, bemerkte sie Mr. Lafoy und dessen Cousine und sagte geringschätzig: “Du meine Güte, Ashy! Wie kann man nur einen so fürchterlichen Hut tragen! Sind Mr. Lafoy und Lady Wycherley unsere Nachbarn?”

So unerwartet an die Baroness erinnert, dachte Adam daran, wie belustigt sie über Miss Mardyns Äußerungen gewesen war. Im ersten Augenblick war er nicht sonderlich von ihr angetan gewesen, doch dann hatte er gemerkt, dass sie offenbar Gefallen an ihm fand. Sie hatte zwar versucht, ihr Interesse zu verhehlen, aber das war ihr nicht restlos gelungen. Ihre Befangenheit war bezaubernd gewesen, sodass er den Wunsch verspürt hatte, sie wiederzusehen.

Adam erhob sich, gesellte sich zu Miss Mardyn und schaute über den Rasen und die seinen Besitz begrenzende niedrige Mauer hinweg in den Garten des angrenzenden Anwesens. Lady Wycherley ging dort mit ihrem Vetter spazieren. Natürlich konnte er ihr nicht anlasten, dass ihr Cousin der Anwalt des ihm verhassten Mr. Ingram war. Mr. Lafoy war ihm der Rolle wegen, die er bei den Verhandlungen zwischen ihm und Mr. Ingram bezüglich der Verbindlichkeiten seines verstorbenen Schwagers gespielt hatte, von Herzen zuwider.

Überhaupt hätte Humphrey nie in ein gemeinsames Besitzrecht mit Mr. Ingram an der “Northern Prince” einwilligen dürfen. Der Schwager hatte jedoch jede Gelegenheit genutzt, zu Geld zu kommen, und war leicht zu beeinflussen gewesen. Durch den Untergang des Schiffes, der gewiss auf widrige Witterungsverhältnisse zurückzuführen war, hatte Humphrey ein Vermögen verloren, sodass Della nach seinem Tod in höchste finanzielle Bedrängnis geraten war.

Als Adam das Ausmaß der Schulden seines Schwagers festgestellt hatte, war es für ihn eine Sache der Ehre gewesen, sie zu begleichen. Die vorausgehenden Gespräche mit Mr. Ingram waren äußerst unerfreulich verlaufen, denn der Kaufmann hatte keinen Hehl aus der Freude über den für ihn gewinnträchtigen Vorgang gemacht.

Adam beobachtete Lady Wycherley und kam plötzlich durch die Tatsache, dass sie seine Nachbarin war, auf den Einfall, länger denn geplant in Eynhallow zu bleiben, wo er sich ursprünglich nur kurze Zeit hatte aufhalten wollen. Vielleicht gestaltete die Zeit in Harrogate sich dadurch abwechslungsreicher und interessanter.

“Finden Sie nicht auch, dass Lady Wycherley einen wirklich scheußlichen Hut trägt?”, fragte Margot verächtlich. “So ein grässliches Ding würde ich nie aufsetzen!”

“Ach, seien Sie still, Miss Mardyn”, erwiderte Adam ungehalten, wenngleich er ihr im Stillen recht gab. Lady Wycherley war in der Tat nicht sehr vorteilhaft gekleidet. Der Hut war nicht besonders hübsch, und die graue Farbe ihres Tageskleides machte sie blass. Sie bewegte sich jedoch mit einer natürlichen Grazie, die ihm gefiel. Plötzlich lachte sie über etwas, das ihr Vetter geäußert hatte, und schaute ihn belustigt an. Sie sah sehr jung aus, gelöst und glücklich.

Im nächsten Moment knüpfte sie die Bänder der Schute auf, nahm sie ab und strich sich über das in der Sonne wie Gold schimmernde blonde Haar. Der Anblick faszinierte Adam, und irgendwie bedauerte er, dass es zu einem Knoten aufgesteckt war. Er hätte es gern gelöst gesehen, auf die Schultern fallend, und es zwischen den Fingern hindurchgleiten gespürt. Unvermittelt entsann er sich, dass er gehört hatte, sie sei als Patronesse tätig und habe den Ruf, selbst hoffnungslos erscheinende Fälle erfolgreich an den Mann zu bringen. Die Aufgabe, der sie sich widmete, bedingte es, sich unauffällig im Hintergrund zu halten, denn keine junge, nach einem Gatten Ausschau haltende Dame sah es gern, wenn ihre Anstandsdame attraktiver war als sie.

Adam wandte sich vom Fenster ab, kehrte zu seinem Sessel zurück und nahm wieder Platz. Schon im Begriff, die unterbrochene Lektüre des Artikels über Mr. Ingram fortzusetzen, der die Absicht hatte, die Zollrechte für die Straße nach Skipton zu kaufen, wurde er durch ein Klopfen an der Salontür gestört. “Herein!”, rief er und sah gleich darauf Tranter, gefolgt von Latchem, der den Teewagen schob, ins Gesellschaftszimmer kommen.

Tranter servierte den Tee und zog sich dann diskret wieder mit Latchem zurück.

Missmutig ging Margot zu Seiner Lordschaft, ließ sich ihm gegenüber in einem Fauteuil nieder und äußerte spitz: “Hätte ich geahnt, Sir, dass Sie ein so schlechter Gesellschafter sind, wäre es besser gewesen, das mir in Cheltenham angebotene Engagement anzunehmen!”

“Es tut mir leid, Miss Mardyn, wenn ich Sie langweile”, erwiderte er kühl. “Ich bin jedoch überzeugt, dass Sie in Harrogate genügend Herren kennenlernen werden, die Sie besser unterhalten können als ich, zum Beispiel Mr. Lafoy.”

“Ich weiß nicht, ob es amüsant wäre, ihn zu erobern”, entgegnete Margot schulterzuckend. “Ich befürchte, nach einer Weile wird er sich als verknöchert und ermüdend herausstellen. Gibt es sonst niemanden, der reizvoller für mich wäre?”

Adam warf einen Blick auf die Gesellschaftskolumne der Zeitung und antwortete trocken: “Ja, der Earl of Glasgow und seine Gattin sind in diesem Sommer in der Stadt. Allerdings ist er nicht mehr der Jüngste und außerdem nicht sehr freigiebig. Des Weiteren ist Baron Boyles anwesend, ein reichlich dicker, ständig verschwitzter Patron, sowie Sir Everard Doble, den ich Ihnen schon eher empfehlen kann, da er jung und einigermaßen vermögend ist.”

“Sir Everard Doble”, wiederholte Margot nachdenklich. “Nun, wenn er begütert ist …” Vielsagend hielt sie inne, schaute den Earl of Ashwick an und erkundigte sich leichthin: “Und was gedenken Sie zu unternehmen, um sich die Zeit zu vertreiben?”

“Ich habe eine Menge geschäftlicher Dinge zu erledigen”, antwortete er, vernahm im gleichen Moment Lady Wycherleys helles Lachen und beschloss, sie näher kennenzulernen.

“Du meine Güte, wie anödend!”, erwiderte Margot abfällig.

“Ganz im Gegenteil!”, widersprach Adam lächelnd. “Ich rechne ganz fest damit, dass ich viele interessante Augenblicke erleben werde.”

Karten für das Ballett waren schwer zu bekommen. Charles war es erst nach Tagen gelungen, für die in zwei Wochen stattfindende Donnerstagsvorstellung eine Loge im Theatre Royal zu buchen. Er besuchte die Aufführung mit seiner Schwester, deren Mann, seiner Cousine und deren Schützlingen, die sich seit ihrer Ankunft begeistert ins gesellschaftliche Leben der Stadt gestürzt hatten.

Nachdem der Vorhang am Ende des ersten Aktes gefallen und Beifall aufgebrandet war, äußerte Annis begeistert: “Bisher war das wunderbar, nicht wahr, Sibella?”

Sibella nickte und erwiderte mit einem Blick auf Mann und Bruder: “Ja, aber ich habe gehört, dass Miss Mardyn auf einem ganz anderen Gebiet noch begabter sein soll.”

Annis schmunzelte. Miss Mardyn war zwar keine besonders talentierte Tänzerin, bekam indes viel Applaus, vornehmlich von den Herren im Zuschauerraum. Eine Künstlerin, die sich wie sie derart lasziv und aufreizend auf der Bühne bewegte, war noch nie in Harrogate aufgetreten, und unwillkürlich fragte sich Annis, ob die Aufführung für ihre beiden Schützlinge geeignet sei. “Möchten Sie sich in der Pause die Beine vertreten, Miss Fanny, Miss Lucy?”, erkundigte sie sich freundlich.

“Nein, vielen Dank, Madam”, antwortete Fanny und schüttelte den Kopf. “Meine Schwester und ich sind hier gut aufgehoben.”

Miss Lucy kicherte verhalten. Annis war klar, dass die beiden jungen Damen in der Loge bleiben wollten, um all die attraktiven Herren im Auditorium zu beobachten, die sich nicht in die Foyers begaben.

“Sieh dir diesen seltsamen Menschen an, Lucy”, fuhr Fanny fort und wies mit dem zusammengeklappten Fächer ins Parterre. “Er ist furchtbar dürr und hat obendrein eine lange, spitze Nase!”

Annis ärgerte sich erneut über Miss Fannys schlechte Manieren. In den vergangenen zwei Wochen hatte sie versucht, dem Mädchen etwas Schliff beizubringen, mittlerweile jedoch eingesehen, dass ihre Bemühungen vergebens sein würden. Miss Fanny war nicht gewillt, sich Belehrungen anzuhören und gute Ratschläge zu befolgen. Im Gegenteil, jedes Mal, wenn man ihr Vorhaltungen machte, führte sie sich noch schlimmer auf. Sie war wie ein verzogenes kleines Kind, das ständig seinen Willen haben musste. Annis hatte resigniert und sich vorgenommen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was ihr durch das ihr von Sir Robert ...

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