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Vampira - Folge 40

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die dunkle Arche
  4. Leserseite
  5. Leserbild von Roger Szilagyi
  6. Vorschau

 

Die dunkle Arche

von Adrian Doyle

PROLOG

Bericht Lilith Eden

Die Spur führte nach Kairo. Die Spur der Agrippa, jenes magischen Schlüssels, den zu finden mir das LICHT aufgetragen hatte – jene Macht also, der ich meine Existenz und meine Bestimmung verdankte –, führte zu einem Ägypter namens El-Ammein. Er hatte als Letzter die Statue entliehen, in der die Agrippa versteckt gewesen war. Als ich sie daraus hatte bergen wollen, war sie leer gewesen. Was lag näher als zu vermuten, dass jener Gelehrte, El-Ammein, sie an sich genommen hatte.

Doch die vermeintlich heiße Spur war erkaltet.

Zwar fand und verhörte ich El-Ammein im Beisein meiner Freundin Beth, indem meine hypnotische Kraft den Willen des Mannes brach, sodass er mir freimütig alles erzählte, was er wusste. Aber der Agrippa kam ich dadurch keinen Schritt näher.

El-Ammein hatte die Katzenstatue zu Forschungszwecken entliehen, aber offenbar das Geheimfach darin nie entdeckt. Damit verlief, wie ich schon sagte, die Spur, in die ich so große Hoffnung setzte, im Sande. Ein anderer musste das Artefakt entwendet haben.

»Was nun?«, fragte Beth.

Ich überlegte lange – und fasste einen folgenschweren Entschluss. »Du bleibst hier und gehst noch einmal die Liste mit den anderen Entleihern durch. Aber sei vorsichtig, leiste nur Vorarbeit. Wenn ich zurück bin, werden wir uns der vielversprechendsten Kandidaten gemeinsam widmen.«

»Zurück von wo?«

»Aus der Türkei. Wenn überhaupt, finde ich dort Antworten auf bislang ungelöste Fragen. Vielleicht befindet sich das, was ich suche, sogar dort.«

»Wie kommst du darauf?«

»Es steht in enger Verbindung mit den Vampiren. Mit den mächtigsten Vertretern dieser Spezies, den Hütern.«

Jetzt endlich schien Beth zu dämmern, was genau ich vorhatte. »Du willst – zum Ararat?«

Er lächelte kühl. »Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben zum Berge Ararat gehen. Du weißt, was sich darin befindet, irgendwo in seinen Tiefen.«

Als sie zwar nickte, es aber nicht aussprach, übernahm ich es für sie. »Der Dom … der Dunkle Dom der Hüter, von dem Felidae mir berichtete – dort, wo sie einst Landru um den Lilienkelch betrog.«

Nachdem ich Beth eine Unterkunft für die Zeit bis zu meiner Rückkehr verschafft hatte, brach ich unverzüglich auf in das Land, an dessen höchstem Berg, glaubte man der Heiligen Schrift der Menschen, die Arche Noah angelegt haben sollte.

Einst, vor urlanger Zeit …

EINST

Auch dieser zweite Toraustritt war ein überwältigender Akt.

Im ersten Moment glaubte Duncan Luther, wieder im Palast von Amenophis zu stehen. Doch schnell verwarf er diesen Gedanken. Anders als in der Residenz des Pharao dominierte hier schlichte, nackte Rohheit die Ziegelmauern. Jedoch gab es Nischen und Pilaster, von denen die Eintönigkeit etwas unterbrochen wurde.

Luther bewegte sich unsicher. Es gefiel ihm, seine Schritte zu hören. Absonderlicherweise hatte er innerhalb des Korridors große Mühe, an die eigene Lebendigkeit zu glauben. Dies unterstrich, wie gering sein Wissen über die wahre Beschaffenheit des Ganges war.

Denkbar war, dass alle Ausgänge in der Pharaonenzeit endeten. Noch gab es keinen stichhaltigen Beweis, warum die Tore in verschiedene Epochen der Menschheitsgeschichte führen sollten. Ungeklärt war außerdem, ob der Korridor temporäre oder räumliche Ausdehnung besaß. Verlief er linear unter irakischem Boden – oder endete das Räumliche schon unmittelbar jenseits der Schwelle, die sie zu dritt im Wüstensand bei Uruk freigelegt hatten?

Bewegten Romano und er sich entlang einer Irrealität? Waren sie überhaupt im Ägypten des Amenophis IV. gewesen – oder suggerierte dieser unfassbare Korridor ihnen diese Erlebnisse nur?

Was wäre geschehen, wenn Romano und er die Geschichte während ihres Aufenthalts im Pharaonenreich verändert hätten? So krass verändert, dass die Gegenwart, aus der sie aufgebrochen waren, in der ihnen bekannten Form nie zustande gekommen wäre? Sie selbst wären vielleicht nie gezeugt worden, nie mit Lilith zusammengetroffen, nie nach Uruk gegangen. Und hätten nie die Geschichte verändert?

Wahnsinn!

Jemand klatschte heftig in die Hände. Duncan Luther wirbelte erschrocken herum.

»Wie kommst du in mein Haus, Fremder?«, erkundigte sich eine sanfte, fast feminine Stimme.

Die Gestalt, die energischen Schrittes näherkam, war jedoch zweifellos ein Mann. Er trug einen Bart, der sein Gesicht unvorteilhaft verfinsterte und – traute man der Stimme mehr – offenbar falsches Zeugnis über seinen Träger ablegte. Gekleidet war er in eine dunkle Tunika, die von einem reich verzierten Gürtel zusammengehalten wurde. Eine zusätzliche Stoffbahn hing an den Ärmeln des Gewandes herab, und ein reich bestickter, wollener Kopfschmuck bedeckte sein Haupt.

Duncan hatte keine Mühe, den Besitzer des Hauses zu verstehen, was ebenfalls ein Phänomen des Korridors und seiner Ausgänge zu sein schien. Etwas präparierte die Benutzer der Tore für die jeweiligen Gegebenheiten.

»Ich – habe mich verirrt«, sagte Luther rau. »Ich bitte um Verzeihung, denn ich wollte bestimmt nicht –«

»Nein, bestimmt nicht«, fiel ihm sein Gegenüber ins Wort. »Jemanden wie dich habe ich noch nie gesehen. Du musst von sehr weit her kommen.«

Duncan nickte. Dabei hatte er nicht das unbedingte Gefühl, dass seine Geste verstanden wurde. »Ja«, fügte er hinzu. »Ich fühle mich schwach. Vielleicht habe ich Fieber. Ich erinnere mich nicht einmal mehr an den … Namen dieser Stadt.«

»Fieber.« Die Miene des Mannes im Halbdunkel blieb unbewegt. »Ich könnte dir bei der Vertreibung der Dämonen aus deinem Leib dienlich sein«, sagte er schließlich. »Ein enger Freund von mir ist angesehener Geisteraustreiber. Folge mir zunächst in meine privaten Gemächer. Dort können wir über alles reden. Ich bin neugierig, was du zu berichten hast. Du kannst unmöglich allein von so weit hergekommen sein. Seltsam, dass ich nichts von eurer Ankunft erfuhr.«

Duncan Luther spürte, wie sich seine Gedanken allmählich aufklarten und er den Ort, an dem er sich jetzt befand, als Wirklichkeit zu akzeptieren begann – eine unverzichtbare Voraussetzung, um auch damit umgehen zu können.

»Wie heißt du?«, fragte der Hausbesitzer.

»Duncan.«

»Schön, Dang-K’n, nimmst du mein Angebot an? Ich heiße Khorsabad, ich bin ein Händler. Das, was du hier an Reichtum siehst, ist die Frucht harter, entbehrungsvoller Arbeit.« Er wandte sich um und schritt gemessen den Weg zurück, den er gekommen war. Offenbar stellte sich ihm die Frage, ob Dang-K’n ihm folgen würde, überhaupt nicht.

Reichtum. Duncan lächelte matt, fast milde, während sein Blick ein letztes Mal durch den schmucklosen Raum glitt, um sich die Stelle einzuprägen, an der die Torpassage stattgefunden hatte. Dann eilte er Khorsabad hinterher.

»Ich fühle keine Hitze«, sagte Khorsabad, »aber das kann eine Hinterlist des Dämons sein.« Er zog seine Hand von Duncans Stirn zurück. »Du musst trinken. Viel trinken.« Er reichte ihm einen vollen Krug. »Es wird dir guttun und deine Lebensgeister wecken. Mögen sie den Kampf gegen das Fremde in dir aufnehmen, bis mein Freund eintrifft. Ein Bote ist unterwegs.«

Duncan setzte die Lippen an den reich ornamentierten Tonkrug und nahm einen Schluck vom kühlen Nass. Er hatte nie zuvor wohlschmeckenderes Wasser getrunken. Zugleich bedauerte er, dass er überhaupt ein Fieber als Ausrede missbraucht hatte. Khorsabads daraus resultierendes Hilfsangebot klang nicht gerade beruhigend.

»Es geht mir schon besser. Möglicherweise …«, er lächelte zaghaft, »… hatte ich einfach zu viel getrunken.«

»Zu viel getrunken?« Der Händler musterte ihn aus schmalen Augen. »Ich wüsste nicht, was …«

»Ein Rausch«, erläuterte Duncan. »Offenbar kannte ich meine Grenzen nicht.«

Khorsabad starrte ihn schweigend an. Als er in die Hände klatschte, erschien ein eifriger Diener, fast noch ein Kind, der mit glänzenden Augen Früchte in einer Schale brachte und zwischen ihnen auf den Boden stellte.

»Nimm und iss. Stärke dich. Du hast viel zu erzählen. Ich bin ein dankbarer Zuhörer. Mich interessiert die Fremde, in der ich nie war.«

»Führt dich dein Beruf nicht weit herum?«

»Ich handele nur hier im Umkreis der Stadt«, erklärte Khorsabad. »Ich bin sesshaft, ersteigere selbst Ware, die ich mit etwas Zugewinn weiterverkaufe. Aber lass uns von dir reden. Deine Haut, deine Züge, deine Haltung und deine Wortwahl – obgleich du meine Sprache perfekt beherrschst – lassen keinen Zweifel, dass du aus einem mir gänzlich unbekannten Land kommen musst.«

»Ich würde deinen Wissensdurst gern stillen, aber … ich erinnere mich nicht – an gar nichts! Ich weiß nicht einmal, was mit mir geschehen ist. Was mir mein Gedächtnis verschüttet hat.« Er schlug, theatralisch, wie er selbst fand, die Hände vor sein Gesicht und keuchte: »Es tut mir leid!«

Khorsabad schüttelte den Kopf. »Es muss dir nicht leidtun. Deine Worte beweisen nur, dass es schlimmer um dich steht, als du dir selbst eingestehst. Aber dir wird geholfen – ich verspreche es. Du bist ein Heimatloser, solange du deine Heimat nicht einmal kennst. Wie schrecklich. Wie überaus bejammernswert!«

Duncan sah das Blitzen in den Augen des Händlers, und zum ersten Mal fragte er sich, ob dieser nicht eine perfide Art von Katz-und-Maus-Spiel mit ihm betrieb.

Luther wusste immer noch nichts über Ort und Zeit, doch wenn er an seiner Amnesie festhielt, konnte er es wohl wagen, alles zu erfragen.

»Dies ist Uruk, die Strahlende, die unter Anus Schutz steht«, antwortete der Händler auf seine vorsichtige Erkundigung hin. »Wenn du bei Tag aus meinen Fenstern blickst, kannst du zum Euphrat schauen, der diese Stadt dank der Götter zur Blüte brachte. Aber die Götter zürnen. Adad …« Er verstummte, und das Funkeln in seinen dunklen Augen wurde von Furcht abgelöst. Furcht vor etwas völlig Ungewissem, dem er außerdem machtlos gegenüberzustehen schien.

Uruk, dachte Duncan. Ich befinde mich immer noch – oder wieder – in Uruk.

Er warf gar nicht erst die Frage auf, wie der Korridor ihn zuvor im alten Ägypten hatte entlassen können.

»Welcher Priesterkönig herrscht über die Stadt?«, fragte er, in der Hoffnung, aus dem Namen die Zeit ableiten zu können, in der er sich befand.

»Unser König ist Enmergu. Er wird beraten von den Göttern.«

Duncan gestand sich ein, dass er mit diesem Namen wenig oder nichts anfangen konnte. Zwar hatte er von einem Enmerkar gehört, der einer Sage nach auch der Erfinder der Schrift gewesen sein sollte und etwa um 3300 v. Chr. gelebt hatte. Aber diese Namensähnlichkeit mochte purer Zufall sein.

Er probierte von den Früchten, aß ein paar Feigen, die anders – besser – schmeckten als alles, was er in der Gegenwart je unter dieser Bezeichnung gekostet hatte, und wunderte sich, wo sein Heißhunger geblieben war – der eigentliche Anlass, sich der Ungewissheit jenseits eines der Tore erneut auszuliefern.

Nach einigen Bissen versuchte er Khorsabad weitere Informationen zu entlocken. Der Händler wehrte freundlich, jedoch mit Nachdruck ab.

»Du solltest etwas ausruhen, Dang-K’n«, empfahl er. »Offenbar verzögert sich Endemars Ankunft. Ich werde dir ein Schlafgemach herrichten lassen und einen Diener zur Seite stellen, der dir jeden Wunsch erfüllt. In einer Stunde graut der Morgen, und niemand weiß, was er uns bringen wird. Aber ich danke dieser Nacht, dass sie mir einen Freund geschenkt hat.« Er klatschte dreimal rasch hintereinander in die Hände, worauf nicht der erwartete kindliche Diener wieder erschien, sondern ein athletischer Kraftprotz, der Duncan mindestens um Haupteslänge überragte und der sich demütig vor ihm verbeugte. Unter der nackten Haut seines Oberkörpers spannte sich ein kaum überblickbares Muskelgeflecht, das imstande schien, selbst die metallenen Armreifen zu sprengen.

Der Blick dieses Dieners war stoisch, fast schläfrig. Aber diese Art Schläfrigkeit glaubte Luther von gefährlichen Raubkatzen zu kennen.

»Danke für das angebotene Lager«, sagte er, an Khorsabad gerichtet. »Aber du brauchst deine Diener vielleicht nötiger als ich.«

Der Händler lächelte. »Ich kenne die Rechte des Gastes. Der Stumme steht zu deiner Verfügung. Er ist sehr zuverlässig und nicht aufdringlich. Wenn du ihn nicht benötigst, wirst du ihn kaum wahrnehmen. Und wenn du, statt zu ruhen, lieber Zerstreuung suchst, kann ich dir auch eine Hure kommen lassen, Mädchen oder Junge, du musste es nur sagen, Dang-K’n, mein Freund.«

GEGENWART – TÜRKEI

Es war wie ein kalter Sog, in den ich geriet, je höher ich auf ledernen Schwingen in die stumme Nacht hinaufstieg. Näher und näher kam der schneebedeckte Gipfel. Noch vor ein, zwei Jahrhunderten hätte es kaum jemand gewagt, diesen Berg zu ersteigen – war er doch ein in vielen Bereichen den Blicken entzogener, sagenumwobener Ort gewesen.

Im Dunkel der Nacht erreichte ich jene Öffnung in der südlichen Flanke des Berges, die schon Felidae vor mehr als zweieinhalb Jahrhunderten benutzt hatte. Sie war gerade groß genug, um mich ungehindert in meiner Fledermausgestalt eindringen zu lassen.

Dahinter verstärkte sich sofort der unerklärliche »Magnetismus«, der mich schon draußen im Flug wie ein Peilstrahl eingefangen hatte und mir als verlässlicher Lotse diente. Nach kurzem waagerechten Verlauf fiel der enge Schacht unvermittelt fast senkrecht in die Tiefe ab, und ich erreichte jenes domartige Gewölbe, in dem nichts anderes als ein eherner, kubusförmiger Altar stand – ein Klotz, von dessen Platte einst der Lilienkelch gestohlen worden war.

Ich fand alles, wie ich es in Sydney durch Felidaes Augen erblickt hatte: Ein finsteres, höhlenartiges Reich, wie dem Kegel eines Vulkans nachempfunden. Viele Gänge führten – aus dem Bergesinnern heraus – hierher.

Als ich mich zurückverwandelte, bemächtigte sich die besondere Atmosphäre dieses Ortes meiner. Wie ein Schlag ging es durch Körper und Seele. Und dann, ehe ich Umschau halten konnte, krümmte ich mich unter einem lange nicht mehr verspürten, ganz charakteristischen Schmerz:

Tausend nadelspitze, widerhakende Zähne bissen sich in meine Haut. Für einen Wimpernschlag senkte sich etwas dem Tode Ähnliches über mich!

Der Symbiont!

Ganz offenbar setzte der Dom auch dem Mimikrywesen zu, das sich reflexartig zusammenzog und jeden meiner Atemzüge zur Qual machte. Meine Versuche, beruhigend auf den Symbionten einzuwirken, fruchteten erst nach einer guten Weile. Dann aber lockerte sich das Band um meine Brust wieder.

Ich atmete befreit durch.

Leicht benommen setzte ich Fuß vor Fuß und begann meine Suche. Keiner meiner Schritte erzeugte einen Klang, und so verlor ich bald jedes Gefühl für meine Umgebung. Diesem geheimen Ort haftete Unmögliches an, und mein (vielleicht zu unreifer) Verstand kam nicht damit zurecht.

Die Agrippa … Ich wollte die Agrippa finden und damit unverzüglich nach Ägypten zurückkehren, Beth in ihrem Kairoer Quartier abholen und dann …

Wollte ich das? Was war meine Bestimmung? Hatte ich nie mehr als ein gehorsames Werkzeug ohne eigene Interessen werden sollen?

Plötzlich war ich überzeugt, dass – wenn es einen solchen Ort überhaupt gab – ich hier die Antworten auf alle offenen Fragen um meine Aufgabe, den Sinn und den Zweck meiner Existenz erhalten konnte.

»Ist hier jemand?«

Meine Stimme gab mir Halt. Nirgends war auch nur eine einzige Menschenseele zu entdecken, obwohl meine Augen die Dunkelheit mühelos durchdrangen. Alle Gänge, die ins Felsmassiv hineinführten, waren verschlossen von etwas, das wie geronnene Schwärze aussah, und davon ausgenommen waren nur die beiden Schächte, durch die einst Landru und Felidae ihren »Geburtskammern« entschlüpft waren.

Auch hinter den versiegelten Toren mussten solche Kammern liegen, und in jeder von ihnen …

Aber etwas war anders als erwartet: Von den Schluchten und Abgründen, über denen sich einst Felidaes mörderischer Kampf mit Landru abgespielt hatte, war nirgends auch nur die geringste Spur zu entdecken.

Der Boden, auf dem ich stand, war makellos glatt und bot den Schritten sicheren Halt.

Mein Ruf blieb unerwidert, und ich lief, um endlich die Initiative zu ergreifen, auf einen der Stollen zu, vor dem sich eine pechschwarze Barriere erhob. Ich berührte sie und empfand … nichts. Es war, als gäbe es das Hindernis gar nicht, jedenfalls nicht fühlbar, und doch kamen meine Hände nicht über den Punkt hinaus, wo die kompakte Schwärze begann!

Es war aussichtslos. Niemand hatte mir erklärt, wie die Tore zu öffnen waren. Die Verschlüsse hielten seit Jahrtausenden. Offenbar hatten nicht einmal Landru oder Felidae sie überwinden können.

Mein schweifender Blick fand nichts, von dem ich hätte glauben können, es handele sich vielleicht um die Agrippa, die zu finden eine vage Hoffnung mich hierher getrieben hatte – weil ich ohne sie nicht den Korridor nahe Uruk betreten durfte. Als einzige Erhebung innerhalb des Doms gab es den Altarstein – und dieser war leer.

Wo anders als hinter einem der unzugänglichen Tore sollte der geheimnisvolle Schlüssel also liegen?

»Ver-dammt!« Ich hieb mit der bloßen Faust gegen die Sperre.

Sinnlos.

Im selben Moment kam mir die Idee, wie ich wenigstens hinter die Kulissen blicken konnte. Ich erweckte das Tattoo. Aber ich scheute davor zurück, den Scout direkt durch die Schwärze des Tores zu lenken. Doch dann erwies sich der scheinbar natürlich gewachsene Fels daneben als undurchlässig, woraufhin ich den Schemen nun doch zu der geronnenen Schwärze steuerte.

Ein tödlicher Fehler!

Auch der Scout scheiterte an der Barriere. Wie in einem klebrigen Spinnennetz blieb er in dem Vorhang stecken. Ich konnte ihn weder zurückrufen noch weiterbewegen. Stattdessen wankte ich unter einem jähen Schwächeanfall. Mir war, als saugte die Schwärze über den Scout alle Kraft aus mir heraus – alle Vitalität und Lebensenergie.

Der Fledermaus-Schemen hing zum Greifen nah vor mir, aber ich vermochte nicht einmal mehr einen Arm zu heben. Ich meinte zu spüren, wie sich die imaginären Zähne des Symbionten noch tiefer in mein Fleisch bissen, und vor mir begann die lebende Tätowierung im Takt meines erlahmenden Herzens zu pulsieren. Mit jedem Schlag wurde der Scout durchscheinender, und als es aussah, als würde er von der Schwärze völlig erstickt und zum Erlöschen gebracht, glaubte auch ich mich dem Tode nah.

Doch dann – erlosch nicht das Tattoo und auch nicht ich, sondern der Vorhang vor dem Stollen, und wie ein Blitz zuckte der darin gefesselte Schemen zurück in meine offene Hand! Und alles, was der Bruch der Barriere an Kraft erfordert hatte, kehrte mit ihm in mich zurück. Ich bäumte mich auf, straffte mich. Die Schwäche verflog.

Ich betrat den Gang, der nach kurzer Strecke vor einer Tür endete, die sich kaum von dem umgebenden Fels unterschied, aber mühelos zu öffnen war.

Dahinter wartete ein … erwachsener Embryo. Ein jungfräuliches Wesen, schlafend, wie es schien. Zwischen seinen leicht gespreizten Beinen lag ein falsches Gesicht, eine Maske aus Fleisch und Blut, anders strukturiert als das Gesicht des Schläfers, der asexuell auf mich wirkte, obwohl er Geschlechtsmerkmale besaß.

Ein seltsam zeitloser Mann lag vor mir. Ich bemühte mich nicht, sein Alter zu schätzen, denn es hätte nichts über die wahre Zahl von Jahren ausgesagt, die er bereits in dieser Stasiskammer wartete – auf ein Signal, das nie mehr erfolgen würde, denn die Linie der Hüter, die einander alle tausend Jahre ablösten, war unterbrochen.

Schuld daran war nicht Landru – wie er es einmal selbst von sich geglaubt hatte.

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