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VAMPIRE SOULS – Nachtrausch

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagungen
  8. Playlist
  9. Zitat
  10. 1 It’s only Rock ’n’ Roll (but I Like It)
  11. 2 Won’t Get Fooled Again
  12. 3 Run like Hell
  13. 4 Just what I Needed
  14. 5 Crossroad Blues
  15. 6 That’ll Be the Day
  16. 7 Everybody Knows This is Nowhere
  17. 8 Get Up Stand Up
  18. 9 People Are Strange
  19. 10 Just a Girl
  20. 11 The Revolution Starts … Now
  21. 12 What’d I Say
  22. 13 I Forgot to Remember to Forget
  23. 14 Bad Company
  24. 15 Just Like Heaven
  25. 16 Twilight Zone
  26. 17 Waiting for the Miracle
  27. 18 One Way or Another
  28. 19 Steal My Sunshine
  29. 20 Fragile
  30. 21 Bigmouth Strikes Again
  31. 22 Darkness on the Edge of Town
  32. 23 You Can’t Lose What You Ain’t Never Had
  33. 24 At Last
  34. 25 I’m Not Like Everybody Else
  35. 26 Crucify
  36. 27 Everybody Wants to Rule the World
  37. 28 Money For Nothing
  38. 29 Wicked Game
  39. 30 Inside Out
  40. 31 Come as You Are

Über die Autorin

Jeri Smith-Ready ist Autorin von Urban Fantasy und Romantic Fantasy. Wenn sie gerade nicht schreibt, findet man sie bei Twitter – oder beim Nachdenken übers Schreiben. VAMPIRE SOULSNACHTRAUSCH ist der erste Teil ihrer Urban-Fantasy-Serie über den Vampir-Radiosender WVMP. Smith-Ready lebt mit ihrem Ehemann, mit zwei Katzen und ihrem Windhund in Maryland.

Jeri Smith-Ready

Vampire Souls –
Nachtrausch

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Beke Ritgen

Für Donna und Ted, den Gurus meines Rock-’n’-Roll-Erstkontakts.

Danksagungen

Großer Dank gebührt meiner Familie, die mich trotz meiner außergewöhnlich geringen Musikalität stets in meiner Liebe zur Musik bestärkte.

Dank gebührt darüber hinaus Rob Staeger, Cecilia Ready, Tricia Schwaab, Barbara Karmazin, Rob Usdin, William Parris, dem Präsidenten von Radio Broadcast Inc., und Gerard W. Weiss, Lieutenant Colonel der U. S. Army im Ruhestand, für ihre sachkundigen Anmerkungen zu der Geschichte, die hier erzählt wird, und für ihre Unterstützung bei den Recherchen zu diesem Buch. Alle noch vorhandenen Fehler gehen auf mein Konto und sind möglicherweise einem vorübergehenden Absinken des Koffeinspiegels geschuldet.

Zu danken habe ich auch den hart arbeitenden Leuten von Pocket Books, die bei der Geburt dieses Romans halfen: Louise Burke, John Paul Jones, Josh Karpf, Lisa Litwack, Jean Anne Rose, Don Sipley und Anthony Ziccardi.

Meiner Verlegerin Jennifer Heddle bin ich besonders zu Dank verpflichtet. Sie hat außergewöhnliche Vorstellungskraft bewiesen und ein Verständnis an den Tag gelegt (und Nachsicht, was das Muscle-Shirt angeht), das all ihre anderen guten Eigenschaften noch übertrifft. Im selben Maße dankbar bin ich auch meiner unerschrockenen Agentin Ginger Clark, die von Beginn an von der Geschichte, die ich zu erzählen hatte, überzeugt war. Ihr beide seid der Hammer!

Vor allen anderen aber gehört mein Dank meinem eigenen Guitar Man Christian Ready für seine Liebe und seine Unterstützung. Er ist der lebende Beweis, dass es auf der Welt Dinge gibt, die sich nicht erschöpfen oder von sich aus vergehen.

Playlist

I’ll never Get Out of These Blues Alive, John Lee Hooker

Read My Mind, The Killers

About A Girl, Nirvana

Flower, Liz Phair

Hard to Handle, The Black Crowes

Eight Miles High, The Byrds

Blue Suede Shoes, Carl Perkins

Helter Skelter, The Beatles

Uncle John’s Band, Grateful Dead

I’m So Glad, Skip James

Baby, Please Don’t Go, Big Joe Williams

Gallows Pole, Lead Belly

Dreadlocks in Moonlight, Lee ›Scratch‹ Perry

Three Little Birds, Bob Marley and The Wailers

Ciara, Luka Bloom

Two Hearts, Chris Isaak

Drain You, Nirvana

The Rain Song, Led Zeppelin

Isis, Bob Dylan

Fearless Heart, Steve Earle

The Old Man Drag, The Pogues

Rock ’n’ Roll Lifestyle, Cake

More Human than Human, White Zombie

God Given, Nine Inch Nails

Melt!, Siouxsie & the Banshees

She’s a Rebel, Green Day

Norwegian Wood, The Beatles

10:15 Saturday Night, The Cure

Running Day: Requiem for the Rockets, Neil Young and Crazy Horse

I’m No Angel, Greg Allman

Girlfriend, Matthew Sweet

Low, Cracker

Human Touch, Bruce Springsteen

A Thousand Kisses Deep, Leonard Cohen

Sleep to Dream, Fiona Apple

Mean Woman Blues, Elvis Presley

(Don’t go back to) Rockville, R.E.M.

Crazy Love, Van Morrison

Burning for You, Blue Oyster Cult

It’s only Rock ’n’ Roll (but I Like It), The Rolling Stones

Wenn eine Lüge nur oft genug wiederholt wird, glaubt selbst der sie, der sie erzählt hat.

J. R. »Yellow Kid« Weil,

Trickbetrüger und Hochstapler

1

It’s only Rock ’n’ Roll (but I Like It)

Der Fluch, der auf einer Familie liegt, stirbt nie; er existiert auf immer und ewig. Die griechische Mythologie erzählt vom Fluch, der auf dem Geschlecht der Atriden lastete: Alles begann mit einer Suppe. Der Ahnherr der Familie kredenzte den Göttern den ersten Gang der Tageskarte in bester Klugscheißermanier: Die Fleischeinlage war der eigene Sohn. Seitdem ging es mit den Atriden ständig bergab. Heute bringt der Fluch die Mitglieder dieser Familie vielleicht nur noch dazu, sich gegenseitig keine Geburtstagskarten mehr zu schicken.

Ich weiß nicht, wie finster der Fluch, der auf dem Geschlecht der Griffin lastet, in der Alten Welt einst begonnen hat. Mich jedenfalls schlägt er im Hier und Jetzt mit einer besonderen Gabe. Ich beherrsche die Kunst der Verführung. Im Alltag unserer normalen Welt heißt das: Verkauf und Vertrieb oder stylisch gesprochen: Sales und Marketing. Ich nenne es daher gern: S&M.

Der schlacksige Typ in den Dreißigern hinter dem Schreibtisch überfliegt meinen Lebenslauf. Viel zu lesen hat er nicht; der Lebenslauf ist knapp ausgefallen. Während der Typ im Takt der Blues-Rhythmen nickt, die aus dem Lautsprecher an der Wand kommen, wippt sein kurzes dunkles Haar ihm gegen die Stirn. Unbewusst klopft er mit den Fingern synchron denselben Takt auf der Holzplatte des Schreibtisches, der uns voneinander trennt.

Die Andenkensammlung in diesem winzigen Büro würde jedes Hard Rock Café beschämen. Neben dem einzigen, allerdings verrammelten Fenster steht ein lebensgroßer John Lennon. Er blickt mir direkt in die Seele – und gleich daneben ein Jerry Lee Lewis ebenso direkt in den Ausschnitt.

»Also, Ciara …« David, so hat er sich vorgestellt, wirft mir einen ernsten Blick zu. »Warum wollen Sie …«

»Es wird Kih-ra, nicht Ssi-eera ausgesprochen.« Mechanisch leiere ich die Aussprache-Korrektur herunter. Dabei versuche ich, so höflich wie möglich zu klingen. »Nicht so wie die Gebirgskette also.«

»Entschuldigung. Ich bin mir ziemlich sicher, das passiert Ihnen ständig.« Er dreht das Blatt um, um einen Blick auf die zweite Seite meines Lebenslaufes zu werfen. Gähnende Leere. Er lüpft meine Bewerbungsmappe, wahrscheinlich auf der Suche nach einem weiteren Blatt. »Wo findet sich denn Ihre weitere Berufserfahrung?«

Ich schenke ihm mein entwaffnendstes Lächeln. »In der Zukunft, hoffe ich.«

Er blinzelt. Dann schaut er wieder auf den Lebenslauf und hebt dabei seine Augenbrauen. »Tja, jedenfalls liest sich Ihre Bewerbung flüssig.«

Das liegt zweifellos an der Sechzehn-Punkt-Schriftgröße, die ich gewählt habe, um die eine Seite auch wirklich voll zu bekommen.

David inspiziert die Zeilen erneut: Seine grünen Augen huschen hin und her, verzweifelt auf der Suche nach einem Aufhänger für ein Vorstellungsgespräch. »Ciara. Interessante Schreibweise.«

»Ist irischen Ursprungs. Es bedeutet so viel wie ›dunkel und geheimnisvoll‹.« Ich drücke den Rücken durch und setze mich so in Szene: helles, rotbraunes Haar, geflissentlich harmloser Blick. »Auf mich allerdings trifft weder das eine noch das andere zu.«

Davids Mundwinkel verziehen sich zu einem kurz angedeuteten Lächeln. Dann legt er den Lebenslauf beiseite und schlägt meine Bewerbungsmappe auf. Während er den Inhalt durchgeht, drückt er mit dem Daumen unablässig auf das Ende seines Kugelschreibers. Mine rein, Mine raus, ein Stakkato von Klicklauten, das mein Nervenkostüm ziemlich verschleißt. Ich widerstehe dem Drang, meine feuchten Handflächen an meinem einzigen Outfit für Bewerbungsgespräche abzuwischen.

Die Klimaanlage surrt und klackert vor sich hin. In ihrem Luftstrom flattern gleich über meinem Kopf Backstage-Ausweise. Sie hängen wie Weihnachtsdekoration am Geweih eines Hirsches, der stocksauer dreinblickt.

»Ihr erstes Studienprojekt liegt bereits sechs Jahre zurück«, sagt David. »Ich gehe davon aus, dass Sie das Sherwood College seitdem nicht regelmäßig besucht haben. Das ist doch richtig, oder?«

Meine Schultern verspannen sich. »Ich habe mir eine Auszeit genommen.« Upps, eigentlich sollte das hier eine Übung in Ehrlichkeit werden. »Ich meine, ich habe das Studium unterbrechen müssen, um Geld für die Studiengebühren zu verdienen.«

Er nickt mitfühlend. »Studieren ist eine teure Angelegenheit. Ich habe der Army vier Jahre meines Lebens gegeben – im Tausch gegen einen Hochschulabschluss.«

»Die Army, wow! Haben Sie in der Zeit jemanden töten müssen?«

Er sieht mich mit einem Mal scharf an. Und mich lässt meine Idiotie zusammenschrecken. Diese Idiotie ist ganz klar eine Folge meines angeschlagenen Nervenkostüms. Normalerweise ist es Absicht, wenn ich ein Bewerbungsgespräch verpatze. Die Tatsache, dass ich dieses Mal den Job tatsächlich haben möchte, bereitet mir Magenschmerzen.

Davids Gesicht entspannt sich wieder. Er grinst. »Sollte nicht ich hier die Fragen stellen?«

»Entschuldigung. Tut mir echt leid. Fragen Sie, was immer Sie wollen!« Solange Sie nichts über mich wissen wollen.

»Warum möchten Sie gern bei WMMP arbeiten?«

Natürlich habe ich gewusst, dass diese Frage kommen würde. Daher habe ich an einer überzeugenden Antwort gefeilt, seitdem David über die Jobbörse meines Colleges auf mich aufmerksam geworden ist.

»Ich stehe einfach auf Rock ’n’ Roll.« Scheiße, klingt das abgedroschen! Ich reibe mir die Nase und blicke in eine andere Richtung. »Ich durfte solche Musik als Teenager nicht hören. Aber ich habe es trotzdem getan. Nachts habe ich unter meiner Decke mit dem Walkman Kassetten angehört, die ich geklau… äh, die … ich mir geliehen … na ja, die ich eben geklaut habe.« Diese Sag-die-Wahrheit-Kiste ist schwieriger als erwartet. »Na, jedenfalls habe ich mir gedacht, bei einem Lokalsender bin ich vielleicht nicht gezwungen, gleich meine Seele zu verkaufen, anders als bei einem der großen Unternehmen in der Unterhaltungsbranche. Außerdem ist morgen ja schon der erste Juni, und ich bin wirklich verzweifelt. Wenn ich nach diesem Sommer kein Praktikum vorweisen kann, kann ich meinen Abschluss nicht machen. Und wenn ich nicht bald raus aus dieser Stadt komme, dann …« Ich klappe den Mund zu, etwa drei Sätze zu spät.

David blinzelt, blinzelt noch einmal und noch einmal. Gerade beginne ich mich zu fragen, ob die Klimaanlage seine Kontaktlinsen ausgetrocknet hat. Er seufzt, quasi durch die Nase, und gibt dabei einen Laut von sich, der wohl sagen soll: Warum nur verschwende ich meine Zeit mit diesem Mädchen? Verzweifelt und in aller Hast suche ich nach einem neuen Aufhänger für das Gespräch.

Auf dem Schreibtisch zwischen uns steht ein Foto von einem mit Auszeichnungen geschmückten Chihuahua gleich neben einem Kalender mit dreihundertfünfundsechzig Oscar-Wilde-Zitaten. Ich schiele auf das heutige und lese: Mir sind Menschen lieber als Prinzipien, und Menschen ohne Prinzipien sind mir das Liebste auf der Welt.

Ich blicke auf, schaue David an, dann wieder das Foto und den Kalender. »Niedlicher Hund.«

»Oh. Äh, das ist nicht mein Schreibtisch.« Er stößt sich mit dem Drehstuhl ein paar Zentimeter von der Tischkante ab. »Das ist Franks Schreibtisch. Er ist der Leiter für Verkauf und Vertrieb, der Marketing-Chef also.« David schiebt den herzförmigen Rahmen des Chihuahua-Fotos hin und her. »Ich bin nicht … Sie wissen schon … nun …«

Ich nehme an, das Wort, nach dem er sucht, ist ›schwul‹.

»Gehört Ihnen der Sender?«

»Ich bin der Geschäftsführer. Die Eigentümerin ist …«, Davids Blick wandert über meine Schulter, hin zu einer geschlossenen Bürotür, »… nicht anwesend. Tja, Terminprobleme.«

Einen Moment warte ich darauf, dass er etwas ausführlicher wird. Aber David zupft nur an den Hemdärmeln unter seinem Sportsakko und wechselt das Thema.

»Ich bin außerdem der Programmleiter. Sicher wissen Sie bereits, dass WMMP tagsüber vorproduzierte Talk-Shows, Infomercials und Shopping-Sendungen bringt. Nachts aber …« David blickt auf den Lautsprecher an der Wand, als ob dieser eine heilige Reliquie wäre. »Da erwacht WMMP zum Leben.«

Soso. »Möchte Frank denn auch noch ein Vorstellungsgespräch mit mir führen?«

»Die Personalentscheidungen des Senders treffe ich. Frank wäre gern zu uns gestoßen. Aber er verabscheut die …« Wieder huscht Davids Blick zur Treppe hinter mir. »Er verabscheut es, abends oder nachts zu arbeiten.«

Ich werfe einen prüfenden Blick auf die wuchtige Uhr mit Holzgehäuse, die auf dem gemauerten Kaminsims steht. 21.30 Uhr. »Warum haben Sie denn das Vorstellungsgespräch auf eine so späte Zeit gelegt?«

»Ich möchte, dass jeder Bewerber für das Praktikum die Moderatoren unserer Sendungen kennenlernen kann. Und nur um diese Zeit sind sie alle … hier.«

Aha. Meine erste Amtshandlung als Praktikantin der Marketing-Abteilung würde der Vorschlag sein, Musik dann zu senden, wenn die potenzielle Hörerschaft auch wach ist, um sie zu hören.

David schiebt Lebenslauf und Bewerbungsmappe ineinander und stößt die Kanten auf der Schreibtischplatte zusammen. Die Bewegung hat etwas Endgültiges, ganz so, als wolle er mir gleich dafür danken, dass ich vorbeigekommen bin.

Die aufkeimende Panik sorgt für einen Schnellstart meiner Sprechwerkzeuge. »Ich weiß, mein Lebenslauf ist ein bisschen kurz, aber ich kann das erklären.«

»Nicht nötig.« Er faltet die Hände, die Finger bilden ein Dach, die Daumen klopfen gegeneinander. »Wissen Sie eigentlich, warum ich gerade Sie wegen des Jobs angerufen habe?«

Ich war zu ängstlich gewesen, ihm diese Frage zu stellen. Jetzt zögere ich, einfach draufloszuraten.

David fährt fort: »Ihre Lebensgeschichte weist darauf hin, dass Sie Verständnis für – wie soll ich es ausdrücken? – nun, für die Sichtweise von gesellschaftlichen Außenseitern haben.«

Meine Eingeweide werden bleischwer. Er hat meinen Hintergrund geprüft.

»Für welche Art von Außenseitern?«, frage ich unschuldig.

»Für Außenseiter, denen es an Rücksichtnahme auf …«, er spreizt die Daumen ab, »… auf die bürgerlichen Moralvorstellungen mangelt.«

Ich lehne mich in meinem Sessel zurück. Meine Bewegungen sind langsam – als zöge ich mich vor einer Giftschlange zurück. »Man hat mir nie etwas zur Last legen können.«

»Das weiß ich.« Beschwichtigend streckt David die Hände aus, Handflächen nach unten, so als wolle er mich auf die Sitzfläche pressen. »Was ich meine, ist …«

»Danke, dass Sie sich die Zeit für mich genommen haben.« Ich stehe auf, greife nach meiner Handtasche an der Rückenlehne des Besuchersessels. »Ich habe unsere kleine Unterhaltung wirklich genossen. Aber ich glaube, ein anderes Stellenangebot dürfte besser zu mir passen.« Ich steuere den Ausgang an.

»Warten Sie!« Er fängt mich ab, hat die Hand auf der Tür, ehe ich sie öffnen kann. »Was ich sagen wollte, ist, dass mir Ihre Vergangenheit egal ist. Niemand hier interessiert sich dafür.«

Mein Verstand wägt ab, wie viel David wissen kann. Eine Recherche auf legaler Basis erbrächte nichts allzu Belastendes. Meine Strafakte mit Jugendvergehen ist gelöscht worden, als ich achtzehn wurde. In den sechs Jahren, die seitdem vergangen sind, bin ich nie erwischt worden. So in etwa jedenfalls.

»Wir können Ihnen leider nicht sonderlich viel zahlen.« David macht eine Handbewegung in Richtung meines Lebenslaufs. »Aber ausgehend von Ihrer Adresse dürften Sie auch nicht viel brauchen.«

Hat er da gerade meine Nachbarschaft beleidigt? Begreift er nicht, dass ich über dem besten Pfandhaus der ganzen Stadt wohne?

»Sie würden dann dort drüben sitzen.« David zeigt auf einen kleinen Schreibtisch in Kaminnähe, genau gegenüber von Franks. Hinter dem Schreibtisch steht ein Kopierer, der so alt ist, dass ich glatt davon ausgehe, er funktioniere per Handkurbel.

»Kommen Sie!« Plötzlich ist David so schnell an mir vorbeigegangen, dass ich vor Schreck zusammenfahre.

Er steigt die knarrende Holztreppe hinunter, die zwischen zwei geschlossenen Bürotüren ins Untergeschoss des Senders führt. Ich folge ihm, wobei ich versuche, mir nicht allzu viele Hoffnungen zu machen. Vielleicht war sein ganzes Gerede darüber, mich einzustellen, nur hypothetisch gemeint, also in etwa wie: Klar, würden Sie an diesem Schreibtisch arbeiten, wenn all die anderen Bewerber für den Job von einer Riesenkakerlake gefressen werden. Ich zwinge mich, nicht an die Dinge zu denken, die ich würde tun müssen, wenn ich für diesen Sommer keinen Job kriege. Dinge, die man nicht in einen Lebenslauf packen sollte.

Am Fuß der Treppe legt David die Hand auf den Knauf einer geschlossenen Tür. Er holt rasch, aber tief Luft, als wolle er etwas Bedeutsames von sich geben. Aber die Worte kommen ihm nicht über die Lippen. Stattdessen schüttelt er den Kopf.

»Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn Sie ihnen ganz unvoreingenommen begegnen. Wenn die DJs einverstanden sind, haben Sie den Job.«

Ich nicke. Klar, also alles schön zwanglos und ohne Druck.

David öffnet die Tür und lässt mich in eine schmal geschnittene, nur schlecht beleuchtete Lounge vorgehen. Eine dicke Wolke aus kaltem Zigarettenrauch wabert vor der Halogen-Lampe in der gegenüberliegenden linken Ecke. Das Licht der Lampe nimmt dem Raum ein wenig von seiner schattenhaft-fahlen Dunkelheit.

Meine brennenden Augen brauchen einen Moment, um sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Ich strenge mich an und werfe einen ersten Blick auf eine Gruppe von …

Freaks.

Auf eine Gruppe besonders erlesener Freaks allerdings. Es sind alles herzzerreißend schöne Menschen. Dass Radio nur etwas für die Ohren ist, wird so geradezu zu einer Tragödie. Und jeder dieser Freaks sieht aus, als sei er aus einer anderen Zeitmaschine gekrochen.

David schiebt mich von der Türschwelle, auf der meine Füße ihren Dienst versagten, in den Raum hinein. »Ciara Griffin, darf ich Ihnen den Stolz von WMMP vorstellen!«

Drei Männer und eine Frau spielen Poker an einem Tisch, der von Plastik-Jetons und leeren Flaschen übersät ist. Die vier mustern mich; ihr Misstrauen lässt sich mit Händen greifen. Vielleicht liegt das an meinem Bewerbungsoutfit: In Marineblau sehe ich aus wie eine FBI-Agentin.

»Spencer, Jim, Noah, Regina.« David geht die Tischrunde von links nach rechts durch. »Sie können sie duzen, die DJs legen keinen Wert auf Förmlichkeiten. Ach, und das da hinten ist Shane.«

Auf dem schmalen Zweiersofa gleich unter der Lampe liegt ein Typ in ausgeblichenen, zerschlissenen Jeans. Er scheint zu schlafen. Der rechte Arm liegt über seinem Gesicht. Ein Bein ist angewinkelt, der zugehörige Fuß liegt auf einem Kissen; das andere Bein hängt vom Sofa herunter.

David greift meinen Ellbogen, um mich noch ein paar Schritte in den Raum hineinzuführen. »Ich hoffe, Ciara wird unsere neue Praktikantin im Marketing.«

Die offenkundige Feindseligkeit verschwindet aus den Gesichtern der vier wachen Djs und wird durch eine distanzierte Höflichkeit ersetzt. Versuchsweise setze ich ein Lächeln auf, ermutigt von der geringfügigen Bereitschaft, mir gegenüber aufzutauen.

»Spencer macht unsere Fünfziger-Jahre-Sendung«, erklärt David. »Die Zeit, in der der Rock ’n’ Roll geboren wurde.«

Ein Kerl in weißem Oberhemd und schwarzen Hosen steht auf, um mich zu begrüßen. Dabei faltet er schier endlos lange Beine, bisher unter dem Tisch versteckt, auseinander. Sein tiefrotes Haar ist zu einer Elvistolle zurechtgegelt. Er drückt die Hand, die ich ihm entgegenstrecke.

»Na, Baby, wie geht’s, wie steht’s?« Spencers gedehnte Südstaaten-Sprechweise und seine tadellose Kleidung verleihen ihm den Anstrich eines Gentlemans, was allerdings nicht recht zur ungezähmten Wildheit seines Blicks passen will.

»Passt schon, Daddy-O.« Es rutscht mir einfach so heraus. Anstatt mir die Antwort krummzunehmen, lächelt Spencer und nickt zufrieden.

Der Nächste am Tisch springt auf, und ich habe mich gerade genug unter Kontrolle, um nicht vor ihm zurückzuweichen.

»Das ist unser Jim«, meint David.

»Hi! Du, deine Mappe war ’ne Schau, Mann.« Jim umarmt mich. Seine langen braunen Locken und das Batikhemd riechen nach Marihuana und Patschuli. »Ich kann’s beurteilen. Ich war auch auf der Kunstakademie.«

»Danke, aber ich bin keine Künstlerin.« Schnüffelt er da an mir?

Jim tritt einen Schritt zurück und betrachtet mich aus einer Armlänge Entfernung. »Aber wie hast du dann die Entwürfe so dufte hingekriegt?«

»Die Entwürfe für meine Kursprojekte am College? Na, die habe ich natürlich am Computer gemacht.«

Er kneift die Augen zusammen, so verwirrt ist er. »Am was …?«

David räuspert sich laut genug, um mein Bullshit-Frühwarnsystem auf Alarmstufe Gelb gehen zu lassen. Was zum Teufel geht hier ab?!

Plötzlich huscht Erleuchtung über Jims Gesicht. Er schnippt mit den Fingern. »Ach, genau! Na, zu meiner Zeit haben wir das alles noch mit der Hand machen müssen.«

Mit gerunzelter Stirn schaue ich ihn prüfend an. Er sieht nicht mehr als ein paar Jahre älter aus als ich. Sie sehen alle nicht viel älter aus als ich.

»Zu deiner Zeit?«

Der dritte Typ lässt die Stuhlbeine über den Boden kratzen, als er aufsteht. Ich wende mich ihm zu, erleichtert, Jim zu entkommen, dessen raumgreifende Art offenkundig keine Grenzen kennt.

»Ich bin Noah.« Die Stimme des Mannes rollt über mich hinweg und hüllt mich ein wie eine warme jamaikanische Brise. »Is’ mir ’n Vergnügen, dich kennenzulernen, hübsche Lady.« Er streckt die Hand über den Tisch aus, greift sich meine und zieht sie an seine vollen Lippen. Er trägt eine dunkel eingefasste Brille, die ziemlich weit unten auf dem Nasenrücken sitzt und seinen Blick weicher macht. Unter diesem Blick wird mir ganz unprofessionell träumerisch zumute. Eine Strickmütze in den Farben Grün, Gelb und Rot balanciert auf seiner stattlichen Fülle von Dreadlocks, die ihm weit über die Schulter reichen. Ich bin erleichtert, dass die Siebziger hier durch den Reggae und nicht die Discomusik repräsentiert werden.

»Also, ich bitte dich! Lass sie verdammt noch mal in Ruhe, du Wanker!« Trotz des britischen Ausdrucks spricht die Punk-Goth-Frau – zweifellos Regina – mit echt breitem Mittelwest-Akzent. Unter einem dichten Schopf aus schwarzem, stachelig abstehendem Haar befindet sich ein Gesicht, das als Studie für Einfarbigkeit dienen könnte: schwarzer Eyeliner und schwarzer Lippenstift, die die Perfektion ihres Porzellanteints nur noch unterstreichen.

Regina bedenkt mich mit einem stylischen Chin-Tilt, einem kurzen Aufwärtsrucken des Kinns zur Begrüßung, und einem »Jou!«. Erst dann dreht sie sich zu Shane um. »Du könntest jetzt so tun, als würdest du aufwachen.«

Er lässt den in Flanell steckenden Arm vom Gesicht gleiten und wendet uns den Kopf zu. Zum ersten Mal an diesem Abend hole ich tief Luft. Shanes warmer Blick und sein schiefes Lächeln geben mir das Gefühl, als wäre ich wirklich da und nicht bloß Dreck, den jemand auf dem Teppich hinterlassen hat.

»Hey.« Shane lässt seine abgewetzten Doc Martens vom Sofa rutschen und steht langsam auf. Selbst mit der lässigen Haltung der Grunge-Anhänger ist er größer als die anderen DJs. Während er auf mich zukommt, wirft er den Kopf zurück, um eine Strähne seines nackenlangen, hellbraunen Haars aus der Stirn zu bekommen.

Als sich unsere Hände berühren, schreckt er zusammen, als ob ich ihm einen Schlag versetzt hätte. Er spricht meinen Namen ganz korrekt aus und sagt ihn so leise, dass ich mich frage, ob noch jemand in diesem Raum gerade schläft. Dann wird sein Blick kühler, und er wendet sich halb von mir ab, die Hände in den Taschen.

Oh, er ist schüchtern. Wie liebenswert, zum Knuddeln schön, zum In-die-Tasche-stecken-und-mit-nach-Hause-tragen!

Oder besser doch nicht, als mein Blick auf Regina fällt, deren Augen mich gerade in dünne Streifen schneiden. Shane muss wohl ihr Typ sein. Wahrscheinlich kann sie in Sekundenbruchteilen jedes der sechs Gesicht-Piercings in eine Waffe verwandeln.

Ein enormer Stapel Jetons türmt sich vor ihr auf, gleich neben einer offenen Flasche Tequila. »Wer gewinnt denn?«, frage ich in dem Versuch, sie auf meine Seite zu ziehen.

»Ich habe 292 Dollar«, erwidert Regina. »Jim hat 46, Noah 167 und Spencer 98. Nein, Moment … 99.«

»Shane war früh raus aus dem Spiel«, erklärt Jim. »Nicht, dass er viel Startkapital gehabt hätte.«

Der Flanellhemd tragende Typ, um den es geht, wendet sich an David. »Sie ist in Ordnung. Kann ich jetzt gehen?«

»Klar. Danke fürs Kommen.«

Jim fischt einen Schlüsselbund aus der Tasche und wirft ihn Shane zu. »Gute Jagd. Und denk daran, nichts von dem Niedrig-Oktan-Scheiß dieses Mal!«

Shane geht in Richtung Tür und wirft mir dabei einen anerkennenden Blick zu. Mein Blick folgt ihm, aber ich wende nicht den Kopf. Ich gratuliere mir zu so viel Selbstbeherrschung.

»Und was denkt der Rest von euch?«, fragt David. »Sollen wir sie engagieren?«

Der Rest von ihnen mustert mich, als wäre ich eine Kuh auf einer Landgut-Auktion. Ich bemühe mich, nicht zu muhen.

Die vier Moderatoren tauschen Blicke, dann nicken sie, mehr oder weniger im Einklang miteinander. David reibt sich die Hände und setzt zu einer Erklärung an.

»Moment!«, stoppt ihn Spencer. »Was ist mit Monroe?«

David verlagert sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Dann schüttelt er den Kopf. »Ich möchte seine Sendung nicht unterbrechen.«

»Wer ist Monroe?«, frage ich David.

Er zeigt auf eine geschlossene Tür in der Ecke, über der das Schild AUF SENDUNG rot leuchtet. »Er moderiert die Midnight Blues Show

»Aber es ist doch erst halb zehn.«

»Die Sendung beginnt um neun und endet um Mitternacht. Dann übernimmt Spencer, schließlich Jim von drei bis sechs. Allerdings passiert das im Wechsel mit der anderen Schicht, also sind’s die drei in jeder zweiten Nacht. In den anderen Nächten sind Noah, Regina und Shane dran, nach demselben Zeitplan.«

Die DJs nehmen ihre Karten wieder auf und machen uns damit deutlich, dass wir entlassen sind. David winkt mich zur Treppe, die uns wieder nach oben führt.

Er schließt die Tür hinter uns und deutet mit dem Daumen über seine Schulter. »Haben Sie begriffen, was sie sind?«, flüstert er.

Es klingt wie eine Fangfrage, also schüttele ich den Kopf.

»Eine echte Revolution!« David bekommt große Kulleraugen, so begeistert ist er. »Jeder von ihnen kommt aus einer Zeit, in der ein neuer Sound den Zeitgeist einer ganzen Generation verkörpert und die Welt glatt umgehauen hat!«

Wieder Alarmstufe Gelb. »Was meinen Sie damit, dass die DJs aus einer Zeit kommen …«

»Musikalisch gesehen.«

»Was soll dann die Verkleidung? Ist das jetzt mir zuliebe gewesen oder sind die gerade alle auf dem Weg zu einer Klischee-Convention?«

David schenkt mir ein verschlagenes Lächeln. Anscheinend ist er der Meinung, sein Name sollte ›dunkel und geheimnisvoll‹ bedeuten.

»Das wird Ihnen alles noch klar werden.« Er stapft die Treppe hinauf. »Wichtig ist nur, dass Sie Verständnis für die Musik haben, für die diese DJs da drinnen leben, und auch für die Geschichte, die dahintersteckt.«

Ich beeile mich, David einzuholen. Die weiße Farbe blättert vom Geländer, als ich mit der Hand darüberfahre. »Ich bin nicht gerade das, was man einen Rockologen nennen könnte …«

»Machen Sie sich keine Sorgen deswegen! Unwissenheit ist die Krankheit unserer Welt, die sich am leichtesten kurieren lässt.« Auf der obersten Stufe angelangt, wendet er sich nach rechts und öffnet die Tür zu einem geradezu winzigen Eckbüro. Licht flackert auf.

Ich stelle mich neben David und sehe, wie er mit dem Finger an Buchrücken entlangfährt, die eng an eng auf einem die ganze Wand einnehmenden Regal stehen. Er zieht einen alten Schinken nach dem anderen heraus und stapelt sie auf einem kleinen runden Tisch. David hört erst auf, als der Stapel größer ist als ich.

»Oh.« Er legt seine Hände auf den Stapel Bücher. »Sie haben noch gar nicht Ja gesagt. Zu dem Job.«

Ich kann es mir nicht leisten, zu hinterfragen, warum sie mich nach einem solch nichts sagenden, oberflächlichen Einstellungsgespräch haben wollen. Es ist geradezu hirnrissig. Das Ganze ist so seltsam, dass ich eine Frage doch noch loswerden muss.

»Was ist eigentlich mit der Zukunft?« Ich zeige auf den gerahmten Flyer des 69er-Konzerts der Grateful Dead im Fillmore West. »Das hier ist ein richtiges Museum. Was ist denn mit der Gegenwart? Und mit dem Morgen?«

David seufzt. »Haben Sie in letzter Zeit Radio gehört? Ganz ehrlich.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

Ich zucke mit den Schultern. »Zu viel Werbung.«

»Und?«

»Die Musik ist langweilig.« Ich ziehe meinen MP3-Player aus der Handtasche. »Bei diesem Ding weiß ich wenigstens, dass ich richtig gute Sachen zu hören kriege.«

»Genau. Die Musik aus dem Radio klingt immer gleich, weil große Konzerne die Radiosender übernommen haben und überall denselben weichgespülten Mist über den Äther jagen.« David beugt sich vor, seine Stimme ist leise, klingt gelassen. »Auf WMMP läuft nie weichgespülter Mist, ganz egal welcher Art. Hier legen die DJs auf, was sie und nur sie wollen, nicht was irgendein Firmenmanager oder Promoter einer Plattenfirma ihnen vorschreibt. Wissen Sie, wie selten das ist?«

»Lassen Sie mich raten: extrem selten, richtig?«

David nimmt das oberste Buch vom Stapel, The Rock Snob’s Dictionary, und streicht liebevoll über den brüchigen Rücken. »Dieser Ort ist ein Geschenk für Leute, die Musik lieben. Das ist nicht mein Verdienst. Alles hier gehört denen da unten.« Er zeigt auf den Boden. »Aber die Leute draußen wissen nichts von ihnen, jedenfalls noch nicht. Die Eigentümerin ist gerade dabei, ein Vermögen auszugeben, um unsere Reichweite zu vergrößern, damit auch Hörer in D. C., Baltimore und Harrisburg uns empfangen können.«

»Das ist doch gut, oder nicht?«

»Vielleicht nicht.« David klopft mit dem Buchrücken auf den Tisch. »Sie macht es, um den Sender für Käufer attraktiver zu machen. Ein Großkonzern aus der Kommunikationsbranche namens Skywave hat das ganze letzte Jahrzehnt damit zugebracht, Hunderte von Radiosendern zu schlucken.«

»Und WMMP ist der nächste?«

David nickt. »Die Eigentümerin droht damit, an Skywave zu verkaufen, sollten sich die Umsätze nicht bis zum Labor Day vervierfachen. Und dann sitzen wir ab September alle auf der Straße.« David wirft das Buch zurück auf den Stapel. »Frank braucht ein weiteres Paar Beine bei der Laufarbeit fürs letzte Gefecht in Sachen Marketing. Ausgehend von dem, was Sie im College gemacht haben, Ihrer Mappe und Ihrer Energie halte ich Sie für die perfekte Besetzung.«

Bloß kein Druck, wieder mal. Ich werfe einen Blick auf den Bücherstapel. »Die sind für mich?«

»Wenn Sie erfolgreich verkaufen wollen, müssen Sie das Produkt kennen.« Beim Wort ›Produkt‹ verzieht David den Mund. Anscheinend berührt es ihn schmerzlich, von Musik als Ware zu sprechen.

»Sie haben meine Frage, was mit der Gegenwart und der Zukunft ist, noch nicht beantwortet.«

Er wendet den Blick ab, das Gesicht starr. »Wenn Skywave die Zukunft ist, sollten wir wohl alle besser in der Vergangenheit bleiben.«

Unschlüssig und ein wenig verzweifelt schnappe ich mir den Stapel Bücher. »Machen Sie mir bitte die Tür auf?«

»Warten Sie!« Er streckt mir die Hand entgegen. Ich will schon danach greifen, um unseren Handel zu besiegeln, aber er schlägt meine Hand aus. »Nein! Geben Sie mir das Ding da!« Er zeigt auf den MP3-Player, der aus meiner Handtasche ragt.

»Machen Sie Witze?!«

»Hören Sie stattdessen lieber mal zwei Wochen unseren Sender! Mit Ihrem ersten Gehaltsscheck bekommen Sie von mir einen besseren Player, mit mehr Speicher und anderen Songs – als kleine Aufmerksamkeit des Hauses.«

Ich reiche David den Player. »Einer, der Videos abspielen kann, wäre großartig.«

Er lacht und schiebt meinen Player in eine Lücke auf einem der Regalbretter. »Wir sehen uns dann morgen früh um 8.30 Uhr.«

Ich schleppe die Bücher raus auf den Parkplatz. Dabei versuche ich, nicht allzu sehr unter deren Gewicht zu schwanken.

»Und ziehen Sie sich was Anständiges an!«, ruft David mir hinterher. »Das hier ist ein Radiosender, keine Versicherungsgesellschaft.«

Ich werfe ihm ein dankbares Grinsen zu, während er winkt und die Tür schließt.

Der feinkörnige Splitt auf dem Parkplatz knirscht unter meinen Füßen, ein lautes Geräusch in der Stille dieser Sommernacht. Kein Verkehrslärm ist zu hören. Denn der Sender liegt nicht ganz zwanzig Kilometer außerhalb von Sherwood, einer recht kleinen Stadt in Maryland. Der Highway liegt vierhundert Meter weit weg hinter einem dichten Waldstück.

Ich lehne den Bücherstapel gegen den Kotflügel meines abgewrackten Autos und wühle nach meinen Schlüsseln. Meine Handtasche fühlt sich seltsam groß und leicht an ohne den MP3-Player, den ich schon jetzt vermisse. Vielleicht kann ich mir den von meiner Freundin Lori borgen …

Schritte hinter mir auf dem Schotter. Sicher ist es David mit noch ein paar Büchern.

»Ehrlich«, beginne ich, während ich mich zu ihm umwende, »das sind mehr als …«

Das Wort ›genug‹ bleibt mir in der Kehle stecken.

Da ist niemand. Das einzige Licht kommt von einer orangefarbenen Lampe am Eingang der Sendestation, gleich neben der Tür. Es taucht meine Hälfte des Parkplatzes in ein mattes Bernsteingelb. Der Sendeturm überragt Gebäude und Parkplatz, seine blinkende rote Signallampe zu weit oben, um hier unten noch Licht zu spenden.

Die andere Seite des Parkplatzes liegt im Dunkeln. Dorthin starre ich, die Muskeln starr vor Schreck, die Augen schreckgeweitet blicke ich hin und her. Ich fühle mich wie ein Baby-Kaninchen, das hofft, das Raubtier sähe es nicht, wenn es nur still hält.

Klar doch! Jemand, der mich verfolgt, wird sicher denken, ich wäre durch eine Schaufensterpuppe ersetzt worden! Granatengeile Strategie!

Da es keine anderen Gebäude in Hörweite eines Schreis gibt, sollte ich wohl besser mit dem Auto flüchten oder zurück in den Sender gehen. Die Vorstellung, meinem neuen Boss etwas von komischen Geräuschen draußen auf dem Parkplatz vorzuwinseln macht mir die Entscheidung leicht.

Ohne mich zum Auto umzudrehen, taste ich nach dem Schloss für den Kofferraum, stecke den Schlüssel hinein. Der Kofferraum springt auf, ich lasse die Bücher hineinfallen, ehe ich den Kofferraumdeckel wieder zuschlage. Ich stolpere rückwärts auf die Fahrertür zu.

Da. Ein Luftzug an meinem Ohr, viel zu kalt für eine Sommerbrise. Ich fahre herum, um den Stalker zu sehen und sehe …

Nichts. Wieder.

Ich unterdrücke ein Aufkreischen, öffne die Autotür und falle hinein, wobei ich einen schnellen Kontrollblick auf die Rückbank werfe. Mit dem Ellenbogen drücke ich die Türverriegelung hinunter, um gleichzeitig den Motor anzulassen und den Rückwärtsgang einzulegen. Schottersteinchen spritzen unter meinen Reifen auf und prasseln gegen den Unterboden meines Wagens.

Die Zufahrt zum Sender wird in der baumbestandenen Dunkelheit zu einem langen Tunnel aus Scheinwerferlicht. Erst als ich die Hauptstraße erreiche, geben meine Lungen die angehaltene Atemluft wieder frei.

Kein Wunder, dass Frank nicht gern nachts arbeitet.

Etwa zu dem Zeitpunkt, als ich in die Innenstadt von Sherwood einfahre, haben meine Hände aufgehört zu zittern. Nachdem ich meine Straßenseite nach verdächtigen Individuen abgesucht habe – es sind irgendwie mehr als sonst –, angele ich die Hälfte von Davids Büchern aus dem Kofferraum und steuere auf mein Apartment zu, das im Stockwerk über Deans Pfandhaus liegt. Es ist tatsächlich das beste der ganzen Stadt, was ein riesiges rot-weißes Schild im Schaufenster beweist: KEIN DIEBESGUT. Dean hätte auch gleich noch ZWINKER-ZWINKER darunter schreiben können.

Ich gehe durch die zweifach verriegelte Tür, die gleich neben dem Eingang zum Pfandhaus liegt. Ich poltere die dunkle Treppe hinauf – ich habe Dean schon seit Wochen bekniet, die kaputte, aber für mich nicht erreichbare Glühbirne im Treppenhaus zu wechseln. Erst dann stehe vor einer weiteren Tür, wieder zweifach verriegelt, die zu meinem Apartment führt.

Die abgestandene heiße Luft schnürt mir die Kehle zu. Ich haste drei Schritte durch die Diele zu meinem Schlafzimmer hinunter, wo mein einziges Klimagerät ins Fenster eingelassen ist. Einen Augenblick später liegt mein Hosenanzug zusammengeknüllt in der Ecke; ich stehe in Unterwäsche vor dem Ding und lasse die kühle Brise jeden einzelnen panikinduzierten Schweißtropfen trocknen.

Sobald ich mich bis zum Bibbern abgekühlt habe, schalte ich meinen Computer ein und stelle die Verbindung zum Internet her. Um dem nun folgenden Kreischen und Schrillen des Modems zu entgehen – als ob ein Android ausgeweidet würde! –, begebe ich mich rasch in die Küche.

Ich öffne den Kühlschrank und finde ein einsames Bier, das nach Gesellschaft verlangt. Es findet die ideale Begleitung in einem Stück übrig gebliebener Pizza.

Zurück im Schlafzimmer sind meine EMails tatsächlich alle heruntergeladen. Im Eingang ganz oben auf der Liste findet sich eine Nachricht von David, die erst vor ein paar Minuten abgeschickt worden ist:

HÖREN SIE DENN AUCH ZU?

»Ja, klar doch!« Ich stelle meinen Radiowecker auf Radio-Empfang um und suche nach der Frequenz von WMMP (Wissen die eigentlich, dass ihr Kürzel sich wie ›Wimp‹ liest, also Weichei?). Ich suche den unteren Bereich der Frequenzskala ab, bis der Sound einer Mundharmonika aus den kleinen Lautsprechern dringt.

Ich kehre zu meinen EMails zurück und bemerke, dass einer der Ordner im EMail-Eingang fett unterlegt ist. »M (1)« steht da, was heißt, ich habe eine Mail von jemandem, den mein Programm automatisch in den ihm zugeordneten Unterordner ›M‹ speichert. Offenkundig hat sie die Wachen davon überzeugt, ihr wieder Computerzugang zu gewähren.

Die Nachricht verbirgt sich aus Sicherheitsgründen hinter einer ganzen Wand aus Maus-Klicks. Nach einigen Minuten des Zögerns, in denen es in meinen Eingeweiden rumort, lasse ich die Mail, wo sie ist.

Kurz vor Mitternacht schicke ich meine letzte ›Ich habe endlich einen Job!‹-Mail ab; sie geht an meine ehemaligen Pflegeeltern. Ich strecke mich gerade über die Stuhllehne hinweg, um meine Wirbel knacken zu lassen, da bemerke ich, dass das Radio schweigt. Ist das Signal weg? Ich schnappe mir mein Bier und durchquere den Raum, um zu checken, ob der Stecker wieder aus der alten Steckdose gerutscht ist. Das Ding ist so alt, dass es jede Brandschutzverordnung vergewaltigt.

Dann eine Stimme, weich und sanft, die sagt: »I’ll never … never get out of these blues alive.« Einen Augenblick frage ich mich, ob die Stimme diesem Monroe gehört – Ich habe dem Programm bisher nicht genug Beachtung geschenkt, um zu wissen, wie seine Stimme klingt. Dann setzt behutsam die Gitarre ein, gefolgt von vereinzeltem Applaus. Das eben Gesagte muss der Name des Songs gewesen sein.

Ein langsamer, aber eindringlicher Beat des Schlagzeugs begleitet jetzt die Gitarre und schlägt mich in seinen Bann, noch ehe das erste Wort gesungen ist. Ich setze mich aufs Bett, ganz behutsam, als reiche schon eine einzige zu rasche Bewegung, um den Bann zu brechen.

Die Stimme des Sängers streicht über mich hinweg, um mich herum. Sie klingt nach viel schwarzem Kaffee, Zigaretten und dem vergeblichen Versuch, Schlaf zu finden, wenn man Kummer hat.

Voller Leidenschaft gesellt sich ein Klavier zu Schlagzeug und Gitarre und widersetzt sich der Untergangsstimmung des Textes. Ich schließe die Augen, und schon bin ich da: in einer schummrigen, verrauchten Bar, wo Einzelgänger sich mit schweren Lidern im Takt wiegen, gefangen in Gedanken an die, die sie verloren haben. Ich schlucke den letzten warmen Schluck Bier hinunter und wünschte, ich hätte noch eine Flasche.

Das Lied endet. Applaus brandet auf. Ich schalte das Radio aus, ehe eine andere Stimme den Platz des Sängers einnehmen kann. Dessen ansteckende Rastlosigkeit prickelt unter meiner Haut und vertreibt meine Müdigkeit. Ich kann mich jetzt nicht ins Bett legen. Selbst die weichen, kühlen Laken würden meine Nerven blank scheuern.

Ich ziehe die Rollos hoch und spähe aus dem Fenster. Sherwoods stille Straßen locken mich hinaus, flehen mich an, eine letzte Runde zu drehen, ehe das normale Leben einen einschnürt wie eine Zwangsjacke.

In einem immer schneller werdenden Rhythmus klopfe ich mit den Fingernägeln auf die hölzerne Fensterbank und warte auf jemanden, irgendjemanden, der vorbeigeht. Aber in einer kleinen Stadt wie dieser gibt es um diese Uhrzeit auf Bürgersteigen und engen Nebenstraßen keine Beute.

Im Übrigen gehe ich immer weit fort von zu Hause auf die Jagd.

2

Won’t Get Fooled Again

Mein Schreibtisch im Büro ist leer, oben auf der Platte ebenso wie in den Schubfächern. Ich sollte vielleicht nicht zu viel von meinem ersten Arbeitstag erwarten. Aber wie soll man den amerikanischen Traum von maximaler Produktivität erfüllen ohne einen Computer – oder ohne einen Stift?

David schien erleichtert, mich zu sehen, als ich vor wenigen Minuten hereinschneite. Aber dann musste er ins Studio hinunterrennen, um auf ein anderes Programm umzustellen. Mich ließ er aufgaben- und stiftlos zurück.

Meinem Arbeitsplatz gegenüber steht ein niedriger Metallschrank. Auf ihm befinden sich ein antikes Faxgerät und das eingerahmte Griffbrett einer Gitarre, die Pete Townsend höchstpersönlich zertrümmert haben soll. Ich mache mich auf zum Schrank; die Sohlen meiner Sandalen klatschen beim Gehen auf den naturbelassenen Hartholzboden.

Die Schranktüren öffnen sich quietschend und geben den Blick auf jede Menge Kartons mit Büromaterial frei. Volltreffer! Das ist ja wie Shoppen, ohne bezahlen zu müssen.

Während ich mich durch hauptsächlich leere Kartons arbeite, nimmt mein Enthusiasmus deutlich ab. Jetzt fühlt sich dieser Job an wie Shoppen in der alten Sowjetunion.

Schwere Schritte sind auf der Treppe hinter mir zu hören; jemand hat sich auf den mühsamen Weg nach oben gemacht. »Wir haben Stifte in allen Farben – schwarz, schwarz und schwarz.«

Ich drücke die Schranktür weiter auf und kann nun einen blassen, dicklichen Mann mit blondem Haar dabei beobachten, wie er auf den anderen Schreibtisch zugeht. Er reißt die aktuelle Seite des Oscar-Wilde-Kalenders ab und liest das Zitat des Tages. »Hmm.« Offenkundig ist es nicht eines von Oscars witzigeren Bonmots.

»Sie müssen Frank sein.« Ich versuche, mich so geschäftsmäßig zu geben, wie ich angesichts auf den Boden klatschender Sandalen nur kann, gehe zu ihm hinüber und strecke ihm die Hand entgegen.

Seine Mundwinkel wandern nach unten. Es wirkt, als sei dies ihr naturgegebener Platz. »Eigentlich Franklin.« Er stellt den Kalender wieder zurück auf den Schreibtisch. »Aber alle nennen mich immer nur Frank, auch wenn mir das gar nicht passt.«

»Ich habe dasselbe Problem.«

Zum ersten Mal sieht er mir direkt in die Augen. »Jeder nennt Sie Frank?« Er sagt das so trocken und ausdruckslos, dass der Witz schon durch den Fußboden geschlagen und im Keller gelandet ist, ehe ich auf die Idee komme zu lachen.

»Ich meinte, dass alle meinen Namen falsch aussprechen.«

Frank(lin) wirft einen Blick auf meinen Lebenslauf, den David wohl für ihn auf den Schreibtisch gelegt hat. »Was ist so schwierig an ›Ciara‹?«

Er spricht den Namen richtig aus: Kih-rah. Wir werden sicher die besten Freunde.

Endlich schüttelt Franklin mir die Hand. Er ist größer und jünger, als ich zuerst gedacht habe. Seine lässige, etwas eingesackte Körperhaltung hatte mich in die Irre geführt. Er ist bestimmt 1,85 m groß und sicher nicht älter als Mitte dreißig. Seine Kleidung – unter dem grauen Jackett ein geschäftsmäßiges Oberhemd und eine blau-schwarze Krawatte – sieht ordentlich aus. Aber alles hängt irgendwie lustlos an ihm, so, als sei er zufällig an diese Kleidungsstücke geraten. Vielleicht fehlt Franklin auch einfach nur eine Dosis Koffein.

»Soll ich Ihnen eine Tasse Kaffee bringen?«

Er seufzt und verdreht die Augen. »Setzen Sie sich!« Er zeigt auf den Besuchersessel, auf dem ich gestern Abend schon während des Bewerbungsgesprächs gesessen habe. Er selbst lässt sich in seinen Drehstuhl hinter dem Schreibtisch fallen.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«

»Na fein, dann setzen Sie sich eben nicht!« Er blickt mich aus grauen Augen an. Sein Blick kombiniert grundlegendes Wohlwollen mit Überdruss aus tiefster Seele. »Ciara, Sie sind hier, um etwas über Marketing und Sales zu lernen und dabei mitzuhelfen, diesen Radiosender vor der Vergessenheit zu retten. Sie sind nicht hier, um jemanden zu bedienen.« Sein leichter Akzent und sein schleppendes Sprechen weisen ihn als Einheimischen aus. »Sie holen für niemanden Kaffee außer für sich selbst, Sie kopieren und faxen auch für niemand anderen hier. Kapiert?«

»Kapiert.«

»Wenn einer von den Radiomoderatoren da unten …«, er deutet auf den Fußboden, als lebten sie unter dem Gebäude, »Sie um mehr bittet, als ihm einen Stift zu leihen, sagen Sie mir das bitte! Selbstverständlich nachdem Sie demjenigen gesagt haben, er solle sich verpissen.«

Ich setze mich auf den Sessel und ziehe ihn näher an Franklins Schreibtisch heran. »Wie läuft das eigentlich mit denen? Laufen die immer so herum?«

Für die Antwort beugt er sich zu mir herüber. Dann klappt er plötzlich den Mund wieder zu. Und dann: »Haben Sie die Bücher gelesen, die David Ihnen mitgegeben hat?«

»Nein. Die habe ich doch erst gestern Abend bekommen.«

Ein paar Sekunden lang studiert Franklin mein Gesicht. Währenddessen trommeln seine Finger bedächtig einen Rhythmus auf die Stuhllehne.

»Warten Sie einen Augenblick!« Er steht auf, geht mit schweren Schritten die Treppe hinunter.Dabei gelingt ihm das Kunststück, gleichzeitig beunruhigt und apathisch zu wirken.

Ich habe kaum die Zeit, über das heutige Oscar-Wilde-Zitat zu kichern (Ich würde alles auf der Welt tun, um meine Jugend zurückzuerhalten, außer mich zu bewegen, früh aufzustehen oder ehrbar zu werden), ehe David die Treppe hochgestürmt kommt.

»Ciara.« Beinahe hätte er meinen Namen mit drei Silben ausgesprochen. Gerade so gelingt es ihm, den Fehler zu kaschieren, indem er sich am Kinn kratzt. »Haben Sie denn wenigstens das Material durchgeschaut, überflogen, irgendwas?«

Momentan liegen die Bücher in meiner Diele, genau da, wo ich sie gestern Abend fallen gelassen habe. »Warum ist das denn so wichtig?«

Er verschränkt die Arme vor der Brust und tritt von einem Fuß auf den anderen. »Es ist wichtig, dass Sie verstehen, was wir sind … ich meine, wer wir sind und vor welchen Herausforderungen wir stehen in der heutigen, äh – Geschäftswelt.« Er reibt sich den Nacken. »Nur so können Sie eine von uns werden.«

Ich bin aber keine von ihnen. Ich bin nur eine Praktikantin. Aber ich bin bereit, allem zuzustimmen, wenn er nur aufhört, sich aufzuregen.

»Welches Buch, welche Seite? Ich schau sofort nach, wenn ich heute Abend nach Hause komme.«

»Nein, jetzt.« Mit einer Kopfbewegung verweist er auf meinen leeren Schreibtisch. »Ihr Computer kommt nicht vor Montag. Also gehen Sie jetzt nach Hause und fangen an zu lesen! Rufen Sie mich an, wenn Sie draufgestoßen … wenn Sie zu Ende gelesen haben!«

Ich sehe den einen Meter hohen Stapel Bücher vor meinem inneren Auge. »Alle zu Ende gelesen habe, wirklich alle?«

»Sie werden merken, wann Sie aufhören können.«

Selbst Davids kryptische Bemerkungen können mir einen bezahlten Tag am Pool nicht vermiesen.

Ich bin schon halb aus der Tür, als ich mich daran erinnere, dass ich David noch etwas fragen wollte. »David, von wem ist dieser Song I’ll Never Get Out of These Blues Alive

Er dreht sich mit einem breiten Stolzer-Papa-Lächeln zu mir herum. »Von John Lee Hooker. Monroe spielt ihn jede Nacht zum Abschluss. Hat er Ihnen gefallen?«

Ich zucke mit den Schultern. »War ganz in Ordnung.«

Davids Grinsen verrät mir, dass er meine gewollte Untertreibung durchschaut. »Sie werden Ihren Job lieben, das prophezeie ich Ihnen!«

Ich liebe meinen Job. Noch niemals zuvor war ich in der Lage, so etwas zu sagen. Aber gerade jetzt, wo ich am Pool der Apartment-Anlage meiner Freundin Lori lümmle und einen Pfirsich-Eistee schlürfe, liebe ich meinen Job.

Meine Eieruhr piept, und ich drehe mich auf den Bauch und brate noch zehn weitere Minuten in der Sonne. Mein Rücken braucht immer etwas länger, um braun zu werden, als meine Vorderseite. Wenigstens werde ich nicht rot und sommersprossig wie die meisten Mädchen irischer Herkunft. Mein Vater hat mir einmal gesagt, ich hätte Zigeunerblut in den Adern. Aber es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass diese eine unter all seinen anderen Behauptungen der Wahrheit entsprechen könnte.

Ich greife mir das nächste Buch aus dem Stapel. »Die Encyclopedia of Rock and Roll

»Wie kann man von dir erwarten, dass du ein ganzes Lexikon durchliest?«, fragt Lori von der anderen Sonnenliege aus.

»Er sagte, ich soll’s überfliegen.« Ich blättere die Seiten mit dem Daumen durch, fast so schnell wie bei einem Daumenkino. »Ich überfliege es gerade.«

»Oh-ha!« Lori setzt sich auf und reibt sich den Nacken. »Ich fürchte, ich hab mir einen Sonnenbrand geholt.«

»Schmier noch mehr von dem Zeug mit Sonnenschutzfaktor 40 drauf! Du vergisst ständig, dass du der nordische Typ bist.«

»Finnisch.«

»Na, für’s Finish ist es noch ein bisschen früh. Ich hab ja gerade erst angefangen.«

Sie gibt einen Grunzlaut von sich und bespritzt mich mit dem Inhalt ihrer Plastikflasche. Ich ziehe rasch eine Handtuchecke über die Enzyklopädie, um sie vor Eistee-Spritzern zu schützen. »He, pass doch auf!«

»Wortspiele machen dich zu einem von Rechts wegen vertretbaren und damit berechtigten Ziel.«

Ich wende mich wieder dem Buch zu. Aber gegen das gleißende Licht der Sonne auf den weißen Seiten hilft nur, die Augen zusammenzukneifen. Ich falte die Hände über meinen Augen, um mir selbst etwas Schatten zu spenden.

Damit ich wach bleibe, frage ich Lori: »Wie geht’s denn mit der Geisterjagd voran?«

»SPIT ist gerade dabei, Geld für das Sherwood-Schlacht-Denkmal zu sammeln. Der Stadtrat denkt, wir haben sie nicht alle, aber er nimmt nur allzu gern unser Geld an. Außerdem werden mehr Touristen hierherkommen, wenn wir zeigen, dass Sherwood von Geistern heimgesucht wird. Alle profitieren davon.«

»Nur die Geister nicht. Vielleicht sollte man sie besser in Ruhe lassen.«

Lori lacht. »Behandle mich ja nicht von oben herab, Skeptik-Girl!« Sie lässt es wie den Namen eines Oberschurken im Comic klingen.

Obwohl ich den unbändigen Drang verspüre, die Augen zu verdrehen, unterstütze ich Loris Besessenheit, was Geister aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs angeht. Irgendwas muss man ja machen, wenn man Geschichte studiert hat. Darüber hinaus sorgt diese Geistersache dafür, dass meine beste Freundin auch noch zwei Jahre nach dem College-Abschluss in der Stadt bleibt, hier bei mir und bei SPIT, dem Sherwood Paranormal Investigation Team, das dringend einen neuen Namen braucht. Sherwoods Untersuchungsteam des Paranormalen, schön und gut! Aber SPIT? Rotz?!

Meine unheimliche Begegnung auf dem Parkplatz gestern Nacht kommt mir in den Sinn. Im hellen Sonnenschein fühlt sich das Ganze richtig dämlich an. Trotzdem muss ich meine Frage einfach loswerden. »Gehen wir mal davon aus, es gäbe wirklich Geister in Sherwood.«

»Es gibt wirklich Geister in Sherwood!«

»Okay. Aber wie würde sich die Begegnung mit einem Geist anfühlen?«

Lori beschattet ihre Augen mit der Hand und schaut mich an. »Soll das ein Witz sein?«

Ich erzähle ihr von der merkwürdigen, kalten Präsenz, die ich gestern wahrgenommen habe. Lori steht der Mund offen. Ihr Unterkiefer fällt herunter, als habe sie die Kontrolle über ihre Muskeln verloren.

»Wow, ich sterbe vor Neid!« Sie greift nach ihrer Eistee-Flasche, als wolle sie mich noch einmal bespritzen. »Du glaubst nicht einmal daran und machst trotzdem eine Geistererfahrung! Das Einzige, was ich je gespürt habe, ist ein Zucken im Ellbogen. Und das war, wie sich herausstellte, ein Nervenleiden.«

»Komm schon! Dafür muss es doch eine Erklärung geben! Wenn ihr ermitteln würdet, welche Möglichkeiten würdet ihr dann ausschließen?«

Sie tippt sich mit dem Hals ihrer Plastikflasche ans Kinn. »Wegen der vielen Bäume rundherum könnte es auf dem Parkplatz zu ganz natürlichen Temperaturschwankungen kommen. Das könnte den kalten Luftzug durchaus erklären. Das Flüstern könnte auch der Wind im Laub der Bäume gewesen sein. Und jeder weiß, dass von Sendestationen massive elektromagnetische Felder ausgehen. Das klingt nach der perfekten Mixtur, um einen gruseligen, aber unbegründeten Schrecken auszulösen.«

»Gut.«

»Ich könnte SPIT bitten, das für dich zu überprüfen.«

»Nein, nein! Ich will nicht, dass mein Boss denkt, ich sei verrückt.« Und ich will nicht von mir selber denken, ich sei verrückt.

Lori greift nach ihrer Uhr und stöhnt auf. »Zeit, arbeiten zu gehen!« Sie steht auf und faltet ihr Handtuch zusammen. Es ist gut, dass sie endlich aus der Sonne geht. Ihr Gesicht ist bereits so rot wie das eines Marathonläufers, der gerade eben die Ziellinie erreicht hat. »Gehst du nachher noch auf einen Drink in die Bar?«

»Klar doch. Danke für den Einblick in die Geisterwelt.«

»Du wirst noch glau…auben!« Sie summt die Titelmelodie von Akte X, während sie in ihren Flip-Flops davonschlurft.

Ich überfliege die fett gedruckten Einträge in der Mega-Enzyklopädie. Bisher keine ungewöhnlichen Fakten, nichts, was mir einen Hinweis auf das große Ziel von Wimp-Radio geben kann.

Meine Badetasche ist vollgestopft mit ungelesenen Büchern: zwei Bände über die Geschichte des Rundfunks, ein Buch über Frauen im Rock ’n’ Roll und ein abgegriffener, aber trotzdem prächtiger Bildband über amerikanische Folkmusik und Roots-Rock.

In dem Bildband steckt etwas, das ihn zusätzlich dicker macht – etwas, das dick genug ist, um selbst ein Buch zu sein.

Ich ziehe den blinden Passagier heraus. Es ist eine umfangreiche Broschüre. Die Rückseite ist gelb und bietet als Information nur das Copyright-Datum von 1954. Ich schlage das Büchlein auf.

»Oh, wie niedlich!«

Der Titel, gesetzt in einfacher Maschinenschrift, lautet: Die Wahrheit über Vampire. Das Heft sieht aus wie eine Informationsbroschüre, als wäre sie Teil einer staatlich geförderten Reihe zur Panikmache unter der Bevölkerung, mit Titeln wie: Marihuana – Sprungbrett in die Verzweiflung oder Es sind nicht nur große Schuppen – Wie man Kopfläuse erkennt.

Die Broschüre besteht aus dreißig Seiten Dünndruckpapier, der Text ist in kurze Kapitel unterteilt. Ich lehne mich auf der Sonnenliege zurück und beginne zu lesen. Das Heftchen ist nicht Teil von Davids Lehrplan, da bin ich mir sicher. Aber es wird mich höchstens nur zehn Minuten kosten, es durchzulesen.

Ja, ja, sie ernähren sich von Blut … okay, sie können nicht im Tageslicht existieren, bla-bla-bla, sind sehr manipulativ, et cetera, et cetera. Klingt für mich sehr nach rezitierten Klischees – Anne Rice mal eben aufgewärmt. Aber, hey, schließlich verschlinge ich diese trendigen Vampirromane, als wären es heroingetränkte Kartoffelchips! Allein zu Unterhaltungszwecken lese ich also weiter.

Ich blättere vor und suche nach der großen bösen Wahrheit über Vampire. Dem Zeitgeist der Fünfziger entsprechend, wird hier als Wahrheit höchstwahrscheinlich die Infiltration der Blutbanken durch Kommunisten verkauft. Dieses Heftchen riecht geradezu nach der McCarthy-Ära.

Eine Überschrift lautet: Zeitgebundenheit. Hmm, das ist ja mal was Neues. Ich greife nach meinem Eistee.

Bis zum Mund komme ich mit der Flasche gar nicht, weil sämtliche meiner Muskeln erstarren. Die Worte hallen in meinem Kopf wider. Es ist, als würde ich dem Kommentator einer Dokumentation lauschen:

Vampire bleiben in der kulturellen Ära haften, in der sie den Tod fanden. Sie selbst sprechen von dieser Ära als persönliche ›Lebenszeit‹. Zum Erhalt des geistigen Wohlbefindens wird ein Vampir Sprechweise und Kleidung seiner Lebenszeit beibehalten und damit den Konventionen dieser Ära huldigen. Ein weiblicher Vampir aus den zwanziger Jahren wird beispielsweise den Flapper leben, also den flatterhaften, frechen Stil dieser Zeit, wird die damals modischen Kurzhaarfrisuren und kurzen Röcke bevorzugen und behaupten, dass ›schwofen zu gehen‹ – sich also mit wechselnden Geschlechtspartnern zu vergnügen – einfach ›knorke‹ sei.

Da das moderne Leben stets in die sorgfältig konstruierte Wirklichkeit des Vampirs einbricht, rebellieren Vampire häufig gegen das damit einhergehende Gefühl von Machtlosigkeit. Eine harmlose Reaktion darauf kann aus pathologisch zwanghaften Verhaltensweisen bestehen, da diese die Illusion von Kontrolle hervorrufen.

Es sollte jede Möglichkeit ergriffen werden, dem gesetzestreuen Vampir ein Mittel zu geben, mit dem er oder sie den Kontakt zur Vergangenheit und gleichzeitig den zur Gegenwart pflegen kann. Nur das hat nämlich zur Folge, dass die Lebensspanne eines Vampirs sich verlängert und möglicherweise katastrophalen Unruhezuständen vorgebeugt wird. Viele Vampire eines gewissen Alters nutzen unser Netzwerk von Schutzhäusern, um einen Ort zu haben, an dem sie langsam vergehen können, ohne eine Gefahr für sich und andere darzustellen.

Mit roter Farbe stand an den Rand getippt:

Anmerkung: Bei Vampiren mit gewissen Merkmalen – hierzu gehören psychische Instabilität während der Lebenszeit, extreme Jugend oder hohes Alter zum Zeitpunkt der Verwandlung ebenso wie einige unbekannte Faktoren – ist damit zu rechnen, dass sie auf die sich wandelnde Welt mit Gewalttätigkeit reagieren. Da es die oberste Pflicht eines Agenten ist, menschliches Leben zu schützen, sollte er Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, was Präventivmaßnahmen mit einschließt (vergleiche hierzu im Leitfaden: Kapitel 16: ›Beseitigung‹).

Wie bitte?!

Das also hatte ich lesen sollen! David glaubt, die DJs seien Vampire. Die DJs glauben, sie seien Vampire.

Nein, niemand mit solchen Wahnvorstellungen lebt außerhalb einer psychiatrischen Klinik! Das Ganze muss eine Show sein. Ein Scherz. Ein Scherz, der kein Stück lustig ist.

Ich schaue mir das Heftchen noch einmal genau an. Das Papier sieht nicht nur alt aus, es fühlt sich auch brüchig an und riecht muffig-verstaubt wie ein Dachboden. Also haben sie altes Papier verwendet – und eine Schreibmaschine, denn die Seiten würden sich in einem Drucker oder Kopierer sofort in ihre Bestandteile auflösen.

Warum betrieben sie so einen Aufwand, bloß um die Neue auf den Arm zu nehmen? Haben sie diese Farce auch für die anderen Stellenbewerber durchgespielt?

Ich balle die Hände zu Fäusten, zerknülle die Broschüre. Vielleicht gab es gar keine Mitbewerber. Schließlich hat David mich wegen des Vorstellungsgesprächs angerufen, nicht ich ihn. Warum? Wegen meiner Vergangenheit, hat er behauptet. Aber wie viel kann er tatsächlich über meine Vergangenheit wissen?

Und was verflucht noch mal hat das alles mit Vampiren zu tun?

Es ist egal. Wenn es nach Fisch stinkt, wie ein Fisch schwimmt und quakt wie ein … na gut, in jedem Fall aber stinkt die ganze Sache zum Himmel! Wir überspringen Alarmstufe Orange und gehen gleich auf Alarmstufe Rot.

Ich hole mein Handy heraus und wähle Davids Nummer, die mitsamt seines Namens sorgsam im Deckel des Bildbandes geschrieben steht.

Niemand geht ran. Das macht’s noch leichter.

»David, entschuldigen Sie bitte, dass ich es einfach so auf Ihrer Mailbox hinterlasse, aber ich habe eine andere Anstellung gefunden.« Jetzt sollte ich wohl noch etwas Nettes hinzufügen. »Danke dafür, dass Sie mich in die engere Wahl genommen haben.« Oje. Ich versuch’s noch mal. »Ich meine, danke, dass Sie mir den Job beim Sender angeboten haben. Ich glaube, die Arbeit hätte mir durchaus Spaß gemacht.«

Ich klappe das Handy rasch zu, ehe meine Stimme verrät, wie hin und her gerissen ich bin. Es ist an der Zeit, wieder die Stellenangebote zu durchsuchen.

Als ich den Poolbereich verlasse, stopfe ich Die Wahrheit über Vampire in den Mülleimer, wo sie hingehört.

3

Run like Hell

Das Smoking Pig ist gerammelt voll mit den üblichen FreitagAbend-Gästen – größtenteils College-Studenten, die in der Stadt geblieben sind, um Ferienseminare zu belegen oder ihren Eltern zu entgehen. Das Pig ist aus alten Mühlenteilen gebaut worden: Früher hat es in der Umgebung so viele Mühlen gegeben, wie es schwarze Punkte auf einem Dalmatinerfell gibt. Um noch für etwas Atmosphäre zu sorgen, liegen verrostete Teile von Landmaschinen auf den dunklen, hölzernen Deckenbalken.

Nachdem ich den ganzen Nachmittag damit verbracht habe, die Aushilfsjobs durchzusehen (Burger-Patties wenden gegen Betonmischer fahren), brauche ich einen Drink. Ich quetsche mich durch die Menge hindurch bis zum Messinggeländer der Theke und winke Lori an der Kasse zu. Sie hebt einen Finger. Während sie die Bestellungen eintippt, wiederholen ihre Lippen lautlos jeden einzelnen Posten. Dann kommt sie zu mir herüber, ihr hellblonder Pferdeschwanz hüpft fröhlich auf und ab.

»Du hast toll Farbe gekriegt!«, brüllt sie gegen den Lärm der Menge und den neuesten Song der Killers an. Sie hebt ihren Pony und dreht ihr Kinn ins Licht. »Kann man sehen, dass ich eine Sonnenbrille getragen habe?«

»Ein wenig.« Loris Gesicht sieht aus, als sei sie die Negativvariante eines Panzerknackers. Ich sollte sie tagsüber wirklich nicht hinauslassen. Der Gedanke erinnert mich wieder an die Vampire, also nichts wie weg mit dem Thema.

Lori wischt mit einem Lappen über das blank polierte Holz der Theke. »Was darf ich dir bringen?«

»Etwas Starkes – pur, bitte.«

Sie schaut mir prüfend in die Augen, die vom Anstarren der Jobangebote ganz rot sind – das weiß ich. »Was Starkes, ja, aber sicher nicht pur! Du brauchst mehr als reinen Alkohol.« Sie greift nach der Flasche Kahlua und dann nach dem Wodka Vanilla. »Ein Chocolatini wird dich aufmuntern.«

»Woher weißt du, dass ich Aufmunterung gebrauchen kann?«

»Der sechste Sinn eines jeden Barkeepers.« Ihre Hände wandern über die Reihe von Flaschen vor ihr, ehe sie Grand Marnier, Frangelico und Bailey’s Irish Cream herausholt.

»Sieht aber teuer aus.«

»Der Boss ist heute krank, also geht der Drink aufs Haus. Aber das heißt auch, wir sind einer zu wenig. Deswegen herrscht hier das Chaos! Es ist der Wahnsinn – zwei Junggesellinnen-Abschiede auf einmal.« Sie schüttelt den Drink im Shaker durch und gießt den Inhalt in das Glas vor mir. »Sobald es sich etwas gelichtet hat, kannst du mir erzählen, was los ist.« Sie winkt mir zu und hastet davon.

Ich suche die Menge nach jemandem ab, den ich kenne – oder den ich gern kennenlernen würde. Ein bekanntes Gesicht taucht in meinem Blickfeld auf, hinten am anderen Ende der Theke. Doch bevor ich einen zweiten Blick wagen kann, torkelt eine üppig bestückte Brünette mit Hochzeitsschleier auf mich zu und nimmt mir die Sicht.

»O mein Gott. Ciara Griffin?«

Und ich dachte, mein Tag könnte nicht noch schlimmer werden! Ich zwinge mich zu einem Lächeln und schnippe mit den Fingern, so als ob ich nach dem Namen meiner ehemaligen Wohnheimgenossin suchen würde. »Joanne, nicht wahr?«

Sie haut mir auf die Schulter. »Nee, nicht doch – Jolene! Dass dir das entfallen ist! Na, wir hatten ja auch nur sämtliche Wirtschaftskurse zusammen.« Sie wiehert los. »Okay, die, bei denen du aufgetaucht bist.«

Ich reibe meine Schulter und denke daran, dass Jolene und andere Studentinnen aus ihrer Verbindung mir während des gesamten zweiten Collegejahres an jedem Sonntag Flyer unter der Tür durchgeschoben haben – mit Sonderangeboten des Discounters um die Ecke. Sie wollten mich unbedingt wissen lassen, was sie von meinen Klamotten hielten. Im Gegenzug habe ich immer ihre Handtücher durch die Toilette gezogen, wenn sie unter der Dusche waren. »Und wie geht’s dir so?«

»Großartig! Ich wurde gerade befördert und bin mit einem großen Marktforschungsprojekt betraut worden. Außerdem heirate ich.« Sie streckt mir ihre Brust entgegen. Da sehe ich, dass auf ihrem weißen Tank-Top in schwarzen Lettern BRIDE 2B, Zukünftige Braut, geschrieben steht.

»Glückwunsch. Ich … freue mich für dich.« Angesichts ihrer echten Designer-Schuhe und engen Kunstlederhose fühle ich mich in meinen Marken-Imitaten und dem Minirock aus der letzten Saison wie ein modisch desorientierter Bauerntrampel.

»Und was machst du momentan so?«, fragt Jolene mich.

»Tja, ich …« bin, sechs Jahre später, immer noch auf dem College, ohne Arbeit und ohne Aussicht, vermittelt zu werden, ohne Verlobten, ohne Freund oder auch nur einen Hamster, der mir zwei Nächte am Stück Gesellschaft leisten würde.

Eine der goldenen Halbkreolen verfängt sich in Jolenes Schleier. Als sie ihren Kopf zur Seite neigt, um den Ohrring zu befreien, erblicke ich das bekannte Gesicht wieder, auf das Jolene mir die Sicht genommen hatte.

Shane.

Ganz plötzlich fällt mir eine Antwort ein. »Ich arbeite mit ihm zusammen – da drüben.«

Jolene späht in die angedeutete Richtung und stößt einen anerkennenden Pfiff aus. »Der ist ja richtig süß! Geheimnisvoll.«

Das trifft es ziemlich genau – Shane scheint allein inmitten einer Insel aus Stille zu sitzen. Die Frau auf dem Barhocker neben ihm drückt das Kreuz durch und starrt in seine Richtung. Aber Shane ignoriert sie. Schließlich gibt sie auf und wendet sich wieder ihrer Freundin zu.

Meine ehemalige Kommilitonin studiert indes Shanes Äußeres. Sein charmant zerzaustes Haar hat im Licht einen goldblonden Glanz. Er trägt ein ähnliches Outfit wie gestern Abend, allerdings ein anderes TShirt unter dem frischen Flanellhemd.

Jolene dreht sich wieder zu mir um. »Du arbeitest also für eine Holzfirma?«

Ich tue so, als wäre mir der Scherz entgangen. »Für einen Radiosender. Er ist Moderator bei WMMP, wo ich die Marketingabteilung leite.«

Jolenes angetrunkener Gesichtsausdruck wandelt sich zu einem durchtriebenen Lächeln. »Stell mich ihm vor!«

»Ich dachte, du bist verlobt.«

»Und das ist mein Junggesellinnen-Abschied. Das entschuldigt alles.« Mit einer betonten Geste dreht sie den Stein ihres Verlobungsrings nach unten in die Handfläche.

»Ich glaube, er hat eine Freundin.«

»Ist sie hier?«

Die Vorstellung, wie Regina hier im hoffnungslos bürgerlichen Smoking Pig abhängt, lässt mich grinsen. »Das bezweifle ich.«

»Also nicht da, ganz genau wie mein Verlobter! Wie absoluuut passend!«

Die Braut stößt ein wieherndes Gelächter aus und zieht mich hinter sich her ans andere Ende der Theke. Ihr Verlobungsring, um genau zu sein, der Ewigkeit symbolisierende Diamant im Tropfen-Schliff, schneidet tief in die zarte Haut zwischen meinen Fingern ein. Jolene hat mehr Kraft, als der erste Blick verrät – dabei lässt schon der erste Blick vermuten, dass sie in der Lage ist, einen Buick zu stemmen.

Kurz bevor wir Shane erreichen, grüßt sie ihre Brautjungfern über die Theke hinweg mit einem allseits bekannten Handzeichen: Zeigefinger und kleiner Finger aus der Faust hochgestreckt. Die Mädels brechen daraufhin gemeinschaftlich in ein Gegröle aus, das jedem Strip-Lokal alle Ehre gemacht hätte.

»Hey, hallo!«, sagt Jolene schließlich zu Shanes linker Schulter. Die Schulter verspannt sich beim Klang ihrer Stimme, aber ansonsten zuckt Shane nicht einmal mit der Wimper. Jolene fächert sich daraufhin mit der Serviette, die neben seinem Drink liegt, Luft zu. »Hach! Ist richtig heiß hier drinnen – oder bist du das etwa?«

Immer noch keine Reaktion. Sie streckt die Hand aus, um ihn an der Schulter zu berühren. Aber ein paar Zentimeter davor zuckt die Hand zurück, als ob sie den direkten Befehl von Jolenes Hirn lieber verweigere. Kluge Hand.

Endlich gibt Jolene auf und dreht sich zu mir um. Sie zeigt mir einen Schmollmund.

Ich schaue sie finster an. »Lass ihn einfach in Ruhe!«

Beim Klang meiner Stimme dreht Shane mir das Gesicht zu; mit einem Mal wirken Kopf und Hals so gelenkig, als gehörten sie einer Gottesanbeterin auf der Jagd. So, wie Shanes Hände die Bierflasche umfassen und seine Ellbogen auf das Messinggeländer der Theke gestützt sind, ist die Ähnlichkeit mit dem Insekt geradezu unheimlich. Ich mache einen Schritt zurück.

Eine Sekunde nachdem seine Augen in meine blicken, werden sie sanft, verlieren diesen Lass-mich-verflucht-noch-mal-zufrieden!-Ausdruck. »Ciara.«

»Wow, ihr kennt euch ja wirklich.« Der Braut-osaurus glättet den Schleier. Ich frage mich, wozu Jolene ihren Ring versteckt hat, wenn sie immer noch das Ding da auf dem Kopf trägt. »Ich bin Jolene. Und du?«

Shane mustert mich kurz von oben bis unten, dann verändert er seine Sitzposition auf dem Hocker so, dass er uns anschauen kann. Das heißt, mich anschauen kann. Jolene hat er bisher keines Blickes gewürdigt.

Ich werfe ihm ein entschuldigendes Lächeln zu. »Tut mir Leid, dich zu belästigen, Shane.«

»Shane!« Jolene versucht, ihren beachtlichen Hintern auf seinem Schoß zu parken. »Richtig schöner Name. Hast du Lust zu feiern, Shane?«

Shane blickt in das Dekolleté, das sie ihm darbietet. Er zieht die Augenbrauen zusammen; sein Blick bleibt für einen Moment an Jolenes Vorzügen hängen. Ich für meinen Teil habe plötzlich das Verlangen, Jolene ihren Schleier um den Hals zu legen und ihn festzuziehen, bis sie das Bewusstsein verliert.

»Wir haben eine Limousine und außerdem ein Hotelzimmer in der Stadt«, sagt Jolene – natürlich nicht zu mir. »Da ist jede Menge Platz.«

Zu meiner Bestürzung steht Shane auf. Er schiebt sich enger an Jolene heran, was ihr die Gelegenheit gibt, sich an seine Brust zu drücken. Ich wünschte, Regina käme herein und würde dieser Tussi das Maul mit den eigenen Zähnen stopfen.

Shane formt mit den Lippen lautlos das Wort Hilfe über Jolenes Kopf hinweg.

»Komm und tanz mit uns!« Jolene schmiegt sich an Shanes Hüften, ein wenig wacklig auf den Beinen. »Meine Freundinnen finden dich bestimmt endgeil, glaub mir. Ich verspreche, wir machen auch nicht zu viele Fotos!« Diese letzte Bemerkung findet sie saukomisch.

Voller Bedauern nehme ich einen letzten Schluck von meinem Martini und warte, bis der nächste Typ hinter mir vorbeigeht. Als es so weit ist, trete ich dem Auserwählten mit aller Kraft auf den Fuß. Er heult auf und gibt mir einen Stoß vorwärts, und mein Drink ergießt sich in all seiner schokoladigen Herrlichkeit über Jolenes blendend weißes Tank-Top.

Sie kreischt auf. »Du verdammte Zicke! Das hat meine Trauzeugin eigenhändig gestaltet!«

»Entschuldige bitte.« Ich wische an ihrem Top herum und sorge so dafür, dass die Flüssigkeit besser ins Gewebe eindringt. »Geh schon mal vor zur Toilette, ich komme gleich nach und helfe dir, das auszuwaschen.«

»Das wär auch besser für dich!« Sie stolpert in Richtung Toiletten davon, wobei sie Schoko-Martini-Tropfen aus ihrem Schleier schüttelt. »Beeil dich!«

Sobald sie außer Sicht ist, packe ich Shanes Hand. »Lass uns verschwinden!«

Wir machen uns durch einen Seiteneingang davon, der in einen langen Flur führt. Hastig zerre ich Shane den halben Gang hinunter, bis ich begreife, dass wir vor einer betrunkenen Bald-nicht-mehr-Junggesellin flüchten und nicht vor der Mafia.

Als ich Shanes Hand loslassen will, umfasst er mein Handgelenk und zwingt mich, stehenzubleiben. »Danke«, sagt er. »Ich schulde dir was.«

Ich versuche nicht dorthin zu schauen, wo wir uns gerade berühren – Haut an Haut. »Das war das Mindeste, was ich tun konnte.«

»Ist sie eine Freundin von dir?«

»Eigentlich eher eine Erzfeindin. Aber mir tut der arme Typ Leid, dem ich auf den Fuß getreten bin.«

»Kollateralschaden«, meint Shane.

»Ich wusste nicht, wie ich Jolene sonst loswerden sollte. Es war ihr einfach egal, dass du sie ignoriert hast.«

»Ich hatte darüber nachgedacht, ob ein bestimmter Blick von mir sie wohl vertreiben könnte. Aber das will gut überlegt sein.« Sein Blick wandert über meine Schulter hinweg ins Leere. »Das klingt vielleicht komisch, aber manche Leute flippen ein bisschen aus, wenn ich sie direkt anschaue.«

»Oh!« Ich habe gerade genug Martini intus, um fortzufahren: »Weil du ein Vampir bist.«

Er lässt mein Handgelenk los und lehnt sich an die Wand. »Dann weißt du es also.«

»Ich habe die Broschüre gelesen.«

»Und was hältst du davon?«

»Ich habe gekündigt.«

»Oh!« Er nickt. Dann dreht er sich um und schlendert den Flur hinunter auf den Ausgang zu. Sein Gang besitzt eine gezähmte Schnelligkeit, wie bei einem Windhund an der Leine. Ich hole ihn ein, um zu sehen, wie er auf mein Angebot, ihn zu begleiten, reagiert. Außerdem führt der Weg zum anderen Ausgang direkt durch die Bar.

Nach wenigen Schritten fragt Shane: »Hast du gekündigt, weil du nicht mit Vampiren oder weil du nicht mit Verrückten zusammenarbeiten möchtest?«

»Ihr seid keine Vampire, und ihr seid nicht verrückt. Das alles ist ein krasser Scherz. Ich habe einfach nur einen besseren Job gefunden, so sieht es aus.«

»Was denn für einen Job?«

»Als Kundenbetreuerin für eine PR-Firma in D. C.«

»Die Strecke zu pendeln wird sicher die Hölle. Trotzdem Glückwunsch.« Shane öffnet die Glastür am Ende des Ganges, der uns in einen schmerzhaft hell erleuchteten Spirituosen-Laden entlässt. Sein erster Weg führt zur Bierkühlung. »Möchtest du etwas für den Weg?«

»Für den Weg wohin?«

Er schaut mich durch die geöffnete Kühlschranktür an. Sein Atem lässt das kalte, klare Glas kreisförmig beschlagen. »Zu dir.«

Normalerweise hätte ich bei jemandem, der so aussieht und sich so bewegt wie Shane, sofort geschnurrt: »Je eher desto besser.« Aber selbst ich kenne Tabus. Männer beispielsweise, die unter die Kategorie Psycho fallen, sind eindeutig tabu.

»Was ist das denn für eine Sache, die zwischen dir und Regina läuft?«

Shane schließt die Kühlschranktür und lehnt sich gegen eine Pyramide übereinandergestapelter Zwölfer-Packs. »Regina und ich habe eine besondere Art von Beziehung.«

»Beinhaltet diese besondere Art von Beziehung auch Sex?«

Shane schaut zu dem schlaksigen Typen hinter der Ladentheke hinüber. Der Typ beobachtet uns unverhohlen und ohne dabei rot zu werden. Shane wendet sich wieder mir zu. »Nicht mehr.«

»Wie lange schon nicht mehr?«

Mit zusammengekniffenen Augen blickt er zur Decke hinauf, als ob dort die Antwort stünde. »Ungefähr seit zwei Jahren nicht mehr.«

Er sagt die Wahrheit. Ich habe einschlägige Erfahrung darin, Lügner zu erkennen.

Dennoch traue ich Shane nicht genug, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Jedenfalls jetzt noch nicht.

Ich mache einen Schritt nach vorn und öffne meinerseits den Kühlschrank. »Lass uns ein Stück laufen!«

Wir schlendern die Main Street entlang und schlagen dabei ungefähr die Richtung zu meinem Apartment ein, gehen aber nicht den direkten Weg dorthin. Die Innenstadt von Sherwood umfasst gerade mal vier mal drei Blocks. Wir müssen also schon bald wieder kehrtmachen.

Die Nacht ist drückend, sehr schwül, und das Popcorn, das wir in dem Laden gekauft haben, dörrt meinen Mund aus. Ich brenne förmlich darauf, das erste Bier hervorzuholen. Aber jedes Mal, wenn ich so weit bin, taucht ein Streifenwagen auf und fährt langsam vorbei, so langsam wie ein Hai, der auf Beute aus ist. Die Polizei hat hier wenig zu tun, außer sich ab und zu um Ruhestörungen und betrunkene Studenten zu kümmern. Ihre Anwesenheit ist deshalb eher lästig als beruhigend.

»Was warst du denn, bevor du ein Vampir-DJ wurdest?«

»Etwas, das sehr viel monströser war. Ich war Hochzeits-DJ.« Er zieht seine Brieftasche aus der Jeans und drückt mir eine ramponierte Visitenkarte in die Hand.

MCALLISTER MUSIC, YOUNGSTOWN, OHIO. Aha, war mir doch gleich so, als hätte ich einen leichten Nordost-Ohio-Akzent wahrgenommen, Pittsburgh wahrscheinlich.

»Hörst du denn immer noch den schönen Hochzeitswalzer im Schlaf?«

»Eigentlich galt ich als ein DJ für coole Paare. Sie wussten, dass ich auflegen würde, was sie sich wünschten und nicht ihre Eltern.«

Ich drehe die Karte um. In kleinen Blockbuchstaben steht dort: KEIN ENTENTANZ.

»Das Problem war nur«, fährt Shane fort, »dass normalerweise die Eltern für die Hochzeiten zahlen.

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