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Verbotene Küsse am Pool

1. KAPITEL

Rowena Tate musste sich ungeheuer beherrschen, um nicht aus der Haut zu fahren, als Margaret Wellington, die Assistentin ihres Vaters, sie mit geheimnisvoller Stimme warnte: „Ich soll dir ausrichten, dass er auf dem Weg hierher ist.“

„Und …?“ Rowena wusste genau, dass das nicht alles war.

„Nichts und. Das ist alles.“

Doch an Margarets Stimme konnte Rowena erkennen, dass sie etwas zurückhielt. „Du kannst ja noch schlechter lügen als ich.“

Margaret seufzte leise. „Ich soll dich dran erinnern, dass du dich von deiner besten Seite zeigen musst.“

Oh …! Um sich zu beruhigen, musste Rowena einmal tief durchatmen. Heute Morgen hatte ihr Vater sie per E-Mail informiert, dass er mit einem Gast vorbeikommen würde, der sich den Kindergarten ansehen wolle. Er hatte verlangt – und nicht darum gebeten, denn Senator Tate bat nie um etwas –, alles makellos vorzufinden. Damit machte er mehr als deutlichn und zwar nicht zum ersten Mal, seit sie sein Lieblingsprojekt übernommen hatte, dass er ihr nichts zutraute. Dass sie zu spontan, verantwortungslos und alles in allem unfähig sei, diese Aufgabe zu erfüllen.

Von ihrem Bürofenster aus konnte sie die Kinder auf dem Spielplatz beobachten. Nach fünf Regentagen schien endlich die Sonne, und das Thermometer war auf siebzehn Grad angestiegen, was für den Februar in Südkalifornien ziemlich normal war. So brauchten die Kinder nur leichte Jacken zu tragen, und sie rannten lachend und schreiend herum, als wären sie wochenlang eingesperrt gewesen.

Auch wenn Rowena noch so schlechter Laune war, wenn sie die Kinder beim Spielen betrachtete, musste sie einfach lächeln. Erst seit der Geburt ihres Sohnes Dylan war sie überhaupt an Kindern interessiert. Und jetzt konnte sie sich keinen schöneren Beruf als den einer Erzieherin vorstellen. Doch sie wusste, wenn sie nicht aufpasste, würde der Vater ihr auch diese Freude nehmen.

„Er wird mir wohl nie etwas zutrauen“, meinte sie erbittert.

„Immerhin hat er dir die Leitung des Kindergartens übergeben.“

„Das schon. Aber auch nach drei Monaten beobachtet er mich wie ein Luchs. Manchmal habe ich den Eindruck, er wünsche sich geradezu, dass ich versage. Nur damit er behaupten kann, er habe gleich gewusst, dass man mir nichts zutrauen kann.“

„Nein, das siehst du falsch. So ist er nicht. Er liebt dich, Row. Er kann es nur nicht zeigen.“

Seit fünfzehn Jahren arbeitete Margaret schon für Senator Tate, gehörte also quasi zur Familie. Sie war eine der wenigen, die wussten, wie kompliziert die Beziehung zwischen Rowena und ihrem Vater war. Margaret war schon da gewesen, als Rowenas Mutter Amelia mit dem jungen Protegé des Vaters durchgebrannt war, ein Riesenskandal.

Kein Wunder, dass Rowena leicht neurotisch war. „Mit wem kommt er denn diesmal?“, fragte sie.

„Mit einem englischen Diplomaten. Ich weiß nicht viel von ihm, nur dass er deinen Vater dazu bringen will, einen bestimmten Vertragsentwurf zu unterstützen. Ich glaube, er hat sogar einen Adelstitel.“

Das beeindruckte den Senator sicherlich. „Danke für die Info, Margaret.“

„Viel Glück.“

Der Summer ging. Ihr Vater! Seufzend erhob sich Rowena, hängte den mit Farbe beschmierten Kittel in den Schrank und ging durch das große Spielzimmer auf den Spielplatz, der umzäunt und dessen Tor fest verschlossen war. Eine Vorsichtsmaßnahme, nicht nur um die Kinder drinnenzuhalten, sondern auch um Fremden den Zutritt zu verweigern. Schließlich lag der Kindergarten auf dem Besitz eines mächtigen und einflussreichen Senators der Vereinigten Staaten, da konnte man nicht vorsichtig genug sein.

Rowenas Vater stand vor dem Tor, hatte seine Golfschläger dabei und sein künstliches Lächeln aufgesetzt. Rowena richtete den Blick auf den Mann neben ihm.

Wow!

Als Margaret etwas von einem englischen Diplomaten sagte, hatte Rowena sich einen steifen Endvierziger mit Halbglatze vorgestellt, dessen Arroganz sich wahrscheinlich auf seinen Titel und ein flottes Bankkonto bei einer Schweizer Bank gründete. Dieser Mann hier war jedoch in ihrem Alter und wirkte überhaupt nicht steif.

Er hatte sehr helles Haar, das er kurz geschnitten trug, und seine Augen waren von einem so durchdringenden Blau, dass Rowena sofort an gefärbte Kontaktlinsen denken musste. Und die Wimpern! Sie waren so schwarz und dicht, dass jede Frau ihre Seele dafür hergegeben hätte. Die kleine Narbe oberhalb der linken Augenbraue und der hellbraune Dreitagebart gaben ihm etwas Verwegenes. Er war sicher knapp zehn Zentimeter größer als der Senator, musste also ungefähr eins fünfundachtzig sein, war schlank und dennoch muskulös.

Der ist was für mich, dachte sie spontan. Doch dann schaltete sie ihren Verstand ein. Denn sie wusste nur zu genau, dass diese Art Männer nichts als Schwierigkeiten machte. Allerdings hatte man mit ihnen auch den meisten Spaß, und der Sex war einfach fantastisch. Doch wenn sie erreicht hatten, was sie wollten, dann sahen sie sich nach etwas Neuem um. Oder sie flohen entsetzt, wenn sich herausstellte, dass sie ihre Sexpartnerin geschwängert hatten. Wie Dylans Vater. Also Vorsicht! Sie tippte den Code ein, öffnete das Tor und ließ die beiden ein.

„Mein Liebes, ich möchte dir Colin Middlebury vorstellen“, sagte der Senator. Mein Liebes sagte er nur, wenn er ganz auf Familie machen wollte. „Colin, dies ist meine Tochter Rowena.“

Colin Middlebury sah sie mit diesen unglaublichen Augen an und lächelte. Was für ein Lächeln. Rowenas Herz klopfte wie verrückt. „Miss Tate“, sagte er mit weicher und doch männlicher Stimme und einem sehr sexy Akzent, „ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

Und ich erst … Kurz warf sie einen Blick auf ihren Vater, der sie vollkommen ausdruckslos ansah. „Herzlich willkommen in Los Angeles, Mr Middlebury“, sagte sie mit fester Stimme.

„Bitte, sagen Sie Colin zu mir.“ Er reichte ihr die Hand, und bei der Berührung überlief es sie heiß.

Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. Normalerweise brachte ihr Vater alte langweilige Politiker mit, die feuchtkalte Hände hatten und Rowena unverschämt von oben bis unten musterten. Ihr schmutziges Lächeln machte deutlich, dass die Macht sie korrumpiert hatte und sie glaubten, unwiderstehlich für jedes Wesen mit zwei Beinen und zwei Brüsten zu sein.

„Colin wird hier bei uns wohnen“, sagte der Senator, „wahrscheinlich zwei bis drei Wochen. In dieser Zeit werden wir die Einzelheiten des Vertrages besprechen, den ich im Senat unterstützen will.“

Also musste sie wieder einmal die Gastgeberin spielen, musste freundlich und höflich sein, auch wenn ihr nicht danach zumute war. Wie sie diese Rolle hasste! Wenn der Gast jedoch so aussah wie Colin Middlebury? Auch wenn er der größte Idiot sein sollte, der Anblick war sehr erfreulich.

Der Senator sah sich auf dem Spielplatz um. „Wo ist denn mein Enkelsohn?“

„Er ist oben mit dem Sprachtherapeuten.“ Im oberen Stockwerk waren die Räume für therapeutische Zwecke eingerichtet, sodass für Dylan alles getan werden konnte, während Rowena sich unten um die anderen Kinder kümmerte. Das war natürlich die Idee ihres Vaters gewesen, für den das Beste für seinen Enkelsohn gerade gut genug war.

„Wann ist die Stunde zu Ende? Ich möchte gern, dass Colin ihn kennenlernt.“

Sie blickte auf die Uhr. „In etwa dreißig Minuten. Und er sollte dabei nicht gestört werden.“

„Gut, dann ein andermal“, sagte Colin lächelnd. „Werden Sie uns heute Abend beim Dinner bei Estavez Gesellschaft leisten?“

Nur zu gern … Aber ein strenger Blick ihres Vaters wies sie zurecht. „Heute passt es schlecht.“

„Hätten Sie Lust, Colin“, übernahm der Senator wieder das Gespräch, „sich den Kindergarten mal von innen anzusehen?“

„Sehr gern.“

„Vor zwei Jahren habe ich mit dem Projekt begonnen“, sagte der Senator stolz, während die beiden Männer auf das Gebäude zugingen. Natürlich erwähnte er wieder nicht, dass das Ganze Rowenas Idee gewesen war.

„He, Row!“

Rowena wandte sich um und sah, wie Patricia Adams, ihre Angestellte und beste Freundin, ihr zuwinkte. Patricia beobachtete und bewachte die Kinder, die fröhlich auf dem Klettergerüst herumturnten. Während sie fächernde Bewegungen mit der Hand machte, als sei ihr zu heiß, formte sie das Wort „wow“ mit den Lippen.

Unwillkürlich musste Rowena lächeln. Das kann man wohl sagen …

Schon nach wenigen Minuten kamen der Senator und Colin wieder aus dem Haus, und Rowena sah sofort, dass ihr Vater über irgendetwas aufgebracht war. „Offenbar war noch Farbe an einer Tischkante und hat Colins Hose beschmiert!“ Obwohl er sich bemühte, sich zusammenzunehmen, sah Rowena ihm an, dass er außer sich war.

Colin dagegen machte eine abwehrende Handbewegung. „Halb so schlimm“, sagte er, obgleich der Fleck auf seiner Hose ziemlich groß war.

„Es ist eine wasserlösliche Farbe“, sagte Rowena schnell. „Mit etwas Wasser und Seife lässt sich der Fleck leicht entfernen. Unsere Haushälterin wird sich darum kümmern. Falls der Fleck nicht herausgehen sollte, ersetze ich Ihnen selbstverständlich die Hose.“

„Das ist wirklich nicht nötig“, versicherte Colin sofort.

„Nun denn, es ist Zeit, dass du wieder an deine Arbeit gehst. Wir wollen dich nicht länger aufhalten.“ Ihr Vater setzte wieder sein Plastiklächeln auf. „Colin, würden Sie uns einen Moment entschuldigen?“

Das musste ja kommen …

„Selbstverständlich. Ich gehe schon mal zum Haus zurück.“

Rowena folgte ihrem Vater ins Gebäude. Dort drehte er sich mit strenger Miene zu ihr um. „Ist es wirklich zu viel verlangt, dass die Räume aufgeräumt und sauber sind, wenn ich einen Gast herbringe? Die Farbe überall zu entfernen kann doch nicht so schwierig sein! Colin gehört dem Adel an, er ist ein Earl und außerdem im Krieg ausgezeichnet worden. Wie kannst du da so nachlässig sein?“

Wenn er im Krieg gewesen ist, ging ihr durch den Kopf, dann hat er wahrscheinlich schlimmere Dinge erlebt als einen Farbklecks auf der Hose. Doch wie so viele Male vorher schluckte sie herunter, was ihr auf der Zunge lag, sosehr es sie auch erbitterte. „Tut mir leid, Vater, wir müssen das übersehen haben, als wir aufräumten. Ich werde das nächste Mal besser aufpassen.“

„Wenn es ein nächstes Mal für dich gibt. Wenn du noch nicht einmal auf so etwas achten kannst, wie kann man dir dann Kinder anvertrauen.“

„Es tut mir leid …“, wiederholte sie leise.

„Und das nach allem, was ich für dich und Dylan getan habe!“ Empört schüttelte der Senator den Kopf, als finde er keine Worte, Rowenas Egoismus und Unverfrorenheit zu beschreiben. Dann stürzte er aus der Tür.

Rowena lehnte sich gegen die Wand. Sie war wütend und frustriert. Ja, und auch verletzt, aber nicht vernichtet. Auch wenn er sie noch so oft fertigmachte, sie kam immer wieder auf die Füße.

„He, Row?“ Tricia stand im Eingang und sah die Freundin besorgt an. „Alles okay mit dir?“

Rowena atmete ein paarmal tief durch und stieß sich dann von der Wand ab. „Ja, ja, ist schon okay.“

„Ich habe gehört, was er wegen der Farbe gesagt hat. Das ist meine Schuld. Ich habe April gebeten, die Tische abzuwischen, und habe vergessen, es später noch mal zu kontrollieren. Ich weiß ja, wie genau er ist, wenn er Besuch mitbringt. Tut mir leid, ich hätte besser aufpassen sollen.“

„Ach, Tricia, mach dir keine Gedanken. Wenn es nicht die Farbe gewesen wäre, hätte er etwas anderes gefunden. Er findet immer etwas.“

„Es ist ein Skandal, wie er dich behandelt!“

„Er hat mit mir auch eine Menge mitmachen müssen.“

„Aber du hast dich geändert, Row. Du hast dein Leben jetzt im Griff.“

„Ohne ihn wäre das nicht möglich. Du musst zugeben, dass er viel für mich und Dylan tut.“

„Das wird ihm gefallen. Denn genau so sollst du über ihn denken. Aber das gibt ihm noch lange nicht das Recht, dich wie die letzte Dienstmagd zu behandeln. Du kämst doch auch allein gut zurecht.“

Wie gern würde Rowena der Freundin glauben. Aber als sie das letzte Mal auf sich gestellt war, war ihr Leben eine einzige Katastrophe gewesen.

„Du weißt, dass du und Dylan gern für eine Zeit bei mir wohnen könnt“, bot Tricia an.

Ja, und von der ersten Sekunde an würde der Vater ihr jegliche finanzielle Unterstützung entziehen. Und nicht nur ihr. Auch Dylan würde keinen Cent mehr sehen, sodass er die ärztliche Betreuung abbrechen müsste. Und damit konnte ihr Vater sie unter Druck setzen und ihr den Jungen wegnehmen. Diese Drohung kannte sie nur zu gut, im Grunde schon seit Dylans Geburt. Und sie zweifelte nicht daran, dass er sie in die Tat umsetzen würde.

„Dank dir für das Angebot, Tricia, aber ich kann es nicht annehmen.“ Schließlich hatte ihre eigene Verantwortungslosigkeit und Nachlässigkeit sie ursprünglich in diese Situation gebracht. Und nur sie konnte sich auch wieder daraus befreien.

Colin hatte nie viel von Gerüchten gehalten. In Adelskreisen verbreiteten sich Gerüchte wie eine Seuche. Deshalb hatte er sich, als ihm der Klatsch über des Senators Tochter zu Ohren kam, mit seinem Urteil zurückgehalten, schon aus Anständigkeit und Respekt. Vielleicht hatte er irgendetwas übersehen, aber sie wirkte völlig normal auf ihn. Auch wenn sie zwei Köpfe und statt Füßen Hufe hätte, wäre er fair geblieben.

Dies hier war Colins erster Einsatz als Diplomat und sicher nicht gerade ein Traumjob. Aber er war entschlossen, das Beste daraus zu machen. Man hatte ihn vor amerikanischen Politikern gewarnt, speziell vor Verhandlungen mit solchen, die so mächtig und einflussreich waren wie Senator Tate. Der Senator setzte immer das durch, was er sich vorgenommen hatte. Wenn er mit dem ganzen Gewicht seines Amtes hinter einem Gesetzentwurf stand, fielen seine Mitsenatoren meist um und stimmten zu. Colins Familie setzte ihre ganze Hoffnung auf Colin, einen bestimmten Vertrag zum Teil des Gesetzes zu machen, der für die Vereinigten Staaten und Großbritannien bindend war.

In beiden Ländern hatten die Computerhacker schon großen Schaden angerichtet. Durch diesen Vertrag und das darauf folgende Gesetz hätten die USA wie auch Großbritannien eine Handhabe, sie vor Gericht zu bringen.

Diese Computerspione hatten auch den Medien zugespielt, dass Präsident Morrow eine uneheliche Tochter habe, was – ausgerechnet – auf dem Ball nach der Amtseinführung des Präsidenten bekannt gegeben worden war. Ariella Winthrop, seine sogenannte uneheliche Tochter, stand in diesem Augenblicken nur wenige Schritte von ihm entfernt und war darüber genauso fassungslos wie er selbst.

Dadurch war auch der US-Regierung klar geworden, dass etwas gegen die Hacker unternommen werden musste, und sie war bereit zu verhandeln.

Colin hatte kaum die Hälfte des Weges zum großen Landhaus des Senators zurückgelegt, als er von seinem Gastgeber eingeholt wurde. „Ich bitte nochmals um Entschuldigung.“

„Wie ich schon sagte, alles halb so schlimm.“

„Wahrscheinlich haben Sie auch schon gehört“, fing der Senator wieder an, „dass Rowena in der Vergangenheit gewisse … nun … Probleme hatte. Sie hat sich sehr darum bemüht, sie abzustellen.“

Dennoch scheinen Sie sie immer noch an sehr kurzer Leine zu führen, dachte Colin. Laut sagte er: „Wir haben wohl alle mal etwas getan, worauf wir nicht stolz sein können.“

Der Senator sah ihn kurz an. Dann gab er sich einen Ruck. „Kann ich offen zu Ihnen sein, Colin?“

„Selbstverständlich.“

„Ich habe gehört, dass Ihnen der Ruf anhängt, einen großen Frauenverschleiß zu haben.“

„So?“

„Ich will damit nicht sagen, dass mich das gegen Sie einnimmt. Wie Sie Ihr Leben führen, geht nur Sie etwas an.“

Colin konnte nicht abstreiten, dass er seine Erfahrungen mit Frauen hatte. Aber er hatte sie nie schäbig behandelt. Er hatte seinen Freundinnen nie etwas vorgemacht, sondern sie von Anfang an nicht im Unklaren gelassen, dass eine dauerhafte Bindung für ihn vorläufig nicht infrage kam. „Seien Sie versichert, dass mein Ruf in diesem Punkt keineswegs gerechtfertigt ist.“

„Nun, Sie sind jung, im besten Alter. Da ist es doch verständlich, dass Sie sich nichts entgehen lassen …“

Colin hatte den Eindruck, dass der Senator noch etwa hinzufügen wollte. Und das tat er auch.

„Unter normalen Umständen“, fuhr er fort, „hätte ich das Thema gar nicht aufgebracht. Aber Sie werden einige Zeit mein Gast sein, und da gibt es einige Grundregeln, die ich Sie bitte zu beachten.“

Grundregeln?

„Meine Tochter kann sehr … nun … impulsiv sein und war in der Vergangenheit bereits ein paarmal das Opfer skrupelloser Männer, die sich dadurch Zugang zu mir verschaffen wollten. Oder sie einfach nur ausgenutzt haben.“

„Sie können absolut sicher sein, dass ich nie …“

Tate hob die Hand, um Colin zu stoppen. „Das soll keine Anklage sein.“

Hört sich aber so an.

„Ich will damit nur sagen, dass meine Tochter für Sie tabu ist, solange Sie sich in meinem Haus aufhalten.“

Hm, das war ja wohl mehr als deutlich …

„Kann ich mich darauf verlassen, dass Sie diesen Wunsch respektieren?“

„Selbstverständlich.“ Colin wusste nicht, ob er amüsiert oder brüskiert sein sollte. „Ich bin hier, um den Vertrag mit Ihnen durchzugehen.“

„Gut. Dann wollen wir uns an die Arbeit machen.“

2. KAPITEL

Aufatmend ließ Colin sich in einer dunklen ruhigen Ecke in der Nähe des Pools auf einen Liegestuhl fallen. Die Zusammenarbeit mit dem Senator während des Tages war anstrengend, aber produktiv gewesen. Dann hatte er ihn noch zu einem Dinner mit politischen Freunden begleitet, und jetzt war er froh, allein zu sein. Er streckte sich lang aus, blickte in den sternenklaren Himmel und nippte an dem exzellenten Scotch aus dem Barschrank des Senators.

Sein Telefon klingelte, und überrascht stellte er fest, dass seine Schwester ihn anrief. In London war es doch erst fünf Uhr dreißig morgens.

„Du bist ja früh auf“, begrüßte er sie.

„Mutter hatte eine schlechte Nacht“, sagte sie. „Deshalb bin ich aufgeblieben und habe ferngesehen. Ich wollte nur fragen, wie es dir geht, da auf dem anderen Kontinent.“

„Es ist … nun, interessant.“ Er erzählte ihr von der Warnung des Senators, und zuerst dachte sie, er würde sie auf den Arm nehmen. „Nein, es ist die reine Wahrheit“, beteuerte er.

„Ihr Vater hat dir buchstäblich gesagt, sie sei tabu für dich?“

„In genau diesen Worten.“

„Das ist ja unglaublich taktlos und unverschämt.“

„Offenbar ist mein Ruf, was Frauen betrifft, nicht besonders gut.“

Zwar konnte er nicht leugnen, dass ihn eine Frau wie Rowena mit ihrem feuerroten Haar und den grünen Augen unter anderen Umständen sehr interessiert hätte. Aber wenn es sein musste, war er selbstverständlich in der Lage, einer schönen Frau zu widerstehen.

„Vielleicht solltest du lieber nach Hause kommen“, meinte Matty.

Unter Zuhause verstand sie natürlich London. Und obgleich er sich während seiner Erholungszeit größtenteils in London aufgehalten hatte, fühlte er sich dort genauso wenig zu Hause wie damals als Kind. Denn die meiste Zeit der Kindheit hatte er im Internat verbracht, und später war er in den verschiedensten Ländern stationiert gewesen.

„In letzter Zeit hast du so viel durchgemacht“, fing Matty wieder an, „und du bist längst noch nicht ganz wiederhergestellt.“ Seine Schwester Matilda war zwanzig Jahre älter als er und war für ihn immer mehr Mutter als Schwester gewesen, sosehr ihn das auch oft genervt hatte, besonders nach seinem Absturz mit dem Hubschrauber.

Sicher, er hatte Glück gehabt, überhaupt lebend aus der Sache herauszukommen, und er war anfangs dankbar gewesen, dass sie sich um ihn kümmerte. Aber es hatte keinen Sinn, sich ständig mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Die schlimmsten Wunden waren verheilt, und er wollte endlich wieder mit seinem normalen Leben anfangen. Auch wenn er die Zeit beim Militär nie vergessen würde. Es hatte ihn mit Stolz erfüllt, seinem Land dienen zu können.

„Ich weiß, du tust das der Familie zuliebe“, sagte Matilda. „Aber Politik, Colin, das ist doch vollkommen unter deiner Würde.“

Da Matilda die meiste Zeit ihres Lebens behütet und fern der Realität verbracht hatte, konnte sie sich nicht vorstellen, wie wichtig dieser Vertrag war. „Ich muss es tun. Die Privatsphäre auch unserer Familie ist zu oft verletzt und unser Ruf beschädigt worden. Das muss endlich ein Ende haben. Und deshalb brauchen wir diesen Vertrag.“

„Ich mache mir nur Sorgen um dich. Ziehst du dich auch warm an?“

Er lachte. „Ich bin doch in Südkalifornien, Schwesterchen. Hier wird es nicht kalt.“ Nicht so wie in Washington, wo er bei den niedrigen Temperaturen und dem scharfen Wind schon gemerkt hatte, dass er die alte Kraft noch nicht wieder besaß.

„Okay, aber du musst mir versprechen, gut auf dich aufzupassen.“

„Das tu ich. Alles Liebe, Matty, und grüß Mom.“

„Wiedersehen, kleiner Bruder.“ Sie lachte leise und unterbrach die Verbindung.

Colin ließ das Telefon wieder in die Hosentasche gleiten und schloss die Augen. Gedanklich ging er all das noch einmal durch, was in der Diskussion mit dem Senator zur Sprache gekommen war. Tate war sehr genau und ging den Vertragsentwurf Absatz für Absatz durch. Das Ganze würde noch einige Zeit dauern. Und wenn Tate alles abgesegnet hatte, würde der Vertrag in England noch einmal mit der gleichen Sorgfalt durchgesehen werden.

Er musste eingeschlafen sein, denn lautes Platschen weckte ihn auf, und er sah sich hastig und verwirrt um. Wo war er? Ach so, auf dem Anwesen von Senator Tate, in der Nähe des Pools. Er richtete sich auf. War da nicht jemand im Wasser und schwamm mit langen gleichmäßigen Zügen unter der Oberfläche? Da, jetzt musste der Jemand Luft holen. Leuchtend rotes Haar …

Rowena tauchte wieder und kam erst auf der anderen Seite des Beckens, wo Colin saß, zum Luftholen hoch. Sie machte eine schnelle Wende, stieß sich ab und glitt unter der Wasseroberfläche dahin. Fasziniert beobachtete Colin, wie sie den schlanken Körper mit schnellen Stößen vorwärtstrieb, am anderen Ende wieder eine Wende machte, zurückkam, Luft holte und wieder zurückschwamm.

Während er sie beobachtete, musste Colin an die lächerlichen Grundregeln des Senators denken. Wer ihn sah, wie er Tates Tochter beim Schwimmen beobachtete, konnte vielleicht auf falsche Gedanken kommen. Sollte er sich vorsichtig entfernen? Aber wenn das jemand sah, könnte man denken, er habe etwas zu verheimlichen. Sowie sie ins Becken sprang, hätte er aufstehen und gehen sollen. Doch dazu war es jetzt zu spät. Also blieb ihm nichts übrig, als sich höflich erkennen zu geben und dann zu verschwinden.

Rowena war immer noch wütend, dass ihr Vater sie heute vor ihren Angestellten gerügt hatte, weil sie das Monatsbudget für Kreiden und Farben um dreißig Dollar überzogen hatte. Schwimmen war eine gute Möglichkeit, Frust und Stress loszuwerden, und so würde sie erst aufhören, wenn sie nicht mehr konnte.

Seit drei Jahren, zwei Monaten und sechs Tagen hatte sie keinen Alkohol mehr angerührt. Und immer noch wartete der Vater darauf, dass sie rückfällig wurde. Jederzeit würde sie zugeben, dass sie in der Vergangenheit viele Fehler gemacht hatte, aber dafür hatte sie lange genug gebüßt. Was ihr Vater auch verlangte, sie hatte alles getan, aber immer noch war er nicht zufrieden. Wahrscheinlich würde er sein Misstrauen nie verlieren, sosehr sie sich auch bemühte, sich nach seiner Liebe sehnte und alles tat, um ihm eine Freude zu machen.

Als ihre Arme und Beine vor Anstrengung zitterten, kam sie hoch und hielt sich am Beckenrand fest. Nur mit Mühe zog sie sich hoch.

„Das war ja ein beeindruckender Work-out“, sagte eine tiefe unbekannte Stimme hinter ihr, und entsetzt fuhr sie herum. Im Schatten stand ein großer Mann, und vor Angst blieb ihr fast das Herz stehen. Wer war das? Ein Serienkiller? Oh Gott … Wenn José, der sich um den Pool kümmerte, ihre Leiche nun morgen früh im Pool fand? All das ging ihr im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf. Sie sprang auf, wollte wegrennen, stolperte – und wurde von einer starken Hand am Handgelenk festgehalten.

Mit einem kräftigen Ruck wollte sie ihren Arm befreien, aber bei der Bewegung verlor sie die Balance und nicht nur sie. Auch ihr Angreifer konnte sich nicht mehr auf dem nassen Beckenrand halten und fiel mit ihr zusammen in den Pool. Während sie prustend wieder auftauchte, erinnerte sie sich plötzlich daran, die Stimme schon einmal gehört zu haben. Natürlich, es war dieser Engländer. Du liebe Zeit, was würde ihr Vater dazu sagen?

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