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Vampira - Folge 39

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Liliths Opfer
  4. Leserseite
  5. Leserbild von Roger Szilagyi
  6. Vorschau

 

Liliths Opfer

von Adrian Doyle

Ich bin viele.

Ich trage viele Namen und mehr als ein Gesicht. Dreimal gestorben, dreimal wiedergeboren. Jedes Mal neu, jedes Mal anders.

Nun bin ich, was ich nie sein wollte. Und tue, was getan werden muss.

Ich vollende das Unvollendete. Ich folge den Fährten derer, die mich anziehen wie ein Magnet das Eisen.

Ich komme! Ich bin unterwegs! Ihr, die es betrifft: Ordnet eure Angelegenheiten, nehmt Abschied von den Euren.

Ich bin viele, und nichts kann mich stoppen …

Sydney

Er legte sich um zwei Uhr in der Nacht zum Schlafen …

… und wachte nach anderthalb Stunden, um 3:33 Uhr, wieder auf.

Zitternd. In Schweiß gebadet.

Zuerst glaubte er, die Anzeige des elektrischen Weckers würde ihn irreführen. Aber als er seine Armbanduhr aus der Nachttischlade holte und das Licht anknipste, zeigten auch deren Zeiger diese Zeit an.

Der hagere Mann zitterte heftiger. Die Angst, die ihn befiel, hatte keinen Namen, aber er spürte untrüglich, dass es Gründe dafür gab.

Einen kannte er: In den drei Wochen, die er jetzt hier wohnte, war etwas Seltsames mit ihm geschehen. Von der ersten Nacht in den neuen Wänden an hatte er nicht mehr als drei Stunden Schlaf benötigt!

Was vielleicht noch absurder war: Er ging seither auf die Minute pünktlich um zwei Uhr jede Nacht zu Bett … und wurde ebenso pünktlich um fünf Uhr früh wieder wach!

Beim bloßen Gedanken daran begann Rupert Sudden zu frieren. Sein Zittern wurde zu Schüttelfrost. In den Kammern seines Herzens schienen sich Eiszapfen zu bilden.

Schließlich warf er die Decke zur Seite, schwang sich über den Bettrand und machte ein paar unbeholfene Schritte.

Schwäche überkam ihn, und er musste sich gegen die Wand stützen. Ihm war etwas schwindelig. In seiner Brust schien eine Flamme zu versuchen, die froststarren Gebiete seines Körpers zu erobern, um ihnen Wärme zu spenden. Aber etwas, das sich als stärker erwies, blies das Feuer aus.

Sudden krümmte sich unter dem plötzlichen Gefühl, seine Eingeweide wollten aus ihm hervorbrechen.

Abracadabra, wisperte es in seinem Bewusstsein.

Das Wort brachte seinen Schädelknochen zum Knirschen. Sudden schrie gepeinigt auf. Im selben Moment ließ der Druck etwas nach. Der Hausmeister schaute sich mit weit aufgerissenen Augen in seinem Schlafzimmer nach dem Verursacher der Qual und des Flüsterns um.

Es war niemand da. Er war immer noch allein, natürlich. Wie immer.

Betroffen stützte er sich mit beiden Fäusten gegen die Wandtapete ab. Es schockte ihn, gerade jetzt daran denken zu müssen, wie seine Mutter sich wenige Tage nach seiner Geburt die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Er hatte erst davon erfahren, als er fünfzehn gewesen war. »Wochenbettdepressionen« hatte seine Tante, die ihn großgezogen hatte, ihm erklärt.

Auch seinen leiblichen Vater hatte er nie kennengelernt. Vielleicht hatte nicht einmal seine Mutter sicher gewusst, wer dafür in Frage kam …

Nach und nach hatte Sudden weitere entwürdigende Auskünfte über den zweifelhaften Lebenswandel seiner Mutter erhalten. Sie sollte schon immer nicht ganz richtig im Oberstübchen gewesen sein. Schon immer etwas mannstoll …

Seit Sudden mit seinem eigenen abnormen Verhalten konfrontiert wurde, keimte die Befürchtung in ihm, es könnten die Vorboten eigenen Wahns sein, der in ihm erwachte.

Abracadabr.

Begonnen hatte es mit seiner Suche nach einer neuen Arbeitsstelle. Zufällig war er an diesem Neubau in der Paddington Street vorbeigekommen und hatte sich gedacht, dass für ein solches Gebäude sicher ein Hauswart gebraucht würde.

Überraschenderweise erhielt er auf seine Bewerbung an die zuständige Firma umgehend die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch – und wenige Stunden später war ihm der Job sicher.

Sudden schüttelte heute noch den Kopf, wie unkompliziert Salem Enterprises ihn behandelt hatte. Zum ersten und seither auch letzten Mal hatte er sich wieder wie ein Mensch und nicht wie ein bedeutungsloses Stück Abfall gefühlt.

Dafür waren andere, beunruhigende Dinge ins Rollen gekommen …

Abracadab.

Sudden löste die Hände von der Wand und presste sie, zu Fäusten geballt, gegen seine Schläfen. Ebenso plötzlich, wie er gekommen war, verschwand der Druck in seinem Schädel. Sudden schüttelte sich ein letztes Mal wie ein regennasser Hund.

Dann griff er zu seinen vor dem Schlafengehen abgelegten Sachen, Unterwäsche, Arbeitsoverall und Schuhe, und kleidete sich vollständig an. Anschließend versorgte er sich mit allem, was er eventuell zu benötigen glaubte: sein Handy, eine Stablampe und ein Stück Kreide.

All dies verstaute er in den Beintaschen des Overalls und verließ seine Dienstwohnung im Erdgeschoss des zwölfstöckigen Wohn- und Geschäftshauses, das außer ihm noch kein Mensch bewohnte. Es war in Rekordzeit aus dem Boden gestampft worden, und irgendetwas Außergewöhnliches haftete ihm an. Sudden konnte es nicht in die richtigen Worte fassen. Tatsache war, dass er sich noch in keinem anderen Haus mit ähnlich bedrückender Atmosphäre bewegt hatte.

Abracada.

Sudden verwarf die Gedanken, die ihn bei Verlassen seiner Wohnung beschlichen. Er schaltete die Korridorbeleuchtung an und registrierte mit Erleichterung, dass sie funktionierte.

Das Dunkel wich.

Außer den Geräuschen, die Sudden selbst verursachte, war es totenstill im Gebäude, und der Hausmeister fragte sich mit erneut aufflammender Sorge, was in dieser Nacht seinen Drei-Stunden-Schlaf unterbrochen hatte und warum er eigentlich diesen außerplanmäßigen Inspektionsgang unternahm.

Er fand keine Antworten darauf.

Es war, als könnte er sich selbst beobachten, wie er das Erdgeschoss durchquerte und einem unsichtbaren Faden zu der Treppe folgte, die hinunter in den Keller hinabführte.

Auch hier machte er Licht. Doch die Schatten schienen zögernder zu weichen.

Die Sohlen seiner groben Schuhe hallten auf Marmorstufen. Wer hier einmal einzog, musste begütert sein. Sudden hatte sich interessehalber nach den Mietpreisen erkundigt; eine Antwort hatte man geschickt umgangen. Aber er brauchte sich nur umzublicken, dann wusste er, dass hier niemand seines Schlags würde einziehen können.

Büros und Apartments waren vom Feinsten. In der Tiefgarage, zu der Sudden jetzt unterwegs war, gab es jeder Wohnung zugeteilte Autoabstellplätze und einen separaten Abschnitt für Geschäftskunden. Dieser Bereich würde in Zukunft Suddens Hauptaugenmerk erfordern.

In Zukunft …

Abracad.

Sudden taumelte und fing einen Sturz gerade noch ab, indem er nach dem Geländerlauf griff.

Die Kühle des Metalls durchdrang seine Haut. Sudden atmete keuchend. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren. Sein Herz hämmerte, wie aus dem Takt geraten, und ihm wurde schlecht.

Ein Herzinfarkt? Hatte er die Warnzeichen missdeutet?

Auch wenn er noch nie Herz- oder Kreislaufprobleme gehabt hatte, konnte es einen wie ihn jederzeit treffen; einen, der viel rauchte, gern über den Durst trank und dessen sportliche Betätigung sich auf den Konsum entsprechender Fernsehübertragungen beschränkte.

Die Klammer in seiner Brust sprang wieder auf. Sudden atmete befreiter. Er wollte umkehren und notfalls eine Ambulanz alarmieren …

… und stakste stattdessen weiter die Treppe hinunter!

Er konnte gar nicht anders. Noch stärker als zuvor hatte er den Eindruck, gelenkt zu werden. Er litt mit der Verzweiflung eines Beobachters, der dabei zusah, wie ein anderer sehenden Auges in sein Unglück lief.

Aber es war ihm unmöglich, sich selbst zu stoppen.

Abraca.

Am Ende der Treppe schloss er die Metalltür mit einem der Schlüssel von seinem Gürtelbund auf und trat in das Gewölbe der nur von Stützpfeilern unterbrochenen Garage. Hinter ihm fiel die Tür wieder ins Schloss.

Ein gähnender, finsterer Schlund verschlang ihn, als die Deckenbeleuchtung aus einem unerfindlichen Grund plötzlich erlosch.

Sudden erstarrte. Dann zog er mit zitternden Fingern die Stablampe hervor. Sie funktionierte nicht auf Anhieb. Erst nach mehreren Versuchen streute sie vages Licht in die Schwärze.

Ohne es verhindern zu können, setzte der Hausmeister seinen Weg fort.

Abrac.

Wieder wankte Sudden unter dem Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Nur mit äußerster Anstrengung konnte er das Gleichgewicht wahren.

Nach einer Weile ging das, was er als Anfall empfand, wieder vorbei. Aber das Empfinden, der Beton unter seinen Schuhen würde sich ihm bei jedem Schritt entgegenwölben, blieb.

Abra.

Tastend, als suchten seine Beine ohne sein Zutun eine bestimmte Stelle innerhalb der Tiefgarage, bewegte sich Sudden weiter. Der Lampenschein drang nicht sehr weit in die Dunkelheit vor, aber irgendwann wurde er von einem der mächtigen, dunkel gestrichenen Tragpfeiler reflektiert.

Sudden blieb stehen. Das Gefühl, das ihn jetzt durchströmte, war noch unfassbarer als alles Vorangegangene. Als wäre er nach langer Irrfahrt endlich wieder nach Hause zurückgekehrt. An den Ort seines Ursprungs, wo seine Wurzeln lagen.

Aber das war objektiv falsch! Sudden stammte nicht von hier; nicht einmal aus Sydney. Er war auf der abgelegenen Outback-Station seiner Verwandten aufgewachsen …

Abr.

Zitternd stellte er die Lampe senkrecht auf den Boden, sodass das Licht nach oben schien und ihn kurz blendete. Dann kramte er in seinen Taschen nach dem, was er brauchte.

Als er das Handy berührte, versuchte etwas, seine Absicht zu durchkreuzen.

Nimm mich! schien es zu schreien. Verständige die, die dir geholfen haben, von der Straße wegzukommen! Du schuldest es ihnen! Loyalität … Du bist hier, um sie zu WARNEN! – – –

Suddens Muskulatur verhärtete. Nach Sekunden erst überwand er den Zweispalt. Er zog das Handy hervor, holte aus und schmetterte es mit Wucht auf den Boden vor sich. Es zerplatzte in seine zerbrechlichsten Bestandteile.

Ab.

Voller Befriedigung (?) nahm er nun das, was wichtiger war als die Loyalität gegenüber Salem Enterprises.

Die Kreide.

Er bückte sich vor dem Pfeiler und malte mit bebender Hand einen Buchstaben auf die glatt verputzte Fläche, wo sie an den Boden angrenzte.

A.

Darüber begann er eine neue Zeile, und darüber eine weitere. Mit jeder neuen Reihe durchflutete ihn ein stärkerer Schauder.

Als er sich wieder fast aufgerichtet hatte, vollendete er die letzte Zeile, und im Zurückweichen heftete sich sein Blick auf die kopfstehende Buchstabenpyramide, die er auf den Beton gemalt hatte:

ABRACADABRA

ABRACADABR

ABRACADAB

ABRACADA

ABRACAD

ABRACA

ABRAC

ABRA

ABR

AB

A

Es war die letzte friedliche Wahrnehmung, bevor der Pfeiler mit ohrenbetäubendem Krachen zerbarst. Trümmer prasselten auf Sudden herab. Er warf noch die Arme hoch, konnte aber nicht verhindern, dass Metall- und Steinsplitter seine Kleidung durchbohrten und das darunterliegende Fleisch zerfetzten. Blutüberströmt sank er in die Knie.

Absurderweise hatte die Lampe keinen Schaden genommen. Sie brannte immer noch, sodass er sehen konnte, was da aus dem Bauch der Erde kroch.

Suddens Schrei erstickte im Blut, das seine Kehle füllte. Dann hatte das, was er wider Willen freigesetzt hatte, ihn erreicht …

Herak nannte sich nicht länger nach seinem Vorgänger Hora II., was nur die Erinnerungen an den Gründer der Sydneyer Sippe wachgehalten hätte.

Es wagte ohnehin niemand mehr, ihm seine Stellung als neues Oberhaupt streitig zu machen, seit er eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, welches Ideenpotential in ihm steckte.

Er war ein Führer mit Visionen. Salem Enterprises war von ihm als Grundlage für sein höchstes Streben aufgebaut worden, und nun, ein knappes Jahr später, stand er kurz vor dem totalen Triumph:

Der seit mehr als zweieinhalb Jahrhunderten schmerzlich vermisste Lilienkelch – das Fortpflanzungsinstrument seiner Rasse – würde bald verzichtbar sein. Es würde einfach umgangen werden, um neues, vampirisches Leben aus der Wiege zu heben …

Daran dachte er jedoch nicht, während er sich auf dem Bildschirm in seinem Büro über ein Ereignis informierte, das von elementarer Bedeutung für seine Sippe sein konnte. Es war kein offizieller Kanal, der die Bilder übertrug; sie kamen von einer Kassette, die ihm ein Angehöriger seiner »schnellen Eingreiftruppe« überreicht hatte. Kein Sippenmitglied, nicht einmal eine Dienerkreatur, sondern einfach nur ein hypnotisch dauerhaft konditionierter Mensch mit außergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten.

Ein Elitesoldat, der selbst nicht von dem zehrte, was ein Angehöriger der Alten Rasse unabdingbar zum Genuss und Überleben brauchte.

Je länger Herak die Aufzeichnung betrachtete, die von einem Ort stammte, den er selbst nicht betreten konnte, ohne sich größter Qual auszusetzen, desto eindringlicher fragte er sich, ob er nicht doch zu wenig getan hatte, um das Geschehene zu verhindern.

Das Betonfundament des zwölfstöckigen Neubaus in der Paddington Street war von den Arbeitern nicht einfach aus einer Mixtur von Wasser, Zement, Kies und Flechtgittern hergestellt worden. Ein hoher Priester hatte unter Hypnosezwang das Wasser vorher gesegnet. Das jetzige Gebäude umfasste die gesamte frühere Fläche des Grundstücks Nummer 333 und war von Herak in Auftrag gegeben worden, um künftige Übergriffe aus dem Boden, auf dem Lilith das Licht der Welt erblickt hatte, einzudämmen. Ihr Geburtshaus war längst abgetragen und eingeebnet worden. Aber auch danach hatten die unseligen Einflüsse nicht aufgehört.

Herak erinnerte sich genau an den Garten der Dämmerung, der dort gewuchert hatte und dessen Bedeutung bis heute unklar geblieben war. Geoff Molyneux, eine beauftragte Dienerkreatur, hatte die sichergestellten, teilweise unbekannten, teilweise längst nicht mehr auf der Erde verbreiteten Pflanzen in seinem Botanischen Institut untersuchen sollen. Aber ein nächtlicher Großbrand hatte nicht nur ihn, sondern auch alle Gewächse getilgt.

Und nun starrte Herak auf den Krater, der im Keller des Hochhauses in der Paddington Street nach einer gewaltigen Eruption aus dem Untergrund entstanden war …

»Was hat ihn umgebracht?«, fragte Herak, als das Kameraauge sich auf Rupert Sudden richtete, der so präpariert gewesen war, dass er die geringste ungewöhnliche Veränderung innerhalb des Gebäudes sofort hätte melden müssen. Er hatte es nicht getan, sondern es vorgezogen zu sterben.

»Die offensichtlichen Verletzungen«, antwortete eine starrgesichtige Gestalt, die bisher wortlos neben Heraks Schreibtisch gestanden hatte. Auf ihrer uniformartigen Kleidung prangte die Zahl 1, was gleichzeitig ihre Bezeichnung war, denn Herak befand keinen ihm unterstellten Menschen, der nicht einmal den Keim trug, für wert, einen Namen zu tragen.

»Mehr nicht?«

»Nein. Offenbar wurde er von einem der Splitter des auseinandergesprengten Pfeilers so unglücklich getroffen, dass er innerlich und äußerlich verblutete.«

Herak nickte mechanisch, gab sich aber nicht wirklich damit zufrieden. »Sein Gesicht«, sagte er. »Die Augen … Sie vermitteln den Eindruck, als hätte er etwas unvorstellbar Grauenhaftes erblickt, bevor der Tod ihn ereilte.«

»Darüber konnten keine Erkenntnisse gewonnen werden«, versicherte der Erste seiner Soldaten emotionslos. »Aber wir haben, wie ihr befohlen habt, den geborstenen Pfeiler rekonstruiert.«

»Und?«

Eins zog Bilder aus einer mitgebrachten Mappe und legte sie vor Herak auf den Tisch. Es waren gestochen scharfe Schwarzweißaufnahmen. »An Suddens rechter Hand fanden sich Kreidespuren. Zunächst war nicht klar, warum …«

»Darum«, sagte Herak. Er blickte einigermaßen fasziniert auf die Buchstabenpyramide, die ein Bildausschnitt der wie ein Puzzle zusammengesetzten Säule preisgab. »Abracadabra …«, las er zunächst die oberste Zeile von links nach rechts, und dann noch einmal von der unteren Spitze der Pyramide diagonal nach rechts oben. Beide Male entstand das gleiche hebräische Wort: »Abracadabra – Energie …« Das Vampiroberhaupt schüttelte ungläubig den Kopf. »Offensichtlich hat unser Mann, hat Sudden diese Formel niedergeschrieben …«

»Alles deutet darauf hin«, bestätigte Eins.

»Und es gibt keinen Hinweis, was mit seiner Hilfe befreit wurde?«

»Keinen. Es gibt nicht einmal Anzeichen, dass dem Krater überhaupt etwas entwich.«

Herak lachte heiser und wischte die Bilder vom Tisch. Sie flatterten zu Boden, und Eins bückte sich sofort danach. Herak sah ihm voller Verachtung zu. Er musste sich zügeln, um seinem Zorn nicht freien Lauf zu lassen.

»Natürlich ist etwas entwichen!«, presste er hervor und war sicher, dass sie über kurz oder lang erfahren würden, worum es sich dabei handelte.

Die Frage blieb, ob sie es finden würden, bevor es sie fand …

Sydney

Die alte Frau lag erschlagen in der Küche ihrer kleinen Wohnung, und im Wohnzimmer kiffte sich ihr Mördertrio zu.

»Verdammt miese Ausbeute!«, klagte der Schmächtigste von ihnen, Duke. Der leicht erregbare Earl lallte einen kaum wiederzuerkennenden, uralten Schlager, als müsste er sich damit beruhigen, und King, ihr Anführer, zappte desinteressiert von einem Fernsehkanal auf den anderen.

Über Sessel und Sofa verteilt, kreuzten sich ihre Beine sternförmig auf dem niedrigen Tisch, wo die umgefallene Vase und herausgepurzelte, verstaubte Plastikblumen ein jäh und brutal zerstörtes Idyll markierten.

Süßlicher Duft und unter der Decke schwebende Rauchschwaden verrieten, was der Höllenadel paffte.

Sie hatten es nicht eilig. Ihr Verstand dräute wie eine langsame Dampflok dahin.

»Warum musst du immer gleich zustechen?«, brachte King einen Vorwurf gegen Earl vor. »Hättest du sie noch etwas leben lassen, hätte sie uns bedienen können …!«

Earl kratzte sich im Nacken und nickte schließlich einsichtig. »Sorry, kam einfach über mich.«

»Meint ihr, dass wir mit dem Sparbuch was anfangen können?«, warf Duke ein, der schon die ganze Zeit in den seitenlang verteilten Zahlenkolonnen blätterte. »Is ja nich viel, aber selbst dieses bisschen wird man uns bestimmt nich auszahlen. Wir bräuchten ’ne – wie heißt das in den Filmen immer? – Strohfrau, oder sowas …«

»Stroh hast du im Kopf, Idiot!«, grinste King und verweilte ein paar Sekunden auf einem Sender, der seinem voyeuristischen Publikum knackig junge, nackte weibliche Haut bot.

Aber selbst das langweilte ihn, und er schaltete auf einen Kanal, der einen Schwergewichtsboxkampf übertrug.

»Poff!«, rief er begeistert, als ein linker Haken die Lippen des Getroffenen aufplatzen ließ, und der Zuschauer in Zeitlupe verfolgen durfte, wie Blut und Schweiß durch die Luft spritzten. »Und jetzt gleich noch einen … poff!«

In der Küche klirrte Geschirr.

Ein Duo erstarrte. Zumindest Earl und Duke. King hatte in seiner Box-Begeisterung nichts gehört.

»Scheiße, schalt mal ab!« Earl hämmerte der Einfachheit halber mit dem Schuhabsatz auf Kings Schienbein, und der sprang wie von der Tarantel gestochen auf.

»Wohl wahnsinnig geworden …?«

»Immer gewesen«, konterte Earl, ehe Duke schlichtend eingriff, indem er zur Tür zeigte und leise, aber eindringlich sagte:

»Da ist es wieder!« Diesmal sickerte der Lärm selbst durch Kings entflammte Wut. »Irgendwas ist umgefallen«, murmelte er träge. Dann heftete sich sein Blick wieder auf den, der ihn getreten hatte. »Offenbar kannst du nicht mal mehr das …«

Earl lief hochrot an und zückte sein Messer, an dem noch Blut glänzte. »Sie war tot, als ich zu euch rüberkam – darauf wette ich meinen Kopf!«

»War nett, dich gekannt zu haben«, lästerte King, der genau wusste, wie er mit Earl umzuspringen hatte, der sich daraufhin wortlos von ihm und Duke abwandte und über den Flur davonstapfte.

Die Zurückbleibenden konnten seinen Schritten folgen, bis er in der Tür zur Küche oder bereits in der Küche ...

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