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Vampire Academy - Blaues Blut

Prolog

Manches stirbt. Aber nicht immer bleibt es tot. Glaubt mir, ich weiß es.

Es gibt eine Rasse von Vampiren auf dieser Erde, die buchstäblich wandelnde Tote sind. Sie werden Strigoi genannt, und wenn sie nicht bereits eure Albträume bevölkern, dann werden sie es sicher bald tun. Sie sind stark, sie sind schnell, und sie töten ohne Gnade oder Zögern. Außerdem sind sie unsterblich – was es irgendwie schwierig macht, sie zu vernichten. Es gibt nur drei Möglichkeiten, das zu tun: Man stößt ihnen einen silbernen Pflock ins Herz, man enthauptet sie, oder man setzt sie in Brand. Nichts davon ist leicht, aber alles ist immer noch besser, als überhaupt nichts tun zu können.

Aber die Welt kennt auch gute Vampire. Sie werden Moroi genannt. Sie leben, und jeder von ihnen besitzt die unglaublich coole Macht, eines der vier Elemente – Erde, Luft, Wasser oder Feuer – für ihre Magie zu nutzen. (Nun, fast alle Moroi können das – aber auf die Ausnahmen werde ich später ausführlicher zu sprechen kommen.) Heute benutzen sie ihre Magie kaum noch, und das ist irgendwie traurig. Sie wäre eine großartige Waffe, aber die Moroi vertreten die strenge Auffassung, dass Magie nur für friedliche Zwecke eingesetzt werden sollte. Das ist eine der wichtigsten Regeln in ihrer Gesellschaft. Moroi sind im Allgemeinen hochgewachsen und schlank, und sie vertragen nicht viel Sonnenlicht. Aber sie haben übermenschliche Sinne, die sie dafür entschädigen: Augenlicht, Geruch und Gehör.

Beide Arten von Vampiren leben von Blut. Ich schätze, das ist es, was sie zu Vampiren macht. Moroi töten jedoch nicht, um ihre Nahrung zu bekommen. Stattdessen halten sie Menschen in ihrer Nähe, die bereitwillig kleine Mengen Blut spenden – freiwillig, weil Vampirbisse Endorphine freisetzen, die einen echt high machen und deshalb zur Sucht werden können. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Diese Menschen werden Spender genannt und sind im Grunde so was wie Vampirbissjunkies.

Trotzdem ist es besser, Spender zu halten, statt es so zu machen wie die Strigoi, denn wie ihr euch vielleicht schon gedacht habt, töten sie, um an ihr Blut zu kommen. Ich denke, es gefällt ihnen. Wenn ein Moroi ein Opfer beim Trinken tötet, verwandelt sich dieser Moroi in einen Strigoi. Einige Moroi tun das aus freien Stücken; sie geben ihre Magie und ihre Moral um der Unsterblichkeit willen auf. Man kann Strigoi auch mit Gewalt erschaffen. Wenn ein Strigoi Blut von einem Opfer trinkt und den Betreffenden dann dazu zwingt, seinerseits Moroiblut zu trinken, nun … dann habt ihr einen neuen Strigoi. Das kann jedem passieren: einem Moroi, einem Menschen oder … einem Dhampir.

Ein Dhampir.

Das ist es, was ich bin. Dhampire sind halb menschlich, halb Moroi. Ich bilde mir gern ein, dass wir die besten Eigenschaften beider Rassen besitzen. Ich bin stark und stämmig, wie Menschen eben sind. Außerdem kann ich in die Sonne gehen, soviel ich will. Aber wie die Moroi habe ich ausgesprochen gute Sinne und schnelle Reflexe. Das Ergebnis macht Dhampire zu den ultimativen Bodyguards – und genau das sind die meisten von uns auch. Wir werden Wächter genannt.

Ich habe mein ganzes Leben darauf verwandt, mich dafür ausbilden zu lassen, Moroi vor Strigoi zu schützen. Zu diesem Zweck belege ich in der Akademie St. Vladimir, einer Privatschule für Moroi und Dhampire, eine ganze Reihe spezieller Kurse und Übungen. Ich weiß, wie man alle möglichen Waffen einsetzt, und ich kann ein paar ziemlich üble Tritte landen. In der Vergangenheit habe ich schon Jungs verprügelt, die doppelt so groß waren wie ich – sowohl im Unterricht als auch außerhalb. Und ich verprügele sogar ziemlich oft Jungs, da in all meinen Kursen nur sehr wenig Mädchen sind.

Denn obwohl Dhampire alle möglichen großartigen Eigenschaften erben, zählt eine leider nicht dazu: Wir können mit anderen Dhampiren keine Kinder zeugen. Fragt mich nicht, warum. Es ist nicht so, als wäre ich Genetikspezialistin oder irgendwas in der Art. Wenn Menschen und Moroi zusammenkommen, entstehen daraus immer weitere Dhampire; das ist unser Ursprung. Aber das geschieht heutzutage nicht mehr allzu oft. Moroi neigen dazu, sich von Menschen fernzuhalten. Durch irgendeinen verrückten genetischen Zufall produzieren jedoch Moroi und Dhampire zusammen Dhampir-Kinder. Ich weiß, ich weiß: Es ist verrückt. Man sollte denken, in diesem Fall bekäme man ein Baby, das zu drei Vierteln Vampir ist, stimmt’s? Oh, nein. Halb menschlich, halb Moroi.

Die meisten dieser Dhampire entstehen aus Verbindungen zwischen Moroi-Männern und Dhampir-Frauen. Moroi-Frauen ziehen es vor, Moroi-Babys zu bekommen. Was im Allgemeinen dazu führt, dass Moroi-Männer Affären mit Dhampir-Frauen eingehen und sich dann aus dem Staub machen. Auf diese Weise gibt es ziemlich viele ledige Dhampir-Mütter, und das ist der Grund, warum nicht allzu viele von ihnen Wächter werden. Sie konzentrieren sich lieber darauf, ihre Kinder großzuziehen.

Das führt dazu, dass nur die Jungen und eine Handvoll Mädchen übrig bleiben, um Wächter zu werden. Aber jene, die sich dafür entscheiden, Moroi zu beschützen, nehmen ihren Job absolut ernst. Dhampire brauchen Moroi, um weiter Kinder haben zu können. Wir müssen sie beschützen. Außerdem, es ist einfach … eine Frage der Ehre. Strigoi sind böse und unnatürlich. Es ist nicht richtig, dass sie Unschuldigen auflauern. Dhampiren, die sich zu Wächtern ausbilden lassen, wird das von dem Moment an eingetrichtert, da sie laufen können. Strigoi sind böse. Moroi müssen beschützt werden. Wächter glauben das. Ich glaube das.

Und eine Moroi gibt es, die ich mehr als irgendjemanden sonst auf der Welt beschützen möchte: meine beste Freundin Lissa. Sie ist eine Moroi-Prinzessin. Die Moroi haben zwölf königliche Familien, und sie ist die Einzige, die von ihrer übrig geblieben ist – den Dragomirs. Aber da ist noch etwas, das Lissa zu etwas Besonderem macht, abgesehen von der Tatsache, dass sie meine beste Freundin ist.

Erinnert ihr euch, dass ich davon gesprochen habe, dass jeder Moroi Macht über eines der vier Elemente besitzt? Nun, es hat sich herausgestellt, dass Lissa ein Element benutzen kann, von dessen Existenz bis vor Kurzem niemand gewusst hat: den Geist. Jahrelang dachten wir, sie würde einfach keine magischen Fähigkeiten entwickeln. Dann begannen in ihrer Nähe seltsame Dinge zu geschehen. Zum Beispiel haben alle Vampire eine Fähigkeit, die sich Zwang nennt und die es ihnen gestattet, anderen ihren Willen aufzuzwingen. Bei Strigoi ist diese Fähigkeit ausgesprochen stark ausgeprägt. Bei Moroi ist sie schwächer, außerdem ist ihre Anwendung verboten. Lissa ist in dieser Hinsicht jedoch beinahe so stark wie ein Strigoi. Sie muss bloß mit den Wimpern klimpern, und die Leute tun, was sie will.

Aber das ist nicht mal das Coolste, was sie tun kann.

Ich habe eingangs gesagt, dass tote Dinge nicht immer tot bleiben. Nun, ich bin eins davon. Keine Bange – ich bin nicht wie die Strigoi. Aber ich bin sehr wohl einmal gestorben. (Kann ich übrigens nicht empfehlen.) Es ist passiert, als der Wagen, in dem ich saß, von der Straße abkam. Bei dem Unfall starben Lissas Eltern, ihr Bruder und ich. Doch irgendwie hat Lissa in dem ganzen Chaos – ohne es auch nur selbst zu begreifen – das Element Geist benutzt, um mich zurückzuholen. Wir haben das lange Zeit nicht gewusst. Im Grunde wussten wir nicht einmal, ob es das Element Geist überhaupt gibt.

Unglücklicherweise stellte sich heraus, dass eine Person noch vor uns etwas über dieses Element gewusst hatte. Victor Dashkov, ein dem Tode geweihter Moroi-Prinz, erfuhr von Lissas Kräften und beschloss, sie einzusperren und zu seiner persönlichen Heilerin zu machen – für den Rest ihres Lebens. Als mir klar wurde, dass jemand sie verfolgte, habe ich mich dafür entschieden, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich bin mit ihr aus der Schule ausgebrochen, um davonzulaufen und unter Menschen zu leben. Es hat Spaß gemacht – war aber auch irgendwie nervenaufreibend –, immer auf der Flucht zu sein. Zwei Jahre lang sind wir damit durchgekommen, bis die Wächter von St. Vladimir uns vor einigen Monaten schließlich aufgespürt und zurückgeschleift haben.

Das war der Zeitpunkt, zu dem Victor endgültig zur Tat schritt; er entführte und folterte Lissa, bis sie seinen Forderungen nachgab. Dabei griff er zu einigen ziemlich extremen Mitteln – zum Beispiel belegte er mich und Dimitri, meinen Mentor, mit einem Verlangenszauber. (Auf Dimitri werde ich später noch zu sprechen kommen.) Außerdem nutzte Victor die Tatsache aus, dass das Element Geist begonnen hatte, Lissa psychisch instabil zu machen. Aber nicht einmal das war so schlimm wie das, was er seiner eigenen Tochter Natalie antat. Er ermutigte sie sogar, sich in eine Strigoi zu verwandeln, um nach dem Scheitern seines Plans und seiner Festnahme seine Flucht zu ermöglichen. Das Ende vom Lied war, dass sie gepfählt wurde. Selbst als man ihn anschließend wieder eingefangen hatte, zeigte Victor keine allzu großen Schuldgefühle wegen der Entscheidung, zu der er sie getrieben hatte. Wenn ich diese Geschichte betrachte, denke ich, dass ich nicht viel verpasst habe, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin.

Wie dem auch sei, jetzt muss ich Lissa vor Strigoi und Moroi schützen. Nur einige wenige Mitglieder der Akademie wissen, wozu sie imstande ist, aber ich bin davon überzeugt, dass es da draußen noch andere Victors gibt, die sie würden benutzen wollen. Glücklicherweise habe ich eine zusätzliche Waffe, die mir dabei hilft, sie zu bewachen. Irgendwann während meiner Heilung bei dem Autounfall formte das Element Geist ein hellseherisches Band zwischen ihr und mir. Ich kann sehen und fühlen, was sie erlebt. (Das funktioniert jedoch nur in einer Richtung. Sie kann mich nicht „fühlen“.) Das Band hilft mir, ein Auge auf sie zu halten und zu wissen, wann sie in Schwierigkeiten steckt, obwohl es manchmal komisch ist, eine andere Person im eigenen Kopf zu haben. Wir sind uns ziemlich sicher, dass es noch jede Menge anderer Dinge gibt, die das Element Geist tun kann, aber wir wissen noch nicht, worin sie bestehen.

In der Zwischenzeit versuche ich sie so gut zu bewachen, wie ich kann. Durch unsere Flucht aus der Akademie hinke ich in meiner Ausbildung hinterher, daher muss ich zusätzliche Kurse belegen, um die verlorene Zeit wettzumachen. Es gibt nichts auf der Welt, woran mir mehr liegt als an Lissas Sicherheit. Unglücklicherweise gibt es zwei Dinge, die meine Ausbildung ab und zu komplizieren. Eines ist der Umstand, dass ich manchmal handle, bevor ich überlege. Es gelingt mir immer besser, das zu vermeiden, aber wenn mir die Sicherungen durchbrennen, neige ich dazu, zuerst zuzuschlagen und erst später herauszufinden, wen ich eigentlich geschlagen habe. Wenn Menschen, die mir am Herzen liegen, in Gefahr sind … nun, dann scheinen Regeln nur ein Vorschlag zur Güte zu sein.

Das andere Problem in meinem Leben ist Dimitri. Er war es, der Natalie getötet hat, und er ist als Wächter ein absoluter Gott. Außerdem ist er ziemlich attraktiv. Okay – mehr als attraktiv. Er ist heiß – ich meine, auf die Art heiß, die dazu führt, dass man mitten auf der Straße stehen bleibt und überfahren wird. Aber wie ich schon sagte, er ist mein Lehrer. Und er ist vierundzwanzig. Das sind zwei gute Gründe, warum ich mich nicht in ihn hätte verlieben sollen. Aber mal ehrlich, der wichtigste Grund ist der, dass er und ich Lissas Wächter sein werden, sobald sie ihren Abschluss hat. Wenn wir beide nur aufeinander achtgeben, bedeutet das, dass wir nicht auf sie aufpassen.

Ich hatte nicht viel Glück bei dem Versuch, über ihn hinwegzukommen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er immer noch genauso für mich empfindet. Zum Teil wird die Sache deshalb so schwierig, weil es zwischen ihm und mir ziemlich heftig geworden ist, nachdem uns der Verlangenszauber getroffen hatte. Victor wollte uns damit ablenken, während er Lissa entführte, und es hat auch funktioniert. Ich war bereit gewesen, meine Jungfräulichkeit zu opfern, und Dimitri war bereit gewesen, das Opfer anzunehmen. Im letzten Augenblick konnten wir den Zauber brechen, aber diese Erinnerungen sind mir stets gegenwärtig und machen es mir manchmal schwer, mich auf kämpferische Manöver zu konzentrieren.

Übrigens, ich heiße Rose Hathaway. Ich bin siebzehn Jahre alt, lasse mich dazu ausbilden, Vampire zu beschützen und zu töten, ich bin in einen total unpassenden Typen verliebt und habe eine beste Freundin, deren unheimliche Magie sie den Verstand kosten könnte.

Aber es hat auch nie jemand behauptet, dass die Highschool einfach sein würde.

1

Ich hatte nicht geglaubt, dass mein Tag noch schlimmer werden könnte, bis meine beste Freundin mir eröffnete, dass sie vielleicht verrückt wurde. Wieder einmal.

„Ich … was hast du gesagt?“

Ich stand in der Eingangshalle ihres Wohnheims und beugte mich in dem Versuch, ihn mir anzupassen, über einen meiner Stiefel. Bei ihren Worten riss ich den Kopf hoch und betrachtete sie durch das Gewirr dunkler Haare, die die Hälfte meines Gesichts bedeckten. Ich war nach der Schule eingeschlafen und hatte danach auf die Benutzung einer Bürste verzichtet, um noch pünktlich zu sein. Lissas platinblondes Haar war natürlich glatt und perfekt; es hing ihr über die Schultern wie ein Brautschleier, während sie mich erheitert beobachtete.

„Ich habe gesagt, dass ich denke, meine Tabletten funktionieren vielleicht nicht mehr so gut.“

Ich richtete mich auf und schüttelte mir die Haare aus dem Gesicht. „Was soll das heißen?“, fragte ich. Um uns herum eilten Moroi vorbei, auf dem Weg zu Freunden oder zum Abendessen.

„Heißt das …“ Ich senkte die Stimme. „Heißt das, dass deine Kräfte zurückkehren?“

Sie schüttelte den Kopf, und ich sah ein schwaches Aufblitzen von Bedauern in ihren Augen. „Nein … ich fühle mich der Magie näher, aber ich kann sie noch immer nicht benutzen. Aber ich spüre manchmal wieder etwas von dieser anderen Sache, du weißt schon … ab und zu bin ich niedergeschlagener. Es ist nicht einmal annähernd so schlimm, wie es mal war“, fügte sie hastig hinzu, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. Bevor sie ihre Tabletten bekam, konnten Lissas Stimmungen so übel werden, dass sie sich selbst schnitt. „Es ist einfach eine Spur deutlicher als bisher.“

„Was ist mit den anderen Problemen, die du früher hattest? Angst? Wahnvorstellungen?“

Lissa lachte. Sie nahm nichts von alledem so ernst, wie ich es tat. „Du hörst dich so an, als hättest du psychiatrische Lehrbücher gelesen.“

Das hatte ich übrigens wirklich. „Ich mache mir nur Sorgen um dich. Wenn du denkst, dass die Tabletten nicht mehr wirken, müssen wir es jemandem erzählen.“

„Nein, nein“, sagte sie hastig. „Es geht mir gut, wirklich. Sie wirken ja noch … nur nicht mehr ganz so gut. Ich denke nicht, dass wir jetzt schon in Panik geraten sollten. Vor allem du nicht – zumindest nicht heute.“

Ihr Themenwechsel funktionierte. Ich hatte vor einer Stunde erfahren, dass ich heute meine Qualifikationsprüfung ablegen würde. Es war ein Examen – oder eher eine mündliche Prüfung –, das alle Wächternovizen während ihres ersten Jahres an der Akademie ablegen mussten. Da ich mich im letzten Jahr mit Lissa außerhalb der Schule versteckt hielt, hatte ich meine Prüfung versäumt. Heute würde man mich zu einem Wächter irgendwo außerhalb des Campus bringen, der mich der Prüfung unterziehen würde. Danke für die Vorwarnung, Leute.

„Mach dir um mich keine Sorgen“, wiederholte Lissa lächelnd. „Ich gebe dir Bescheid, wenn es schlimmer wird.“

„Okay“, erwiderte ich widerstrebend.

Aber um auf der sicheren Seite zu sein, öffnete ich meine Sinne und gestattete mir, sie durch unser Band zu fühlen. Sie hatte die Wahrheit gesagt. Sie war heute Morgen ruhig und glücklich, es gab keinen Grund zur Sorge. Aber ganz weit hinten in ihrem Geist spürte ich einen Knoten dunkler Beklemmungen. Diese Dunkelheit verschlang sie nicht, aber sie fühlte sich genauso an wie die Anfälle von Depressionen und Wut, mit denen sie früher zu kämpfen gehabt hatte. Es war nur ein kleiner Tümpel, aber er gefiel mir nicht. Ich wollte ihn überhaupt nicht da haben. Ich versuchte, tiefer in sie einzudringen, um mir einen besseren Eindruck von ihren Gefühlen zu verschaffen, und plötzlich machte ich die unheimliche Erfahrung, diese Gefühle tatsächlich zu berühren. Eine Übelkeit erregende Art von Gefühl bemächtigte sich meiner, und ich wich auf der Stelle aus ihrem Kopf zurück. Ein leichter Schauder überlief mich.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Lissa stirnrunzelnd. „Du siehst plötzlich so aus, als sei dir schlecht.“

„Ich bin nur … nervös wegen der Prüfung“, log ich. Zögernd griff ich abermals nach dem Band. Die Dunkelheit war vollkommen verschwunden. Keine Spur mehr davon. Vielleicht war ja mit ihren Tabletten doch alles in Ordnung. „Mir geht es gut.“

Sie zeigte auf die Uhr. „Nicht mehr lange, wenn du dich nicht bald in Bewegung setzt.“

„Verdammt“, fluchte ich. Sie hatte recht. Ich umarmte sie schnell. „Wir sehen uns später!“

„Viel Glück!“, rief sie.

Ich eilte über den Campus und fand meinen Mentor, Dimitri Belikov, der neben einem Honda Pilot wartete. Wie langweilig. Es war zwar nicht zu erwarten, dass wir in einem Porsche über die Bergstraßen von Montana brausten, aber ein etwas cooleres Auto wäre doch nett gewesen.

„Ich weiß, ich weiß“, sagte ich, als ich sein Gesicht sah. „Tut mir leid, dass ich so spät dran bin.“

Dann fiel mir wieder ein, dass mir eine der wichtigsten Prüfungen meines Lebens bevorstand, und plötzlich waren Lissa und die Möglichkeit, dass ihre Tabletten vielleicht nicht mehr richtig wirkten, vergessen. Ich wollte sie beschützen, aber das würde nicht viel bringen, wenn ich die Highschool nicht bestehen und auch wirklich ihre Wächterin werden konnte.

Dimitri stand da und sah so schnuckelig aus wie eh und je. Das gewaltige Ziegelsteingebäude warf lange Schatten über uns, es ragte wie eine große Bestie im schummrigen Licht kurz vor Tagesanbruch über uns auf. Es begann zu schneien. Ich beobachtete, wie die leichten, kristallinen Flocken sachte herabschwebten. Mehrere landeten in seinem dunklen Haar, wo sie prompt schmolzen.

„Wer fährt sonst noch mit?“, fragte ich.

Er zuckte die Achseln. „Nur wir beide.“

Meine Stimmung schnellte prompt an „gut gelaunt“ vorbei schnurstracks auf „ekstatisch“ zu. Dimitri und ich. Allein. In einem Auto. Dafür könnte sich eine Überraschungsprüfung durchaus lohnen.

„Wie weit müssen wir fahren?“ Im Stillen betete ich, dass es eine richtig lange Fahrt werden würde. Zum Beispiel eine, die eine Woche dauern würde. Und die es notwendig machen würde, in Luxushotels zu übernachten. Vielleicht würden wir in eine Schneeverwehung geraten und dort feststecken, und nur unsere Körperwärme würde uns am Leben erhalten.

„Fünf Stunden.“

„Oh.“

Etwas weniger, als ich gehofft hatte. Trotzdem, fünf Stunden waren besser als nichts. Außerdem war die Sache mit der Schneeverwehung keineswegs ausgeschlossen.

Für Menschen wäre es schwierig gewesen, über die dunklen, verschneiten Straßen zu fahren, aber für unsere Dhampiraugen stellten sie kein Problem dar. Ich schaute geradeaus und versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass Dimitris Rasierwasser den Wagen mit einem sauberen, scharfen Duft füllte, der in mir den Wunsch weckte, einfach dahinzuschmelzen. Stattdessen konzentrierte ich mich wieder auf die Qualifikationsprüfung.

Es war nicht die Art von Test, für die man lernen konnte. Man bestand – oder man bestand nicht. Hochrangige Wächter besuchten die Novizen während ihres ersten Jahres und führten Einzelgespräche mit ihnen, um über die Hingabe der Schüler an ihre spätere Arbeit als Wächter zu diskutieren. Ich wusste nicht genau, welche Fragen gestellt wurden, aber im Lauf der Jahre waren Gerüchte durchgesickert. Die älteren Wächter schätzten den Charakter und die Hingabe der Neulinge ein, und einige Novizen waren danach für untauglich erachtet worden, den Weg des Wächters fortzusetzen.

„Kommen sie nicht normalerweise in die Akademie?“, fragte ich Dimitri. „Ich meine, ich bin absolut für die Exkursion, aber warum fahren wir zu ihnen?“

„Genau genommen fahren Sie nur zu ihm, nicht zu ihnen.“ Ein leichter russischer Akzent färbte Dimitris Worte, der einzige Hinweis auf das Land, in dem er aufgewachsen war. Davon abgesehen war ich mir ziemlich sicher, dass er besser Englisch sprach als ich. „Da dies ein Sonderfall ist und er uns einen Gefallen tut, sind wir diejenigen, die die Reise unternehmen.“

„Wer ist er?“

„Arthur Schoenberg.“

Ich riss den Blick von der Straße los und starrte Dimitri an.

„Was?“, quiekte ich.

Arthur Schoenberg war eine Legende. Er war einer der größten Strigoi-Jäger, die je gelebt hatten, und hatte früher den Wächterrat geleitet – dessen Aufgabe es war, den Moroi ihre Wächter zuzuteilen und Entscheidungen für uns alle zu treffen. Er war irgendwann von dieser Stellung zurückgetreten und beschützte jetzt wieder eine der königlichen Familien, die Badicas. Auch wenn er sich aus dem Amt zurückgezogen hatte, wusste ich, dass er immer noch tödlich war. Seine Heldentaten waren ein Teil meines Lehrplans.

„War … war denn sonst niemand verfügbar?“, fragte ich kleinlaut.

Ich konnte sehen, dass sich Dimitri ein Lächeln verkniff. „Sie packen das schon. Außerdem, wenn Art Ihnen seinen Segen gibt, ist das eine wunderbare Empfehlung für Ihre Akte.“

Art. Dimitri nannte einen der absoluten Götter unter den Wächtern beim Vornamen. Natürlich war Dimitri selbst als Wächter ein beinah absoluter Gott, daher hätte mich das eigentlich nicht überraschen sollen.

Schweigen machte sich breit. Ich biss mir auf die Unterlippe und fragte mich plötzlich, ob ich Arthur Schoenbergs Anforderungen genügen würde. Meine Zensuren waren gut, aber Dinge wie Ausreißen und Raufereien in der Schule konnten durchaus einen Schatten auf die Frage werfen, wie ernst es mir mit meiner künftigen Berufslaufbahn war.

„Sie packen das schon“, wiederholte Dimitri. „Das Gute in Ihrer Akte überwiegt das Schlechte.“

Manchmal war es, als könne er meine Gedanken lesen. Ich lächelte schwach und wagte es, zu ihm hinüberzuspähen. Es war ein Fehler. Ein langer, hagerer Körper, dessen Konturen selbst im Sitzen wahrnehmbar waren. Unergründliche, dunkle Augen. Schulterlanges, braunes Haar, das er im Nacken zusammenband. Dieses Haar fühlte sich an wie Seide. Ich wusste es, weil ich mit den Fingern hindurchgefahren war, als Victor Dashkov uns mit dem Lustzauber belegt hatte. Mit großer Zurückhaltung zwang ich mich, wieder zu atmen, und wandte den Blick ab.

„Danke, Coach“, neckte ich ihn und kuschelte mich wieder in den Sitz.

„Ich bin hier, um zu helfen“, wiederholte er. Sein Tonfall war unbeschwert und entspannt – eine Seltenheit bei ihm. Normalerweise war er stets sprungbereit, auf jeden Angriff gefasst. Wahrscheinlich dachte er, er sei in einem Honda sicher – oder zumindest so sicher, wie er in meiner Nähe nur sein konnte. Ich war nicht die Einzige, die Mühe hatte, die romantische Spannung zwischen uns zu ignorieren.

„Wissen Sie, was wirklich helfen würde?“, fragte ich, ohne ihm in die Augen zu sehen.

„Hmm?“

„Wenn Sie diese bescheuerte Musik ausstellen und etwas auflegen würden, das nach dem Fall der Berliner Mauer rausgekommen ist.“

Dimitri lachte. „Ihr schlechtester Kurs ist Geschichte, trotzdem wissen Sie irgendwie alles über Osteuropa.“

„He, ich brauche schließlich Material für meine Witze, Genosse.“

Immer noch lächelnd suchte er einen anderen Sender und blieb bei einer Countrystation hängen.

„He! Ich hatte eigentlich an was anderes gedacht“, rief ich.

Ich konnte erkennen, dass er wieder drauf und dran war, in Gelächter auszubrechen. „Entscheiden Sie sich. Entweder das eine oder das andere.“

Ich seufzte. „Dann stellen Sie wieder das Zeug aus den Achtzigern ein.“

Er drehte wieder am Rad, und ich verschränkte die Arme vor der Brust, während eine vage europäisch klingende Band etwas darüber sang, dass das Video den Radiostar gekillt habe. Ich wünschte, jemand würde dieses Radio killen.

Plötzlich kamen mir fünf Stunden gar nicht mehr so kurz vor, wie ich gedacht hatte.

Arthur und die Familie, die er beschützte, lebten in einer Kleinstadt an der I-90, nicht weit von Billings entfernt. Die allgemeine Auffassung der Moroi in Bezug auf Orte, an denen man leben konnte, war ziemlich geteilt. Einige Moroi argumentierten, dass große Städte am besten seien, weil sie es Vampiren ermöglichten, in der Menge unterzutauchen; nächtliche Aktivitäten erregten nicht so viel Aufmerksamkeit. Andere Moroi, wie diese Familie, entschieden sich anscheinend für weniger stark bevölkerte Städte, weil sie glaubten, die Wahrscheinlichkeit aufzufallen sei geringer, wenn es weniger Menschen gab, denen man auffallen konnte.

Ich hatte Dimitri dazu überredet, an einem durchgehend geöffneten Restaurant zu halten, um etwas zu essen, und da wir außerdem noch einen Tankstop einlegen mussten, ging es schon gegen Mittag, als wir ankamen. Das Haus war weitläufig angelegt, alles ebenerdig, grau geflecktes Holz und große Erkerfenster – natürlich mit getönten Scheiben, um das Sonnenlicht abzublocken. Es wirkte neu und edel, und auch wenn es mitten im Nichts stand, war es in etwa das, was ich von Mitgliedern einer königlichen Familie erwartet hatte.

Ich sprang ins Freie, und meine Stiefel sanken im glatten Schnee zwei oder drei Zentimeter tief ein und knirschten dann auf dem Kies der Einfahrt. Es war fast windstill, und ein tiefes Schweigen lag über der Landschaft. Dimitri und ich gingen über einen mit Flusskieseln bestreuten Gehweg durch den Vorgarten zum Haus. Ich konnte beobachten, wie er wieder auf Arbeitsmodus umschaltete, dabei aber ebenso gut gelaunt wie ich. Die angenehme Autofahrt hatte uns beide mit einer Art schuldbewusster Befriedigung erfüllt.

Ich rutschte auf dem eisbedeckten Gehweg aus, und Dimitri streckte sofort die Hand aus, um mir Halt zu geben. Einen unheimlichen Augenblick lang hatte ich ein Déjà-vu-Erlebnis, das mich zurück in die erste Nacht trug, in der wir einander begegnet waren, zurück zu dem Augenblick, da er mich vor einem ähnlichen Sturz gerettet hatte. Frostige Temperaturen hin oder her, seine Hand fühlte sich warm an auf meinem Arm, selbst durch die diversen Daunenschichten meines Parkas.

„Alles in Ordnung?“ Zu meinem Verdruss ließ er mich los.

„Ja“, bestätigte ich mit einem anklagenden Blick auf den vereisten Gehweg. „Haben diese Leute noch nie von Streusalz gehört?“

Ich hatte es scherzhaft gemeint, aber Dimitri blieb sofort stehen. Ich tat es ihm gleich. Sein Gesichtsausdruck zeigte jetzt Anspannung und Wachsamkeit. Er drehte den Kopf und ließ den Blick suchend über die weißen Flächen ringsum schweifen, bevor er wieder zum Haus hinübersah. Ich wollte Fragen stellen, aber etwas an seiner Haltung gebot mir Schweigen. Er betrachtete das Gebäude fast eine geschlagene Minute lang, blickte auf den eisigen Gehweg, dann zurück zu der Einfahrt, über der eine Schneedecke lag, die nur von unseren Fußabdrücken durchbrochen wurde.

Vorsichtig näherte er sich der Haustür, und ich folgte ihm. Er blieb wieder stehen, diesmal, um die Tür zu betrachten. Sie stand nicht offen, war aber auch nicht ganz geschlossen. Es sah aus, als hätte jemand sie hastig zugeworfen, ohne darauf zu achten, ob sie wirklich ins Schloss fiel. Eine weitere Untersuchung ergab Kratzer am Rand der Tür, als wäre sie irgendwann einmal aufgebrochen worden. Ein winziger Stoß genügte, und sie öffnete sich. Dimitri fuhr mit den Fingern sachte über die Kante des Türblatts auf der Seite des Schlosses, und sein Atem formte dabei kleine Wolken in der Luft. Als er den Türgriff berührte, klapperte er ein wenig, als sei er zerbrochen.

Schließlich sagte er leise: „Rose, warten Sie im Wagen.“

„Abe…

„Geh!“

Ein einziges Wort – aber eins voller Macht. Mit dieser einen Silbe wurde ich an den Mann erinnert, den ich Leute durch die Luft hatte wirbeln und einen Strigoi pfählen sehen. Ich wich zurück und ging über den schneebedeckten Rasen, statt es noch einmal mit dem Gehweg zu versuchen. Dimitri blieb stehen und rührte sich nicht, bis ich wieder im Wagen saß und die Tür so leise wie möglich schloss. Dann drückte er mit einer kaum merklichen Bewegung die nur angelehnte Tür auf und verschwand im Haus.

Von brennender Neugier erfüllt, zählte ich bis zehn und stieg dann wieder aus dem Wagen.

Ich war nicht so dumm, ihm zu folgen, aber ich musste wissen, was in diesem Haus vorging. Der vernachlässigte Gehweg und die nicht gestreute Einfahrt ließen darauf schließen, dass seit einigen Tagen niemand mehr zu Hause gewesen war, obwohl das natürlich ebenso gut bedeuten konnte, dass die Badicas das Haus überhaupt nie verließen. Es war möglich, nahm ich an, dass sie die Opfer eines gewöhnlichen Einbruchs durch Menschen geworden waren. Es war auch möglich, dass irgendetwas sie verjagt hatte – wie zum Beispiel Strigoi. Ich wusste, dass diese Möglichkeit der Grund war, warum Dimitris Miene so grimmig geworden war, aber mit Arthur Schoenberg als Wächter schien das ein unwahrscheinliches Szenario zu sein.

Während ich in der Einfahrt stand, blickte ich zum Himmel auf. Das Licht war trostlos und wässrig, aber es war da. Mittag. Der höchste Stand der Sonne heute. Im Sonnenlicht würden Strigoi nicht unterwegs sein. Ich brauchte sie also nicht zu fürchten, nur Dimitris Ärger.

Ich ging um die rechte Seite des Hauses herum und geriet in viel tieferen Schnee – fast dreißig Zentimeter tief. Sonst fiel mir nichts Seltsames an dem Haus auf. Von den Dachtraufen hingen Eiszapfen herab, und die getönten Fenster offenbarten keinerlei Geheimnisse. Plötzlich trat ich mit dem Fuß auf etwas Hartes und blickte hinab. Dort, halb vergraben im Schnee, lag ein silberner Pflock. Jemand hatte ihn in den Boden gerammt. Ich hob ihn auf und wischte stirnrunzelnd den Schnee ab. Was hatte ein Pflock hier draußen zu suchen? Silberpfähle waren wertvoll. Sie waren die tödlichste Waffe eines Wächters, imstande, einen Strigoi mit einem einzigen Stoß ins Herz zu töten. Wenn sie geschmiedet wurden, belegten vier Moroi sie mit Magie von jedem der vier Elemente. Ich hatte noch nicht gelernt, einen Silberpflock zu benutzen, aber als ich die Hand um den Griff schloss, fühlte ich mich plötzlich sicherer, während ich meinen Erkundungsgang fortsetzte.

Eine große Terrassentür führte vom hinteren Teil des Hauses auf eine hölzerne Terrasse, auf der man es sich im Sommer sicher gut gehen lassen konnte. Aber das Glas der Terrassentür war zerbrochen, sodass man sich leicht durch das gezackte Loch zwängen konnte. Ich schlich die Terrassenstufen hinauf, wobei ich mich sehr vorsichtig auf dem Eis bewegte, da ich wusste, dass ich ernste Probleme bekommen würde, wenn Dimitri herausfand, was ich da trieb. Trotz der Kälte sickerte mir Schweiß den Nacken hinunter.

Tageslicht, Tageslicht, rief ich mir ins Gedächtnis. Kein Grund zur Sorge.

Als ich auf der Terrasse stand, besah ich mir das dunkle Glas der Tür genauer. Es war nicht zu erkennen, womit es zerbrochen worden war. Direkt hinter der Scheibe war Schnee hineingeweht und hatte sich zu einer kleinen Verwehung auf einem hellblauen Teppich aufgehäuft. Ich zog am Türgriff, aber die Tür ließ sich von außen nicht öffnen. Nicht, dass das bei einem so großen Loch etwas genützt hätte. Sehr vorsichtig, wegen der scharfen Kanten, griff ich durch das gezackte Loch in der Scheibe und öffnete die Tür von innen. Genauso vorsichtig zog ich die Hand wieder zurück und machte die Schiebetür auf. Sie öffnete sich mit einem leichten Schleifen auf ihren Schienen, einem leisen Geräusch, das in der unheimlichen Stille viel zu laut wirkte.

Schließlich trat ich durch den Eingang auf das Fleckchen Sonnenlicht, das durch die offene Tür in den Raum fiel. Meine Augen gewöhnten sich langsam an das schwache Licht. Ein Windstoß fegte über die Terrasse und ließ die Vorhänge um mich herum tanzen. Ich stand in einem Wohnzimmer. Mit allem, was man darin erwarten konnte. Sofas. Fernseher. Einem Schaukelstuhl.

Und einer Leiche.

Es war eine Frau. Sie lag auf dem Rücken vor dem Fernseher, und ihr dunkles Haar hatte sich um sie herum über dem Boden ergossen. Ihre großen Augen starrten leer zur Decke, und ihr Gesicht war blass – selbst für eine Moroi zu blass. Einen Moment lang dachte ich, ihr langes Haar bedecke auch ihren Hals, bis mir klar wurde, dass die Dunkelheit, die ihre Haut überschattete, Blut war – getrocknetes Blut. Jemand hatte ihr die Kehle aufgerissen.

Die grauenvolle Szene war so unwirklich, dass ich zuerst gar nicht wahrhaben wollte, was ich da vor mir sah. In dieser Haltung hätte die Frau durchaus auch schlafen können. Dann bemerkte ich die andere Leiche: einen Mann, der nur wenige Schritte entfernt auf der Seite lag. Dunkles Blut befleckte den Teppich um ihn herum. Eine weitere Leiche hockte in sich zusammengesunken auf dem Sofa: klein, wie ein Kind. Am anderen Ende des Raumes lag noch eine Leiche. Und noch eine. Überall Leichen. Leichen und Blut.

Plötzlich begriff ich das Ausmaß des Todes um mich herum, und mein Herz begann zu hämmern. Nein, nein. Es war unmöglich. Es war Tag. Bei Tageslicht konnten keine schlimmen Dinge geschehen. Ein Schrei formte sich in meiner Kehle, wurde aber jäh erstickt, als sich eine behandschuhte Hand von hinten auf meinen Mund legte. Bevor ich mich wehren konnte, roch ich Dimitris Rasierwasser.

„Warum“, fragte er, „gehorchen Sie niemals? Sie wären jetzt tot, wenn sie noch hier wären.“

Ich konnte nicht antworten, sowohl wegen der Hand auf meinem Mund als auch wegen des Schocks, der sich meiner bemächtigt hatte. Ich hatte einmal jemanden sterben sehen, aber Tod in dieser Größenordnung hatte ich noch nie gesehen. Nach fast einer Minute nahm Dimitri endlich die Hand weg, hielt sich aber weiter dicht hinter mir. Ich wollte nichts mehr sehen, aber ich war außerstande, den Blick von der Szenerie vor mir loszureißen. Überall Leichen. Leichen und Blut.

Schließlich drehte ich mich zu ihm um. „Es ist Tag“, flüsterte ich. „Bei Tag können keine schlimmen Dinge geschehen.“ Ich hörte die Verzweiflung in meiner Stimme, der Stimme eines kleinen Mädchens, das darum flehte, jemand möge ihm sagen, dass alles ein böser Traum sei.

„Schlimme Dinge können jederzeit geschehen“, erwiderte er. „Und dies ist nicht bei Tag passiert. Es ist wahrscheinlich in der Nacht vor zwei Tagen geschehen.“

Ich wagte noch einen Blick auf die Leichen, und mein Magen krampfte sich zusammen. Zwei Tage. Zwei Tage tot dazuliegen, nachdem die eigene Existenz ausgelöscht worden war – ohne dass irgendjemand auf der Welt auch nur ahnte, dass man tot war. Mein Blick fiel auf den Leichnam eines Mannes an einem Durchgang zu einem Flur. Er war hochgewachsen und zu gut gebaut, um ein Moroi zu sein. Dimitri musste aufgefallen sein, in welche Richtung ich schaute.

„Arthur Schoenberg“, sagte er.

Ich starrte auf Arthurs blutige Kehle. „Er ist tot“, murmelte ich, als wäre das nicht vollkommen offensichtlich. „Wie kann er tot sein? Wie konnte ein Strigoi Arthur Schoenberg töten?“ Es schien unmöglich zu sein. Man konnte keine Legende töten.

Dimitri antwortete nicht. Stattdessen ließ er den Arm sinken und schloss die Finger um meine Hand mit dem Pflock. Ich zuckte zusammen.

„Wo haben Sie den her?“, fragte er. Ich löste meinen Griff und überließ ihm den Pflock.

„Von draußen. Er steckte in der Erde.“

Er hielt den Pflock hoch und betrachtete seine Oberfläche, die im Sonnenlicht glänzte. „Damit ist der Zauber durchbrochen worden.“

Mein noch immer benommener Verstand brauchte einen Moment, um zu verdauen, was er gerade gesagt hatte. Dann begriff ich. Zauber waren magische Ringe, die von Moroi gewoben wurden. Wie die Pflöcke wurden sie gemacht, indem man Magie aus allen vier Elementen benutzte. Sie erforderten starke Magiebenutzer, und häufig waren für jedes Element mehrere Moroi vonnöten. Die Zauber konnten Strigoi abwehren, weil Magie erfüllt war von Leben, und Leben besaßen die Strigoi nicht. Aber Zauber verblassten schnell und erforderten eine Menge Wartung. Die meisten Moroi benutzten sie nicht, aber an gewissen Orten wurden sie aufrechterhalten. St. Vladimir war von mehreren Ringen Schutzzaubern umgeben.

Es hatte hier einen Zauber gegeben, aber er war mit Hilfe des Pflocks, den jemand hindurchgetrieben hatte, zerstört worden. Die Magie der Schutzzauberringe und der Silberpfähle war einander entgegengesetzt, und der Pflock hatte gesiegt.

„Strigoi können keine Pflöcke berühren“, stellte ich fest. Ich merkte selbst, dass zu viele meiner Sätze die Worte „können keine“ enthielten. Es war nicht leicht, tief sitzende Überzeugungen in Frage gestellt zu sehen. „Und kein Moroi oder Dhampir würde es tun.“

„Ein Mensch könnte es tun.“

Ich sah ihm in die Augen. „Kein Mensch hilft einem Strigoi …“ Ich brach ab. Wieder dieses Wörtchen „kein“. Der eine Faktor, auf den wir im Kampf gegen Strigoi zählen konnten, waren ihre Beschränkungen – Sonnenlicht, Zauber, Pflockmagie usw. Wir wendeten ihre Schwächen gegen sie an. Wenn sie andere hatten – Menschen –, die ihnen halfen und die diesen Beschränkungen nicht unterlagen …

Dimitris Gesicht war streng, er war immer noch auf alles gefasst, aber in seinen Augen blitzte ein winziger Funke Mitgefühl auf, als er mich meinen geistigen Kampf ausfechten sah.

„Das ändert alles, nicht wahr?“, fragte ich.

„Ja“, antwortete er. „Das tut es.“

2

Dimitri führte ein kurzes Telefonat, und schließlich kreuzte ein richtiges SWAT-Team auf.

Bis dahin vergingen allerdings einige Stunden, und jede Minute des Wartens fühlte sich an wie ein Jahr. Schließlich hielt ich es nicht länger aus und kehrte zum Wagen zurück. Dimitri untersuchte das Haus weiter und setzte sich irgendwann zu mir. Keiner von uns beiden sagte ein Wort, während wir warteten. Vor meinem inneren Auge spulte sich eine Diashow der grauenhaften Bilder im Haus ab. Ich hatte Angst und fühlte mich allein, und ich wünschte, er würde mich in den Arm nehmen oder mich irgendwie trösten.

Sofort rief ich mich zur Ordnung. Ich sagte mir zum tausendsten Mal, dass er mein Lehrer war und dass es nicht seine Aufgabe war, mich im Arm zu halten, ganz gleich in welcher Situation. Außerdem wollte ich stark sein. Ich musste doch nicht jedes Mal, wenn es hart wurde, zu einem Mann laufen.

Als die erste Gruppe von Wächtern erschien, öffnete Dimitri die Wagentür und schaute mich an. „Sie sollten sehen, wie man das macht.“

Ich wollte nichts mehr von diesem Haus sehen, ehrlich, aber ich folgte ihm trotzdem. Diese Wächter waren Fremde für mich, doch Dimitri kannte sie. Er schien immer jeden zu kennen. Die Gruppe war überrascht, eine Novizin am Schauplatz vorzufinden, aber keiner von ihnen protestierte gegen meine Anwesenheit.

Ich schloss mich ihnen an, während sie das Haus untersuchten. Keiner von ihnen berührte irgendetwas, aber sie ließen sich neben den Leichen auf die Knie nieder und studierten die Blutflecken und die zerbrochenen Fenster. Anscheinend waren die Strigoi nicht nur durch die Haustür und die Terrasse ins Haus eingedrungen.

Die Wächter unterhielten sich mit schroffen Stimmen und zeigten nichts von dem Abscheu und der Furcht, die ich empfand. Sie waren wie Maschinen. Eine von ihnen, die einzige Frau der Gruppe, hockte sich neben Arthur Schoenberg. Ich war fasziniert, da weibliche Wächter so selten waren. Ich hatte gehört, dass Dimitri sie Tamara genannt hatte, und ich schätzte sie auf etwa fünfundzwanzig. Ihr Haar erreichte nur knapp ihre Schultern, was für Wächterinnen keineswegs ungewöhnlich war.

Während sie das Gesicht des toten Wächters betrachtete, flackerte Traurigkeit in ihren grauen Augen auf. „Oh, Arthur“, seufzte sie. Wie Dimitri gelang es ihr, mit nur wenigen Worten hundert Dinge auszudrücken. „Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag erleben würde. Er war mein Mentor.“ Mit einem weiteren Seufzer erhob Tamara sich.

Ihr Gesicht war wieder vollkommen geschäftsmäßig, und nichts deutete mehr darauf hin, dass der Mann, der zu ihren Füßen lag, ihr sehr vertraut gewesen war. Ich konnte es nicht fassen. Er war ihr Mentor gewesen. Wie konnte sie sich nur derart beherrschen? Einen halben Herzschlag lang stellte ich mir vor, Dimitri stattdessen tot auf dem Boden liegen zu sehen. Nein. Auf keinen Fall hätte ich an ihrer Stelle ruhig bleiben können. Ich hätte wie eine Wahnsinnige getobt. Ich hätte geschrien und gegen Dinge getreten. Ich hätte jeden geschlagen, der versucht hätte, mir zu sagen, es würde alles wieder gut werden.

Glücklicherweise glaubte ich nicht, dass tatsächlich jemand in der Lage war, Dimitri zu überwältigen. Ich hatte ihn eine Strigoi töten sehen, ohne dass ihm auch nur eine Schweißperle auf der Stirn gestanden hätte. Er war unbesiegbar. Ein Killer von einem Wächter. Ein Gott.

Natürlich war Arthur Schoenberg das auch gewesen.

„Wie konnten sie das tun?“, platzte ich heraus. Sechs Augenpaare wandten sich in meine Richtung. Ich erwartete von Dimitri einen tadelnden Blick für meinen Ausbruch, aber er wirkte lediglich neugierig. „Wie konnten sie ihn töten?“

Tamara, deren Gesicht noch immer gefasst war, zuckte schwach die Achseln. „Auf dieselbe Weise, wie sie alle anderen töten. Er ist sterblich, genau wie wir alle.“

„Ja, aber er ist … Sie wissen schon, Arthur Schoenberg.“

„Sagen Sie es uns, Rose“, forderte Dimitri mich auf. „Sie haben das Haus gesehen. Sagen Sie uns, wie sie es gemacht haben.“

Während mich alle beobachteten, wurde mir plötzlich klar, dass ich mich heute vielleicht doch einer Prüfung unterziehen würde. Ich dachte über das nach, was ich beobachtet und gehört hatte. Dann schluckte ich und versuchte dahinterzukommen, wie das Unmögliche geschehen sein konnte.

„Es gab vier Wege ins Haus, was bedeutet, dass zumindest vier Strigoi beteiligt gewesen sein müssen. Es waren sieben Moroi …“ Die Familie, die hier gelebt hatte, hatte einige andere Personen zu Gast gehabt, was das Massaker noch viel schlimmer gemacht hatte. Drei der Opfer waren Kinder gewesen. „… und drei Wächter. Zu viele, die sie umbringen mussten. Vier Strigoi hätten es nicht mit ihnen aufnehmen können. Sechs hätten es wahrscheinlich geschafft, wenn sie sich zuerst die Wächter vorgenommen und sie überrascht hätten. Die Familie wäre zu verängstigt gewesen, um sich zur Wehr zu setzen.“

„Und wie konnten sie die Wächter überraschen?“, hakte Dimitri nach.

Ich zögerte. Wächter wurden im Allgemeinen nicht überrascht. „Weil die Zauber durchbrochen wurden. In einem Haus ohne Schutzzauber würde nachts wahrscheinlich ein Wächter draußen patrouillieren. Hier aber nicht.“

Ich wartete auf die nächste offensichtliche Frage: Wie waren die Zauber gebrochen worden? Aber Dimitri stellte die Frage nicht. Es war nicht nötig. Wir alle wussten es. Wir hatten den Pflock gesehen. Wieder überlief mich ein Schauder. Menschen, die mit Strigoi arbeiteten – einer großen Gruppe von Strigoi.

Dimitri nickte lediglich zum Zeichen seiner Anerkennung, und die Gruppe setzte ihre Untersuchung fort. Als wir zu einem Badezimmer kamen, wollte ich den Blick abwenden. Ich hatte diesen Raum bereits zuvor mit Dimitri gesehen und verspürte nicht den Wunsch, diese Erfahrung zu wiederholen. Da drin lag ein toter Mann, und sein getrocknetes Blut bildete einen scharfen Kontrast zu den weißen Fliesen. Außerdem lag dieser Raum tiefer im Haus als die übrigen, und es war dort nicht so kalt wie in dem Wohnzimmer mit der zuschlagenden Terrassentür. Der Leichnam roch noch nicht widerwärtig, aber er roch auch nicht mehr ganz richtig.

Doch als ich mich abwenden wollte, bemerkte ich etwas Dunkelrotes – oder eher Braunes – auf dem Spiegel. Es war mir zuvor nicht aufgefallen, weil der Rest der Szene meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht hatte. Auf dem Spiegel stand etwas geschrieben, mit Blut.

Die armen, armen Badicas. Es gibt nur noch so wenige von ihnen. Eine königliche Familie ist fast ausgelöscht. Andere werden folgen.

Tamara schnaubte angewidert und wandte sich vom Spiegel ab, um andere Einzelheiten des Badezimmers in Augenschein zu nehmen. Als wir hinausgingen, spulten sich diese Worte in meinem Kopf noch einmal ab. Eine königliche Familie ist fast ausgelöscht. Andere werden folgen.

Die Badicas waren einer der kleineren königlichen Clans, das stimmte. Dennoch waren diejenigen, die hier getötet worden waren, keineswegs die Letzten von ihnen. Es gab wahrscheinlich noch fast zweihundert Badicas. Damit waren sie nicht so zahlreich wie etwa die Ivashkovs. Diese spezielle königliche Familie war riesig und weit verbreitet. Es gab jedoch erheblich mehr Badicas, als andere königliche Familien Mitglieder zählten.

Wie die Dragomirs.

Lissa war die einzige noch lebende Dragomir.

Wenn die Strigoi königliche Linien auslöschen wollten, gab es keine bessere Chance, als sich Lissa vorzunehmen. Moroi-Blut gab den Strigoi große Macht, daher verstand ich ihr Verlangen danach. Ich nahm an, dass sie deshalb vor allem Jagd auf die Hoheiten machten, weil das ihrer grausamen und sadistischen Natur entsprach. Es war eine Ironie, dass Strigoi den Wunsch hatten, die Moroi-Gesellschaft in Stücke zu reißen, da viele von ihnen einst ein Teil davon gewesen waren.

Der Spiegel und seine Warnung verfolgten mich für den Rest unseres Aufenthalts im Haus, und ich stellte fest, dass meine Furcht und der Schock sich in Wut verwandelten. Wie konnten sie das tun? Wie konnte irgendeine Kreatur so verdreht und böse sein, dass sie das einer Familie antat – dass sie eine ganze Blutlinie auslöschen wollte? Wie konnte irgendeine Kreatur das tun, wenn sie einmal genauso gewesen war wie Lissa und ich?

Und der Gedanke an Lissa – der Gedanke an Strigoi, die auch ihre Familie auslöschen wollten – rief einen dunklen Zorn in mir wach. Die Intensität dieses Gefühls warf mich beinahe um. Es war etwas Schwarzes und Gärendes, etwas Anschwellendes und Brodelndes. Eine Sturmwolke kurz vor dem Bersten. Ich wollte plötzlich jeden Strigoi in Stücke reißen, den ich in die Finger bekommen konnte.

Als ich endlich wieder in den Wagen stieg, um mit Dimitri in die Akademie zurückzufahren, schlug ich die Tür so heftig zu, dass es ein Wunder war, dass sie nicht herausfiel.

Er sah mich überrascht an. „Was ist los?“

„Meinen Sie das ernst?“, rief ich ungläubig. „Wie können Sie das fragen? Sie waren da. Sie haben es gesehen.“

„Allerdings“, stimmte er mir zu. „Aber ich lasse es nicht am Auto aus.“

Ich schnallte mich an und funkelte ihn böse an. „Ich hasse sie. Ich hasse sie alle! Ich wünschte, ich wäre da gewesen. Ich hätte ihnen die Kehlen aufgerissen!“

Ich schrie beinahe. Dimitri sah mich mit ruhiger Miene an, aber mein Ausbruch erstaunte ihn offensichtlich.

„Sie glauben wirklich, was Sie da sagen?“, fragte er mich. „Sie glauben, Sie hätten es besser gemacht als Art Schoenberg, nachdem Sie gesehen haben, was die Strigoi da drin angerichtet haben? Nachdem Sie erlebt haben, was Natalie Ihnen angetan hat?“

Ich stockte. Als Lissas Cousine Natalie zu einer Strigoi geworden war, hatte ich kurz mit ihr gerungen, bevor Dimitri aufgetaucht war, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Selbst als neue Strigoi – schwach und unkoordiniert – hatte sie mich buchstäblich durch die Luft katapultiert.

Ich schloss die Augen und holte tief Luft. Plötzlich kam ich mir dumm vor. Ich hatte gesehen, wozu Strigoi imstande waren. Wenn ich mich impulsiv in den Kampf gestürzt und versucht hätte, die Dinge zum Besseren zu wenden, hätte das lediglich zu meinem schnellen Tod geführt. Ich entwickelte mich zu einer starken Wächterin, aber ich hatte noch eine Menge zu lernen – und ein einziges siebzehn Jahre altes Mädchen hätte sich nicht gegen sechs Strigoi behaupten können.

Ich öffnete die Augen. „Tut mir leid“, sagte ich und riss mich zusammen. Der Zorn, der in mir explodiert war, zerstreute sich jetzt. Ich wusste nicht, woher er gekommen war. Ich hatte einen kurzen Geduldsfaden und handelte häufig impulsiv, aber dies war selbst für meine Verhältnisse sehr intensiv und hässlich gewesen. Geradezu unheimlich.

„Schon gut“, erwiderte Dimitri. Er beugte sich vor und legte für einige Sekunden seine Hand auf meine. Dann zog er sie wieder zurück und ließ den Wagen an. „Es war ein langer Tag. Für uns alle.“

Als wir gegen Mitternacht in die Akademie zurückkehrten, wussten bereits alle über das Massaker Bescheid. Der vampirische Schultag war gerade zu Ende gegangen, und ich hatte seit mehr als vierundzwanzig Stunden nicht mehr geschlafen. Meine Augen waren trüb, ich fühlte mich flau, und Dimitri befahl mir, auf der Stelle in mein Zimmer im Wohnheim zu gehen und ein wenig zu schlafen. Er wirkte natürlich hellwach und bereit, alles in Angriff zu nehmen. Manchmal war ich mir wirklich nicht sicher, ob er überhaupt schlief. Er verschwand, um sich mit anderen Wächtern wegen des Angriffs zu beraten, und ich versprach ihm, schnurstracks ins Bett zu gehen. Stattdessen lenkte ich meine Schritte in Richtung Bibliothek, sobald er außer Sicht war. Ich musste mit Lissa sprechen, und unser Band verriet mir, dass ich sie dort finden würde.

In pechschwarzer Dunkelheit ging ich den steinernen Weg entlang, der den Schulhof von meinem Wohnheim bis zum Hauptgebäude der Oberstufe überquerte. Eine dichte Schneedecke lag auf dem Rasen, aber der Gehweg wurde säuberlich von Eis und Schnee freigehalten. Ich musste an das vernachlässigte Haus der armen Badicas denken.

Das Gebäude war groß und wirkte unheimlich; man hätte es eher für eine mittelalterliche Filmkulisse gehalten als für den Teil einer Schule. Im Innern herrschte die Aura des Geheimnisvoll-Altertümlichen erst recht vor, aber das kunstvolle Mauerwerk und die altehrwürdigen Gemälde mussten sich gegen Computer und Leuchtstoffröhren behaupten. Die moderne Technik hatte auch hier längst Fuß gefasst.

Nachdem ich durch den elektronisch gesicherten Eingang der Bibliothek geschlüpft war, machte ich mich unverzüglich auf den Weg zu einer der hinteren Ecken, wo geografische Werke und Reiseberichte zu finden waren. Und tatsächlich, Lissa saß dort, an ein Bücherregal gelehnt, auf dem Boden.

„He“, sagte sie und blickte von einem offenen Buch auf, das sie auf einem Knie balancierte. Sie strich sich einige helle Strähnen aus dem Gesicht. Ihr Freund Christian lag neben ihr auf dem Boden, den Kopf auf ihr anderes Knie gebettet. Er begrüßte mich mit einem Nicken. Angesichts der Feindseligkeit, die bisweilen zwischen uns aufloderte, kam das beinahe einer stürmischen Umarmung gleich. Trotz ihres schwachen Lächelns konnte ich ihre Anspannung und Furcht spüren, die mir durch das Band entgegenbebten.

„Du hast es gehört“, sagte ich und ließ mich im Schneidersitz nieder.

Ihr Lächeln verrutschte, und das Gefühl von Furcht und Unbehagen in ihr verstärkte sich. Es gefiel mir, dass unsere psychische Verbindung es mir ermöglichte, sie besser zu beschützen, aber eine Verstärkung meiner eigenen aufgewühlten Gefühle brauchte ich eigentlich nicht.

„Es ist schrecklich“, nickte sie mit einem Schaudern. Christian bewegte sich und verschränkte seine Finger mit ihren. Er drückte ihre Hand. Sie drückte zurück. Diese beiden waren so verliebt und zuckersüß miteinander, dass ich mir, nachdem ich mit ihnen zusammen gewesen war, am liebsten sofort die Zähne geputzt hätte. Jetzt waren sie jedoch eher gedämpft, zweifellos dank der Neuigkeiten über das Massaker. „Es heißt … es heißt, es wären sechs oder sieben Strigoi gewesen. Und dass Menschen ihnen geholfen hätten, die Zauber zu durchbrechen.“

Ich lehnte den Kopf an ein Regal. Neuigkeiten verbreiteten sich wirklich schnell. Plötzlich war mir schwindelig. „Das stimmt.“

„Wirklich?“, fragte Christian. „Ich dachte, da wäre einigen lediglich die Fantasie durchgegangen.“

„Nein …“ Plötzlich wurde mir klar, dass niemand wusste, wo ich heute gewesen war. „Ich … ich war da.“

Lissas Augen weiteten sich, und ich spürte, welch ein Schock das für sie war. Selbst Christian – ein Klugscheißer, wie er im Buche stand – blickte grimmig drein. Wenn das Ganze nicht so entsetzlich gewesen wäre, hätte es mich ziemlich befriedigt, ihn dermaßen aus dem Gleichgewicht gebracht zu sehen.

„Du machst Witze“, sagte er mit unsicherer Stimme.

„Ich dachte, du hättest heute deine Qualifikationsprüfung gehabt …“ Lissas Worte verloren sich.

„Das war auch so geplant“, antwortete ich. „Es war nur ein typischer Fall von ‚zur falschen Zeit am falschen Ort‘. Der Wächter, der mich prüfen sollte, lebte dort. Dimitri und ich sind ins Haus gegangen, und da …

Ich konnte nicht weitersprechen. Wieder blitzten vor mir Bilder auf von dem Blut und dem Tod, die das Haus der Badicas erfüllt hatten. Sowohl Lissas Gesicht als auch unser Band verrieten mir ihre Sorge um mich.

„Rose, ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie sanft.

Lissa war meine beste Freundin, aber ich wollte nicht, dass sie erfuhr, wie sehr mich die ganze Sache erschreckt und mitgenommen hatte. Ich wollte grimmig wirken.

„Mir geht es gut“, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

„Wie war es denn?“, erkundigte Christian sich. Aus seiner Stimme sprach Neugier, aber auch Schuldgefühle – als wüsste er, dass es falsch war, mehr über etwas so Grauenhaftes erfahren zu wollen. Er konnte sich die Frage jedoch nicht verkneifen. Mangel an Selbstbeherrschung war eine der Eigenschaften, die wir gemeinsam hatten.

„Es war …“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich will nicht darüber reden.“

Christian wollte protestieren, doch dann strich Lissa mit der Hand durch sein glattes, schwarzes Haar. Der sanfte Tadel brachte ihn zum Schweigen. Einen Augenblick lang herrschte Verlegenheit zwischen uns allen. Ich las Lissas Gedanken und spürte, wie sie verzweifelt nach einem anderen Thema suchte.

„Es heißt, das würde die ganzen Ferienpläne durcheinanderbringen“, sagte sie, nachdem weitere Sekunden verstrichen waren. „Christians Tante wird zu Besuch kommen, aber die meisten Leute wollen nicht reisen, und sie wollen, dass ihre Kinder hierbleiben, wo es sicher ist. Sie haben schreckliche Angst, dass diese Gruppe von Strigoi noch umherstreift.“

Ich hatte noch gar nicht über die Konsequenzen eines solchen Angriffs nachgedacht. In gut einer Woche war Weihnachten. Das bedeutete normalerweise eine gewaltige Reisewelle in der Welt der Moroi.

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