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Vampira - Folge 24

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah ...
  4. Duell der Wächter
  5. Leserseite
  6. Vorschau

Lilith Eden – Tochter eines Menschen und der Vampirin Creanna. Für 98 Jahre lag sie schlafend in einem lebenden Haus in Sydney, doch sie ist vor der Zeit erwacht. Sie muss gegen die Vampire kämpfen, die in ihr einen Bastard sehen, bis sie sich ihrer wahren Bestimmung bewusst wird.

Der Symbiont – ein geheimnisvolles Wesen, das Lilith als Kleid dient, obwohl es fast jede Form annehmen kann. Einst gehörte es Creanna und wurde von ihr an Lilith weitergereicht. Der Symbiont ernährt sich von schwarzem Vampirblut und verlässt seine Wirtin bis zu deren Tod nie mehr.

Landru – Mächtigster der alten Vampire und der Mörder von Liliths Vater. Seit 267 Jahren jagt er dem verlorenen Lilienkelch nach, dem Unheiligtum der Vampire, ohne den es keinen Nachwuchs geben kann. Landru scheint irgendeine Schuld auf sich geladen zu haben – welche, ist noch unklar.

Beth MacKinsey – Journalistin bei einer Sydneyer Zeitung. Beth kennt Liliths wahre Identität – und hat sich, gleichgeschlechtlich veranlagt, in die Halbvampirin verliebt.

Dies wurde jedoch durch die Nachwirkungen einer magischen Pest mittlerweile ins Gegenteil verkehrt: Unter deren Einfluss hat sie sich mit Landru gegen Lilith verbündet.

Major Bradley – Leiter einer Militärbasis vor den Toren Sydneys. Hier wurde Lilith untersucht, als man sie nach einem schweren Kampf bewusstlos auffand. Dabei trennte man ein Stück ihres Symbionten ab. Lilith konnte fliehen, doch das Stück blieb zurück und befindet sich nun in Bradleys Händen.

Die Dienerkreaturen – Tötet ein Vampir einen Menschen mit seinem Biss, wird dieser kein vollwertiger Blutsauger, sondern eine Kreatur, die dem Vampir bedingungslos gehorcht. Ihrerseits kann eine Dienerkreatur den Vampirkeim nicht weitergeben, benötigt aber Blut zum (ewigen) Leben und wird – anders als die Ur-Vampire – mit zunehmendem Alter immer lichtempfindlicher.

Hora, der neue Führer der Sydney-Sippe, will die Magie der Vampire mit menschlicher Wissenschaft kombinieren. Seine Firma, Salem Enterprises, konzentriert sich darauf, Vampire zu klonen – und damit den Lilienkelch zu umgehen!

Lilith kommt Hora – mit Hilfe eines Vampirs namens Feyn – auf die Spur und dringt in die Firma ein, um sie zu zerstören.

Duncan Luther, ihr von den Toten erstandener Mitstreiter, hat mittlerweile ein seltsames »Hobby« entwickelt: Er interessiert sich für Mesopotamien, den heutigen Irak, weiß aber nicht, warum. Schließlich hat er in einem Spiegel eine Vision. Eine gleißende Lichtgestalt ruft ihn – aber wohin? Er macht sich allein auf den Weg …

Feyn lässt derweil seine Maske fallen: Er will Lilith töten! Beim folgenden Kampf verletzt er sie und den Symbionten schwer, doch dann kann Lilith seine Kraft gegen ihn selbst wenden, und Feyn wird von den Tätowierungen seiner Opfer, die seinen ganzen Körper bedecken, aufgefressen.

Lilith wird ohnmächtig aufgefunden und in eine Klinik eingeliefert. Der dortige Chefarzt, Dr. Romano, erkennt ihre Fähigkeiten. Zusammen mit vier Kollegen löst er den Symbionten von Liliths Haut und trennt ein Stück davon ab. Zwar kann Lilith schließlich entkommen und auch den Symbionten befreien, doch von dem fehlenden Teil weiß sie nichts. Ihre Peiniger kommen ums Leben. Kurz vor seinem Tod trinkt Dr. Romano eine Blutprobe Liliths. Als er wieder »erwacht«, zieht es ihn mit Macht nach Uruk ins ehemalige Mesopotamien …

Dort ist Paul Kravetz, einer von Liliths ersten »Blutspendern«, bereits angekommen. Auch er ist tot und gehorcht nun, wie die anderen beiden, einem magischen Programm. Er aktiviert ein Symbol in einer Felsenhöhle, das im fernen Schottland die Kelchdiebin aus langem Schlaf erwachen lässt: Felidae.

Die Vampirin, die einst Liliths Mutter Creanna zeugte und somit »schuld« ist an Liliths Existenz, erkennt, dass nicht die geplanten 100#160;Jahre vergangen sind. Sie sucht und findet Lilith und tritt ihr gegenüber.

Auch Landru spürt, dass der Kelch wieder da ist. Er hat die Spur schon aufgenommen …

 

Duell der Wächter

von Adrian Doyle

Deutschland, Winter 1279

Draußen tobte die Nacht. Eigentlich war es der Sturm, aber den Menschen in den Häusern mochte es vorkommen, als lege die Finsternis selbst all ihre Kraft in dieses unheimliche, von Unheil kündende Heulen hinein.

Der nächtliche Reiter zeigte sich davon unberührt. Er kam die Straße von Fulda herab, doch er und sein Rappe trotzten den heftigen Böen mit stoischem Gleichmut. Und das, obwohl die Luft schneidend kalt und das Gesicht des schlanken Mannes ungeschützt war. Ein makelloses Gesicht, wie aus feinem Marmor. Die Füße steckten in hochschaftigen Stiefeln, und unter den dünnen Beinkleidern zeichnete sich seine Muskulatur ab. Mantel und Umhang in ölig glänzendem Schwarz vervollkommneten die Kluft des Fremden.

Unaufhaltsam rückten Ross und Reiter auf die von einem Befestigungswall umschlossene Stadt zu. Vor dem Ostertor zügelte der Fremde seinen edlen Rappen, stieg ab und ließ die Zügel fallen, ohne dass das Tier auch nur den Versuch unternommen hätte, sich vom Fleck weg zu bewegen. Sein Herr suchte indes die geschützte Pforte im gewölbten Mauerwerk auf und hieb mit der Faust gegen das wuchtige Tor aus handspannendickem Eichenholz. Scheinbar mühelos gelang es ihm, den Sturm zu übertönen. Zunächst tat sich jedoch nicht das Tor auf, sondern lediglich eine Luke darin, und eine bedrohliche Stimme schnarrte: »Komm morgen früh wieder! Kein Tor darf vor Morgengrauen geöffnet werden! – Nicht für solche wie dich jedenfalls!«

Der Reiter wechselte nur wenige Worte mit dem Wächter. Dann hob sich das Tor unter dem mahlenden Geräusch eiserner Ketten. Wenig später bewegten sich die Hufe des Rappen bereits über den gepflasterten Bereich hinter der Mauer. Man hätte meinen sollen, der Reiter sähe die Hand vor Augen nicht, so stockfinster war es auch innerhalb der Stadtgrenzen. Mit welchen Sinnen er und sein Pferd das Ziel schließlich fanden, blieb rätselhaft.

Die Herberge, die der Torwächter empfohlen hatte, lag inmitten einer engen Gasse, deren Dach fast in die tiefhängende, brodelnde Wolkendecke stieß.

Vor dem Gasthof stieg der Fremde ab, schnürte die Zügel des Rappen an einen eisernen Ring, pflückte nur eine Tasche aus Rindsleder vom Sattel und trat damit vor die fest verriegelte Tür. Hier wiederholte sich dieselbe Szene wie schon beim Stadttor. Nach guter Weile fragte eine brummige Stimme, wem es einfiele, um diese gottlose Stunde noch zu stören.

Dann öffnete sich auch diese Pforte.

»Wie heißt du, Wirt?«

»Klemens, Herr.«

»Dein schönstes Zimmer – ist es frei?«

»Alle meine Zimmer sehen gleich aus.«

»Und dein Weib? Du bist doch vermählt …?«

»Mein Weib, Herr?« Verständnislosigkeit malte sich auf die feisten Züge des Mannes im Schlafhemd, dessen Gesicht vom zittrigen Schein einer Kerze erhellt wurde.

»Wie sieht sie aus? Ist sie schön – oder schlägt sie eher nach dir?«

»Sie ist rank und schlank wie eine Weidengerte. Nicht sehr gescheit, aber –« Der Kerzenhalter in der Hand des Wirts schlingerte durch die Luft, während er seine Worte gestenreich unterstrich.

»Dann weiß ich schon welches Zimmer ich nehme.«

»Herr?«

»Das Deinige. Führ mich hinauf.«

Der Raum hinter der Tür des Gasthofs war fast so groß wie die Außenmaße des Hauses es vorgaben. Hier unten gab es nur den Schankraum und einen Raum, in dem Waren gelagert wurden. Die Schlafstube des Herbergsvaters konnte sich nur im oberen Stockwerk des zweistöckigen Gebäudes befinden.

Der Wirt drehte sich um und schlurfte zur Treppe. Sein Gast folgte. In den Tür- und Fensterhöhlen verfing sich unvermindert der Wind und stimmte gespenstische Gesänge an. Im Haus selbst blieb es ruhig.

»Wie viele Gäste hast du zurzeit?«

»Vier von acht Zimmern sind belegt. Drei von Kaufleuten, die hier Handel treiben. Eins von einem jungen Mündel, das hier auf seinen Vormund wartet. Sie kam gestern mit dem Schiff an.«

Der Fremde blieb stehen. »Warum sagst du das nicht gleich? Ist sie von vornehmer Herkunft? Wie alt?«

»Sie … sie ist wunderschön. Ich schätze sie auf siebzehn, achtzehn …«

»Schöner als dein Weib?«

Mehr an Antwort als die abfällige Geste des Wirts war nicht nötig.

»Ich habe es mir anders überlegt«, sagte der mitternächtliche Gast. »Führ mich zu dem jungen Mündel. – Und sie ist sicher allein?«

Dem Klang seiner Stimme war zu entnehmen, dass ihn auch eine gegenteilige Auskunft nicht mehr von dem getroffenen Entschluss abgebracht hätte.

»Mutterseelenallein«, versicherte der Wirt, ehe er keuchend den unterbrochenen Aufstieg fortsetzte. Er furzte, blieb aber nicht mehr stehen, bis sie das Dachgeschoß erreichten. Dort in den Giebelschrägen gab es zwei Zimmer, eines zur rechten, eines zur linken Hand. Vor der Tür zu seiner Rechten blieb der fette Wirt stehen.

»Da!«

Der Gast verabschiedete den schwitzenden Koloss, der beinahe so ranzig wie die niederbrennende Kerze stank und gab ihm noch mit auf den Weg, sich um sein Pferd zu kümmern.

Dann hielt die Dunkelheit wieder Einzug unter dem Dach. Den Besucher mit dem leichten Gepäck kümmerte es nicht. Die Tür fand er verschlossen. Drinnen war der Riegel vorgeschoben. In einem Haus wie diesem eine durchaus angemessene Maßnahme.

Er klopfte.

Nach mehrmaligem Wiederholen erklang drinnen eine zarte, zweifellos ängstliche Jungmädchenstimme. »Wer – ist da?«

»Mach auf.«

Der Riegel schnappte zurück. Ein nachlässig gekleidetes, blutjunges Mädchen lud den Fremden zum Betreten ihrer Unterkunft ein. Sie schien keinerlei Scheu zu empfinden. Nur tief in ihren Augen schimmerte ein Anflug von Panik über das eigene Verhalten.

Die Tür glitt wieder ins Schloss.

Eine blakende Kerze hüllte nicht nur die niedrige Mansarde in bewegte Schatten. Auch die erröteten Wangen des Mädchens wurden davon gestreichelt, noch ehe die Hand des Besuchers dies übernahm.

»Dein Name?«

»Isabelle.«

Seinen eigenen verschwieg er. »Leg dein Hemd ab, Isabelle. Bist du noch unberührt?«

Sie schüttelte den Kopf, was gelinde Enttäuschung in dem Besucher weckte. Er kam jedoch darüber hinweg, fragte nur: »Wer nahm dir die Unschuld?«

»Mein Vormund.«

»Wie alt warst du?«

»Vierzehn.«

Ihr Gegenüber legte die Satteltasche am Boden vor der Tür ab und nickte, als er sich wieder erhob. Er kannte Kulturen, in denen Frauen mit vierzehn längst verheiratet waren und selbst Kinder geboren hatten. In den nördlichen Breiten jedoch galt dies als unschicklich. Nur die Ärmsten der Armen scherten sich wenig darum. Oft suchten sie schon in jungen Jahren Trost in diesem einzigen Vergnügen. Die Burschen zumindest, denn für die Mägde und Bettelmädchen endete die kurze Lust oft in langem, noch größerem Elend als zuvor: mit einem Balg am Hals.

»Der Mann, auf den du hier wartest?«

»Ja.«

»Wo lebt er?«

»Nicht weit von hier, zu Hildesheim.«

»Und du – wo warst du, dass du jetzt zu ihm zurückkehrst?«

»Im Holländischen«, sagte sie. »Bei seinem Bruder, der dort ein Kontor besitzt. Ich war für ein Jahr dort untergebracht, nachdem die Frau gestorben war und den Vater allein mit den vier Kindern zurückgelassen hatte. Ich musste alles im Haus verrichten, was ihre Mutter vorher tat.«

»Auch das Bett des Vaters wärmen?«

»Auch das Bett wärmen.«

»Warum schickte er dich wieder fort?«

»Er hat wieder geheiratet. Ich war der neuen Frau vom ersten Tag an ein Dorn im Auge.«

»Wurde dein Vormund von seinem Bruder dafür entlohnt, dass er dich ihm überließ?«

»Fürstlich.«

»Du hattest kein leichtes Los … Es wird in Zukunft kaum leichter. Es sei denn …«

»Es sei denn?« Obwohl sie fragte, wirkte ihr Blick – abgesehen von der tief darin nistenden Furcht – seltsam stumpf, fast abwesend.

»Es sei denn, ich würde mir auch ihn vorknöpfen. Aber das hängt davon ab, wie du dich anstellst …«

»Was soll ich tun, Herr?«

»Alles, was die Brüder dich lehrten – und was ich dir noch beibringen werde.«

Mit diesen Worten zog er sie zu der verlausten Bettstatt. Läuse hatten ihn nie gestört. Auf seine Art war er ihnen verwandt. Eine Zecke …

Noch im Gehen half er ihr, das Leinenhemd über den Kopf zu ziehen. Trotz des schlanken, biegsamen Körpers waren ihre Brüste groß und schwer, fast als hätte sie selbst schon ein Kind geboren und gestillt, dabei aber nichts an Attraktivität eingebüßt.

Sie legte sich hin, öffnete die Schenkel. Den Blick auf die von zartem Flaum umgebene Spalte gerichtet, entledigte er sich nun auch seiner Kleidung. Sein blauschwarzes Haar wurde hinten von einer edelsteinbesetzten Spange zusammengehalten. Hätte er es offen getragen, hätte es bis zu den Schultern gereicht.

Ehe er zwischen Isabelles Schenkel glitt, löste er mit einem schmatzenden Geräusch das falsche Gesicht von seinem echten und legte es, die rotrohe Seite nach oben, auf den Dielenboden. Das Grauen, das daraufhin die Angst im Blick des Mädchens noch überlagerte, erregte ihn eher, als dass es sein Mitleid geweckt hätte.

Er hatte noch nie Mitleid für einen sterblichen Menschen empfunden. Begehren, ja, aber Mitgefühl …

Dass er die nun offen lodernde Panik in ihrem Geist dennoch linderte, hatte nur einen einzigen Grund: Er wollte, dass sie jede Hemmung ablegte und ihn mit den feurigen Augen bedingungsloser Verliebtheit betrachtete.

Es kostete ihn nur einen weiteren Befehl.

Obwohl Isabelles Schreie das Haus mitunter lauter durchdröhnten als der Sturm es überdecken konnte, wagte niemand es zu stören.

Schon als der Fremde sich zum ersten Mal in sie verströmte, verströmte auch sie sich in ihn. Sein Mund klebte wie ein Egel an ihrem Hals und verdeckte die beiden Einstiche, die er ihr zugefügt hatte. Ihr Stöhnen wurde matter, während sie auch sein zweites, abgründigeres Verlangen stillte.

Bis zum Morgen hatten sie sich noch weitere Male geliebt. Isabelle starb in den Armen des Mannes, die Wangen nun nicht mehr rosig, sondern bleich, fast weiß.

Gegen Mittag traf ihr ahnungsloser Vormund ein.

Isabelle brannte darauf, ihn zu begrüßen.

Der Fremde begutachtete den Inhalt seiner Tasche, während er zusah, wie die Untote nun ihren Durst zu stillen lernte. Er hatte ihr aufgetragen, maßvoll vorzugehen, das Opfer nicht zu töten, um sein Leiden zu verlängern. Der Fremde hatte Isabelles Vormund empfangen und seinen Willen gebrochen. Fortan würde er das willfährige Opfer seines Mündels sein, wann immer diesem danach gelüstete. Sie würde fortan über ihn verfügen, würde ihm heimzahlen, was er ihr alles angetan hatte. Aber gewiss würden sich ihr Verlangen und ihr neuer Hang zur Grausamkeit nicht auf ihn allein beschränken. Ganz Hildesheim würde sich künftig in Acht nehmen müssen vor der Untoten, die nun vom Keim eines wahrhaftigen Vampirs beseelt war. Ihr zweites Leben verdankte sie ganz der »Gnade« ihres Herrn und Meisters …

»Geht nun, lasst mich allein«, befahl der Fremde dem ungleichen Paar.

Er selbst wollte noch den Tag und die folgende Nacht in der Stadt bleiben, bevor auch er sich empfahl.

Vorher musste noch die Saat ausgebracht werden, die er bei seiner Wiederkehr ernten würde. Nicht mehr in diesem Jahr und auch noch nicht im nächsten …

Bis zum Einbruch der Dämmerung spähte er die aus einer kleinen Marktsiedlung hervorgegangene Civitas aus, überprüfte, ob sein Vorhaben hier wirklich den idealen Nährboden finden würde, den er suchte – seit Langem schon suchte, seit die fixe Idee ihn nicht mehr losließ.

Bis zum Abend war er überzeugt.

Nach Einbruch der Dunkelheit schlich ein Wolf durch die verlassenen Gassen. Fast alle Menschen hatten sich in der Kirche versammelt, wo ein Gottesdienst zu Mariä Lichtmess abgehalten wurde. Der Wolf hielt respektvollen Abstand zum verhassten Gemäuer des Münsters. Den Ausgang der Messe wartete er in sicherem Abstand ab, sah zu, wie die Bürgerschaft arglos wieder der Kirchenpforte entschlüpfte und heim in die eigenen vier Wände kehrte.

Der Wolf ging ihnen voraus, zog sich zu der Herberge zurück, von der er gekommen war. Dort wurde aus dem vierbeinigen grauen Jäger wieder der Gast, der seit dem Vortag hier logierte.

Weit nach Mitternacht flammte, ausgehend vom Gasthof, ein nie gesehenes Licht über der Stadt auf. Es tauchte nicht nur jedes Haus in Purpur, es durchdrang auch jede Mauer und ergoss sich über sämtliche Bewohner, ob sie nun wach lagen oder schliefen.

Schreie, die am nächsten Morgen vergessen sein würden, hallten durch die Stadt.

Die Mönche im nahen Kloster schliefen traumlos tief. Sie hörten und sahen nichts von dem Spuk, der ihre Schäfchen heimsuchte und in Versuchung führte …

Zufrieden ritt der Fremde tags darauf zum Ostertor die Stadt hinaus – jene Stadt, die einmal traurige Berühmtheit erlangen sollte.

Viele Jahrhunderte später

Landru

Nicht einmal ich weiß, wie es dereinst begann. Niemand, der die Anfänge unserer schwermütigen Rasse kannte, wäre heute noch da, um zu berichten. Auch bin ich unsicher, ob wir Kelchhüter jemals, wie andere Vampire, ursprünglich Menschen waren – bis der magische Ritus uns über die Schwäche der Geburt erhob.

Dieser Ritus, er ist ein bitterer Akt. Man trinkt den Tod und gewinnt allmählich Macht über seinen wiedererwachenden, kindlichen Körper. Und über die Sterblichkeit.

Doch als ich erwachte, war ich bereits voll entwickelt, kein Kind mehr, das zum fertigen Vampir reifen musste. Ich schlug die Augen auf und kannte meine Bestimmung …

Seither bin ich ein Reisender in Sachen Tod und Leben. Wohin ich auch komme, werde ich mit Respekt empfangen. Aber nie hat ein Vampir das wahre Gesicht des Hüters erblickt. Nie. Und dies wird auch niemals geschehen.

Schon damals war ich ein Suchender, der seine Wege mit zweierlei Nutzen verband. Der Kelch und ich, wir wanderten von Ort zu Ort in nie endender, finsterer Wallfahrt. Wir besuchten die Sippen und hörten uns die Sorgen, Nöte und Wünsche der Oberhäupter an. Was wir erfüllen konnten, taten wir. Maßlose Forderungen oder Vergehen bestraften wir.

Es war immer dasselbe.

Auch zu … Hameln …

Juni 1284

»Wir müssen es melden«, sagte der Abt.

»Wenn wir es melden«, erwiderte sein Gegenüber, »werden wir alle auf dem Scheiterhaufen brennen. Über die Stadt wird der Bann verhängt werden. Unsere Kinder und Kindeskinder werden als Unfreie leben. Kein rechtschaffener Mensch wird es mehr wagen, seinen Fuß hierher zu setzen. Die Stadt wird verarmen und zu Grunde gehen. Wir werden die Verdammten der Welt geschimpft werden … Gerade Ihr müsstet doch wissen, was es heißt, aus der Kirche ausgeschlossen zu werden, nicht mehr ihrem Schutz zu unterliegen! Wir werden alle vogelfrei sein …«

»Ihr übertreibt, Vogt. Ihr neigt dazu.«

»So, tue ich das?« Ein verächtlicher Zug prägte sich um den Mund des Mannes im noblen Sonntagsstaat, der auf den Namen Gregor Hoya hörte. Er war nur noch dem Welfenherzog unterstellt und diesem eigentlich zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet war. »Öffnet Eure Augen, öffnet Eure Ohren – dann müsstet selbst Ihr begreifen, dass ich untertreibe.«

»Es sind in der Tat ein paar merkwürdige Dinge geschehen …«, räumte Prior Bartolomä ein.

»Jetzt untertreibt Ihr

»Und wie sollten wir Eurer Meinung nach damit umgehen? Was tun?«

»Genauso weitermachen wie bisher. Wir sollten nichts tun. Nichts, was uns irgendwie ins Blickfeld von König oder Kirche rücken könnte.«

»Es wird sich nicht verheimlichen lassen. Zu viele wissen davon.«

»Sie werden alle schweigen.«

Skeptisch wiegte der Kirchenvorstand den Kopf. »Ihr erwähntet vorhin nicht zu Unrecht den Scheiterhaufen … Die Angst davor könnte tatsächlich Zungen lähmen … Aber wenn wir uns täuschen, werden auch wir brennen. Ist Euch das klar?«

»Ich denke an nichts anderes mehr als an den Tod. Seit …«, Gregor Hoyas Stimme sank zu einem kaum noch verständlichen Flüstern herab, »…

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