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Venezianische Versuchung

1. KAPITEL

„Wenn eine Frau sich dem leichtfertigen Leben hingeben möchte, ist ein Aufenthalt in Venedig bestimmt nicht dazu geeignet, sie auf den rechten Weg zu bringen“, soll einst eine junge Frau zu dem Schauspieler Thomas Hull gesagt haben. Eine Äußerung, die so manchen englischen Gentleman dazu gebracht haben mag, nach Venedig zu reisen, um sich dort zu vergnügen.

Venedig, Januar 1785

Jahrhundertelang gab es in Venedig reichlich Gelegenheit sich zu vergnügen, und zwar zu allen Jahreszeiten. So auch in den Jahren 1784/85: Man kam nach Venedig, um die herrschaftlichen Paläste, die antiken Gemälde und andere Kunstschätze zu bewundern, um den berühmten Karneval zu erleben oder auch, um sich an lauen Tagen in einer überdachten Gondel mit einer Kurtisane zu amüsieren.

Im Januar allerdings trafen nur wenige Besucher ein. Richard Farren beispielsweise, der 5. Duke of Aston, hatte die im Winter sehr beschwerliche Überfahrt von England nach Italien auf sich genommen. Jedoch nicht, um sich den vielfältigen Zerstreuungen hinzugeben, die eine Stadt wie Venedig zu bieten hatte. Die Liebe hatte ihn dazu gebracht, seine Heimat zu verlassen.

Aston stellte den Kragen des warmen Reisemantels hoch, um sich gegen den scharfen Wind zu schützen. Er hasste diese kalten Windstöße, die so unerwartet über das Wasser fegten und ihn erschauern ließen. Doch obwohl er fröstelte, erheiterte es ihn, sich vorzustellen, was seine Freunde in London wohl über ihn dachten. Zweifellos hielten sie ihn für einen sentimentalen Dummkopf. Manche mochten sogar befürchten, er habe den Verstand verloren. Niemand außer ihm selbst glaubte, dass er für all die Mühen, die er auf sich genommen hatte, belohnt werden würde. Wahrscheinlich hatte man in den Klubs der englischen Metropole sogar Wetten abgeschlossen, die sich damit beschäftigten, wie groß seine Enttäuschung sein und wie rasch er die Heimfahrt antreten würde.

Während er gespannt dem Hafen entgegenblickte, den sie bald erreichen sollten, genoss der Duke das Gefühl der Vorfreude in vollen Zügen. Es war ihm unmöglich gewesen, die Einsamkeit mehr als ein paar Monate lang zu ertragen. Weder in London noch auf seinem Landsitz Aston Hall war es ihm gelungen, sich von seinem Kummer abzulenken. So hatte er sich schließlich entschlossen, einfach zu tun, wonach ihm der Sinn stand. Gewiss war es unvernünftig, eine solche Reise anzutreten, wenn es stürmte und schneite. Aber wann wäre er je besonders vernünftig oder gar vorsichtig gewesen? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Das war schon immer sein Motto gewesen, und er beabsichtigte nicht, sich ein anderes zu suchen.

Er legte die Arme auf die Reling der kleinen Schaluppe und betrachtete die dunkle Linie am Horizont, die – wie er wusste – die Küste Italiens war. Mehrfach hatte man ihm versichert, es sei nun nicht mehr weit bis Venedig. Er sehnte sich danach, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und sein beschwerliches Unternehmen zu einem guten Ende zu bringen. Ungeduld erfüllte ihn. Deshalb hatte er es auch vorgezogen, sich der feuchten Kälte an Deck auszusetzen, statt in seiner kleinen, ein wenig nach Fisch riechenden Kabine zu bleiben. Er war erschöpft, spürte jedoch deutlich, dass es ihm unmöglich gewesen wäre, unter Deck Ruhe und Entspannung zu finden.

Nach all diesen Wochen, die er zu Lande und auf dem Meer unterwegs gewesen war, brannte er darauf, endlich an seinem Ziel anzukommen. Ein paar Stunden noch, dann war es geschafft! Seine Sorgen würden aufhören, ihn zu quälen. In der nächsten Nacht würde er endlich wieder ruhig schlafen können. Das hoffte er jedenfalls inständig. Denn wenn sich das Schicksal gegen ihn verschworen hatte, würde bald eine noch viel sorgenvollere Zeit für ihn beginnen.

„Euer Gnaden wollen möglichst schnell in Venedig ankommen?“ Der Kapitän der Schaluppe war unaufgefordert zu ihm getreten. „Es gefällt Ihnen, dass wir so gute Fahrt machen, nicht wahr?“

„Ja“, meinte Aston kurz angebunden. Er verspürte keine Lust auf ein Gespräch mit dem Kapitän. Das musste dieser doch an seinem abweisenden Tonfall merken.

Doch der Mann warf nur einen kurzen Blick auf das Gesicht des Dukes, schob eine fettige Haarsträhne, die der Wind ihm ins Gesicht geblasen hatte, hinters Ohr und sagte: „Euer Gnaden haben großen Mut bewiesen, als Sie sich im Winter aufs Meer wagten.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust, so als wolle er sich warm halten. „Der Wind ist eisig.“

Aston nickte nur. Er wusste sehr wohl um die Gefahren, die eine Reise zu dieser Jahreszeit mit sich brachte. Er war so spät im Herbst aufgebrochen, dass man ihm schon in London erklärt hatte, es sei unmöglich, die Alpen zu überqueren. Also hatte er sich entschließen müssen, fast den gesamten Weg per Schiff zurückzulegen, erst über den Atlantik bis Spanien, dann durch die Meerenge von Gibraltar und über das Mittelmeer. Die lange gefährliche Reise hatte genügt, um eine nahezu unüberwindliche Abneigung gegen Schiffe und gegen Seeleute wie diesen Kapitän bei ihm zu wecken.

„Wenn Sie erst einmal in Venedig sind, Euer Gnaden, dann werden Sie bis zum Frühjahr dort bleiben müssen. Im Winter ist es zu beschwerlich, nach Rom, Neapel oder Florenz zu gelangen.“

„Hm …“ Seine Ungeduld wuchs. Er brauchte keine guten Ratschläge von einem Mann wie dem Kapitän! Im Übrigen beabsichtigte er sowieso nicht, Venedig in den nächsten Wochen den Rücken zu kehren. Im Gegenteil, er freute sich auf die weibliche Gesellschaft, die ihn dort erwartete.

„Natürlich werden Sie sich nicht langweilen“, fuhr der Seemann unbeeindruckt von der ablehnenden Haltung seines Passagiers fort. „Ein so gut aussehender Gentleman wie Sie wird schnell Freunde und natürlich vor allem Freundinnen an seiner Seite haben.“

Richard schwieg. Die aufgezwungene Unterhaltung war ihm äußerst unangenehm. Und die schmutzige Fantasie des Kapitäns fand er widerlich. Ihm lag nichts an leichten Mädchen. Seine Gedanken wanderten zu seiner verstorbenen Gattin. Anne war viel mehr für ihn gewesen als die ihm rechtmäßig angetraute Duchess. Er hatte sie als seine beste Freundin betrachtet. Ja, er hatte sie mehr als alles auf der Welt geliebt. Daher war es auch keiner anderen Frau bisher gelungen, Anne zu ersetzen. Tatsächlich schmerzte der Verlust, den er vor so vielen Jahren erlitten hatte, noch immer.

„Ich kann Ihnen sagen, in welchen Häusern es die besten Kurtisanen gibt, Euer Gnaden. Sie können mir vertrauen. Ich weiß, was den englischen Gentlemen gefällt. Die Venezianerinnen sind etwas ganz Besonderes. Sie werden Ihnen so viel Wonne, so viel Lust, so viel …“

„Genug!“, unterbrach Aston den Kapitän in eben jenem Ton, den er sonst anschlug, um widerspenstige Bedienstete, dickköpfige Kinder oder ungehorsame Hunde zur Vernunft zu bringen. Warum schien jeder außerhalb Englands zu glauben, die Mitglieder des englischen Adels seien an nichts anderem interessiert als an willigen Frauen vom Kontinent?

Nach kurzem Zögern zog der Kapitän sich mit einer Verbeugung zurück, und Richard konnte seine Aufmerksamkeit wieder dem Horizont zuwenden. Dunkle Silhouetten von Häusern und Türmen zeichneten sich gegen den grauen Himmel ab. Nun konnte es wirklich nicht mehr weit sein bis Venedig.

Wenig später gesellte sich sein Kammerdiener Wilson zu ihm. Er wollte seinen Herrn daran erinnern, sich umzukleiden, ehe er an Land ging. Aston schüttelte nur den Kopf. Auch der Kapitän tauchte noch einmal auf und versuchte, ihn dazu zu bewegen, sich unter Deck zu begeben. Doch Richard weigerte sich, seinen Platz an der Reling zu verlassen. Während er beobachtete, wie die Besatzung der Schaluppe alles für das Ankermanöver vorbereitete, stellte er sich vor, was ihn in Venedig erwartete. Ah, die Freuden des Wiedersehens! Unwillkürlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er rief sich das fröhliche Lachen in Erinnerung, das ihn so glücklich machte, die weichen Mädchenarme, die sich um seinen Nacken legten, die rosigen Wangen, die leuchtenden Augen. Wie hatte er dies alles während der letzten Monate vermisst!

Kaum lag die Schaluppe vor Anker, als eine Menge kleinerer Boote sich ihr näherte. Die meisten von ihnen hatten eine, wie Richard fand, sehr seltsame Form, lang, schmal und mit weit aufgebogenen Enden, dabei waren sie irgendwie asymmetrisch. Auch schien es jeweils nur einen Mann zu geben, der sie im Stehen mithilfe einer einzelnen langen Ruderstange bewegte.

„Wie nennt man diese Boote, Potter?“, fragte Aston seinen Privatsekretär, der jetzt schon seit einiger Zeit neben ihm an der Reling stand, während das übrige Personal damit beschäftigt war, unter Deck alles für das endgültige Ende der Schiffsreise vorzubereiten.

„Gondeln, Euer Gnaden“, gab Potter, gut informiert und hilfsbereit wie immer, zurück. „Sie sind das für Venedig typische Fortbewegungsmittel, so wie bei uns in London die Droschken. Die Männer, die sie lenken, werden Gondolieri genannt.“

„Rufen Sie uns eine herbei“, befahl Aston. „Ich möchte keinen Moment länger auf dieser scheußlichen Schaluppe bleiben als nötig.“

Der Sekretär nickte, wandte aber ein, dass sie erst den Zoll passieren mussten. „Man wird uns sonst nicht gestatten, die Stadt zu betreten.“

„Der verfluchte Zoll!“, rief Richard zornig aus. „Nein, ich werde mich nicht länger aufhalten lassen! Ich will endlich von diesem Schiff herunter!“

„Dort drüben in dem großen Gebäude ist die Zollstation untergebracht“, erklärte Potter. „Wenn wir uns dorthin übersetzen lassen …“

„Nein!“, unterbrach Richard ihn. „Nein, habe ich gesagt! Ich will mich sofort zu den Damen begeben. Wenn Sie glauben, dass es unumgänglich ist, mit den Zöllnern zu reden, dann erledigen Sie das.“

„Aber, Euer Gnaden …“ Das Gesicht des Sekretärs hatte einen besorgten Ausdruck angenommen.

„Sie können mich nicht umstimmen, Potter. Wenn die Zöllner unbedingt mit mir persönlich sprechen wollen, sollen Sie mich morgen aufsuchen in dieser Ca… Wie heißt das Haus, das wir gemietet haben?“

„Casa Battista, Euer Gnaden. Oder abgekürzt Ca’ Battista. Allerdings …“

„Ca’ Battista“, wiederholte Aston, um sich den Namen einzuprägen. „Gut. Wie gesagt: „Die Leute sollen morgen dorthin kommen, wenn sie es wirklich für nötig halten.“

„Die Venezianer sind sehr stolz“, versuchte Potter es noch einmal. „Es heißt sogar, dass sie für Engländer und andere vornehme Besucher, insbesondere Mitglieder des Adels, nur wenig Achtung übrig haben. Es scheint damit zusammenzuhängen, dass Venedig eine Republik ist. Jedenfalls wird es den Zöllnern nicht gefallen, dass ein Ausländer …“

„Ich bin kein Ausländer“, fiel Aston ihm ins Wort, „sondern ein englischer Peer, ein Mann von Rang und hohem Ansehen. Und jetzt besorgen Sie mir ein Boot, Potter!“

Wenig später saß Richard, begleitete von seinem Kammerdiener, tatsächlich in einer Gondel. Der Gondoliere steuerte das Boot mit großem Geschick. Der Duke konnte nicht umhin, darüber zu staunen, mit welcher Geschwindigkeit die Gondel sich vorwärtsbewegte. Bald schon hatten sie den Hafenbereich hinter sich gelassen und bogen in einen der vielen Kanäle ein, die in Venedig die Straßen zu ersetzen schienen.

„Ca’ Battista“, verkündete der Gondoliere gleich darauf und steuerte auf den Anlegesteg vor einem herrschaftlichen Haus zu.

Es handelte sich um ein beeindruckendes Gebäude aus hellem Stein, dessen Front durch Spitzbögen, mehrere kleine Balkons und verschiedene dekorative Verzierungen geprägt wurde.

Mit einem dumpfen Laut stieß die Gondel gegen den Landungssteg, woraufhin ein müde aussehender Mann das Portal der Ca’ Battista öffnete. Er hielt eine Laterne in der Hand, denn es dämmerte bereits. Mit unbewegtem Gesicht musterte er die Gondel und ihre Insassen.

„Starren Sie uns nicht an, Mann!“, rief Wilson, „sondern sagen Sie Ihrer Herrin, dass Seine Gnaden, der Duke of Aston, da ist.“

Der Venezianer zögerte. Vermutlich verstand er kein Englisch und wunderte sich darüber, dass unangemeldete Gäste kamen. Doch da war Richard schon ungeduldig aus der Gondel geklettert und drängte sich an ihm vorbei ins Haus.

Die Eingangshalle war ein achteckiger von Säulen getragener Raum, von dem aus eine breite Treppe ins Obergeschoss führte. Die Pfosten am unteren Ende des Geländers wurden von vergoldeten Engeln gekrönt, die – wie Richard fand – ein wenig überheblich schauten. Glänzende Fliesen bedeckten den Boden, und die Wände wurden – so weit man das im Dämmerlicht erkennen konnte – von verblassten Gemälden verziert.

Wenn Aston angenommen hatte, irgendwer würde ihn höflich oder gar begeistert willkommen heißen, so hatte er sich getäuscht. Niemand war zu sehen, nichts war zu hören. Vor Zorn hätte er am liebsten laut geflucht. Er war müde, er fror, er hatte gehofft, endlich am Ziel zu sein und sich entspannen zu können. Aber hier war nichts so, wie er es sich vorgestellt hatte.

Waren seine Briefe womöglich nie angekommen? Die italienische Post war bekannt für ihre Unzuverlässigkeit. Trug sie die Schuld daran, dass niemand hier war, um ihn angemessen zu empfangen? Verflixt, warum lief niemand ihm entgegen und schlang ihm jubelnd die Arme um den Nacken? Warum gab es keine Freudentränen und keine Küsse zur Begrüßung? Ihm war klar, dass es ein Risiko gewesen war, sich auf die Reise nach Venedig zu machen. Aber da er die Miete für dieses Stadtpalais bezahlte, konnte er doch zumindest damit rechnen, dass man ihm ein wenig Dankbarkeit entgegenbrachte.

„Hochwohlgeborener Herr …“

Er fuhr herum.

Der Diener mit der Laterne stand an der Tür und fuhr ein wenig atemlos, aber in durchaus verständlichem Englisch fort: „Sie möchten die englische Lady sehen?“

Richard nickte. Der starke italienische Akzent des Mannes ärgerte ihn, obwohl er wusste, dass er von Glück sagen konnte, überhaupt auf jemanden zu treffen, der seine Sprache beherrschte. Im Übrigen wollte er beide englischen Ladys sehen, nicht nur eine. Also forderte er den Bediensteten auf: „Teilen Sie den Damen mit, dass …“

Der Mann hob die Laterne und deutete mit dem Kinn in Richtung der Treppe. „Sie wartet schon.“

Leicht verwirrt wandte Aston sich wieder den beiden Engeln zu. Dann ließ er den Blick langsam nach oben gleiten. Und tatsächlich! Am oberen Ende der Treppe konnte er im Dämmerlicht den Umriss einer weiblichen Gestalt ausmachen. Er stieg einige Stufen hinauf und kniff die Augen ein wenig zusammen, um besser sehen zu können. Eine Frau, ja. Aber es handelte sich ganz offensichtlich um keine der Damen, die er zu treffen wünschte. Immerhin erkannte er sie jetzt. Es war die Gouvernante seiner Töchter, eine kleine Frau, deren weit aufgerissene Augen riesig wirkten in dem blassen Gesicht. Sie trug ein einfach geschnittenes Kleid aus brauner Wolle. Das Haar hatte sie streng zurückgekämmt und unter einer schmucklosen Haube verborgen. Mit beiden Händen umklammerte sie das Treppengeländer, so als könne sie sich nur mit Mühe aufrecht halten. Sie wirkte zutiefst aufgewühlt.

„Euer Gnaden …“, stammelte sie und knickste, ohne das Geländer loszulassen. „Guten Abend, Euer Gnaden. Ich hatte Sie nicht erwartet.“

„Das ist offensichtlich“, entgegnete er leicht gereizt. „Ich bin müde, Miss Wood. Und ungeduldig. Ich will meine Töchter sehen. Bitte, bringen Sie mich sofort zu ihnen.“

„Zu Lady Mary?“, fragte sie in einem Ton, der Astons Zorn aufs Neue entfachte. „Und zu Lady Diana?“

„Allerdings. Andere Töchter habe ich nicht!“ Mit wenigen Schritten hatte er die Treppe erreicht, hielt abrupt inne und starrte zu Jane Wood hinauf. „Also?“ Seine Stimme verriet, dass seine Geduld zu Ende ging. Nichts außer der Sehnsucht nach den Mädchen hätte ihn jemals bewegen können, die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen. Nun wollte er seine geliebten Kinder endlich in die Arme schließen! Er sehnte sich nach der ernsten dunkelhaarigen Mary, die ihn so sehr an seine verstorbene Gattin erinnerte, und nach der ein Jahr jüngeren Diana, die sein eigenes aufbrausendes Temperament ebenso geerbt hatte wie sein helles Haar. Kein Vater hätte seine Töchter schmerzlicher vermissen können als er.

Aus dem Dunkel tauchte eine zweite Frau auf und stellte sich neben die Gouvernante. Es schien sich um eine Venezianerin zu handeln, eine Witwe vermutlich, denn sie war ganz in Schwarz gekleidet. Sie machte einen eleganten, vornehmen Eindruck.

„Ich war lange unterwegs“, stellte Richard fest, „und ich verbitte mir jede weitere Verzögerung.“

„Ihre Töchter …“, murmelte Miss Wood, und sie klang so traurig, dass Aston erschrak.

Tröstend legte die andere Frau der Gouvernante die Hand auf den Arm. Dabei sprach sie in leisem Italienisch auf sie ein. Doch Miss Wood schüttelte nur betrübt den Kopf, ehe sie sich wieder dem Duke zuwandte und sagte: „Dann haben Sie wohl meine Nachrichten nicht erhalten, Euer Gnaden? Und auch nicht die Briefe der beiden jungen Damen? Sie wissen gar nicht, was geschehen ist?“

„Was sollte ich wissen?“, fragte er lauter als beabsichtigt. „Verflucht, ich war wochenlang per Schiff unterwegs! Die letzten Nachrichten, die mich erreicht haben, kamen aus Paris. Bringen Sie mich jetzt endlich zu meinen Töchtern!“

„Das ist leider nicht möglich, Euer Gnaden. Ich wünschte von ganzem Herzen, es wäre anders.“ Sie löste die Finger vom Treppengeländer und ließ sich langsam auf die oberste Stufe sinken. Es sah aus, als habe alle Kraft sie verlassen. „Die jungen Damen sind nicht hier. Bei Gott, wenn Sie doch nur Lady Marys und Lady Dianas Briefe gelesen hätten!“

Aston erbleichte. Was war mit seinen Töchtern geschehen? Eine Vielzahl furchtbarer Möglichkeiten schoss ihm durch den Kopf. Ein Unfall mit der Kutsche, ein Schiffsunglück, ein Überfall durch Wegelagerer, ein gefährliches Fieber, eine entzündete Wunde … Damals, als er seine Gattin verloren hatte, wäre er ihr vor Kummer beinahe in den Tod gefolgt. Wenn seine Töchter gestorben waren … Er würde es nicht ertragen!

Seine Stimme klang heiser, als er Miss Wood befahl, ihm sofort zu erklären, was den Mädchen zugestoßen war.

„Sie haben geheiratet, Euer Gnaden.“ Die Gouvernante senkte den Kopf und starrte auf ihre ineinander verschränkten Hände. „Sie sind beide in den Stand der Ehe getreten.“

2. KAPITEL

Verheiratet?“, brüllte Aston. „Meine Töchter? Verheiratet?“

„Ja, Euer Gnaden.“ Jane Wood holte tief Luft und sagte sich, das Schlimmste sei überstanden. Sie kannte den Vater ihrer Schützlinge seit Langem und wusste um sein aufbrausendes Wesen. Schon früher hatte sie seine Wutausbrüche erlebt. Diesmal verstand sie seinen Zorn sogar. Natürlich hoffte sie trotzdem von ganzem Herzen, dass er sich rasch beruhigen würde. „Lady Mary und Lady Diana haben eine gute Wahl getroffen. Sie sind mit echten Gentlemen verheiratet.“

„Ha! Mit echten Schurken wohl eher!“

Das im Allgemeinen anziehende Gesicht des Dukes hatte einen so finsteren Ausdruck angenommen, dass Miss Wood sich innerlich auf einen weiteren Ausbruch gefasst machte. Doch Astons Stimme klang sehr beherrscht, als er fragte: „Warum haben Sie diesen Wahnsinn nicht verhindert? Warum haben Sie diese Verbrechen zugelassen, Miss Wood?“

Da begriff sie, dass er nicht nur wütend, sondern auch zutiefst enttäuscht und sehr besorgt um seine Töchter war.

„Euer Gnaden …“ Sie zwang sich aufzustehen. Irgendwie musste es ihr gelingen, ihn zu beruhigen. In seinem jetzigen Zustand würde er versuchen, alles, was sie tat und sagte, zu ihrem Nachteil auszulegen. Er würde ihr Schwäche und Unfähigkeit vorwerfen, sofern sie nicht überzeugend und gelassen auftrat. Von jeher hatte er es gehasst, wenn etwas nicht nach seinem Willen ging. Er war es nicht gewohnt, dass man ihm widersprach oder seinen Anweisungen nicht Folge leistete. Er geriet in Wut, wenn man sich ihm widersetzte. Und er bemühte sich nicht im Geringsten, seinen Zorn und seinen Ärger zu beherrschen. In London war er geradezu berüchtigt für sein heftiges Temperament. Wenn er sich aufregte, dann half – wie Jane Wood in den zehn Jahren, die sie für den Duke of Aston arbeitete, gelernt hatte – nur eines: Man musste ihm alle Fakten so vernünftig wie möglich erläutern.

Noch einmal atmete sie tief durch. Dann legte sie die Hände vor der Brust zusammen, so wie sie es häufig tat. Sie war unzufrieden mit sich. Eigentlich hätte sie sich ihr Erschrecken über das unerwartete Auftauchen des Dukes nicht anmerken lassen sollen. Schließlich war sie kein unerfahrenes junges Mädchen mehr. Sie war eine kluge und fähige Frau von fast dreißig Jahren. Deshalb würde sie sich jetzt genau so verhalten, wie es am besten war: vernünftig und besonnen. Sie würde sich nicht verteidigen, denn sie hatte keinen Fehler gemacht, zumindest keinen schwerwiegenden. Mit wohlgesetzten Worten würde sie dem Duke erklären, was sich in den letzten Wochen und Monaten zugetragen hatte.

Tatsächlich hatte sie in den vergangenen Wochen bereits viel Zeit darauf verwendet, sich ihre Rede zurechtzulegen. Allerdings hatte sie immer angenommen, sie würde dem Duke in seiner sonnendurchfluteten Bibliothek in Aston Hall gegenübertreten, um ihn über alles zu informieren. Zudem hatte sie geglaubt, er würde dann bereits aus den Briefen seiner Töchter von deren Hochzeit erfahren haben. Dann hätte sie selbst nur ein paar Einzelheiten beisteuern müssen. Und es wäre nicht allzu schwer gewesen, ihm begreiflich zu machen, dass die Mädchen ihr Glück gefunden hatten. Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, er könne sich mitten im Winter auf die Reise nach Venedig machen, um dann außer sich vor Wut im kalten, düsteren Treppenhaus der Ca’ Battista herumzubrüllen.

„Ich fürchte, ich muss die Wache rufen lassen“, verkündete Signora della Battista in diesem Moment auf Italienisch. Sie betrachtete den Duke voller Abneigung.

Jane schüttelte den Kopf und setzte zu einer Entgegnung an.

„Zumindest sollte ich den Dienern befehlen, diesen Mann hinauszuwerfen“, fuhr die Signora fort. „Es gibt keinen Grund, sich das Geschrei eines verrückten Engländers anzuhören.“

„Oh, für mich gibt es einen sehr wichtigen Grund“, antwortete Jane rasch, wobei sie sich ebenfalls der italienischen Sprache bediente, die sie inzwischen recht gut beherrschte. Seit sie ihren Pflichten als Gouvernante nicht mehr nachkommen musste, hatte sie eifrig gelernt. „Ich arbeite für ihn. Er ist es, der mir meinen Lohn zahlt und so meinen Lebensunterhalt sichert.“

Signora della Battista sah entsetzt drein. „Was für ein Leben! Wie können Sie es nur im Haushalt eines so unbeherrschten Mannes aushalten?“

Erneut schüttelte Jane den Kopf, länger und heftiger diesmal. Sie war froh, dass der Duke es aus purem Stolz auf seine englische Herkunft nie für nötig gehalten hatte, eine Fremdsprache zu erlernen. Jane wandte sich ihm zu und sagte in ruhigem Ton und natürlich auf Englisch: „Euer Gnaden, darf ich Ihnen Signora della Battista, die Besitzerin dieses Hauses, vorstellen.“

Er runzelte nur die Stirn.

„Signora, dies ist der Duke of Aston.“

Die Venezianerin nickte kaum merklich kurz zu. Es war eine Geste, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie den Neuankömmling für einen Menschen hielt, der gesellschaftlich weit unter ihr stand. Schließlich gehörte ihre eigene Familie schon seit einer halben Ewigkeit zu den wichtigsten in Venedig, während Astons Ahnentafel nicht mehr als zwei Jahrhunderte zurückreichen konnte. Signora della Battista empfand es als himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass sie aus finanziellen Gründen gezwungen war, die Ca’ Battista an ausländische Gäste zu vermieten.

„Madam!“ Jetzt verbeugte sich Richard. Zu sehr war er mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, als dass ihm die Überheblichkeit der Signora auch nur aufgefallen wäre. Seine Aufmerksamkeit galt Miss Wood. „Kommen Sie endlich zu mir herunter, damit ich Sie richtig sehen kann!“

Sie raffte die Röcke und stieg würdevoll die Treppe hinab. Vor dem Duke hielt sie inne. Nun musste sie den Kopf in den Nacken legen, wenn sie ihm ins Gesicht schauen wollte.

Während der letzten Monate hatte sie fast vergessen, wie groß er war. Mit einem Mal kam sie sich klein, schwach und hilflos vor. Aber es waren nicht nur Astons breite Schultern oder seine stolze Haltung, die ihn überall aus der Menge der anderen heraushoben. Es war seine Ausstrahlung, seine männliche Vitalität, die ihn zu etwas Besonderem machte. Während die meisten Gentlemen seines Alters ihre Gefühle hinter einer Miene vorgespielter Langeweile verbargen, zeigte er stets deutlich, was in ihm vorging. Wenn er gut gelaunt war, sprühte er vor Charme und Lebensfreude. Wenn er sich über etwas ärgerte, fürchteten die Menschen in seiner Umgebung seine Wutausbrüche. Das galt für seine Töchter ebenso wie für seine Bediensteten, seine Freunde oder seine Nachbarn.

Es galt auch für Jane Wood.

„Ich erwarte eine Erklärung!“

„Ja, Euer Gnaden.“ Sie nahm all ihren Mut zusammen, und es gelang ihr tatsächlich, dem Blick des Dukes standzuhalten. „Ich konnte und wollte Lady Marys und Lady Dianas Glück nicht im Wege stehen. Die Damen haben achtbare Gentlemen geheiratet, Ehrenmänner, die auch Ihnen gefallen werden, wenn Sie sie erst kennengelernt haben. Davon bin ich überzeugt.“

„Warum, zum Teufel, haben sie dann mit der Hochzeit nicht gewartet, bis ich mein Einverständnis geben konnte? Warum? Nun, ich werde es Ihnen sagen: Weil diese Kerle keine Gentlemen sind, sondern Gauner, die es niemals gewagt hätten, mich um die Hand einer meiner Töchter zu bitten.“

„Das ist nicht wahr“, widersprach Jane. „Unter anderen Umständen hätten die Gentlemen alles getan, um Ihnen zu versichern, dass Sie ihnen Ihre Töchter anvertrauen können. Aber Sie waren weit weg, Euer Gnaden, und …“ Die Gouvernante errötete. „Wenn zwei Menschen sich so lieben, ist es am besten, wenn sie möglichst schnell heiraten.“

„Ha!“, brüllte Aston. Er sah plötzlich regelrecht krank aus. „Die Schurken haben meine Mädchen ruiniert!“

„Nein“, versuchte Jane ihn zu beruhigen. „Nein, keine der beiden ist ruiniert. Es war nur so, dass … Also … Wahre Liebe kann nicht warten, nicht wahr?“

„Unsinn!“, rief Richard. „Wenn ich nur da gewesen wäre, dann hätte ich dafür gesorgt, dass …“ Er ließ den Satz unvollendet, weil ihm ein neuer Gedanke gekommen war. „Wie heißen diese Kerle?“

„Lady Mary hat in Paris Lord John Fitzgerald ihr Jawort gegeben.“

„Fitzgerald? Ein Ire? Meine Tochter hat sich von einem verfluchten Iren verführen lassen?“

„Lord John ist ein Mann von edler Herkunft.“ Jane war entschlossen, ihre Schützlinge zu verteidigen. „Sein Bruder ist ein Marquis. Außerdem …“

„Ein irischer Adelstitel ist überhaupt nichts wert!“, beharrte Aston. „Und dann ist dieser Fitzgerald auch noch ein jüngerer Sohn und vermutlich Katholik! O Gott, hat meine Mary etwa in einer katholischen Kirche geheiratet?“

„Nein, Euer Gnaden. Das Paar wurde, wie es sich gehört, von einem anglikanischen Pastor getraut. Lady Mary selbst hatte darum gebeten.“

Gequält verzog Richard das Gesicht. „Mein armes Kind“, murmelte er. „Meine kleine Mary … Sie hat sich an einen Iren fortgeworfen! Und wer hat Diana den Verstand geraubt?“

„Lady Diana hat in Rom Lord Anthony Randolph geheiratet, den Bruder des Earl of Markham.“

„O Gott, noch ein jüngerer Sohn!“ Aston machte jetzt einen zutiefst verzweifelten Eindruck. „Nun, zumindest ist dieser Randolph kein Ire, sondern ein Engländer.“

„Er ist zur Hälfte Engländer“, klärte Jane ihn auf. „Seine Mutter entstammt einer alten römischen Familie, weshalb Lord Anthony auch in Rom lebt.“

„Zum Teufel mit ihm!“ Richards Kummer war in Verbitterung umgeschlagen. „Ich habe also einen Iren und einen Italiener zum Schwiegersohn. Wunderbar.“

„Verzeihen Sie, Euer Gnaden.“ Jane liebte ihre ehemaligen Schutzbefohlenen und hatte deshalb das Gefühl, sie müsse sich noch einmal bemühen, dem Duke klarzumachen, dass seine Töchter glücklich waren. „Sie tun den Gentlemen Unrecht. Lord John und Lord Anthony sind durchaus ehrenwerte …“

„Genug, Miss Wood!“, unterbrach er sie. „Ich habe meine Töchter, die mir mehr als mein Leben bedeuten, in Ihre Obhut gegeben. Und Sie haben zugelassen, dass Mary und Diana …“ Einen Moment lang versagte ihm die Stimme.

„Bitte, Euer Gnaden, wenn Sie mir nur zuhören würden!“

„Nein!“ Er wandte sich an Signora della Battista, die noch immer oben an der Treppe stand. „Signora, bitte, zeigen Sie mir mein Schlafzimmer. Und lassen Sie mir ein Tablett mit Essen dorthin bringen. Ich beabsichtige, allein zu Abend zu speisen.“

Die Signora wusste, wann es an der Zeit war, einen freundlichen Ton anzuschlagen. Als Venezianerin verfügte sie über einen ausgeprägten Geschäftssinn. Sie hatte nicht vergessen, dass dieser Mann – so sehr sie ihn auch verachten mochte – schon vor Wochen die Miete für die Ca’ Battista bezahlt hatte. Er hatte das gesamte Haus für mehrere Monate gemietet, und das im Winter, wenn es kaum ausländische Besucher in der Lagunenstadt gab. Also sagte sie in flüssigem Englisch: „Ich fühle mich geehrt durch Ihren Besuch, Euer Gnaden. Sie sollen das schönste Schlafzimmer erhalten. Und mein Koch wird sein Bestes tun, um Ihnen ein schmackhaftes Abendessen zuzubereiten.“

Jane beobachtete, wie der Duke die Treppe hinaufstieg. Er machte den Eindruck eines gebrochenen Mannes. Seine breiten Schultern waren nach vorn gesunken. Den Kopf hielt er gesenkt. Nur mit Mühe schien er die Füße heben zu können. Plötzlich tat er ihr leid. „Euer Gnaden“, rief sie ihm nach, „bitte, gestatten Sie mir, Ihnen später noch ein paar Erklärungen zu geben!“

Er wandte sich nicht einmal nach ihr um. „Für heute habe ich mehr als genug gehört“, sagte er müde.

Sie machte keinen Versuch, ihn umzustimmen. Nachdenklich blieb sie stehen und lauschte auf die sich entfernenden Schritte. Sie konnte nicht fassen, wie wenig sie in dieser Unterredung mit dem Duke erreicht hatte. Kaum vorstellbar, dass ein Gespräch noch weniger zufriedenstellend verlaufen könnte. Obwohl … Es war Aston durchaus zuzutrauen, dass er vor Wut jemanden in einen der Kanäle warf. Vielleicht würde er das am nächsten Tag nachholen.

Ich habe wahrhaftig Strafe verdient, gestand Jane sich ein. Sicher, Mary und Diana hatten ihr immer wieder gesagt, ihr Papa würde Verständnis dafür aufbringen, dass sie sich so begeistert in das Abenteuer Ehe gestürzt hatten. Aber als Gouvernante hätte sie die Wünsche ihrer Zöglinge nicht über die Anweisungen stellen dürfen, die der Vater der Mädchen ihr erteilt hatte. Dass sie im Interesse der beiden gehandelt hatte, war keine akzeptable Entschuldigung. Würde der Duke sie deshalb hinauswerfen? Würde sie plötzlich ohne Referenzen in einem fremden Land ganz auf sich allein gestellt sein? Sie musste mit dem Schlimmsten rechnen.

Langsam stieg sie die Treppe hinauf und folgte dem langen Flur bis zu dem Raum, in dem sie schlief. Aston hatte mehr als deutlich gemacht, dass er sie nicht mehr zu sehen wünschte. Und da sie kurz vor seinem Eintreffen bereits gemeinsam mit Signora della Battista zu Abend gegessen hatte, war sie für den Rest des Tages frei von gesellschaftlichen oder sonstigen Verpflichtungen. Sie konnte die nächsten Stunden darauf verwenden, alles für ihre Abreise vorzubereiten. Denn es war wohl ziemlich sicher, dass der Duke sie am nächsten Tag vor die Tür setzen würde.

Sie betrat ihr bescheidenes Zimmer, das – wie in venezianischen Palästen üblich – zwischen zwei vornehmen, den Herrschaften vorbehaltenen Schlafräumen lag. Es war eindeutig für jemanden gedacht, der zum Personal gehörte. Das bewiesen die kleinen Fenster und das Fehlen eines Kamins. Stattdessen gab es einen Ofen, um den sich das Personal der Signora kümmerte. Doch die darin glühenden Holzscheite reichten nicht aus, um die feuchte Kälte des Winters zu vertreiben.

Bisher war Jane dennoch zufrieden gewesen. Sie war von Natur aus genügsam. Als sie jetzt eintrat, schaute sie sich flüchtig um, ging dann zum Nachttisch, auf dem eine einzelne Kerze stand, und zündete diese an. Sie unterdrückte ein Seufzen, holte ihre beiden Reisekoffer herbei, legte sie geöffnet aufs Bett und begann zu packen. Da sie nicht viel besaß, ließ sich die Arbeit rasch erledigen. Bald waren Kommode und Kleiderschrank so gut wie leer. Neben der Waschschüssel lag noch die Bürste. Zögernd griff Jane danach. Sollte sie sich schon für die Nacht fertig machen? Ja, es würde wohl das Vernünftigste sein.

Wenig später hatte sie sich gewaschen und gebürstet. Das Haar, das sie tagsüber zu einem strengen Knoten schlang, fiel ihr in weichen Locken über die Schultern, wodurch ihr Gesicht weicher und weiblicher wirkte.

Jane schaute zum Bett hin. Sie war viel zu aufgeregt, um schlafen zu können. Daher beschloss sie, die Zeit zu nutzen und sich ihrer Korrespondenz und ihrem Tagebuch zu widmen. Sie wollte Erinnerungen auffrischen und vor allem lesen, was Lady Mary und Lady Diana ihr geschrieben hatten, seit sie glücklich verheiratet waren.

Es war kühl im Raum, und im Nachbarzimmer, das gar nicht geheizt wurde, würde es noch kälter sein. Dennoch wollte Jane mit den Briefen dorthin gehen. Sie liebte die hohen Fenster, die auf den Canal Grande hinausführten, ebenso wie die luxuriöse Einrichtung des Raums, der eigentlich für Lady Mary bestimmt gewesen war. Als Signora della Battista gehört hatte, dass die junge Dame nicht nach Venedig kommen würde, hatte sie Jane gestattet, das Zimmer zu benutzen. Schließlich hatte der Duke die Miete für das gesamte Haus gezahlt.

Da sie in ihrem schon ein wenig abgetragenen Nachthemd fröstelte, hüllte Jane sich in ein warmes Schultertuch und öffnete die Verbindungstür. Wie jedes Mal ließ sie den Blick zunächst über die Wände mit den alten Gemälden gleiten. Viel sehen konnte sie im Licht ihrer einen Kerze natürlich nicht. Doch längst kannte sie die Einzelheiten auswendig. Da war zum Beispiel das Bild von der heidnischen Göttin, die umgeben von Fabelwesen einen fröhlichen Tanz aufführte. Die Gestalten schienen sich im flackernden Kerzenschein zu bewegen.

Lächelnd wandte Jane den Kopf ab. An einem großen, wunderbar bequem wirkenden Bett vorbei trat sie zu einem zierlichen Schreibtisch und nahm in dem davor stehenden Lehnstuhl mit den vergoldeten Beinen Platz. Dann schlug sie das Tagebuch auf, in dem sie während der vergangenen Monate alle wichtigen Ereignisse festgehalten hatte.

Die Reise nach Frankreich und Italien war ursprünglich geplant worden, um die Erziehung der Töchter des Dukes zu vervollständigen und auch, um einen kleinen Skandal vergessen zu machen, in den Lady Diana verwickelt gewesen war. Ein halbes Jahr – hatte Aston gemeint – müsse reichen, damit Gras über die Sache wuchs. Wenn seine Töchter schließlich nach England zurückkamen, würde niemand mehr daran denken, dass Dianas guter Ruf in Gefahr gewesen war. Einer vorteilhaften Ehe stünde dann nichts mehr im Wege.

Für Jane war es aufregend gewesen, alles vorzubereiten und sich schließlich auf die große Reise zu begeben. Sie hatte es als Herausforderung empfunden, die Bildung der jungen Damen zu vervollkommnen und gleichzeitig selbst so viel Neues kennenzulernen. Um nur ja nichts zu vergessen, hatte sie beschlossen, ihre Eindrücke und Erlebnisse niederzuschreiben. Anfangs hatte sie nur kurze Eintragungen vorgenommen. Die Überquerung des Ärmelkanals, die lange beschwerliche Kutschfahrt nach Paris, die ersten der vielen Sehenswürdigkeiten, die es dort zu bewundern gab – dies alles war nicht besonders ausführlich geschildert worden. Auch die interessanten Menschen, denen sie begegnet war, hatte sie nur kurz erwähnt.

Irgendwann allerdings war sie vom Zauber des Neuen und Ungewöhnlichen so hingerissen gewesen, dass Jane begonnen hatte, Skizzen von Bau- oder Kunstwerken anzufertigen und zu allen möglichen Zeiten sowie an den verschiedensten Orten ihre Eindrücke auf Zetteln zu notieren. Diese losen Blätter hatte sie zusammen mit Eintrittskarten, Rechnungen und gepressten Blumen in das Tagebuch gelegt, das dadurch beinahe doppelt so dick geworden war.

Als sie nun Seite für Seite umblätterte und verschiedene der kleinen Andenken betrachtete, war ihr fast, als erlebe sie alles noch einmal. Dies waren Erinnerungen, die ihr immer bleiben würden. Selbst der Duke konnte sie ihr nicht nehmen, nicht einmal, wenn er sie fristlos entließ.

Sie dachte an die alten Kathedralen, die ruhmreichen Burgen und die herrlichen Kunstschätze zurück, die sie gesehen hatte, und musste unwillkürlich lächeln. Das alles hatte sie zutiefst beeindruckt. Aber am schönsten war doch das, was in den Briefen stand, die Lady Mary und Lady Diana ihr geschrieben hatten, seit sie verheiratet waren. Aus jeder Zeile sprach die Freude darüber, so viel Liebe und Glück gefunden zu haben.

Solange sie mit den Mädchen zusammenlebte, hatte Jane geglaubt, sie sei auf die unaufhaltsam näher rückende Trennung von ihnen vorbereitet. Mussten nicht alle Gouvernanten irgendwann von ihren Zöglingen Abschied nehmen? Mussten nicht alle sich dann eine neue Stellung suchen?

Wie wunderbar, wenn man sich damit ein wenig Zeit lassen konnte! Jane betrachtete es als großes Glück, dass sie ein paar Wochen in Venedig bleiben und all das genießen konnte, was die Stadt zu bieten hatte. Lady Mary und Lady Diana hatten darauf bestanden. Die jungen Damen hatten erklärt, es sei viel zu gefährlich für Miss Wood, mitten im Winter nach England zurückzukehren. Außerdem wollten die frischgebackenen Ehefrauen mitsamt ihren Gatten während des Karnevals für ein paar Tage nach Venedig kommen. Wer hätte ihnen die Sehenswürdigkeiten zeigen sollen, wenn ihre ehemalige Gouvernante nicht mehr dort war?

Trotz der Aussicht auf das Wiedersehen und trotz der vielen liebevollen Briefe fehlten Jane die Mädchen sehr. Manchmal fühlte sie sich so einsam, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Wie viel schöner wäre es gewesen, die Lagunenstadt nicht allein, sondern gemeinsam mit ihren früheren Schützlingen zu erforschen! Aber das war natürlich ein selbstsüchtiger Gedanke. Für Lady Mary und Lady Diana konnte es nichts Besseres geben als das Zusammensein mit ihren wundervollen Gatten.

Mit jenen Gentlemen, die der Duke für ausgemachte Schurken hielt …

Jane hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass Aston unangekündigt in Venedig auftauchen würde. Sie hatte zwar immer gewusst, dass er seine Töchter liebte. Dennoch hatte sie sich nicht vorstellen können, dass er England aus Sehnsucht nach ihnen verlassen würde. Nun, offenbar war er ohne die Mädchen unglücklich gewesen. Er musste sehr unter dem Alleinsein gelitten haben.

Seltsam … Solche Gefühle scheinen gar nicht zu ihm zu passen, dachte Jane. In Aston Hall war er ihr immer so stark vorgekommen, beinahe wie ein unverwundbarer Gott. Sie hatte ihn kaum je als Mann mit menschlichen Gefühlen und Schwächen wahrgenommen.

Himmel, wurde sie jetzt sentimental?

Entschlossen band sie erst Marys und dann Dianas Briefe mit einem Bändchen zusammen, griff nach Tagebuch und Kerze und kehrte in ihr eigenes Zimmer zurück. Sie schlüpfte unter die Bettdecke, löschte das Licht und schloss die Augen. Zeit zu schlafen!

Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Jane drehte sich von einer Seite auf die andere, machte sich Gedanken über dieses und jenes. Und irgendwann verwandelte sich ihr Mitgefühl mit dem Duke in Zorn darüber, dass er sich so gar nicht bemühte, seine Töchter zu verstehen. Wie selbstgerecht er war! Gewiss lag er in seinem bequemen Bett, schnarchte womöglich ein wenig und machte den Mädchen noch im Traum Vorwürfe, weil sie geheiratet hatten, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen. Zweifellos traute er ihnen nicht zu, selbst eine gute Wahl treffen zu können. Deshalb hatte er auch nicht das geringste Interesse daran, sich mit den Gründen für die Eheschließungen auseinanderzusetzen. Er war von vornherein davon überzeugt, dass nur er wusste, was Mary und Diana glücklich machte.

Verflixt, er war nicht einfach nur ein Duke, der es gewöhnt war, Verantwortung zu tragen und Entscheidungen zu treffen! Er war ein Tyrann! Und es war höchste Zeit, dass jemand ihm klarmachte, wie ungerecht er sich gegenüber seinen Töchtern und deren Gatten verhielt!

Jane warf die Decke zurück, schwang die Beine aus dem Bett, wickelte sich in ihr Umschlagtuch und tastete nach den beiden säuberlich verschnürten Briefbündeln. Sie wollte dem Duke ihre Vorwürfe entgegenschleudern, ehe ihre Entschlossenheit nachließ. Also hastete sie durch das dunkle stille Haus, bis sie vor dem Zimmer stand, in das Signora della Battista den Neuankömmling geführt hatte. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, hob sie die Hand und klopfte.

Nichts rührte sich. Plötzlich spürte Jane, wie kalt der Marmorboden unter ihren nackten Füßen war. Ehe sie allen Mut verlor – das begriff sie in diesem Augenblick –, musste sie noch einmal klopfen, und zwar so laut wie möglich. Selbst wenn es ihr lediglich gelang, Wilson oder Potter zu wecken, so konnte sie doch mit etwas Glück ihr Ziel erreichen. Sie würde laut und deutlich vorbringen, was sie zu sagen hatte, und hoffen, dass man es dem Duke am nächsten Tag mitteilte.

Noch einmal wallte heißer Zorn in ihr auf. War es nicht typisch für den überheblichen, anmaßenden Aristokraten, dass er seine Schwiegersöhne verdammte, ohne sie auch nur kennengelernt zu haben?

Sie klopfte.

Beinahe im gleichen Moment wurde die Tür aufgerissen. „Ja? Was, zum Teufel, soll … Miss Wood!“

Sie zuckte zusammen und presste die Briefe an die Brust. Direkt vor ihr stand nicht etwa der Kammerdiener oder Sekretär des Dukes. Nein, es war Aston selbst. Er sah aus, als wolle er seinen Augen nicht trauen. Offensichtlich hatte sie ihn aus dem Schlaf gerissen. Er trug nichts außer einem ein wenig zerknitterten Nachthemd, das sehr weit geschnitten war und dennoch von seinem männlichen Körper mehr verriet, als Jane je für möglich gehalten hätte. Sie errötete. Unter dem weißen Leinengewand war er zweifellos nackt. Unübersehbar zeichneten sich seine breiten Schultern, die schmalen Hüften, die muskulösen Schenkel unter dem Stoff ab.

Es war schrecklich! Jane schluckte. Da Astons Nachtgewand nicht bis zum Hals zugeknöpft war, konnte sie die Härchen sehen, die seine Brust bedeckten. Rasch senkte sie den Blick. Aber die nackten Füße des Dukes zu betrachten, war auch nicht besser. Es war wohl am sichersten, ihm ins Gesicht zu schauen!

Die Entscheidung wäre vielleicht richtig gewesen, wenn nicht Bartstoppeln sein Kinn bedeckt hätten. Zudem war seine Miene nicht so … aristokratisch wie sonst. Auch das zerzauste Haar trug dazu bei, einen anderen Menschen aus ihm zu machen. Jetzt, mitten in der Nacht, erinnerte er nur entfernt an den arroganten unnahbaren Adligen, als den sie ihn kannte. Er hätte irgendein Mann sein können.

Ein erstaunlich gut aussehender und kaum bekleideter Mann.

O Gott, was habe ich nur getan, dachte Jane.

3. KAPITEL

Aston war ganz und gar nicht begeistert darüber, dass die Gouvernante seiner Töchter – eine Bedienstete! – ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt hatte. Er wischte sich den Schlaf aus den Augen, fuhr sich dann mit dem Handrücken über das mit Bartstoppeln bedeckte Kinn. „Miss Wood, was soll das? Wir waren uns doch einig, dass wir morgen …“

„Verzeihen Sie, Euer Gnaden, aber das, was ich zu sagen habe, konnte nicht warten.“ Jane war selbst erstaunt darüber, wie fest ihre Stimme klang. „Es ist außerordentlich wichtig.“

„So wichtig, dass Sie mich um Mitternacht stören müssen?“ Er wirkte nicht so zornig, wie Jane befürchtet hatte. Sein Gesicht trug einen eher erstaunten als ärgerlichen Ausdruck. Man hätte sogar meinen können, er sei ein wenig verwirrt.

In diesem Augenblick wurde Jane klar, woran das vermutlich lag: Der Duke hatte bemerkt, dass sie unter ihrem Nachtgewand nackt war. Ja, sonst hätte er sie gewiss nicht so angestarrt! Sie errötete, allerdings weniger aus Scham als aus Wut. Was ging nur in diesem Mann vor? Sie musste etwas von größter Bedeutung mit ihm besprechen, und er interessierte sich stattdessen für ihre weiblichen Formen!

„Es tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe, Euer Gnaden“, erklärte sie, schob kampflustig das Kinn vor und strich sich das Haar aus der Stirn. „Doch ich bin es Lady Mary und Lady Diana sowie deren Ehegatten schuldig, einiges klarzustellen. Ich würde es mir nie vergeben, wenn …“

„Ich will nichts davon hören!“, unterbrach Aston sie. Seine Augen blitzten zornig auf. „Kein ehrbarer Mann würde einem anderen die Tochter stehlen. Meine Mädchen sind auf zwei Schurken hereingefallen. Und ich werde dafür sorgen, dass alle ihre gerechte Strafe erhalten!“

„Euer Gnaden, bitte, Sie sollten zumindest …“

„Ich sollte nur eines: Meine Töchter so schnell wie möglich für ihren Ungehorsam zur Rechenschaft ziehen!“

„Verzeihen Sie, Euer Gnaden“, versuchte Jane es erneut, „aber Lady Mary und Lady Diana sind erwachsene Frauen. Wer hätte sie daran hindern können, ihr Herz an zwei Gentlemen zu verschenken, die …“

„… die vermutlich Mitgiftjäger der schlimmsten Sorte sind? Sie, Miss Wood, hätten die Mädchen daran hindern müssen! Verflucht, mindestens die Hälfte aller menschlichen Probleme ist darauf zurückzuführen, dass dumme Frauen irgendwem ihr Herz schenken. Wenn ich daran denke, wie viel Kummer auf diesem Wege in die Welt kommt …“

„Nun, Sie müssen es ja wissen“, stieß Jane außer sich vor Entrüstung hervor. „Schließlich heißt es, Sie selbst wären allein Ihrem Herzen gefolgt, als Sie damals mit Lady Anne vor den Altar traten.“

Er erstarrte. Mit einem Mal schien eine eisige Kälte von ihm auszugehen.

Alles Blut wich aus Janes Wangen. Ihr wurde erst kalt und dann glühend heiß. Sie begriff, dass sie etwas Unerhörtes getan hatte. Über die Duchess of Aston hatten die Bediensteten im Haushalt des Dukes oft gesprochen, und zwar stets mit Achtung und Zuneigung. Alle machten den Eindruck, traurig darüber zu sein, dass sie so früh gestorben war. Man lobte ihre Schönheit, ihre Güte und ihr sanftes Wesen. Sie schien keinen einzigen Fehler gehabt zu haben. Ja, man hätte meinen können, sie sei eine Heilige gewesen. Allerdings wurde nie in Anwesenheit Seiner Gnaden über sie geredet. Offenbar gab es ein ungeschriebenes Gesetz, das dem Personal verbot, den Duke an die Frau zu erinnern, die er geliebt hatte.

Dieses in Aston Hall unumstößliche Gesetz, das Jane bisher sehr romantisch vorgekommen war, hatte sie gerade eben gebrochen. Angst vor den Folgen ihres Tuns erfüllte sie. Doch sie versuchte, sich selbst zu beruhigen, indem sie sich sagte, dass sie sich nicht in England, sondern in Venedig befand. Hier war alles anders. Zudem gehörte sie im Grunde ja schon nicht mehr zu Astons Haushalt. Nachdem sie ihn aus dem Schlaf gerissen und ihm mehrmals widersprochen hatte, würde er ihr bestimmt kündigen. Eine schlimmere Strafe konnte er sich kaum ausdenken, ganz gleich, welche seiner Gesetze man brach.

„Verzeihen Sie mir meine offenen Worte, Euer Gnaden“, begann sie noch einmal, denn jetzt gab es kein Zurück mehr. „Sie werden doch Ihren Töchtern das Glück nicht verwehren wollen, das Sie selbst an der Seite der Duchess …“

„Sie wissen ja nicht, wovon Sie sprechen!“, fiel er ihr ins Wort.

„Ich weiß, das Lady Mary und Lady Diana sich kein größeres Glück vorstellen können, als …“

„Unsinn, ich weiß besser als jeder andere, was für meine Töchter gut ist!“

„Aber Sie haben doch die Gatten der jungen Damen noch gar nicht kennengelernt. Wie können Sie da …“

Der Duke sah sie so wütend an, dass sie mitten im Satz abbrach. „Es geht hier doch um die Liebe“, sagte sie schwach.

„Meine Töchter haben keine Ahnung, was Liebe ist. Und Sie auch nicht.“

„Gerade habe ich noch einmal gelesen, was Lady Mary und Lady Diana mir über die Liebe zu ihren Ehemännern geschrieben haben. Hier!“ Sie hielt Aston die beiden Briefbündel hin. „Für mich kann kein Zweifel daran bestehen, dass die jungen Damen sehr viel über die Liebe wissen und dass sie glücklich sind.“

Als Aston nach den Briefen griff, knickste Jane und zog sich eilig zurück.

Er ließ sie gehen. Und je weiter sie sich von ihm entfernte, desto schneller wurden ihre Schritte. Sie lief die Treppe hinunter, eilte den Flur entlang, riss die Tür zu ihrem Zimmer auf, warf sie hinter sich ins Schloss und dachte sogar daran, den Riegel vorzuschieben. Dann blieb sie einen Moment lang heftig atmend stehen.

Dies würde wohl die letzte Nacht sein, die sie in der Ca’ Battista verbrachte. Eine bedrückende Vorstellung.

Doch jetzt wollte sie sich keine Sorgen um die Zukunft machen. Sie beschloss, noch einmal – ein letztes Mal – den Blick auf den nächtlichen Canal Grande zu genießen. Entschlossen begab sie sich nach nebenan. Auf nackten Füßen trat sie ans Fenster und legte die Stirn an das kühle Glas.

Nebel waberte über dem Wasser. Und während Jane versuchte, ihn mit Blicken zu durchdringen, normalisierte ihr Herzschlag sich nach und nach. Wie still die Nacht war! Nicht einmal das Plätschern des in Venedig allgegenwärtigen Wassers war zu hören. Auch aus dem Stockwerk, in dem der Duke sich aufhielt, drang kein einziger Laut. Vermutlich war Aston inzwischen ins Bett zurückgekehrt. Ob er jetzt die Briefe seiner Töchter las? Nein, aufbrausend wie er war, hatte er sie wahrscheinlich auf den Nachttisch geworfen.

Gleich morgen wird er mich vor die Tür setzen, dachte Jane erneut.

Seufzend ließ sie sich in den Lehnstuhl vor dem Schreibtisch sinken und nahm Papier und Feder, um ein Schreiben an ihren Arbeitgeber zu verfassen, ihre Kündigung.

„Euer Gnaden!“ Verschlafen näherte Wilson sich aus dem Nachbarzimmer seinem Herrn. Er trug eine gestreifte Nachtmütze, die ein wenig verrutscht war, ein Nachthemd und dazu eine Kniehose. „Verzeihen Sie, Euer Gnaden, ich habe Sie nicht rufen hören.“

„Ich habe nicht gerufen.“ Richard Farren, Duke of Aston, stand in der geöffneten Tür und starrte in den dunklen Flur hinaus. Soeben war Miss Wood seinen Blicken entschwunden. Ihr Auftauchen kam ihm vor wie ein schlechter Traum. Im Nachtgewand mit zerzaustem, offenem Haar und funkelnden Augen hatte sie vor ihm gestanden wie eine Rachegöttin. Eine verflucht kleine Rachegöttin, aber dennoch irgendwie … einschüchternd. Himmel, es musste ein Traum gewesen sein!

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