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Valentins-Zauber

1. KAPITEL

„Was sollen wir denn nur tun? Wir können ihr doch nicht sagen, dass sie nicht kommen soll. Nicht, wenn sie sich so viel Mühe gemacht hat, um uns zu finden. Es würde sie sicher verletzen. Aber im Moment können wir sie einfach nicht bei uns unterbringen. Das Haus platzt ja schon jetzt aus allen Nähten.“

Sorrel blickte ihre Mutter mitfühlend an. Es stimmte, der überraschend angekündigte Besuch hätte zu keinem ungeschickteren Zeitpunkt kommen können. Die Zwillinge waren in den Semesterferien zu Hause, ihr frisch verheirateter Bruder lebte mit seiner Frau auch erst einmal für eine Weile hier, und dann war da noch Onkel Giles, der praktisch zum ständigen Inventar gehörte. Die Farm war schlicht und einfach überbevölkert.

Hinzu kam, dass die preisgekürten Mutterschafe ihres Vaters viel zu früh geworfen hatten. Und nun war Sorrels Vater verständlicherweise ein wenig gereizt, weil er sich Sorgen um seine Tiere machte. Es war also wirklich nicht die beste Zeit, um eine unbekannte Cousine x-ten Grades aus Australien im Kreise der Familie zu begrüßen. Zudem hatte bisher niemand etwas von dieser Cousine gehört. Aber ihr Brief war in einem so freundlichen und warmen Ton verfasst, dass Sorrels Mutter es nicht über sich hatte bringen können, den Besuch abzusagen.

„Warum schreibst du ihr nicht und erklärst die Situation einfach?“, schlug Sorrel vor. Sie saßen zusammen in der Küche, das Gespräch untermalt von dem hungrigen Blöken der verwaisten Lämmchen, die Sorrels Mutter mit der Flasche großzog. „Mach ihr den Vorschlag, dass sie ihren Besuch auf später in diesem Jahr verschiebt.“

„Das geht nicht mehr“, kam die bedrückte Antwort. „Der Brief ist an die alte Farmadresse gegangen. Val wusste wohl nicht, dass wir hierhergezogen sind und das alte Farmhaus leer steht, seit Onkel Giles nicht mehr dort wohnt. Der Brief würde noch immer dort liegen, wäre Simon nicht mit Fiona hingefahren, um ihr das Haus zu zeigen.“

„Oh, sie waren also schon da. Und? Was hält Fiona davon?“, fragte Sorrel neugierig. „Es ist ja doch ziemlich abgelegen und nicht unbedingt modern ausgestattet …“

„Sie war begeistert. Das kann ich auch verstehen. Schließlich ist es kein berauschender Anfang für eine Ehe, bei den Schwiegereltern leben zu müssen.“

„Ma, du hast dir praktisch ein Bein ausgerissen, damit sie sich hier zu Hause fühlt“, protestierte Sorrel.

„Sie beschwert sich auch nicht, ganz im Gegenteil. Aber ich weiß noch, wie ich mich gefühlt habe, als ich damals bei deinen Großeltern eingezogen bin. Natürlich kam ich nicht vom Land, so wie Fiona. Sie hat sich wirklich wunderbar eingelebt. Bei Wind und Wetter hilft sie Simon und deinem Vater mit den Tieren, und dass die alte Farm so weit draußen liegt, macht ihr auch nichts aus. Im Moment gibt es weder Gas noch Strom oder Telefon dort draußen, aber dein Vater ist der Ansicht, dass es sich lohnt, alles installieren zu lassen. Wenn Simon und Fiona dort hinziehen, können sie viel mehr aus den Weiden herausholen als er.“

Sorrel kannte die komplizierte Familiengeschichte, die dazu geführt hatte, dass ihr Vater nicht nur die Farm seiner Eltern geerbt hatte, sondern auch das Land, das eigentlich seinem Onkel mütterlicherseits gehörte. Und da dieses Land saftigere Weiden aufweisen konnte als das Land seiner Eltern in den walisischen Bergen, war er mit der ganzen Familie umgezogen, als Sorrel noch ein kleines Mädchen gewesen war. Onkel Giles hatte die Führung der walisischen Farm übernommen. Vor zwei Jahren schließlich, nach einer schweren Lungenentzündung, hatte Giles dann zugeben müssen, dass das Leben eines walisischen Bergbauern ihm zu sehr zusetzte. Seither stand das Haus leer, nur im Sommer lebte Simon dort, wenn er sich um die Schafherden kümmerte.

Die Eltern von Sorrel waren eigentlich ein ungleiches Paar. Ihr Vater stammte aus einer langen Linie von walisischen Bergbauern, während ihre Mutter ein Stadtmensch war. Als junge Frau hatte sie sich – für jeden eigentlich unverständlich – Hals über Kopf in den Mann vom Land verliebt, der auf einer Tierauktion auf der Suche nach einem Zuchtschaf gewesen war. Die vier Kinder aus dieser Ehe spiegelten die Gegensätze der Eltern wider. Simon, der Älteste, hatte die Liebe zum Land von seinem Vater geerbt. Er hatte nie etwas anderes für sich gewollt, als in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Die Zwillinge waren in dieser Hinsicht verschieden. Während für James, den Wissenschaftler, das Leben, das sein Vater und Simon führten, zu eng war, hatte Mark, der sich eine Karriere in der Computerindustrie aufbaute, die tiefe Liebe zum Land mitbekommen.

Und was nun Sorrel betraf … nun, sie liebte das Land. Doch ihre Mutter beharrte immer darauf, dass die künstlerische Ader, die ihre Tochter zur selbstständigen Designerin von exklusiver Wollmode mit einem eigenen Geschäft gemacht hatte, von der Familie mütterlicherseits stammte – genau wie ihr Äußeres. Die Familie ihres Vaters fand ihre rote Lockenmähne außergewöhnlich, ebenso wie ihre Größe und die schlanke Figur. Dennoch … Sorrel verspürte eine tiefe Liebe für das Land und war sich bewusst, wie glücklich sie sich schätzen konnte, von zwei so verschiedenen Menschen großgezogen worden zu sein, die eine tiefe Liebe füreinander verband.

Ob das feste Band zwischen ihren Eltern ihr bessere Voraussetzungen mitgegeben hatte, um mit den Problemen fertig zu werden, die in heutigen Zeiten so oft eine Beziehung zerstörten? Diese Frage hatte sie sich häufig gestellt – noch häufiger, seit Andrew und sie sich verlobt hatten.

Denn Andrew hatte keinerlei Bindung zur Landwirtschaft. Sein inzwischen verstorbener Vater war Anwalt gewesen. Andrews Mutter lebte jetzt allein in ihrem alten Familiensitz. Andrew selbst führte ein erfolgreiches Antiquariat in Ludlow.

Sorrel und Andrew kannten sich seit der Schulzeit, und wenn ihrer Beziehung ein gewisser Funke fehlte … nun, das machte Sorrel nichts aus. Man konnte eben nicht alles im Leben haben.

Ihre Familie war nicht wirklich begeistert von ihrer Verlobung mit Andrew, aber sie war vierundzwanzig, also erwachsen genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Und wenn Andrew ihr manchmal mit seiner pedantischen Art und seinen altmodischen Ansichten auf die Nerven ging, dann erinnerte sie sich daran, dass sie ebenfalls nicht perfekt war. Allerdings wurde ihr in letzter Zeit immer bewusster, dass ihrer Beziehung etwas Wesentliches fehlte. Immer klarer wurde ihr, dass Andrews Entscheidung, sie würden erst nach der Hochzeit intim miteinander werden, nicht romantisch war, wie sie zuerst angenommen hatte, sondern auf gravierende Probleme in der Beziehung schließen ließ. Auch ihr eigenes Desinteresse gab ihr zu denken.

Sollte sie nicht anders fühlen? Müsste sie nicht mehr Sehnsucht nach ihm verspüren, ihn mehr drängen, versuchen, ihn zu verführen? Stimmte vielleicht etwas nicht mit ihr, da sie so anders war als andere junge Frauen ihres Alters?

Doch sie hatte keine Freundinnen, die ihr nahe genug standen, dass sie sich mit einer solchen Frage an sie wenden würde. Die, mit denen sie auf der Kunstschule gewesen war, lebten nicht hier, und jene, die sie noch aus der hiesigen Schule kannte, waren längst verheiratet und hatten eigene Familien.

Ihre Unzufriedenheit über die Beziehung zu Andrew war eigentlich erst gewachsen, seit Simon und Fiona auf der Farm lebten. Niemand, der die beiden zusammen sah, konnte auch nur den geringsten Zweifel daran hegen, wie sie füreinander fühlten. Die Blicke, ihre verstohlenen Berührungen, die Art, wie Fiona manchmal das Blut in die Wangen schoss … Ganz anders wie bei ihr und Andrew.

Eigentlich hatte sie gar keine Zeit, hier in der Küche zu sitzen. Sie sollte in dem Nebengebäude, das ihr Vater für sie umgebaut hatte, an ihre Arbeit gehen. Doch ihre Mutter kämpfte noch immer mit dem Problem der australischen Verwandten, die ihren Besuch angekündigt hatte, weil sie geschäftlich in England sein würde und ein paar Tage bei der Familie verbringen wollte, um alle kennenzulernen.

„Und was machst du nun?“, fragte Sorrel ihre Mutter zögernd.

„Es ist zu spät, um ihr abzusagen. Sie kommt übermorgen an. In ihrem Brief schreibt sie, dass sie sich einen Mietwagen nehmen wird und vom Flughafen direkt herfährt. Nun, nicht hierher, sondern zur alten Farm.“

„Wir werden am Flughafen eine Nachricht für sie hinterlegen lassen, mit der richtigen Adresse“, lautete Sorrels praktischer Lösungsvorschlag, doch ihre Mutter schüttelte vehement den Kopf.

„Nein, das wäre unhöflich und ungastlich! Stell dir doch nur vor, wie du dich nach einer so langen Reise fühlen würdest …“

„Unwillkommen“, bestätigte Sorrel prompt.

„Und wir können sie auch nicht einfach zum alten Farmhaus fahren lassen. Das ist ja kaum eingerichtet – nur das eine Zimmer, in dem Simon immer schläft, wenn er da oben ist, und die Küche. In deinem Zimmer hier ist auch kein Platz für ein Gästebett, und ich will nicht, dass das arme Ding auf dem Sofa schlafen muss. Was soll sie denn von uns denken? Aber Onkel Giles fährt ja nächste Woche zu Cousine Martha nach Cardiff, und in drei Tagen müssen die Zwillinge wieder zur Uni zurück. Also ist es ja nicht für lange.“

„Was ist nicht für lange?“, hakte Sorrel argwöhnisch nach. Dass ihre Mutter es tunlichst vermied, sie anzusehen, machte sie mehr als misstrauisch.

„Nun, dein Vater und ich haben darüber geredet, und … Es spricht nichts dagegen, warum ihr beide … Valerie und du … nicht die paar Tage oben auf der Bergfarm bleiben solltet. Simon kann die Vorräte hinauffahren. Das Haus ist nicht feucht, der Kamin funktioniert, und es gibt Öllampen.“

„Mutter, das ist unmöglich! Da oben gibt es doch nur ein Bett!“

„Aber es ist ein Doppelbett, nicht so ein schmales Ding wie deines hier. Außerdem hat Valerie erwähnt, wie sehr sie sich darauf freut, die Farm zu sehen. Schließlich wurden ihre Vorfahren dort geboren, bevor sie nach Australien ausgewandert sind.“

„Freiwillig, oder weil sie die schwarzen Schafe der Familie waren?“, warf Sorrel trocken ein. „Ma, überleg doch mal. Wenn wir nun überhaupt nicht miteinander zurechtkommen, dann sitzen wir da oben für drei Tage fest.“

„Ihr könntet ja für die Mahlzeiten zu uns herunterkommen.“

„Anderthalb Stunden Fahrt für das Mittagessen?“ Sorrel zog eine Augenbraue hoch. „Warum kann sie nicht für drei Tage in einem Hotel in Ludlow bleiben?“

„Das habe ich schon versucht. Alle Hotels sind ausgebucht. Die Leute bereiten sich auf das Festival vor.“

„Aber bis dahin sind es doch noch Monate!“ Dann sah Sorrel den Kummer und die Bedrücktheit in der Miene ihrer Mutter und gab sich geschlagen. „Nun, wahrscheinlich kann es nichts schaden, ein paar Tage dort oben zu bleiben.“

„Du warst doch immer gerne bei deinen Großeltern auf der Farm“, erinnerte ihre Mutter sie eifrig.

„Ja, im Sommer, aber nicht im März. Außerdem war ich damals völlig hingerissen von der Geschichte. Ich habe mir immer ausgemalt, wie die tapferen Waliser sich gegen die Übermacht ihrer britischen Herren aufgelehnt haben.“

„Siehst du, das ist doch wunderbar.“ Die gute Laune ihrer Mutter kehrte zurück. „Deine Cousine will alles über die Geschichte dieser Gegend erfahren, und du weißt mehr darüber als alle anderen von uns. Und einen von den Zwillingen kann ich ja nicht schicken …“

„Warum nicht?“, fragte Sorrel harmlos. „Sie ist schließlich auch deren Verwandte.“

„Sorrel, du weißt genau, was ich meine. Es wäre nicht recht. Nicht, wenn da oben nur ein Doppelbett steht …“ Sie brach ab, als Sorrel herzhaft zu lachen begann. „Oh, du wusstest ganz genau, was ich damit sagen will!“

Simon und Fiona tauchten in der Küchentür auf. Simon zog sich erst die schmutzigen Gummistiefel aus, bevor er sich zu seiner Frau umdrehte.

„Gib mir die Lämmer, ich lege sie vor den Ofen auf die Decke.“

„Oh nein, nicht noch mehr!“ Mitleid für die winzigen reglosen Kreaturen regte sich sofort in Sorrel.

„Zwillinge.“ Simon nickte grimmig. „Das Mutterschaf haben wir verloren. Und so, wie die beiden hier aussehen, verlieren wir sie wahrscheinlich auch. Dad dreht völlig durch, sie hätten nicht so früh werfen dürfen. Und der Tierarzt ist nirgends zu erreichen.“

Sorrel kümmerte sich geschickt um die beiden Lämmer und sah erleichtert, dass sie noch lebten.

„Simon, wenn du Zeit hast, wirst du zur alten Farm fahren müssen. Sorrel wird dort ein paar Tage mit Valerie bleiben, nur bis die Jungs wieder zur Uni zurückkehren. Dann haben wir ein Zimmer hier unten für sie.“

„Ma hat dich also breitgeschlagen, was?“, flüsterte Simon Sorrel zu und drehte sich dann grinsend zu Fiona um. „Ich hab die Wette gewonnen! Du schuldest mir fünfzig Pence.“

„Was? Oh, ich hätte es wissen müssen!“ Sorrel verzog das Gesicht. Ihre Mutter war eben eine unschlagbare Strategin! Aber jetzt war es zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen. Zu spät, um zu protestieren, weil sie viel zu beschäftigt war, um drei Tage mit einer unbekannten Verwandten zu verbringen, mit der sie wahrscheinlich außer dem Familiennamen nichts gemeinsam hatte.

„Es wird bestimmt nett“, versuchte die Mutter Sorrel aufzumuntern, als die ganze Familie beim Abendessen zusammensaß. „Du kannst ihr die Tagebücher zeigen. Ich bin sicher, das wird ihr gefallen.“

„Wo sind die überhaupt?“, fragte Sorrel. „Sie stehen sorgfältig verpackt auf dem Speicher. Simon soll sie für dich herunterholen, wenn er hinfährt.“

„Es ist ein wunderschönes altes Haus“, warf Fiona ein.

„Aber so einsam gelegen“, meinte Sorrel und lachte dann leise. „Aber das macht euch ja wohl nichts aus, oder?“

Gelächter am Tisch wurde laut, als Simon und Fiona einen vielsagenden Blick tauschten.

„Wir werden wahrscheinlich nicht mehr lange allein sein“, verkündete Simon stolz.

„Oh Simon, es ist doch noch viel zu früh, um sicher sein zu können“, protestierte Fiona verlegen.

Und Sorrel verspürte plötzlich eine unwillkommene Eifersucht in ihrem Herzen. Wie mochte es sein, jemanden zu lieben, so wie Fiona und Simon sich liebten? Wenn man ein ganzes Leben lang zusammen sein wollte, wenn man sich Kinder miteinander wünschte …

Ihre Beziehung zu Andrew war anders. Natürlich liebte sie ihn, und er würde ihr ein guter Ehemann sein. Aber wenn sie sich für ein paar Tage nicht sahen, dann verging sie nicht vor Sehnsucht nach ihm. Er war oft geschäftlich unterwegs, auch jetzt hatte sie ihn schon seit einer Woche nicht gesehen. Und dennoch lag sie nicht abends im Bett und sehnte sich nach seinen Küssen oder wünschte sich, sie wären endlich verheiratet, damit sie jede Nacht in seinen Armen liegen könnte, so wie Fiona zweifelsohne jede Nacht in Simons Armen lag. Bisher hatte sie das auch nicht gestört, aber aus einem unerfindlichen und völlig unlogischen Grund tat es das jetzt. Die einzige Erklärung, die sie dafür fand, war der unerwartete Besuch aus Australien. Und Sorrel hatte zugestimmt, drei Tage allein mit ihr zu verbringen. Was, um alles in der Welt, sollten sie in den drei Tagen nur machen?

Plas Gwynd war zehn Meilen von der nächsten Farm entfernt und fünfzehn Meilen vom nächsten Dorf. Das Haus stand an einem Berghang, grau und düster, gegerbt durch Wind und Wetter in über fünfhundert Jahren. Um das Haupthaus standen unzählige Nebengebäude und Anbauten, in denen Generation auf Generation gelebt hatte.

Im Frühling und Sommer zeigten die Landschaft und der Garten sich in einer atemberaubenden Pracht, und es stimmte, dass die Berge dem Haus einen gewissen Schutz vor den Schneegestöbern im Winter boten. Doch die Schafe schützte nichts vor der Kälte. Kein Wunder, dass ihr Vater die Möglichkeit ergriffen hatte, die saftigeren Weiden zu nutzen, die sein Onkel mütterlicherseits ihm hinterlassen hatte, anstatt weiterhin in dem einsam gelegenen walisischen Farmhaus zu bleiben. Das Leben dort oben war hart und karg, und kein Bergbauer war jemals reich geworden.

Nach dem Essen ging Sorrel hinüber in die Scheune, die zu ihrem Studio umgebaut worden war. Sie arbeitete gern bis spät in die Nacht, denn die abendliche Ruhe klärte ihre Gedanken von all dem Trubel des Tages.

Ihre Inspiration zog sie aus den Dingen, die sie um sich herum sah. Manchmal griff sie auch auf Erinnerungen aus der Kindheit zurück. Nachdem Sorrel die Faszination von Mustern und ihre Vorliebe für Wolle erkannt hatte, war sie während der Ferien oft in Schottland gewesen, um alles über die Techniken herauszufinden, die dort seit Generationen genutzt wurden. Manche ihrer Muster jedoch waren sehr modern, vereinten innovative Ideen und leuchtende Farben.

In ihrem Zimmer lag noch immer die wollene Tagesdecke auf dem Bett, die sie auf der Kunstschule gewebt hatte. Sie behielt sie nicht nur aus sentimentalen Gründen. Noch heute entwarf sie solche Tagesdecken, und die Stücke verkauften sich gut. Wie auch die Wandteppiche, mit denen sie vor zwei Jahren angefangen hatte. Die Nachfrage wuchs inzwischen stetig.

Ihr Blick fiel auf den Webrahmen, auf dem das neue Muster eingespannt war, an dem sie gerade arbeitete. Den könnte sie mit zur Farm nehmen, dann hätte sie etwas zu tun, falls das Zusammensein mit der unbekannten Cousine ihr zu viel werden sollte.

„Hast du alles? Decken, Laken, Handtücher, Seife, Proviant? Simon sagt, Kerzen sind da und Öl für die Lampen, und er hat auch Holz und Anzünder für den Kamin in den Land Rover geladen.“

„Ma, wir verbringen drei Tage dort, nicht drei Monate“, erinnerte Sorrel ihre besorgte Mutter geduldig.

„Ich weiß, Liebes, aber Giles hat heute Morgen behauptet, er kann in seinen alten Knochen fühlen, dass schlechtes Wetter aufzieht.“

„Dann hätten sie doch etwas davon im Wetterbericht gesagt, oder?“, versuchte Simon zu beruhigen. „Vielleicht auch nicht. Euer Onkel hat sein ganzes Leben in den Bergen zugebracht.“

„Er wird alt, Ma“, sagte Simon milde. „Manchmal bringt er ein paar Dinge durcheinander. Mach dir keine Sorgen. Bist du so weit, Sorrel?“

„So gut wie.“ Sorrel freute sich nicht unbedingt auf die nächsten drei Tage, ob nun mit oder ohne schlechtem Wetter. Nun, sie konnte nicht mehr zurück. Ihre Mutter war so erleichtert, dass sie es gar nicht übers Herz gebracht hätte. Außerdem würde es ja nicht ewig dauern. Vielleicht war diese Valerie ja sogar richtig nett, dann würde die Zeit schnell vergehen, und es wäre schön, noch eine Frau in der Familie zu haben. Sorrels üble Laune vom Abend lichtete sich ein wenig, als sie auf den Beifahrersitz kletterte. Simon lud noch das restliche Gepäck ein und stieg dann hinter das Steuer.

„Hoffen wir, dass sie den Hof überhaupt findet“, murmelte Sorrel gute anderthalb Stunden später, als sie von der Landstraße auf den schlammigen Feldweg einbogen, der zur Farm führte.

„Es ist doch relativ gut ausgeschildert. Wenn sie allerdings die Abzweigung im Dorf verpasst … Wann soll sie denn ankommen?“

„Das Flugzeug landet um Mittag in Heathrow, also gehe ich davon aus, dass sie irgendwann später am Nachmittag auftaucht. Bleibst du so lange, um sie zu begrüßen?“

„Geht nicht.“ Simon schüttelte den Kopf. „Bei einem halben Dutzend weiterer Mutterschafe sieht es so aus, als würden sie bald ihre Lämmer zur Welt bringen.“

Er bremste auf dem Kopfsteinpflasterhof ab und öffnete die Fahrertür. Sorrel erschauerte, als die kalte Luft sie erreichte. Hier oben war es viel kälter als zu Hause. Schneebedeckte Berge waren am Horizont zu sehen, der Boden war gefroren, und die Bäume reckten kahle Äste gen Himmel.

„Bringen wir alles hinein.“ Simon nahm den ersten Karton mit Proviant und stellte ihn unter das kleine Vordach, das die Hintertür schützte.

Der Steinboden der Küche war eiskalt, Sorrel spürte es sogar durch die Stiefel, die sie trug. „In Australien ist jetzt Sommer, oder?“ Sie begann, mit den Zähnen zu klappern. „Ich frage mich, ob Val überhaupt weiß, wie kalt es bei uns ist.“

„Es ist nur so schlimm, weil das Haus so lange leer gestanden hat. Warte, bis der Herd erst angefeuert ist.“

„Das übernehme ich.“ Sie wusste, dass Simon so bald wie möglich wieder zurückfahren wollte. „Lade du den Wagen aus.“

Dann füllte sie den Wasserkessel und stellte ihn auf den Gaskocher, den sie mitgebracht hatten. Simon schleppte schon die letzte Ladung ins Haus. Der Herd brannte jetzt und hatte dem Raum die erste Kälte genommen.

„Ich fülle noch die Öllampen auf“, sagte Simon. „Das Schlafzimmer ist nicht feucht, das habe ich überprüft, als ich mit Fiona hier war. Und lass den Boiler nicht ausgehen, sonst hast du kein warmes Wasser. Warum machst du dir oben nicht Feuer im Kamin?“

Sie hatte vergessen, dass es im Schlafzimmer einen offenen Kamin gab. Angesichts der Temperaturen und des eisigen Windes, der ums Haus fegte, schien ihr das eine gute Idee.

Sorrel und Simon tranken eine Tasse Tee zusammen, bevor er sich wieder auf die Rückfahrt machte. Nachdem er abgefahren war, kam sie sich gar nicht so verlassen vor, wie sie erwartet hatte. Wahrscheinlich, weil es noch so vieles zu tun gab.

Im Schlafzimmer war es zwar nicht feucht, aber dafür eiskalt. Sorrel zündete den Kamin an, dann machte sie sich daran, das große alte Bett zu beziehen. Ihre Mutter hatte ihr glücklicherweise das große Federbett mitgegeben und, zu Sorrels Überraschung, auch die dicke Patchwork-Tagesdecke, die früher immer auf dem Bett gelegen hatte. Die Decke stammte noch aus der Aussteuer ihrer Großmutter.

Das Feuer prasselte munter im Kamin und warf lustige Schatten auf die weißen Wände. Die Decke lag auf dem Bett, und plötzlich sah es richtig gemütlich aus in dem Zimmer. Eine ganz andere Sache allerdings ist das altmodische Bad, dachte Sorrel zähneklappernd, kaum dass sie wenige Minuten hier drinnen verbracht hatte. Sie beneidete ihre Großeltern wahrlich nicht dafür, wenn sie an einem kalten Wintermorgen das warme Bett hatten verlassen müssen.

Das Bad brauchte dringend eine Grundreinigung, aber da hatte ihre Mutter sie schon vorgewarnt. Und so wurde ihr ein wenig wärmer, während sie schrubbte und scheuerte.

Als sie wieder nach unten kam, hatte der Herd die Küche inzwischen angenehm aufgewärmt, und so staubte Sorrel den alten Eichenschrank ab, um das mitgebrachte Geschirr einzuräumen. Die wenigen Tassen und Teller wirkten recht verloren in einem Büfett, das dazu gedacht war, das gesamte gute Porzellan der Familie zur Schau zu stellen.

Sie war zu beschäftigt, um überhaupt zu bemerken, dass das Licht vor den Fenstern sich änderte und eine bedrückende Stille in der Luft lag. Aber ein wohl angeborener Instinkt ließ sie schließlich den Kopf heben und zum Fenster schauen. Ihr Mut sank, als sie das Schneegestöber vor den Scheiben bemerkte.

Also hatte Onkel Giles recht gehabt. Wie spät war es inzwischen? Sorrel schaute auf ihre Armbanduhr. Kurz nach vier. Noch zu früh, um Valerie zu erwarten. Falls sie es überhaupt bis hierher schaffte. Wenn das Wetter noch schlechter wurde, dann würden die Bergpässe bald nicht mehr befahrbar sein und die Farm wäre abgeschnitten. Das passierte eigentlich jeden Winter.

Alles war nun vorbereitet. Sorrel konnte jetzt nichts anderes mehr tun als warten … und hoffen, dass Cousine Val nicht im Schnee stecken blieb.

Val lebte in Perth, und auch wenn Sorrel nur wenig über das australische Klima wusste, so vermutete sie doch, dass sie dort nicht solche Winter ertragen mussten wie hier in den walisischen Bergen. Sorrel fragte sich auch, was Vals Eltern wohl darüber dachten, dass ihre Tochter um die halbe Welt flog, um unbekannte Verwandte zu treffen. Und wie mochte Val wohl sein?

Eine weiße Decke hatte sich bereits über die Landschaft gelegt, der Wind war stärker geworden und wirbelte dicke Flocken ums Haus. Sorrel erschauerte. Hier in dem alten Haus war sie sicher und warm, und Simon würde in drei Tagen kommen, um sie abzuholen. Doch jetzt, bei diesem Wetter, fahren zu müssen wäre schlimm. Wie weit mochte die Cousine wohl gekommen sein? Wahrscheinlich bis Ludlow mit seiner alten Schlossruine. So zerfallen die Burg auch war, man konnte sich immer noch gut vorstellen, welche Macht einst von dort ausgegangen sein musste. Oder hatte Val Ludlow längst hinter sich gelassen und fuhr schon durch die Berge?

Der Wasserkessel summte vor sich hin, und Sorrel erschauerte unwillkürlich. Sie fühlte eine seltsame Unruhe in sich, die eigentlich völlig untypisch für sie war. Es war ihr ausgeglichenes, ruhiges Wesen, was Andrew besonders an ihr schätzte. Was ihre Familie wiederum amüsierte.

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