Logo weiterlesen.de
Venedig sehen und sich verlieben

1. KAPITEL

Pietro trat ans Fenster und sah in die von Blitzen erhellte Nacht hinaus.

Er liebte Gewitter, besonders, wenn sie über sein geliebtes Venedig hinwegfegten, er liebte es, wenn Blitze den Canal Grande durchzuckten und Donnerschläge die historischen Gebäude erzittern ließen. Wenn jemand ihm gegenüber verzückt von Venedigs Schönheit schwärmte, antwortete er, dass ‚‚seine Stadt“ in Wahrheit kein verzauberter, romantischer Ort sei, sondern ein Schauplatz historischer Grausamkeit, Verrat und Mord.

Der nachfolgende Donnerschlag hüllte ihn und den gesamten Palazzo Bagnelli ein. Als er verklungen war, ließ sich nur noch der Regen vernehmen, der auf die Wasseroberfläche prasselte.

In dem fahlen Licht konnte er zu seiner Rechten gerade eben noch die Rialtobrücke ausmachen. Über Nacht waren vor den kleinen Ladengeschäften die Rollläden heruntergelassen.

Neben sich hörte er ein leises Winseln; er beugte sich herab, um seinen großen Hund, eine Promenadenmischung, am Kopf zu kraulen.

„Schon gut, Toni“, sagte er. „Das ist doch nur etwas Lärm.“

Aber er ließ seine Hand auf dem rauen Fell ruhen, denn er wusste, dass sein vierbeiniger Freund zur Nervosität neigte.

Jetzt herrschte wieder tiefe Dunkelheit draußen, und er sah sein Spiegelbild in der Glasscheibe. Es war, als ob er einem Geist gegenüberstand, was ihm in Anbetracht des geisterhaften Lebens, das er führte, sehr passend erschien.

Selbst das Gebäude, in dem er sich befand, kam ihm trotz seiner soliden drei Stockwerke irgendwie unwirklich vor. Der Palazzo Bagnelli, seit sechs Jahrhunderten der Wohnsitz der Grafen Bagnelli, gehörte zu den schönsten Palästen von Venedig.

Die großen Räume waren von angesehenen Persönlichkeiten bewohnt worden; Hunderte von Dienstboten waren die Korridore entlanggehastet und adlige Damen und Herren in prächtigen Gewändern durch die herrschaftlichen Räume defiliert.

Nun waren sie alle verschwunden, und es wohnte nur noch ein einzelner Mann hier, Count Pietro Bagnelli, ganz allein, ohne Frau und ohne Kinder oder andere engere Verwandte. Er hatte nur noch zwei Hausangestellte, das reichte ihm.

Er lud keine Gäste mehr zu sich nach Hause ein, sondern lebte zurückgezogen mit Toni als einziger Gesellschaft in einem Teil des Hauses, wo er nur wenige Räume bewohnte. Sogar ihm selbst erschien seine Lebensweise irgendwie unwirklich, besonders im Winter. Es war erst neun Uhr abends, aber schon stockdunkel, und das Unwetter hatte sämtliche Bewohner der Stadt in ihre Häuser getrieben.

Pietro ging zu einem Eckfenster hinüber, wo er sowohl den Canal Grande als auch die schmale Gasse überblicken konnte, die an seinem Palazzo vorbeiführte.

Wieder fiel ihm sein eigenes gespenstisch wirkendes Spiegelbild ins Auge. Er sah einen hochgewachsenen Mann mit hagerem Gesicht und tief liegenden Augen. Es war ein verschlossenes Gesicht, das von Ironie und Distanz zeugte. Er war vierunddreißig, aber die Aura von Wachsamkeit, die ihn umgab, und sein zurückhaltendes Auftreten ließen ihn älter wirken.

Der Hund wurde plötzlich unruhig. Er war so groß, dass er aus dem Fenster schauen konnte, und jetzt hatte er draußen etwas entdeckt. Er versuchte die Aufmerksamkeit seines Herrchens zu erregen.

„Da ist nichts“, beruhigte ihn Pietro. „Du siehst Gespenster. Dio mio!“

Ein Blitzstrahl, der noch greller aufleuchtete als der vorige, tauchte die Szenerie in ein blendend weißes Licht. In diesem Augenblick meinte er eine Gestalt unten in der Gasse gesehen zu haben.

„Jetzt fange ich auch schon an, Gespenster zu sehen“, murmelte er. „Das muss aufhören.“

Doch er blieb am Fenster stehen und versuchte, die Dunkelheit mit seinem Blick zu durchdringen. Beim nächsten Blitzschlag sah er für einen Moment eine völlig durchnässte junge Frau, bis die Dunkelheit sie wieder verschluckte.

Mit gerunzelter Stirn öffnete er das Fenster und blickte hinunter. Er war noch immer nicht sicher, ob die Gestalt nicht seiner Fantasie entsprungen war. Doch dann kam der Mond hinter den sturmzerfetzten Wolken hervor, und er konnte sie klar und deutlich sehen.

Sie stand ganz still, sah zu seinem Fenster hinauf, aber anscheinend nahm sie ihre Umgebung gar nicht richtig wahr.

Er lehnte sich aus dem Fenster. „Ciao!“, rief er.

Sie reagierte nicht.

„Ciao!“, rief er noch einmal. Nach kurzem Zögern fuhr er fort: „Warten Sie, ich komme hinunter.“

Er hasste es zwar, gestört zu werden, brachte es aber auch nicht übers Herz, sie da draußen frieren zu lassen. Kurz darauf hastete er die Stufen zum Seiteneingang hinunter und öffnete die schwere Tür.

Pietro hatte erwartet, dass sie sofort hereinkommen würde, doch sie stand noch immer wie angewurzelt auf derselben Stelle; deshalb zerrte er sie kurzerhand am Mantel ins Innere. Er war zwar bereit, ihr zu helfen, aber er brauchte ja nicht unbedingt klatschnass dabei werden.

In der einen Hand trug er ihren Koffer, mit der anderen hatte er ihren Arm gepackt und zog sie buchstäblich nach oben. In seinem Wohnzimmer sackte sie auf das Sofa, die Augen fielen ihr zu, und sie verlor das Bewusstsein.

Mio dio!“, murmelte er, als ihm klar wurde, in welcher Zwangslage er sich befand.

Er musste ihr schleunigst etwas Trockenes anziehen, aber die Vorstellung, sie auszuziehen, während sie bewusstlos war, ließ ihn zurückschrecken. Er konnte jedoch nicht zulassen, dass sie sich eine Lungenentzündung holte. Seine Haushälterin war schon nach Hause gegangen, also blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst tätig zu werden.

Aus dem Badezimmer holte er einen frischen Bademantel und ein großes Handtuch. Ihr leichter Mantel war völlig durchnässt. Ihn auszuziehen war ein Kinderspiel, doch dann musste er ihr das Kleid ausziehen. Er machte schnell und betete zum Himmel, dass sie nicht aufwachte, bevor er fertig war.

Als sie sittsam in den Frotteebademantel gehüllt war, rieb er ihre Haare so lange mit dem Handtuch, bis sie fast trocken waren. Dann holte er einige Decken und deckte sie zu.

Was ihr wohl zugestoßen war? Wie war es dazu gekommen, dass sie in einer Gewitternacht allein im Haus eines Fremden lag? Er hatte sich bemüht, ihren Körper nicht allzu genau anzuschauen; trotzdem war ihm nicht entgangen, dass sie viel zu dünn war, so wie jemand, der in sehr kurzer Zeit stark abgenommen hatte.

„Wachen Sie auf“, bat er sie eindringlich.

Doch sie rührte sich nicht. In seiner Verzweiflung holte er eine Cognac-Karaffe und ein Glas und schenkte großzügig ein. Dann richtete er sie mit einem Arm auf und setzte ihr das Glas an die Lippen, um ihr den Weinbrand einzuflößen. Ein wenig ging daneben, aber sie schluckte immerhin so viel, dass der Alkohol Wirkung zeigte. Mit einem Niesen schlug sie die Augen auf.

„Gut“, sagte er. „Nun trinken Sie das aus.“

Er ließ ihr keine Wahl und hielt ihr das Glas so lange an die Lippen, bis sie es geleert hatte.

„Wer sind Sie?“, fragte Pietro auf Italienisch. „Wie kommt es, dass Sie hier sind?“

„Entschuldigen Sie bitte“, flüsterte sie auf Englisch.

Nun sprach er auch Englisch. „Schon gut. Sie brauchen etwas zu essen und müssen sich ausruhen.“

Aber es ging hier um mehr als nur Nahrung und Mattigkeit. Sie wirkte wie eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, ein Eindruck, der sich noch verstärkte, als sie begann, zusammenhanglose Worte vor sich hin zu murmeln.

„Ich hätte nicht kommen sollen … Ich weiß, dass es ein Fehler war, aber ich konnte nicht anders … Er ist der Einzige, der es mir sagen kann … Vielleicht ist es auch egal … aber ich muss es wissen. Ich halte die Ungewissheit nicht länger aus.“

„Signorina …“

„Wissen Sie, wie das ist? Sich wieder und wieder dieselben Fragen zu stellen, und es gibt niemanden, der Ihnen helfen kann … und das Gefühl zu haben, Sie müssten den Rest Ihres Lebens im Schatten verbringen?“

Ohne dass er selbst es bemerkte, verkrampften sich seine Hände, die auf ihren Schultern gelegen hatten.

„Ja“, hauchte er. „Ich weiß genau, wie das ist.“

„Es hört niemals auf?“

„Nein“, erwiderte er ernsthaft. „Es hört niemals auf.“

Er schloss die Augen, spürte, wie ihn das Elend wieder überschwemmte, von dem er geglaubt hatte, er habe es im Griff. Doch sie brachte alles wieder zurück, denn sie war in der gleichen Einöde gestrandet wie er, das spürte er.

„Was kann man dagegen tun?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht. Die Antwort auf diese Frage suche ich schon seit Langem.“

Der Blick, mit dem sie ihn jetzt ansah, war herzzerreißend.

„Wie sind Sie hierhergekommen?“, fragte er eindringlich.

Sie sah sich um. „Hierher?“

„Sie sind in Venedig. Sie haben inmitten des Gewitters vor meiner Tür auf der Straße gestanden und nach oben geschaut, als ich Sie gefunden habe.“

„Ich erinnere mich nicht.“

„Das macht nichts. Erzählen Sie es mir, wenn Ihnen danach ist.“

Ein paar Minuten später kam er aus der Küche zurück und bemerkte beim Eintreten, wie sie bestürzt an sich hinuntersah.

„Ich musste Sie ausziehen“, erklärte er schnell. „Ihre Kleidung war völlig durchnässt, aber ich schwöre, ich habe nicht – na ja, Sie wissen schon …“

Zu seinem Erstaunen lächelte sie.

„Ich weiß.“

„Sie glauben mir?“

„Ja, ich glaube Ihnen. Vielen Dank.“

„Kommen Sie, setzen Sie sich an den Tisch.“

Als sie in den Lichtkreis trat, hatte er das Gefühl, dass irgendetwas an ihr ihm bekannt vorkam, aber er kam nicht darauf, was es war. Er musste sich irren. Dieses Mädchen hätte er nicht vergessen.

Er führte sie zu einem Stuhl. „Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“

„Ich weiß es nicht genau. Das Frühstück habe ich ausfallen lassen, weil ich spät dran war. Auf dem Flughafen und im Flugzeug war ich zu nervös, um zu essen. Das Unwetter war gerade richtig schlimm geworden, als wir gelandet sind. Ich habe mich so gefürchtet, dass ich eine Stunde im Flughafen sitzen geblieben bin.“

„Haben Sie kein Hotel? Ich weiß, dass es um diese Jahreszeit schwierig sein kann, ein Zimmer zu finden. Viele Hotels haben geschlossen.“

„Nein, nein, ich bin direkt hierhergekommen.“

„Zum Palazzo Bagnelli? Aber warum?“

„Ich dachte, dass Gino vielleicht hier ist.“

„Gino Falzi?“

Ihre Miene erhellte sich. „Sie kennen ihn?“

„Ja, ich kenne ihn gut, aber …“

„Wohnt er noch hier? Ist er zu Hause?“

„Nein“, erwiderte Pietro langsam.

Was er zu ahnen begann, erfüllte ihn mit Besorgnis.

Ginos Mutter war früher die Köchin der Bagnellis gewesen und hatte mit ihrem Sohn im Hause gewohnt. Die beiden Jungen waren zusammen aufgewachsen, sie waren gute Freunde gewesen trotz des Altersunterschiedes von sechs Jahren. Gino war ein wunderbarer und fröhlicher Gefährte gewesen, genau das Richtige, um den älteren und ernsteren Pietro aufzuheitern.

„Du solltest mehr lachen“, hatte Gino ihn oft gescholten. „Komm schon, amüsier dich.“

Und Pietro hatte gelacht, war seinem lebenslustigen Freund in das nächste verrückte Abenteuer gefolgt und hatte ihn oft genug wieder heraushauen müssen. Gino fiel es schwer, bei einer Sache zu bleiben, und deshalb hatte er als Erwachsener Schwierigkeiten, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Aber dann hatte er in Pietros Firma eine Nische gefunden, wo er durch seine charmante Art ein voller Erfolg bei der Kundschaft war.

Sein Verhalten machte ihn manchmal zu einem Risiko, denn er konnte oft nicht erkennen oder spüren, was akzeptabel war und wann er zu weit ging. Pietro wusste, dass Gino gern die Frauen beeindruckte, indem er behauptete, der adligen Familie Bagnelli zu entstammen. Obwohl Pietro diese Lüge nicht billigte, ließ er sie ihm doch durchgehen – es war einfach typisch Gino.

Jetzt begann er zu befürchten, dass dieses kindische Verhalten eine Tragödie bewirkt haben könnte.

„Können Sie mir sagen, wo er ist?“, fragte sie.

„Er ist momentan unterwegs für mein Reiseunternehmen. Er kundschaftet in meinem Auftrag neue Ziele aus.“

„Aber er wird doch bald wieder hier sein?“, fragte sie mit einer Andeutung von Ungeduld, die ihn gleichzeitig rührte und beunruhigte.

„Nein, er macht eine längere Reise.“

„Ich verstehe“, erwiderte sie mit einem kleinen Seufzen.

Vorsichtig stellte er seine nächste Frage. „Kennt Gino Sie gut?“ Er dachte schon, sie hätte ihn nicht gehört, so lange dauerte es, ehe sie antwortete. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Er wird mich wohl nicht erkennen. Niemand von meinen Freunden und Bekannten erkennt mich mehr. Ich kenne mich selbst nicht und auch sonst niemanden. Ich weiß, wer ich damals war …“

„Damals?“, hakte er sanft nach. „Wann war das?“

„Vor etwa einem Jahr, vielleicht ein bisschen mehr. Ich habe mir das Datum irgendwo aufgeschrieben …“ Sie sah seinen verstörten Gesichtsausdruck und versuchte zu lächeln, was auf seltsame Weise bezaubernd wirkte. „Ich höre mich ziemlich verrückt an, nicht wahr?“

„Für verrückt halte ich Sie keineswegs“; erwiderte er bestimmt.

„Da könnten Sie sich irren. Ich habe das letzte Jahr in einem besonderen Heim verbracht. Jetzt versuche ich, meinen Weg in die Welt zurück zu finden, aber ich bin leider nicht sehr gut darin.“

„Dann ist es gut, dass Sie einen sicheren Ort gefunden haben … und einen Freund.“

„Wie können Sie mein Freund sein, wenn Sie gar nicht wissen, wer ich bin? Wer auch immer ich damals war, jetzt bin ich eine andere. Ich weiß nur nicht, wer.“

„Aber Sie müssen zumindest Ihren Namen wissen, denn sonst könnten Sie nicht reisen?“

„Mein Name ist Ruth Denver.“

Pietro fiel der Teelöffel aus der Hand, und er landete mit einem unangenehm lauten Geräusch auf dem Terrazzoboden. Verärgert über seine Ungeschicklichkeit beugte er sich hinunter, um ihn aufzuheben, und war froh über die Möglichkeit, sein Gesicht zu verstecken. Sie hätte ihm den Schreck angesehen, den der Name Ruth Denver bei ihm auslöste.

Als er sich wieder aufrichtete, hatte er seine Fassung wiedergewonnen und schaffte es, mit ruhiger Stimme zu sagen: „Ich bin Pietro Bagnelli.“

„Ginos Cousin?“ Ihre Augen leuchteten. „Er hat mir viel von Ihnen erzählt, wie Sie zusammen aufgewachsen sind.“

„Wir können uns morgen früh darüber unterhalten“, unterbrach er sie hastig. „Sie werden sich besser fühlen, wenn Sie etwas Schlaf bekommen haben.“

Er musste allein sein und nachdenken, bevor er weiter mit ihr sprach. Wenn sie diejenige war, für die er sie allmählich zu halten begann, dann musste er behutsam vorgehen.

„Ich werde ein Zimmer für Sie fertig machen.“ An der Tür blieb er kurz stehen. „Gehen Sie nicht weg.“

Sie sah ihn spöttisch an, und ihm wurde klar, dass er sich merkwürdig verhielt. Wo sollte sie wohl hingehen? Totzdem wurde er das komische Gefühl nicht los, dass sie sich in Luft auflösen würde, wenn er sie nicht im Auge behielt.

„Ich verspreche Ihnen, dass ich nicht verschwinden werde“, sagte sie, und bei aller Verzweiflung klang in ihrer Stimme eine Spur von Humor mit.

„Nur um mich zu vergewissern, dass Sie das wirklich nicht tun – Toni, pass auf!“

Der große Hund trat zu ihr und legte seinen Kopf auf ihr Knie.

„So bleibt ihr beiden jetzt, bis ich wiederkomme.“

Im Nebenzimmer stand eine Couch, die zu einem Bett ausgezogen werden konnte. Er machte das Bett zurecht, doch seine Gedanken wirbelten im Kreis. Es war unmöglich: Sie konnte doch nicht Ruth Denver sein!

Als er wieder ins Wohnzimmer kam, sah er, dass die beiden sich an seine Anweisung gehalten hatten. Tonis Kopf lag immer noch auf dem Knie von Ruth, und sie streichelte ihn, wobei sie den Hund mit einem liebevollen und nachsichtigen Lächeln betrachtete.

„Ihr Zimmer ist fertig. Versuchen Sie, ausreichend Schlaf zu bekommen. Ich werde dafür sorgen, dass Sie nicht gestört werden.“

„Danke“, sagte sie leise und schlüpfte hinaus.

Sobald er allein war, goss Pietro sich einen großen Cognac ein. Noch nie hatte er einen Drink so nötig gehabt wie jetzt.

Er war bestürzt.

Vor ungefähr einem Jahr hatte Gino sich in ein englisches Mädchen verliebt, das als Touristin nach Venedig gekommen war. Pietro war damals nicht in der Stadt gewesen und als er zurückkehrte, war sie schon wieder in England. Deshalb hatte er sie nie kennengelernt.

Zum ersten Mal schien Gino wirklich richtig verliebt zu sein und wollte sogar heiraten. Als Hochzeitsgeschenk hatte Pietro einen großen Empfang im Palazzo Bagnelli geplant.

„Aber ich will diese Wunderfrau vorher kennenlernen“, hatte er zu seinem jüngeren Freund gesagt. „Sie muss etwas ganz Besonderes sein, wenn es ihr gelungen ist, dich dazu zu bringen, dich endgültig zu entscheiden.“

„Ja, sie ist wirklich etwas ganz Besonders“, schwärmte Gino. „Du wirst sie lieben.“

„Na, ich hoffe nicht“, neckte Pietro ihn. „Ich bin ein ehrbarer, verheirateter Mann.“

„Und du willst nicht, dass Lisetta mit Töpfen und Pfannen nach dir wirft.“

„Das würde sie nie tun. Sie denkt nur daran, wie sie mir eine Freude machen kann.“

„Das hoffe ich doch. Und stell dir vor, wie groß die Freude sein wird, wenn sie euren Sohn zur Welt bringt. Wann genau ist der Termin?“

„In einem Monat.“

„Dann soll gleich danach meine Hochzeit stattfinden.“

Es wurde so eingerichtet, dass Gino auf Geschäftsreise nach England fahren und dann seine Verlobte zu einem Besuch mitbringen sollte. Sein Aufenthalt in England war auf zwei Wochen angesetzt, doch er kam schon nach fünf Tagen zurück. Er wirkte verstört, war blass und sehr ruhig, was für ihn ganz untypisch war. Auf Pietros besorgte Fragen erklärte er, dass die Hochzeit nicht stattfände. Er würde seine Geliebte nie wiedersehen.

Soweit Pietro es mitbekam, hatte Gino sie seitdem nie mehr angerufen, und wenn sein Handy klingelte, schrak er zusammen. Doch auch sie rief nicht an.

„Habt ihr euch gestritten? Hat sie dich beim Flirten erwischt?“

„Nein, überhaupt nicht. Sie hat es sich einfach anders überlegt.“

„Sie hat dich abserviert?“, fragte Pietro ungläubig. So etwas hatte es noch nie gegeben.

„Genau. Sie hat mich abserviert und mich gebeten, sie in Ruhe zu lassen.“

Bevor Pietro noch mehr in Erfahrung bringen konnte, hatten bei seiner Frau vorzeitig die Wehen eingesetzt. Sie war bei der Geburt ihres Sohnes gestorben, der kleine Junge hatte auch nicht überlebt. In der Folge dieser Tragödie hatte er anderes im Kopf gehabt als Ginos Probleme.

Als er wieder in der Lage war, sein gewohntes Leben aufzunehmen, bemerkte er, dass sein Freund seinen Lebensmut immer noch nicht wiedergewonnen hatte. Aus Mitgefühl schickte Pietro seinen Freund auf ausgedehnte Geschäftsreisen. Vielleicht fand er ja unterwegs wieder zu seiner Heiterkeit zurück.

Wenn Gino in Venedig war, lautete seine erste Frage immer, ob es Neuigkeiten aus England gegeben hätte. Er wirkte zwar inzwischen wieder fröhlicher, doch Pietro war klar, dass diese junge Frau kaltschnäuzig sein Herz gebrochen hatte.

Ihr Name war Ruth Denver gewesen.

„Aber sie kann es nicht sein“, knurrte er vor sich hin. „Sie sieht überhaupt nicht so aus wie auf dem Foto …“

In einem Schrank fand er ein Fotoalbum, das er durchblätterte, bis er die Aufnahme gefunden hatte, an die er sich erinnerte. Sie zeigte Gino vor etwas über einem Jahr: gut aussehend, lachend, den Arm um eine junge Frau gelegt. Auch sie lachte und sah Gino mit strahlenden Augen an. Bei genauerer Betrachtung gelang es Pietro, sie als Ruth Denver zu identifizieren, aber nur mit viel Fantasie.

Er sah ein schönes, vollbusiges Mädchen mit einem selbstsicheren Lächeln. Ihre üppigen, langen Haare flossen über ihre Schultern. Sie wirkte weiblich und gleichzeitig stark und fröhlich.

Das ätherische Wesen, welches an diesem Abend in sein Haus gekommen war, erinnerte kaum mehr an diese Frau. Ihre Haare waren jetzt kurz, der Schnitt fast jungenhaft, das Lächeln war erloschen und der Ausdruck ihrer Augen traurig und zurückhaltend. Kein Wunder, dass er sie nicht sofort erkannt hatte.

Was hatte nur dazu geführt, dass eine so gravierende Veränderung ihrer Persönlichkeit eingetreten war?

Wenn sie erschöpft war, wirbelten die Eindrücke in ihrem Kopf wild durcheinander. Sie lag im Halbschlaf, und ihre Träume wurden von einem Mann beherrscht, der aus dem Nichts aufgetaucht war, sie gepackt und in Sicherheit gebracht hatte. In der Dunkelheit und wegen des Regens konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. Nur seine Kraft und Entschlossenheit waren deutlich zu spüren.

Dann war der Regen verschwunden, und sie lag auf einem Sofa. Er drängte ihr einen Cognac auf, energisch und doch behutsam. Sie wusste nicht, wer er war, aber unerklärlicherweise war jede Einzelheit jetzt ganz deutlich. Sie konnte sein Gesicht nun sehen, ein sehr attraktives Gesicht, abgesehen von einer gewissen Anspannung um den Mund herum, die ihn vorzeitig gealtert aussehen ließ.

Dann verschwamm diese Vorstellung und wurde durch eine andere Zeit und einen anderen Ort ersetzt. Jetzt lächelte sie, zurückversetzt in eine glückliche Zeit.

Da war Gino, der sie mit diesem zärtlichen Lächeln ansah, das sie so liebte, und über den Restauranttisch hinweg ihre Hand ergriff, zu sich heranzog und mit seinen Lippen ihre Finger liebkoste.

„Die Leute starren uns an“, flüsterte sie.

„Sollen sie doch“, sagte er vergnügt. „Oh, ihr Engländer seid so kühl.“

„Ich? Kühl?“

„Nein, niemals, carissima. Du bist perfekt, und ich bin verrückt nach dir.“

„Sag es auf Venezianisch“, bettelte sie. „Du weißt, wie sehr ich das liebe.“

Te voja ben … te voja ben …“

Wie war es möglich, dass es so viel Freude auf der Welt gab? Ihr hübscher Gino war nach England gekommen, um sie nach Venedig zurückzuholen. Dort wartete seine Familie auf sie und würde sie willkommen heißen. Bald würden sie verheiratet sein und zusammen in dieser wunderschönen Stadt leben.

„Ich liebe dich auch. Oh, Gino, wir werden so glücklich sein.“

Dann senkte sich ohne Vorwarnung Dunkelheit auf sie herab, die erst sein Gesicht und dann auch alles Übrige verschleierte. Plötzlich war die Welt von Schmerzen erfüllt. Gino war verschwunden.

Jetzt flackerten Bilder von der Zeit davor auf. Gino, an dem Tag, als sie sich in Venedig kennengelernt hatten, wie er ihr Herz mit seinem frechen Humor und seiner glühenden Bewunderung für sie erobert hatte. Sie hatte mit der italienischen Sprache gekämpft, und er war ihr zu Hilfe gekommen. Irgendwie hatte das dazu geführt, dass sie den Abend zusammen verbracht hatten und er sich alles von ihr erzählen ließ.

„Du kannst so viele Fremdsprachen“, hatte er gesagt. „Französisch, Deutsch, Spanisch, aber kein Italienisch. Das ist sehr schlecht, du solltest sofort anfangen, Italienisch zu lernen.“

„Aber brauche ich wirklich noch eine Sprache?“, hatte sie gefragt. Nicht, weil sie ernsthaft etwas dagegen einzuwenden gehabt hätte, sondern weil sie eine Antwort provozieren wollte.

Mit bedeutungsvollem Blick hatte er erwidert: „Nun, ich bin natürlich froh, dass du heute kein Italienisch sprechen konntest, weil wir uns sonst nicht kennengelernt hätten. Aber jetzt finde ich wirklich, dass du es lernen solltest.“

Dann hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, ihr seine Sprache beizubringen, und zwar äußerst gründlich.

Weitere Bilder – der Flughafen, als er sie verabschiedet hatte, von seinen Gefühlen überwältigt und den Tränen nahe. Sein Anruf, dass er nach England kommen würde, die Verzückung bei ihrem Zusammentreffen, und dieser letzte Abend zusammen …

„Du bist perfekt, und ich bin verrückt nach dir … te voja ben … te voja ben …“

Te voja ben“, flüsterte sie voller Sehnsucht.

Ganz nah sah sie sein Gesicht, als er die Liebesworte sagte, aber es verblasste, verblasste …

„Gino!“

Sie rief den Namen wieder und wieder und streckte die Hände nach ihm aus in dem verzweifelten Versuch, ihn festzuhalten.

„Komm zurück“, schrie sie. „Komm zurück. Verlass mich nicht.“

Dann berührte sie ihn plötzlich. Sie konnte ihn nicht sehen, aber sie spürte, dass er sich zu ihr umgedreht hatte, sie in die Arme nahm und sie an sich zog.

„Wohin bist du gegangen?“, schluchzte sie. „Ich hatte solche Angst – ich habe mich nach dir gesehnt – wo warst du?“

Starke Arme umschlossen sie, und sie hörte beruhigende Worte, die ihr ins Ohr geflüstert wurden.

„Schon gut, hab keine Angst. Ich bin bei dir.“

„Verlass mich nicht wieder.“

„Solange du mich brauchst, werde ich dich nicht verlassen.“

„Wo warst du?“, wisperte sie. „Ich habe dich so vermisst.“ Sie beugte sich vor und küsste sein Gesicht – wieder und wieder voller Erleichterung und Leidenschaft, seine Stirn, seine Wangen, seinen Mund. Zu ihrem Erstaunen erwiderte er ihre Küsse nicht, aber wenigstens war er da.

Te voja ben“, hauchte sie. „Te voja ben.“

„Leg dich jetzt wieder hin“, sagte er und schob sie sanft auf ihr Kopfkissen zurück.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Venedig sehen - und sich verlieben" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen