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Valentina und der venezianische Verführer

1. KAPITEL

Als Tina Henderson Luca Barbarigo das letzte Mal gesehen hatte, war er nackt gewesen. Atemberaubend nackt. Luca verkörperte männliche Schönheit in Perfektion – wenn man mal von den leuchtend roten Striemen absah, die damals auf seiner Wange geprangt hatten.

Und was nun all das anging, was danach geschehen war …

Tina schluckte. Es war schon schlimm genug, sich an ihre letzte Begegnung zu erinnern. Sie wollte ganz bestimmt nicht daran denken, was später passiert war. Sie musste sich verhört haben. Ihre Mutter konnte nicht diesen Mann meinen. So übel konnte das Leben ihr einfach nicht mitspielen. Tina umklammerte den Telefonhörer noch fester und konzentrierte sich ganz auf die Worte ihrer Mutter.

„Von … wem hast du gerade gesprochen?“

„Hörst du mir überhaupt zu, Valentina? Du musst unbedingt mit Luca Barbarigo reden. Du musst ihn zur Vernunft bringen.“

Unmöglich. Sie hatte sich geschworen, den Mann niemals wiederzusehen.

Mehr als das. Sie hatte es sich versprochen.

„Valentina! Du musst kommen. Ich brauche dich hier. Sofort!“

Tina kniff sich in die Nasenwurzel und versuchte, die widersprüchlichen Erinnerungen zu verdrängen – die Bilder von der unglaublichsten Nacht, die sie je erlebt hatte, wie Luca sich nackt vom Bett erhoben hatte, und an die Gefühle danach. Die Mischung aus Zorn, Qualen und Verzweiflung.

Tina verdrängte den Schmerz und steigerte sich in ihre Wut hinein. Oh ja, sie war aufgebracht und nicht nur über das, was in der Vergangenheit passiert war. Wie typisch für ihre Mutter, dass sie sich nach über einjähriger Funkstille nicht etwa meldete, um ihr verspätete Geburtstagsglückwünsche auszurichten, wie Tina naiverweise geglaubt hatte, sondern weil sie etwas von ihr wollte.

Wann brauchte Lily eigentlich nicht etwas? Sei es Aufmerksamkeit, Geld oder die Bewunderung einer scheinbar endlosen Reihe von Ehemännern und Liebhabern.

Und jetzt glaubte sie doch tatsächlich, ihre Tochter würde alles stehen und liegen lassen, um nach Venedig zu fliegen und sich mit einem Mann wie Luca Barbarigo auseinanderzusetzen?

Keine Chance.

Außerdem war es gar nicht möglich. Venedig lag am anderen Ende der Welt, und sie wurde hier auf der familieneigenen Farm in Australien gebraucht. Nein, egal, welches Problem ihre Mutter mit Luca Barbarigo auch hatte, sie musste es allein lösen.

„Tut mir leid“, begann Tina und warf ihrem Vater quer durch den Raum einen beruhigenden Blick zu, um ihm zu signalisieren, dass sie alles unter Kontrolle hatte. Ein Anruf von Lily brachte sie immer beide in Habachtstellung. „Aber ich kann unmöglich …“

„Du musst etwas tun!“, kreischte ihre Mutter so laut in die Leitung, dass Tina den Hörer ein Stück vom Ohr weghielt. „Er hat mir gedroht, mich aus dem Haus zu werfen! Verstehst du denn nicht? Du musst kommen!“, beharrte sie und ließ darauf eine ganze Flut französischer Flüche folgen, obwohl Lily D’Areincourt Beauchamp gebürtige Engländerin war.

Tina verdrehte die Augen, während die Tirade anhielt. Sie bemühte sich gar nicht erst, ihrer Mutter zu folgen, denn sie hatte deren Spielchen reichlich satt und fühlte sich plötzlich völlig erschöpft. Den ganzen Tag hatte sie ihrem Vater geholfen, die Schafe auf das Scheren vorzubereiten, und dabei war ihre Arbeit noch lange nicht beendet. In der Küche wartete noch ein Berg Geschirr auf den Abwasch, und danach musste sie den Stapel Rechnungen abarbeiten, der erledigt sein musste, bevor sie am nächsten Tag zu ihrem Termin bei der Bank in die Stadt fuhr. Tina rieb sich die pochende Schläfe. Sie hasste die Termine mit dem Filialleiter ihrer Bank. Sie hasste das Gefühl, von vornherein im Nachteil zu sein.

Obwohl der Filialleiter im Moment noch ihr geringstes Problem war …

Am anderen Ende des Raumes legte ihr Vater die Geschäftsbücher beiseite, in denen er zu lesen vorgegeben hatte, warf ihr einen mitfühlenden Blick zu und verschwand dann in der großen Landhausküche – also war er auch keine wirkliche Hilfe. Allerdings musste man ihm zugestehen, dass er bereits vor fünfundzwanzig Jahren jeglichen Kontakt zu Lily abgebrochen hatte.

Tina hörte das Klappern der alten Wasserrohre, als ihr Vater den Hahn aufdrehte, gefolgt vom dumpfen Aufsetzen des Wasserkessels auf der Herdplatte. Ihre Mutter redete derweil immer noch auf sie ein. „Okay, Lily“, schaffte Tina in einer Atempause zu sagen. „Wie kommst du auf die Idee, dass Luca Barbarigo dich aus dem Palazzo werfen will? Immerhin ist er Eduardos Neffe. Warum sollte er so etwas tun? Und bitte in Englisch, wenn es dir nichts ausmacht. Du weißt, dass mein Französisch eingerostet ist.“

„Ich habe dir doch geraten, mehr Zeit in Europa zu verbringen“, schimpfte ihre Mutter, die das Thema genauso schnell wechseln konnte wie die Sprache, „anstatt dich im australischen Outback zu vergraben.“

„Man kann Junee wohl kaum als Outback bezeichnen“, wandte Tina zur Verteidigung der mittelgroßen Stadt in New South Wales ein, die weniger als zwei Autostunden von Canberra entfernt war. Außerdem hatte sie sich hier nicht vergraben, sondern einen taktischen Rückzug aus einer Welt angetreten, mit der sie nichts mehr zu tun haben wollte. „Und du hast mir immer noch nicht erklärt, was los ist. Warum droht Luca Barbarigo dir damit, dich aus dem Palazzo zu werfen? Welches Druckmittel hat er gegen dich in der Hand? Eduardo hat dir den Palazzo doch vermacht, oder etwa nicht?“

Ihre Mutter wurde ungewöhnlich still. Tina hörte das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims und dann das Knarren der Hintertür, als ihr Vater nach draußen ging – vermutlich, um nicht mitbekommen zu müssen, in welche Schwierigkeiten sich Lily jetzt wieder gebracht hatte. „Nun“, sagte diese schließlich, wobei sie plötzlich ziemlich kleinlaut klang, „es könnte sein, dass ich mir Geld von ihm geliehen habe.“

„Du hast was getan?“ Tina kniff die Augen zusammen. Luca Barbarigo hatte den Ruf, ein Bankier zu sein, von dem man sich nur im äußersten Notfall Geld lieh, weil seine Zinsen entsprechend hoch waren. Auf diese Weise hatte er ein Vermögen gemacht und die leere Schatzkammer seiner Familie wieder gefüllt. Sie schluckte. Dass ihre Mutter sich bei all ihren Kontakten ausgerechnet von ihm Geld geborgt hatte! „Aber warum?“

„Ich hatte keine andere Wahl!“, erwiderte Lily. „Von irgendwoher musste ich das Geld schließlich bekommen, und da er zur Familie gehört, dachte ich, er würde sich um mich kümmern. Das hat er ja auch versprochen.“

Und ob er sich um sie gekümmert hatte. Dabei hatte er die Situation gleich zu seinem Vorteil ausgenutzt. „Wofür hast du das Geld gebraucht?“

„Zum Leben natürlich. Du weißt doch, dass Eduardo mir nur noch einen Bruchteil von dem Vermögen, das er mal besessen hat, hinterlassen hat.“

Und das hast du ihm nie verziehen. „Du hast dir also Geld von Luca Barbarigo geliehen, und jetzt will er es zurückhaben.“

„Er hat gesagt, wenn ich es ihm nicht zurückzahlen kann, dann nimmt er den Palazzo.“

„Von welcher Summe reden wir hier?“, erkundigte sich Tina, die immer stärkere Kopfschmerzen bekam. Der jahrhundertealte Palazzo lag zwar nicht direkt am Canal Grande, aber er musste trotzdem Millionen wert sein. Welches Druckmittel besaß Luca? „Wie viel schuldest du ihm?“

„Du meine Güte, wofür hältst du mich? Warum fragst du überhaupt?“

Tina rieb sich die Stirn. „Okay. Wieso kann er dich dann rauswerfen?“

„Deshalb brauche ich dich ja hier! Du musst ihm deutlich machen, wie unvernünftig er sich verhält.“

„Dazu brauchst du mich nicht. Du kennst vor Ort bestimmt mehr als genug Leute, die dir helfen können.“

„Er ist doch dein Freund!“

Ein eisiger Schauer lief Tina über den Rücken. Ganz sicher nicht. In der Küche begann der Wasserkessel zu pfeifen – ein hoher, schriller Ton, der perfekt zu ihren angespannten Nerven und den schmerzlichen Erinnerungen passte. Sie war Luca dreimal in ihrem Leben begegnet. Das erste Mal bei der Hochzeit ihrer Mutter in Venedig, als er sie gefragt hatte, ob sie die Nacht mit ihm verbringen würde. Sie hatte ihm geantwortet, dass sie kein Interesse hätte. Lily mochte zwar ihre Mutter sein, aber sie schlug ihr ganz bestimmt nicht in der Hinsicht nach, dass sie mit jedem Mann ins Bett ging, der Reichtum und gesellschaftlichen Aufstieg versprach.

Das zweite Mal hatte sie Luca auf Eduardos siebzigstem Geburtstag gesehen – einer prunkvollen Feier, auf der sie wenig mehr als Höflichkeiten ausgetauscht hatten. Sicher, sie hatte ständig seine Blicke gespürt und dabei ein gefährliches Prickeln empfunden, doch Luca hatte Abstand gewahrt.

Das dritte Mal war es auf einer Party in Klosters gewesen, mit der sie den Geburtstag einer Freundin gefeiert hatten. Sie hatte zu viel getrunken und war nicht mehr so auf der Hut gewesen. Plötzlich war Luca aufgetaucht und hatte sie mit seinem Charme bezaubert. Er hatte sie zur Seite genommen und geküsst, und sofort war sie schwach geworden.

Eine Nacht hatten sie zusammen verbracht – eine Nacht, die in einem solchen Desaster geendet hatte, dass Tina die Erinnerungen daran nie ganz verdrängen konnte. Eine Nacht, von der sie ihrer Mutter nie erzählt hatte. „Wer behauptet, wir wären Freunde?“

„Er natürlich. Er hat sich nach dir erkundigt.“

Dieser Mistkerl! Als wenn es ihn kümmern würde. Das hatte es nie getan. „Er hat gelogen“, erklärte Tina, das schrille Pfeifen des Wasserkessels im Hintergrund. „Wir waren nie Freunde.“

Und sie würden es auch niemals sein.

„Nun“, sagte ihre Mutter, „das ist in Anbetracht der Umstände vielleicht sogar besser. Dann riskierst du nichts, wenn du zu meinen Gunsten eingreifst.“

Tina fasste sich an die Stirn. Sie war davon überzeugt, dass das schrille Pfeifen direkt aus ihrem Kopf kommen musste. „Hör zu, Lily, ich weiß nicht, was ich für dich tun kann. Meine Anwesenheit wird deiner Sache auf keinen Fall helfen. Außerdem kann ich mich sowieso nicht freimachen. Wir fangen morgen mit dem Scheren an, und Dad braucht mich hier. Vielleicht solltest du einfach einen Anwalt zurate ziehen.“

„Und wie, in aller Welt, soll ich den deiner Meinung nach bezahlen?“

Tina hörte, wie die Hintertür zuschlug und ihr Vater leise fluchte, ehe das Pfeifen abrupt abbrach. Sie schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht.“ Und im Moment war es ihr auch völlig egal. „Vielleicht … vielleicht kannst du ein paar deiner Kronleuchter verkaufen.“ Bei ihrem letzten Besuch hatte sie den Eindruck gewonnen, dass ihre Mutter genug von den Dingern besaß, um ein Dutzend Palazzi auszustaffieren. Wenn sie Luca ein wenig Geld schuldete, konnte sie ja wohl auf ein paar dieser Kronleuchter verzichten.

„Ich soll mein Murano-Glas verkaufen? Du musst verrückt sein! Es ist unersetzbar. Jedes Teil ist ein Einzelstück.“

„Also schön, Lily“, erwiderte Tina, „es war ja nur ein Vorschlag. Unter diesen Umständen weiß ich allerdings nicht, was ich dir sonst raten soll. Es tut mir leid, dass du Geldsorgen hast, aber ich kann dir dabei nicht helfen. Und ich werde hier wirklich gebraucht. Morgen kommen die Scherer. Wir werden alle Hände voll zu tun haben.“

„Du musst kommen, Valentina! Du musst!“

Tina legte den Hörer auf und schloss einen Moment die Augen, während ihre Kopfschmerzen stärker wurden. Warum jetzt? Warum er? Es war gut möglich, dass ihre Mutter übertrieb, denn sie neigte dazu, alle Probleme aufzubauschen. Aber was, wenn es diesmal doch ernst war? Wenn sie in echten finanziellen Schwierigkeiten steckte? Und was konnte sie dagegen tun? Es war mehr als unwahrscheinlich, dass Luca Barbarigo auf sie hören würde.

„Ich schätze, deine Mutter hat nicht angerufen, um dir zum Geburtstag zu gratulieren, Liebes?“ Ihr Vater stand in der Küchentür, zwei Becher Kaffee in den großen Händen.

Tina lächelte, obwohl ihr das Herz schwer war und sie ein ungutes Gefühl hatte. „Wie kommst du denn darauf?“

Er streckte ihr einen der beiden Becher entgegen. „Magst du einen Kaffee? Oder brauchst du etwas Stärkeres?“

„Danke, Dad“, erwiderte sie und nahm den Becher. „Im Moment würde ich alles für einen Kaffee tun.“

Ihr Vater trank einen Schluck und atmete tief ein. „Also, was gibt es Neues in Lilys verrückter Welt? Ist der Himmel herabgestürzt? Oder sind in Venedig plötzlich alle Kanäle ausgetrocknet?“

Sie schnitt ein Gesicht. „So was in der Art. Anscheinend versucht jemand, sie aus dem Palazzo zu werfen. Sie hat sich von Eduardos Neffen Geld geliehen, und der will es jetzt seltsamerweise zurückhaben. Lily scheint der Ansicht zu sein, dass ich ihn umstimmen oder zu einer einvernehmlichen Lösung bewegen könnte.“

„Und das kannst du nicht?“

Sie zuckte die Schultern und wünschte, damit auch gleich unliebsame Erinnerungen abschütteln zu können. „Sagen wir mal so: Ich bin dem Mann begegnet.“ Bitte frag mich jetzt nicht, wann und wo. „Ich habe ihr geraten, sich an einen Anwalt zu wenden.“

Ihr Dad nickte, während er nachdenklich in seinen Kaffee starrte. Tina, die das Gespräch so schnell wie möglich beenden wollte, war bereits auf halbem Weg zur Küche, um das Geschirr zu spülen, als er hinter ihr fragte: „Wann fliegst du?“

„Gar nicht“, entgegnete sie und blieb abrupt stehen. Sie hatte sich geschworen, Luca nie wiederzusehen – ein Schwur, den sie keinesfalls brechen konnte. Schon wenn sie daran dachte, was es sie das letzte Mal gekostet hatte … „Ich kann dich doch jetzt nicht allein lassen, Dad. Morgen beginnt das Scheren der Schafe.“

„Wenn du wegmusst, werde ich schon zurechtkommen.“

„Wie denn? Die Scherer kommen morgen früh. Wer soll für ein Dutzend Männer kochen? Du wohl kaum.“

Ihr Vater lächelte und zuckte dabei die Schultern. „Dann fahre ich in die Stadt und suche mir jemanden, der kocht. Ich habe gehört, dass Deirdre Turner einen ordentlichen Braten macht. Und vielleicht freut sie sich ja, wenn sie ihre Kürbis-Scones für ein paar Männer backen kann, die sich garantiert darüber freuen werden.“ Sein Lächeln verblasste, und sein Blick wurde ernst. „Ich bin ein großer Junge, Tina, ich schaffe das.“

Normalerweise hätte sie die Bemerkung ihres Vaters über eine andere Frau sofort aufgegriffen, denn seit Jahren predigte sie ihm, dass er wieder heiraten sollte. Im Moment hatte sie allerdings wichtigere Dinge im Kopf, zum Beispiel alle Gründe aufzulisten, warum sie nicht fliegen konnte.

„Aber du solltest nicht allein zurechtkommen müssen! Außerdem weißt du ganz genau, wie Lily ist. Denk nur daran, was für ein Theater sie gemacht hat, als sie fünfzig geworden ist! Man hätte meinen können, ihr Leben wäre zu Ende, und ich wette mit dir, dass es diesmal genau dasselbe ist. Wahrscheinlich hat sie wie üblich aus einer Mücke einen Elefanten gemacht.“

Ihr Vater nickte verständnisvoll, was ihr sofort Auftrieb gab. Natürlich verstand er sie. War er nicht mit der Frau verheiratet gewesen? Er wusste besser als jeder andere, wie hysterisch ihre Mutter war.

Tina rechnete fest damit, dass er ihr zustimmen würde – bis er antwortete.

„Tina“, sagte er und rieb sich dabei über den Bartschatten auf dem Kinn, „wann hast du deine Mum das letzte Mal gesehen? Vor zwei Jahren? Oder sind es schon drei? Und jetzt braucht sie dich aus irgendeinem Grund. Vielleicht solltest du fliegen.“

„Dad, ich habe dir doch gerade erklärt …“

„Nein, du hast Ausflüchte gesucht.“

Sie straffte die Schultern und hob das Kinn. Vielleicht war es eine Ausflucht. Wenn ihr Vater die Wahrheit kennen würde, würde er sie sicher verstehen, würde mit ihr fühlen und nicht verlangen, dass sie flog. Aber wie sollte sie es ihm jetzt sagen, nachdem sie es so lange als Geheimnis bewahrt hatte? Ihr beschämendes Geheimnis. Wie sollte sie zugeben, dass sie sich genauso dumm und unverantwortlich benommen hatte wie die Frau, der sie nie hatte ähneln wollen? Es würde ihn umbringen. Und es würde sie umbringen, es ihm zu erzählen.

Nun gut, Angriff war noch immer die beste Verteidigung …

„Warum bist du so versessen darauf, mich ans andere Ende der Welt zu schicken, damit ich Lily helfe? Schließlich hat sie dir noch nie einen Gefallen getan.“

Ihr Vater legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. „Wer sagt denn, dass ich darauf versessen bin? Aber sie ist immer noch deine Mum, Liebes – egal, was zwischen euch vorgefallen ist, davor kannst du nicht davonlaufen“, betonte er, bevor er seinen Becher abstellte und nach einem Geschirrtuch griff.

Tina krauste die Nase und nahm es ihm aus der Hand – nicht weil sie keine Hilfe brauchte, sondern weil sie wusste, dass er selbst noch tausend Dinge zu erledigen hatte, ehe er ins Bett fallen konnte. Sanft, aber entschlossen drängte sie ihn zur Tür.

Ihr Vater lachte sein tiefes, ansteckendes Lachen, mit dem er ihr deutlich zu verstehen gab, dass er sie durchschaute. „Deine Mum hat keine Ahnung, was auf sie zukommt.“

„Ich fliege nicht, Dad.“

„Doch, das tust du. Wir können morgen nach Flügen suchen, wenn wir in die Stadt fahren.“ Er kam zurück und küsste sie auf das honigblonde Haar, was er schon machte, seit sie sich erinnern konnte. „Gute Nacht, Liebes.“

Als er weg war und sie das Geschirr spülte, dachte sie über seine Worte nach. Es stimmte schon. Sie hatte ihre Mutter seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.

Vermutlich hatte ihr Vater recht. Auch wenn sie mit Lily nie auf einer Wellenlänge gelegen hatte, konnte sie nicht vor der Tatsache weglaufen, dass diese ihre Mutter war.

Und ich brauche auch nicht vor Luca Barbarigo davonzulaufen.

Genau das hatte sie aber getan. Sie war um die halbe Welt gereist, um den größten Fehler ihres Lebens zu vergessen. Ja, sie war um die halbe Welt gereist, um zu flüchten.

Doch vor manchen Fehlern konnte man einfach nicht flüchten.

Tina zog den Stöpsel aus dem Becken und beobachtete, wie das Spülwasser ablief. Es hatte dieselbe Farbe wie das schmiedeeiserne Gitter, das ein kleines Grab im fernen Sidney umgab.

Tränen tropften in das Becken und vermischten sich mit der dunklen Flüssigkeit. Rasch wischte Tina sich über die Wangen. Sie wollte nicht in Selbstmitleid versinken.

Warum sollte sie überhaupt Angst davor haben, Luca zu begegnen? Er bedeutete ihr nichts. Nicht mehr als ein One-Night-Stand, der auf die schrecklichste Art geendet hatte, die man sich vorstellen konnte. Und wenn Luca Barbarigo ihre Mutter bedrohte, dann hatte diese vielleicht doch recht – möglicherweise eignete sie sich am ehesten dafür, sich ihm in den Weg zu stellen. Schließlich setzte sie keine Freundschaft aufs Spiel. Und noch weniger bestand die Gefahr, dass sie seinem Charme erliegen könnte.

Kein zweites Mal.

So dumm war sie wirklich nicht!

2. KAPITEL

Sie kam her.

Genauso wie ihre Mutter es prophezeit hatte.

Luca stand auf dem dunklen Balkon, der den Canal Grande überblickte. Valentina kam her, um ihre Mutter zu retten. Um sie den Fängen des bösen Bankiers zu entreißen.

Genauso wie er es geplant hatte.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

Was für eine glückliche Fügung, dass ihre Mutter eine Verschwenderin war, die dringend Geld brauchte. So dringend, dass sie sich nicht einmal damit aufhielt, die Bestimmungen des Kreditvertrags durchzulesen. Wie naiv von ihr, zu glauben, die Heirat mit seinem Onkel würde ihr eine Sonderbehandlung garantieren.

Mittlerweile hatte sich die Schlinge um den Hals der ehemaligen Schönheit so fest zugezogen, dass diese im Begriff war, ihren Palazzo zu verlieren.

Ein Wassertaxi rauschte heran und verschwand kurz darauf in einem der Seitenkanäle. Luca beobachtete die weißen Schaumkrönchen, die das Boot hinterließ. Er spürte, wie sein Puls im Rhythmus des Wassers schlug, als wollte er ihm zuflüstern, dass die Tochter immer näher kam.

Er blickte zum Nachthimmel hinauf und zählte die Stunden, stellte sich vor, wie sie dort oben in einem Flugzeug saß und nicht schlafen konnte, weil sie wusste, dass er hier in Venedig war und auf sie wartete.

Wartete.

Luca lächelte und kostete das Gefühl der Vorfreude aus, das in ihm erwachte.

Der Palazzo hatte einmal seinem Onkel gehört, ehe diese Frau ihn sich gekrallt hatte, doch jetzt befand er sich wieder so gut wie im Familienbesitz. Trotzdem trieb ihn nicht die Befriedigung darüber an, dass er sich einen Teil des rechtmäßigen Eigentums seiner Familie zurückgeholt hatte. Lily Beauchamp besaß etwas viel Wertvolleres, das er haben wollte.

Ihre kostbare Tochter.

Sie hatte ihn einmal sitzen lassen. Hatte den Abdruck ihrer Hand auf seiner Wange hinterlassen und war gegangen, als wäre sie ihm moralisch überlegen gewesen. Damals hatte er sie ziehen lassen. Hatte ihr keine Träne nachgeweint. Der Sex war gut gewesen, aber keine Frau war es wert, dass man ihr hinterherlief.

Doch dann hatte sich ihre Mutter an ihn gewandt und ihn um finanzielle Unterstützung gebeten, und da hatte er sich an die Tochter erinnert und an eine heiße Nacht, die viel zu früh geendet hatte. Nur zu bereitwillig hatte er geholfen.

Und deshalb bot das Schicksal ihm nun die Möglichkeit, zwei Ungerechtigkeiten auf einen Schlag auszugleichen. Abzurechnen.

Nicht nur mit der verschwenderischen Mutter.

Sondern auch mit der Tochter, die sich für etwas Besseres hielt.

Er würde ihr beweisen, dass sie ihrer Mutter doch nicht so unähnlich war. Er würde ihr deutlich machen, dass er kein Mann war, den man einfach so sitzen ließ.

Und dann würde er in aller Öffentlichkeit und schonungslos mit ihr Schluss machen.

Nach Venedig zu kommen war, wie die reale Welt zu verlassen und ein Märchenland zu betreten, dachte Tina und ließ den Blick über die eindrucksvollen Palazzi und das funkelnde Wasser gleiten. Dennoch zitterte sie, war nervös und kam sich schrecklich verletzlich vor. Warum?

Weil er irgendwo da draußen war. Luca befand sich hinter irgendeinem der dunklen Fenster in dieser uralten Stadt.

Und wartet auf mich.

Verdammt, sie war so müde, dass sie schon Gespenster sah!

Nur dass sie im Flugzeug denselben Eindruck gehabt hatte, als sie aus einem unruhigen, mit Bildern von ihm erfüllten Schlaf aufgewacht war. Da hatte sie das Gefühl gehabt, dass er sie beobachten würde.

Wenn sie jetzt nur daran dachte, lief es ihr eiskalt über den Rücken.

Stell dich nicht so an, schalt sie sich. Dann strich sie sich den Pony aus der Stirn und stellte sich an der Vaporetto-Station an, um ein Ticket für die Wasserbusse zu kaufen, die die vielen Kanäle entlangfuhren. Ein Drei-Tages-Pass sollte mehr als ausreichend sein, um die Probleme ihrer Mutter zu lösen. Mit ihrem Vater hatte sie ausgemacht, dass sie nur unter der Voraussetzung nach Venedig fliegen würde, dass sie sofort zur Farm zurückkehrte, sobald die Krise vorbei war. Sie hatte ganz sicher nicht vor, länger zu bleiben. Schließlich war es kein Urlaub.

Mit ein bisschen Glück würde sie die Geldprobleme ihrer Mutter lösen und nach Australien zurückfliegen, ehe Luca Barbarigo auch nur erfuhr, dass sie hier war.

Tina schnaufte verächtlich, was allerdings im Lärm der zahlreichen Touristen unterging, die, mit schweren Kameras beladen, das Wassertaxi bestiegen. Sie gab sich purem Wunschdenken hin, aber je weniger sie mit Luca zu tun hatte, desto besser. Und ganz egal, was sie sich in ihren wirren Träumen ausmalte, vermutlich ging es Luca ganz ähnlich. Nur zu gut erinnerte sie sich an den leuchtend roten Abdruck ihrer Hand auf seiner Wange. Sie hatten sich nicht gerade im Guten getrennt.

Immer mehr Touristen drängten an den äußersten Rand des Boots – Kameras und Videorekorder im Anschlag –, um sich den ...

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