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Vampira - Folge 08

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah ...
  4. Die Blutbibel
  5. Leserseite
  6. Vorschau

Lilith Eden – Tochter eines Menschen und einer Vampirin, dazu gezeugt, eine geheimnisvolle Bestimmung zu erfüllen. 98 Jahre lag sie in einem Haus in Sydney, doch sie ist zu früh erwacht – die Zeit ist noch nicht reif. Sie muss gegen die Vampire kämpfen, die in ihr einen Bastard sehen, bis sie sich ihrer Bestimmung bewusst wird. Dabei hilft ihr ein Kleid, das seine Form beliebig ändern kann – ein Symbiont.

Duncan Luther – ein Priester-Aspirant, der Lilith auf ihrer Flucht beistand. Wurde in Indien von Vampiren getötet.

Jeff Warner – der Detective war einer jahrhundertealten Serie von Genickbruch-Morden auf der Spur, wurde dann aber von Polizeichef Virgil Codd in den Garten des versunkenen Hauses geschickt, wo Lilith erwachte und in dem schon etliche Menschen verschwunden sind. Doch Warner tauchte wieder auf …

Beth MacKinsey – Journalistin. Bei ihr fanden Duncan und Lilith Unterschlupf. Von Warner bekam Beth die »Genickbruch-Liste« zugeschickt.

Esben Storm – ein geheimnisvoller Aboriginal-Schamane. Er beobachtet Lilith seit Jahrzehnten. Ist er Freund oder Feind?

 

Landru – Mächtigster der alten Vampire. Seit 267 Jahren jagt er dem verlorenen Lilienkelch nach, dem Unheiligtum der Vampire, ohne den es keinen Nachwuchs geben kann.

Landru spürt Lilith mittels des konservierten Schrumpfkopfs ihres Vaters auf. Und als sie zu Esben Storm aufbricht, heftet er sich an ihre Fersen. Storm nimmt Lilith mit auf die Traumzeitreise. Sie betreten den Garten und entdecken eine große Anzahl Menschen, die sich die Früchte eines Apfelbaumes, der im Zentrum wächst, vollständig in den Hals pressen und danach verschwinden.

Das Grab von Liliths Mutter ist leer, das Haus hat seine Struktur völlig verändert. Es will Liliths Astralkörper nicht mehr hergeben – und holt auch ihren Körper heran! Das geschieht genau in dem Moment, als Landru Lilith in seine Gewalt bringen will. Sie löst sich vor seinen Augen auf. Aus Rache zündet er den Laden des Aboriginals an. Storm kann im letzten Moment die »Nabelschnur« kappen und Lilith erwacht benommen in einer Gasse Sydneys. Storm bleibt verschwunden. Ist der Aboriginal in seinem Haus verbrannt?

Der Vampir Habakuk, der Landru beeindrucken will, greift Lilith in einem Park an – und wird von ihr besiegt. Sie presst mit Hilfe des Symbionten-Kleides wichtige Informationen aus ihm heraus.

Landru indes erhält Besuch von einer alten Freundin: Nona, eine Werwölfin. Während die beiden auf die Jagd gehen, dringt Lilith in den Sitz der Vampire ein, eine entweihte Kirche. Sie findet Landrus Kammer – und den Schrumpfkopf ihres Vaters, den sie nicht zu berühren vermag. Gerade als sie Landrus Karte aus Menschenhaut entdeckt, auf der sein Ziel in Indien vermerkt ist, kehren er und Nona zurück. Lilith kann entkommen, doch Hekade, eine Vampirin, heftet sich unbemerkt an ihre Fersen …

Lilith ruft Luther an. Sie treffen sich im Park, nicht ahnend, dass Beth Luther heimlich gefolgt ist. Sie wird von Hekade gekidnappt und gegen Lilith als Faustpfand benutzt. Doch Beth kann die Gegnerin mit ihrem Blitzlicht blenden; Lilith erledigt den Rest. Nun kommen Luther und sie nicht mehr darum herum, Beth reinen Wein einzuschenken.

Inzwischen entdeckt Landru, dass Lilith sein Ziel an der indisch-nepalesischen Grenze kennt. Damit sie ihm nicht zuvorkommt, reist er sofort dorthin. Als er an einem jungen Mädchen seinen Durst löscht, ahnt er nicht, dass er eine Auserwählte tötet.

In Sydney taucht ein veränderter Jeff Warner in Codds Büro auf – und gibt dessen Sekretärin, die wie Codd eine Dienerkreatur der Vampire ist, auf mysteriöse Weise ihre Menschlichkeit zurück.

Lilith und Duncan werden in New Delhi vom indischen Korrespondenten Himachal Pradesh in Empfang genommen. In der Nacht überfallen Vampire ihr Hotel – und töten Duncan Luther!

In Nepal versucht Landru vergeblich, zum Tempel vorzudringen, wo er den Lilienkelch vermutet. Die Mönche besitzen unirdische Kräfte. Und sie fordern ein neues Opfer für das, welches Landru tötete. Lilith, die in Fledermausgestalt zu dem Dorf gelangt ist, nimmt die Stelle des neugewählten Opfers – einer Frau namens Usha – ein und wird in den Tempel gebracht …

 

Die Blutbibel

von Adrian Doyle

Die Göttliche verließ die Sänfte, die von ihren Inkarnationen ins Tempelinnere getragen worden war. Hoch über ihr schwebte das Opfer, das die Bewohner des Dorfes Yakshamalla als Ersatz gewählt hatten, um die Fortschreibung der EWIGEN CHRONIK zu sichern.

Während Onans Blicke sich an der makellosen nackten Gestalt weideten, studierte ihr drittes – das unsichtbare – Auge anderswo die blutbeschriebenen Seiten eines monströsen Buches.

Der Befehl, das Opfer zu häuten, war bereits ergangen, als Onan den Betrug erkannte, der ihren Inkarnationen verborgen geblieben war.

Sie bebte vor Zorn.

Und mit ihr bebten Luft und Raum, Tempel und Berg …

New Delhi

Nachtschicht.

Venkatarama Sastri liebte diese Zeit. Sie war eine kleine, beleibte, komplexbeladene Frau, die ihren Frieden am ehesten dann fand, wenn sie allein – oder hier – war.

Nur von Toten umgeben war sie allein, ohne sich einsam fühlen zu müssen. Für zehn Stunden war sie das einzig Lebendige in diesem Gebäudetrakt!

Der schlichte Flachbau war der Polizei-Pathologie wie ein übervolles Warenlager angegliedert. Hier wurden jene Leichen aufbewahrt, an denen am nächsten Tag weitergearbeitet werden sollte. Oder die es schon hinter sich hatten.

Sastri fand keinen Schrecken an den kühlen Leibern. Jede Metzgerei in Delhi und Umgebung stellte widerlichere Details zur Schau. Dass hier Menschen auf das reduziert wurden, was sie nach Verlust ihrer Seele waren, empfand sie als durchaus faszinierend. Sonst hätte sie sich auch nicht um den Job beworben.

Die einzigen Opfer, mit denen sie überhaupt Mitleid verspürte, gingen auf die Konten gieriger Ehemänner und böser Schwiegermütter. In Indien war es an der Tagesordnung, dass wehrlose Ehefrauen kurzerhand mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib angezündet wurden, wenn horrende Mitgiftsnachforderungen von den Brauteltern nicht aufgebracht werden konnten. Ein kleiner Wohnungsbrand – und der Weg zur nächsten, rentableren Hochzeit war frei.

Kein Hahn krähte danach.

Ermittlungen bei Mitgiftsmorden verliefen immer im Sand. Schon weil es so gut wie keine weiblichen oder auch nur neutralen Richter gab, die sich mit diesem Schandmal der indischen Gesellschaft auseinanderzusetzen wagten.

Wann immer eine dieser verkohlten Frauenleichen angeliefert wurde, empfand Sastri die eigene Hässlichkeit nicht mehr gar so schlimm. Als Vollwaise hatte sich nie ein Mann für sie interessiert – nicht einmal aus profanen Geldgründen. Sie war in einem der vielen Elendsheime der Stadt groß geworden. Nur ihrer eisernen Disziplin und einem absoluten Überlebenswillen hatte sie es zu verdanken, dass sie nicht schon im zarten Kindesalter von den Mühlen der Bürokratie zerrieben worden war.

Heute, mit Ende Zwanzig und knapp drei Zentnern Gewicht, hatte sie es immerhin zu diesem Hilfsarbeiterposten gebracht, bei dem sie nicht mehr zu tun hatte, als etwas zu hüten, was perverserweise immer noch Anreiz zum Stehlen bot.

Seit eine spezielle Mafia guterhaltene Leichen klaute, um sie an medizinische Institute für illegale Studienzwecke weiter zu verhökern, war ein Wächter nötig geworden. Sastri war mit einem eher lächerlichen Knüppel und einem Alarmgeber ausgerüstet. Beides lag unweit des Eingangs auf einem Tisch neben der Flasche Bier, die sie sich zu jeder Schicht mitbrachte und welche sie nach ihrem ersten Rundgang leerte.

Rani hatte ein Faible für ausländisches Bier (eine ihrer Bekanntschaften arbeitete in einer kleinen Import-Export-Firma) und für gutgebaute, tote Männer.

Sie sah sofort, wenn sich etwas an dem Arrangement des Vortags verändert hatte. Ein flüchtiger Blick über die unter kaltem Neonlicht liegenden »gedeckten« Tische reichte ihr schon, um zu wissen, wer neu war.

Zielstrebig ging sie auf den ersten Kandidaten zu.

Einmal, ziemlich zu Beginn ihrer »Laufbahn«, erinnerte sie sich, hatte sie einen Toten aufgedeckt, dessen Glied pfeilgerade erstarrt in die Luft ragte. Entweder hatte sich einer der Ärzte einen derben Scherz erlaubt – was aber immer noch nicht die Größe der Erektion erklärt hätte –, oder der Ärmste war tatsächlich mit diesem phantastischen Ständer hingerafft worden. Das Opfer hatte ein feinsäuberlich in die Brust gestanztes Loch aufgewiesen. Eine einzige Kugel, vielleicht von einem gehörnten, aber zielsicheren Ehemann abgefeuert, hatte für einen ultimaten Coitus interruptus genügt.

In der folgenden Nacht hatte Sastri eine billige Kamera mitgebracht, um das »Wunder« für private Zwecke zu verewigen. Leider war der Tote aber schon weitergewandert und nicht mehr auffindbar gewesen.

Seit dieser Zeit hatte Sastri immer einen Fotoapparat dabei. Aber nie wieder war ihr ein solcher Glücksfall für ihr heimisches Archiv der großen und kleineren Unappetitlichkeiten untergekommen …

Venkatarama Sastri grinste flüchtig.

Dann hob sie das Leinentuch hoch.

Das erste, was ihr auffiel, war, dass der Tote kein Inder oder Asiate war. Er sah irgendwie … britisch aus. Und verdammt gut, wenn man davon absah, dass er eben tot war.

Wer ihm (Sastris Blick fing den hingeschmierten Zettel an der großen Zehe ein) nicht nur sprichwörtlich das Genick gebrochen hatte, ging aus dem knappen Protokoll nicht hervor. Aber der Name des Unglücksraben: Luther Keaton.

Sie zog das Tuch vollständig von dem blassen Körper und musterte ihn sachkundig.

»Genau meine Kragenweite«, witzelte sie, legte das Tuch zusammengeknüllt auf den Nachbartisch und lenkte ihre Fettmassen erstaunlich behände zur Tür zurück, wo sie ihre Kamera neben den anderen Utensilien hinterlegt hatte.

Sie wollte gerade danach greifen, als es von draußen gegen die Tür klopfte.

Sastris Hand krallte sich unbewusst in ihre riesige Brust. Ihr Herz stotterte einige Sekunden unentschlossen vor sich hin, und in ihrem Mund sammelte sich Speichel, weil sie nicht einmal zu schlucken wagte.

Es kam höchst selten vor, dass sich um diese Zeit jemand hierher verirrte. Nur ganz selten gab es einige dringliche Fälle, die nicht warten konnten. Aber diese wurden meist gar nicht erst hierher gebracht, sondern gleich in den Sezierräumen (zu denen Sastri keinen Zutritt hatte, was sie sehr bedauerte) belassen.

»Wer … ist da?«

Statt der Kamera fanden ihre Finger den schweren Knüppel.

»Öffne!«

Sastri spreizte die Finger, ließ die Schlagwaffe fallen und schloss die Tür auf.

Sie wunderte sich.

Über sich selbst, dass sie dem Befehl ohne Zögern nachkam.

Drei Männer in teuren Anzügen – Ärzte? – drangen in den hallengroßen Raum. Einer blieb bei Sastri zurück, während die beiden anderen denselben Weg nahmen, den die Wächterin gerade gekommen war: Sie eilten schnurstracks auf den bereits aufgedeckten Toten zu.

Sastri wollte protestieren. Sie kannte keinen der drei und zweifelte, dass sie zum Institut gehörten.

Aber der Mann neben ihr gab ihr mit einem einzigen Wort zu verstehen, dass ihr Engagement derzeit nicht gefragt war.

»Still!«

Sastri hatte ein Gefühl, als würde ihr die Zunge im Munde faulen. Angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der die Eindringlinge vorgingen, klopfte die Angst mit Verspätung – doch nun umso gewaltiger – im Bewusstsein der fetten Frau an.

Sie sah sich nach einem Stuhl um.

Als sie ihn fand, nickte die Gestalt neben ihr.

»Setz dich!«

Der Stuhl stand vor einem Tisch mit ein paar offene Karteikästen und Schreibutensilien.

Sastri hockte sich davor. Sie wollte den Kopf wenden, um zu sehen, was die beiden anderen Kerle bei der Leiche des Ausländers taten, aber es ging nicht. Sie brachte nicht genügend Kraft auf, ihren Willen durchzusetzen.

Der Mund des Fremden näherte sich ihrem Nacken. Kühle Lippen strichen über ihre Haut und lösten eine Gänsehaut aus.

»Nimm einen Schein und fülle ihn aus«, sagte der Mann. »Mit deinen Personalien! Mutmaßliche Todesursache … Vergiftung.« Er lachte. »Damit sie auch schön tief wühlen.«

Obwohl Sastri längst dämmerte, dass sie sich damit ihr eigenes Grab grub, gehorchte sie. Mit zitternder Hand nahm sie eines der Kärtchen und füllte die leeren Linien. Als sie bei »Vergiftung« anlangte, spürte sie einen Krampf in der Kehle.

»Was – wollt ihr – denn von mir?«, krächzte sie weinerlich. »Be-bedient euch! Nehmt, was immer ihr wollt … Ich habe nichts gesehen! Ihr – könnt mich bewusstlos schlagen …«

Ihr flehender Blick traf den Knüppel, nach dem die Hand auszustrecken ihr unmöglich geworden war.

»Bedienen«, echote der Fremde. »Ein hübsches Angebot … wenn du etwas hübscher wärst. Aber du bist grottenhässlich! Dein Leben war bestimmt nicht schön. Sei froh, wenn du es hinter dir hast.«

Sastri hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Gerade die Beiläufigkeit, mit der der Fremde über das sprach, was ihr blühte, machte sie verrückt vor Angst.

»Ihr wollt mich – töten …?«

»Aber nein!«

Ein absurdes Gefühl von Hoffnung zuckte durch ihren Verstand. »N-nein?«

Ein Luftzug streifte sie, als die beiden anderen Männer mit dem Toten an ihr vorbeizogen und die Halle verließen.

Als sie nach einiger Zeit zurückkehrten, besprachen sie sich flüsternd mit demjenigen, der schweigend bei Sastri ausgehalten hatte. Als er etwas sagte, schien es sie zu amüsieren, und sie wandten sich gleichzeitig der beleibten Frau zu, die immer noch vor dem Tisch saß, als sei sie festgeklebt.

»Steh auf!«, sagte einer.

»Ich … will nicht … sterben …«

Ihr Körper war anderer Meinung. Er erhob sich und lenkte die Schritte mit abgehackten Bewegungen dorthin, wohin ihn das Trio haben wollte.

»Zieh dich aus!«

Sastri zog sich aus.

»Habt ihr schon mal ein solches Fettgebirge gesehen?«

Sastri versuchte, wegzuhören. Sie musste sich auf den frei gewordenen Leichentisch legen und erhielt den Befehl, die Augen zu schließen und sich nicht mehr zu rühren. Dann spürte sie, wie sich jemand an ihrem großen Zeh zu schaffen machte. Sastri wusste, was geschah, obwohl sie nicht mehr in der Lage war, die Lider, in denen sich plötzlich ihre vollen drei Zentner zu stauen schienen, zu heben.

Als nächstes werden sie mich vergiften, dachte sie froststarr. Aber – warum …? Warum tun sie mir das an …?

»Du hattest schon immer skurrile Einfälle«, hörte sie einen der Männer sagen. »Aber das hier schlägt dem Fass den Boden aus …!«

»Ein kurzer Besuch bei einem der Pathologen genügt«, sagte ein anderer. »Er wird sich danach mit Wonne ans Werk machen!«

Sie lachten, obwohl Sastri geschworen hätte, dass diese Leute keine Spur von Humor besaßen.

Als nächstes hörte sie den Befehl: »Du atmest jetzt so flach wie noch nie, meine Süße, und zuckst mit keiner Wimper mehr! Dein Puls wird GANZ LANGSAM, aber du selbst bleibst HELLWACH. Hellwach, hast du verstanden? Auch Schmerz wird dich nicht dazu verleiten, mit einem einzigen Muskel zu zucken! Wie tot wirst du daliegen und ALLES über dich ergehen lassen …!«

Spätestens in diesem Moment begriff Sastri, welches Schicksal ihr wirklich zugedacht war.

Sie spürte, wie sich ein Tuch über sie wölbte. Sie hörte Schritte, die sich ohne Hast entfernten … Eine Tür schlug zu …

Ihr Herz schlug wie in einen nassen Schwamm gewickelt und mit einem Minimum an Aufwand. Das Leben in ihr hielt einer flüchtigen Überprüfung nicht mehr stand.

Sie wollte schreien.

Ihre Lippen blieben stumm.

Sie wollte fliehen.

Ihre Beine und der Rest des Körpers waren wie mit Blei ausgegossen.

Tonnenschwer.

Irgendwann ging eine Tür auf.

Irgendwann setzte sich die Rollbahre, auf der sie starr und stumm und dem Tode geweiht lag, in Bewegung.

Dolpo, West-Nepal

Kumar Dass Thoker drehte sich nicht um, als eine der Türen zum Scriptorium aufging. Sorgfältig tauchte er den Federkiel ins Tintenfass und vollendete das begonnene Kalligramm. Es zeigte einen stilisierten Drachen, dessen Körper mit einem Keilschrift-Vers gefüllt war, den Kumar zuvor in schweißtreibender Trance niedergeschrieben hatte.

Die künstlerische Verquickung aus Text und Bild schmückte die letzte Zeile. Mit ihr war das Blatt vollendet. Jedes Pergament wurde nur auf einer Seite beschrieben und später vom Binder mit der vorherigen oder nachfolgenden vernäht, sodass das BUCH stets zu beiden Seiten gelesen werden konnte.

Als Kumar schließlich doch aufsah, stand Baghdi hinter ihm. Er war einen Kopf kleiner als Kumar, wog kaum die Hälfte und war von redseligem, fast geschwätzigem Temperament. Als er nun das Wort ergriff, wirkte er allerdings ungewohnt in sich gekehrt.

»Ich bin nur gekommen«, sagte er leise, »um dich zu fragen, ob du es auch spürst?«

Kumar hatte noch keine Zeit gefunden, sich mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen. Wenn er arbeitete, vergaß er die Welt um sich herum. »Ob ich was spüre?«

»Die Uhr in dir«, sagte Baghdi. »Das Ticken. Etwas daran hat sich – verändert …«

Kumar Dass Thoker lauschte in die Untiefen seines ihm fremd und gespenstisch gewordenen Körpers, der die alten Bedürfnisse abgestreift und neue angenommen hatte, über die nachzudenken nichts weiter als Verzweiflung erzeugte.

Kumar fand mühelos das bestätigt, was Baghdi ihm umständlich beschrieben hatte.

Etwas hatte sich verändert. Es war ihm über der konzentrierten, von Mal zu Mal anstrengender werdenden Arbeit nicht aufgefallen. Seine Lebensuhr, über die er aufgehört hatte sich Gedanken zu machen, schien plötzlich einem anderen, intensiveren Takt zu folgen. Es war, als hätte sich ihr »Ticken« beschleunigt.

»Ich spüre nichts!«, log er nichtsdestotrotz und hoffte, Baghdi damit aus der Schreibstube scheuchen zu können.

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