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Vendetta in Las Vegas

Inhalt

  1. Inhalt
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Vorspann
  7. Kapitel Eins
  8. Kapitel Zwei
  9. Kapitel Drei
  10. Kapitel Vier
  11. Kapitel Fünf
  12. Kapitel Sechs
  13. Kapitel Sieben
  14. Kapitel Acht
  15. Kapitel Neun
  16. Kapitel Zehn
  17. Kapitel Elf
  18. Kapitel Zwölf
  19. Kapitel Dreizehn
  20. Kapitel Vierzehn
  21. Kapitel Fünfzehn
  22. Kapitel Sechzehn
  23. Kapitel Siebzehn
  24. Kapitel Achtzehn
  25. Kapitel Neunzehn
  26. Kapitel Zwanzig
  27. Kapitel Einundzwanzig
  28. Kapitel Zweiundzwanzig
  29. Kapitel Dreiundzwanzig
  30. Kapitel Vierundzwanzig
  31. Kapitel Fünfundzwanzig
  32. Kapitel Sechsundzwanzig
  33. Kapitel Siebenundzwanzig
  34. Kapitel Achtundzwanzig
  35. Kapitel Neunundzwanzig
  36. Kapitel Dreißig
  37. Kapitel Einunddreißig
  38. Kapitel Zweiunddreißig
  39. Kapitel Dreiunddreißig
  40. Kapitel Vierunddreißig
  41. Kapitel Fünfunddreißig
  42. Kapitel Sechsunddreißig
  43. Kapitel Siebenunddreißig
  44. Kapitel Achtunddreißig
  45. Kapitel Neununddreißig
  46. Kapitel Vierzig
  47. Anmerkung des Autors

Über den Autor

Chris Ewan, geboren 1976 in Taunton, England, studierte Amerikanistik in England und Kanada, bevor er eine Laufbahn als Jurist einschlug. VENDETTA IN LAS VEGAS ist sein drittes Buch. Seine beiden ersten Romane, AMSTERDAM. EIN MEISTERDIEB JAGT SEINEN SCHATTEN und KLEINE MORDE IN PARIS sind ebenfalls als Bastei Lübbe Taschenbuch erschienen. Chris Ewan lebt auf der Isle of Man.

Chris Ewan

Vendetta in
Las Vegas

Krimi

Aus dem Englischen von
Stefanie Retterbush

In liebender Erinnerung an Carole Norton

Dieb: Bandit, Einbrecher, Betrüger, Spitzbube, Schlitzohr, Gauner, Langfinger, Verbrecher, Taschendieb, Plünderer, Schurke, Räuber, Ladendieb, Krimineller, Schwindler.

Himmel auch, da rede einer von einem schlechten Ruf …

Eins

Jemandem das Portemonnaie zu klauen ist einfacher, als man glaubt. Das Geheimnis dabei ist bloß, den richtigen Moment abzupassen und dann schnell und beherzt zuzuschlagen.

Glauben Sie mir nicht? Nun, dann stellen wir uns doch einmal vor, unsere Zielperson beugt sich gerade über einen Roulettetisch in Vegas, und beide Hosentaschen klaffen dabei einladend weit auf. Und dann tun wir einfach so, als stünden wir mit einer Flasche Budweiser in der Hand neben besagter Person, so unauffällig, dass diese sich selbst dann, wenn man sie zufällig streift, nichts weiter dabei denkt. Glauben Sie mir, in nicht mal einer Sekunde hat man mit der freien Hand geschickt und leicht wie eine Feder in die Tasche gegriffen und virtuos das Portemonnaie herausgefischt.

Womöglich bezweifeln Sie, dass das so einfach ist, wie es sich anhört. Vielleicht würden Sie höchstens so weit gehen, mir zuzugestehen, dass es unter Umständen möglich wäre, aber auch nur dann, wenn es sich bei besagtem Zielobjekt um einen echten Grobklotz handelt. Würde ich das bei, ach, sagen wir, Ihnen versuchen, Sie würden mich dabei so sicher wie das Amen in der Kirche in flagranti erwischen.

Nun, eine durchaus verständliche Reaktion, aber leider ebenso falsch. Zunächst mal bin ich nämlich gut. Und damit meine ich nicht Feld-Wald-und-Wiesen-gut. Ich meine richtig gut. Ich meine schnell, geschickt und erfahren gut.

Und dann wäre da noch die psychologische Komponente. Ich sehe nämlich nicht aus wie ein Taschendieb. Ich bin frisch rasiert und dufte angenehm nach Aftershave. Ich trage ein Sakko und teure elegante Jeans. Meine Schuhe sind gewienert, meine Fingernägel sauber, mein Atem ist zahnpastapfefferminzfrisch. Und noch dazu sind wir in einem hochklassigen Zockerschuppen, dem Fifty-Fifty-Casino im Herzen des Strip, gleich gegenüber vom Caesars Palace, nicht weit vom Venetian Hotel. Und wir stehen im VIP-Bereich, an einem der Tische, an denen um das ganz große Geld gespielt wird, vom gemeinen Pöbel durch eine Samtkordel und ein erhöhtes Podium getrennt. Seit einiger Zeit unterhalten Sie sich mit meiner guten Freundin Victoria. Sie ist perfekt gestylt und makellos gekleidet, sieht geradezu umwerfend gut aus, eine echte Augenweide, und dazu ist sie klug und schlagfertig und besitzt einige andere angenehme Charaktereigenschaften mehr. Ach, und habe ich schon erwähnt, dass wir beide Briten sind? Horrido! Joho! Aber doch wohl kaum gewöhnliche Kleinkriminelle, nicht wahr?

Einigen wir uns also einfach auf die Vorstellung, dass ich mir Ihr Portemonnaie unter den Nagel gerissen habe und dass ich dafür nicht einmal halb so lange gebraucht habe wie Sie, um bis hierher zu lesen, und dass Sie nicht mal ansatzweise Verdacht geschöpft, geschweige denn, mich dabei erwischt haben. Und hey, lassen Sie deswegen den Kopf nicht hängen, denn das hat der Typ, dessen Portemonnaie ich gerade erbeutet habe, auch nicht gemacht.

Er war mittelgroß und hatte dunkle Haare, eine geradezu hollywoodreife Föhnfrisur, dazu eine durch und durch künstliche Sonnenstudiobräune, und aalte sich offenkundig mit größtem Vergnügen in seinem Status als semibekannter B-Promi. Sein Name war (zu allem Überfluss) Josh Masters, und er war der Haus- und Hof-Zauberer des Fifty-Fifty, Star der zweitgrößten Vegasshow des Casinos mit zwölf Auftritten die Woche, an achtundvierzig Wochen im Jahr. Seine Spezialität waren große Illusionen; Verschwindetricks, bei denen sich alles Mögliche in Luft auflöste – Revuegirls, Tiger, der Stratosphere Tower, seine eigene Glaubwürdigkeit –, und sein überkrontes Lächeln und die durchdringend blauen Augen lachten einem überall im ganzen Casinokomplex und der gesamten Stadt von Plakatwänden und Handzetteln entgegen.

Meine Gründe, sein Portemonnaie an mich zu bringen, brauchen uns zunächst nicht weiter zu interessieren, aber obwohl ich im Hauptberuf Krimiautor bin, sollte ich wohl erwähnen, dass ich auf dem Gebiet des Taschendiebstahls kein vollkommen unbedarfter Anfänger bin. Es war nicht das erste Mal, und ich glaube auch nicht, dass es das letzte Mal war, aber in der Regel ist es für mich nur Mittel zu einem etwas verzwickteren Zweck und nicht bloß ein spaßiger Zeitvertreib. Das würde sich schlicht und ergreifend nicht lohnen – irgendwann hat man einfach mehr Führerscheine, als man brauchen kann.

Zugegeben, ich bin zwar ein Dieb, aber einer, den man wohl mit Fug und Recht als Gentlemandieb bezeichnen könnte.

Für gewöhnlich arbeite ich nur in fremdem Auftrag, und da ich Wert darauf lege, nicht allzu oft tätig werden zu müssen (um die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, so gering wie möglich zu halten), übernehme ich nur solche Engagements, bei denen ein wirklich stattliches Honorar winkt. Weshalb ich normalerweise zwei Arten von Menschen bestehle – die Reichen oder die Korrupten. Und obwohl ich deswegen noch lange kein Robin Hood bin, rede ich mir gerne ein, dass mein moralischer Kompass aufgrund dessen zumindest nicht auf die Zone allermiesester Abschaum zeigt.

Aber genug zu meiner Verteidigung. Sicher haben Sie trotz des kleinen Exkurses noch nicht vergessen, dass Josh Masters’ Portemonnaie gerade aus seiner Hosentasche in meine gewandert ist, und zwar dank eines kleinen Taschenspielertricks, den Masters selbst sicher goutiert hätte, hätte er denn Gelegenheit gehabt, meine Technik eingehend zu bewundern. Meine Beute also sicher verstaut und das Budweiser beiseitegestellt, flüchtete ich umgehend vom Tatort und trat nonchalant aus der HIGH-STAKES-AREA in den allgemein zugänglichen Casinobereich.

Das Fifty-Fifty gehört zu den erst kürzlich errichteten neuen Mega-Resorts am Strip. Wie die meisten Casinos in Vegas steht es unter einem bestimmten Motto, und ein dezenter Hinweis darauf steckt bereits im Namen. In dem Laden drehte sich alles um das Amerika der Fünfzigerjahre, und die Casinoetage war ganz und gar dem Film Noir, alten Gangstermovies und anderen beliebten einschlägigen Klischees gewidmet.

Man nehme zum Beispiel die Kellnerinnen. Die warteten mit Pagenköpfen auf, trugen etwas zu dick aufgetragenes Make-up samt üppigem Rouge und Lippenstift und paillettenbestickte Mieder über schwarzen Mikro-Minis und langen nylonbestrumpften Beinen. Passend dazu waren die Tischchefs mit grauen glänzenden Anzügen samt breiten Aufschlägen zum coolen Trilby-Hut bekleidet, während die Wachleute in nostalgischen Polizeiuniformen aus Polyesterhemden, ultraschmalen schwarzen Krawatten und goldener Dienstmarke in Form eines fünfeckigen Sterns steckten. Drüben hinter den vergoldeten Gittern des Kassenschalters saßen Angestellte mit grünen Blendschutzschirmen auf dem Kopf, und die Croupiers trugen weiße kragenlose Hemden unter schwarzen Westen und nannten weibliche Gäste »Puppe« oder »Biene« oder »Steiler Zahn« und die Männer »Kumpel« oder »Alter Junge« oder »Sportsfreund«.

Aus den Lautsprechern dudelten Swing-Melodien, aber die Musik ging im allgemeinen Lärm des Casinobetriebs unter – das Schrillen und Klingeln der Einarmigen Banditen, das Johlen und Grölen am Würfeltisch, das Rascheln der Karten beim Mischen, das Klackern der Roulettekugel, das Murmeln und Plappern der zahllosen gutgläubigen Trottel, die so dämlich waren, jeglicher Wahrscheinlichkeitsrechnung zum Trotz hier ihr Geld zu setzen.

Bei dem ganzen Rummel ringsum dauerte es einen Moment, bis ich den Security-Schalter wiedergefunden hatte (der bei mir, wie man sich vorstellen kann, aus naheliegenden Gründen beim ersten Einchecken einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte), aber als ich mich erst mal orientiert und den Schalter entdeckt hatte, marschierte ich geradewegs darauf zu, denn gleich dahinter lagen die beiden Hauptaufzüge. Aber hier nicht vom rechten Weg abzukommen war gar nicht so einfach. Zum einen standen mir regelrechte Menschenmassen im Weg, aber schlimmer noch, das ganze Casino schien einzig und allein darauf ausgelegt, mich wie ein Labyrinth immer wieder in die Irre und irgendwohin zu führen, wo ich der beinahe unwiderstehlichen Verlockung erliegen konnte, einen ordentlichen Batzen Geld zu riskieren.

Ich lief durch Schneisen zwischen nierenförmigen Spieltischen hindurch, allesamt aus Walnussfurnier, mit cremefarbenem Leder und burgunderrotem Filz bezogen. Black Jack, Black Jack Switch, Bataille royale, Pai Gow Poker und Texas Hold’em wichen allmählich Würfel- und Roulettetischen, und schließlich kamen die Video-Pokerspiele und die Spielautomaten, an denen ältere Damen in Velourstrainingsanzügen ihr Glück versuchten.

Beim Gehen strichen meine Füße immer wieder über den scheußlichen billigen Nylonteppichboden, wodurch mein Körper sich langsam, aber sicher mit einer geradezu unmenschlichen elektrostatischen Spannung auflud. Zu meinem Leidwesen hatte ich bereits die Erfahrung machen müssen, dass ich, wann immer ich mit irgendetwas Metallischem in Kontakt kam, als lebender Blitzableiter fungierte, was sich nun auch wieder bei den Knöpfen des Gästeaufzugs bewahrheitete. Vorsichtig streckte ich den Finger danach aus, und … zzzzzzt … bekam ich eine gewischt und ein kleiner Stromschlag durchzuckte meinen Arm. Verflixt! Unwillkürlich fuhr ich zurück und quiekte empört, während die Türen einer der Aufzugkabinen sich öffneten und ein rundlicher Herr mit Baseballkappe und wadenlanger Jeansshorts heraustrat. Kaum hatte ich seinen Platz im Fahrstuhl eingenommen, holte ich auch schon Josh Masters’ Portemonnaie aus der Hosentasche. Ich zog seine Schlüsselkarte heraus und steckte sie in das Lesegerät gleich vor meiner Nase. Dann wählte ich den Knopf für den zwanzigsten Stock, und während der Aufzug nach oben surrte und eine Stimme vom Band mich freundlich, aber bestimmt dazu aufforderte, eine Eintrittskarte für das Josh Masters’ Magical Spectacular zu erwerben, schnüffelte ich mich durch den restlichen Inhalt des Portemonnaies.

Bargeld war kaum welches drin, nicht mehr als ungefähr sechzig Dollar; nicht weiter verwunderlich allerdings, wenn man bedachte, dass in diesem Casino sicher alles, was sein kleines Zaubererherz begehrte, aufs Haus ging. Er hatte eine Platin-Kreditkarte, eine goldene Kreditkarte und eine schwarze Kreditkarte, allesamt ausgestellt von Landesbanken aus Nevada. Außerdem trug er ein handsigniertes Hochglanzfoto von sich selbst im Portemonnaie herum, ein Ticket vom Parkservice für sein Auto sowie eine gefaltete Papierserviette mit einer Telefonnummer. Und dann war da noch etwas, was nur die wirklichen Glücksschweine gelegentlich finden und nur die wirklichen Volltrottel gelegentlich aufbewahren – der praktische kleine Pappschuber, in dem seine Schlüsselkarte ursprünglich ausgegeben worden war. Vorne aufgedruckt war das Emblem des Fifty-Fifty zu sehen – eine sich drehende Fünfzig-Cent-Münze –, und darunter stand sein Name. Ach ja, und natürlich die Zimmernummer.

Suite 40-H.

Was irgendwie wohl nur logisch war. Startalente werden in Vegas wie Königskinder hofiert, und die vierzigste Etage war die teuerste des gesamten Hotels. Und während ich womöglich unter anderen Umständen die Kombination der beiden Worte »Star« und »Talent« im Zusammenhang mit Josh Masters in Frage gestellt hätte, machte der umwerfende Erfolg seiner Zaubershow es nur allzu deutlich, dass ich mit dieser Meinung eindeutig in der Minderheit war. Aber juckte mich das? Schließlich hatte er mir gerade die Mühe erspart, seine Schlüsselkarte an den anderen 3 499 Hotelzimmern auszuprobieren, auf die sie womöglich auch gepasst hätte.

Im zwanzigsten Stock angekommen überredete ich den Aufzug mittels der Schlüsselkarte, weiter bis in die vierundzwanzigste Etage zu fahren; höher ging es mit diesem Fahrstuhl nicht. Dort stieg ich aus und lief einen anderen mit Teppichboden ausgelegten Korridor entlang zu einigen weiteren Aufzügen, wo ich mit einer Ecke von Masters’ Portemonnaie auf die Ruftaste drückte – bin ja nicht blöde –, und fuhr in den vierzigsten Stock des Hotels. Wo ich prompt in einer Sackgasse landete. Denn unweit des Aufzugs versperrte mir ein Empfangsschalter mit einer umwerfenden Blondine den Weg.

Die Blonde trug eine maßgeschneiderte schwarze Seidenbluse, die sich unter ihrem zarten Kinn elegant in aufwendige Rüschen und Falten legte. Auf ihrem Näschen saß eine eckige Brille, und Diamantenstecker liebkosten ihre Ohrläppchen. Sie sah aus, als gehörte sie auf einen Laufsteg statt in einen Hotelflur, und ich wünschte inständig, da wäre sie jetzt auch.

Ich hätte es mir wohl denken können. In einem Nobelschuppen wie dem Fifty-Fifty wurden die edleren Suiten immer von einer ganz besonderen Spezies Rezeptionistinnen bewacht. Sie sind die klügsten, attraktivsten, motiviertesten Hotelangestellten. Die merken sich alles. Sie wissen, welche Blumen man am liebsten auf dem Zimmer hat, welchen Jahrgangschampagner man auf Eis serviert bekommen möchte, sie kennen den Lieblingstisch im bevorzugten Restaurant, die Namen von Frau, Kindern, Geliebter, Hauskatze …

Ich könnte endlos so weitermachen, aber Sie wissen schon, worauf ich hinauswill: Die Damen merken sich alles, jedes noch so kleine Detail, und darin sind sie im Allgemeinen so herausragend gut, weil sie mit dieser Masche die richtig dicken Trinkgelder absahnen. Vollkommen undenkbar also, dass diesem Engel nicht gleich auf der Stelle auffallen würde, dass ich in dieser Etage nichts zu suchen hatte. Und das war ein großes Problem.

Wie der Zufall es wollte, stand ich in dem Moment, als sie zu mir rüberschaute, gerade da wie bestellt und nicht abgeholt und guckte reichlich dumm aus der Wäsche, und ich setzte dem Ganzen dadurch noch die Krone auf, dass ich mich auf dem Absatz umdrehte, stirnrunzelnd die Anzeige über dem Aufzug studierte und mich nachdenklich am Hinterkopf kratzte. Ich schaute sogar auf die Karte mit der Zimmernummer in meiner Hand, und zur Krönung schlug ich mir dann auch noch mit der Hand vor die Stirn.

Anschließend stieg ich wieder in den Fahrstuhl und machte einen eher uneleganten Abgang.

Zwei

Also gut, ich machte natürlich keinen Abgang. Ich fuhr bloß fünf Stockwerke nach unten. Aber für die elegante Blondine sah es aus, als hätte ich mich getrollt.

Die fünfunddreißigste Etage des Fifty-Fifty war wirklich nett aufgemacht. Der Bereich jenseits der Fahrstuhltüren wurde von einem reich verzierten Kristalllüster beleuchtet, die Wände waren in einem ansprechenden Zartblau tapeziert, und es gab flauschigen Nylonteppichboden, so weit das Auge reichte, durch den reichlich Niedervoltstrom pulsierte. Aber das Netteste von allem war, hier gab es keine Rezeption.

Also stiefelte ich munter los und fühlte mich dabei wie ein Luftballon, den man an einem Wollpulli reibt, und lief bestimmt beinahe einen Halbmarathon, ehe ich auf eine Tür mit der Aufschrift Benutzung nur in Notfällen stieß. Aufmerksam schaute ich nach links und nach rechts, ob jemand zu sehen war, dann marschierte ich schnurstracks durch die Tür ins dahinter liegende Treppenhaus.

Es heulte keine Alarmanlage, auch wenn womöglich in Ihrem Hinterkopf gerade sämtliche Alarmglocken läuten. Vermutlich bereiten Ihnen die Überwachungskameras Bauchschmerzen. Denn schließlich ist Vegas bekannt dafür, dass hier sämtliche öffentliche Orte lückenlos überwacht werden, nicht wahr? Man denkt an die zahllosen Fischaugenobjektive, die einen auf Schritt und Tritt verfolgen, die gedrillten Wachtrupps, die jede Bewegung an Farbbildschirmen verfolgen und dabei auch noch Hauttemperatur und Pupillengröße messen? Nun ja, das stimmt schon, das alles und noch viel mehr. Aber neunundneunzig Prozent sämtlicher Überwachungsaktivitäten beschränken sich auf die eigentliche Casinoetage.

Ja, die Mega-Resorts entlang des Strip bieten Fünf-Sterne-Komfort, und natürlich verfügen sämtliche Zimmer über Flachbildfernseher, vergoldete Wasserhähne und raumgroße Power-Duschen. Aber das ist bloß die Kulisse für das Spiel ums ganz große Geld – und wo findet das statt? An den Spieltischen. Und obwohl das Management Ihnen viel Vergnügen und einen angenehmen Aufenthalt wünscht und hofft, dass Sie bald wiederkommen, verschwenden die ihre Zeit nicht darauf, Sie auf dem Weg durch die Hotelkorridore zu verfolgen, bis Sie sicher in Ihrem Bettchen liegen. Nein, die schauen Ihnen lieber beim Zocken zu.

Weshalb ich ziemlich zuversichtlich war, auf meinem Weg über das Nebentreppenhaus nach oben nicht unter Beobachtung zu stehen und auch nicht Gefahr zu laufen, womöglich jederzeit einem Trupp Wachleute in die Arme zu laufen. Und andere Gäste würde ich hier sicher auch nicht treffen, denn eine Stadt, in der es einen Nachbau der Rialtobrücke gibt, an der eine Rolltreppe nach oben führt, ist bestimmt kein Urlaubsort für Fitnessfanatiker. Und, Himmel, sollte ich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz doch einem Hotelangestellten begegnen, dann konnte der mir eigentlich auch nichts anhaben. Schließlich war ich ein zahlender Gast des Hauses, was ich mit meiner Zimmerkarte beweisen konnte.

Zum Glück begegnete ich niemandem, und nachdem ich fünf Treppen hinaufgeschnauft war und meine Nase abermals in die dünne Luft des vierzigsten Stocks gesteckt hatte, stellte ich erleichtert fest, dass keine Menschenseele zu sehen und kein Ton zu hören war. Etwa zweihundert Meter weiter machte der Gang einen Knick nach rechts, und wenn meine Berechnungen stimmten, dann müsste er danach abermals nach rechts abbiegen, ehe die Rückansicht der Blondine wieder auftauchte. Wobei das reine Spekulation blieb, denn wie sich herausstellte, lag die Tür zu Suite H just vor dem Ende des ersten Flurabschnitts.

Davor blieb ich stehen, drückte mich unauffällig ein wenig herum und zog ein Paar Einmalgummihandschuhe aus der Hosentasche. An dem Handschuh, den ich mir über die Finger der linken Hand streifte, war nichts Ungewöhnliches; er saß wie angegossen. Bei dem rechten Handschuh sah das etwas anders aus. Zwei Finger hatte ich komplett abgeschnitten, und nun musste ich vorsichtig sein, dass der Gummi beim Anziehen nicht einriss. Diesen maßgefertigten Handschuh brauchte ich, weil mein Mittel- und Ringfinger mit Heftpflaster zusammengeklebt waren. Ich leide unter gelegentlichen Arthritisanfällen, und in letzter Zeit haben meine Fingerknöchel mir ziemlich zu schaffen gemacht. Den Ringfinger hatte es besonders schwer getroffen. Der hatte sich nach links verdreht und sich bei seinem Nachbarn eingehakt, und da das ziemlich schmerzhaft war, habe ich mich dazu entschlossen, die beiden kurzerhand aneinanderzubinden. Das einzig Gute war, dass Zeigefinger und Daumen bisher gänzlich verschont geblieben waren, und da meine nutzlosen Griffel von oben bis unten bandagiert waren, bestand keinerlei Gefahr, damit Fingerabdrücke zu hinterlassen.

Und da Zeigefinger und Daumen sich bei meinen kriminellen Tätigkeiten weiterhin sehr kooperativ zeigten, setzte ich sie gleich darauf an, Masters’ Schlüsselkarte in das elektronische Lesegerät an der Tür seiner Hotelsuite einzuführen, und sie gleich darauf wieder herauszuziehen. Ein grünes Lämpchen leuchtete kurz auf, und dann hörte ich, wie das elektronische Türschloss sich entriegelte. Bedächtig holte ich Luft, griff nach dem Türknauf und –

Zzzzzzt … Ein blauer Funke sprang von meinen unbehandschuhten Fingern auf das Metall über. Zähneknirschend und leise knurrend drückte ich behutsam die Klinke herunter, schob die Tür auf und trat ein.

Kaum drinnen, durchfuhr es mich wie ein Stromschlag, hundert Mal stärker als alles, was so ein Hotelteppich je generieren könnte. So war das immer bei mir. Würde ich mich mit einem Psychologen über dieses Thema unterhalten, würde ich vermutlich einige unschöne, aber sehr wahre Dinge über mich erfahren. Aber andererseits, würde ich nach Ende der Sprechzeit in die Praxis des besagten Psychologen einbrechen und den Herrn Doktor ausnehmen wie eine Weihnachtsgans, würde ich womöglich den größten Adrenalinschub aller Zeiten erleben.

Aber für psychologische Analysen war keine Zeit, also stupste ich die Tür auf und stand unversehens im gefliesten Eingangsbereich der Suite, und angesichts des sich bietenden Anblicks pfiff ich anerkennend durch die Zähne. Ich kann Ihnen sagen, ich war ja beim Reinkommen schon von meinem eigenen Hotelzimmer ziemlich angetan gewesen, aber die Suite von diesem Hampelmann war noch mal ein ganz anderes Kaliber.

Vor mir lag eine kompakte Küche mit hocheleganten, beleuchteten Glasfront-Hängeschränken, einer beachtlichen Kühl-Gefrier-Kombination von amerikanischen Dimensionen und einer Frühstückstheke aus Granit. Hinter der Küche lag der Wohn-Ess-Bereich, zu dem ein paar Stufen hinunterführten, ausgestattet mit einem Glastisch für zwölf Personen, einer L-förmigen schwarzen Ledercouch, einem wandmontierten Flachbildschirm, kaum kleiner als der Esstisch, einer Eckbar und einem massiven Schreibtisch samt Telefon und Faxgerät. Der Schreibtisch stand unter einer ziemlich grellen Stehlampe und gleich vor einer bodentiefen Fensterfront mit Ausblick über die Rückseite des Hotelkomplexes, die kleinen Querstraßen und großen Schnellstraßen hinter dem Strip und die rosarot angehauchten Gipfel der Bergkette am Horizont. Ein beleuchtetes Passagierflugzeug schwebte eben über die Bergrücken und hielt auf den McCarran International Airport zu.

Es war totenstill im Zimmer, nur das leise Grummeln der Klimaanlage war zu hören. Staunend schüttelte ich den Kopf und tappte über den flauschigen Teppich ins Wohnzimmer. Wo sich mein Kopfschütteln noch verstärkte, als mir aufging, dass ich bisher noch gar kein Bett gesehen hatte.

Leise schlich ich zu der Flügeltür zu meiner Rechten und drückte vorsichtig die Klinke herunter. Die Tür war abgeschlossen, vermutlich führte sie ins Nebenzimmer. Auf der anderen Seite des Zimmers entdeckte ich eine zweite Tür, gleich hinter dem Schreibtisch, und ich rauschte einfach durch, um dann mit heruntergeklappter Kinnlade vor einem überdimensionalen Bett stehen zu bleiben, mit luxuriöser Makobatistbettwäsche, Eiderdaunensteppbett und Wolldecken und bergeweise Kissen, mit denen man spielend die Bettwarenabteilung eines kleineren Macy’s-Kaufhauses hätte bestücken können.

Zwei Teakholzschränkchen flankierten das Bett zu beiden Seiten, und auf dem der Tür näheren Nachtschränkchen warf eine Lampe mit Fransenborte ihr sanftes Licht auf einen Wecker, ein Taschenbuch sowie einen Spiralblock nebst Stift. Neben dem Notizblock stand ein Wasserglas, auf dem zur Abdeckung ein Pappdeckel mit dem Casinologo lag.

Gegenüber waren zwei eingebaute Kleiderschränke in die Wand eingelassen, und als ich schwungvoll die Türen aufriss, entdeckte ich mit Schrecken, wie viele beinahe identische Lederjacken und stonewashed Jeans ein einzelner Mann besitzen kann. Ein ganzes Regalbrett war allein den Stapeln ordentlich gefalteter weißer T-Shirts vorbehalten und ein weiteres mit grauen Exemplaren gefüllt. Masters’ Unterhosen waren akkurat eingeräumt, und seine Socken waren, wie ich mit Schaudern feststellen musste, gar mit seinen Initialen bestickt.

Ich muss schon sagen, mir wurde doch gleich wesentlich wohler und ganz warm ums Herz, als ich in die hinterste Ecke des Schranks spähte und den Zimmersafe entdeckte. Es mag seltsam klingen, aber ein Tresor kann einem eine Menge Zeit sparen. Ohne Safe kommen Hotelgäste auf die seltsamsten Ideen: Sie verstecken ihre Wertsachen unter den Kleidern, in Schuhen oder Koffern. Womöglich entscheiden sie sich auch für ein schwer erreichbares Eckchen der Kommode oder unter dem Bett. Im schlimmsten Fall nehmen sie ihre Wertsachen sogar mit, wenn sie das Hotelzimmer verlassen. Aber in fast allen Fällen wirken Safes derlei Gefahren wirksam entgegen, weil die meisten Menschen annehmen, im Tresor seien ihre Habseligkeiten sicher verstaut.

Sind sie aber nicht. Hotelsafes sind sehr empfänglich für die Annäherungsversuche beinahe aller Arten von Einbrechern, blutige Anfänger eingeschlossen. Für gewöhnlich werden sie mittels eines einfachen elektronischen Codes verschlossen, und im Allgemeinen ist es ein Kinderspiel zu erraten, welchen Code der unbekannte Hotelgast eingegeben hat. Sollten Sie mir das nicht glauben, versuchen Sie doch selbst mal, sich in ein fremdes Hotelzimmer einzuschleusen und eine oder mehrere der folgenden Zahlenkombinationen einzugeben – 999, 110, 000, 1234 … Sie verstehen, worauf ich hinauswill. Ach ja, und sollte das nicht funktionieren, probieren Sie es mit der Nummer des betreffenden Hotelzimmers. Dieses kleine Juwel gehört auch zu den üblichen Verdächtigen.

Aber nun zum wirklich hübschen Teil der Geschichte. In gewissen amerikanischen Hotels sind die Tresore sogar noch entgegenkommender. Zur Freude der Gäste darf man sich hier für eine von mehreren Möglichkeiten entscheiden. Natürlich kann man den guten alten Zahlencode eingeben, aber wenn man die Risiken kennt und ein bisschen mehr Sicherheit möchte, dann kann man stattdessen auch die Kreditkarte durch das Lesegerät am Bedienfeld des Safes ziehen. Ziemlich sicher, oder? Tja, eigentlich ja, es sei denn, der Gauner, der in Ihr Hotelzimmer eingebrochen ist, hat rein zufällig vorher Ihr Portemonnaie geklaut. Denn sollte er im Besitz Ihres Portemonnaies sein, dann hat er höchstwahrscheinlich auch Ihre Kreditkarte.

Ich hatte Josh Masters’ Kreditkarten, und seine Platin-American-Express-Karte war das Sesam-öffne-dich. Kaum hatte ich sie durchgezogen, hörte ich auch schon das Schnurren und Surren des Schließmechanismus, der von einem kleinen Motor angetrieben wurde, und das Wörtchen OFFEN leuchtete in roten Lettern im Anzeigefeld auf. Und da ich nun mal einen solch freundlichen Hinweis nicht unbeachtet lassen konnte, vergewisserte ich mich, dass der Safe nicht gelogen hatte, und machte die kleine Tür auf, um gleich darauf in eine Vielzahl wohliger Seufzer auszubrechen, die normalerweise sehr viel intimeren Momenten vorbehalten waren.

Der Boden des Tresors war mit einer Schaumstoffmatte ausgekleidet, und darauf drängten sich zu kleinen Türmchen aufgestapelte Casinochips der schönsten Sorte. Die meisten Jetons waren lila, mit kleinen fliederfarbenen und violetten Sprenkeln am Rand, aber einige waren in schlichtem altmodischem Silber gehalten. Jedes der lila Spielmärkchen war im Fifty-Fifty-Casino fünfhundert Dollar wert, ein Stapel bestand aus zehn Stück, und es waren insgesamt sechs Rollen. Die silbernen Jetons waren jeweils zehntausend Dollar wert, und von denen gab es drei an der Zahl. Selbst mit meinen rudimentären mathematischen Fähigkeiten war es ein Kinderspiel, das im Kopf auszurechnen. Sechzigtausend Dollar. Schien mir fast wie eine glückliche Fügung des Schicksals. Wobei es Josh Masters sicherlich eher wie eine fiese Hinterfotzigkeit vorkommen würde. Aber um ganz ehrlich zu sein, war mir das schnurz, denn ich war außer mir vor Entzücken bei dem Gedanken, dass er diesen kleinen Verschwindetrick sicher nicht so schnell vergessen würde.

Beherzt langte ich zu und wollte mir schon die Taschen mit den Chips vollstopfen, als mir aufging, dass ich gerade dabei war, einen großen Fehler zu begehen. Schließlich wollte ich unter allen Umständen vermeiden, einen Jeton zu verlieren oder klimpernd wie ein Schellenbaum durch das Casino zu stiefeln, und jetzt, wo ich mir die Sache durch den Kopf gehen ließ, kam mir die geniale Idee, eine von Masters’ fremdschamverdächtigen Socken wäre der ideale Chipbehälter. Ich schnappte mir eine der Socken und stopfte sie ordentlich voll, machte dann einen Knoten ins offene Ende und schüttelte das Ding wie eine Conga. Die Socke erfüllte ihren Zweck; es war rein gar nichts zu hören. Ich beglückwünschte mich zu dieser eleganten Problemlösung, verstaute die Socke im Sakko und überlegte, was als Nächstes zu tun war.

Nachdenklich wog ich Masters’ Portemonnaie in der Hand. Die Verlockung war groß, es mitzunehmen und zu versuchen, es ihm, ohne mich dabei erwischen zu lassen, wieder in die Hosentasche zu mogeln. Alles in allem wäre das die eleganteste aller möglichen Varianten gewesen, und ich war mir ziemlich sicher, es durchziehen zu können. Aber es war trotzdem riskant. Vernünftiger wäre es, das Portemonnaie einfach irgendwo im Hotel in einen Papierkorb zu werfen. Ja, das wäre wirklich die cleverste Lösung. Was vermutlich auch erklärte, warum ich mich unbedingt wie ein selbstverliebter neunmalkluger Schlaumeier aufführen musste und das Portemonnaie kurzerhand in den Safe schmiss.

Natürlich konnte ich den Safe jetzt nicht mehr mit einer seiner Kreditkarten abschließen, denn dann steckte die betreffende Karte ja nicht mehr im Portemonnaie. Also entschied ich mich für eine Zahlenkombination. Und da ich den Kode, den ich mir ausdachte, für ganz besonders gelungen befand, grinste ich übers ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd, als ich die Schranktüren wieder schloss und lässig durch den hochherrschaftlichen Wohnbereich zurück in die Küche spazierte.

Der kleine Spion in der Zimmertür erwies sich als sehr praktisch, um nachzusehen, ob die Luft rein war, ehe ich wieder nach draußen ging. Was ich gerade tun wollte, als mein Blick nach links abschweifte und etwas streifte, das mir ein Stirnrunzeln entlockte.

Eine zweite Schlüsselkarte.

Die fragliche Karte steckte in einer Kunststoffhalterung an der Wand, und daneben leuchtete ein winzig kleines grünes Licht. Jetzt, wo ich so darüber nachdachte, hatten in der Suite verdammt viele Lichter gebrannt – die Beleuchtung der Küchenschränke, die Stehlampe neben dem Schreibtisch, sogar die Nachttischlämpchen.

Hmm. Von meinem eigenen, mehrere Stockwerke tiefer gelegenen Zimmer wusste ich, dass Licht und Klimaanlage nur dann funktionierten, wenn die Schlüsselkarte in dem dafür vorgesehenen Schlitz steckte. Aber in Masters’ Suite brannte die Beleuchtung, und es war überall angenehm kühl.

Nun konnte es sehr wohl sein, dass Masters zwei Schlüsselkarten hatte, und wenn er ebenso umweltbewusst war wie alle anderen in Las Vegas, dann wäre die Vermutung, dass er die Klimaanlage gerne auf Hochtouren laufen ließ und beim Nachhausekommen am liebsten ein hell erleuchtetes Zimmer vorfand, nicht allzu abwegig.

Oder es könnte noch jemand anders in seiner Suite sein.

Aber ich nehme doch stark an, dass es mir aufgefallen wäre, hätte jemand ferngesehen oder ein Nickerchen auf dem Bett gemacht, während ich den Safe ausräumte. Und dann traf es mich wie ein Keulenschlag.

Ich hatte das Badezimmer vergessen.

Gut, wenn man es genau nimmt, hatte ich das Badezimmer nicht mal gesehen. Aber es musste eins geben, und aller Wahrscheinlichkeit lag es gleich neben dem Schlafzimmer. Mir war dort drinnen zwar keine Tür aufgefallen, aber andererseits hatte ich auch nur Augen für den kleinen Tresor gehabt.

Rasch trat ich vom Spion zurück und trommelte mit den Fingernägeln auf meinen Schneidezähnen herum. Würde ich jetzt zurückgehen und nachsehen, würde ich aller Wahrscheinlichkeit ganz sicher niemanden im Badezimmer vorfinden. Ich meine, wäre jemand drin, dann hätte ich denjenigen doch bestimmt herumrumoren gehört, oder er oder sie hätte mich gehört und etwas gesagt, weil er oder sie gedacht hätte, ich sei Masters. Die andere Möglichkeit, dass nämlich jemand gehört hatte, wie ich hereinkam, und sich im Badezimmer versteckt hatte, war einfach zu abwegig, um sie ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Warum also zog ich sie überhaupt in Betracht? Und warum zauderte ich? Mal angenommen, es war tatsächlich jemand da drin (was ganz sicher nicht der Fall war), dann war es doch völlig irrwitzig, nur einen Moment länger hierzubleiben. Ich hatte die Chips, und mein Fluchtweg war frei; ich könnte ungesehen verduften. Und das Badezimmer hätte mich einen feuchten Kehricht scheren sollen.

Aber tatsächlich war genau das Gegenteil der Fall.

Nennen Sie mich ruhig einen Perfektionisten. Nennen Sie mich einen zwanghaften Korinthenkacker. Nennen Sie mich einen hoffnungslosen Volltrottel. So oder so, ich musste mich einfach vergewissern, dass tatsächlich niemand in dem Badezimmer war. Ich musste mir beweisen, dass ich nichts übersehen hatte. Sonst würde ich die ganze Nacht keine Ruhe finden – so, wie andere arme gequälte Seelen einfach keine Ruhe finden, wenn sie sich nicht vergewissert haben, dass sie die Haustür auch wirklich abgeschlossen haben, ehe sie sich auf den Weg zur Arbeit machen.

Also machte ich mich auf die Suche nach dem Badezimmer und entdeckte auf Anhieb die Tür, die ich eben übersehen hatte. Sie war weiß mit abgeschrägten Kanten und lag gleich auf der anderen Seite des Bettes. Entschlossen marschierte ich darauf zu und drückte ein Ohr gegen das Holz – nicht das kleinste Geräusch war zu hören. Und das hätte mir eigentlich auf jeden Fall reichen sollen.

Aber der eigenartige Zwang, auch wirklich auf Nummer sicher zu gehen, hatte mich fest in seinen Klauen, weshalb ich nach der Klinke griff und die Tür einen kleinen Spalt breit aufdrückte.

Und wissen Sie, was ich da sah?

Nein, wissen Sie natürlich nicht, und ich verrate es Ihnen auch noch nicht. Denn gerade kommt in mir der Schriftsteller hoch, und ich merke, dass dies genau der richtige Moment für einen richtig ausgefuchsten Cliffhanger ist. Also verzeihen Sie mir bitte, aber ich denke, ich belasse es erst mal dabei und mache einen kleinen Sprung in die Vergangenheit, um zu erklären, wie es überhaupt dazu kam, dass ich mich unversehens in dieser prekären Lage wiederfand.

Drei

Ach, Paris«, seufzte ich. »Es gibt doch nichts Schöneres als Frühling in Paris.«

Victoria stöhnte entnervt und verdrehte die Augen. Wenn mir eins an Victoria aufgefallen war, dann ihr umfangreiches Repertoire ausdrucksvoller Augenverrenkungen. Das derzeitige ruckartige Nach-oben-Reißen der Pupillen hatte ich schon während unseres gemeinsamen Flugs über den Atlantik nach Newark, der beiden Tage in Manhattan und des kleinen Katzensprungs von New York zum McCarran Airport zur Genüge kennen gelernt. Wenn ich es richtig verstanden hatte, verriet dieser Ausdruck tiefste Enttäuschung, womöglich sogar Bedauern, angesichts meines letzten kläglichen Versuchs, ein wenig Humor zu versprühen. Der Witz dabei, müssen Sie verstehen, war nämlich, dass wir mitnichten in Paris waren. Eine Woche zuvor waren wir noch dort gewesen, aber augenblicklich düsten wir in einem Taxi den Strip in Las Vegas entlang, und mit einem freundschaftlichen Rippenstoß und einem Augenzwinkern hatte ich auf den Nachbau des Eiffelturms vor dem Paris-Las-Vegas-Casino gewiesen. Und dann hatte ich meine geistessprühende Pointe abgefeuert und postwendend zu verstehen bekommen, dass ich von Glück sagen konnte, nicht selbst eine gefeuert bekommen zu haben.

Scharfsinnig, wie ich nun mal bin, drängte sich mir allmählich der Verdacht auf, dass ich Victoria mit meiner Art langsam, aber sicher auf die Nerven ging. Was irgendwie verständlich war, schließlich hatten wir beide bisher nicht allzu viel Zeit miteinander verbracht. Gut, wir kannten uns zwar seit Jahren, und Victoria war schon seit Beginn meiner, wenn man es freundlich ausdrücken wollte, schriftstellerischen Karriere meine Literaturagentin und Vertraute, aber erst in Paris hatten wir uns persönlich kennen gelernt, und sehr zu Victorias Missfallen hatte sie dort feststellen müssen, dass mein Gesicht so gar nichts mit dem Autorenfoto auf dem Umschlag meiner Krimis gemeinsam hatte. Das fragliche Porträt zeigte einen umwerfend gut aussehenden Kerl im Smoking, und das Bild war so unecht wie der nachgemachte Eiffelturm, auf den ich sie dummerweise mit der Nase gestoßen hatte – wobei das jetzt gerade nicht der richtige Augenblick schien, diese Parallele anzusprechen.

Vor diesem Hintergrund werden Sie sich jetzt mit Fug und Recht fragen, was wir beide überhaupt gemeinsam in Vegas zu suchen hatten. Und dazu möchte ich nur sagen, auf eine seltsame und recht mysteriöse Art gibt es darauf eine ganze Reihe von Antworten.

Das reicht Ihnen nicht? Also gut, die Wahrheit ist, dass man mich freundlich gebeten hatte, aus Frankreich auszureisen (will heißen, ich wurde ultimativ aufgefordert, das Land zu verlassen und nicht wiederzukommen), und zum Zeitpunkt meiner Abreise war ich zufälligerweise im Besitz einiger Güter von eher zweifelhafter Herkunft. Es gab kaum einen Markt für die Ware, die ich in meinem Gepäck versteckt hatte, aber ich kannte einen Händler in Brooklyn, der womöglich einen Blick darauf werfen würde. Und wie der Zufall es wollte, hatte Victoria kürzlich einen neuen Klienten aus New York in ihre Kartei aufgenommen, dem sie liebend gerne mal persönlich die Hand schütteln wollte, nach dem, was sie inzwischen nur noch als meinen großen Schwindel bezeichnete. Um es kurz zu machen, wir waren gemeinsam nach Amerika geflogen. Und nachdem ich meine Ware mit ordentlichem Gewinn an den Mann gebracht und Victoria zu ihrem Verdruss festgestellt hatte, dass ihr jüngster Klient seinem ziemlich unvorteilhaften Künstlerporträt bis aufs Haar glich, hatte ich ihr eingeflüstert, wir beide hätten uns ein bisschen Spaß redlich verdient. Und mit Spaß meinte ich Las Vegas.

Ich will ganz ehrlich sein, Victoria nach Sin City zu locken, hatte sich erheblich schwieriger gestaltet als gedacht. Zunächst mal hatte sie rundweg abgelehnt und mich mit der Behauptung abblitzen lassen, sie müsse dringend zurück nach London, weil sie ihre Klienten nicht einfach so im Stich lassen könne. Und dann hatte sie beharrlich erklärt, sie könne sich keinen Urlaub leisten.

»Mumpitz«, hatte ich darauf nur erwidert – hauptsächlich, weil ich das immer schon mal sagen wollte. »Du hast dir eine kleine Pause verdient. Ich weiß gar nicht, wann du das letzte Mal Urlaub gemacht hast.«

»Na, vor ein paar Tagen. In Paris.«

»Mumpitz«, schmetterte ich ihren Einwand ab, überzeugt, die richtige Verwendung des Wortes nun zu beherrschen. »Das kannst du doch nicht als Urlaub bezeichnen. Das war eine Geschäftsreise, sozusagen, gefolgt von einem kleinen Abenteuer, wenn man so will, aber doch beim besten Willen kein Urlaub.«

Victoria schloss die Augen und atmete hörbar ein. Dann erklärte sie mir in einem sarkastischen Tonfall, würde sie noch ein einziges Mal das Wort »Mumpitz« aus meinem Mund hören, dann sähe sie sich gezwungen, mir bleibende Schäden im unteren Lendenbereich zuzufügen. Und, fügte sie ganz ruhig hinzu, sie würde auf gar keinen Fall zocken. Niemals. Und dass es eine der Grundregeln der Familie Newbury sei, niemals auf irgendwas zu wetten.

»Kein Glücksspiel?«, fragte ich, als habe sie den Verstand verloren. »Wieso denn das? Seid ihr Mormonen?«

»Nein, Charlie, ich bin bloß ein verantwortungsbewusster erwachsener Mensch. Und außerdem, mit welchem Geld soll ich bitte spielen? Ich werde ganz sicher nicht die wenig beachtliche Provision deines letzten Krimis verbraten.«

»Das geht auf mich. Ich habe noch ein paar Handvoll Dollar von meinem Brooklyner Kontaktmann übrig. Von Rechts wegen steht eigentlich die Hälfte davon dir zu.«

»Dann bezahl mir das Flugticket nach Hause.«

»Aber Vegas wird bestimmt ein Heidenspaß, Vic. Dir könnte ein bisschen Frivolität nicht schaden.«

»Glaube mir, wenn ich die vielen Charlie-Howard-Provisionen auf meinem Konto sehe, dreht sich mir ganz von allein der Kopf.«

Dieser kleine Seitenhieb ließ mir den Kiefer herunterklappen, und als er auf meinem Knie aufgeschlagen war, stieß ich einen Laut aus, den man wohl am besten als Japser bezeichnen könnte. »Manchmal glaube ich, es ist wirklich dein Glück, dass ich, was meine Arbeit betrifft, nicht so zimperlich bin.«

»Nicht zimperlich? Oder nicht gewissenhaft?«

»Autsch!«

»Ich will damit bloß sagen, es ist mittlerweile über ein Jahr her, seit du mir das letzte Mal irgendwas Neues gebracht hast. Und nach allem, was ich mitbekommen habe, steckt dein neuester Faulks-Krimi in einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit.«

»Stimmt ja gar nicht. Die kubanische Episode hat sich bloß als etwas schwieriger erwiesen als gedacht. Aber das wird schon noch. Es braucht nur ein bisschen Zeit.«

»Zeit? Tja, würdest du nur halb so viel Zeit an deinem Schreibtisch verbringen, wie du darauf verschwendest, in fremde Häuser einzusteigen, dann wäre er sicher längst fertig.«

Ich ließ den Zeigefinger an meiner Schläfe kreisen. »Mein Unterbewusstsein arbeitet die ganze Zeit wie blöde.«

»Schön, aber mir macht dein Bewusstsein Sorgen. Das ist schließlich fürs Tippen zuständig. Kannst du nicht wenigstens eine kleine Kurzgeschichte zusammenbasteln? Irgendwas für eine Anthologie vielleicht? Damit du nicht ganz in Vergessenheit gerätst.«

Ich hielt kurz inne und versuchte nachzuvollziehen, wieso unser Gespräch plötzlich diese unerfreuliche Wendung genommen hatte, und meine kleinen grauen Zellen stellten in Windeseile alle nur erdenklichen hochkomplizierten und komplexen Gedankengänge an.

»Ich will ja nicht wie so ein durchgeknallter Verschwörungstheoretiker klingen, Vic, aber nörgelst du gerade an mir rum, in der Hoffnung, mir so unerhört auf den Geist zu gehen, dass ich dir freiwillig ein Rückflugticket nach London kaufe und dich in den nächstbesten Flieger nach Hause setze?«

»Hinterhältig und verschlagen? Moi?« Abwehrend wedelte sie mit der Hand vor meiner Nase herum und klimperte mit den Wimpern.

»Und du hörst auf, mich zu piesacken, wenn ich dir ein Ticket kaufe?«

»Du bekommst einen Monat Schonfrist.«

»Abgemacht.« Womit ich mit der Faust in meine Handfläche schlug, als sei es der Hammer eines Auktionators. »Und so billig. Pass auf, womöglich darfst du sogar erster Klasse fliegen.«

Aber das durfte sie nicht, und sie fand sich auch kurz darauf nicht etwa in einem Flieger nach Großbritannien wieder. Denn getreu dem Motto Wehe, wenn sie losgelassen hatte ich kurzerhand einen Nonstop-Flug nach Las Vegas gebucht, und dazu zwei nebeneinanderliegende Hotelzimmer im Fifty-Fifty.

Nun, die etwas Lebenserfahreneren unter Ihnen dürfte es nicht weiter verwundern, dass mein kleines Täuschungsmanöver nicht besonders gut ankam. Ja, es kam sogar noch schlechter an, als ich mir in meinen schlimmsten Albträumen ausgemalt hätte. Dumm nur für Victoria, dass ich sie schon bis zum Flugsteig am JFK bugsiert hatte, ehe sie mir auf die Schliche kam, und sie war derart vor den Kopf gestoßen und außer sich vor Wut, dass ich sie in das Flugzeug geschoben hatte, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

Ein kleines Gläschen Champagner gleich nach dem Abflug trug nicht unwesentlich dazu bei, sie etwas zu besänftigen, und mit jeder Menge Bitten und Betteln meinerseits schaffte ich während der zweiten Stunde unseres Fluges sogar, sie dazu zu bewegen, dass sie wieder mit mir redete. Aber jetzt, wo wir gerade den weltberühmten Strip in Las Vegas entlangdüsten, war sie mit aller Schmeichelei und gutem Zureden dieser Welt nicht dazu zu bringen, über meinen, zugegeben, etwas lahmen Witz mit dem Eiffelturm zu lachen.

»Hör zu«, sagte ich und versuchte es auf die vernünftige Tour. »Das war doch nun wirklich nicht der schlimmste Dummejungenstreich der Welt. Sieh es doch einfach als kleines Dankeschön für alles, was du im Laufe der Jahre für mich getan hast.« Ich legte ihr eine Hand aufs Knie. »Und ich habe dir schon für Ende der Woche ein Rückflugticket nach Hause gekauft.«

»Hmm«, brummte sie und verschränkte die Arme.

»Heißt das ›Hmm, ich verzeihe dir‹?«

»Nein, Charlie. Das heißt ›Hmm, mal sehen, ob wir den Rückflug schnell genug umbuchen können, bevor ich dich umbringe‹.«

Ich warf dem Taxifahrer über dessen Rückspiegel einen Blick zu. Ein zahnreiches Grinsen teilte sein rundes Gesicht in zwei Hälften.

»Warte doch wenigstens, bis du das Hotel gesehen hast. Wir bleiben eine Nacht und schauen mal, wie es ist.«

»Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig.«

»Dann können wir uns doch auch amüsieren, wo wir schon mal hier sind, oder?«

»Hmm«, entgegnete sie, wendete sich ab und betrachtete den schimmernden See draußen vor dem Bellagio. Der weltberühmte Springbrunnen führte zwar augenblicklich nicht sein stündliches Wasserspektakel auf (das wäre wohl auch zu viel verlangt gewesen), aber es war trotzdem ein imposanter Anblick.

»Wir sind schon fast da. Vertrau mir. Es wird dir gefallen.«

Und wissen Sie was? Es gefiel ihr tatsächlich. Was maßgeblich mit dem atemberaubenden Eindruck zu tun hatte, den das Fifty-Fifty auf Anhieb bei ihr hinterließ. Nur zu verständlich. Das Hauptgebäude des Hotels sah aus wie eine geschwungene Haifischflosse aus Rauchglas, fünfzig Stockwerke hoch, gekrönt von einem sich drehenden Restaurant. Und über dem Restaurant als gegenläufig kreisende Kirsche auf dem Sahnehäubchen eine gigantische Fünfzig-Cent-Münze.

Das war wirklich ein beeindruckender Anblick, ebenso wie die Hollywood-inspirierten beleuchteten Markisenvordächer, die den Haupteingang beschirmten, und die alten amerikanischen Roadster-Modelle, die auf Hochglanz poliert und gewienert im Marmorfoyer um die Wette glänzten. Und es schadete auch nicht, dass der Service an der Rezeption vom Allerfeinsten war und unsere beiden Juniorsuiten uns mehr oder minder die Sprache verschlugen.

Und als ich Victoria anschließend auch noch zum Abendessen in eins der kitschigen Hotelrestaurants einlud, besserte sich die Stimmung ebenfalls noch einmal erheblich. Das Test Site Trailer war eingerichtet wie ein klassischer amerikanischer Airstream-Wohnwagen der Fünfzigerjahre, mit vinylbezogenen Sitznischen, chromgefassten Tischen und, dem Namen als Atomtestgelände-Wohnwagen entsprechend, einem Limonadenbrunnen, aus dem das Brausewasser in Form eines Atompilzes sprudelte. Unsere Atomic Burger und die Fallout-Fritten wurden von einer Kellnerin auf Rollschuhen an den Tisch gebracht, und als ich die zweite Runde beschwipster Meltdown-Milkshakes bestellt hatte, hatte ich mich sogar zu der Behauptung verstiegen, dass wir uns wieder blendend verstanden.

Weshalb ich natürlich just in diesem Augenblick die gute Stimmung verderben musste, indem ich Victoria erzählte, ich wolle den netten Abend mit einer kleinen Runde NO LIMIT POKER beschließen.

»Oh nein, Charlie, auf gar keinen Fall«, erklärte sie sehr bestimmt.

»Oh doch, auf jeden Fall. Wir sind in Vegas, Vic. Man ist hier praktisch zum Pokerspielen verpflichtet. Ich glaube, das ist hier Gesetz.«

Victoria spitzte die Lippen um ihren Trinkhalm und schlürfte an ihrem Milkshake. »Aber du kannst das doch gar nicht.«

»Kann ich wohl.«

»Seit wann denn das?«

»Seit ich online zocke.«

Victoria verschluckte sich und hustete, und ich fürchtete schon, wie bei einem Softeisspender einen Milkshakestrom aus ihren Nasenlöchern fließen zu sehen.

»Und ich darf dir mitteilen, dass ich insgesamt achtundfünfzig Dollar gewonnen habe, seit ich angefangen habe zu spielen.«

»Und wann war das?«, krächzte sie heiser.

»Vor sechs Monaten.«

Energisch tupfte sie sich die Lippen mit einer Papierserviette und räusperte sich. »Seltsam, dass du seitdem mit deiner Schreiberei nicht mehr aus dem Quark kommst.«

»Reiner Zufall.«

Ich schob die Reste meines Burgers beiseite, nahm die Rechnung und kritzelte meine Zimmernummer auf die dafür vorgesehene Linie.

Victoria legte ihre Hand auf meine heile Hand und schaute mich forschend an, offensichtlich ohne zu ahnen, dass sie einen Klecks Milkshake am Kinn hatte. »Du weißt, dass ich was gegen ’s Zocken habe, Charlie.«

»Darum frage ich dich ja auch nicht, ob du mitkommen willst.«

Worauf sie nur missbilligend die Stirn runzelte und die Untiefen ihres Milkshakes auslotete, als könne sie dort irgendwo unterhalb des cremigen Vanilleschaums das alles vernichtende Totschlagargument entdecken. Gerade, als sie etwas sagen wollte, flackerte hinter der Fensterattrappe an unserem Tisch ein gleißend helles Licht auf, und der Tisch fing an zu wackeln und zu beben. Was mich allerdings nicht weiter beunruhigte. Eine kleine Informationstafel am Eingang hatte uns alle halbe Stunde eine simulierte Atomexplosion versprochen. Und tatsächlich, ein dröhnender Donnerschlag hallte aus den Lautsprechern und unterbrach den Rock ’n’ Roll, der eben noch gedudelt hatte, und unsere Kellnerin kreischte und duckte sich unter einen Nebentisch – ein wahrhaft erbärmliches Stück Schauspielkunst.

Irgendwann ebbten Lärm und Gerüttel ab, unsere Kellnerin tauchte wieder auf und klopfte sich den Staub von den Knien, und Victoria redete weiter, als sei nichts geschehen.

»Bist du schon mal auf den Gedanken gekommen, dass du da ausgenommen wirst wie eine Weihnachtsgans? Es gibt professionelle Spieler. Die stürzen sich wie die Aasgeier auf blutige Anfänger wie dich.«

»Das ist ein angesehenes Casino, Vic. An jedem Tisch sitzt ein angestellter Croupier.«

»Trotzdem solltest du lieber vorsichtig sein.«

»Ich schreib’s mir hinter die Ohren.«

»Überleg dir, wie hoch dein Einsatz sein soll, ehe du dich an den Tisch setzt. Und denk nicht mal im Traum daran, über dein selbstgesetztes Limit zu gehen.«

»Okay, Mama.«

Ah, der schmaläugige blutrünstige Meuchelmörderblick! Darauf hatte ich schon den ganzen Abend gewartet.

»Ich will doch nur dein Bestes, Charlie.«

»Das weiß ich, und das weiß ich auch sehr zu schätzen«, entgegnete ich. »Aber wofür hältst du mich eigentlich? Für einen Vollidioten?«

Vier

Ich war ein Vollidiot.

Nein, das Pokerspiel war nicht so gut gelaufen wie erhofft. Offen gestanden war es sogar ganz erbärmlich schlecht gelaufen. Zwar hatte ich noch mein Hemd und das Freibier-Budweiser, aber sonst war mir nicht viel geblieben, und was ich ganz offensichtlich nicht mehr besaß, war das Geld, das ich in New York bekommen hatte. Bis auf den letzten Penny waren die Kröten weg, die mein Brooklyner Kontaktmann mir ausgezahlt hatte, und auch wenn ich bereits einiges davon für unseren kleinen Ausflug nach Vegas und Victorias Rückflugticket ausgegeben hatte, der ganze Rest war in den gierigen Armen eines mürrischen Cowboys mit Buffalo-Stetson auf dem Kopf, Schnürsenkelkrawatte und buschigem Schnauzbart gelandet. Kein Scherz. Zu verlieren war eine Sache, aber gegen ein Klischee zu verlieren war wirklich ein harter Brocken.

Schwer zu sagen, wann alles den Bach runterging; vermutlich schon in dem Moment, als ich mich an den Pokertisch setzte. Ich glaube, irgendwas lief von Anfang an schief – was ich auf die Meltdown-Milkshakes schiebe –, und mein Einsatz war so schnell verpulvert, dass ich gar nicht anders konnte, als noch etwas draufzulegen, um im Spiel zu bleiben. Irgendein dämlicher Teil meiner Psyche fand es oberpeinlich, so früh im Spiel einfach aufzustehen und zu gehen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie peinlich es erst sein würde, eine halbe Stunde später mit vollkommen leeren Händen und eingekniffenem Schwanz abzuziehen. Zu meiner Verteidigung muss allerdings auch gesagt werden, dass ich ziemliches Pech hatte, denn man sieht nicht allzu oft in ein und demselben Texas-Hold’em-Spiel einen Straight Flush (wie ihn der Cowboy hatte) und ein Full House (das meine Wenigkeit auf der Hand hatte). Einen Drilling, mehr hätte ich dem Kerl beim besten Willen nicht zugetraut, weshalb ich alles setzte, als er nach der River Card den Einsatz noch einmal erhöhte. Ich weiß nicht, vielleicht lag es daran, dass ich es hier mit leibhaftigen Gegnern zu tun hatte statt mit abstrakten Pixelhaufen namens Dark Dawn oder Amarillo2000.

Wie dem auch sei, ich war ein gutes Stück ärmer als das letzte Mal, als ich Victoria gesehen hatte, und obendrein hatte ich auch noch die dazu passende Laune. Nichtsnutzig streifte ich umher und überlegte zunächst, mal an den anderen Tischen zu schauen, wem das Glück heute Abend ein wenig holder war als mir, kam aber schnell dahinter, dass das meine miese Laune auch nicht gerade hob. Da wirkte die Aussicht, nach draußen zu gehen und sich einige der kostenlosen Showspektakel auf dem Strip anzuschauen, doch schon wesentlich verlockender – der Vulkanausbruch vor dem Mirage vielleicht, oder die scharfen Piratenbräute, die sich vor dem Treasure Island eine hitzige Seeschlacht lieferten. Im Grunde genommen war alles besser, als wieder auf mein Zimmer zu gehen und darauf zu warten, dass Victoria hereinschneite und erklärte: »Ich hab’s dir doch gleich gesagt.«

Und wo wir gerade bei Victoria waren, ihre Einstellung zum Glücksspiel irritierte mich doch gewaltig. Zugegeben, ich war zwar gerade das jüngste Opfer dieses Lasters geworden, aber das Kribbeln insbesondere beim letzten Spiel ließ sich nicht leugnen – zumindest, bis ich verloren hatte. Und sollten ihre Einwände moralischer Natur sein, dann war mir das Ganze noch schleierhafter, schließlich schien mein kleiner Nebenerwerb als Einbrecher ihr Gewissen nicht weiter zu belasten. Aber hatte sie nicht gesagt, es sei eine eherne Familienregel, nicht zu zocken? Vielleicht hatte man ihr das ja schon in Kindertagen eingetrichtert. Sie hatte mir mal erzählt, ihr Vater sei Richter, was nicht gerade für eine lockere Erziehung sprach.

So oder so, sie hatte mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ihr mein kleiner Ausflug an den Pokertisch ganz und gar nicht gefiel, also kann man sich wohl vorstellen, dass mir vor Staunen fast der Mund offen stand, als ich durchdringendes Johlen und ein unüberhörbares Quieken vernahm, nach rechts schaute und eine junge Frau sah, die ihr glich wie ein Ei dem anderen und die gerade vor Freude an den HIGH-STAKES-Tischen herumhopste wie ein kleines Kind.

Ungläubig rieb ich mir die Augen. Die Frau hatte dieselben braunen Haare wie Victoria, dieselbe Frisur, und ihre Haare kräuselten sich genauso um die Schultern wie bei Victoria. Sie trug eine zum Verwechseln ähnliche grüne Bluse und einen anthrazitgrauen Bleistiftrock, zusammen mit einer passenden grünen Handtasche, die mir ebenfalls irgendwie bekannt vorkam. Größe und Figur stimmten seltsamerweise auch frappierend überein, und sogar Mimik und Gestik erinnerten stark an Victoria.

Die Doppelgängerin reckte jubelnd die Arme in die Luft und hüpfte auf Zehenspitzen herum, während der Croupier sie schmachtend anhimmelte. Und er war nicht der Einzige. Am Tisch saßen insgesamt sechs Mitspieler, und alle schienen vollkommen hingerissen von ihr zu sein. Am entzücktesten wirkte ein Kerl mit blendend weißen Zähnen, makellos gebräuntem Teint und einer Frisur wie frisch vom Coiffeur. Zu Cowboystiefeln aus Alligatorleder trug er eine stonewashed Jeans, ein schlichtes weißes T-Shirt und eine hellbraune Lederjacke.

Dieses Prachtexemplar von Mann zog Victorias Double in seine fitnessstudiogestählten Arme und wirbelte sie einfach durch die Luft. Kichernd trommelte sie ihm schelmisch auf die Schultern, während sie kokett die Beine an den Knien anwinkelte.

In null Komma nichts stand ich neben ihnen, streckte die Hand aus und tippte der Frau auf die Schulter. Die riss den Kopf herum und blinzelte, und dann schlug sie die Hand vor den Mund und rief: »O Gott, Charlie!«, was beinahe so erschrocken klang, als wäre ich gerade in ihrer Anwesenheit bei ihr zuhause eingebrochen.

»Wer ist denn dein neuer Freund?«

Worauf Victoria errötete und mich mit einer Geste zum Hinsetzen aufforderte. Sie strich sich die Kleider glatt und rückte ihre Handtasche zurecht und deutete dann eher zögerlich auf ihren muskulösen Verehrer.

»Charlie, das ist Josh. Er ist Illusionist. Wahrscheinlich hast du schon die Plakate für seine Zaubershow gesehen.«

»Nein, glaube kaum.«

»Hey, Charlie.« Er schlug mir kumpelhaft auf die Schulter. »Mir echt ein Vergnügen, dich kennen zu lernen.«

Also, ich bin ganz ehrlich und sage es Ihnen lieber gleich, nur für den Fall, dass Sie die dezenten Hinweise, die ich in den Text eingestreut habe, bisher überlesen haben sollten, dass ich Josh Masters auf Anhieb nicht ausstehen konnte. Als Victoria uns miteinander bekannt machte, da war sein Lächeln ungefähr genauso echt wie die mittelalterlichen Schwerter an der Wand des Excalibur Casinos, und er schaute mich nicht mal an – er wendete den Blick nicht vom Roulettetisch und ging im Kopf wohl seine möglichen Einsätze durch.

Und es gab noch einen zweiten Grund, weshalb ich ihn nicht leiden konnte: Er strich die ganze Zeit satte Gewinne ein. Vor ihm standen ordentlich gestapelte lila Jetons wie das Bollwerk einer kleinen Miniaturfestung. Daneben hatte er auch noch ein paar blaue Hundert-Dollar-Chips gebunkert, wenn auch nicht ganz so viele. Die lagen achtlos verstreut rings um die lila Jetons herum wie ein Burggraben. Aber man kann es sich wohl leisten, ein bisschen blasiert mit Hundertermärkchen um sich zu werfen, wenn man schätzungsweise achtzigtausend Dollar als Wetteinsatz in der Hinterhand hat.

Und das waren augenblicklich circa achtzigtausend Dollar mehr, als ich mein Eigen nennen konnte. Und die linke Hand, die mit einem goldenen Siegelring und perfekt manikürten Fingernägeln aufwartete, hatte er mit besitzergreifender Geste auf Victorias Rücken gelegt. Zugegeben, wir beide hatten nichts miteinander. Victoria war meine Literaturagentin und eine gute Freundin, mehr nicht. Aber das konnte Josh Masters ja nicht wissen. Er hatte nicht den leisesten Schimmer. Und es war ihm offensichtlich schnuppe.

»Also, Josh«, versuchte ich ein Gespräch anzufangen, »Victoria erwähnte eben, dass Sie Zauberkünstler sind?«

»Jawohl, und zwar hier im großartigen Fifty-Fifty«, brüstete er sich, noch immer ganz auf den Roulettefilz konzentriert.

»Und wie würden Sie sich selbst bezeichnen? Als Alleinunterhalter oder Kinderbelustigung?«

»Charlie

Ich schwöre es, Victoria sagte das wirklich in kursiven Lettern. Und dazu bekam ich einen mahnenden Blick zugeworfen. Und zwar einen mahnenden Blick der wirklich strengen Sorte, einer, der einem durch Mark und Bein geht.

»Was denn?«, fragte ich unschuldig. »Rein zufällig stehe ich total auf Zauberei.«

»Seit wann denn das?«

»Schon als kleines Kind.«

Was tatsächlich stimmte. Zu Internatszeiten hatte ich mir selbst zahllose Kartentricks beigebracht, und es hatte nicht lange gedauert, da war ich gut genug, mir sogar ein paar eigene Kunststücke auszudenken. So funktionierte mein Hirn eben nun mal. Schon als Kind war ich versessen auf Rätsel, Puzzle und Geduldsspiele, und in der Zauberei war alles vereint, sie war ein prima Zeitvertreib, wenn die anderen Jungs draußen Rugby oder Kricket spielten oder Laufen-Fangen-Küssen (und das, obwohl, oder vielleicht auch gerade weil wir ein reines Jungeninternat waren). Nun ja, Zaubertricks und Schlösserknacken, aber Sie verstehen schon.

Und ich war ziemlich stolz auf meine Fertigkeiten als Taschenspieler und gab hin und wieder sogar kleine Vorführungen im Schlafsaal. Im Laufe der Jahre erarbeitete ich mir so einen gewissen Ruf als Zauberkünstler. Vielleicht waren Josh Masters und ich also irgendwie sogar Seelenverwandte. Was wohl ein weiterer guter Grund für mich gewesen wäre, ihn abgrundtief zu hassen.

»Wie wär’s, ich zeige Ihnen einen meiner Tricks?«, schlug ich vor. »Ein echter Knaller.«

»Danke, Kumpel, nicht nötig.«

»Tun Sie mir den Gefallen, ja? Haben Sie vielleicht ein Kartenspiel und einen Kuli für mich?«

Seufzend rieb Josh sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Hör zu – Chaz war der Name, ja?«

»Charlie.«

»Genau. Ich bin hier ziemlich beschäftigt.« Womit er die Augenbrauen in Richtung Roulettetisch hochriss. »Also …«

»Also?«

»Vielleicht ein anderes Mal.«

»Aber der Trick ist wirklich gut.«

»Hey, bestimmt ist der ganz große Klasse.«

»Und warum darf ich Ihnen den Trick dann nicht zeigen?«

»Charlie«, schnitt Victoria mir das Wort ab, »Josh hat eine sehr erfolgreiche eigene Show hier im Casino.«

»Und?«

»Und sicher wollen ihm ständig irgendwelche Leute irgendwelche Zaubertricks zeigen.«

Josh verpasste mir einen Klaps auf den Arm, als sei die Sache damit erledigt, wendete sich dann wieder dem Roulettefilz zu und machte sich daran, ein paar Wetten zu platzieren. Er legte zehn lila Jetons auf Rot, sowie acht weitere wahllos über die nummerierten Felder verstreut.

Mit dem Daumen wies ich auf seinen Rücken und beugte mich zu Victoria hinunter.

»Was hat der denn für ein Problem?«

»Er hat überhaupt kein Problem. Er hat uns Freikarten für seine Show heute Abend angeboten. Ist doch ziemlich spendabel, findest du nicht?«

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