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Verborgene Talente zum Morden: Kriminalroman

Verborgene Talente zum Morden: Kriminalroman

Horst Friedrichs

Published by Casssiopeia-XXX-press, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Verborgene Talente zum Morden

Copyright

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Verborgene Talente zum Morden

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KRIMI VON HORST FRIEDRICHS

Der Umfang dieses Buchs entspricht 166 Taschenbuchseiten.

Gibt es den perfekten Mord? Auch wenn das FBI das Gegenteil behauptet, versucht eine Gruppe Verbrecher genau das zu beweisen. Mit einem mächtigen Gewerkschaftsführer beginnt ein mörderischer Reigen, der den FBI Agent Jesse Trevellian bis an die Grenzen der Belastbarkeit führt. Morde ohne Motiv lassen das FBI im Dunkeln tappen.

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1

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MIT EINEM SCHECKBETRUG fing er an – mit kaltblütig geplanten Morden hörte er auf. Die erste falsche Unterschrift brachte ihm 62 Dollar und 74 Cent ein – und acht Monate auf Bewährung. Beim zweiten Mal erbeutete er zwar etwas über zweitausend Dollar, aber zugleich auch achtzehn Monate, die er abzusitzen hatte.

Von Schecks hatte er jetzt genug. Sein drittes Schwindelunternehmen war anders angelegt. Gefälschte Grundstückspapiere und ein paar raffinierte Manipulationen brachten ihm 32 000 Dollar ein – und eine Strafe von sechs bis acht Jahren Zuchthaus.

Hinter den Mauern von St. Quentin hatte er viel Zeit zum Nachdenken. Er kam auf etwas, was er für den genialsten Einfall seines Lebens hielt. In hunderten von unausgefüllten Tagen und schlaflosen Nächten feilte er an seinem Plan. Als er dann am 3. Juli, einem Donnerstag, entlassen wurde, machte er sich unverzüglich daran, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Das kostete neun Menschen ihr Leben.

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2

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DIE GROßEN GEBÄUDEKOMPLEXE, die Wachttürme mit Scheinwerferbatterien und Maschinengewehren, die kahlen Höfe und die klobigen Mauern von St. Quentin lagen im hellen Sonnenlicht eines Frühlingstages, als sich für Samuel Rochinski endlich das letzte Tor in die Freiheit öffnete. Es war vier Minuten nach zehn Uhr vormittags – die Entlassungszeit für St. Quentin.

Rochinski war neunundvierzig Jahre alt, konnte aber leicht für fünfundfünfzig oder älter gehalten werden. Er trug den hellgrauen, von der Mode überholten Anzug, den er bei seiner Einlieferung getragen hatte. Wie er so leicht gebeugt und ohne sich umzublicken von dem Tor des Zuchthauses fortging, schien es fast, als ob Anzug und heller Staubmantel eine zu schwere Last für die hängenden Schultern darstellten.

Rochinski wusste genau, dass ihn niemand erwartete. Er war nicht verheiratet, er hatte keine Verwandten, und er hatte nirgendwo auf der Welt Freunde. Zeit seines Lebens war er ein Einzelgänger gewesen. Deshalb achtete er auch nicht auf den roten Ford, der von der entferntesten Ecke der schier endlosen Zuchthausmauer her ihm entgegenrollte.

Am Steuer saß eine Frau mit einem etwas auffälligen Make-up.

Die Augenbrauen waren zu deutlich nachgezogen, die Lippen eine Idee zu dunkel geschminkt. Außerdem war auf den ersten Blick zu erkennen, dass sie falsche Wimpern angeklebt hatte. Die Frau mochte dreißig Jahre alt sein. Sie trug ein dunkles, blau-seidenes, schimmerndes Kleid, glänzende blaue Handschuhe und eine Kappe auf dem pechschwarzen Haar. Ein kleiner Netzschleier spannte sich über Nasenspitze und Kinn.

Samuel Rochinski hatte Fahrzeug und Fahrerin nur mit einem flüchtigen Blick bedacht und wollte seinen Weg fortsetzen, als der Wagen neben ihm hielt.

»Mr. Rochinski, nicht wahr?«, fragte die Frau durch das heruntergelassene Seitenfenster.

Samuel Rochinski blieb verdutzt stehen.

»Ja«, erwiderte er, räusperte sich und fügte hinzu: »Müsste ich Sie kennen?«

»Wohl kaum!« Die Frau warf ihm einen Blick zu und versuchte zu lächeln. »Ich kenne Sie, das genügt. Willkommen in der Freiheit, Mr. Rochinski. Steigen Sie ein. Ich wollte Sie abholen.«

Rochinski runzelte die Stirn und fingerte an seiner Brille mit den dünnen Goldbügeln. Die fast leere Reisetasche baumelte von seiner linken Hand.

»Mich?«, fragte er mit einem verlegenen Lächeln. »Aber woher kennen Sie mich denn?«

»Ist das so wichtig?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht nicht. Ich bin ein wenig verwirrt, Ma’am. Es ist – ach, du liebe Zeit, ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass mich mal irgendjemand irgendwo abgeholt hat. Aber wenn es Ihr Ernst ist?«

Er streckte die Hand aus und griff nach der Autotür. Die Frau beugte sich über den Beifahrersitz und half ihm von innen. Rochinski kletterte in den Wagen und schob seine schlaffe Reisetasche auf den Rücksitz.

»Wie war’s?«, fragte die Frau und deutete mit einer umfassenden Gebärde auf die hochragenden, schier endlosen Mauern des Zuchthauses.

Rochinski zuckte mit den Schultern. Er lehnte sich zurück und genoss den Luxus eines gepolsterten Sitzes. Mit geschlossenen Augen erwiderte er: »Da war mal einer, der durfte für uns singen. Eine sehr angenehme Männerstimme. Es wundert mich, dass sie diese Veranstaltung zugelassen haben. Noch dazu dieses Lied, das allen da drin seither nicht mehr aus dem Kopf geht: St. Quentin, I hate every inch of you ... Da haben Sie Ihre Antwort.«

»St. Quentin, ich hasse jeden Zoll von dir«, wiederholte die Frau nachdenklich.

»Ja«, sagte Rochinski hart und öffnete die Augen wieder. »Jede Note, jeder Ton, jede Silbe dieses Liedes kam uns aus dem Herzen. St. Quentin, ich hasse jeden Zoll von dir! Manchmal ist es so schlimm, dass man versucht ist, mit den bloßen Fingernägeln diese Mauern zu zerkratzen. Was auch immer geschehen mag – niemand wird mich je wieder in dieses Gefängnis bringen. Niemand!«

Die Frau schwieg. Mit routinierter Sicherheit steuerte sie den Wagen über die Ausfallstraßen von der Stadt fort. Später bog sie auf weniger befahrene Nebenstraßen ab, schließlich auf Seitenwege, die nicht einmal richtig asphaltiert waren, und endlich stoppte sie das Fahrzeug vor einer Felsklippe, die schroff zur See abfiel. Tief unten leuchtete die Gischt der Brandung. Ihr dumpfes Brausen erfüllte die Luft.

Rochinski atmete tief.

»Mein Gott«, sagte er leise, »wie viele Nächte habe ich davon geträumt ...«

Die Frau hatte ein kleines Fernrohr aus dem Handschuhfach geholt. Jetzt suchte sie langsam und systematisch die Umgebung ab. Als Rochinski es bemerkte, erkundigte er sich: »Suchen Sie etwas Bestimmtes?«

»Im Gegenteil«, erwiderte die Frau. »Ich möchte mich vergewissern, dass uns niemand beobachtet.«

Samuel Rochinski erschrak, ohne es zu zeigen. Keine Zuschauer? Wollte sie ihn etwa von der Klippe stürzen? Aber warum sollte sie so etwas tun? Er kannte sie doch gar nicht. Er hätte schwören können, dass er sie nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Und doch – auf eine äußerst verwirrende Weise kam ihm irgendetwas an ihr seltsam vertraut vor. Aber er konnte nicht einmal herausfinden, was es war.

»Dann«, sagte er und musste sich wieder räuspern, »dann sind Sie absichtlich zu dieser einsamen Stelle gefahren?«

»Natürlich. Glauben Sie, ich hätte ein romantisches Eckchen für uns zwei gesucht?« Der Spott in ihrer etwas zu schrillen Stimme war unüberhörbar. »So schön, mein Lieber, sind Sie nun wirklich nicht – Rechner.«

Vor dem letzten Wort hatte sie eine kleine Pause eingelegt. Als sie es dann aussprach, wich Rochinski unwillkürlich einen Schritt zurück.

Er stieß gegen den Wagen und tastete mit der Hand nach dem Türrahmen.

»Rechner?«, wiederholte er. »Rechner?«

»So wurden Sie doch in St. Quentin von allen genannt, nicht wahr?«

Rochinski nickte verwirrt.

»Ja, das ist wahr. Aber – sie haben mir diesen Spitznamen erst im Zuchthaus gegeben. Ich dachte, dass es niemand außerhalb der Mauern wissen könnte.«

Das Gesicht der Frau war unter dem Schleier nicht sehr gut zu erkennen. Dennoch schien es Rochinski, als ob sie lächelte.

»Ich weiß es trotzdem«, sagte sie. »Und ich weiß eine Menge mehr. Sie möchten gern einen kleinen Laden haben, wo Sie Uhren reparieren können. Weniger verkaufen, als vielmehr reparieren. Habe ich recht?«

»Sie werden mir allmählich unheimlich«, gestand Rochinski. »Auch das können eigentlich nur die Leute in St. Quentin wissen. Aber da drin gibt es keine Frauen. Woher also können Sie es wissen? Sind Sie die Frau eines anderen Sträflings? Oder die Frau eines Wärters?«

»Nein. Und fangen Sie nicht erst an, darüber zu grübeln. Ich bin über Sie informiert. Das muss Ihnen genügen. Woher  das spielt doch keine Rolle. Sind Sie noch immer an dem kleinen Uhrenladen interessiert?«

»Sicher, ja, natürlich«, gab Rochinski zu. »Uhren haben mich immer gereizt. Sie sind kleine Meisterwerke der Berechnung. Aus einer vollendeten Kombination von Zahnrädern ergibt sich eine vorausberechenbare Bewegung in der Zeit. Wenn man so will, könnte man sagen, dass jede Uhr angewandte Mathematik ...«

»Ich kenne Ihr Steckenpferd«, fiel die Frau ihm ins Wort. »Sie haben Ihren Spitznamen Rechner ja nicht grundlos erhalten. Nun, Sie können Ihren Uhrenladen haben. In einem Städtchen namens Marion im Bundesstaat Kansas. Wie gefällt Ihnen das?«

Samuel Rochinski zuckte verlegen mit den Schultern.

»Es wäre natürlich sehr schön«, gestand er. »Ich habe oft davon geträumt, im Zuchthaus, nachdem ich mir Mühe gegeben hatte, das Uhrmacherhandwerk zu erlernen. Immer habe ich mir vorgestellt, wie hübsch es sein müsste, irgendwo einen kleinen Laden zu haben, wohin die Leute ihre alten Uhren bringen, damit ich sie reparieren kann.«

»Sie können Ihren Traum verwirklichen. Ich habe in Marion einen solchen kleinen Laden für Sie gekauft. Sie können ihn haben.«

Rochinski schüttelte wehmütig den Kopf.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber es geht nicht. Missverstehen Sie mich nicht. Natürlich weiß ich Ihre Güte zu schätzen. Aber was hätte es für einen Sinn, wenn ich Ihnen jetzt etwas vormachte? Einen solchen Laden muss man ja nicht nur haben, man muss ihn doch auch halten können. Und das, fürchte ich, ist gar nicht möglich. Um einen billigen Wecker zu reparieren, kann man ein paar Stunden Zeit brauchen. Aber dann könnte der Kunde für viel weniger Geld im nächsten Warenhaus einen neuen kaufen.«

»Sie sollen ja keine Riesengewinne erwirtschaften.«

»Ich fürchte, mit Reparaturen kann man sich nicht einmal den Lebensunterhalt verdienen.«

»Auch das wäre nicht nötig. Der Laden soll Ihnen nur eine Art Hobby sein. Ein bürgerliches Aushängeschild. Schließlich müssen Sie ja irgendwo leben.«

Rochinski runzelte wieder die Stirn. Man sah ihm an, dass er angestrengt nachdachte.

»Und wovon«, fragte er scharfsinnig, »wovon soll ich leben, wenn es nicht die Reparaturen sind, die mir meinen Lebensunterhalt einbringen?«

Die Frau sah ihn aufmerksam an.

»Erinnern Sie sich noch an den Vortrag, den Sie in St. Quentin gehört haben?«, fragte sie. »Am elften Mai, nachmittags um fünf?«

»Sie meinen den Vortrag dieses FBI-Mannes?«

»Ja. Ich habe seinen Namen vergessen.«

»Special Agent Jesse Trevellian«, sagte Rochinski, ohne zu zögern. »Aber der Vortrag begann nicht um fünf Uhr, sondern drei Minuten und zweiundvierzig Sekunden später. Als die Fünfuhrsirene ertönte, fing ich an, die Sekunden zu zählen.«

»Sie zählen wohl immer irgendetwas?«, fragte die Frau.

»Nun ja«, gab Rochinski zu, »meistens schon. Wenn ich nichts anderes zu tun habe. Es ist ein sehr reizvolles Spiel, die Welt in Zahlen zu übersetzen und diese miteinander in Beziehung zu setzen. Nehmen Sie zum Beispiel die Straße zwischen der Schlosserei und Block C. Sie ist acht Yard breit. Stündlich verkehren während eines Werktages durchschnittlich vierunddreißig Fahrzeuge auf dieser Straße. Wenn Sie jetzt davon ausgehen, dass jeder Wagen im Durchschnitt ...«

»Bitte«, fiel ihm die Frau ins Wort. »Ein anderes Mal. Im Augenblick interessiert mich Ihre Äußerung zu dem Vortrag. Können Sie sich erinnern?«

Rochinski dachte nach.

»Unmittelbar nach dem Vortrag wurden wir in den Speisesaal geführt«, sagte er aus seiner Erinnerung heraus. »Natürlich haben wir über das diskutiert, was uns der G-man in seinem Vortrag erzählt hatte. Und ich werde wohl auch meine Meinung gesagt haben, aber was war das im Einzelnen?«

»Dieser FBI-Mann hatte die Behauptung aufgestellt, dass es kein perfektes Verbrechen geben könne. Erinnern Sie sich? Und selbstverständlich dann auch keinen perfekten Mord.«

»Ach ja, richtig. Nun, ich weiß nicht. Das scheint mir vonseiten der Polizei her eine Art Vorbeugungsmaßnahme zu sein. Ich bin da anderer Meinung. Alles ist eine Frage der exakten Berechnung. Berechnungen aber kann man sehr wohl absolut perfekt ausführen. Dann muss es auch den perfekten Mord geben.«

Die Frau sah ihn sehr gespannt an.

»Ja, selbstverständlich. Alles ist eine Frage der Berechnung. Zahlen betrügen nicht. Zwei und zwei ist vier und wird es immer bleiben.«

»Ich verstehe«, meinte die Frau.

»Schön. Nur verstehe ich nicht, worauf Sie hinauswollen.«

»Ganz einfach. Ich biete Ihnen die Chance, innerhalb weniger Monate eine Million Dollar zu verdienen. Dazu schenke ich ihnen den eingerichteten kleinen Uhrenladen in Marion im Bundesstaat Kansas. Sie hätten bis ans Ende Ihrer Tage ausgesorgt.«

»Gütiger Himmel!«, seufzte Rochinski und schloss für eine Sekunde die Augen. »Eine Million Dollar! Das geht in eine Größenordnung, von der man kaum zu träumen wagt.«

»Ich meine es ernst«, versicherte die Frau.

Rochinski runzelte die Stirn. Sein Blick glitt über die seltsame Frau. Wieder versuchte er vergeblich herauszufinden, was an ihr ihm eigentlich bekannt vorkam. Da war irgendetwas Vertrautes. Aber was? Und woher kannte er es? Er glaubte, sicher zu wissen, dass er die Frau noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Und dennoch kam ihm irgendetwas an ihr bekannt vor. Es war höchst verwirrend.

Dann noch dieses  dieses unglaubliche Angebot. Eine Million Dollar verdienen! In wenigen Monaten! War sie verrückt? Oder hysterisch? Konnte man ein solches Angebot überhaupt ernst nehmen?

Andererseits  sie war verblüffend gut über ihn unterrichtet. Das bewies mindestens, dass sie über hervorragende Informationsquellen verfügte. Wer konnte wissen, was sie sonst noch besaß? Und schließlich – es kostete ja nichts, wenn er sich die Sache anhörte.

»Was erwarten Sie von mir?«, fragte er und rückte die dünnen Goldbügel seiner Brille zurecht. »Was müsste ich tun, um all das viele Geld zu verdienen?«

Die Frau blickte hinaus auf das endlose Meer. Ihre schrille Stimme war jetzt dunkler und leiser als vorher: »Sie sollen Ihre Theorie in die Tat umsetzen«, sagte sie. »Sie sollen beweisen, dass es den perfekten Mord gibt. Und zwar in einer ganzen Serie ...«

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3

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MEIN SPORTWAGEN HATTE die Meilen nur so gefressen. Wenn man mit so einem Schlitten kaum aus den Häuserschluchten von Manhattan herauskommt, macht das Fahren wenig Spaß. Jetzt konnte ich endlich einmal ein bisschen mit dem Gaspedal spielen. Quer durch New Jersey war er auf dem National Interstate Highway 80 brav und zuverlässig dahingefegt bis hinein nach Pennsylvania, wo wir nördlich von Hazleton die Autobahn leider verlassen mussten. Es ging hinein ins Bergbaugebiet der Appalachen. Fördertürme und rußgeschwärzte Mauern begleiteten uns auf dem letzten Teil unserer Fahrt.

Mein Freund und Berufskollege Milo Tucker hatte die Autokarte auf den Knien.

»Nur noch vier Meilen bis Shenandoah«, sagte er.

Ich nickte und begann nochmals zu überlegen, wie wir am Besten vorgehen konnten. Unser Auftrag war zwar dienstlicher Natur, aber trotzdem nicht richtig offiziell. Egal, wie die Sache sich entwickeln würde, wir mussten auf jeden Fall sehr behutsam zu Werke gehen.

Milo dirigierte mich mithilfe des Stadtplanes von Shenandoah, den wir uns schon vor unserer Abfahrt in New York beschafft hatten. Shenandoah mit seinen elftausend Einwohnern sah nicht anders aus als hundert andere amerikanische Kleinstädte auch. Nur dass man hier eben auf Schritt und Tritt erkennen konnte, dass man im Zentrum eines der ältesten Bergbaugebiete der USA war. Wir fuhren durch ein paar Straßen, die in Shenandoah wohl als belebt galten. Im Vergleich zu den New Yorker Verkehrsverhältnissen kamen sie uns richtig gemütlich vor. Endlich hatten wir jene Gasse erreicht, in der unser Ziel liegen musste.

Wir fuhren zweimal hindurch und hatten die richtige Hausnummer noch nicht gefunden.

»So hat das keinen Zweck«, sagte ich schließlich. »Wir parken da drüben und machen uns zu Fuß auf die Suche.«

»Das gibt einen Massenauflauf. Die Leute recken jetzt schon die Hälse.«

»Natürlich. Erstens ein Sportwagen und zweitens auswärtige Nummernschilder. In einer Kleinstadt sind das gleich zwei Gründe, sich umzudrehen.«

»Du musst es ja wissen, schließlich kommst du vom Dorf.«

»Richtig«, bestätigte ich mit Nachdruck. »Und wir hatten mal einen in Harpers Village, der frotzelte so lange, bis es passierte.«

»Was passierte denn?«

»Es lachte niemand mehr über seine albernen Witzchen.«

Wir stiegen aus. Ich hatte den Sportwagen auf ein Plätzchen gestellt, das als öffentlicher Parkplatz ausgewiesen war. Neben uns waren noch vier Parkplätze frei. So was gibt’s eben nur in Städten wie Shenandoah. Ich schloss den Sportwagen ab, warf mir den hellen Staubmantel lässig über die linke Schulter und schielte einen Augenblick zum Himmel. Durch Qualm und Ruß ließ sich ahnen, dass die Sonne schien und höchstens fünf Wölkchen da oben hingen. Es war weder kühl, noch zu warm. Auch ein Vorteil gegenüber New York. Dort ist selbst das Wetter ewig mit einem »zu« versehen: zu heiß, zu kalt, zu stickig oder zu windig, zu feucht oder zu trocken. Wie es sich für eine Stadt der Superlative eben gehört.

Tatsächlich blieben auf dem nächsten Gehsteig alle Passanten stehen und starrten abwechselnd auf meinen roten Schlitten mit der schier endlosen Kühlerhaube und auf uns selbst. Ich prüfte schnell den Zustand unserer Kleidung, aber daran konnte es nicht liegen. Wir sahen aus, wie man es von G-men erwartet, nämlich peinlich korrekt von den blitzenden Schuhen bis zum tadellosen Haarschnitt.

»Komm«, sagte ich. »Shenandoah wird sich schon allmählich an uns gewöhnen.«

Wir bummelten wie Spaziergänger die Gasse zurück, die wir zweimal durchfahren hatten. Unser Ziel war die Hausnummer 35 A. Aber es gab nur 35 und gleich daneben 36. Zwei rußgeschwärzte Mietshäuser aus Backsteinen mit abgebröckeltem Verputz.

Der Eingang zur Nummer 35 bestand aus einem zweiflügeligen, breiten Haustor. Ich drückte einen Flügel auf. Dahinter öffnete sich eine Durchfahrt zum Hof. Rechts, ungefähr in der Mitte des Hauses, führten ausgetretene Stufen in die oberen Etagen. Hinten im Hof war ein niedriger Anbau zu erkennen. Die Fenster waren blind von einer Schmutzkruste. In der Durchfahrt hockten zwei Männer auf umgestülpten Kisten und spielten auf einer dritten Karten.

»Hier sind wir richtig«, sagte ich überzeugt und trat in die Durchfahrt. Milo kam mir nach. Unsere Schritte hallten von den Wänden wider. Von der Tür aus hatte ich die beiden Kartenspieler nur als Schattenrisse sehen können. Erst als wir sie fast erreicht hatten, konnten wir sie genauer erkennen.

Beide waren untersetzt, stämmig und von der Art, wie man sich Preisboxer in Jahrmarktsbuden vorstellen kann. Der linke trug eine sandfarbene Cordhose, ein bunt kariertes Baumwollhemd und ein ausgebeultes Sakko von grünlicher Farbe. Der rechte Kartenspieler hatte einen grauen Anzug an mit einem lilafarbenen Hemd und einer schreiend-gelben Krawatte. Wir waren noch drei oder vier Schritte von ihnen entfernt, als sie die Karten aus der Hand legten.

»Stopp«, kaute der Anzugträger rüde zwischen gelben Stummelzähnen hervor. »Hier ist kein Durchgang.«

»Komisch«, sagte ich. »Es sieht aber ganz danach aus.«

Die beiden stemmten sich hoch. Sie taten es mit dem Gehabe, mit dem starke Männer anderen Furcht einflößen wollen.

»Wo wollt ihr denn hin?«, fragte der Sakko-Junge.

»Zu Ace«, sagte Milo.

»Na, sieh mal an. Sie wollen zum Boss. So mir nichts, dir nichts. Seid ihr angemeldet, ihr Schnapsohren?«

»Nicht, dass ich wüsste«, meinte ich.

»Dann schwirrt ab. Der Boss empfängt nicht. Kapiert?«

»Das soll er mir mal selber sagen«, schlug ich vor und tat den nächsten Schritt in Richtung auf den Hof.

Der Sakko-Junge pflanzte sich vor mir auf. Er setzte mir die Spitze eines dicken, kurzen Zeigefingers mit unübersehbarem Trauerrand unter dem Nagel auf die Brust und grollte: »Willst du Schwierigkeiten, Schnapsohr?«

»Nein«, erwiderte ich. »Willst du sie?«

Auf die Gegenfrage war er nicht gefasst. Er sah Hilfe suchend zu seinem Kollegen. Der Anzug-Mann spuckte auf den Boden und knurrte: »Haut ab! Oder wir schmeißen euch auf die Straße, dass die Pflastersteine krachen!«

»Augenblick mal, ihr beiden«, sagte ich und sah sie ernst an. »Wir wollen mit Ace Crowly sprechen. Zwei herumlungernde Schlägertypen wie ihr werden uns nicht daran hindern. Aber sie könnten sich eine Menge Schwierigkeiten einbrocken, wenn sie es versuchen sollten. Milo, habe ich mich klar ausgedrückt?«

»So klar«, bestätigte mein Freund, »dass es eigentlich sogar diese beiden verstanden haben müssten.«

»Ihr seid doch keine Bergleute?«, fragte der Anzugmann mit gerunzelter Stirn.

»Hat das jemand behauptet?«, fragte ich zurück.

»Wenn ihr noch nicht mal im Bergbau seid, will Ace sowieso nichts mit euch zu tun haben«, meinte der Sakko-Junge. »Also trollt euch endlich.«

Ich hatte es satt. Es gibt Typen, die glauben erst dann, dass eine Betonwand hart ist, wenn sie sich eine dicke Beule geholt haben. Die beiden gehörten dazu. Und wenn wir nicht stundenlang mit ihnen herumstreiten wollten, mussten wir sie eben auflaufen lassen. Ich verständigte mich durch einen raschen Blick mit Milo. Er nickte unmerklich und drehte sich sofort halb um, als ob er weiter in Richtung auf den Hof hin gehen wollte.

Der Sakko-Bursche machte zwei große Schritte, streckte den Arm aus und wollte Milo am Ärmel zurückhalten. Statt sich zu sträuben, ließ sich Milo augenblicklich mit dem ganzen Körpergewicht gegen den Angreifer fallen. Der Möchte-gern-Gorilla stolperte gegen die Hauswand. Milo holte blitzschnell aus. Leider konnte ich mir die Landung seines Uppercuts nicht in Ruhe betrachten, denn der Anzug-Mann wollte sich inzwischen mit mir beschäftigen.

Er stach eine Rechte vor, die ich mit einem schnellen Sidestep an meinen linken Rippen abrutschen ließ. Er konnte den Schwung seines ins Leere verpuffenden Schlags nicht mehr bremsen und kam mir deshalb näher, als für ihn gut war. Der Einladung des ungedeckten Kinns konnte ich nicht widerstehen. Ich setzte eine knallharte Linke darauf, und zwar mitten auf den Punkt.

»Nehmen wir sie mit?«, fragte Milo.

Er lehnte an der Hauswand und sah hinab auf den Sakko-Knaben, der sich zu seinen Füßen ausgestreckt hatte und mit offenen Augen, wenn auch verglasten Blickes, zu träumen schien.

»Ich denke, wir servieren sie Ace Crowly als zweites Frühstück«, erwiderte ich und wartete, bis der Anzug-Bubi endlich mit seiner Spiralbewegung fertig und auf dem Boden angekommen war. Er seufzte noch ein letztes Mal, dann erschlafften auch seine Muskeln.

»Na, dann wollen wir mal das Tablett reinbringen zu Ace Crowly«, grinste Milo und bückte sich.

Ich packte meinen Gegner am Rockkragen, knautschte so viel Stoff zusammen, dass ich einen guten Griff hatte, und schleifte ihn neben mir her.

Da der flache Anbau nur eine Tür hatte, brauchten wir nicht zu suchen. Zuerst gelangte man in einen größeren Raum mit ein paar Tischen und etwa vierzig alten Holzstühlen. Dahinter lag eine Art Office – wenn man zwei verstaubte Schreibtische mit ein paar leeren Aktenregalen schon ein Büro nennen kann. Die nächste Tür führte in einen kurzen Flur. Links lag ein Badezimmer, und da drin prustete gerade ein auftauchendes Walross. Jedenfalls hörte es sich so an.

Wir blickten hinein – und mitten in das von Seife verschmierte Gesicht eines Riesen mit Muskelbergen und schwarzem Haarfilz auf der Brust. Was er an Körperbehaarung zu viel hatte, fehlte ihm auf dem Kopf. Dort gab es nur noch ein paar glänzende Strähnen über dem eiförmig gewölbten Schädel.

»Wer seid ihr denn?«, grunzte der Hüne vor uns. Er blinzelte, weil ihm Seifenlauge in die Augen lief.

Wir legten ihm seine beiden Gorillas vor die Füße.

»Spülen Sie sich die Seife aus dem Gesicht. Wir möchten mit Ihnen reden.«

Er stierte auf seine beiden Leibwächter, die noch immer selig dahindämmerten. Wenn er auch mit nacktem Oberkörper vor uns stand, so trug er doch eine ausgebeulte dunkelblaue Hose. Und aus der brachte er mit einer überraschend schnellen Bewegung einen kleinen Browning hervor. Das schwarze Mündungsloch blickte tückisch auf meinen Magen.

Ich zog betont langsam meinen FBI-Ausweis aus der Tasche, während sich unsere Blicke ineinander fraßen.

»Crowly«, sagte ich dabei gedehnt, »wir sind Special Agents.«

Er rieb sich mit der Linken Seifenschaum von Stirn und Augenpartie.

»G-men?«, fragte er verdutzt.

»Richtig. Das ist Milo Tucker. Ich heiße Jesse Trevellian. Die Dienstmarke hier kennen Sie doch wohl.«

Er ließ seinen Blick nur flüchtig über die Plakette gleiten. Dann entschloss er sich zu einer anderen Taktik.

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