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Vampira - Folge 30

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah ...
  4. Der Hexer
  5. Leserseite
  6. Leserbild von Roger Szilagyi
  7. Autorenporträt
  8. Vorschau

Lilith Eden – Tochter eines Menschen und der Vampirin Creanna. Für 98 Jahre lag sie schlafend in einem lebenden Haus in Sydney, doch sie ist vor der Zeit erwacht. Sie muss gegen die Vampire kämpfen, die in ihr einen Bastard sehen, bis sie sich ihrer wahren Bestimmung bewusst wird.

Der Symbiont – ein geheimnisvolles Wesen, das Lilith als Kleid dient, obwohl es fast jede Form annehmen kann. Der Symbiont ernährt sich von Vampirblut und verlässt seine Wirtin bis zu deren Tod nie mehr.

Landru – Mächtigster der alten Vampire und der Mörder von Liliths Vater. Seit 268 Jahren jagt er dem verlorenen Lilienkelch nach, dem Unheiligtum der Vampire, der ihm damals von Felidae gestohlen wurde.

Felidae – Vampirin im Auftrag einer geheimnisvollen Macht, die Liliths Geburt in die Wege leitete und damit einen Plan verfolgt, der die Welt der Menschen und Vampire verändern wird.

Beth MacKinsey – Journalistin bei einer Sydneyer Zeitung. Gleichgeschlechtlich veranlagt, hat sie sich in Lilith verliebt. Dies wurde jedoch durch eine magische Pest ins Gegenteil verkehrt: Unter deren Einfluss hat sie sich mit Landru gegen Lilith verbündet.

Die Vampire – Noch kennt niemand ihre wahre Herkunft, doch sie leben seit Urzeiten neben den Menschen in Sippen zusammen. Der einzige Weg, einen neuen Vampir zu schaffen, besteht darin, ein Menschenkind schwarzes Blut aus dem Lilienkelch trinken zu lassen. Der Kodex verbietet Vampiren, sich gegenseitig umzubringen. Lilith verstößt dagegen und wird gnadenlos gejagt.

Die Dienerkreaturen – Tötet ein Vampir einen Menschen mit seinem Biss, wird dieser kein vollwertiger Blutsauger, sondern eine Kreatur, die dem Vampir bedingungslos gehorcht. Ihrerseits kann eine Dienerkreatur den Vampirkeim nicht weitergeben, benötigt aber Blut zum (ewigen) Leben und wird – anders als die Ur-Vampire – mit zunehmendem Alter immer lichtempfindlicher.

Duncan Luther und George Romano gehorchen nach Liliths Biss einem magischen Programm, das sie nach Uruk in den Irak zieht. Als sie dort mit Grabungen beginnen, erwacht in Schottland die Kelchdiebin Felidae aus langem Schlaf. Sie erkennt, dass sich Lilith ihrer Bestimmung nicht bewusst ist.

Die Toten in Uruk legen eine Höhle frei, die in einen Gang mündet, und machen sich auf den Weg. Als der Gang kein Ende zu nehmen scheint, betreten sie einen der Seitenkorridore – und finden sich im Alten Eurogypten wieder! Dort erleben sie mit, wie der Pharao Echnaton zu einem Vampir gemacht wird, um den Bau einer unterirdischen Pyramide zu verlassen. Darin soll ein Wesen eingekerkert werden, das dem Lilienkelch entsprang und schrecklich unter den Vampiren wütete.

Landru platzt, dank Beth’ Verrat, mitten in die Zeremonie, die Lilith ihre Bestimmung erkennen lassen soll. Er und Felidae stehen sich nach 268 Jahren wieder gegenüber. Denn damals stahl Felidae das Unheiligtum vom Kelchhüter Landru. Beim Kampf werden beide Vampire schwer verletzt.

Der siegreiche Landru zieht sich mit dem Kelch nach Polen zurück. Hier schafft er Lazarus, den ersten neuen Vampir, mit seinem eigenen Blut. Doch sein Sohn missrät – dank einer »Diebstahlsicherung« Felidaes. Lazarus folgt einem Zwang: den Lilienkelch zu ihr zurückzubringen! Nichts kann ihn stoppen, denn sein Körper verbrennt die Energien unglaublich schnell und entwickelt dabei riesige Kräfte. Bei Warschau stellen sich ihm Landru und auch Lilith entgegen, doch er umhüllt sie mit Kelchmagie und reist mit einem Flugzeug in Richtung Australien. Landru befreit sich schneller als Lilith aus dem Kokon, kann Lazarus aber nicht mehr einholen.

Als schließlich Lilith Sydney erreicht, ist der Kelch wieder in Felidaes Besitz, die sich damit zurückgezogen hat, um ihn zu reinigen. Zuvor hat sie Beth, die in ihrem veränderten Zustand Felidae töten wollte, von den Auswirkungen des Pestkeims endgültig geheilt. Landru erfährt dies, als er Beth kontaktet, im Glauben, sie wäre ihm noch untertan.

Beth brüllt die Flughafenpolizei zusammen, und während Landru als Sittenstrolch verhaftet wird, macht sie sich mit Lilith davon …

 

Der Hexer

von Michael Schönenbröcher

London, Whitechapel, 9. November 1888

»Jack«:

Der Winter kam spät in diesem Jahr. Zwar hing der Geruch von Schnee schon seit Wochen über der Stadt, aber bisher war noch keine Flocke vom Himmel gefallen.

Doch es war kalt, und um diese Zeit, kurz vor Mitternacht, hatten sich die Temperaturen fast bis auf den Gefrierpunkt gesenkt. Nicht, dass mir die Kälte etwas ausmachte. Vor meinem Mund war nicht einmal der zarte Hauch des Raureifs zu sehen. Was nicht zuletzt daran lag, dass ich das Atmen vor langer Zeit aufgegeben hatte.

Ich verließ das Haus so unauffällig und leise, wie ich es vor Stunden betreten hatte. Sorgfältig drückte ich die wuchtige Zedernholztür hinter mir ins Schloss. Eine rote Spur blieb an der Messingklinke zurück, und ich zückte rasch mein Schnupftuch, um sie zu entfernen.

Meine Hände klebten von Blut, obwohl ich lederne Handschuhe getragen hatte. Es war kaum zu vermeiden gewesen, dass ich mich befleckte; selbst auf meiner Hose waren verräterische Spuren zurückgeblieben. Aber selbst wenn ich jemandem auf dem Rückweg begegnen würde; die Nacht und der herbstliche Nebel waren meine Verbündeten, wie stets.

Mit geübtem Griff streifte ich die Handschuhe ab und leckte das Blut von meinen Fingern. Es war noch warm und köstlich.

Amüsiert glitten meine Gedanken zurück zu dem leblosen Körper im Zimmer, das ich eben verlassen hatte. Wann würde man die Leiche Mary Kellys finden? Schon morgen früh? Oder erst im Laufe des Tages, wenn der Lude begann, seine Stute zu vermissen?

Gleichgültig; man würde erneut die falschen Schlüsse ziehen.

Jack geht um, der Dirnenmörder!

Ein Wahnsinniger. Ein Schlächter. Vielleicht ein Chirurg – die Ausführung der grausamen Morde sprach dafür.

Narren!

So leicht waren die Menschen zu täuschen. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, ob es überhaupt vonnöten war, auf den verräterischen Biss zu verzichten. Selbst wenn ein findiger Polizeiarzt die Male am Hals der Opfer entdeckte, so war es bis zur letztlichen Erkenntnis noch immer ein gewaltiger Schritt, den ein aufgeklärter Mediziner nicht zu gehen bereit war.

Wer glaubte heutzutage noch an Vampire?

Ich wandte mich nach rechts, zur Themse hin. Das Pochen meiner Absätze auf dem Kopfsteinpflaster war das einzige Geräusch dieser Nacht. Zumindest für menschliche Ohren. Ich dagegen konnte sehr wohl noch das ferne Stimmengewirr in einer Schenke am Ende der Straße vernehmen, den Flug eines Nachtvogels hoch über mir und das Schlagen der Wellen an die steinerne Uferböschung des Flusses, eine gute Meile entfernt.

Es war ein erfüllter Abend gewesen. Amüsant bis zuletzt. Erst das fleischliche Vergnügen: das berufsmäßige Zieren der jungen Hure, ihre neckischen Worte an meinem Ohr, ihr heißer Atem. Dann ihre weiße Haut, die vollen Brüste, die ausladend einladenden Schenkel. Ihr wollüstiges Stöhnen, als ich in alten Erinnerungen an lebendigere Tage schwelgte und meine Rute menschliche Wärme spüren ließ.

Es ist ein Ritual, natürlich. Meiner Rasse ist körperliches Begehren nicht gegeben, so gehorsam sich das tote Fleisch auch dem Willen beugt. Doch der Akt ist Labsal wie das Blut selbst, das in den Adern der Opfer pulsiert. Er berauscht die Sinne auf ganz eigene Art.

Auch das Opfer selbst gewinnt dadurch. Wer einmal in Wallung geratenes Blut gekostet hat, wird nicht mehr davon lassen wollen.

Nun, Mary Kelly war in Wallung gekommen. Ich spießte sie auf wie einen flatterhaften Schmetterling. Erst mit dem Schwert meiner Lenden. Dann mit dem Messer.

Sie jauchzte noch im Todeskampf, als hätte ihr Verstand nicht begriffen, dass mit jedem Aufbäumen das Blut aus ihr heraus und in meinen saugenden Mund strömte.

Ich spielte mit ihr wie auf einem Instrument, nahm ihr mit nur einem Blick das Entsetzen, als sie sich des Schmerzes gewahr wurde. Dann kostete ich ihr Leben, noch immer in leidenschaftlicher Umarmung gefangen.

Sie enttäuschte mich nicht, bis ihr blasses Gesichtchen marmorne Züge annahm und ihre hellblauen Augen brachen.

Nachdem ich gesättigt war, begann die Pflicht.

Die Polizei hielt sich bis heute zurück, fotografische Aufnahmen meiner Werke an die Öffentlichkeit zu bringen. Aus gutem Grund. Zartbesaitete Gemüter hätten zweifellos eine Hysterie entfacht, die auch ohne mein Zutun weitere Opfer fordern würde, wäre das ganze Ausmaß der Verbrechen bekannt geworden.

So spielte ich mein Spiel, und zum Amüsement meiner Schäferstunden kam jenes, die Behörden mit falschen Spuren und Briefen zum Narren zu halten. Bald war ich bekannter als Queen Victoria in den dunklen Gassen der Stadt.

Ich blieb kurz stehen und blickte mich um. Ganz in Gedanken versunken hatte ich kaum bemerkt, dass ich die Lord Street schon zur Gänze durchschritten hatte und nun im Begriff stand, in die James Street einzubiegen, die zu den Canning Docks führte.

Der Fluss war nicht wirklich mein Ziel, doch ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, auf Umwegen meine Heimstatt aufzusuchen; für den Fall der Fälle.

Ich war noch unentschlossen, welchen Weg ich wählen sollte, als mich ein leises Geräusch aufmerken ließ. Ich drehte mich auf dem Absatz und ließ meine Blicke durch den Nebel schweifen.

So wie die Dunkelheit nichts vor meinen Augen zu verbergen vermochte, so war auch der Nebel kein wirkliches Hindernis. Deutlich konnte ich in jenem rötlichen Schimmer, der mein Blickfeld ausfüllte, die Fassaden der schmutzigen Häuser erkennen.

Die Bewegung in einem der Torbögen entging mir nicht, doch es war nur eine Katze auf nächtlicher Mäusejagd. Vielleicht hatte sie das Geräusch verursacht.

Kopfschüttelnd wandte ich mich wieder um.

Die Faust kam zu schnell, als dass ich noch hätte reagieren können. Der Schlag explodierte unter meinem Kinn und warf mich um ein, zwei Schritte zurück.

Mehr verblüfft denn von dem wuchtigen Hieb beeinflusst rang ich um mein Gleichgewicht. Wirklicher Schmerz ist meiner Rasse fremd. Es gibt nur wenige Waffen, die uns gefährlich werden können.

Der Schemen vor mir setzte nach, bog den Arm zurück, um erneut zuzuschlagen.

Die Überraschung abschüttelnd, reagierte ich endlich in gewohnter Manier. Als die Faust zum zweiten Mal heranzischte, fing ich sie mit einer spielerisch wirkenden Bewegung ab und presste sie zusammen. Die Fingerknöchel knackten hörbar.

Ein Stöhnen kam von meinem Gegenüber. Er bog den Oberkörper zurück und versuchte sich aus meinem Griff zu befreien. Nun hatte ich Muße, ihn mir genauer zu betrachten.

Es war ein wahrer Hüne von Mann: stämmig, mit eindrucksvollen Muskelpaketen ausstaffiert, die Haare kurzgeschoren und feuerrot. Sein nicht gerade hübsches Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Schmerzes. Wahrscheinlich kam es nicht oft vor, dass er einen ebenbürtigen Gegner fand. Einen überlegenen schon gar nicht.

Ich dachte eine Sekunde lang darüber nach, ob er mir als Nachspeise dienlich sein sollte, verwarf den Gedanken aber fast sofort wieder. Der Nachgeschmack der jungen Hure lag noch auf meiner Zunge; es wäre töricht gewesen, ihn zu verderben.

Ich würde den Kerl schnell und schmerzvoll töten und ihn dem Fluss überantworten.

Die Berührung an der Schulter realisierte ich erst, als hinter mir eine dunkle, fast heiter klingende Stimme ertönte.

»Ich muss sagen, Sie beeindrucken mich, mein Herr«, sagte sie. »Es gibt nicht viele Männer, die Rowlf Paroli bieten können.«

Im ersten Moment war ich zu verblüfft, um angemessen zu reagieren. Unbewusst hatte sich für eine Sekunde mein Griff gelockert, und diese Zeit genügte dem Hünen, sich loszureißen.

Instinktiv erkannte ich, dass trotz seiner Körperkräfte der Fremde in meinem Rücken die größere Gefahr darstellte. Ich fuhr herum.

Vor mir stand ein Mann etwa Ende Zwanzig, dessen ebenmäßiges Gesicht von einem sorgsam gestutzten Bart umrahmt wurde. In seinem Haar erkannte ich eine weiße, blitzartig gezackte Strähne, wohl eine jener Modetorheiten, wie Gecken der feinen Gesellschaft sie zu kultivieren pflegten. Er trug ein elegantes Cape, hatte sich seinen Spazierstock unter die linke Achsel geklemmt und war gerade intensiv damit beschäftigt, seine weißen Seidenhandschuhe von den Fingern zu zupfen.

Ich glaube, es war das erste Mal in meinem nach Jahrhunderten zählenden Leben, dass mir der Mund offen stand; zu unwirklich und bizarr erschien mir diese Situation.

»Sie waren überaus nachlässig«, fuhr der Fremde fort, ohne von seiner Beschäftigung aufzusehen. »Das Blut an Ihrer Kleidung spricht Bände. Sie sind vertraut mit den Vorgängen hier in Whitechapel?« Nun sah er auf, und der Blick aus seinen Augen weckte unangenehme Assoziationen in mir. Ich glaubte in Augen zu blicken, die nicht zu diesem Körper gehörten. Augen, die Dinge geschaut hatten, die dem menschlichen Geist verboten waren.

Ich entschloss mich, mit einer erneuten Attacke zu warten, bis ich mehr über den seltsamen Vogel erfahren hatte. Seine Worte weckten ein Gefühl in mir, von dem ich bislang nicht einmal geahnt hatte, dass ich fähig war, es zu empfinden: Unbehagen. Offensichtlich wusste er mehr, als für ihn gut war.

»Ich war in eine Rauferei verwickelt, drüben im Anchor’s Inn«, entgegnete ich. »Die aufgeplatzte Nase eines volltrunkenen Matrosen hat mir –«

»War es nicht vielmehr ein junges Mädchen?«, unterbrach mich der Mann mit scharfer Stimme. »Ein leichtfertiges Ding, das den fatalen Fehler beging, in Ihnen etwas anderes zu sehen als die Bestie, die Sie unzweifelhaft sind?«

Seine Worte waren sein Todesurteil. Mit einem Fauchen stürzte ich vor.

Vorsicht war hier unangebracht. Noch während des ersten Schritts setzte die Metamorphose ein. Meine Fingernägel wuchsen in Sekundenschnelle zu scharfen Klauen; spitze Eckzähne drängten über meine Lippen, die ich im nächsten Moment zu einem raubtierhaften Rachen aufriss.

Mein Gegenüber war verblüfft, ohne Zweifel. So gut er auch informiert zu sein schien; meine wahre Natur hatte er nicht erahnt.

Trotzdem reagierte er gedankenschnell. Er glitt zur Seite, noch bevor ich ihn erreichte. Seine Rechte ließ die Seidenhandschuhe fallen und umschloss den kristallenen Knauf seines Spazierstocks.

Im nächsten Moment verwandelte sich den Stab in blitzenden Stahl. Die hölzerne Scheide klirrte zu Boden, als der Stockdegen einen flirrenden Halbkreis beschrieb und auf meinen Hals zielte.

Im letzten Moment gelang es mir, der Klinge auszuweichen.

Von hinten traf mich ein derber Schlag und schleuderte mich haltlos nach vorn. Verdammt! Fast hätte ich den zweiten Kerl vergessen!

Er setzte nach und hob die zu einer gewaltigen Faust verschränkten Pranken. Ehe ich mich zur Seite rollen konnte, trafen sie mich mit der Wucht eines Schmiedehammers und zertrümmerten mir beinahe die Schulter.

Der Mann mit dem Stockdegen war in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Wieder drang er auf mich ein, und diesmal bohrte sich die Spitze der schlanken Waffe in mein linkes Bein.

Der Schmerz durchschoss mich wie ein Blitz, umso mehr, da ich nicht mit ihm gerechnet hatte. Unter den wenigen Waffen, die mir gefährlich werden konnten, waren gewiss keine einfachen Degen. Doch ich entdeckte keines der Symbole und Werkzeuge daran, die ich mit dieser Wirkung in Zusammenhang bringen konnte. War eine fremde Magie im Spiel?

Einerlei. Ich begriff, dass mein einziges Heil in der Flucht lag.

Ich weitete die Metamorphose aus.

Mein Körper schrumpfte in Gedankenschnelle, überzog sich mit dichtem braunen Pelz. Auch meine Kleidung verschwand, dank einer Magie, die mein Volk seit Äonen meisterlich beherrscht. Mein Gesicht formte sich neu, wurde zu einer stumpfen Schnauze mit kleinen schwarzen Knopfaugen. Nur die Eckzähne blieben.

Der Fremde mit der blitzartig gezackten Haarsträhne verhielt seinen Schlag. Ich sah den Unglauben in seinen Augen.

»Es gibt sie wirklich!«, keuchte er. »Mein Gott, das ist …«

Seine Worte versiegten, und seine Erstarrung wich im gleichen Maße. Hatte ich gerade noch gehofft, die rettenden Sekunden zu gewinnen, so sah ich mich nun aufs Ärgste getäuscht.

Sein Hieb kam, verspätet zwar, aber noch rechtzeitig.

Ich spürte, wie Muskeln und Haut durchtrennt wurden. Ein feuriges Reißen strahlte von meiner rechten Seite aus, ein Schmerz, der mich für Sekunden blind und taub werden ließ.

Meine Konzentration schwand. Und mit ihr die Metamorphose.

Eben hatte ich mich noch zum nachtschwarzen Himmel emporgeschwungen; nun stürzte mein zweibeiniger Körper schwer zu Boden. Durch einen roten Nebel sah ich meinen Arm auf dem Pflaster liegen und tastete entsetzt nach meiner Seite.

Blut netzte meine Finger. Aber diesmal war es mein Blut!

Ich schrie. Nie zuvor hatte ich Schmerzen so intensiv empfunden.

Der Hüne war über mir und riss mich hoch.

»Wo willstn hin, Männeken?«, grollte er. »Ich sach schon, wennich mit dir fertich bin.«

In purer Agonie gefangen, war ich zu keiner Gegenwehr fähig. Er hob mich vom Boden hoch und presste mich gegen die nächste Hauswand. Der Schlag gegen meinen Hinterkopf brachte mich wieder halbwegs zur Besinnung.

»Kein Mucks«, warnte der Hüne grimmig, »oder ich reißes Haus mit deiner Birne ein!«

Der Mann mit dem Stockdegen schob sich in mein Blickfeld. Im nächsten Moment spürte ich die stählerne Spitze über meinem Herzen.

»Wer bist du?«, zischte der Bärtige, und als ich nicht antwortete, verstärkte er den Druck.

»Lass mich … gehen!«, keuchte ich und konzentrierte mich auf seine Augen. Vergebens. Mein hypnotischer Befehl verpuffte wirkungslos. Die Magie, die seiner Waffe innewohnte, schüttelte meinen toten Körper.

»Du bist ein Vampir?« Er stellte die Frage, obwohl er die Antwort längst wusste.

»Ja«, entgegnete ich mühsam. »Ein Vampir. Ein Unsterblicher.«

Gleichzeitig mit meinen Worten kam mir eine Idee, vielleicht die letzte Chance, dem sicheren Tod – dem endgültigen Tod – zu entgehen.

»Gib mich frei«, keuchte ich, »und ich mache dir das kostbarste Geschenk, das ein Mensch wie du sich erträumen kann: Unsterblichkeit.«

Er lachte auf, und das Geräusch gefiel mir nicht im Geringsten.

»Unsterblichkeit?«, höhnte er. »Wenn es stimmt, was ich über Kreaturen wie dich gelesen habe, ist es mit eurer Unsterblichkeit nicht weit her. Den Tag verachtend, bei Nacht mordend und das Blut Unschuldiger saugend – ist das deine Unsterblichkeit?«

»Es gewährt dir ewiges Leben«, versuchte ich ihn zu überzeugen. »Die Jahrhunderte – sie sind dein. Die Menschen sind dir untertan. Deine Macht wird unbegrenzt sein. Niemals wirst du dein Fleisch welken und verdorren sehen! Glaube mir, auf ewig jung zu sein –«

»Genug!«, durchschnitt seine unbarmherzige Stimme mein Flehen. »Ich fürchte das Alter nicht. Wohl aber das, was deine Unsterblichkeit aus mir machen würde. Du verschwendest deinen Atem, Kreatur.«

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