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Tales of Partholon 2: Verbannt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

 

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

P.C. Cast

Tales of Partholon 2:

Verbannt

Roman

 

 

Aus dem Amerikanischen von
Ivonne Senn

 

 

 

 

Wieder für meinen Vater

Dick Cast (Mighty Mouse – the Old Coach).

Mit all meiner Liebe (Bugs).

DANKSAGUNG

Meinem wundervollen Verlagsteam danke ich dafür, dass es so ein wunderschönes Buch produziert hat! Es ist eine Freude, mit euch allen zu arbeiten.

Ganz großer Dank geht auch an meine Agentin und Freundin Meredith Bernstein.

Danke, Dad, dass ich deinen „Ins Eis einbrechen und es beinahe nicht überleben“-Unfall verwenden durfte, auch wenn er dich in gedruckter Form noch einmal in Panik versetzt hat.

Und ein ganz besonderes und von Herzen kommendes DANKESCHÖN an alle Fans von „Tales of Partholon 1: Ausersehen“, die es möglich gemacht haben, dass dieses Folgebuch erscheint. Meine Fans sind die besten!

1. KAPITEL

Wie Tinte, die über ein schwarzes Blatt Papier läuft, waberte die Dunkelheit am Rand meines Blickfelds, und ein Schauer der Vorahnung rieselte mir über den Rücken. Was, zum Teufel, war da los? Ich durchbohrte die Schatten mit meinem Blick. Nichts. Nur eine leere, Sternenlose Nacht, kalt und windig.

Ganz offensichtlich war ich drauf und dran, den Verstand zu verlieren.

Der Krieg mit den Fomorianern war schon seit Monaten vorbei. Keine geflügelten Dämonen warteten mehr darauf, mich zu überfallen. Ich meine, bitte, ich war in meinem eigenen Tempel, und trotz seiner Schönheit war er eine Festung. Selbst wenn irgendein gruseliges Monster auf die Welt losgelassen worden wäre (und in dieser Welt konnte man nie wissen), wäre ich hier sicher. Wirklich, ich lief größere Gefahr, zu Tode gehegt und verwöhnt zu werden, als hier einem Ungeheuer zu begegnen. Dennoch hatte ich dieses schreckliche „Jemand geht über mein Grab“-Gefühl. Dies war nicht die erste Nacht, in der ich den Eindruck hatte, etwas war völlig falsch.

Als ich dem mit Marmor gepflasterten Weg folgte, der zum Monument führte, grübelte ich über dieses Gefühl der Vorahnung, das ich seit Tagen, vielleicht sogar seit Wochen mit mir herumschleppte. Verdammt! Jetzt, wo ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich mich seit mindestens zwei, wenn nicht gar drei Wochen so seltsam fühlte. Ich hatte keinen richtigen Appetit – das für sich allein genommen war schon bizarr, denn ich liebe es zu essen. Daran mochte vielleicht eine leichte Magenverstimmung oder Stress schuld sein. Was mich jedoch viel mehr irritierte, war meine Schreckhaftigkeit. Jeder Schatten schien dunkel und undurchdringlich und mit etwas unsagbar Bösem erfüllt zu sein.

Okay, ja, ich hatte gerade einen wirklich unschönen Krieg erlebt, in dem die Guten (die natürlich auf meiner Seite waren) grausame, dämonische Kreaturen bekämpfen und die Welt vor der Versklavung und Vernichtung retten mussten. Das ist wörtlich gemeint. So etwas konnte ein Mädchen schon mal ein wenig schreckhaft machen. Vor allem wenn das Mädchen in Wahrheit eine Highschool-Lehrerin aus Oklahoma war, die aus Versehen den Platz mit der Inkarnation einer Göttin getauscht hatte und sich in einer Welt wiederfand, die eine wüste Mischung aus dem alten Schottland und dem Griechenland der Mythen und Sagen war. Diese Welt hatte nichts gemein mit Broken Arrow, Oklahoma (einem lieblichen Vorort von Tulsa). Das ist alles richtig, aber der Krieg war vorbei. Die Dämonen waren ausgelöscht, und die Welt war (angeblich) wieder in Ordnung. Warum also fühlte ich mich dann, als würde das böse Popelmonster nur darauf warten, mich aus einer dunklen Ecke anzuspringen?

Meine Güte, ich bekam wieder Kopfschmerzen.

Als ich das MacCallan-Denkmal erreichte, versuchte ich, meine rotierenden Gedanken zu beruhigen, indem ich tief durchatmete und mich auf die Stille und die Ruhe einließ, die mich an diesem Ort immer wie eine schützende Decke umfingen. Hohe, elegante Säulen umrahmten ein dreistufiges Marmorpodium, auf dem ein reich verziertes Podest stand. Darauf befand sich die schwere Urne, die mit stets brennendem, süß riechendem Öl gefüllt war.

An diesem Abend kräuselte sich der silbergraue Rauch träge hinauf zum runden Loch im kuppeiförmigen Dach. Ich ging langsam auf die Urne zu und erfreute mich an der stetig brennenden Flamme, die sich hellgelb gegen den dunklen Nachthimmel abhob. Ich hatte darauf bestanden, dass diese Gedenkstätte keine Wände erhielt, nur Säulen, eine Kuppel und diese immerwährende Flamme. Ich war überzeugt, die Männer, derer man hier gedachte, würden die dadurch symbolisierte Freiheit zu schätzen wissen.

Eine Brise zerzauste mein Haar, und ich zitterte. Die kalte Luft war beinahe feucht. Ich war froh, dass ich mich von Alanna dazu hatte überreden lassen, meinen hermelingefütterten Mantel zu tragen, auch wenn das Denkmal nicht weit von meinen Räumen entfernt war.

„Lady Rhiannon!“

Eine junge Magd eilte zwischen den Säulen auf der anderen Seite des Gebäudes auf mich zu. Sie blieb lange genug stehen, um sich in einer fließenden Bewegung bis beinahe auf die Erde zu verbeugen.

„Darf ich Ihnen ein wenig warmen Wein bringen? Die Nacht ist sehr kühl geworden.“

„Nein.“ Zerstreut warf ich ihr einen kurzen Blick zu und durchsuchte mein Gedächtnis nach ihrem Namen. „Danke, Maura. Ich brauche nichts. Geh wieder zurück ins Bett.“

Sie lächelte mich scheu an. „Ja, Herrin.“ Dann sprudelte es aus ihr heraus: „Aber Sie werden mich rufen, wenn Sie etwas brauchen, Ja?“

Ich schenkte ihr ein müdes Lächeln. „Ja, das werde ich tun.“

Sie lief davon.

Ich schaute die Urne kopfschüttelnd an und verdrehte die Augen. „Der anstrengende Übermut der Jugend“, murmelte ich in Richtung der rauchenden Flamme. „Ich belle aber vermutlich den falschen Baum an. Verdammt, du findest sehr wahrscheinlich, ich sei von jugendlichem Übermut durchdrungen.“ Ich erhielt keine Antwort, und natürlich hatte ich auch keine erwartet. Ich stieg die Stufen des Podestes hoch und setzte mich seufzend hin. Dann zog ich die weichen Falten meines Mantels enger um meine Knie und stützte mein Kinn in eine Hand. „Eigentlich habe ich überhaupt keine Ahnung, was du denken würdest. Ich habe dich ja nie wirklich gekannt.“ Ich seufzte noch einmal und zog abwesend an der vorwitzigen Locke, die sich aus meiner Frisur gelöst hatte und meine Wange kitzelte.

Ich hatte gehofft, ein Besuch der Gedenkstätte würde meine Laune heben, wie es normalerweise der Fall war, aber heute Nacht gelang es mir nicht, die Depression abzuschütteln, die mich zu ersticken drohte. Ich rieb mir die linke Schläfe, hinter der der Kopfschmerz mit jedem Schlag meines Herzens wie ein Nadelstich brannte.

Eine weitere Brise bauschte meinen Mantel. Wieder richteten sich die Haare in meinem Nacken gespenstisch auf. Ich drehte meinen Kopf und überprüfte den Lederriemen, der meine dichten Locken aus meinem Gesicht hielt, dabei nahm ich eine Bewegung wahr. Flüssig und dunkel jagte etwas gerade am äußeren Rand meines Blickfeldes dahin. Ich vergaß die Sorge um meine Haare und setzte mich aufrechter hin, bereit, denjenigen, der es wagte, in meine Privatsphäre einzudringen, zur Rede zu stellen.

„Wer ist da?“, verlangte ich gebieterisch zu wissen.

Stille.

Ich musterte meine Umgebung. Tief hängende Wolken bedeckten den Himmel. Das einzige Licht kam von der ruhig brennenden Flamme vor mir. Ich konnte nichts Ungewöhnliches erkennen – abgesehen davon, dass die Dunkelheit der Nacht meine Stimmung widerspiegelte. Nichts Unheilvolles rührte sich, lauerte oder krabbelte in den Schatten.

Mein Gott, Shannon. Reiß dich zusammen, Mädchen!

Es war sicher nur der Wind in den Bäumen, gemischt mit einer gehörigen Portion meiner ständig aktiven Fantasie. Ja, ganz bestimmt. Alles war in Ordnung ...

Eine weitere Bewegung am Rande meines Blickfelds. Schnell schaute ich mich um, aber alles, was ich sah, war Dunkelheit – eher Tinte, die über ein schwarzes Blatt Papier lief. Ich zitterte, und mir kam eine Erinnerung. Was hatte Alanna mir kurz nach meiner Ankunft in Partholon erzählt? Irgendetwas über dunkle Götter, die besser ohne Namen blieben. Mein Magen zog sich in einem unerklärlichen Anfall von Angst zusammen. Was stimmte nur nicht mit mir? Ich hatte mich ganz gewiss nicht mit dunklen Göttern eingelassen. Ich wusste ja noch nicht einmal etwas Genaues über sie. Warum sollte also allein schon der Gedanke an sie mir Angst einflößen?

Irgendetwas stimmte hier definitiv nicht.

Wie schon seit Wochen nagte ein Gefühl an mir, das zu bedrückend war, um es Traurigkeit zu nennen, und zu dick, um als Einsamkeit durchzugehen. Ich verbarg mein Gesicht in den Händen und unterdrückte ein Schluchzen.

„Ich wünschte, du wärst noch am Leben, Dad. Ich wünschte, ich könnte mit dir darüber reden, was, zum Teufel, mit mir los ist.“

Er ist nicht dein echter Vater. Meine umherirrenden Gedanken verspotteten mich. Das hier ist auch nicht deine Welt. Eindringling. Hochstaplerin. Betrügerin.

„Inzwischen ist es doch meine Welt!“, rief ich und versank in einen schier endlosen Tränenausbruch. Die Härte meiner Stimme zerschnitt die Nacht. Das Echo hallte wie eine gruselig läutende Glocke von den Säulen wider und erschreckte mich. Was für eine unerwartete Reaktion. Ich musste über meine eigene Dummheit lachen.

„Was, zum Teufel, tue ich hier, schreie mich selber an und stelle mir vor, dass das Popelmonster in den Schatten lauert?“ Die Fröhlichkeit in meiner Stimme half mir, meine miese Laune zu vertreiben. Als ich mir die Tränen von den Wangen wischte und einen tiefen Atemzug nahm, brach der beinahe volle Mond durch die Wolkendecke und warf sein Licht über die entfernt stehenden Bäume. Ich lächelte vor Freude über die ätherische Schönheit dieses zeitlosen Himmelskörpers.

„Es ist mir egal, dass ich nicht in diese Welt hineingeboren worden bin. Es gefällt mir hier. Genau hier möchte ich sein, und hier gehöre ich hin“, sagte ich entschlossen.

Natürlich stimmte es auch. Rhiannon, die echte Inkarnation und Geliebte der keltischen Pferdegöttin Epona, hatte mich aus meinem Amerika des einundzwanzigsten Jahrhunderts gerissen – genauer gesagt aus Broken Arrow, Oklahoma –, wo ich ganz zufrieden gewesen war, Shannon Parker, eine attraktive, schlagfertige und stets unter Geldmangel leidende Englischlehrerin an der Highschool zu sein. Rhiannon hatte erfolgreich einen Zauber gewirkt, durch den wir beide den Platz tauschten. Vor inzwischen beinahe sechs Monaten war ich nach einem fürchterlichen Autounfall, dachte ich zumindest, hier in Partholon aufgewacht. In einer Parallelwelt, in der Mythologie und Magie noch wirklich existierten. Um meine Verwirrung noch zu steigern, spiegeln einige der Menschen hier in Partholon Menschen aus meiner alten Welt. Anders ausgedrückt, die Menschen sehen vertraut aus, klingen und benehmen sich sogar wie die, die ich kannte, aber sie sind es nicht. Womit die Gedenkstätte für MacCallan (mein Vater/Nichvater) ins Spiel kommt.

Einen Moment lang erfasste mich eine Welle der Traurigkeit, nicht nur, weil mein geliebter Vater eine Welt entfernt war, sondern weil sein Spiegelbild in dieser Welt, Rhiannons Vater, nicht lange nach meiner Ankunft hier brutal ermordet worden war. Die Macht meiner Göttin hatte mir ermöglicht, Zeugin seines Todes zu sein, damit ich die Menschen in dieser Welt vor dem herannahenden Bösen warnen konnte. Mein Gehirn sagte mir, dass der Mann, dessen Tod ich mit angesehen hatte, Lord MacCallan, Führer seines Clans, nicht wirklich mein Vater gewesen war, aber mein Herz flüsterte etwas anderes. Mein echter Vater war auch ein Anführer – hauptsächlich von jungen Männern. Sein Kampf fand auf dem Footballfeld statt. Ich konnte nicht anders, als mich dem toten Mann, der meinem Vater so sehr ähnelte, verbunden zu fühlen.

„Manchmal ist es wirklich verdammt verwirrend“, sagte ich und tätschelte beim Aufstehen sanft die Urne. MacCallans Leichnam war nicht hier begraben. Er lag mit seinen Männern in den verbrannten Ruinen der Burg der MacCallans. Dennoch hatte ich den Drang verspürt, diese Gedenkstätte für ihn errichten zu lassen, um ihm den Respekt zu erweisen, den ich auch Richard Parker, meinem Vater, zuteilwerden lassen würde.

Ich hatte eine Menge Dinge über Rhiannon erfahren, die mich beschämt und gedemütigt haben, aber ihren Vater hatte sie geliebt. Inzwischen genoss ich es, ihren Status innezuhaben, Lady Rhiannon, Hohepriesterin von Partholon, Geliebte der Epona und Inkarnation der Göttin, zu sein. Ich nehme an, dass sie es „genoss“, eine unterbezahlte Lehrerin an einer öffentlichen Schule in Oklahoma zu sein.

Der Gedanke brachte mich zum Lachen, während ich den Weg entlangging, der mich zurück zu Eponas Tempel führen würde.

„Ja“, flüsterte ich sarkastisch. „Man konnte sehen, wie sehr sie ihr neues Leben genoss, als sie vor ein paar Monaten versucht hat, wieder den Platz mit mir zu tauschen.“

Die Erinnerung an den Vorfall dämpfte meine gute Laune sofort. Obwohl ich nicht in diese Welt hineingeboren worden war, fühlte ich mich ihr verbunden. Partholon war jetzt mein Zuhause; diese Menschen hier waren mein Volk – Epona meine Göttin. Ich schloss die Augen und schickte ihr ein kurzes Gebet. Epona, bitte hilf mir, damit ich hierbleiben kann.

Mein Magen zog sich zusammen, und ich schluckte schwer. Vielleicht war es das, was mit mir nicht stimmte. Vielleicht griff Rhiannon auf ihre alten Tricks zurück und versuchte, mich von Partholon wieder zurück nach Oklahoma zu holen, damit sie zurückkehren konnte. Vielleicht schickte Epona mir dieses merkwürdige Gefühl im Magen, die mich damit auf drohenden Ärger aufmerksam machen und mich ermahnen wollte, die Augen offen zu halten.

Uff. Allein der Gedanke, Partholon zu verlieren – und meinen Ehemann und die Menschen, die ich inzwischen lieb gewonnen hatte –, reichte aus, um eine neue Welle der Übelkeit in mir auszulösen. Verdammt! Ich war es leid, mich so zu fühlen. Ich zitterte, als eine Brise über meine Wangen strich, und wickelte den Mantel enger um mich. Ich dachte an das seltsame Wabern in der Dunkelheit, das ich überall zu sehen vermeinte. Offenbar begann ich zu halluzinieren.

Großartig – mein Mann war einen Monat fort, um sich davon zu überzeugen, dass das Land sich nach den Schlachten gegen die Fomorianer erholte, und ich drehte in seiner Abwesenheit völlig durch.

Ich straffte meine Schultern und befahl mir, mich zusammenzureißen. Rhiannon war in Oklahoma. Ich war hier in Partholon, und genau so würde es auch bleiben. Ich musste nur einfach besonders gut achtgeben, was merkwürdige Vorfälle anging (einfacher gesagt als getan). Und das merkwürdige Gefühl in meinem Magen ... wer weiß, vielleicht hatte ich mir eine kleine Erkältung eingefangen, die zu meinem „Ich bin frisch verheiratet und mein Mann ist verreist“-Blues beitrug. Wie auch immer, er wurde jeden Tag zurückerwartet, und dann würde alles wieder seinen normalen Gang gehen.

Zumindest redete ich mir das ein, während ich mich bemühte, die schleichenden Nachtschatten zu ignorieren. Die Lichter des Tempels lockten mich, ich beschleunigte meine Schritte und pfiff die Titelmelodie aus der Andy-Griffin-Show vor mich hin.

2. KAPITEL

Unglücklicherweise ging es mir am nächsten Tag nicht einen Deut besser.

„Igitt!“ Ich spuckte das Stück Erdbeere mit Schokoguss in meine Hand. „Irgendwas stimmt damit nicht.“ Misstrauisch roch ich an dem teils zerkauten Klumpen. Er sah einem Stück rohem Fleisch beunruhigend ähnlich. Ich zog eine Grimasse und schaute meine Freundin an, die in dieser Welt meinem weiblichen Freitag entsprach, Robinson Crusoes Begleiter auf der einsamen Insel. Mit anderen Worten, Alanna wusste alles über alles und jeden in Partholon. Das half mir, weniger wie ein Fisch auf dem Fahrrad auszusehen, sondern mehr wie eine echte Inkarnation einer Göttin.

„Ich denke, sie ist schlecht.“ Nachdem ich eine weitere schlaflose Nacht verbracht hatte, konnte ich gut darauf verzichten, meinem eh schon gestörten Magen auch noch eine Lebensmittelvergiftung zuzumuten.

Alanna nahm eine andere Erdbeere vom künstlerisch arrangierten Teller, roch daran und knabberte vorsichtig ein Stückchen ab.

„Hm ...“ Sie leckte sich die Lippen und warf mir ein kleines Lächeln zu. „Das muss dann nur die eine gewesen sein. Diese hier schmeckt wunderbar.“ Sie schob sich den Rest in den Mund.

„Das passt“, murmelte ich. „Ich nehme die einzig Schlechte vom ganzen Teller.“ Ich suchte, bis ich eine besonders leckere, dicke, in Schokolade getauchte Frucht fand, und biss vorsichtig das spitze Ende ab.

„Igitt!“ Der Bissen landete in meiner Hand. „Okay, das ist doch lächerlich. Diese hier ist auch schlecht.“ Ich bot Alanna das unzerkaute Stück Frucht an. „Bitte, probiere sie, und sag mir, dass ich nicht verrückt bin.“

Alanna, gute Freundin und zufällig auch verantwortlich für die bevorstehende Galafeier, nahm die Erdbeere mit spitzen Fingern, roch daran und biss ein klitzekleines Stückchen ab. Ich wartete darauf, dass ihr Gesicht sich verzog und sie die Erdbeere ausspuckte.

Und wartete.

Und wartete.

Sie schluckte und schaute mich aus großen Augen an.

„Sag mir nicht, dass sie normal schmeckt.“

„Rhea, mit der war alles in Ordnung.“

Sie wollte sie mir zurückgeben. Mir stieg der satte Schokoladen-Erdbeer-Geruch in die Nase, und ich zuckte zusammen.

„Ah, nein, danke. Behalt du sie.“

„Offensichtlich geht es dir immer noch nicht gut.“ Alanna schaute mich mit sorgenvollem Blick an. „Ich bin froh, dass Carolan heute zusammen mit ClanFintan zurückkehrt. Dein Magenleiden hält jetzt schon viel zu lange an.“

Oh ja, ich freute mich auch schon darauf, von unserem „Arzt“ untersucht zu werden – ohne Penizillin, Bluttests, Röntgengeräte und so weiter und so fort. Natürlich konnte ich meine Beklemmung darüber nicht mit Alanna teilen, weil Carolan nicht nur der führende Arzt in dieser Welt war, sondern noch dazu ihr Ehemann.

Eine kleine Nymphendienerin trat näher.

„Herrin ...“ Sie ließ sich in einen ganz entzückenden Hof knicks fallen. „Bitte erlauben Sie mir, Ihre Hand zu säubern.“

„Danke.“ Ich nahm das feuchte Leinentuch entgegen. „Ich denke, das schaffe ich noch alleine.“ Bevor sie mich mit einem Blick bedenken konnte, der mir sagte, dass ich gerade ihr kleines Ego zermalmt hatte, fügte ich hinzu: „Ich würde es jedoch sehr zu schätzen wissen, wenn du mir etwas zu trinken besorgen könntest.“

„Oh ja, Mylady.“ Ihr Gesicht strahlte vor Zufriedenheit.

„Bring Alanna bitte auch einen Kelch mit“, rief ich ihr hinterher, als sie (wortwörtlich) durch das Zimmer rannte, um meinem Wunsch nachzukommen.

„Natürlich, Mylady!“, rief sie über die Schulter zurück. Dann verschwand sie durch die Tür, die zum Küchentrakt führte.

Manchmal war es verdammt nett, göttliche Inkarnation und Geliebte der Epona zu sein. Okay, ich gebe es zu, es war nicht nur manchmal nett. Bitte, ich war umgeben von Opulenz und wurde von meinem Volk geliebt. Ich hatte eine ansehnliche Anzahl von Dienerinnen, deren einziger Lebenszweck es war, mir jeden Wunsch zu erfüllen, dazu eine Kammer angefüllt mit den schönsten Kleidern und Schubladen voller Juwelen. Viele Juwelen.

Wollen wir ehrlich sein – ich lebte weit über die Verhältnisse einer Lehrerin aus Oklahoma. Welche Überraschung.

Ich trocknete meine Hand ab, wandte mich wieder dem Tisch zu und sah, dass Alanna mich eindringlich betrachtete.

„Was?“, fragte ich in gereiztem Ton.

„Du siehst in letzter Zeit entschieden zu blass aus.“

„Nun, ich fühle mich auch entschieden zu blass.“ Mir fiel auf, dass ich sehr missmutig klang, und so versuchte ich mich an einem Lächeln und einem leichteren Tonfall. „Mach dir keine Sorgen, ich habe nur einen Anfall von ... von ... äh ... Schüttelfrost“, beendete ich den Satz.

„Seit beinahe zweimal sieben Tagen?“

Ich hätte schwören können, dass sie wie eine Mutter klang und nicht wie eine beste Freundin.

„Ich habe dich beobachtet, Rhea. Deine Essgewohnheiten haben sich verändert, und ich glaube, dass du an Gewicht verloren hast.“

„Na und, dann habe ich halt eine Erkältung. Da ist das momentane Wetter nicht gerade hilfreich.“

„Rhea, es ist beinahe Winter.“

„Wenn ich überlege, dass ich bei meiner Ankunft noch gedacht habe, hier würde es niemals kalt werden ...“ Ich schaute demonstrativ auf die sich mir am nächsten befindende Wand. Ein zauberhaftes Gemälde darauf stellte jemanden dar, der genauso aussah wie ich. Ich, beziehungsweise diese Person, ritt mit bloßen Brüsten auf einer silber-weißen Stute, während ein Dutzend leicht bekleideter Jungfern (zumindest sollten sie Jungfern darstellen) um mich herumtollten und dabei mit Blüten um sich warfen.

Alannas fröhliches Lachen erklang. „Rhiannon hat alle ihre Fresken mit Szenen aus den Frühlings- oder Sommerritualen malen lassen. Sie liebte es, unbekleidet dargestellt zu werden.“

„Sie hat mehr als nur das geliebt“, murmelte ich.

Viele Menschen in Partholon waren Spiegelbilder von Menschen aus meiner alten Welt. Sie glichen ihnen nicht nur im Aussehen, sondern auch in der Persönlichkeit (wie Alanna und meine beste Freundin Suzanna). Nicht lange nach meiner Ankunft hier hatte ich aber feststellen müssen, dass Rhiannon keine besonders nette Person war.

Rhiannon und ich ähnelten uns in unserem Wesen wenig. Alanna und ich vermuteten, ein Grund dafür war, dass sie als verwöhnte und verhätschelte Hohepriesterin aufgewachsen war. Mich dagegen hatte mein Dad aufgezogen, der mich schön übers Knie gelegt hätte, wenn ich mich wie eine verwöhnte Göre aufgeführt hätte. Also war ich mit einer guten Portion Selbstdisziplin und vernünftigen Moralvorstellungen groß geworden. Rhiannon hingegen war – um es mal mit den Worten des einundzwanzigsten Jahrhunderts auszudrücken – eine total verzogene Schlampe. Jeder, der sie kannte, hasste oder fürchtete sie oder tat beides. Sie war egoistisch und amoralisch.

Und ja, es war nicht leicht gewesen, in ihre verdammten Rubinslipper zu treten, um es mal so zu sagen.

Es gab nur drei Leute in Partholon, die wussten, dass ich nicht die echte Rhiannon bin. Alanna, ihr Ehemann Carolan und mein Ehemann ClanFintan. Alle anderen dachten einfach, ich hätte vor ein paar Monaten einen erstaunlichen Wandel meiner Persönlichkeit durchgemacht (ungefähr zur gleichen Zeit, als ich auf Rhea als Kurzform meines Namens bestand). Ich meine, es wäre nicht gut, die Massen wissen zu lassen, dass ihr Geschöpf der Anbetung aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert zu ihnen katapultiert worden war. Und nicht nur das. Zu meiner totalen Überraschung hatte die Göttin dieser Welt, Epona, mir sehr deutlich gezeigt, dass ich tatsächlich ihre Wahl als die Geliebte der Göttin war. Huh.

Ein dezentes Räuspern brachte mich in die Gegenwart zurück.

„Die Mädchen sagten, dass du gestern Abend länger als üblich an der Gedenkstätte für MacCallan verbracht hast.“ Alanna klang besorgt.

„Ich mag es da. Das weißt du doch.“ Ich musste wieder an die verlaufende tintendunkle Finsternis denken und konnte Alanna nicht in die Augen sehen. „Alanna, erinnerst du dich, dass du mir erzählt hast, Rhiannons Lakai, äh, wie war noch sein Name, irgendwas mit B.“

„Bres“, stieß Alanna angewidert hervor.

„Ja, Bres. Hast du nicht erzählt, dass er irgendwelche dunklen Mächte angebetet hat?“

Alanna kniff besorgt die Augen zusammen. „Ja, ich erinnere mich. Bres hatte Macht, die ihm das Böse und die Dunkelheit verliehen hatten. Wie kommst du da jetzt drauf?“

Ich zuckte mit den Schultern und versuchte gleichgültig zu klingen. „Ich weiß nicht. Ich schätze, irgendetwas an dieser kalten, wolkenverhangenen Nacht hat mir Furcht eingeflößt.“

„Rhea, ich habe mir in letzter Zeit Sorgen gemacht, dass du ...“

Zum Glück wurde Alanna vom Geräusch tappender Füße auf Marmor unterbrochen.

„Ihr Wein, Mylady.“ Die Nymphe trug ein Tablett mit zwei Kristallkelchen, die mit, wie ich annahm, meinem liebsten Merlot gefüllt waren.

„Danke dir.“ Hektisch suchte ich in meinem Gedächtnis nach ihrem Namen, während ich die Kelche nahm und einen davon Alanna reichte. „Noreen.“

„Sehr gern geschehen, Geliebte der Epona.“

Noreen hüpfte davon – das Haar wehte in der von ihrer Bewegung verursachten Brise hinter ihr her.

Mein Gott, war sie munter.

„Auf die Rückkehr unserer Ehemänner.“ Ich prostete Alanna zu und hoffte, damit das Thema wechseln zu können. Alanna stieß mit mir an und wurde plötzlich über und über rot.

„Auf unsere Ehemänner.“ Sie lächelte mich verträumt über den Rand ihres Kelches an.

„Igitt!“ Das schien langsam mein Lieblingswort zu werden. Ich konnte den Schluck kaum hinunterwürgen. „Das ist ja widerlich!“ Ich schnüffelte am Glas und zuckte zusammen, als der Geruch von ranzigem Wein mir in die Nase stieg. „Bedeutet es denn gar nichts mehr, die Geliebte der Epona zu sein? Warum ist alles, was ich bekomme, verdorben?“ Ich merkte, dass ich ungewohnt launisch klang, und irgendwo in meinem Kopf war ich von meinem eigenen Ausbruch schockiert. Warum, zum Teufel, hatte ich konstant das Gefühl, jederzeit in Tränen ausbrechen zu müssen?

„Rhea, lass mich mal probieren.“

Alanna nahm meinen Kelch, roch an dem Wein und nahm einen großen Schluck.

Dann noch einen.

„Nun?“ Meine Frustration klang in meiner Stimme durch.

„Er ist gut.“ Alanna schaute mir in die Augen. „Mit diesem Wein ist alles in Ordnung.“

„Oh, verdammt.“ Ich ließ mich auf die Chaiselongue sinken, die neben dem voll beladenen Banketttisch stand. „Ich sterbe. Ich habe Krebs oder einen Gehirntumor oder ein Aneurysma oder so.“ Ein Brennen in meiner Kehle kündigte an, dass ich den Tränen nahe war. Wieder einmal.

„Rhea ...“ Alanna setzte sich neben mich und nahm sanft eine meiner Hände in ihre. „Vielleicht bist du cholerisch. Du hast seit deiner Ankunft in unserer Welt sehr viel durchgemacht.“

Oh, sicher, cholerisch. Was, zum Teufel, sollte das sein? Als Nächstes würde sie Löcher in meinen Kopf bohren wollen, um die „bösen Körpersäfte“ herauszulassen oder etwas ähnlich Mittelalterliches. Verzweifelt durchforstete ich mein Gehirn danach, wie man Penicillin aus Schimmelpilzen herstellen konnte.

„Carolan wird wissen, wie man dir helfen kann.“ Sie tätschelte meine Hand in dem Versuch, mich aufzumuntern.

„Ja, Carolan wird wissen, was mit mir nicht stimmt.“ Wer’s glaubt ...

In dieser Welt gab es keine Technologie. Das bedeutete, es gab auch kein Medizinstudium. Er würde sehr wahrscheinlich irgendeinen atonalen Zweitongesang anstimmen und mir ein Gebräu aus Froschschnodder zu trinken geben.

Ich war verdammt, verdammt.

„Ein langes, heißes Bad wird dir guttun.“ Alanna stand auf und zog mich mit sich. „Komm, ich helfe dir, ein entzückendes Kleid auszusuchen – und den passenden Schmuck.“ Sie hielt inne, als ich mich nur zögernd erhob, und fügte dann an: „Der Juwelier war heute Morgen hier, als du mit Epi beschäftigt warst. Ich habe ihn gebeten, alle seine neuen Stücke dazulassen. Ich glaube ich erinnere mich, ein zauberhaftes Paar Diamantohrringe und eine entzückende goldene Brosche gesehen zu haben.“

„Nun, wenn du darauf bestehst.“ Wir lächelten einander an, als wir den Speiseraum verließen. Alanna kannte meine Schwäche für Juwelen aller Art und wusste, dass sie mich damit aus beinahe jeder schlechten Stimmung herausholen konnte. Das schaffte sonst nur mein außergewöhnliches Pferd Epi, das ich nach der Göttin Epona benannt hatte, zu Recht. Epi war ihr pferdliches Pendant. Sie war auch eine Geliebte der Göttin. Die Verbindung zwischen mir und ihr war so magisch, wie sie unzertrennlich war.

„Hey!“ Auf dem Weg zum Badezimmer hatte ich eine Eingebung. „Vielleicht habe ich eine Reaktion auf das, was gerade mit Epi los ist.“ Die Stute sollte an Samhain gedeckt werden, dem ersten Tag im November, wie es jedes dritte Jahr Sitte war. In Partholon ist drei eine magische Zahl, wie Alanna mir erklärt hatte, und wenn das dritte Jahr nahte, wurde die pferdliche Inkarnation von Epona gedeckt, um die Fruchtbarkeit des Landes für die kommenden Ernten sicherzustellen. Es waren nur noch ein paar Tage bis zum ersten November, und Epi war seit der Ankunft ihres zukünftigen Partners vor einer Woche sehr gereizt und ungewöhnlich temperamentvoll.

„Rhiannon hat sich während Epis Deckzyklen nie anders verhalten als sonst.“

„Ich frage mich, ob das normal ist für Eponas Auserwählte oder ob Rhiannon so eine egoistische Zicke war, dass sie die Stimmungen der Stute gar nicht mitbekommen hat.“ Bevor Alanna darauf antworten konnte, fuhr ich fort: „Oder vielleicht lag es daran, dass Rhiannon selber ständig so rossig war, dass sie keinen Unterschied bemerkt hat.“

Wir lachten beide, und ich spürte, wie ein wenig der Anspannung von mir abfiel. Die Tür zum Badegemach wurde von zwei meiner knackigen Krieger bewacht. Es gab mehrere positive Aspekte an der Göttin, der ich nun diente; die Tatsache, dass sie eine Kriegsgöttin war und hundert hübsche, kraftstrotzende Männer in ihren Diensten hatte, war nur eine der angenehmen Begleiterscheinungen meines neuen Jobs. Ich bemerkte, dass die Wachen Ledertuniken über ihrer üblichen Heißwetter-Uniform trugen, die aus nahezu nichts außer einem gut gefüllten Lendenschurz bestand. Ich konnte mein enttäuschtes Seufzen nicht unterdrücken, als ich an all die Muskeln dachte, die nun bedeckt waren.

Ja, ich bin verheiratet, aber nicht tot. Meine Güte noch mal.

Die Wärme und der mineralische Geruch in dem von Kerzen erleuchteten Bad umfingen mich. Einladend stieg Dampf aus dem tiefen, klaren Badebecken empor. Das Blubbern des konstant nachlaufenden Wassers und das leise Plätschern des Wasserfalls, in dem auf der anderen Seite des Beckens Wasser abfloss, verbanden sich mit der feuchten Wärme. Dieses Gemisch weckte in mir den Wunsch, mich zu entspannen und die Schmerzen aus meinem ungewöhnlich verkrampften Körper wegschwemmen zu lassen.

Ich zog den dicken Umhang aus, den ich gegen die vorwinterliche Kälte trug, und zwinkerte Alanna dankbar zu, als sie mich aus meiner seidenen Unterwäsche befreite. Langsam ließ ich mich in das warme Wasser sinken und lehnte mich gegen die glatte Seite meines Lieblingssimses. Ich schloss die Augen und hörte, wie Alanna eine Nymphe nach einer Tasse heißen Kräutertees schickte – dann spürte ich, wie sich mein Gesicht vor Ekel verzog, weil ich an meine plötzliche und unglückliche Aversion gegen Wein dachte. Bis vor Kurzem war kräftiger roter Wein mein absoluter Favorit gewesen.

Vielleicht wurde ich langsam alt.

Nein, fünfunddreißigeinhalb konnte noch nicht alt sein, und überhaupt, ich hatte immer vorgehabt, eine dieser exzentrischen alten Ladies zu werden, die viele dicke Klunker tragen, eine schicke, modische Frisur haben, sich mit Wein auskennen und ihn gerne trinken und dann plötzlich und überraschend an einer Alte-Lady-Krankheit sterben (vorzugsweise ein schmerzloses Aneurysma nach einem besonders üppigen Abendessen). Ich liebe es, für diese noch vor mir liegenden goldenen Jahre zu üben.

Ich versuchte zum trillionsten Mal, mich davon zu überzeugen, dass ich einfach nur eine hartnäckige Erkältung hatte, die mich langsam depressiv machte und dafür sorgte, dass ich mir Dinge einbildete. Natürlich, jetzt, im Tageslicht, schienen die dunklen Schatten der vergangenen Nacht weit weg und einfach nur lächerlich zu sein. ClanFintan würde am Abend nach Hause kommen. Allein der Gedanke daran, mit ihm zusammen zu sein, verbesserte meine Laune – zumindest redete ich mir das ein. Er war fast einen ganzen Monat fort gewesen, und der in dieser Welt herrschende Mangel an Telefonen und E-Mails hatte mich wirklich geschafft. Wir waren weniger als sechs Monate verheiratet, aber ohne ihn fühlte ich mich seltsam leer, wie eine Glocke ohne Klöppel. Das war ein verstörendes Gefühl für jemanden, der gerade erst die Welten gewechselt hatte.

„Probier das hier.“ Alanna reichte mir einen dickwandigen Becher, der mit wohlriechendem Tee gefüllt war. „Der wird deinem Magen guttun.“

Zögernd schnupperte ich, wartete darauf, dass die Flüssigkeit ranzig roch (ein bisschen wie ein umgekehrter Midas-Fluch), aber der beruhigende Duft von Kräutern und Honig blieb zum Glück unverändert appetitlich. Ich trank einen kleinen Schluck und ließ ihn dankbar meinen aufgewühlten Magen beruhigen.

„Danke, Freundin. Ich fühle mich schon besser.“ Wenn ich es sagte, würde es wohl stimmen ... wenn ich es sagte, würde es stimmen ... wenn ...

„Das Mädchen hat berichtet, dass die Späher ClanFintans Krieger ausgemacht haben.“ Alannas Geplapper war wohltuend. „Sie sollten bald hier sein. Ich wusste, dass sie pünktlich sind. Carolan hat gesagt, dass sie in den Tagen, die Samhain vorausgehen, nach Hause kommen werden – es sind noch zwei Tage bis dahin, und er wird heute hier eintreffen.“

In ihrer Stimme klang die Aufregung der Frischvermählten durch.

Ich wusste genau, wie sie sich fühlte. Ich ließ das Bild meines starken, sexy Ehemanns vor meinem inneren Auge entstehen.

„Mann, hab ich ihn vermisst.“

„So wie ich Carolan.“

Wir lächelten uns an.

„Gib mir mal den Schwamm. Ich möchte sie süß duftend und wohl gekleidet begrüßen, wenn sie ankommen.“ Nun, zumindest wollte ich ein paar Augenblicke lang bekleidet sein.

Ich schüttete mir etwas von meiner nach Vanille riechenden Lieblingsseife in die Hand und fing an, mich mit dem dicken Schwamm einzuschäumen. Alanna kramte in einem der überfüllten Schränke herum.

„Es wird schön sein, Victoria wiederzusehen.“ Ich hatte die führende Jägerin der Zentauren in den letzten Monaten vermisst. Ihre Pflichten sorgten dafür, dass sie beinahe immer auf Reisen war. Ich war froh, als ich die Botschaft erhielt (überbracht von einem zentaurischen Läufer – also ein bisschen wie der Pony-Express, nur mit eingebautem Reiter), dass sie sich meinem Mann und seinen Kriegern angeschlossen hatte und herkommen würde. Wir waren gute Freunde geworden, und ich hoffte, dass Eponas Tempel so etwas wie ein zweites Zuhause für sie war.

„Vielleicht werden wir dann Dougal wieder lächeln sehen.“ In Alannas Augen funkelte der Schalk.

„Er hat auch so gelächelt, du böses Ding.“

„Ach, das sollte sein Gesichtsausdruck bedeuten?“ Ihr musischer Tonfall wurde stärker, als sie weiter fröhlich stichelte: „Und ich war mir sicher, dass er sich ein böses Magenleiden eingefangen hatte.“

„Der arme Dougal. So wie du und ClanFintan ihn mit Vic aufzieht, ist es ein Wunder, dass er nicht mit permanent geröteten Wangen herumläuft.“

„Was mich zu der Frage bringt: Was, meinst du, ist zwischen den beiden wirklich passiert?“

„Nun, ich dachte, er wäre einfach nur ein bisschen in sie verknallt, aber bevor sie abgereist ist, fiel mir auf, dass sie beide eine ganze Zeit nicht im Tempel waren – zufälligerweise gleichzeitig. Dazu seine Traurigkeit, seit sie fort ist, und sein Erröten, sobald Vics Name erwähnt wird. Ich glaube, wir haben hier ein Liebespaar.“

Alanna kicherte. „Er ist so süß, wenn er rot wird, oder?“

„Oh, hör mal wer da spricht!“ Ich spritzte ein wenig Wasser in ihre Richtung, dem sie geschickt auswich.

„Ich erröte nicht.“

„Du errötest genauso wenig, wie ich fluche.“ Wir mussten lachen. „Wirf mir mal bitte das Handtuch rüber.“ Ich fing an, mich energisch abzutrocknen, und war entschlossen, mich heute Nacht, umgeben von meinem Mann und meinen Freunden, wieder gut zu fühlen. „Ich bin froh, dass ClanFintan Dougal die Aufgabe übertragen hat, den Neubau der Zentauren-Unterkünfte hier zu überwachen. So ist er zu beschäftigt, um Trübsal zu blasen.“

Dougal hatte vor ein paar Monaten im Kampf gegen die Fomorianer seinen Bruder verloren. Dann hatte die Zentaurin, in die er sich offensichtlich verliebt hatte, Miss führende Jägerin Victoria, auch noch ihre zart knospende Beziehung abgebrochen und war in ihr altes Leben zurückgekehrt. Er war definitiv ein junger Zentaur, der ein wenig Ablenkung gebrauchen konnte.

„Weißt du, Rhea, vielleicht ist es kein Zufall, dass Victoria ganz zufällig auf deine Krieger gestoßen ist. Vielleicht hat sie nach einem Grund gesucht, hierher zurückzukehren.“ Alanna hob anzüglich die Augenbrauen (womit sie aussah wie ein blondes Häschen). „Und zurück zu Dougal.“

„Ich hoffe es.“ Ich war fertig abgetrocknet und ließ meine Finger genüsslich über den schimmernden Stoff gleiten, den Alanna mir hinhielt. „Ich finde, sie würden ein großartiges Paar abgeben, und wen stört es schon, dass er jünger ist? Irgendwas sagt mir, dass jeder Zentaur, den Victoria liebt, jung und äußerst athletisch sein muss.“

Wir lachten in Übereinstimmung. Ich schlang mir das Handtuch um den Körper und ließ mich auf den gepolsterten Hocker vor dem Frisiertisch sinken. Entspannt überließ ich alles Weitere Alannas geschickten Händen, die versuchte, meine wilde rote Mähne zu zähmen.

„Die müssen dringend geschnitten werden.“ Ich rechnete im Kopf nach. Ich war seit beinahe sechs Monaten in dieser Welt und hatte meine Haare, einige Wochen bevor ich hierher versetzt wurde, schneiden lassen. Rick, mein Friseur, sagte immer: „Freundin, du solltest niemals eine Frau an deine Haare lassen. Die stehen mit dir im Wettbewerb, also werden sie nach miesen kleinen Möglichkeiten suchen, dich wie einen Mob aussehen zu lassen. Mir macht es nichts aus, wenn du fabelhaft aussiehst. Um es mal so auszudrücken: Wir bedienen uns ja nicht aus derselben Bowleschüssel.“

Man muss zugeben, er hatte nicht ganz unrecht.

„Frauen schneiden ihre Haare nicht.“

Ich schnaubte und erinnerte mich daran, dass ClanFintan vor einigen Monaten etwas sehr Ähnliches gesagt hatte.

„Ich verrate dir was, meine Freundin.“ Ich sprach zu ihrem Abbild im Spiegel. „Es ist nichts Schlimmes daran, sich ab und zu von ein paar Zentimetern zu trennen. Ich schwöre, ich habe hier in den letzten sechs Monaten mehr Spliss gesehen als zu Hause in zehn Jahren. Man könnte meinen, wir wären hier auf dem Kirchentag.“

Alanna erwiderte nichts. Sie war inzwischen daran gewöhnt, dass ich für sie sinnloses Zeug vor mich hin plapperte. Offensichtlich genoss sie es inzwischen sogar, jetzt, wo sie mir vertraute und wusste, dass ich ihr nicht den Kopf abbeißen würde. Und ja, ich meine das wörtlich. Ich sag’s nicht gerne, aber Rhiannon war kein nettes Mädchen.

Während Alanna meine Frisur und mein Make-up vervollständigte, überlegte ich, wie ich durchsetzen konnte, dass sich alle Frauen die Haarspitzen schneiden ließen.

Als ich anfangs in dieser neuen Welt aufgewacht war, hatte ich mich merkwürdig gefühlt, wenn Alanna sich um mich gekümmert hatte. Weil sie das Spiegelbild meiner besten Freundin (in jeder Welt) Suzanna war, fühlte es sich, ich weiß nicht, irgendwie blasphemisch an, mich von ihr frisieren, schminken und anziehen zu lassen. Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass ich Alannas Aufgabe bin. Technisch gesehen ist sie meine Sklavin, aber das ist lächerlich, und ich habe es sofort verworfen, als sie mir das erste Mal davon erzählte. Jetzt sage ich mir und jedem, der es nicht wissen will, dass sie meine persönliche Assistentin ist und lasse sie einfach machen.

Okay, ich gebe zu, ich genieße die Aufmerksamkeit.

Suzanna war immer großartig in allem, was damit zu tun hatte, eine Lady zu sein. Das musste sie auch. Sie ist im Bundesstaat Mississippi geboren und aufgewachsen und erst als Erwachsene nach Oklahoma versetzt worden (das man nicht als Teil des wahren Südens anerkennt). Eine Südstaatenlady zu sein musste sich irgendwie durch Raum und Zeit durchsetzen, denn Alanna hätte jedem Staat des Südens Ehre gemacht.

Jetzt drückte sie jedoch meine Schultern und zeigte mir damit, dass sie mit meiner Frisur fertig war. Ich erhob mich und streckte meine Arme seitlich aus, damit sie eine schimmernde Bahn goldener Seide um meinen Körper wickeln konnte, bis sie in wunderschönen Falten fiel und meine Rundungen und die langen Beine äußerst vorteilhaft betonte.

„Halt das mal, während ich diese neue Brosche suche.“

Ich hielt das glatte Material an meiner rechten Schulter zusammen, während Alanna in dem funkelnden goldenen Berg wühlte, der auf meinem Frisiertisch lag.

„Hier ist sie.“ Sie hielt mir die Brosche zur Ansicht hin. „Ist sie nicht exquisit?“

„Oh mein Gott! Sie ist wunderschön!“ Ich stieß den langen Seufzer aus, den nur wahrhafte Juwelenliebhaber von sich geben können.

Die Brosche war eine goldene Miniatur meines Ehemannes – ein stattlicher zentaurischer Krieger –, komplett mit einem mit Diamanten besetzten Zweihandschwert, das er mit beiden Händen vor sich hielt, mit wallendem Haar (oder Mähne, wie auch immer man es betrachten wollte) und sehr vielen Muskeln (sowohl am Pferd als auch am Menschen). Alles sah so lebensecht aus, dass ich einen Augenblick das Gefühl hatte, sie zittern zu spüren. In dieser Welt konnte man nie wissen.

„Wow ...“ Ich blinzelte auf die Brosche hinunter, als Alanna sie in Höhe meiner Schulter befestigte. „Es sieht genauso aus wie er.“

„Das habe ich auch gedacht.“ Sie drehte sich um und nahm ein Paar mit Diamanten verzierte Kreolen. „Ich dachte, diese hier würden deine Stimmung ebenfalls heben.“

Die Ohrringe blitzten nur so, als sie das Licht der Kerzenflammen auffingen.

„Ich wette, die waren nicht billig.“ Ich liebte es über alles, ihr Gewicht zu spüren.

„Natürlich waren sie teuer. Nur das ...“

Wir beendeten den vertrauten Satz gemeinsam: „... Beste für Eponas Auserwählte.“

Alanna reichte mir ein dünnes goldenes Diadem, das mit einem uralten Stück poliertem Bernstein verziert war, und ich steckte es an seinen Platz auf meiner Stirn. Es saß wie angegossen – als wäre es für mich gemacht worden, als wäre ich in diese Position hineingeboren und wirklich von einer Göttin mit speziellen Rechten (und Pflichten, erinnerte ich mich) ausgestattet worden. Kein Wunder, dass ich angefangen hatte, diese Welt zu lieben. Mein Mann war hier, meine Freunde waren hier, die Menschen waren von mir abhängig und vertrauten mir. Außerdem brachte die Rolle als Inkarnation einer Göttin (zufällig) ein entschieden besseres Gehalt mit sich als die einer Lehrerin an einer öffentlichen Schule in Oklahoma. (Okay, seien wir ehrlich, jeder Hamburgerbrater hat einen besseren Verdienst als eine Lehrerin in Oklahoma, wie die echte Rhiannon inzwischen sicher auch schon herausgefunden hat.)

„Du siehst bezaubernd aus. Blass, aber bezaubernd.“

„Danke, Mom.“ Ich zog eine Grimasse.

Es klopfte zwei Mal energisch an die Badezimmertür.

„Herein!“, rief ich.

Die muntere kleine Nymphe Noreen rauschte in den Raum.

„Mylady! Die Krieger sind am westlichen Höhenzug gesichtet worden“, sprudelte sie hervor.

„Nun, dann lass sie uns willkommen heißen.“

„Rhea, dein Umhang.“

Alanna erinnerte mich an die zunehmende Kälte und half mir in einen Umhang, der mit Hermelinpelz gefüttert war (hier gab es keine Tierschützer). Dann warf sie sich einen ähnlichen Umhang um, und wir waren bereit, uns auf den Weg zu machen. Mein Herz schlug erwartungsvoll, als die beiden Frauen zur Seite traten, damit ich vorausgehen konnte.

Einmal um die linke Ecke gebogen, durchquerten wir auch schon meinen privaten Flur, der zum Hauptinnenhof von Eponas Tempel führte. Einer meiner Wachen öffnete die Tür, und wir drei traten in den Hof, in dem sich schon die Menschen drängten.

„Gelobt seit Epona!“

„Wir grüßen dich, Lady Rhiannon!“

„Heil dir, Auserwählte der Epona!“

Ich lächelte und winkte den Mädchen und Wachen fröhlich zu, die mir den Weg freimachten, über den Hof, am Springbrunnen mit der Skulptur eines steigenden Pferds vorbei, in dem das mineralische Wasser dampfend aufstieg, weiter bis zur glatten Marmormauer, die den Tempel umschloss. Als ich durch den Haupteingang trat, sah ich erfreut, dass sich draußen Dorfbewohner aus der näheren Umgebung zusammengefunden hatten, um die heimkehrenden Krieger zu begrüßen.

Eponas Tempel war auf einem Plateau erbaut worden, und der etwas erhöht liegende Eingang zum Tempel zeigte in westliche Richtung. Ich hob den Blick von der Menge unter mir und spürte, wie mein bereits wild schlagendes Herz bei diesem Anblick noch etwas schneller pochte. Die untergehende Sonne tauchte den Himmel in dramatisches Pink und Violett, das gegen den Horizont in tiefes Saphirblau überging. Gegen diesen beeindruckenden Hintergrund hoben sich die heranreitenden Krieger ab. Sie kamen über den westlichen Hügelkamm und bewegten sich in absolutem Gleichklang; wie eine kraftvolle Welle, die nur durch ihre Anmut mühsam im Zaum gehalten werden konnte.

Anfangs waren es dunkle Schatten vor helleren Schatten, Körper, die von den letzten Sonnenstrahlen wie Silhouetten hervorgehoben wurden. Zentauren und Menschen auf Pferden wild durcheinandergemischt. Je näher sie kamen, desto mehr schälten sich einzelne Individuen heraus. Die Perlenverzierungen auf den Lederwesten der Zentauren schimmerten und glitzerten im Rhythmus ihrer langen Schritte. Die Zügel der von Menschen gerittenen Pferde funkelten in allen Farben, als das schwindende Licht sich im reich verzierten Kopfschmuck der Tiere fing. Sie galoppierten in enger Formation, und über ihren Köpfen wehte das Banner von Partholon: eine silberne Stute, die sich vor einem purpurfarbenen Hintergrund erhebt.

Als sie die strategisch gerodete Fläche erreichten, die Eponas Tempel umgab, führte die Armee ein hübsches Flankenmanöver aus. Wie sich teilendes Wasser trennten sie sich in zwei Einheiten, um die wartenden Zuschauer zu umringen, die ihr Manöver mit Gejubel und Anfeuerungsrufen würdigten.

Unerwartet erinnerte mich das an das Football-Training meines Vaters. Sein Team war so erfolgreich geworden, dass sich zu jedem Training eine Gruppe Zuschauer am Spielfeldrand traf, die die normalerweise für ein freitägliches Spiel übliche Menge an Fans weit übertraf. Mein Vater hatte beschlossen, dass es der Moral der Spieler dienlich sei, die loyalen Fans zu unterhalten. Also entwickelte er ständig neue Formationen, in denen seine Spieler auf das Spielfeld liefen. Sie täuschten an und bewegten sich umeinander wie in einer gut durchdachten Choreographie.

Ich spürte die Einsamkeit und die Tatsache, dass ich in dieser Welt keinen Vater hatte, mit dem ich diesen unglaublichen Anblick teilen konnte, besonders stark, als mein Zentauren-Ehemann aus der Gruppe ausbrach und auf mich zugaloppiert kam.

Dad hätte ihn gemocht.

Ich schüttelte die trüben Gedanken ab und schluckte eine Welle der Übelkeit hinunter, die mich zu überwältigen drohte. Dann straffte ich die Schultern in dem Versuch, göttinnengleich auszusehen, und trat vor, um meinen Mann zu begrüßen. Als er näher kam, erstarb der Jubel zu einem erwartungsvollen Flüstern.

ClanFintan kam schnell auf mich zu, aber die Zeit lief langsam genug, dass sich meine Augen am Anblick des Wesens ergötzen konnten, das mein Ehemann war. Er bewegte sich mit einer solchen Anmut und Kraft, die ich inzwischen als etwas Einzigartiges seiner Spezies erkannte – der Zentauren. Man hätte erwarten können, dass die Verschmelzung von Pferd und Mensch entweder eine fürchterliche Kreatur oder eine ungelenke Mischung hervorbrachte, aber nichts davon stimmte. Zentauren waren die vielleicht herrlichsten Kreaturen, die ich je gesehen hatte. Mein Mann war der Prinz unter ihnen. Er war groß. Sein menschlicher Körper ragte weit über meine eins dreiundsiebzig auf. Sein Haar war dunkel und glatt wie bei einem spanischen Konquistador, und er trug es zu einem dicken Zopf geflochten, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten, die ihm ins Gesicht fielen. Nach einem Monat Abwesenheit sah ich ihn nun mit neuen Augen, und ich war erstaunt, wie sehr er mich an einen muskulösen Cary Grant erinnerte, inklusive der wie gemeißelten Wangenknochen und der tiefen, romantischen Spalte im Kinn.

Ich ließ meinen Blick über seinen Körper schweifen und spürte, wie meine Lippen sich zu einem willkommen heißenden Lächeln verzogen, als ich den Anblick seines muskulösen Oberkörpers in mich aufnahm. Er wurde von der traditionellen Lederweste der zentaurischen Krieger nur unzureichend bedeckt. Wie ich inzwischen wusste, lag die Körpertemperatur von Zentauren einige Grad über der von Menschen. Somit würde ihm die Kühle der Nacht nichts ausmachen. Nicht zum ersten Mal genoss ich den Anblick, den mir sein heißer (und zwar in allen Bedeutungen des Wortes) muskulöser Körper bot.

Von der Taille abwärts hatte er alles, was ein stattlicher Hengst brauchte. Seine Widerristhöhe lag bei mindestens einem Meter fünfundsechzig. Sein Fell hatte die dunkle Farbe reifer, auf Hochglanz polierter Eicheln. An seinen Hufen und dem Schweif vertiefte sich die Farbe zu dunklem Schwarz. Mit jedem Schritt spannten und entspannten sich seine Muskeln unter dem Fell. Als er näher kam, sah er sehr mächtig und – unerwartet – fremd aus.

Er blieb direkt vor mir stehen und ließ mich durch seine physische Präsenz auf die Größe eines Zwerges schrumpfen. Ich musste mich zwingen, nicht einen Schritt zurückzutreten. Schnell hob ich den Blick von seinem Körper zu seinem Gesicht.

ClanFintans Augen waren groß und leicht schräg gestellt, sie wirkten beinahe asiatisch. Ihre Farbe erinnerte an eine sternlose Nacht. Sie waren so schwarz, dass ich seine Pupillen nicht ausmachen konnte. Ich fühlte, wie mich die Dunkelheit gefangen nahm, und die Übelkeit, die ich kurz zuvor verspürt hatte, machte sich wieder bemerkbar.

Plötzlich erinnerte ich mich an meine erste Reaktion auf die Vorstellung, mit diesem erstaunlichen Wesen intim zu werden. Ich war bei der Aussicht mehr als nur ein bisschen nervös gewesen – sogar auch noch, nachdem ich erfahren hatte, dass er sich in einen Menschen verwandeln konnte.

Jetzt lächelte er, und die Falten um seine Augen verzogen sich zu dem mir so vertrauten Muster. Mit einer schnellen Bewegung beugte er sich herunter und nahm meine rechte Hand. Er drehte die Handfläche nach oben, hob sie an seine Lippen und gab mir einen sanften Kuss darauf. Während seine Lippen noch meine Haut berührten, traf sein Blick meinen. Spielerisch nahm er den fleischigen Teil unterhalb meines Daumens zwischen die Zähne und biss leicht hinein.

„Heil dir, Eponas Geliebte“, sagte er mit seiner tiefen Stimme, die über den gesamten Vorplatz trug. „Dein Ehemann und deine Krieger sind zurückgekehrt.“

Seine Stimme lullte mich ein, beruhigte mich mit offensichtlicher Zuneigung. Ich blinzelte, und meine Beklemmung flog davon wie Blätter im Herbstwind. Das hier war kein riesenhafter Fremder. Das hier war mein Ehemann, mein Liebhaber, mein Partner.

„Willkommen zu Hause, ClanFintan.“ Wie jeder gute Lehrer, so konnte auch ich meine Stimme anheben, sodass sie weit zu hören war. Mein Lächeln wurde breiter, als ich sprach. „Hoher Schamane, Krieger und Ehemann.“ Ich trat in die Wärme seiner Umarmung und hörte nur am Rande, wie die umstehenden Zuschauer erneut in Jubel verfielen.

„Ich habe dich vermisst, mein Liebling.“

Seine Stimme vibrierte durch meinen Körper, als er sich herunterbeugte, um meine Lippen zu erobern.

Sein Kuss war kurz und hart. Bevor ich ihn so enthusiastisch erwidern konnte, wie ich wollte, packte er mich schon um die Taille und hob mich auf seinen Rücken. Als hätten sie nur auf dieses Signal gewartet, strömten die jubelnden Menschen aus, um ihre Familien und Freunde zu begrüßen. Eine Woge Gratulanten schob uns fröhlich in Richtung Innenhof des Tempels. Aus dem Augenwinkel erhaschte ich einen Blick auf eine silberblonde Mähne und drehte mich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie meine Freundin Victoria eine verhaltene Begrüßung von Dougal entgegennahm. Sie standen nah beieinander, aber sie berührten sich nicht, und die feiernden Menschen wirbelten um sie herum. Auf einen Fremden mochte es so wirken, als wäre Victoria mit ihrem klassisch geschnittenen Gesicht ernst und ungerührt von Dougals Gegenwart. In der Zeit, die ich sie jetzt kannte, hatte ich jedoch bemerkt, dass sie ihre Gefühle sehr gut verbarg. Das war für die führende Jägerin und Versorgerin ihres Volkes nur angemessen. Ganz konnte sie ihre Emotionen jedoch nicht unterdrücken. In diesem Augenblick brannte ihr Blick vor Verlangen. Ich hoffte, dass Dougal das genauso klar und deutlich sehen konnte wie ich.

ClanFintan ließ sich von der Menge vorantreiben, und bald schon war die Sicht auf Victoria und Dougal verstellt. Seufzend legte ich eine Hand leicht auf ClanFintans Schulter und winkte mit der anderen weiter den Kriegern zu. Ich war immer noch ein wenig zittrig aufgrund meiner ersten Reaktion auf ClanFintan, und so konzentrierte ich mich darauf, willkommen heißend und göttinnengleich auszusehen. Das war zumindest eine bekannte Übung. Ich hatte mich daran gewöhnt, die gütige Inkarnation der Göttin zu spielen.

Du spielst nicht, Geliebte.

Die Worte waren ein Flüstern in meinem Kopf, und ich zuckte überrascht zurück, als hätte ich einen elektrischen Zaun berührt (wie ich diese Dinger hasse). ClanFintan warf mir einen besorgten Blick zu, und ich drückte beruhigend seine Schulter. Kein Zweifel, dass er die Spannung fühlen konnte, die sich von meinem Körper auf seinen übertrug.

Epona hatte seit Monaten nicht mehr zu mir gesprochen, und doch erkannte ich die Stimme der Göttin, als wäre sie meine eigene.

Wir betraten den Innenhof, und ClanFintan blieb stehen. Er drehte sich um, sodass wir der nachrückenden Menge gegenüberstanden. Kurz schaute er über seine Schulter zu mir, dann bedeckte er meine Hand mit seiner.

Hastig räusperte ich mich und versuchte, meine versprengten Gedanken einzufangen.

„Ahm, ich ...“ Die Gespräche verebbten, während ich meinen Blick über die Menge schweifen ließ. Für einen Moment sah es so aus, als würde sich hinter der fröhlich versammelten Gruppe etwas Dunkles erheben. Etwas, das lauerte und beobachtete und wartete, aber als ich versuchte, es direkt anzuschauen, verschwand es. Ich räusperte mich noch einmal und gab mir einen Ruck. „Ich ... äh ... ich meine ...“ Mein Blick irrte umher, bis er Alanna fand. Sie hatte die Arme um ihren Ehemann geschlungen, doch ihr Blick war auf mich gerichtet. Verwirrt kräuselte sie die Lippen, als sie mein ungewohntes Zögern registrierte.

Ich fing noch einmal an.

„Wir möchten euch, alle Diener Eponas, und eure Familien zu unserem Fest einladen, mit dem wir unsere Krieger daheim willkommen heißen.“ Während ich sprach, gewann meine Stimme zunehmend an Stärke. „Bitte teilt mit uns die Freude über ihre Heimkehr bei einem Mahl.“

Die Menge jubelte, schob sich erwartungsvoll vorwärts, begierig darauf, uns in den Großen Saal zu folgen. ClanFintan drehte sich um, hob mich von seinem Rücken und stellte mich vorsichtig neben sich auf die Erde. Seite an Seite gingen wir zum Eingang. Er legte beschützend einen Arm um meine Schultern und passte seine Schritte meinen an.

„Geht es dir gut, Rhea?“, fragte er leise.

„Ja, mir geht es gut.“ Ich versuchte ihn anzulächeln, aber eine neue Welle der Übelkeit rollte über mich hinweg und ließ mich verschwitzt und schwach zurück.

Die Krieger, die die riesigen, mit feinsten Schnitzereien verzierten Türen bewachten, salutierten, als wir näher kamen. In einer Bewegung, die sie wie muskulöse Schatten ihres Gegenübers wirken ließ, zogen sie die Türen auf. Der Anblick der reich gedeckten Tafeln und die von ihnen aufsteigenden Düfte betäubten unsere Sinne.

ClanFintan führte mich zu unseren Chaiselongues, deren Anblick in mir immer das Bild von üppigen Festgelagen im alten Rom aufsteigen ließen. Nachdem er sichergestellt hatte, dass ich gut auf meiner Liege Platz genommen hatte, ließ er sich auf seiner nieder. Wie üblich nahmen wir unser Essen fast im Liegen zu uns, wie die alten Römer es taten (allerdings ohne den Teil, in dem man sich übergibt, um danach weiterzuessen). Die Kopfteile unserer Chaiselongues berührten sich beinahe, und in optimaler Reichweite war ein kleiner Tisch aufgestellt, auf dem die Speisen serviert wurden. Ich lächelte meinen Mann an. Unter seinem intensiven Blick, mit dem er mich musterte, fühlte ich mich ein wenig unwohl.

In der Halle wurde es mit einem Mal still. Ich räusperte mich kurz und sprach das Gebet. Nach einem tiefen Atemzug merkte ich, wie ich mich langsam entspannte. Ich war es nicht nur gewohnt, vor vielen Menschen zu reden/zu lehren/zu schimpfen, ich genoss es sogar.

„Wir danken dir, Epona, weil unsere mutigen Krieger gesund zurückgekehrt sind.“

Zustimmendes Gemurmel ging durch die Menge, und ich schloss die Augen, legte meinen Kopf in den Nacken und hob die Arme über meinen Kopf, als würde ich meinen Segen nach oben richten. Gleichzeitig fuhr ich fort: „Ich muss nur meine Augen schließen und sehe die Mühen, die wir in der Vergangenheit erleiden mussten.“ Ich hatte früh gelernt, dass man in Partholon die Zeit nicht in Monaten misst, sondern in Jahreszeiten und dem Wechsel der Mondphasen. „Aber unsere Göttin war bei uns, wie immer. Wir können ihre Stimme im Fallen des Regens hören und im Gesang der Vögel. Sie klingt im Rhythmus des Mondes, dem Rauschen des Windes, dem süßen Duft unserer Erde. Der Wechsel der Jahreszeiten erinnert uns daran, dass wir nicht ausschließlich Segen erhalten können. Stattdessen müssen wir das Gute mitunter mühsam herauspicken, wie man Edelsteine im Sand suchen muss.“ Die Wände des Großen Saals warfen meine Schlussworte zurück. „Heil dir, Epona!“

Ich öffnete die Augen und lächelte mein wundervolles Publikum an, dann ließ ich mich dankbar auf meine Chaiselongue sinken.

„Bitte, bring mit etwas Kräutertee, und nimm den Wein fort“, flüsterte ich der aufmerksamen Dienerin zu. Sie schenkte mir einen verwirrten Blick, wer könnte es ihr verdenken? Ich benahm mich ganz sicher untypisch, aber sie kam meiner Bitte ohne Fragen nach.

„Was ist los, Rhea?“

Auch wenn er leise sprach, war ClanFintans Sorge so offenkundig, dass sich mehrere Leute und Zentauren (darunter Alanna und ihr Arzt-Ehemann Carolan) in unserer Nähe umschauten und mir sorgenvolle, fragende Blicke zuwarfen.

„Oh ...“ Ich versuchte, locker zu klingen. „Ich habe nur eine Magenverstimmung, die nicht weggehen will.“ Ich begegnete dem Blick meines Mannes mit meinem normalerweise leicht sarkastischen Lächeln. „Sie ist beinahe so stur wie ich.“

Einige der Zuhörer kicherten. Ich bemerkte jedoch, dass Alanna, Carolan und ClanFintan nicht einstimmten.

„Du siehst blass aus.“ Er zögerte, betrachtete mich noch einmal genauer. „Und dünn.“

„Nun ja, man kann ja nie reich oder dünn genug sein“, entgegnete ich.

„Hmpf“, schnaubte er durch die Nase; ein sehr pferdiges Geräusch.

„Alanna“, rief ich. „Ich dachte, einige der Mädchen würden während des Festes Musik machen.“

„Ja, Rhea.“ In ihrem Lächeln spiegelte sich Sorge, als fürchtete sie, ich wäre kurz vor einem Nervenzusammenbruch. „Sie warten wie immer auf dein Signal.“ Sie zeigte auf eine etwas erhöhte Bühne in der Ecke des Saals, wo sechs junge, in Seidengewänder gehüllte Frauen saßen, die ihre Instrumente auf dem Schoß hielten. Angespannt schauten sie alle in meine Richtung.

„Oh“, sagte ich und fühlte mich dumm. Was, zum Teufel, war nur los mit mir? Ein Gehirntumor. Das musste es sein. Ich klatschte in die Hände. Sofort schwebten die Eröffnungstöne einer einzelnen Harfe durch den Saal. Als die anderen Instrumente einfielen, war ich wieder einmal hingerissen von der Musik, die mir wie eine berauschende Mischung aus gälischen Melodien und partholonischer Magie vorkam. Unerwartet traten mir wegen der unterschwellig traurigen Melodie Tränen in die Augen, und ich musste den Drang unterdrücken, mich zusammenzurollen und ihnen freien Lauf zu lassen.

Okay – irgendetwas stimmte tatsächlich nicht mit mir.

Ich bin keine Heulerin. Wirklich nicht. Schwache Frauen, die alle naselang in Tränen ausbrechen, bereiten mir Zahnschmerzen.

Das Klappern von Tellern brachte meine bruchstückhafte Aufmerksamkeit wieder zurück an den Tisch. Etwas, das Hühnchen ähnelte und mit einer buttrigen Knoblauchsauce garniert war, wurde vor mich hingestellt. Als der Geruch mir in die Nase stieg, musste ich die Lippen zusammenpressen und heftig schlucken.

Ich packte den Arm einer erstaunten Dienerin. „Nimm das bitte weg, und bring mir ...“ Ich sprach durch zusammengebissene Zähne, während ich versuchte, mir etwas zu überlegen, das mir bekommen könnte. Mir fiel die BRAT-Regel aus meinem Sommerjob als Stationssekretärin in einem Krankenhaus wieder ein: Bei Magenverstimmung helfen Banane, Reis, Apfelmus, Toast. Erleichtert lockerte ich meinen Griff. „Reis! Bring mir einen Teller mit schlichtem weißem Reis.“

Sie blinzelte mich erstaunt an. „Nur Reis, Mylady?“

„Ah, und ein bisschen warmes Brot“, fügte ich mit einem schiefen Lächeln hinzu.

„Ja, Herrin.“

Sie eilte davon, und ich schaute auf und sah, dass mein Mann mich besorgt musterte. Bevor er mit seinem Verhör beginnen konnte, fing ich an, ihm Fragen zu stellen – ein verzweifelter Versuch, das Thema zu wechseln.

„Also, bring mich mal auf den neuesten Stand – ich will alles hören.“ Ich nippte an meinem Kräutertee und zwang meinen Magen, sich still zu verhalten. „Haben die Menschen sich gut auf der Wachtburg und in Laragon eingelebt? Hattest du Glück mit der Verfolgung der überlebenden Fomorianer?“

„Rhea, ich habe wöchentliche Berichte geschickt, um dich auf dem Laufenden zu halten.“

„Ich weiß, Liebster, aber das waren bloße Fakten. Ich will die Einzelheiten hören.“ Die Dienerin stellte einen Teller mit warmem weißem Reis vor mich, und ich lächelte ihr dankbar zu.

„Wie du wünschst.“

Er atmete tief durch, und zwischen Bissen seines widerlich lecker aussehenden Hühnchengerichts begann er, die Ereignisse des letzten Monats für mich zusammenzufassen.

„Da die Arbeitstrupps beide Burgen bereits repariert und gereinigt hatten, war es eigentlich ziemlich einfach, die Menschen dorthin umzusiedeln ...“

Während ClanFintan sprach, behielt ich einen aufmerksamen Gesichtsausdruck bei, wobei ich mich zwang, mir kleinste Portionen Reis in meinen widerstrebenden Mund zu schieben und mit Kräutertee hinunterzuspülen.

„Die Besiedlung von Laragon ging also ruhig vonstatten, und das haben wir Thalia und den restlichen Musen zu verdanken. Viele der Studentinnen, die kurz vor ihrem Abschluss standen, haben sich freiwillig gemeldet, um auf Laragon zu bleiben und den Kriegern und ihren Familien zu helfen, sich einzugewöhnen.“ Er lächelte. „Ich glaube, einige der jungen Elevinnen der Musen werden nicht in den Tempel ihrer Göttinnen zurückkehren.“

Laragon lag in der Nähe des Großen Tempels der Musen, der nichts anderes war als eine partholonische Version einer nur von Frauen besuchten Universität. Die bemerkenswertesten jungen Frauen aus ganz Partholon wurden erwählt und von den Inkarnationen der göttlichen Musen unterrichtet. Frauen, die im Tempel der Musen ausgebildet worden waren, genossen in Partholon das höchste Ansehen. Kein Wunder, dass die Krieger kaum Schwierigkeiten hatten, sich in Laragon einzugewöhnen.

ClanFintans Gesichtsausdruck war betrübt, als er weitersprach. „Die Frauen, die auf die Wachtburg ziehen sollten, fühlten sich anfangs merklich unwohl in ihrem neuen Heim. Deshalb habe ich entschieden, die Rückkehr unserer Truppen um einige Wochen zu verschieben. Nach den furchtbaren Gräueltaten, die dort verübt wurden, ist es nur natürlich, dass die neuen Bewohner sich ungewohnt verletzlich fühlen.“

Seine Worte jagten mir einen Schauer über den Rücken. Ich erinnerte mich nur zu gut an das Grauen, auf das er sich bezog. Kurz nach meiner Ankunft in Partholon hatten vampirähnliche Kreaturen versucht, das Volk dieser Welt zu unterjochen und zu zerstören. Der vielleicht grauenhafteste Aspekt ihrer Invasion war, dass die männlichen Fomorianer menschliche Frauen fingen und sie vergewaltigten und schwängerten. Die Frauen gebaren dann mutierte Wesen, die mehr Dämonen als Menschen glichen. Ich erschauerte bei der Erinnerung an die „Geburt“, die ich hatte mit ansehen müssen, weil Epona mich auf eine Seelenreise geschickt hatte. Es reicht zu wissen, dass die Mutter die Geburt nicht überlebt hat. Für die Fomorianer waren menschliche Frauen nichts anderes als Wegwerfartikel, lebende Inkubatoren für ihre Brut.

Die Fomorianer hatten zwar Burg Laragon zerstört und ihre Bewohner getötet, aber der Angriff war überraschend gekommen und schnell beendet gewesen. Ganz im Gegensatz zu dem, was in der Wachtburg geschehen war. Von dort aus hatten die Fomorianer Partholon infiltriert, und zwar lange bevor wir überhaupt etwas davon mitbekommen hatten. Die Wachtburg war ihr Hauptquartier, und dort mussten einzelne Frauen viele Vergewaltigungen über sich ergehen lassen, bis sie endlich geschwängert waren. Dort wurden sie auch gefangen gehalten, bis die Fomorianerjungen aus ihren Leibern krochen.

„Ich bin froh, dass ihr so lange geblieben seid, bis die Frauen sich auf der Wachtburg sicher fühlten.“ Zum wohl millionsten Mal schickte ich ein Dankgebet an Epona, weil wir die Fomorianer hatten schlagen können – und für die Pocken-Epidemie, die die Dämonen geschwächt hatte, sodass sie schlussendlich vernichtet werden konnten.

„Ich wusste, dass du nichts anders erwartet hättest.“

Ein Blick in seine Augen war wie ein Bad in warmem Wasser.

„Du bist mein Held.“

„So soll es auch sein“, ging er auf meine Neckerei ein.

Ich merkte, wie er sich entspannte, als ich wieder mehr wie ich selbst wirkte. Leider war das nur vorgespielt. Ich zwang mich, einen weiteren Happen von dem bitter schmeckenden Reis zu schlucken.

ClanFintan fuhr mit seinem Bericht fort: „Die überlebenden Fomorianer zu verfolgen war schwieriger, als den Menschen zu helfen, sich auf der Wachtburg einzuleben.“ Seine Stimme klang grimmig. „Während unserer Suche haben wir viele partholonische Frauen gefunden. Als ihre Geiselnehmer starben oder flohen, blieben ganze Gruppen Schwangerer zurück.“ Bei dem Gedanken daran schüttelte er wütend den Kopf. „Einige hatten sich mit den Pocken infiziert und waren so schwach, dass sie bald gestorben sind. Denjenigen, die überlebt haben und noch am Anfang der Schwangerschaft standen, hat Carolan seine Medizin gegeben. Der Trank führte dazu, dass die Frauen eine Fehlgeburt erlitten, doch beinahe die Hälfte von ihnen starb während der Tortur.“ Er biss die Zähne zusammen. „Es gab nicht viel, was Carolan für die Frauen tun konnte, deren Schwangerschaft schon weit fortgeschritten war. Er konnte nur ihre Schmerzen lindern und ihnen das Sterben erleichtern.“ ClanFintans Blick glitt zu dem Heiler, und er senkte die Stimme. „Es war sehr schwer für ihn zu ertragen, Rhea. Zu sehen, wie wenigen er wirklich helfen konnte.“

Mein Blick folgte seinem, und ich bemerkte tiefe Falten, die sich um Carolans ausdrucksvolle Augen eingegraben hatten. Mir fiel auf, dass er Alanna ständig berührte, als könnte sie sich in Luft auflösen, wenn er keinen körperlichen Kontakt zu ihr hielte.

„Ich werde dafür sorgen, dass Alanna viel Zeit für ihn hat“, schlug ich augenzwinkernd vor.

„Ja, das wird ihm helfen.“ ClanFintans Blick hielt meinen fest. „Ich habe auch gehofft, dass meine Frau sich viel Zeit für mich nimmt.“ Er imitierte mein Zwinkern.

„Zufällig kenne ich deine Frau.“ Ich versuchte ein sexy Gurren, aber die Übelkeit machte mir einen Strich durch die Rechnung. „Sie hat mir versichert ... oh, Mist.“

Ich beugte mich über die Lehne meiner Chaiselongue (glücklicherweise in die von ClanFintan abgewandte Seite), würgte, und wie eine Explosion ergoss sich ein Schwall weißer Reis und Kräutertee über den Marmorfußboden und (unglücklicherweise) über eine junge Dienerin, die nicht schnell genug zur Seite springen konnte.

Ich wusste, dass es im Saal mucksmäuschenstill geworden war, aber ich war vollauf damit beschäftig, zu Atem zu kommen und meinen Mund abzuwischen. Ich schien meinen Blick nicht von dem Erbrochenen lösen zu können. Viele, viele kleine weiße Kerne verteilten sich auf dem Boden (und der Dienerin). Sie sahen ... verstörend vertraut aus, wie ... oh nein! Maden!

Die nächste Ladung erwischte Victoria und Carolan, die an meine Seite eilten.

„Oh! Es t...tut mir so leid!“, stotterte ich zitternd. Ich versuchte, die Tränen aus den Augen zu blinzeln. Aus irgendeinem lächerlichen Grund dachte ich, ich müsste aufstehen. Sofort begann der Saal sich um mich zu drehen. Ich bekam kaum noch Luft und hatte keine Kontrolle über meinen Körper, als meine Knie unter mir nachgaben.

„Ich hab dich, Rhea!“

Victorias Stimme durchbrach den Nebel in meinem Kopf, und ich bemerkte, dass sie sich auf dem Weg zu mir geschlagen hatte und mich nun sanft auf meine Chaiselongue legte.

Meine Lider flatterten, aber ich bekam immer noch keine Luft.

Ich starb. Ich kotzte mich vor aller Augen zu Tode. Mein Gott, was für ein unattraktiver Weg, die Welt zu verlassen.

Dann war ClanFintan bei mir und nahm mich in die Arme. Als ich sah, wie blass er war, wurde ich noch panischer.

„Nein, warte, ich muss Vic noch sagen ...“ Meine Stimme klang mit einem Mal gruselig und seltsam losgelöst von meinem Körper. Blind streckte ich eine Hand aus, und die zentaurische Jägerin ergriff sie.

„Liebe ihn einfach“, flüsterte ich und sah, wie ihre Augen sich weiteten. „Wen kümmert es schon, was die Leute sagen, wen kümmert schon der Altersunterschied.“ Ich umklammerte ihre Hand, die sie mir zu entziehen versuchte. Wenn ich schon sterben musste, dann würde sie mir verdammt noch mal vorher zuhören. Unheilbar Kranke haben einige unveräußerliche Rechte. Vielleicht ängstigt der Tod die meisten Menschen auch nur so sehr, dass sie dem bald von ihnen Gehenden wie paralysiert zuhören. Wie auch immer, ich würde sagen, was ich zu sagen hatte. Danach konnte ich mich weiter zu Tode übergeben und in Frieden sterben. „Du brauchst ihn. Hör auf, wegzulaufen, und akzeptiere das wunderbare Geschenk, das dir gemacht worden ist.“

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