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UTOPIAS ERWACHEN

Personen

 

Paul Breyman

Fabrikant/Forscher an neuer Energiequelle

Jane

Luftfahrtingenieurin/Freundin von Paul

John West

erfolgreicher Unternehmer

Maria West

Softwareentwicklerin und Frau von John

Hannah Bergenwang

Lehrerin

Theo

Architekt und Freund von Hannah

Eduard Sommer

Mathematik- und Physiklehrer

Herbert

Direktor des Mandela-Gymnasiums

Frau Mayer

Sekretärin im Schulbüro

Nicoletta Calucci

Virologin am Harnack-Institut Bonn

Herr und Frau Calucci

Eltern von Nicoletta

Tilman Harnack

Leiter des Harnack-Institutes

Ursula Erpel

Vermietet Ferienwohnung in Berlin-Grünau

Renate

Patientin der Charité

Eberhard Waldner

Professor der Virologie

Martina Glockenklang

Ärztin in Utopia

Ewald und Else Dombier

Bauer und Bäurin aus der Eifel

Roland Dombier

Sohn der beiden

Leonie

Kunststudentin

Hérbert Pantier

Agraringenieur

Theodor Deichman

Unternehmer und Geistesforscher

Tomas Kincaid

Vermögensverwalter

Burnaisen

Vorsitzender New York

Die Königin

 

Ein Oberbeauftragter

auch für Gesundheitsfragen zuständig

Barky

Außendienstmitarbeiter beim Staatsschutz

Dieter Augst

Anwärter auf das Kanzleramt

Traude Buntschuh

Anwärterin auf das Kanzleramt

Ludwig Ruhlos

Leiter des Global Economic Forums GEF

Sam Nice

CEO des Finanzkonzerns Centraurus

Bluebird

KI-Forscher

Eddi More

Unternehmer in Zukunftstechnologien

Geistwesen

 

Erzengel Michael

Zeitgeist

Ahriman

Geist der Materie und des Todes

Luzifer

Geist der Verführung/Wunschgebieter

Erzähler

Einer der fast alles sagen darf

Vorwort

Die Idee zum Buch entstand bei einem Spaziergang im April 2020. Ich hätte damals nicht gedacht, dass es mir gelingen würde, dieses Buch zu verfassen, aber für einen nicht systemrelevanten Künstler wie mich, gab es ja Zeit im Überfluss.

Die Handlung beginnt mit der Erzählung der Kindheit und Jugend mehrerer Personen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. (1954/55) Etwa eine Generation später (geb. um 1984) kommen zwei Frauen ins Spiel, die beide für den Fortgang des Buches wichtig sind. Sie leben zunächst in deutschland® und ihre Entwicklung wird geschildert über die Gegenwart hinaus bis in die nahe Zukunft hinein. (2033) Als dritte „Generation“ betreten zwei weitere Mitwirkende das Feld, die um 1998/99 geboren wurden.

Ich gehe in diesem Buch gedanklich davon aus, dass das Individuum Mensch nicht nur ein Leben hat, sondern schon mehrmals auf der Erde verkörpert war.

Über meine Beziehung zur Religion möchte ich das Folgende vorausschicken: Mein Verhältnis zu Gott wurde mir früh zur Frage, da meine Eltern darüber unterschiedliche Ansichten hatten. So musste ich selbst versuchen, ein eigenes Verhältnis zu diesem Bereich zu finden. Ich spürte in vielen Situationen eine höhere Kraft wirken, so zum Beispiel in Gefahrenmomenten in der Kindheit, konnte mich jedoch auf die Art von Religion, wie sie durch die offiziellen Kirchen angeboten wurde, nur bedingt einlassen. Christ zu sein ist heute für mich nicht an eine Kirche gebunden – in jeder Religion gibt es wohl Christen, denn der Geist der Liebe weht, wo er will.

Es wirken in der Handlung auch Geistwesen mit. Diese sind nicht symbolisch oder abstrakt vorgestellt, sondern als real existent gedacht.

Aus meiner Sicht werden wir manches liebgewordene Verhalten ändern müssen – vor allem gewisse Denkgewohnheiten und „veraltete“ Fixierungen, wenn wir aus der gegenwärtigen Krise die Kraft schöpfen wollen, die es braucht, um als Menschheit weiter zu kommen. Was ich unter „weiter“ verstehe, das, so hoffe ich, können Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich nach der Lektüre selbst beantworten.

Mein Dank gilt den vielen Helfern und Hilfen. Auch an jene Menschen soll mein Dank gehen, die sich mit dem leider noch immer gegenwärtigen Corona-Thema beschäftigten und sich mutig äußern, auch wenn die breite Masse ihnen oft nicht zustimmen kann. Frei nach Ingeborg Bachmann möchte man der Menge zurufen, dass die Wahrheit, oder besser, das Ringen um die Wahrheit den Menschen auch zumutbar ist.1

Durch die künstlerische Arbeit mit vielen Menschen, unter anderem an den Mysterien-Dramen,2 sind manche Ideen und noch mehr Fragen entstanden. Dafür bin ich ebenfalls sehr dankbar. Auch Gespräche mit Ärzten, Forschern und, nicht zuletzt, mit meiner Frau Barbara, die mich sehr unterstützt hat, haben mir dieses Thema vielfach beleuchtet. Schließlich geht mein Dank noch an all euch Ungenannte und Unerkannte! Ihr habt mir die Ideen, Anregungen und Kräfte gegeben, ohne die dieses Buch nicht hätte entstehen können.

Vieles Richtige wird sich durchsetzen, (neben dem Unvermeidlichen) und Utopia, das Land, das dort entsteht, wo Menschen, sich ihrer Freiheit bewußt werdend, menschlich miteinander leben wollen, wird Wirklichkeit werden. Sehen wir uns dort vielleicht?

Sämtliche Personen im Buch sind der Phantasie des Autors entsprungen. – Erhaltene Anregungen aus der Wirklichkeit dienen der Unterstützung der Geschichte. Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen wären zufällig.

Erzähler

Lange Jahre habe ich geglaubt, dass es so nicht mehr weitergehen könne, wie es bislang gegangen ist. Vielleicht müsste erst mal eine richtige Katastrophe kommen, die sich insgesamt gesehen aber als folgerichtig erweisen würde, so dachte ich. Nach vielen Jahren des Weiterrobbens mit diesen seltsamen Gedanken, die sich, bildlich gesprochen, wie eine blätterfressende Raupe langsam an der Wirklichkeit vorwärts fraßen, wurde ich müde, mir darüber Gedanken zu machen und habe das Nachdenken aufgegeben.

Doch als sie dann geschah, diese Katastrophe, durch unvorstellbar kleine Winzlinge, konnte ich es nicht fassen – gleichzeitig war ein Ungetüm sichtbar geworden, das aus verborgenen Tiefen lautlos aufgetaucht war. Seine Umrisse sind gewaltig. Lautlos und mit enormer Geschwindigkeit hat es sich in unsere Welt hineinbewegt. Die kleine Raupe war zu einer gewaltigen Maschine mutiert. – Was frisst sie, diese Raupe? Ihr Hunger wächst beim Essen.

Schon lange musste unterirdisch an ihr gebaut worden sein, denn sie war passgenau und fertig in unserer Welt aufgetaucht, die mir einerseits noch immer vertraut und dennoch in vielem fremd geworden ist. Ich kann die Umrisse gegenwärtig noch immer nur erahnen und meine ungläubigen Blicke versuchen beim Schreiben des Buches zu verstehen, was da Realität, „neue Realität“ werden will.

USA: Zwei Biographien

50er Jahre des 20. Jh.

John und Paul wurden um 1954/55 auf dem nordamerikanischen Kontinent geboren. Sie wuchsen etwa in derselben Gegend auf, lernten sich auf dem College kennen, gingen sogar zeitweilig in dieselben Kurse. Sie hatten zum Teil dieselben Freunde und schwärmten für dasselbe Mädchen: Jane, für die fast alle Jungs an der Schule schwärmten. Doch zunächst ein paar Einzelheiten zu deren Kindheit und Jugend.

Michael frägt:

„Werdet ihr euch erinnern an unsere Zusammenkunft im Geiste, wenn ihr euch auf der Erde wieder begegnet? Ihr müsst euch bestärken in der Gewissheit, dass das, was ihr in dieser Schule durchgemacht habt, als ein innerstes Anliegen in euch brennt. Wenige von euch werden sich schon bewusst werden, dessen, was sie hier erfahren haben. Seid wachsam und verbindet euch mit Menschen, die euch vertraut sind, bei denen etwas in euch anklingt. Unbedingte Liebe zur Wahrheit, schreibt sie in eure Herz ein.

Pauls Ende der Kindheit

Pauls Kindheit ging zu Ende als er elf Jahre alt war. Das war 1965. Da traf es ihn mit ganzer Wucht. Sein Vater starb bei einer Angriffswelle der National Liberation Front in Vietnam. Paul war gerade im Garten und befeuerte die Dampfmaschine, die sein Vater für ihn gebaut hatte. Als seine Mutter in den Garten kam, setzte sie sich zu ihm und schwieg viel zu lange, während Paul das Feuer weiter anfachte. Paul war so beschäftigt, dass er zunächst nicht bemerkte, dass ihr ohne jede äußere Regung die Tränen die Wange hinunterliefen. Als er es bemerkte, schaute sie ihn lange an und meinte: „Sei jetzt ganz tapfer, mein Liebling. Komm her in meine Arme.“ Das hatte sie ewig nicht mehr gesagt. „Vater kommt nicht mehr wieder. Er ist in den Himmel gezogen.“ Die Sätze trafen ihn nicht, er verstand ihren Sinn nicht. Etwas Gesundes in ihm wehrte sich gegen den Sinn in diesen Worten. Er schaute nur auf den Rauch, der aus dem Schornstein der Maschine zum blauen Himmel aufstieg - er schaute und sah - aber verstehen konnte er nichts. Dieser Augenblick war ihm tief im Gedächtnis geblieben und diese Maschine war so verbunden mit dem Bild seines Vaters, dass er ihn förmlich sehen konnte, wie er daran herumhantierte und ihm zulächelte. Er war ein begeisterter Auto- und Maschinennarr gewesen und verbrachte viel Zeit damit, seinem Sohn die Wirkungsweise von Motoren nahe zu bringen. Paul hatte mit acht oder neun Jahren seinen Vater einmal gefragt, wie denn eine Dampflok so schwere Wägen ziehen könne. Nur wenige Wochen später begann sein Dad Teile aus dem Betrieb, die dort als Ausschuss galten, mitzubringen. Daraus baute er dann diese Dampfmaschine. Am stärksten wurde ihm der Verlust des Vaters klar am blassen Gesicht seiner Mutter, die nur noch selten lachte. Das war eine der einschneidendsten Erinnerungen, die ihm aus der Kindheit geblieben waren.

Paul und John auf dem College

Neun Jahre später führten sie Faust auf. Paul sollte den Faust spielen, Jane das Gretchen und John den Mephisto. Die River-Side-School in Seattle war eine der angesehensten Schulen im Nordosten der USA und durch diesen Schauspiel-Workshop lernte Paul wichtige Personen für sein späteres Leben kennen.

Der eine war eben John, der bereits ein Computerprogramm schrieb, als Paul noch an Motorrollern herumgeschraubt hatte. Beide liebten das Pokerspiel sehr und sie saßen oft bei John zuhause. Dessen Vater hatte einen echten Pokertisch im Keller stehen und so ergab es sich, dass sie viel Zeit zusammen verbrachten. Sie spielten beide in sehr unterschiedlicher Art. John wollte um jeden Preis gewinnen und er war wirklich ein guter Spieler, der viele abzockte. Paul hingegen hielt seine Einsätze niedrig und verlor dennoch sein begrenztes Taschengeld meist an John, aber, er war fasziniert von der Möglichkeit, die anderen durch gewisse Äußerungen so zu beeinflussen, dass sie dem eigenen Plane folgten.

Der zweite, für Paul sehr wichtig Mensch, war Jane. Beim Schauspiel war Paul von Jane hingerissen, ohne dass er das auszudrücken in der Lage gewesen wäre. Er galt während der Schulzeit bei Mädchen eher als schüchtern und verschlossen. John hingegen war Hahn im Korb.

Die Faust-Aufführung war ihr Abschlussstück gewesen und so kamen zu den Proben oft die entsprechenden Lehrer dazu, um ihre Fortschritte wahrzunehmen. Es wurde beim Proben großen Wert gelegt auf Spontaneität und Echtheit in den Handlungen und im Ausdruck. Die gesellschaftliche Öffnung und das Pochen auf Befreiung aus den Fesseln des Bürgertums durchzogen die Lehrer- und Elternschaft in unterschiedlichen Graden. Es ging weniger um die Frage: Wer ist Faust, wer ist Mephisto? Sondern es ging vielmehr um die Frage, wie will ich ihn spielen. Jane war auf der Bühne in jeder Hinsicht genial. Sie strengte sich scheinbar in keinem Moment an, um irgendeinen Ausdruck zu erreichen und trotzdem sah man in ihr das, was man sehen wollte. Jeder ihrer Sätze war für Paul wie pure Musik, wie der vollkommene Einklang von Person und Rolle. Sie brauchte kaum die Hand zu heben und alles schaute ihr zu. Schon in den ersten Proben spürte er, wie dieser Mensch ihn berührte - leider nicht nur ihn, denn die Jungs und Mädchen rissen sich um Janes Freundschaft.

Woher kommt diese Fähigkeit eines Menschen, im Körper, im Raum so anwesend zu sein, dass jede Regung, jede Äußerung eine Berührung wurde und ein Leuchten in die Augen der Zuschauer zauberte?

John tauchte zu manchen Proben nicht auf. Er gab vor, an einem wichtigen Projekt zu schreiben. In Wirklichkeit saß er am PC und tüftelte an Programmen für die verschiedensten Aufgaben herum. Beim Poker ließ John manchmal ein paar Andeutungen fallen zu dem, was sie gerade versuchten und diejenigen, die dabei waren, waren sich mehr oder weniger klar darüber, dass sie hier in die Ursprünge, die Quellen einer völlig neuen Wirklichkeit hineinschauen durften. So hatten Paul und Jane viel Gelegenheit ihre Zweier-Szenen zu proben. Paul bereitete sich sehr ernsthaft vor und der Schauspiellehrer gab ihm gute Hinweise, wie er an die Erarbeitung seiner Rolle herangehen könne. Er lernte die Texte nicht wortgetreu aber dem Sinn und der Handlung nach. Das gab ihm die Möglichkeit, viel Präsenz und Spontaneität zu üben. Sie wollten unbedingt auch einige Szenen aus Faust II einzustudieren, zum Beispiel die Papiergeldherstellung am Königshof und den Raub der Helena aus Menelaos Burg, die Landgewinnung und den Homunkulus. Das Spiel zwischen Gretchen und Faust im ersten Teil war das mit Abstand Interessanteste, jedenfalls für Paul. Mittagelang wurde geprobt und wenn eine Szene gelungen schien, wurde sie mit Videokameras aufgenommen, die damals an der River-Side-School allgegenwärtig waren.

Bei der Aufführung, die ein voller Erfolg wurde, staunte Paul, wie leicht John sein Fehlen aufgeholt hatte. Er konnte seinen Text perfekt, es gab riesigen Applaus, bis sie endlich vor die Bühne kamen und die Grenze zwischen Publikum und Spielern aufgelöst wurde, was zu der Zeit allgemein als schick galt. Alle umstanden die Spieler und vor allem John wurde beachtet und zu seiner Interpretation gefragt. Er konnte sehr gut Bezüge herstellen zur heutigen Zeit, zum Papiergeld, auch der Mensch aus der Retorte war ein sehr aktuelles Thema aber auch die Landgewinnung, wo Altes zerstört wurde, damit Neues entstehen konnte, wurde besprochen von John. Paul beschäftigte die Frage, ob es eine Möglichkeit gab, das Alte mitzunehmen und in eine neue Welt zu integrieren. Der Dichter Goethe konnte doch unmöglich propagieren, dass Unterdrückung und Mord, die richtigen Mittel wären, um eine neue und lebenswerte Welt zu erschaffen. Er hatte oft darüber mit Jane gesprochen und mit den Lehrern. John meinte dazu, dass wer wirklich Großes leisten und erreichen wolle, auch Schuld auf sich laden müsste.

Dass sich dies als wahr erwies, wurde für Paul erst viele Jahre später einsichtig.

John ging dann früher von der Uni ab, als die meisten anderen Schüler und gründete eine eigenen Firma, was bei seinen speziellen Fähigkeiten für die Studenten völlig ok war. Mit seinen einflussreichen Eltern, die den Schritt ablehnten, überwarf er sich damit. Sie erwarteten natürlich, dass ihr Sohn in die Fußstapfen des Vaters treten würde – doch, wer wie John eine Vision hatte, der konnte wohl nicht anders. Die Studenten bewunderten ihn jedenfalls dafür.

Michael im Geistgebiet

Wer im Geist leben kann, der findet auch den Weg in dieses Gebiet….

Ein steiler Pfad, der von jenen gefunden werden kann, die den Kompass dazu in sich tragen. Der Kompass ist dort, wo der Mensch um die verborgene Türe zum Geist weiß. Kennst du in dir eine Tür dieser Art? Weißt du von der Existenz eines inneren Kompasses? Er kannte den Pfad in dieses Gebiet, war ihn schon viele Male gegangen, kannte die Abgründe und Gefahren aber auch die Verlockungen, die den Weg dorthin säumten. Michael, so nannte man den Lehrer des Mutes im Vertrauen auf den Geist schon seit vielen Jahrhunderten. Er wurde auf Darstellungen in Kirchen und auf zahllosen Bildern als der Beschützer der Menschen vor den Drachenkräften gezeigt. Der Drache, das, was in der Gegenwart vor allem in der Materie wirkt und im abstrakten Denken seine innere Entsprechung findet, das nur Materielles anerkennen will, war zu großer Macht auf der Erde gelangt.

Nicht, dass diese Art des Denkens nicht wichtig wäre – oh nein! Sie war und ist sogar unabdingbar notwendig! Je weiter der Mensch jedoch diesem Denken unbewusst in seinen Impulsen folgt, umso größer wurde und wird des Drachen Macht.

Diese Art von Denken war wichtig, um die Freiheit des Menschen zu entdecken und zu entwickeln, aber nicht als Selbstzweck, zu dem es in den letzten hundertfünfzig Jahren degeneriert war, sondern als ein Durchgang zur absoluten Selbstständigkeit und zur Erhebung der materiell gefassten Begriffe in die Sphäre des Menschlichen, bis hin zu einem freien Wollen und Wirken des Menschen mit den weisheitsvollen Kräften von Natur, Mitmensch und Kosmos.

Die Zeit war gekommen, dass den Menschen klar werden sollte, dass sie nicht in diesem rein materiellen Zusammenhang weiter denken konnten, wenn sie nicht die gewonnene Freiheit wieder verspielen wollten.

Deshalb suchte er wiederum den Rat Michaels. Er war auf dem Weg aus der Geistwelt in seine Erdenverkörperung in der Michaelschule gewesen - viele Geister waren dort versammelt, hunderttausende Menschengeister lauschten über lange Zeiträume den Worten Michaels – und verkörperten sich in ihrer Schicksalsgemeinschaft auf Erden.

Doch war dabei eine enorme Schwierigkeit aufgetaucht: die Menschen, die um ihrer Freiheit und Unabhängigkeit willen, die Ursprünge ihres Wesens eine zeitlang völlig vergessen mussten, verfielen einem sinnlosen Dauer-Materialismus, ja, sie vertrauten nur noch den irdischen Maßgaben und seinen Gesetzen. Die letzten alten Wissensbrücken zum Geist, die dann ihr Bewußtsein berührten, wenn in besonderen Momenten Erinnerungen an die früheren Weisheitsquellen aufbrachen und sie berührt wurden von Ahnungen und Bildern aus der Welt des Geistes, wurden von der aufkommenden Naturwissenschaft allmählich verstopft und schließlich als wissenschaftlich unhaltbar und damit als falsch gekennzeichnet. Das irdische Leben, zählbar, messbar und sichtbar, wurde zur einzigen gültigen Maxime erklärt - die Wissenschaft sei jetzt das Maß aller Dinge, die uns den Fortschritt sichern könnte! So klang das Lied der Wissenschaftler Jahrzehnt für Jahrzehnt lauter.

Ab dem Jahre 2000 breitete sich die digitale Welt gewaltig aus - geistig gesehen verdichtete sich die Finsternis um das Bewußtseinsareal der Menschen. Geister, wie Michael, die mit dem Menschen und seinem Schicksalsweg verbunden waren und sind, können nicht direkt in seinem Bewusstsein erscheinen, wie das in früheren Zeiten möglich gewesen war. Sonst wäre der Mensch zum Guten gezwungen. Deshalb muss Michael im Geistesreich warten, bis der Mensch die Schwelle zum Geist aus eigenem Entschluss sucht. Die ersten Schritte in die Welt des Geistes, in die Bilderwelt der Imagination, mussten die Menschen aus ureigenem, freiestem Entschluss selbst tun und erst dann konnten ihnen Michael und die Seinen näher kommen.

Die Menschen hatten alle Fähigkeiten dazu in den vielen Verkörperungen, durch die sie gegangen waren von den Göttern erhalten. Sie können diesen Pfad betreten, wenn sie ihn mit ganzer Kraft suchen.

Es gibt die Macht des Drachens, die Michael zwar für die Geistwelt besiegen kann, doch nicht für die einzelnen Menschen. Jeder Einzelne muss dies in seinem persönlichen Schicksal und freien Entschluss willentlich durchführen. Die Menschen selbst müssen diesen Widersacher-Geist, der auf die Erde verbannt worden war, selbst erkennen lernen und sich Michael bewußt und mutig zuwenden - auch wenn sie im Leibe wirken und leben. Dann - und nur dann konnten er und seine Helfer dem Menschen die entsprechenden Winke und Gedanken ins Herz legen.

Ahriman-Schule

Der Fürst der Neuzeit war dabei, seinen Platz einzunehmen. Er hat sich des großen Weltennetzes bemächtigt und schickt sich jetzt an, das Nervensystem des Menschen zu besetzen. Seine Nerven sind die elektrischen Drähte, durch die unvorstellbar viele Zahlen um die Welt gejagt werden und die er sich zu eigen gemacht hat. Datenströme sind sein Blut, Maschinen sind die erstarrte Muskulatur dieses nüchternen Weltenmechanikers. Gedankenmäntel wurden durch ihn erschaffen für alle wirtschaftlichen oder politischen Eventualitäten. Diese werden, fertig installiert, den Trägern der Kultur durch Wiederholung am Tag und durch Inspiration im Schlaf eingeimpft.

Nun war also der Moment gekommen: Ahriman, wie er schon von den alten Persern genannt wurde, verbreitete seine Macht in unvorstellbarer Weise und schickte sich an, den Menschen mit dem rein auf Zahlen und Fakten basierenden Denken, durch sich und an sich zu fesseln. Und die Menschen? Viele folgten blind und schlafend dem, was sie so magisch anzog: der neuen Technik.

Mit jedem neuen Schritt in der Technik wurde klarer, für den, der es sehen wollte, wo die Reise hinging - Entmenschlichung des menschlichen Daseins. Die Menschen waren so fasziniert von den Möglichkeiten der neuen Technik, dass sie keine Wahrnehmung mehr hatten, wie sie ganz allmählich in immer mehr Bereichen ihres Lebens die Verantwortung und das eigene Denken an dieses maschinenhafte Wesen übergeben hatten. Jedes neue Gerät verstärkte die Gefahr für den Menschen, dem Einfluss Ahrimans zu verfallen. Der freute sich daran und war zugleich unendlich unzufrieden über die Schwächlinge von Menschen, die sich wieder und wieder zurückzogen in ihr jämmerliches Menschsein, aus Angst, wirkliche Macht durch ihn zu erlangen. Die meisten kannten ihn nicht, viele, die ihm fleißig dienten, leugneten sogar jeglichen Geist. Sie waren zwar Materialisten aber in seinen Augen Feiglinge, die sich ihm wieder und wieder entzogen, um ins Menschlich-Warme zu flüchten. Wo waren die Menschen, so forschte Ahriman, die den Mut hatten, wahr zu machen, was die Zeit, seine Zeit forderte? Vor den Geistverleugnern konnte er seine Macht gut verstecken und sich an ihren unbewußten Kräften stärken. Immer verbarg er sich den Menschen und nur diejenigen, die sich wirklich schulten im Erkennen seiner Wirklichkeit, die konnten seine Täuschungsmanöver durchschauen. Pandemie, Impfung für alle, per Gesetz geregelte Gesundheitsvorsorge, Zentralmacht des Geldes, Zentrale Weltregierung, die leibliche Gesundheit steht über allem, vernetztes Denken, vernetztes Bewußtsein, Revolution durch Transformation der Technik in den Menschen hinein – Vereinzelung der Seelen – Verbindung über die Technik für alle, nur was zählbar und messbar ist, soll Geltung behalten - all das und noch viel mehr stand auf seiner prall gefüllten Agenda 2030.

Seattle und Tacoma - um die Jahrtausendwende

John und Paul waren inzwischen etwa fünfundvierzig Jahre alt, hatten sich aber aus den Augen verloren. Paul hat eine Firma gegründet - er baute nicht gerade Dampfmaschinen, wie sein Vater, aber immerhin sahen die Mischmaschinenwannen zur Medikamentenherstellung aus, wie der Bauch der Dampfmaschine, die in seiner Kindheit im Garten der Eltern gestanden hatte. Seine Auftragsbücher waren gut gefüllt. Er lebte und arbeitete in der Nähe von Seattle, in Tacoma und war nicht verheiratet. Allerdings war Jane, seine Jugendfreundin, seit kurzer Zeit in seine Nähe gezogen. Die beiden sahen sich seither regelmäßig, was für Paul eines der großen Wunder seines Lebens war.

Johns Leben hingegen ist typisch für diese Generation. Er ist durch seine genialen Fähigkeiten, sich der neuen Welt der Technik zu bedienen, im Begriffe, zu einem der einflussreichsten Männer der Welt aufzusteigen. Die Programme, die über die ganze Welt Verbreitung fanden, und die allmählich in jedes Büro, an jeden Schreibtisch und sogar in jedes Haus auf der Welt Einzug gehalten haben, führten zu einer Umgestaltung des gesamten öffentlichen und privaten Lebens.

Seltsam war es, das hatte er sich auch eingestehen müssen, wenn man sich einfach hinlegen konnte, egal wo, um völlig abzuschalten. John konnte das. Seine Freunde beachteten ihn dabei kaum noch, und seine Konkurrenten machten sich darüber lustig - still am Boden zu liegen und mit geschlossenen Augen warten, bis die innere Unruhe und Erregung abgeklungen waren, das konnte er zu jeder Zeit. Meist war die Unruhe da, wenn weitreichende Entscheidungen zu treffen waren - und er hatte zahlreiche solche Entscheidungen zu treffen. Nach unzähligen Sitzungen, Gesprächen und Versuchen war er innerlich leer und seine klare Position war ihm wie Sand in der Hand zerronnen. Endloses Reden strengte ihn schon immer an, solange er denken konnte. Er begann bereits in der fünften Klasse, sich mit den neuen Trends zu beschäftigen. Sein Vater hatte oft über diese Entwicklung gesprochen aber meist abschätzig, was sie für John nicht weniger interessant gemacht hatte. Er fand darin so etwas wie Übereinstimmung mit sich und der Technik, eine Harmonie, ja ein Glücksgefühl, in dem er sich zuhause fühlen konnte. Er spürte, dass darin unendliche Möglichkeiten lagen, von denen die Wenigsten etwas ahnten.

Er aber wusste es. Er hatte versucht, mit seinen Freunden darüber zu sprechen. Die aber hatten anderes im Sinn und nur mit den Schultern gezuckt und ihre Sprüche zum Besten gegeben: „Hey, klingt toll!“ „Mann, das ist genial!“

Doch das war lange her. Heute war er über dieses Unverständnis hinweg, das ihn viele Jahre begleitet hatte. Er wusste, wo die Reise hinging und bislang hatten sich seine Prognosen fast immer bestätigt. Wenige Vertraute kannten ihn auch in den Momenten der Schwäche, die meisten bekamen Monat für Monat ihr Geld - er zahlte gut - und damit waren sie in der Regel mit seiner Richtung, seinen Vorgaben auch einverstanden. Er musste nur ständig das Zugpferd sein, was er mühsam hatte lernen müssen. Die meisten seiner Mitstreiter waren Macher, die es genossen, wenn sie beeindrucken konnten, besonders die Mädchen. Sein Ziel war ein ganz anderes: Er wollte diese neue Technik in die gesamte Welt einfügen und damit auch die Art zu denken und zu leben, der die Zukunft gehören würde.

Er musste an diesem Abend nochmal ins Werk. Morgen war die Präsentation des neuen Programmes und das Programm war gut. So gut, dass er sich schon auf die Reaktionen der Konkurrenz freute. Die Presse würde in Scharen kommen und sogar in der deutschen Tagesschau würde das Programm erwähnt werden, das hatte er schon durchsickern gehört. Er hatte inzwischen viele Menschen, die so etwas wie seine Freunde geworden waren, und die das, was er dachte, eigentlich schon bejahten, bevor sie es ganz erfasst hatten. Selbst bei Politikern fand er mehr und mehr Gehör. Das lag weniger an seiner Bekanntheit, da gab es ganz andere Größen, als vielmehr an der Art, wie er seine Anliegen vortragen konnte. Es ging ihm nicht ums Geld. Darüber ließ er keine Zweifel aufkommen.

Seine Eltern gaben früher große Partys mit wichtigen Leuten, Feste, Wohltätigkeitsveranstaltungen und solche Dinge. Dort war er der Liebling aller gewesen und die Mädchen umschwirrten ihn, was ihn nicht kalt ließ. Später, zu den Partys in der Studentenzeit, ging er meist erst dann, wenn alles schon in vollem Gange war. Dann wurde diskutiert und manchmal gab er auch ein klein wenig an. Denn keiner verstand wie er, was eigentlich das Ding mit der neuen Technik war und was für ein Potential darinnen steckte. Seine Worte darüber stecken die Zuhörer an.

Nie hatte er auch nur einen Moment daran gezweifelt – es musste einfach gelingen. Sie hatten die richtige Spur verfolgt und die unzähligen Stunden, die sie darin investiert hatten, waren wie Sandkörner, die sich im Handumdrehen in Gold verwandelten. Die endlosen Nachtschichten hatten sich gelohnt. Nicht nur die Qualität des neuen Programmes war Grund für den Erfolg, auch die Kooperation mit dem Riesen TCD und vieler anderer Firmen, hatte sich als gewaltiger Hebel erwiesen. Wer im Betrieb mit dem Programm arbeitete, der kaufte es sich auch für zuhause.

Die Präsentation war ein voller Erfolg. Hinterher gab es eine Feier, bei der sich alle, die daran beteiligt waren und noch eine ganze Reihe mehr, die nichts damit zu tun hatten, in den Armen lagen.

Am anderen Morgen würde schon der Abflug sein. Ein Freund hatte sich erboten, dass sie ein paar Tage auf seinem Schloss, das auf einer kleinen Insel mit eigenem Flughafen lag, ausspannen konnten. All-Inklusive, wie das hieß. John brauchte jetzt eine Vollbremsung - seltsame Zustände hatte er hinter sich. Schlafentzug, ständiger Kaffeegenuss und die ungeheure Anspannung, hatten ihn Nerven gekostet. Selbst seine zuverlässige Rettungsaktion, sich einfach auf den Boden zu legen und durchzuatmen, hatte keine Entspannung mehr gebracht. Irgendetwas war immer in seinem Kopf und zerrte an den Nerven, machte ihn zunehmend gereizt und nur, wenn er am Programm schrieb, wurde er ruhig und konzentriert. Da spürte er sich selbst.

Er kam erst spät in der Nacht von der Feier nach Hause und schaltete gewohnheitsmäßig noch den PC ein. Als der hochfuhr, sah er für einen Moment eine hässliche Fratze auf seinem Bildschirm, bevor das gewöhnliche Bild einsprang - etwas Ähnliches hatte er mal in einem Film gesehen - hoffentlich sah er nicht schon Gespenster! Er klickte durch die Bestelllisten für das neue Programm und traute seinen Augen kaum. Die Zahlen für die Vorbestellungen stiegen im Sekundentakt in unglaubliche Höhen. Sie hatten es geschafft - ihr Programm, ihre Schöpfung begann in diesem Augenblick den Siegeszug und würde in wenigen Wochen weltweit auf Platz Eins stehen, da war er sich jetzt sicher. Sie waren an vorderster Front! Fasziniert blickte er auf die rasant steigenden Zahlen und ein breites Grinsen hielt sich auf seinem Gesicht, bis er schließlich ins Bett fiel und erst einschlief, als der Morgen schon graute.

Er schlief im Flugzeug wieder, und erst als die Crew zum Anschnallen aufforderte, wurde er wach und setzte sich auf. Er war im Ruhebereich gelandet - weiter vorn aus dem Flugzeug klang Musik und Gelächter. Er blickte aus dem Fenster aufs Blau des Meeres hinaus - endlich ein paar Tage ohne Termine! Die Maschine schwenkte um, und die Insel wurde sichtbar. Wenige Minuten später stand die Begrüßungsmannschaft am roten Teppich bereit und wartete auf die Helden der Neuzeit. Er würde Susan wiedersehen…..

Die Tage auf der Insel vergingen wie im Fluge. In mehreren Telefonaten wurde ihm von seinen Partnern der rasante Siegeszug des neuen Programms ins Ohr geschrien. Niemand konnte es wirklich fassen, es lief wie brennende Zündschnüre unaufhaltsam um den Globus und die Explosion fand auf ihrem Konto und vor allem ihren sprunghaft steigenden Aktienkursen statt. Mehrmals hatte er sich aus der ausgelassenen Feier herausgestohlen, war aufs Zimmer geschlichen, lag flach auf dem Boden, ohne Zeit und Raumgefühl und in ihm stiegen Bilder auf. Bilder aus den Tagen, kurz bevor das Programm ausgegeben wurde und als es immer wieder drohte, auszufallen. Er hatte es mit seiner Genialität und mit Lösungen, die nur er kannte und niemand außer ihm zurückverfolgen konnte, zusammengehalten. Irgend etwas war in dieser Zeit mit ihm geschehen. Etwas war aus ihm herausgeflossen und hatte ihn beruhigt. Er war wie im Rausch gewesen - diese Bilder vermischten sich mit den Gesichtern, die um ihn waren, mit Susans Gestalt. Alles war zu einem Glücksmoment zusammengeschmolzen. Ja, er war glücklich in einem Maße, das er nie für möglich gehalten hatte, das er so noch nie gespürt hatte. Alles floss ineinander, Körper und Zahlen verschmolzen zu einem großen Gefühl. Er war angekommen – das würde sein neues Leben werden.

Erfüllung kannten nicht viele Menschen, denn alle wollten - Sicherheit. Das war es, was draußen zählte. Die Zeitungen, die Unternehmen, sie verkauften Sicherheit, die man festhalten konnte, die an den Fingern klebte und den, der sie suchte, nicht mehr los ließ, bis er starb. Aber er hatte das Glückslos gezogen, hatte hart dafür gekämpft. Jetzt stand er ganz vorne, hatte die Konkurrenz mit harten Bandagen und seiner im Pokerspiel gewachsenen Gerissenheit besiegt. Selbst sein Vater musste neidlos und ohne Vorbehalte zugeben, dass er recht behalten hatte, schon von Anfang an. - Wie hatte der alte Herr getobt, gespottet und ihn verhöhnt, als er Harvard abbrach, um eine dieser neuartigen Firmen zu gründen, die allesamt auf wackeligen Beinen standen. Instabile Strohfeuer, die nur Geld verschlangen, Menschen in den Ruin trieben und den Bossen in der realen Wirtschaft anfangs als Spielerei erschienen. John musste lächeln. Was würde sein Dad wohl sagen, wenn sie sich wieder gegenüber stünden?

Er stieg mit allen wieder in die Maschine am Nachmittag und sie flogen zurück. Selbst die Nichtfachleute hatten gemerkt, dass etwas Großes im Gang war und sie schauten verstohlen zu ihm herüber - nur kurz und ungläubig. Aus „Little John“ war über Nacht „Big John“ geworden, und er genoss die seltsame Mischung aus Neid und Bewunderung, die ihm entgegenkam. Er war unablässig am Telefon - noch bevor das Nokia 9000 auf dem Markt war, hatte er eines geschenkt bekommen. Damit konnte er E-Mails versenden und Internet-Seiten direkt aufrufen, da es HTML-fähig war. Anpassungen der Verträge, Preisverhandlungen mit Firmen, alles war in Sturm und Aufruhr und er hatte Mühe, dass aus seinem 18 Stunden-Tag nicht ein 20er wurde. Seit mit dem Handy überall ein Internet-Anschluss möglich war, spürte er etwas, das ihn begeisterte und magisch anzog: die globale Datenverbindung für alle!

Sie tauchte vor seinem geistigen Auge auf und sie würde mehr und mehr Realität werden. Er wusste es einfach. Darin lag das große Ziel, auf das alles zulief und für das es sich zu kämpfen lohnte. Eine Welt, in der jeder mit jedem verbunden war, in der Schüler mit Schülern und Lehrer mit Schülern ihr Wissen austauschten, in der Ärzte Behandlungen über Kontinente hinweg anleiteten, in der Autos und Maschinen mit dem Menschen und untereinander Datenströme austauschten und die Menschen auf der ganzen Welt zusammenbrachte, obwohl jeder für sich zuhause bequem in seiner Wohnung bleiben konnte.

Der nächste Morgen begann anders als erwartet und der Schock, der ihn traf, hätte größer nicht sein können. Als er noch müde von den letzten Monaten und dem Wochenende auf der Insel in die Firmenzentrale nach Washington kam, standen etliche schwarze Kleinlieferwagen vor dem Haupteingang und Polizisten in Schutzanzügen bewachten die Eingänge. Er kannte keinen von ihnen, obwohl er die örtlichen Polizeikommandanten eigentlich alle kannte. Er musste sich endlos durchfragen bis zum Chefinspektor. Ein bulliger Mittdreißiger, jünger als er, stand lächelnd in der Firmenzentrale und begrüßte ihn: „Hallo, Mr. West, Chefinspektor White von den Police Special Forces und die Kartellbehörde Washington. Ihre Firmenzentrale wird gerade durchsucht. Hier ist der Durchsuchungsbefehl. Es gibt einen Anfangsverdacht auf Vorteilnahme durch Monopolstellung.“ „Warum wurde ich nicht angerufen?“ Der Inspektor hob wichtigtuerisch die Augenbraue, legte den Kopf zurück und sagte: „Mr. West, das Ziel unserer Aktion ist, möglichst viele Akten und entsprechende Beweisstücke zu sichern und wir hoffen auf größtmögliche Kooperation von Seiten der Firmenleitung. Es liegt sicher in ihrem Interesse, uns keine Steine in den Weg zu legen.“

John war völlig überfordert. Bisher hatte er die Konkurrenz in die Schranken gewiesen, ohne dass etwas Ungesetzliches geschehen wäre, jedenfalls nach seinem Verständnis. Das amerikanische Wirtschaftsrecht ließ viel Spielraum für einen entschiedenen Konkurrenzkampf zu und es war alles oder fast alles mit der Rechtsabteilung durchgesprochen. Mit der Übernahme der Deutungshoheit in der vernetzten Welt hatten sie eine glänzende Startbasis. Natürlich gab es Konkurrenten, die das Nachsehen hatten. - Wo blieb bloß der Anwalt. Er hatte sein Handy dummerweise im Auto liegengelassen und ärgerte sich darüber. „Kann ich kurz mein Handy aus dem Auto holen?“ „Ich gebe ihnen einen Sergeanten mit, Mr. West.“ Es war ein seltsames Gefühl, von einem Sergeanten eskortiert, das Handy zu holen. Alle Blicke folgten ihm. Die Schuld lag allein schon durch den Umstand in der Luft, dass die Behörden anwesend waren. John fühlte sich von einem Moment auf den anderen krank. Er rief den Anwalt an, der nur wenige Häuser weiter in der Rechtsabteilung arbeitete und schon Bescheid wusste. Er war mit verschiedenen Abteilungen in Kontakt, um sich ein Bild der Lage zu machen. Er sollte sofort kommen, um die Aktion im Gebäude zu überwachen. Es konnte nicht sein, dass wahllos Akten entfernt wurden, die sie bräuchten. Endlich kam der Anwalt angerannt und sie gingen gemeinsam ins Gebäude. Er gab John die Anweisung, keinerlei Panik oder Aufregung zu zeigen und so zogen die beiden mit lächelnden Mienen in die belagerten Büroräume.

Ratlose und verzweifelte Mitarbeiter kamen ihnen mit panischem Gesichtsausdruck entgegen, wenige hatten die Fassung bewahrt und obwohl John sich genauso fühlte, versuchte er, das Lächeln und die Zuversicht auszustrahlen, was im Moment anscheinend das Einzige war, das er tun konnte. Immer wieder kamen kleinere Trupps von Polizisten und Zivilbeamten mit braunen Kartons in der Hand vorbei. Sie näherten sich wohl dem Epizentrum des Bebens. John spürte nackte Wut in sich aufsteigen, als er sah, wie die Büros nach der Durchsuchung aussahen. Leere Arbeitstische, ausgeräumte Aktenschränke, herumliegende Kabel, die von ihrem Rechner getrennt worden waren. Die Stimmen kamen aus seinem Büro. Als er eintrat, sich mühsam beherrschend, um nicht loszubrüllen, sah er etwa 15 Personen in seinem Büro damit beschäftigt, Akten in Kartons und PCs in Boxen einzuschließen und zu versiegeln. Keiner von denen schien ihn zu beachten. Seine beiden Sekretärinnen und beide Bürochefs waren im Gespräch mit einem älteren grauhaarigen Männlein mit Halbglatze. Er sah ihn zuerst, setze ein Grinsen auf, was wahrscheinlich ein Lächeln hätte werden sollen: „Hallo, Mr. West, wir erwarten vollständige Kooperationsbereitschaft.“ John schüttelte ihm forsch die Hand, stellte sich ihm gegenüber und die Frage schoss aus ihm heraus: „Was wird uns vorgeworfen? Wir halten uns in dieser Firma an alle Regeln des Gesetzes und machen keine krummen Geschichten!“ „Das herauszufinden, Mr. West, sind wir hier. Seien Sie versichert, wir werden hier jeden Stein umdrehen.“ Sein Rechtsanwalt fuhr dazwischen: „Darf ich den Durchsuchungsbefehl sehen!“ „Sicher“, mit zynischen Lächeln zog er ein Blatt aus der Anzugtasche und reichte es an den Anwalt: „Der Justizminister persönlich hat unterschrieben!?“ Dem Anwalt blieb der Mund offen stehen und der Grauhaarige nahm das Blatt triumphierend wieder an sich.

Bei der letzten Begegnung hatte der Präsident mit keinem Wort erwähnt, dass etwas in der Richtung bevorstehen könnte. Vor wenigen Wochen hatten sie sich persönlich kennengelernt und Freundschaft geschlossen. John erinnerte sich gut an den Moment: Es war bei einer Poker-Revange gewesen, die im Hinterzimmer seines Freundes Harry stattfand. Es lief gut an dem Abend und der Präsident war von seinem Spiel beeindruckt. Er lud ihn anschließend zu einem Drink auf die Terrasse ein. John war wie in Trance - ihm wurde klar, dass er jetzt ganz dicht vor einem entscheidenden Schritt stand. Sie sprachen vom neuen Programm und den Möglichkeiten des Internet. Der Präsident wollte wissen, wohin die Reise gehe. John kam in Schwung: „ Es werden alle Bereiche des Lebens mit den Strömen des Internet zu einer weltumspannenden Gemeinschaft verbunden sein. Einmal installiert, wird es, wie einst das Stromnetz, in die hintersten Winkel der Welt reichen. Aber es wird viel umfassender alle Lebensbereiche verbinden: das Telefon, der PC, das Auto, das eigene Haus, alle Familienmitglieder, alle Freunde, Ärzte, Dienstleister - alles wird vernetzt sein. Was heute noch getrennt nebeneinander läuft, wird schon in wenigen Jahren durch einen gewaltigen Strom von Datenträgern weltumspannend verbunden sein. Schulen, Universitäten, Wirtschaftsbetriebe, das private, wie auch das öffentliche Leben werden im Netz sichtbar und transparent erscheinen. Die Menschen haben zwei Hauptinteressen oder Neigungen, sie wollen informiert sein - und sie wollen Spaß haben und entspannen. Beides kommt in Zukunft aus dem Netz für jeden erreichbar, jederzeit und billig.“

Der Präsident schaute John an, dann lächelte er: „Wow, Mann, ich sehe, du siehst es! Deine Vision schlägt ein, ich kann es fühlen, das wird das neue Riesengeschäft. Amerika ist ganz vorn und ich will, dass das auch so bleibt. Macht diese Dinge, macht mehr davon! Ich werde in den nächsten Wochen im Senat Geld locker machen. Die Infrastruktur wird mit Nachdruck gebaut.

Verlass dich drauf, John - wir machen das!“ Der Präsident klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und war im nächsten Moment von zwei hübschen Damen in die Zange genommen und abgeführt worden. Er spielte den Empörten, lächelte John zu und war verschwunden. John erinnerte sich auch, dass er nach dem Gespräch mit dem Präsidenten wackelig auf den Beinen gewesen war und sich angeschlagen fühlte, so als ob er einen Infekt bekommen würde oder, was leider in der letzten Zeit öfter vorkam - Kopfschmerzen! Er war dann etwas abseits in Richtung des Teiches gegangen und hatte sich auf eine freie Bank gesetzt. - Wie leer man sich fühlen konnte, trotz des ganzen Trubels. Er war dem nicht gewachsen. Eine bleierne Schwere, die er früher nicht gekannt hatte, durchsetzte ihn. Er würde jemanden suchen, vielleicht Maria, die mit ihm ins Kino gehen würde. Der Film von Spielberg lief in den Kinos und John war damals nach Loslassen und Vergessen zu Mute gewesen. Er hasste diesen Zustand und wollte ihn abschütteln, wie alte Blätter an einem noch jungen Baum, wollte einfach weiter machen. –

Jäh wurde er aus seinen Erinnerungen wieder in die harte Realität der Gegenwart zurückgeholt. Der Grauhaarige war noch immer da. Als sie schließlich, mit endlosen Reihen von Kisten, die in den schwarzen Autos verschwanden, abgezogen waren, gab es ein Krisenessen. Alle standen irgendwie unter Schock und es wurde, als absehbar war, dass die Aktion bald zu Ende sein würde, Essen bestellt und im großen Konferenzraum aufgebaut. Die Mitarbeiter sollten ihre Büros, so gut es ging aufräumen und dann nach Hause gehen. Die Firmenleitung bestand aus fast 40 Abteilungsleitern, von denen etwa 70 % männlich waren und die schon manchen Sturm gemeinsam überstanden hatten. Es beruhigte John, dass sich nicht nur die Firmenleitung, sondern auch die Abteilungsleiter in Krisen immer loyal und robust gezeigt hatten.

Er selbst fühlte sich wie ein rohes Ei und es war ihm, als hätte man ihm gerade die Haut stückchenweise abgezogen. Alle aßen, griffen zu, keiner lachte, wie sonst bei solchen Gelegenheiten. Er wollte unbedingt neben Maria sitzen. Sie hatte keinen Appetit und sagte kaum etwas. John griff herzhaft zu. Wenn Schwierigkeiten waren, tat Essen ihm gut, außerdem würde es ein langer Abend werden. Die Mitarbeiter der Rechtsabteilung tuschelten leise. - John merkte, dass sie jetzt anfangen mussten! Er legte seinen Cheeseburger und die Minigurke beiseite, reinigte laut sein Hände mit einer Serviette und begann: „Also, was, zum Teufel, war das!“ Seine Stimme klang zu hoch - er musste Ruhe verbreiten. „Kann mir bitte jemand erklären, was ich da eben erlebt habe! Wir komme vom Wochenende und von der Betriebsfeier zurück und stehen heute morgen vor einem Scherbenhaufen. Wildgewordene Beamtenfuzzis dringen hier ein mit Autorisierung vom Justizminister persönlich und tragen unsere Akten und Festplatten kistenweise zur Tür raus. Leben wir noch in einem Rechtsstaat?! Das sieht doch nach einem Planspiel aus.“ Er war laut geworden am Schluss - Maria blickte sehr nachdenklich und schwieg meist, obwohl sie eine der wichtigsten Abteilungsleiterinnen war. Später schlich er unauffällig in sein Büro. „Verbinden Sie mich mit dem Präsidenten!“ Nancy, seine vertrauteste Sekretärin stöhnte: „Ich tu mein Bestes.“ Nach endlosen Versuchen gab sie auf. Er rief seine Mutter an. Sie kannte einflussreiche Leute: „John, du hast mächtige Feinde. Für unsere politischen Freunde bist du, seid ihr, Emporkömmlinge. Sie verstehen nicht, wie es euch gelingt, aus nichts wie Nullen und Einsen, so viel Geld zu machen. Wir haben eine Vermutung - Vater hat angerufen…“ „Nun sag schon, Mumm, wer, glaubt ihr, will uns da ans Messer liefern?“ Nancy stürmte herein, gab hektisch Zeichen, dass er abnehmen müsse. „Ich muss Schluss machen, Mumm, der Präsident ruft an.“ - „Hey John, mein Freund, was für eine heilige Sch……! Die haben das Timing aber auch perfekt geplant. Ich wurde um zwanzig nach acht informiert und um halb neun standen sie vor eurem Tor.“ „Ich verstehe nicht, Mister Präsident, wie die das ohne uns zu informieren, durchbekommen haben. Wir leben doch in den Vereinigten Staaten von Amerika.“ „John, das ist das einzig Ungewisse in diesem Land, das unser System am Leben hält. Damit müssen wir leben. Auch ich stehe übrigens demnächst im Kreuzfeuer - aber was solls - stinkt denn die Sache bei euch?“ „Nein, verdammt, die Verhandlungen mit Tirex waren hart, aber von denen sind keine Fragen mehr zu erwarten. Das muss von anderer Seite kommen.“ „Was auch immer, ich halte dich auf dem Laufenden. Wir schaffen das! Unkraut vergeht nicht!“ Damit legte der Präsident auf.

John hatte eine furchtbare Zeit vor sich. Wie ein drohendes Schwert hing monatelang die Ungewissheit über der Firma und über ihm. Geschäftspartner wanderten ab, um einem etwaigen Schuldspruch zuvor zu kommen. Dann, als die Verhandlung begann, musste er Monate Rede und Antwort stehen. Er hatte regelrecht Panik, wenn Verhandlungstage nahten und schluckte Medikamente, um sich zu beruhigen. Er mied jeden unnötigen Kontakt und kam in düstere Stimmungen, aus denen er keinen Ausweg mehr sah. Sie würden ihm etwas anhängen. Es drohte die Zerschlagung des Unternehmens. Maria, die inzwischen seine Frau geworden war, stand ihm die ganze Zeit als Stütze zur Seite. Sie ertrug er um sich und sie verstand es, ihn immer wieder aufzubauen. Er wusste sehr genau, dass er diese Krise ohne sie nicht durchgestanden hätte.

Mephisto spricht:

Man hat Gewalt, so hat man Recht.

Man fragt ums WAS, und nicht ums WIE!

Ich müsste keine Schifffahrt kennen:

Krieg, Handel und Piraterie -

Dreieinig, sind sie nicht zu trennen.3

Tacoma

Wieder einmal war es soweit, Paul war am Ende angelangt. So vieles hatte sich in ihn eingeschrieben in den letzten Tagen. Er sah die Berge von Ungewissheiten, und nichts davon konnte er im Moment zu einer Lösung führen. Seine Freunde begannen, ihn zu meiden, wenn er diese Stimmungen hatte. Jane hatte seine Frage nur mit einem schnippischen „vielleicht“ beantwortet - die Frage, die ihm soviel bedeutete und mit der er sich tagelang vorher herumschlug. Ein Moment der völligen Vernichtung! Er musste lernen, auch ein Vielleicht zu akzeptieren. - immerhin war es kein Nein gewesen. Da war ein Funke Hoffnung durchaus angebracht.

Er musste ins Freie, einfach etwas laufen - Janu schaute ihn interessiert an, und setzte sich augenblicklich in Bewegung, noch bevor er einen Schritt in Richtung Leine gemacht hatte. Die Hündin wartete an der Tür. Woher wusste sie, was er vorhatte? Paul lief ihr hinterher und legte das Halsband um. Eigentlich wussten beide, dass der Ablauf anders zu sein hatte, doch Janu spürte genau, wann es Herrchen Ernst war und Paul musste ihr mal wieder die Initiative lassen.

In Gedanken war er noch bei Jane und nicht bei Janu. Jane wäre die perfekte Teamunterstützung gewesen. Sie verstanden sich ohne Worte. Der Eine wusste meist ziemlich genau vom Andern, was der dachte, und er wusste sie einfach gern um sich. Er fühlte ihre Nähe wie eine Erweiterung seines Wesens.

Doch seine Forschungen zur Schwingungsmaschine verliefen im Sande. Er tappte im Dunkeln. Mit Jane an seiner Seite kam Licht in dieses Dunkel. Sie bewegte sich in vielen Welten mit traumwandlerischer Sicherheit und er wusste, dass ein weiteres Jahr Forschung ohne greifbare Ergebnisse - unmöglich war. Ungeduldig schnappte Janu nach einer Fliege. Meist erwischte sie ihr Opfer auch, doch Paul war sich nicht sicher, ob sie unterschied zwischen Fliegen und Wespen, und noch weniger wusste er, ob ein Wespenstich im Maul oder auf der Zunge eines Hundes gefährlich werden konnte. Das musste er „googeln“, so nannte man heute die Suche im Netz. Das Internet! Eine geniale Einrichtung und gleichzeitig so leblos wie eine Mondlandschaft. Beruflich war er gezwungen, viele Stunden für Berechnungen und Grafiken am PC zu sitzen, doch für die Arbeit, die ihm am Herzen lag, die an der Schwingungsmaschine, für die fühlte er sich nach der Arbeit am PC zu leer und ohne innere Bereitschaft, einzutauchen in andere Wirklichkeiten.

Fortschritte hatte er erlebt, wenn er gar nicht an der Lösung selbst arbeitete, sondern mit etwas ganz Anderem beschäftigt war. Sogar, wenn er die Arbeit völlig losgelassen hatte und für ein paar Tage in seiner Berghütte war, flogen ihm die Lösungen manchmal wie von selbst zu. Manchmal auch, wenn er Jane in die Augen sah.

Er war sich sicher, eines Tages würde er das fehlende Element finden, das seine Maschine in Schwung bringen würde, mit Kräften, die überall vorhanden waren, in der Luft, im Wasser, im Licht und den sichtbaren und unsichtbaren Schwingungen, die es trug. Wenn das Prisma, das in seinem Fenster hing, sich leise bewegte und auf die Wände verschiedene Farbflächen warf, dann konnte er die Schwingung ahnen, die durch alle Elemente hindurch mit dem Sonnenlicht getragen wurde.

Janu stupste in an und holte ihn aus seinen Gedanken in die Realität zurück. Paul konnte auf der Autobahn fahrend, völlig vergessen, wie er von A nach B gekommen war. Er wusste einfach, dass er ordnungsgemäß den Blinker gesetzt, geschaltet hatte und abgebogen war und zwar an den richtigen Stellen, doch im Moment des Fahrens wusste er nichts davon und war ganz in Gedanken und mit den Bildern im Innern beschäftigt. Inzwischen waren sie am See angekommen und Janu suchte nach einem Stock. Sie zerrte an einem viel zu großen Ast. Das Ritual war seit Jahren das Gleiche und hatte folgendermaßen abzulaufen: Janu strich zwei bis dreimal am Ufer entlang und vermied jeden Kontakt mit dem Nass. Er nahm das Stöckchen und warf es ins Wasser hinaus, worauf Janu mit lauter Ansage und riesigem Satz ins Wasser sprang und das Stöckchen ins Maul fasste. Beim Zurückpaddeln sah sie mittleiderregend und hilflos aus. Erst wenn sie das Ufer unter den Vorderläufen spürte, wich die Anstrengung der Erleichterung und sie verlor jegliches Interesse. Sie schüttelte sich ausgiebig ohne Rücksicht auf etwaige Anwesende. „Braves Mädchen. Janu, bring das Stöckchen!“ Pauls Aufforderung aus sicherer Distanz blieb wirkungslos. Sie absolvierte wieder ihr Hin und Her am Ufer.

Es war Abend geworden und die Sonne schon untergegangen - Paul liebte diesen Moment. Das Abendrot im Westen, heute ein länglicher Streifen, elegant geschwungen, leuchtete auf, während gegenüber im Osten, in Richtung See, sich das Rot weit und gedämpft mit sanften Übergängen im Blau-Grau des Himmelsgewölbes verlief. Es konnte für ihn keinen schöneren Moment am Tag geben, als diesen. Wenn im Westen die reife Sonnenkraft ihre letzten Strahlen vergeudete und den Tag leuchtend nachklingen ließ und gleichzeitig im Osten mildere Farben um den Erdschatten aufblühten, erlebte er einen Augenblick des Friedens. Er fühlte sich in diesem Moment im Einklang mit der Menschheit. Verbunden durch die scheidende Sonne waren sie alle mit ihren gegenwärtigen Sorgen und Hoffnungen. Er fühlte, wie durch diese weite Farbkuppel etwas sprach, das alle Menschen berühren konnte. Janu lag nach 15 Minuten Stockfischen befriedigt auf der Erde und schaute aufs Wasser. Konnten Hunde Farben sehen? Er war sich sicher, dass Janu Naturstimmungen erspüren konnte und in sie eintauchte, ja, vielleicht war sie mehr darinnen, als Menschen das jemals vermocht hätten. Die letzten Vögel huschten schimpfend zu ihren Nachtplätzen. Janu schaute ihnen nach und wandte sich dann wieder ihrem See zu. Ihre Augen leuchteten im Glanz der Umgebung. Sie trottet zum ihm her und schnupperte an seiner Hand. Es wurde rasch dunkel und Paul erhob sich. Ja, es war Zeit. Es wartete noch eine Menge Arbeit an diesem Abend und es würde wieder spät werden.

Gegen neun war er in der kleinen Halle tätig. Sein eigentliches Leben fand hier statt. Seit Monaten traf er sich hier mit Kollegen, erledigte Telefonate und machte weitere Berechnungen. Gleichzeitig leitete er die Firma, was ihm nicht besonders schwer fiel. An Aufträgen fehlte es nicht. Mischmaschinen für die Pharmaindustrie waren ein sicheres Standbein. Sie hatten mehr zu tun, als sie bewältigen konnten und sein Freund Alain Vity sprach davon, dass er ihn, Paul, als Geschäftsführer demnächst ablösen würde - natürlich mit fürstlichem Gehalt – um ihm endlich die Zeit und Kraft zu verschaffen, die seiner Forschung auf die Sprünge helfen würde.

Es fiel noch immer etwas Licht von der Dachkuppel in die Halle, als Janu den Kopf hob, freudig anschlug und zur Seitentür lief. Es klingelte und die seitliche Eingangstür ging auf. Pauls Herz machte einen Sprung. Er legte seine Arbeit weg - da stand sie und schaute ihn fragend an. Er wollte gerade zu einer Entschuldigung anheben, doch Jane ließ ihm keine Zeit. Sie hatte ihn erreicht und fasste ihn an beiden Unterarmen, dabei zog sie ihn kräftig an sich.

„Hey, Paul, wo steckst du nur? Hast du dein Telefon verloren? Ich versuche schon seit Ewigkeiten dich zu erreichen? Ich schenk dir eine Erinnerungs-App für dein Handy, die dich warnt, wenn du es nochmal so sträflich vernachlässigst.“ „Bitte nicht! Gnade! Ich werde mich bessern.“ Doch Jane blieb unerbittlich stehen und ließ ihn nicht aus den Augen. „Ok, wieder kein Durchbruch, wie ich sehe. Wäre ja auch ein Wunder.“ „Sehr wahr gesprochen!“ Jane memorierte: „Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, das zwingst du ihr nicht ab, mit Hebeln und mit Schrauben.“ 4

Sie konnten beide noch immer viele Faust-Zitate auswendig und unterhielten sich mitunter aus diesem gemeinsamen Schatz ihrer Bühnenerlebnisse. Inzwischen waren Jahre vergangen. Jane hatte nach ihrem Studium für die Luftfahrt gearbeitet. Sie baute über Jahre eine eigene Firma mit Sachverständigen auf und beriet große Luftfahrtunternehmen bei der Bewertung von Flugzeugmodellen. Außerdem erstellte sie Gutachten bei technischen Problemen. Inzwischen hatte sie etwa 50 Angestellte und konnte sich gewisse Freiheiten leisten. Der Flugverkehr nahm weltweit zu und der Hunger der Menschen nach Bewegung um den Globus schien keine Grenzen zu kennen. Doch seit ihre Mutter vor einigen Jahren verstorben war, musste sie sich verstärkt um ihren Vater kümmern. Der saß meistens in seinem Sessel auf der Veranda oder im Haus und schaute den Vögeln zu. Er liebte es, sie zu füttern und war Sommers wie Winters eine gern angenommene Futterstelle für allerlei fliegende Gäste, die ihm aus der Hand fraßen. Er hatte ihnen Namen gegeben und unterhielt sich mit ihnen, wie mit alten Freunden. Vor dem Tod seiner Frau hatte sein Leben aus Vorlesungen an der Uni und Vortragsvorbereitungen bestanden. Dazu war seine Frau ihm eine ideale Begleiterin gewesen, denn sie war unerbittlich in ihrem Urteil, was seine Arbeit anbelangte und war eine sichere Stütze, wenn er sich wieder einmal übernommen hatte. Sein jetziger Zustand war nach ihrem Tod mit Macht über ihn gekommen, und nichts mehr als seine fliegenden Gäste schien sein Interesse erreichen zu können. Selbst seine Tochter hatte Mühe zu ihm durchzudringen. Dann tätschelte sie seine Hand und redete mit ihm von der Vergangenheit und manchmal auch von ihrer Arbeit, die ihn früher sehr interessiert hatte. Nach einer Stunde erlosch seine Aufmerksamkeit regelmäßig. Er wandte sich ab von ihr und niemand drang mehr zu ihm vor. Sie spürte, dass das Band, das sie verband, rasch dünner und brüchiger wurde. Er schien zu früh zu altern, seine ausgebreitete Korrespondenz wurde weitgehend eingestellt, und sein Humor kam nur noch selten hervor. Seine Pflegerin, die sich um alles kümmerte, war Tag und Nacht im Haus und tat ihr Möglichstes, ohne jedoch von ihrem Vater wirklich beachtet zu werden. An diesem Abend war er früher müde geworden, und so hatte sie ihn der Pflegerin überlassend können, um bei Paul vorbeizuschauen.

Sie gingen in Richtung Bürobereich. Paul hatte das Gebäude so umbauen lassen, dass zwischen den Büros und den Fertigungshallen eine Art Zwischentrakt lag, in dem auch Jane einen Raum hatte. Inzwischen war niemand mehr von den Mitarbeitern der Firma da und sie waren ungestört.

Paul spürte, wie ihn die Gegenwart Janes wieder mit neuem Mut und mit dem Gefühl von Zuversicht belebte. Wie reich war sein Leben durch Jane geworden und wie wenig konnte er ihr zurückgeben! Das war seine Empfindung ihr gegenüber und er sprach sie auch offen aus. Sie sagte dann, in Anspielung auf ihre Schauspielarbeit, dass er sie ja schon auf dem College zu verführen versucht hätte und sie ausgenutzt habe, aber dass sie sich heute nicht sicher sei, ob sie sich damals gegen wirklich ernsthafte Annäherungsversuche von ihm gewehrt hätte. Ein vieldeutiges Lächeln, das er bei ihr in der Schulzeit schon faszinierend gefunden hatte, machte es ihm leicht, diese schöne Lüge als glaubwürdig einzustufen.

Kaum saßen sie, begann Jane sofort mit den Vorbereitungen. Sie richtete und ordnete die drei Metallschalen auf der Kupfermatte aus. Das machte sie mit viel Ruhe und großer Sorgfalt, sodass das kupferne, kleinere Gefäß ihm gegenüber stand, das Goldschälchen in der Mitte, und die Silberschale stellte sie sich selbst gegenüber. Die Übung begann immer mit der Konzentration auf die eigene innere Stärke. Das war bei Paul eindeutig die Willenskraft. Er ging in die Tiefe dieser Kräfte, die ihm seinen Willen befeuerten, hinein und stellte sie sich vor seinem inneren Auge als eine in vielerlei Weise regsame und schöpferische Kraftquelle vor.

Jane hatte diese unglaubliche Selbstverständlichkeit im Bereich des Fühlens. Sie konnte jeden Augenblick, jede Situation mit ihren Herzkräften erfassen. Als sie jung gewesen war, hatte sie ihr starkes Gefühlsleben mehrmals bis an die Grenze des Todes getrieben. Aber inzwischen konnte sie sich soweit schützen, dass ihr diese Offenheit kaum noch schaden konnte. Sie hatte sich zum Beispiel während des Studiums mit diversen Männern eingelassen und war damit gescheitert. Daraufhin hatte sie sich zu innerer Selbstständigkeit durchgerungen und war nun nicht mehr bereit, die errungene Freiheit in die Waagschale von Beziehungen zu legen. Paul und Jane waren einfach nur gute Freunde gewesen und geblieben.

Jetzt lenkte Jane ihre Aufmerksamkeit auf die Atem - und Herzkräfte. Paul sah es am ruhigen Glänzen in ihren Augen. Sie blickte auf die Silberschale vor sich. Nichts hatte sich äußerlich verändert und doch spürte Paul, als sie die Schale mit ihren Händen berührte, wie ihre seelische Wärme zur Silberschale hinströmte. Das alles war nur eine Art Vorbereitung für die eigentliche Wirkung, die sie suchten.

Kosmische Energieströme flossen auch durch den Menschen, der seine inneren Kräfte so beherrschen lernen konnte, dass sie Teil wurden der Quelle, die auch für den Antrieb von Maschinen nutzbar gemacht werden konnte. Dieses Thema hatte in den letzten Jahrzehnten große Dringlichkeit erfahren und war, nicht zuletzt durch die rasanten Entwicklungen in der digitalen Welt, in greifbare Nähe gerückt. Eine Nähe, die für Paul zu Beginn seiner Suche noch unvorstellbar gewesen war. Die Frage stand heute deutlicher denn je vor seinem inneren Auge: Wie kann Energie, die überall im Kosmos im Überfluss vorhanden ist, so aufgefangen werden, dass sie für Antriebskräfte nutzbar wird? Im Grunde stand der Menschheit ein Paradigmenwechsel bevor. Heraus aus der Vergangenheit des Sonnenlichtes, das in Form von Öl, Kohle und Gas an seinen Nutzungsgrenzen angekommen war, hinüber zu einer gegenwartsbezogenen Erschließung der Lichtkräfte, auch jenseits dessen, was seine Sichtbarkeit offenbarte.

Jetzt begannen sie mit dem zweiten Teil der Übung, der Paul wieder und wieder mit Begeisterung erfüllte. Aus den beiden Polen, die sie selbst verkörperten, wurde jetzt ein gemeinsames Drittes geschaffen. Dazu nahm jeder eine Hand und legte sie um die Goldschale. Paul löste seine starke Willenskonzentration etwas und lenkte den frei gewordenen Teil zur Goldschale hin, die in der Mitte stand. Jane bändigte ihre Gefühlskräfte und ließ den frei gewordenen Teil auch zur Schale in der Mitte strömen.

Atmen – Führen - Strömen – dieser Dreischritt war ihnen vertraut geworden und Paul erlebte einmal mehr, wie klar und wahrhaftig Jane bei allen diesen komplexen seelischen Vorgängen blieb. Wie viel hatte er, der Willensmensch, der sich in sozialen Zusammenhängen manchmal wie der verlorene Sohn vorkam, von Janes selbstverständlicher Hingabekraft gelernt und von ihren Wirkungen erfahren dürfen. Oft erregten seine Ansichten, zum Beispiel unter Kollegen geäußert, den größten Widerspruch, ja mitunter erntete er Spott und Häme für seine Vorschläge, während die gleichen Thesen, von Jane vorgebracht, bei Anderen vielfach Zustimmung und Begeisterung auslösten und die Beteiligten zu Höhenflügen anspornten, die sie sich selbst nicht einmal zugetraut hätten. Erst als Paul vor einem Jahr in der Schweiz während eines Kongresses einer Ärztin begegnet war, die ihn zu einem Kurs eingeladen hatte, begann sich diese Kluft allmählich zu schließen, die er oft schmerzlich erlebt hatte, zwischen sich und der übrigen Welt. Mindestens sein Forschertrieb war durch die Eindrücke, die er aus der Schweiz mitgebracht hatte, wieder angeschürt worden, und es waren im letzten Jahr auch in der Zusammenarbeit mit Jane neue Ansätze greifbarer geworden. Später saß Paul noch lange in der inzwischen dunkel gewordenen Halle - Jane war längst nach Hause gegangen. Er brauchte einen Gesprächspartner und rief seinen Kollegen und Freund Alain an. Dieser ging sofort ans Telefon: „Hey, Meister Paul, so spät noch bei der Arbeit? Man munkelt, dass du dich wieder deinem ungeborenen Baby widmest. Stimmt das?“ Paul kannte Alain vom Studium her. Er war schon damals ein Weltenbummler gewesen. Das zählte in der normalen Arbeitswelt als Fahnenflucht - in der Finanzbranche aber war er mit dieser Eigenart durchaus am richtigen Platz. Alain spürte meist mit sicherem Instinkt, woher der Wind wehte, und wo es etwas zu holen gab. „Alain, ich brauche deine Hilfe. Ich arbeite tatsächlich seit einigen Monaten wieder verstärkt am Schwingungsantrieb und ich muss jemand erzählen können, was ich alles noch nicht weiß.“ „Du meinst, du brauchst mich, um dich auszuweinen über deine verlorenen Jahre und dein missliches Sozialverhalten?“ Alain kicherte dabei ganz unverschämt und Paul konnte sich das Grinsen des sympathischen Freundes ziemlich genau vorstellen. Schon in der Schule trug er den Spitznamen Fox. „Wenn du so willst, traure ich vielleicht meiner eingeschlafenen Forscherseele nach und den vielen Möglichkeiten und Wünschen, die ich noch nicht verwirklichen konnte. Aber ich bin sicher, wenn du hier auftauchst, werden meine Forschungsversuche neuen Auftrieb bekommen.“ „Wer sagt denn, dass ich kann? Ich bin in San Francisco auf einer der wichtigsten Tagungen der letzten Jahre. Sie dauert noch bis zum Wochenende.“ „Worum geht´s dabei? Und wer veranstaltet sie?“ „Was, du hast nichts mitbekommen vom Treffen der Big Seven? Warst du nicht mit John West auf der gleichen Schule? Hast du eigentlich noch Kontakt zu ihm? Wichtiger Mann! Hat echte Visionen - nicht, dass ich diese unbedingt teile, aber spannend und lohnend ist das allemal. Und es ist wirklich die Crême de la Crême hier versammelt. Der Traumtänzer Elon Musk, der Päckchenpacker Georges Bezzos, der Mogul der Black-Rock-Finanzgemeinde Larry Fink, Bill Gates und die WHO sind auch vertreten und Big-Pharma und noch einige mehr von den ganz großen Playern auf dem Globus.“ „ Und was ist das Thema in solch erlauchter Runde?“ „Hmm… - es geht darum, wie die drei Fragezeichen endlich in drei Ausrufezeichen umgebogen werden können.“ Alain lachte über seine, wie er wohl fand, witzige Formulierung. „Nein, im Ernst, sie bereiten was Großes vor, etwas, das unser Leben in den nächsten Jahren komplett auf den Kopf stellen könnte. Themen, wie diese: Wie kann die Überbevölkerung eingedämmt werden? Wie kann Krankheit besiegt werden? Gibt es Alternativen zum Verbrenner? Und wie kann die Finanzbrache nachhaltiger und sicherer werden? Mein Gott, wir merken es doch alle - die Welt ist aus den Fugen geraten und hier spielen die Meister des Fugenkits in einem Orchester zusammen und wollen uns die Welt neu verleimen, so dass wir sie fast nicht wiedererkennen werden.“ „ Die haben mich gar nicht gefragt, ob ich das will?“ „Da werden die sich hüten, solch einen Spätentwickler wie dich zu fragen.“ „ Und was treibt dich in die Arme der Zyklopen?“ „Ich habe eben das gewisse Etwas!“- Ein vielsagendes Grinsen zog in Pauls Vorstellung über Alains Gesichtszüge. „Ich bin an einer Software mit meiner kleinen Firma beteiligt, auf die vor allem John schon lange scharf ist und mit lange meine ich knapp zwei Jahre, was in der Computerwelt eine Ewigkeit ist.“ „ Mann, dann gib ihm doch, was er will!“ „Klar, ist nur eine Frage des Preises.“ „Ah, ich verstehen, du spielen armen Mann aus Mexico!“ „Mag sein, dass ich ein bisschen übertreibe, aber du kennst die Regeln beim Pokern: Am Schluss grinsen bringt Zinsen!“ „Na Alain, ich merke, dass aus meiner Beichte mal wieder nichts wird. Ich kann da unmöglich hinkommen, was soll ich auch da? Ich habe keine Einladung und wenig Interesse.“ „Die Einladung ist kein Problem.“ „Nein Alain, ich verzichte. Aber kannst du nach eurer Weltverbesserer-Konferenz bei mir vorbeikommen?“ „Klar, dann kauf ich dir auch was Schönes zum Anziehen und wir gehen nach Las Vegas, um meinen neuen Reichtum zu feiern.“ Alain war wie Paul Junggeselle geblieben. Er hatte viele liebe Freundinnen, die ihn vergötterten, jedenfalls nach seinen eigenen Angaben. „Ok, das wäre schön. - Machs gut dort, mein Freund und lass dich nicht kaufen, du …..“ Alain hatte vorsichtshalber aufgelegt und Paul grinste über die Wachheit und Schnelligkeit seines Freundes Alain, genannt „The Fox.“

Janu war gegen Ende des Gesprächs aufgewacht, hatte sich gestreckt und war zur Tür gegangen. Es war spät. Ein leichter Wind strich um die Halle, als er hinaustrat. - Wie hätten diese Ungewissheiten wohl andere Forscher ertragen, die auch auf unbekanntem Gelände gesucht hatten? Waren sie mit ihren Fragen auch an die eigenen Grenzen gestoßen – oder widerfuhr ihnen das Forscherglück ganz unvermittelt? - Paul blieb die Nacht über in der Firma und schlief im Zwischentrakt auf einer Liege.

Als Jane am anderen Abend wieder kam, begannen sie gleich mit den Übungen. Später saßen sie vor der Halle. Janes Gesicht glänzte im Licht der untergehenden Herbstsonne.

Paul erzählte von der Einladung seines Freundes Alain bei den „Big Seven“. Jane sagte nach kurzer Überlegung: „Paul, mein Gefühl sagt mir, dass du dieses Treffen nicht versäumen solltest. Da werden Themen angesprochen, die deine - unsere Forschungen hier mitbetreffen.“ Paul aber blieb in seiner Haltung ablehnend. „Was soll sich da schon Wichtiges für meine Arbeit ergeben?“ „Deine Forschung ist nicht nur für dich wichtig, Paul - wir brauchen neue Formen der Antriebstechnik, soviel wissen wir. Du kannst mit deiner Forschung wichtige Impulse geben - da sitzen die Lenker der zukünftigen Welt und wissen nichts von deinem Projekt, für das du so lange schon gekämpft hast! Paul, unterschätze deine Arbeit nicht. Wenige haben solche Kraft eingesetzt, um etwas auf diesem schwierigen Gebiet zu finden, wie du.“

Paul bekam jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ihn Jane mit diesen glimmenden Augen anschaute, die ihn zu durchleuchten schienen. „Jetzt ist der Moment, dein Projekt aus der Isolation zu befreien. Du hältst es in deinem Kopf gefangen. Ich hatte heute Nacht einen Traum: Ich sah dich auf einer Art großem Lenkdrachen sitzen, dessen Antrieb aus sonderbar klingenden Glocken bestand und du warst leidenschaftlich damit beschäftigt, die Glocken abwechselnd zum Klingen zu bringen. Damit konntest du den Drachen steuern. Du sahst aus, wie damals, als du an der Uni in deine Forschungen vertieft warst. - Ruf Alain an und sag ihm, dass du deine Meinung geändert hast! Frag ihn, ob er dir noch eine Zugangskarte verschaffen kann.“

Paul wurde in der Nacht, als er wach lag und darüber nachdachte, was Jane gesagt hatte, klar, dass die Gründe der Abwehr gegen eine Begegnung mit seinem Schulfreund John West tatsächlich in ihm selbst gelegen hatten. Jane hatte recht: Die Isolation musste ein Ende haben. Sein Projekt „Schwingungsmaschine“ musste jetzt den Weg zu den Menschen finden, brauchte den Austausch mit andern Forschern und Geschäftsleuten, welche die Macht besaßen, wichtige Entwicklungen anzustoßen und zu befördern.

Paul saß in der fünfzehnten Reihe und folgte den Rednern auf der Leinwand. Neben ihm saß Alain und war sichtlich angetan von dem Vortrag von Sam Gladstone. Vor ihm hatte schon Steve Ballmer von Microsoft gesprochen. Den hatte Paul jedoch verpasst. Zukunftsvisionen hatte Gladstone keine im Gepäck. Er war das Zugpferd, das andere Investoren anlocken sollte - wo Gladstone investierte, zog das Geld hinterher. John West war mit Gladstone befreundet und holte sich von ihm sicherlich auch Tipps für seinen sagenhaften Reichtum.

Gladstone, als alter Hase im Geldgeschäft, schwang sich auf und begann die Initiative der „Big Seven“ mit Lob zu überschütten. Amerikas neue Avantgarde stehe hier und bereite die Zukunft vor: Avengers für die Erneuerung der alten Welt. Er gab zu, dass er sie lange Zeit belächelt hatte und erst seit er begriffen habe, was für neue Möglichkeiten auch für Investoren da entstanden seien, habe er, zuerst zähneknirschend, wie er sehr humoristisch bemerkte, sein Geld vorsichtig in diese neuen Projekte fließen lassen. Er begann zu schmunzeln und erzählte einen Witz. „Frägt der Neue: wie ist denn die Arbeit in diesem Unternehmen? Wie im Paradies, antwortete der alte Hase. Das klingt ja verlockend nach Beförderung! - Ja, absolut, du kannst täglich auf die Straße befördert werden.“ Ins Gelächter hinein setzt er mit seinen Vortrag fort. „An jedem Tag musst du dich entscheiden und eine unendliche Quelle von Fehlern ist jeder Tag. Nirgends wird soviel investiert, wie in die neuen Technologien und nirgends wird so viel falsch investiert, wie in diesen neue Technologien. Die Entwicklung geht weiter, die Technik wird mehr und mehr auf den Menschen zugeschnitten werden. Kommunikation, Unterhaltung und Gesundheit werden die Märkte der Zukunft werden. Die Geräte werden sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen, werden Wohlstand und Gesundheit in der breiten Bevölkerung ermöglichen. Das sind die Zugpferde der zukünftigen Wirtschaftsmacht USA. Damit werden wir eine neue, globale Allianz erreichen, jenseits der militärischen Überlegenheit, die einfach zur alten Welt gehören wird.“ Alain lehnte sich zu Paul herüber und flüsterte ihm zu: „Jeder, der sich ein bisschen auskennt, weiß, dass der alte Hase Milliarden in die Rüstung investiert hat.“

Ahriman flüstert leise ins Ohr Einzelner, indem er durch die Reihen der Zuhörer schleicht: Erfindet Maschinen, die Menschen-Arbeit ersetzen! Sucht die Vorgänge im Arbeitsleben zu automatisieren. Wenn ihr den Menschen Freiheit versprecht und sie Zwänge lehrt, werden sie euch folgen.

Die Starken unter euch, sollen meine Ziele mit großer Kraft verfolgen. Nichts soll euch ablenken! Wer Großes erreichen will, der darf nicht zaghaft sein - nur so könnt ihr mir wahrhaft dienen. Ihr seid der Zukunft verschrieben, je mehr ihr euer Denken mit Erden-Phantasie durchdringt, die ich euch geben werde. Ergreift die Schönheit der Dinge! Sie sind mein Werk. Macht sie nützlich für die Menschheit! Die Phantasiekraft ist mein Werk! Sie lockt die Kräfte an, die ihr braucht, um die Menschen in meine Reiche zu führen. - Doch ist Phantasie und Schönheit nichts wert, wenn sie abschweift von der Erde. Ich gebe euch die Kraft zur Verbreitung der Schönheit über die ganze Erde. Die Schönheit der Körper, der Materie, wird mein Zeichen sein……“

Es war Pause und man unterhielt sich an hohen Tischen stehend. Steve Jobs, der schon zur Legende gewordene Apple-Chef, stand mit Steve Ballmer und zwei Reportern zusammen im Gespräch. „Sieh da, die großen Konkurrenten nähern sich an, unter dem Banner der zukünftigen Weltmacht.“ Alain sagte das im Vorbeigehen leise zu Paul und war schon verschwunden im Gewühl der Menge.

Paul ging allein schlendernd durch die Gesprächsgruppen weiter und suchte John, den er zwar seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, dessen Foto aber ständig in der Presse auftauchte. Zuletzt hatte er einen Artikel von ihm in der Washington Post gelesen. Paul stellte sich zu einer Gruppe von Studenten, die diskutierten. Er war fast fünfzig Jahre alt und hätte vom Alter her ihr Vater sein können, doch er fühlte sich in keiner Weise fehl am Platze. Physik und Informatik waren ihre Themen und die Möglichkeiten der neuen Technik. Einer der Studenten fragte Paul, was er beruflich mache. „Ich stelle Mischvorrichtungen für Medikamente her. Meine Firma ist klein. Wir haben circa 80 Mitarbeiter – ähm, außerdem suche ich seit einiger Zeit aber auch….“ - zu reden über sein Projekt, das merkte Paul, fiel ihm alles andere als leicht. „Also, wir suchen auch nach neuen Formen der Energiegewinnung.“ „Geht das in Richtung von Solarenergie oder Wasserstoffantrieb?“ Sein Suchen kam Paul in Anbetracht der Gewichtigkeit dessen, was auf dieser Tagung besprochen wurde, lächerlich und nichtig vor. „Nicht ganz - aber immerhin, einen Schritt in Richtung meiner Forschung liegen sie schon. Wenn Sonnen - und Windenergie erschlossen werden, benutzen wir gegenwärtig wirkende, elementare Naturkräfte. Vor allem diese Elementarkräfte bergen jedoch, was die Energiegewinnung der Zukunft betrifft, noch viele Geheimnisse. Im feinstofflichen Bereich der lebendigen Naturkräfte finden sich noch viele unentdeckte Wirkungen auch zu uns Menschen hin.“ Paul zog seine Brille ab und hauchte über ein Glas. „Das, was als Wässriges im Luftigen lebt zum Beispiel, und das ihr hier auf dem Glas als Niederschlag sehen könnt, ist ein solches verborgenes Element der Naturkräfte.“ Die jungen Studenten schauten mit offenen Mündern auf das Glas, das Paul rasch mit dem Taschentuch bearbeitete, dann reinigte er das andere, während er die jungen Studenten anlächelte. „ Und wie kann man diese Prozesse in Energie umwandeln?“

Die Frage war ganz unmittelbar von einem der jungen Leute ausgesprochen worden. Paul sah ihn an. Er war ihm bisher nicht aufgefallen - sympathischer Gesichtsausdruck – dachte Paul und lächelte ihn an. „Genau das ist meine Frage dabei! Wir alle kennen das Geräusch, wenn Wassertropfen auf eine heiße Herdplatte fallen. Der Prozess der Umwandlung ist es, der dabei interessant ist für dieses Thema. Wir Menschen brauchen einen Ansporn, ein Ziel, das sich auch mit unserem Inneren positiv verbinden kann. Leider neigen wir alle zur Trägheit - wie sagte doch schon Gott-Vater in Goethes Faust: Des Menschen Tätigkeit will allzu leicht erschlaffen; er liebt sich bald die unbedingte Ruh´, drum geb´ ich gern ihm den Gesellen zu, der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.“5

Die Studenten schauten ihn mit Augen an, die er gut kannte. Das eigene Innere konnte mit dem Äußeren, hier einem Zitat, keine Übereinstimmung herstellen, aber man wollte dem anderen dennoch signalisieren, dass man es gern verstehen würde. Er versuchte, die Studenten mitzunehmen: „Ich wollte damit nicht sagen, dass man sich mit dem Teufel verbünden muss, um voran zu kommen. Die heutigen sogenannten Innovationen und Fortschritte in der Technik fallen uns praktisch in den Schoß, wie reife Äpfel vom Baum. Aber es gibt Forschungsfelder, die wesentlich schwieriger zu erschließen sind, und die ein Vordringen in noch weitgehend unbekannte Gebiete verlangen. In dieser Kategorie würde ich meine Forschungen ansiedeln. Technik, die nur dann wirksam werden kann, wenn der Mensch, der sie bedient, auch die entsprechende innere Reife entwickelt hat. Wir haben bei der Nuklearforschung erlebt, was passiert, wenn die in die Hände von Menschen gerät, die diese innere Entwicklung nicht durchgemacht haben. Praktiziert wird sogar das Gegenteil. Oft wird von den Personalleitungen die moralische Aufrichtigkeit und Unbestechlichkeit eines Forschers als Behinderung eingestuft. Das war nicht immer so. Auch bei uns in den Staaten gab es eine ganze Reihe von wichtigen Forschern, die nach dem zweiten Weltkrieg warnten vor einer Technik, die nicht die menschlichen Voraussetzungen mit berücksichtigt. Doch sind diese Stimmen in den Hintergrund gedrängt worden. Wir sind gegenwärtig Zeugen einer Revolution. Eine Welle der Technik überrollt die Menschheit, die vor lauter Faszination darüber, alle genannten inneren Bedingungen ausblendet.“

Er hatte mächtig ausgeholt und sich durchgerungen, seine Ansichten auszusprechen. Die jungen Menschen stimmten ihm voll und ganz zu, - es kam ihm geradezu irritierend einfach vor, - die Studenten nahmen seine Gedanken klar und scheinbar ohne jede Mühe auf. Ob wohl der Eine oder Andere von ihnen weiter darüber nachdenken würde? Schlendernd ging Paul nach diesem erfreulichen Erlebnis durch die Reihen der Tagungsteilnehmer. Er war innerlich froh gestimmt und guter Laune.

Am Abend hatte John West zur zentralen Zeit seinen Vortrag. Paul drängten sich, als er den Tycoon auf den riesigen Leinwänden beobachtete, ganz andere Bilder aus der Collegezeit auf. Johns große Hände, die früher feingliedrig und ausdrucksvoll gewesen waren, wirkten jetzt wie durch die Luft fahrende Pranken. Sie griffen die Luft und schienen irgendetwas festzuhalten zu wollen. Diese Gestik war für Paul irritierend. Sie wirkte leblos und ohne Bezug zum Innern des Sprechers. Er erinnerte sich, wie grandios John die Rolle des Mephisto gesprochen und gespielt hatte: „Ich bin ein Teil des Teils, der Anfangs alles war; ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar, das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht, den alten Rang, der Raum ihr streitig macht.“ 6 Damals war seine Gestik bis in die Fingerspitzen belebt gewesen. - Die Zeit war wohl auch am großen John West nicht spurlos vorüber gegangen. Sein Lächeln allerdings, riesig auf die Leinwände projiziert, wirkte auf Paul echt. Er hatte sich noch immer etwas von einem jungen Mann bewahrt, der mit selbstverständlicher Überzeugungskraft von seinen Ideen sprach. Die mächtigen Datenströme, die schon heute um den Globus rasten, würden gigantische Ausmaße annehmen und alle Menschen verbinden. Telefon-Handy-Computer-Auto-Wohnung, alles würde vernetzt werden. Naturkatastrophen, Hungersnöte und Epidemien würden weltweit erfasst und gemanagt werden können. Die Menschheit wäre in etwa zehn bis fünfzehn Jahren bereit, diese neuen Elemente in das eigene Leben vollständig zu integrieren. Es wäre unumgänglich in einer globalisierten Welt auch globalisierte Handlungsleitlinien festzulegen. Alte, überkommene Gesetze und Vorstellungen abzubauen, wären dabei die größten Aufgaben und Hindernisse.

„Wir werden dieses neue Land Utopia, das da schon vor unseren Augen greifbar nahe liegt, Stück für Stück erobern und werden mit Kreativität und Mut die alten Strukturen aufbrechen, um in eine neue Ära der Menschheit einzutreten.“ Der aufbrausende Applaus prallte an Johns nüchternem Verstand und seinem unverwüstlichen Lächeln ab. Paul spürte, wie viel Kraft hinter diesem Manne stand, der da mit fast spitzbübischer Einfachheit und einem bescheidenen Lächeln von nichts Geringerem, als von der Neuerfindung der Welt gesprochen hatte. Die Generation von Unternehmern, die sich hier zeigte, sie nahmen ihren Vorgängern die Fackeln der Führung einfach aus den Händen.

Während des langen Applauses kam John nochmal ans Mikrofon zurück. Es sah fast so aus, als hätte er noch eine Kleinigkeit vergessen. Dabei ließ er erst jetzt die Katze wirklich aus dem Sack, - der Klassiker beim Pokern. „Wir, meine Frau Maria, ich und noch einige andere Personen werden eine Stiftung gründen und wir setzen einen großen Teil unseres Vermögens darin ein. Das Ziel der West-Stiftung wird sein, die Gesundheit der Weltbevölkerung zu verbessern und die Rechte der Frauen in den armen Ländern zu stärken.“ Er zitierte seine Frau, die das Hauptproblem der stark steigenden Weltbevölkerung darin sah, dass die Arbeit der Frauen zum Wohl der Kinder und der Familien total unterbewertet war. Obwohl doch, wie John augenzwinkernd anmerkte, sie mindestens die Hälfte der gesellschaftlichen Gesamtleistung beisteuerten.

Auch Steve Jobs sprach noch an diesem Abend. Er war ein Guru in der Branche. Seine Rede handelte von einem neuen Bewußtsein, das mit der digitalen Revolution einhergehen würde. Apple-Geräte waren Kult und die Zugänge zum Apple-Imperium waren für viele eine Art Tempeldienst. Seine Visionen, denen Paul allerdings wenig Neues entnehmen konnte, wurden mit Standing-Ovations minutenlang beklatscht.

Danach war ein Imbiss aufgebaut worden und man saß und stand um kleine Tische herum. Paul sah John durch den Saal kommen. Er ging in einem Pulk mit anderen. Paul hielt direkt auf ihn zu – zwei Bodyguards stellten sich ihm in den Weg - er warf John blitzschnell einen Jeton zu, den er immer bei sich trug - seinen Glücksbringer. John fing ihn geschickt auf, blieb stehen und musterte Paul: „Hey, ist das - - das ist – Paul!? Bist du das Paul?“ Sie umarmten sich herzlich. Paul dachte, dass es sicher nur wenige Menschen auf der Erde gab, die so mächtig waren wie John West, und die doch keinerlei Starallüren erkennen ließen.

Sie beschlossen gemeinsam etwas zu essen. „Ich muss alles wissen über dein Leben. Hast du noch Kontakt zu Jane?“ Natürlich, die unvermeidliche Frage, dachte Paul im ersten Moment und bejahte. Paul bekam ausgiebig Gelegenheit über sich zu erzählen. John war offenbar ein guter Zuhörer geworden und stellte interessierte Fragen zu Pauls Firma. Der versuchte, das Gespräch auf sein Projekt „Energiegewinnung“ zu bringen und John dafür zu interessieren.

Scheinbar mühelos verstand John die Fragestellung und die Schwierigkeiten dabei. John hatte schon immer ein Fable für Experimentelles. Paul verschwieg allerdings, dass er bereits mehr als zehn erfolglose Jahre damit in den Sand gesetzt hatte und noch immer kein Durchbruch in Sicht war. Es schien ihm unmöglich, einen Geschäftsmann wie John begeistern zu können, wenn ein so langer Versuch noch immer nichts Fassbares hervorgebracht hatte. John jedoch wollte genauesten wissen, wie weit die Forschungen gediehen wären, stellte Fragen, und es baute sich im Gespräch zwischen den beiden Männern eine Art Vision eines Modells auf, das hauptsächlich gespeist war aus der Begeisterung der beiden, die sich nach so langer Zeit wieder begegnet waren. Das Essen war längst abgeräumt, da saßen die beiden noch immer zusammen. Inzwischen hatten sich weitere Zuhörer der Unterhaltung angeschlossen. John fing wirklich Feuer für die Idee der neuen Energiequelle. Als John schließlich erfuhr, dass Paul sogar in der Nähe von Seattle lebte, fragte er vorwurfsvoll: „Warum hast du dich nie gemeldet?

Wir wohnen fast in derselben Stadt! Ich werde dich besuchen, mein alter Pokerpartner Paul, und ich werde mich an deinem Projekt beteiligen und hoffe, Jane wird dann auch da sein! Richte ihr meine herzlichsten Grüße aus.“ „John, erwarte nur nicht zu viel. Wir stehen noch immer ganz am Anfang.“ „Wir - wer ist noch beteiligt?“ „Finanziell niemand, aber Jane unterstützt mich in der Forschung.“ Das klang irgendwie seltsam und Paul wurde bewußt, wie ungewöhnlich es für John klingen musste, dass keine privaten Geldgeber dabei waren und eine Freundin an seinem Projekt mitarbeitete. John lächelte: „Ah - du warst damals schon verliebt in Jane, stimmt´s?“ „Ja, ich hatte nur keine Chance. Aber wie man sieht - auch Beharrung führt zum Ziel.“ „Paul, du bist ein echter Glückspilz! - Die geheimnisvolle Jane, in die fast jeder verliebt war. Ich habe sie als rätselvoll und undurchschaubar erlebt.“ „Undurchschaubar, ja, das war sie und sie ist es immer noch.“ „War sie nicht mal eine Zeit mit Professor Noam Chomsky befreundet? Ich habe so was gehört.“ „Das hat mich damals erstaunt und auch - irritiert.“ „Ich bin so froh, Paul, dass wir uns getroffen haben. Hier ist dein Jeton - ein Hunderter - spielst du noch manchmal?“ „Eigentlich nicht, keine Zeit mehr, leider und du?“ „Noch seltener, noch weniger Zeit, aber der Tisch im Keller, übrigens noch derselbe wie damals, steht immer bereit.“ „Na, dann sollten wir mal ein paar alte Freunde zusammentrommeln, um einige Runden zu spielen.“ Sie umarmten sich herzlich. John zog mit dem Pulk, der fast immer um ihn war, in Richtung Hotel davon.

Paul war nach dieser Begegnung wie beflügelt. Zu sprechen mit einem der einflussreichsten Männer der Gegenwart, der jederzeit Zugang zu Regierungen, Wirtschaftsvorständen und mächtigen Weltorganisationen hatte, wem gelang das? Sein bloßer Name weckte Vertrauen und öffnete die Türen. Klar war auch, dass, wer solchen Einfluss hatte, wie John, auch von Neidern und Feinden umgeben war. Paul verbrachte den Rest des Abends mit Alain und sie sprachen über Johns Vortrag, und die neuen Technologien, denen eben der Hebel gebaut wurde, um damit die Welt aus den alten Angeln zu heben.

Mephisto spricht:

„Mein Freund, wenn je der Teufel dein begehrt,

begehrt er dein auf eine andre Weise:

dein Fleisch und Blut ist wohl schon etwas wert,

Allein die Seel ist unsre rechte Speise.7

Eine Generation später: Corona ist in deutschland® angekommen

Es war Sonntag, der 15. März 2020. Dieser Tag würde für viele unvergesslich in Erinnerung bleiben. Es wurde eine außerordentliche Konferenz einberufen. Seit über vier Jahren war Hannah jetzt schon an dieser Schule tätig, vier lange und meist auch langweilige Jahre, die für sie nur deshalb halbwegs erträglich gewesen waren, weil sie verstärkte Aktivitäten im erweiterten Freizeitbereich entwickelt hatte. Ausgerechnet am Sonntag morgen rief der Direktor bei ihr zuhause an, um zur Konferenz einzuladen. Sie hatte tief geschlafen und befürchtete im ersten Moment einen Alptraum, als sie verstanden hatte, was da an ihr halbwaches Ohr gedrungen war. Doch die bekannte Stimme, schnarrend und konturlos, ließ keinen Zweifel an der Echtheit zu, und was er sprach, unterstrich diesen Eindruck noch. Er beorderte tatsächlich alle Kollegen für 15 Uhr in die Schule, mit „open end“ -, wie er zweimal betonte. Der März war wettermäßig bisher eine einzige Katastrophe gewesen, nass und kalt. Der späte Winter zeigte seine vermoderten Krallen und schickte frei Haus wieder und wieder Regen, Schnee und Nachtfröste mit minus fünf Grad. - Also nichts mit Ausschlafen und anschließendem Kinobesuch. Was waren das nur für Zeiten? Sonntags in die Schule! Mit einem resignierten Knurren stieß sie ihre Daunendecke zur Seite und tapste barfuß in die Küche. Sie spürte ihre heißen Füße auf den kalten Fliesen. Ein Glas kaltes Wasser, das war das Erste, was sie jetzt brauchte.

Espresso! Heiß und bitter – Dusche! Heiß und kalt im Wechsel. Die Reihenfolge hatte sich bewährt und sie versetzte Hannah an diesem trostlos erscheinenden Sonntagmorgen in die Lage, dem Leben, das sich als Konferenz verkleidet hatte, die Stirn zu bieten - eventuell war sogar danach noch ein „in den Spiegel sehen“ möglich. Anziehen ging erst in völliger Wachheit. Kleidung war sehr wichtig und sie war für sie ein Teil ihres Wesens. Da ging sie keinerlei Kompromisse ein. Sehr viel Mühe und Geld hatte sie darauf verwendet, den ihr gemäßen Stil zu kreieren und aus den Fetzen, die man heut bekam, etwas halbwegs Schönes zusammenzustellen.

Viele Lehrerkolleginnen zogen sich an wie Bürofachangestellte eines Frauenklosters, neutral, freudlos, farblos, langweilig. Nur nicht auffallen, war das Programm. Es kroch aus jeder Falte heraus und nicht nur aus denen der Kleidung, um im nächsten Moment in einer weiteren Vertiefung wieder unauffällig zu verschwinden. Hannah aber schaffte es fast jedes mal, einen echten Auftritt hinzulegen, der von den Kollegen mit Interesse und meist auch mit deutlich mehr begleitet wurde - von ihren Kolleginnen allerdings oft nur abschätzige Blicke erntete. Hannah nahm beides mit Genugtuung zur Kenntnis.

Endlich tat der Espresso seine Wirkung und nach der Dusche waren ihre Lebensgeister geweckt und halbwegs willig, um diesem maroden Sonntag trotzig ins Gesicht sehen zu können. Sie näherte sich dem Spiegel - blieb jedoch vorher stehen, drehte ab und öffnete das Fenster - kalte Nordluft drang herein und nahm ihr fast den Atem - ließen denn die Stürme in diesem Kühlschrank, der sich Frühjahr nannte, nie nach? Mit einem lauten Knall schloss sie das Fenster. Im Bett knurrte es - Theo war wohl aus seinen Träumen aufgeschreckt worden. Er zog sich in einen anderen Teil des Bettes zurück und brummte wie ein Bär im Winterschlaf. (Wer hat je Bären im Winterschlaf brummen gehört?) Sie setzte sich aufs Bett und streichelte seinen Hals. Sein Arm schlang sich für einen winterschlafenden Bären mit erstaunlicher Behändigkeit um ihre Hüfte, und versuchte sie in die Horizontale zu ziehen. „Theo, ich muss zur Schule.“ Sie versuchte mit weicher Stimme zu säuseln, was einen ziemlich deutlichen Missklang zwischen Stimmlage und Aussage hervorbrachte. Theos Kopf mit völlig verwuschelten Haaren schnellte hoch: „Was!?“ krächzte er mit Panik in der Stimme: „Is o Sonnta!“ Er war echt süß, solang sein Verstand noch ausgeschaltet war.

Hannah zog das Bedauern über einen zerstörten Sonntag wie eine saure Wolke durch den Magen. Sie zog ihm aber, statt sich wieder zu ihm zu legen, die Decke mit einem jähen Ruck weg und ging, verfolgt von maulendem Protest in Richtung Küche: „Ich mach´ dir einen Espresso.“ „Dobbeldn“ drang sein Krächzen in die Küche hinterher.

Später saßen sie am kleinen runden Tisch und er aß Croissants, die sie aufgetaut hatte. Eigentlich hätten sie zum Brunch in die Stadt gehen wollen, aber auch diese Aussicht verflog, zusammen mit noch so manch anderer schöner Vorstellung. Er tat ihr etwas leid - naja, ein klein wenig - vor allem tat sie sich selbst leid. Den Ausklang des Wochenendes hatte sie sich anders gedacht. Alles dahin! Sie musste sich fertig machen! - Die Zeiger drangen unerbittlich gegen zwei Uhr vor.

Im Hinterkopf war Hannah während des Frühstücks damit beschäftigt gewesen, was denn die passende Kleidung für solch einen unpassenden Anlass sein könnte. Der Grund für die außerordentliche Konferenz war klar, allerdings wusste noch niemand, was wirklich bevorstand - Corona-Maßnahmen hatte der Direktor am Telefon orakelt. Schon seit Wochen tauchte das Thema immer wieder in den Medien auf, in Gesprächen, in Aushängen im Lehrerzimmer und dennoch hatte Hannah noch keinen Menschen getroffen, der jemanden kannte, der Corona gehabt hätte - sicherlich, sie hatte die Bilder aus Norditalien gesehen. Das Land hinter den Alpen war plötzlich erschreckend nahe gerückt und dort waren bereits Ausgangssperren verhängt worden - Italiener und Ausgangssperren? Wie passte das alles zusammen?

Sie entschied in Gedanken, während Theo seine Vermutungen zu den Ursachen der Krise ausführte, die einen so drastischen Eingriff, wie einen Lockdown rechtfertigen könnten, dass sie das enganliegende grüne Oberteil mit dem Jeansrock und den Schnallenstiefelchen heute probieren würde: „Ich hab gehört, dass sie in manchen Gebieten im Elsass sogar schon den Katastrophenalarm ausgerufen haben und es ist klar, dass diese Infektionskette auch zu uns rüber schwappen wird, bei den offenen Grenzen.“

Die Jacke mit den glänzenden Nieten in weichem Leder könnte gut dazu passen, ging es ihr durch den Kopf. „Ja und? Was interessiert uns das hier in Berlin?“ warf Hannah ein. „35 000 Franzosen pro Woche sind hier in Berlin, mit Flugzeug, Auto und Zug. Die kommen und gehen hier ein und aus, EU-Sachbearbeiter, Airbus-, PSI-Mitarbeiter - und, und, und….“ 14.32 Uhr! „Theo, ich muss mich beeilen!“ „Ok,“ seufzte der, „ich hab verstanden, ich nehme den Bus - umweltfreundlich und klimaneutral.“ „Das wäre so lieb von dir, ich komm sonst echt zu spät.“ Der S-Bahn-Anschluss war zu Fuß gerade noch so erreichbar und die Busverbindungen am Sonntag dünn gesät. „Sei so lieb, ich schaff den Umweg nicht mehr - du hast was gut bei mir.“ hängte sie mit einem Augenaufschlag an. Sie lächelte ihm bei Aufstehen zu. Er versuchte, sie mit der Hand zu greifen, doch sie wich blitzschnell aus, sodass er ins Leere griff und nur ihren Morgenmantel zu fassen bekam, den sie dabei gleich abstreifte. „Die Lady macht an und aus - und das mal wieder gleichzeitig“, murmelte er, während sie schon, vor dem Kleiderschrank stehend, geschickt ihre Auswahl herausfischte. - Wo er recht hatte, hatte er recht, - ging es ihr durch den Kopf, während sie das enge Top überstreifte und mit kritischem Blick ihre Figur darin begutachtete. Nicht übel, dachte sie und zwinkerte Theo zu, der sie anschaute. „Und was krieg ich für diese Tortur?“ „Zieh einfach hinter dir die Tür zu.“ Ihr Augenaufschlag wirkte mal wieder Wunder bei ihm. „Große Überraschung!“ hauchte sie - seine Augen wurden einen Moment wie bei einem Kind, rund und groß und mit einem flüchtigen Kuss entschwand sie nebst ihrer Lehrertasche.

Um 15.04 Uhr bog sie auf den fast vollen Schulparkplatz ein – natürlich! Schon alles versammelt?!

Der Biologie-Kollege stieg gerade aus seinem Fahrzeug. Schwungvoll zog sie mit ihrem Mini-Cooper in die Lücke neben ihm. Autofahren konnte sie und einparken auch! Hin und wieder ein paar kleine Kratzer aber im Vergleich…. Der Kollege Samsonitos wartete freundlicherweise, bis sie ausgestiegen war. Auf dem Weg zum Konferenzraum tauschten sie Infos aus: „Das Virus ist hochinfektiös, verursacht Lungenversagen, also Erstickungstod, und vor allem, trifft es die Raucher und die Asthmatiker. Die haben praktisch keine Chance“, so schallte seine Stimme durch die leeren Flure. - Wenigstens stand sie als Nichtraucherin nicht gleich in der ersten Reihe! Ein kurzer Blick auf ihre Kleidung und die Uhr: 15.08 Uhr! –

Er öffnete die Tür und ging netterweise voraus. Alle saßen und lauschten der schnoddrigen Stimme des Direktors, der kurz unterbrach und mit demonstrativ, gewichtigem Blick seine Uhr streifte: „Dann wären wir ja wohl vollzählig - ich setze fort. Die Frage ist also nicht, ob wir schließen müssen, sondern, wie wir es schaffen, die Abiturklassen in der Vorbereitung auf Kurs zu halten und die anderen, insbesondere die 10. und 11. einigermaßen mit dem nötigen Stoff zu versorgen. Es wird darauf hinauslaufen, dass wir alle, jede und jeder Einzelne in seinem Fach ein Konzept erarbeiten, wie sich der Unterricht von zuhause aus organisieren lässt. Da ist unsere Kreativität aufgerufen, liebe Kolleg*Innen!“ Sie hasste diese neuerliche Sprachverstümmelung. Um ja niemandem auf die Füße zu treten, wurden alle in einem Kübel von seltsamen Sprachkonstruktionen ertränkt. „Morgen werden nochmals alle Schüler*Innen kommen. Es ist unsere vordringliche Aufgabe, heute in dieser Konferenz festzulegen, wie wir morgen vorgehen. Besorgen Sie sich die Kontaktdaten ihrer Schüler*Innen, E-Mail-Adressen, Handynummern und Skype-Zugänge. Wir stellen für jede Klasse von Schulseite aus einen Account über unseren Provider zur Verfügung. Das braucht noch ein paar Tage, bis unsere IT-Spezialisten das fertig haben. Dann können wir den Zugang freigeben. Es gibt ja bereits Onlineportale, die auch von einzelnen Kolleg*Innen genutzt werden. Ausgesprochen löblich! Alle Nachzügler*Innen werden das ab sofort umsetzen müssen - Kopien hin- und herzuschicken per Post ist zu teuer und zu langsam.“ –

In Hannahs Kopf lief parallel ein anderer Film ab, ohne dass sie das Geringste dazu beitragen musste. Sie sah sich und die Schüler mit endlosen Kabeln und Drähten verbunden, hörte alle gleichzeitig und durcheinander reden und auf Tastaturen eintippen. So nahe kamen ihr die Gesichter und die Hintergrundgeräusche aus den Wohnungen, dass sie sich schütteln musste. - „Keiner weiß heute schon, wie lange das alles dauern wird…..“ - drang die Stimme des Direktors wieder zu ihr vor - „stellen sie sich auf Wochen, vielleicht Monate, im schlimmsten Fall Jahre ein.“

Unruhe und Stöhnen unter den Kollegen breitete sich aus. Die Schockstarre wich zum ersten Mal einer normalen Reaktion. „Aber wir können doch nicht….! Die Französisch-Lehrerin wurde sofort unterbrochen. „Es gibt noch keinerlei Erfahrungen in dieser Art und es ist müßig, darüber zu philosophieren. Das Leben und die Gesundheit von uns allen gehen vor. Die demokratische Ordnung wäre ernsthaft in Gefahr, wenn diese Pandemie uns voll treffen würde und große Teile der Bevölkerung sterben müssten. Wir haben die Bilder aus Italien und Frankreich gesehen - die Menschen ersticken jämmerlich zu Hunderten.“ Unfassbar! Hannah rammte sich ihre beachtlichen Fingernägel in die Handballen. Träumte sie?

Eine wirkliche Diskussion kam nicht mehr auf. Irgendwie saß der Schock zu tief, und der Direktor sprach, als stünde er unter Starkstrom. Waren sie im Ausnahmezustand - in einem Krieg? Es fühlte sich so an. Die Reaktionen hatten etwas von der Unüberlegtheit und der Panik, die sie aus Kriegsfilmen kannte - oder waren es umgekehrt die Bilder in ihrem Kopf, die diese Kriegsstimmungen in ihr erzeugten? Schlagwörter drangen an ihr Ohr. „Wir müssen Stand halten - Verbindungsadressen verlangen - etwaige Risikogruppen schützen - Panik in jedem Fall vermeiden!“ – Es klang wie aus dem Poesiealbum von Verschwörungstheoretiker*Innen.

Hannah dämmerte allmählich, was auch den meisten anderen Kollegen erst gegen Schluss der Konferenz aufging, nämlich, dass sie nicht träumten, und dass das eine Art von Wirklichkeit sein musste, die sie alle noch nicht kannten und auf die sie deshalb sehr verschieden reagierten. Einige mit äußerer Ruhe, andere reagierten mit Humor oder auch mit Sarkasmus. Hannah wurde leicht übel.

Später zuhause angekommen und mit einem Berg von völlig unklaren Aufgaben, die sie bis zum nächsten Tag zu erledigen hatte, gab die Übelkeit einer gewissen ängstlichen Erwartung nach, die sich über die Zeit legte. Würden jetzt viele schwer erkranken? Vielleicht würden Menschen sterben? - Ihre Eltern fielen ihr ein. Sie musste sie dringend anrufen und fragen, wie es ihnen ginge. Geschäfte, Banken, Restaurants würden schließen, Cafes, Kinos, Konzerte - alles würde gestoppt werden, wie wenn eine riesige Drehorgel angehalten würde – einfach abgestellt, auf unbestimmte Zeit.

Wie sollte das Leben weitergehen? Keine Kontakte mehr zu Freunden oder Verwandten waren erlaubt, außer, sie lebten in einem Haushalt zusammen. Den ganzen Tag zuhause zu bleiben, unfreiwillig und mit ihren Schülern übers Internet zu büffeln - eine grauenhafte Vorstellung für Hannah!

Sie rief ihre Eltern an: „Hallo Hannah, meine Liebe, hattest du einen schönen Sonntag? Vati muss die Firma schließen und 80 Prozent der Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken.“ „Ach Mama, bei uns in der Schule ist es noch viel schlimmer. Ich bin jetzt schon verzweifelt. Wo soll ich nur anpacken? Ich müsste heute noch Aufgaben zusammenstellen, die ich morgen, am letzten Schultag austeilen muss. Fast tun mir die Schüler leid. Denen fällt doch die Decke auf den Kopf, wenn die nicht mehr raus dürfen. Was ist nur los? Kann ich kurz Vati sprechen?“ „Ausgeschlossen, Liebes, im Moment geht es nicht. Der hat schon Blasen an den Fingern vom Telefonieren. Außerdem schreit er, dass ich bis hier unten jedes Wort verstehen kann. Ich sag ihm, dass er dich zurückrufen soll.“ Sie beendeten das Telefonat rasch - ein verworrener Knäuel von Gedanken an beiden Enden der Leitung war einfach zu viel und es fühlte sich an, als würde sich die Knäuel gerade vertausendfachen.

Drei Stunden später knipste Hannah ihr Licht aus. Es war nach elf Uhr - ihr Vater hatte sich nicht gemeldet - mit einem tiefen Seufzer über die Unsicherheiten, die sie am nächsten Morgen erwarten würden, fiel sie augenblicklich in Schlaf.

Am nächsten Morgen stand sie um drei vor acht pünktlich vor der Klasse. Sie lauschte an der Tür - nichts war zu hören. Waren ihre Schüler schon heute aus Vorsicht zuhause geblieben? In Hannah stieg der Verdacht auf, dass ihre 11. erst gar nicht erschienen war. Derartige Absprachen waren heute mit den Smartphones kein Problem mehr. Sie öffnete vorsichtig die Tür - alle saßen auf ihren Plätzen! – Sie straffte sich, setzte vorsichtshalber ihr 11.Klass-Langeweile-Gesicht auf und betrat forsch den Raum. Sie konnte nicht fassen, was sie in den Augenwinkeln wahrnahm. Die Handys vor sich, schienen die zu Stummfischen mutierten Schüler, um die Wette zu schreiben, tippten, als seien sie zuhause oder im Bus allein: „Alle Handys aus und verschwinden lassen! Wie üblich bis drei.“ Sie hatte noch nicht mit dem Zählen begonnen, da waren bereits die meisten Geräte auf dem Weg in die Versenkung. „Guten Morgen! - Wie ich sehe, haben Sie mitbekommen, was ab heute eintreten wird. Sämtliche Schulen in deutschland®, alle Kindergärten, Kitas und Unis werden geschlossen.“ Während sie sprach, hörte sie sich diese Sätze sagen, die ihr seltsam fremd und übertrieben klangen. Zugleich wurde ihr die Ungeheuerlichkeit ihrer Aussage klar. Sie sah in den Augen der Schülerinnen und Schüler nackte Angst. Bei einigen bemerkte sie auch Zweifel und bei manchen eine Art von wollüstiger Genugtuung, ja, von vorwitziger Freude über das, was gerade passierte. Wenige zeigten einfach Erstaunen oder hatten fragende Gesichter.

„Es ist durch dieses Virus geboten, von dem wir sicher wissen, dass es in China ausgebrochen und inzwischen fast um die gesamte Welt gewandert ist, dass wir uns schützen, soweit das im Moment möglich ist durch Kontaktvermeidung und Hygienemaßnahmen, wie Händewaschen. Dass wir die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich halten, ist das Ziel dabei. Niemand weiß bisher, wie gefährlich das Virus wirklich ist und wie der Krankheitsverlauf sein wird. Ebenso ist unbekannt, wie lange die Maßnahmen nötig sein werden.“

Die ersten Finger schnellten in die Höhe. Hannah merkte, wie all ihre Aussagen auf denen vom Direktor und den Nachrichten im Autoradio beruhten und sie wahrscheinlich weniger über das Thema wusste, als die vor ihr sitzenden Schüler. „Wie und wann schreiben wir die noch ausstehenden Arbeiten?“ „Bekommen wir Aufgaben zugeschickt?“ Klaus, der Klassenclown grinste: „Machen Sie auch Hausbesuche?“ Gelächter und bewunderndes Gefeixe, vorwiegend von den Jungs, folgte. „Ist ja ein hoffnungsvoll stimmendes Symptom, dass der Humor bei Klaus noch zu funktionieren scheint. - In der zweiten Frage steckt die nächste wichtige Information schon drin - wie lautet nochmal die zweite Frage, Klaus?“ Er hatte keine Ahnung und druckste herum. Nun kam das Kichern von den Mädchen. „Ich habe für jeden von ihnen fünf Blätter zusammengestellt. Wir bekommen in den nächsten Tagen einen Internet-Zugang. Jeder kann sich mit einem eigenen Passwort einloggen. Bitte tragen Sie jetzt leserlich und ohne Fehler ihre E-Mail-Adresse in diese Liste ein. Zwei Blätter zum Übersetzen aus dem Englischen ins Deutsche, zwei Blätter in der anderen Richtung und ein Blatt mit Grammatikaufgaben bekommen Sie. Wenn Sie fertig sind, bitte einscannen oder fotografieren. Wir arbeiten voraussichtlich mit dem Programm Google-Classroom. Sind noch Fragen?“

„Ich habe keine Ahnung, wie so ein Zettel in den PC kommen kann!“ „Ich habe kein Tablett!“ „Wir haben nur ganz langsames Internet.“ Dieter meldete sich: „Sie sind nun schon die Dritte, die uns zig Blätter auf den Tisch knallt. Wenn das so weiter geht, können wir in einer Woche ein ganzes Buch veröffentlichen. Ich werde es Corona-Blüten taufen. Was soll das Ganze überhaupt? Ich habe gehört, dass das alles gesteuert ist, von mächtigen Geldfritzen, die an unsere Daten ran wollen.“ „Blödsinn, du Nacktschnecke, der Virus ist brutal gefährlich, der mäht uns nieder, wenn wir nicht aufpassen!“ „Das Virus!“ „Was?“ „Es ist sächlich, nicht männlich, kapiert! Du Keinohrhase!“ Hannah wollte Rudi zurechtweisen, da flogen schon die ersten Lineale und Radiergummis. Gejohle und Gekreische. Ein Lineal flog Nadja direkt zwischen die Augen, sofort begann sie zu bluten. Ihre Nachbarin schrie auf. Nadja stand blitzschnell vor Rudi und schlug ihm das Lineal mit voller Wucht auf die Schulter. Es brach in Stücke. „Schluss jetzt!“ Hannahs Stimme wurde durchdringend: „Seid ihr verrückt geworden?!“ Hannah setzte ihr Gesicht „Noch-ein-Pieps-und-es-gibt-Freizeitbeschäftigung“ auf. Da fiel ihr die ganze Situation schlagartig wie ein Stein vor die Füße. Es gibt kein Nachsitzen mehr! Es ist nicht mehr möglich, meldete ihr innerer Seismograph. Sie ging zu Nadja, und schaute sich die Verletzung an. „Gehen Sie beide mal ins Büro, um Nadja verarzten zu lassen.“ Die Klasse war durch diese Eskalation wieder still geworden. Hannah hob das Stück Lineal auf und klatschte es im Vorbeigehen auf Rudis Tisch: „Hätte genauso gut ins Auge gehen können.“ „Hey, hey, das hat drei Euro gekostet - die blöde Kuh!“ Rudi zog das Kinn nach vorne, als sie sich zur Klasse umdrehte: „Wenn Sie jetzt schon durchdrehen, wie soll denn das erst werden, wenn diese Maßnahmen Monate dauern sollten? Sie werden stundenlang zuhause hocken und Aufgaben zu lösen haben, die viele von ihnen alleine gar nicht lösen können.“ „Och, damit komme ich klar. Von mir aus können wir das als Dauerlösung einführen – zuhause und freies Zeitmanagement, Musik hören und kein Lehrerstress.“ „Ich bin sowieso ein Nachtmensch und arbeite am liebsten am Abend und in der Nacht.“ Rainer, ein Schüler, der fast nie am Unterricht mündlich teilnahm, tat seine Meinung kund, ohne jede Provokation, sondern einfach als nüchterne Feststellung. Die Schüler echoten zum angeschlagenen Thema mit ihren persönlichen Vorlieben und den besten Lernmethoden und sie klangen dabei schon sehr erwachsen. Hannah musste an ihre eigene Schulzeit denken - sie war für manche Lehrer damals ein Tuch in der Farbe knallrot gewesen.

Viele in der Klasse waren um 17 Jahre alt und hatten mit der Führerscheinprüfung begonnen, die in den nächsten Wochen und Monaten hätte stattfinden sollen. Hannah war nicht klar, ob auch das alles wegfallen würde, schwieg aber, um nicht noch mehr Chaos zu verbreiten. Nadja kam verarztet zurück: „Wenn da ne Narbe zurückbleibt, zahlst du bis an dein Lebensende, außerdem bring ich dich persönlich kurz vorher um.“ „Heirate mich, und du hast beide Probleme perfekt gelöst.“ „Könnte dir so passen - eher nehm ich nen Mohammedaner, du Knacki!“ Abdull, Jenina, Scharis und Ygis protestierten energisch, wie üblich mit wenig Erfolg: „Nadja, Sie entschuldigen sich jetzt sofort bei ihren Mitschülern.“ „Ja, ja, war nicht so gemeint - tut mir leid.“ Nie hatte Hannah von Nadja eine Beleidigung gegen die fünf Muslime in der Klasse gehört und auch sonst war die Klasse eher gemäßigt im Umgang mit Andersgläubigen. „Ich will, dass Sie sich untereinander anrufen, wenn irgendetwas nicht klar ist. Einmal am Tag machen wir Telefonsprechstunde. Unsere Zeit wird in Absprache mit Herrn Sommer in die zweite Nachmittagsstunde fallen. Soviel zu ihren Lieblingsarbeitszeiten.“ Ihr fiel irgendwie kein passendes Schlusswort ein für diese Situation: „Ich finde das alles auch ziemlich blöde und hoffe, dass wir alle gesund bleiben.“ Das hatte gestern der Nachrichtensprecher als Verabschiedung angehängt. Jetzt bekam es viel zu viel Gewicht, wenn sie es den Schülern als letzte Botschaft mitgab. „Vor allem, lassen Sie sich nicht unterkriegen und verlieren Sie nicht ihren Humor!“ Auf dem Weg ins Lehrerzimmer sah sie fünf ihrer männlichen Schüler beisammen stehen. Sie kam näher und hörte einige Worte, bevor sie bemerkten, dass „Paukerin“ im Anflug war: Party bei mir im Keller - Stoff besorgen - geil! - Keine Schule mehr! Sie ging, ohne zu intervenieren, weiter in Richtung Lehrerzimmer.

Wie sollte das mit dem Lernen funktionieren? Schüler einfach nach Hause zu schicken und sie mehr oder weniger sich selbst zu überlassen und ihren Eltern, mit denen ohnehin die Spannungen oft schon im Grenzbereich lagen, das kam Hannah sehr planlos vor. Der Direktor kam ihr entgegen: „Hannah, wie ging´s bei ihnen?“ Sie hatte nicht vor, sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen, wollte ihm aber auch keine direkte Abfuhr erteilen. Einen Augenblick blieb sie stehen und zeigte resigniert auf die Liste mit den E-Mail-Adressen der Schüler: „Digital am Bildschirm lernen - da wird wenig rüber kommen.“ Er widersprach sofort: es gäbe gute Hilfstools für Lehrer mit wenig PC-Kenntnissen, sogar sehr gute, die an zwei bis drei Mittagen Einarbeitung schon ausreichende Kenntnisse vermittelten. Hannah gab nicht nach: „Ich finde, Schüler nach Hause zu schicken, ist völlig am Leben vorbei gehandelt. Seit Jahrhunderten wurde Schule als etwas Wesentliches für die Kinder mit viel Kraft und gegen Widerstände erstritten und jetzt soll ein Virus in einem Moment alles auf Null stellen dürfen? Die Schüler sitzen ohnehin schon vier bis fünf Stunden am Tag an den Medien und wer meint, dass das jetzt eingeschränkt würde, weil die Schule fordert, den Unterricht vor dem Bildschirm zu machen, der kennt die Schüler nicht. Den Geschichtsunterricht mit Maschinenformaten zu machen, wo soll das hinführen? Das sind Jugendliche, die Ansprache brauchen, einen Menschen, der sie herauspickt, sie pisakt, bis sie merken, dass sie gemeint sind. Wer schaut denn jetzt auf die Schwachen? Es werden die, die ohnehin gut sind, noch besser werden und die anderen fallen durch. Wo ist da irgendein Plan zu erkennen?“

Sie hatte sich doch wieder hinreißen lassen und hatte ihm ihre Ansichten präsentiert. Das musste diese ungewöhnliche Lage sein! „Hannah, das Virus ist brandgefährlich!“ Er kam bedenklich näher, sprach mit gedämpfter Stimme. „Das greift um sich und mäht die Menschen nieder. Ersticken ist kein schöner Tod, Hannah, das wollen auch Sie nicht. Wir können nicht so tun, als wären wir immer noch in Adams Garten und der Herr würde es schon richten. Sie können von Glück sagen, dass kein anderer Kollege mitgehört hat. Wir haben klare Anweisungen und können null Abweichung erlauben! Was glauben Sie, was los wäre, wenn auch nur ein Fall bei uns aufträte? Dann hätten wir die Pest am Hals. Wochenlange Quarantäne für die gesamte Schule! Das kann keiner wollen.“ Hannah war sprachlos. Hatte der Direktor gerade versucht, sie vor Denunzianten zu warnen, weil sie ihre Meinung offen ausgesprochen hatte? Am liebsten hätte er sie wohl in Schutzhaft genommen. Er schaute sie verschwörerisch an: „Ich behalte das für mich, selbstverständlich, schweige, wie ein Grab.“ Sie konnte Komplizenhaftigkeit auf den Tod nicht ausstehen und in Verbindung mit diesen Maßnahmen, die eine Zumutung waren, schon gar nicht. Sie drehte sich abrupt um und warf ihm im Abgang einen vernichtenden Blick zu. (Der Satz, der ihr auf der Zunge lag und nur einen Hauch von seiner Geburt entfernt, unausgesprochen wieder ins Jenseits hinab befördert wurde, kann wegen akuter Infektionsgefahr hier nicht wiedergegeben werden.)

Sie war auf dem Weg zum Parkplatz als ihr Vater anrief: „Na, mein Goldstück - Schule geschafft? Mutter meint, du brauchst Hilfe.“ So nett ihr Vater sein konnte, für ihn war seine kleine Hannah wohl noch immer dem Leben nicht gewachsen. Der Beschützerinstinkt! Immer, wenn sie ihn brauchte, war er da, steckte ihr Geld zu, das sie bei ihrem Lehrergehalt und ihrem Hunger nach schönen Umhüllungen, dankend annahm, manchmal zwar unter zögerlichem Protest, manchmal aber auch einfach nur froh darüber, wenn sie etwas gesehen hatte, was ihr gut stehen würde. Sie erzählte von der neuen Art, das Schulleben abzuschaffen und er lachte, als sie das Gespräch mit dem Direktor und seinen zweifelhaften Umgarnungsversuchen mit antiquierten Methoden erwähnte: „Männer sind eben einfach gestrickt: ein Ziel und zahlreiche Fehlversuche. Wenn´s dabei bleibt, kannst du zufrieden sein.“

Sie wusste, dass ihr Vater alles tun würde, damit es ihr gut ging und seine humoristischen Warnungen nahm sie gelassen hin, meistens jedenfalls. „Ich muss den Unterricht von zuhause aus geben - eine Katastrophe, wenn du mich fragst. Ich und Mister Google sind noch nie so richtig warm geworden miteinander. Ich habe keine Ahnung, wie ich das angehen soll und morgen wird schon die erste Lektion erwartet.“ „Mit welchem Programm arbeitet ihr?“ „Mit Google-Classroom. Ich brauch dazu eine File Hosting, Doc Sheets, Slides und Forms und ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten und was man damit machen kann.“ „Verstehe, du brauchst jemanden, der sich damit auskennt. Ich habe viele Mitarbeiter, die das sicher könnten und die seit Tagen im Home-Office schmoren. Wenn du willst, höre ich mich mal um, wer bereit wäre, das mit dir durchzugehen. Zeit haben wir genug, denn die Aufträge brechen massiv weg im Moment.“

Damit legte er auf. Ihre Eltern betrachteten Telefonate als Gespräche zweiter Klasse, die keinen wirklichen Austausch ermöglichten. Es war so eine Art halb-öffentlicher Unterhaltung und wenn Hannah die fehlende Intimität anmahnte, meinten sie nur: In Zeiten der Buschtrommel gab es auch kein Gesülze. Während des Gespräches war die Sonne hervorgebrochen. Hannah stand schon einige Zeit bei ihrem Mini-Cooper und hatte, während sie telefonierte, nebenbei das Dach aufgerollt. Wochenlang war es kalt und windig gewesen, doch mit Beginn des Lockdowns zeigte sich mehr und mehr die Sonne. Das Kontrastprogramm! Hannah nahm es dankbar an und genoss anschließend die erste Fahrt mit dem offenen Verdeck in diesem Jahr.

Der April entwickelte sich zum verlässlichen Sonnenmonat. Er schien die Eingesperrten, die Zwangsbeurlaubten und Abgeschirmten mit seinem Leuchten trösten zu wollen. Dabei spottete er sogar seinem Namen als launenhafter Geselle. Mit der Krise durch das Corona-Virus verteilte die wahre Corona, die Sonne ihr Dauerlächeln und es schien fast so, als wollte sie damit überstrahlen, was sich als Wolke über die Welt auszubreiten begonnen hatte. Sie zwinkerte den Menschen zu, so schien es, als wollte sie sagen: lächeln – atmen - schreiten.

Hannah liebte inzwischen die Ruhe ihrer kleinen Wohnung am Rand von Bernau, nord-östlich von Berlin in Richtung Eberswalde. Anfangs kam es ihr spießig vor, als ihr Vater zu ihrem 21. Geburtstag mit der notariell beglaubigten Urkunde wedelte. Angeblich hatten ihre Eltern sie zum Essen einladen wollen. Ihre Mutter hasste die Treppen in den fünften Stock und war nur ein einziges Mal in die große WG-Wohnung mit hinauf gekommen, nicht ohne eindeutige und zahlreiche Missfallenskundgebungen in ungefiltertem Berlinerisch zu verteilen. Sie hatte damals im Auto gewartet, während ihr Vater hinaufgeächzt war, um sie abzuholen. „Das hält fit -“, hatte er schnaufend ausgestoßen. Hannah war im zweiten Jahr ihres Pädagogikstudiums gewesen - Englisch und Geschichte. Sie waren dann zu dritt von Berlin in Richtung Osten gefahren. Auf der B 2 war ihr Vater bei Bernau, einer eigenständischen Gemeinde im Schatten Berlins abgebogen. Die Stadt war nicht groß aber mit intakter Altstadt und einer inzwischen restaurierten Stadtmauer, östlich vom Stadtkern.

Die Straßen, auf denen sie gefahren waren, wurden immer kleiner und die Umgebung ruhiger. Schließlich hatte er in der kleinen Straße einer Neubausiedlung geparkt und aus dem Kofferraum ihre Lieblingstorte und Blumen geangelt. Ihre Mutter war stolz vorausgezogen, während ihr Vater, wie ein Butler, die Dinge hinter ihr hergetragen hatte. „Na, nu wachs nicht fest - immer mir nach!“ hatte ihre Mutter befohlen. Sie waren auf ein Haus mit vier Wohneinheiten zugegangen. „Rechts oben klingeln!“ hatte sie ihre Mutter mit glänzenden Augen angefahren und der Vater hatte dazwischen eingeworfen: „Kannst aber och aufschließen“. Er hatte ihr einen Schlüsselbund zugeworfen und Hannahs ungläubiges Staunen genossen. Auf dem Postschlitz stand bereits ihr Name: Hannah Bergenwang. Sie hatte aufgeschlossen und es noch immer nicht fassen können. Sie waren in den Aufzug eingestiegen, auf den ihre Mutter mit energischen Schritten zugesteuert war: „Allet rin in die gute Kiste. Heinz klingle doch oben schon mal!“ Das Treppenhaus war hell und mit weißen Marmorplatten gefliest. Es hatte alles fremd auf Hannah gewirkt.

Die Mutter hatte ihre Putzfrau in die Wohnung beordert, um sauber machen zu lassen und die kleine Feier vorzubereiten. Frau Santi, Hannah kannte die tüchtige Italienerin seit sie denken konnte, war in der offenen Tür in Schürze gestanden und hatte schon von dort aus gerufen: „Pronto-prego-prima, die kleine Hannah ist richtige Frau geworden, Mama Mia, wie eine Filmdiva so schön! Männer werden fliegen!“ Die kleine Feier war liebevoll vorbereitet gewesen - einen Tisch und vier Stühle hatten ihre Eltern bereits besorgt gehabt.

Anschließend war sie mit den Dreien wieder zurück nach Berlin gefahren. Ihre Freunde, ihre Kleider, ihre Kneipen und Cafes, das war ihr zuhause gewesen. Es hatte noch einige Zeit gedauert, bis Hannah ihr Zimmer in der WG endgültig gekündigt hatte. Ihre Freundinnen fanden die neue Bleibe in Bernau heiß und drängten sie fast, dort am Wochenende Partys zu feiern und so war Hannah nach und nach in die Wohnung in Bernau eingezogen. Das war fünf Jahren her.

Heute, nach solch einem stressigen Tag, war sie sehr froh um die Ruhe hier. Sie ließ Mantel und Tasche fallen und warf sich lang aufs Sofa. Dann wählte sie Theos Nummer. Sicher war er im Büro - der Anrufbeantworter sprang an und sie bat ihn, schnellstmöglich zurückzurufen. Danach ging sie lustlos zum kleinen Schreibtisch, auf dem ihr Laptop stand. Unterrichtsvorbereitung machte sie üblicherweise „freihändig“. Die entsprechenden Bücher hatte sie in einer Kiste tief unter dem kleinen Schreibtisch vergraben. Für Geschichte musste sie allerdings auch Quellen aus dem Internet anzapfen. Immer wieder hatte der Direktor gedrängt, die Fachlehrer mögen sich doch endlich der virtuellen Welt für den Unterricht öffnen.

Sie war im Studium schon diejenige gewesen, die ihre Arbeiten und Referate, soweit möglich, mit Folien und direkter Ansprache, am liebsten coram publico vorgetragen hatte, und die meisten Professoren waren ihren Ausführungen gerne gefolgt. Das hatte sich auch in der Praxis vor den Klassen bewährt. Als Drucker verwendete sie das kleinstmögliche Modell, das nur einfache Funktionen ausführen konnte. Sie hasste es, wenn Komplikationen eintraten, die ein Studium der Gebrauchsanleitung erforderlich machten.

Die Suchfeldeingabe „Google-Classroom“ ließ tatsächlich die Seite und das Feld für den Zugangscode erscheinen. Ein Anruf im Schulsekretariat und schon hatte sie den Code. Wie so viele Zeitgenossen, war auch Hannah zu oft beim Einrichten der Hard- und Software von den schönklingenden Versprechungen enttäuscht worden, so dass sie schon gar nicht mehr mit dem versprochenen „Problemlos-Start“ rechnete. Mit ihren 29 Jahren war sie inzwischen so weit, dass sie, bevor sie in irgendeine ausweglose Lage geraten konnte, sich sofort fachkundigen Rat einholte. Selbst ausprobieren? Dazu habe ich schlicht keine Zeit! Das war ihre Devise auf technischem Feld.

Sie gab den Code ein - sofort sprang ihr das Bild des überkuppelten Schulgebäudes mit den seitlichen Balustraden-Gängen entgegen. – „Huch! Das ist ja einfach! Geht doch!“ Sie lehnte sich erstaunt zurück und wollte die nächste Aktionen in Gang setzen. Doch das Thema „einfache Einrichtung“ war damit abgeschlossen, denn dem Aufruf, die G-Mail einzugeben, konnte sie nicht Folge leisten. Sie hatte zwar einen Account bei Goggle, sondern einen anderen Provider für die E-Mails. Wo blieb nur Theos Rückruf!? Auch ihr zweiter Versuch brachte nur die vertraute Stimme vom Anrufbeantworter zu Gehör - jetzt könnte sie einen Tee vertragen. Ihr graute vor den kommenden Wochen, die sie unfreiwillig zur Büroangestellten machen würden. Unterricht konnte das nicht ersetzen, eher wohl eine Art „nervmich-bis-es-mir-etwas-besser-geht“ Übereinkunft. Sie kannte ihre Schüler und sie kannte sich selbst und das reichte aus, um klar zu sehen, dass hier Homeschooling für beide Seiten vor allem eines mit sich bringen würde: Überforderung! - Theo zum dritten - ob er wohl sauer war?

Es lauerte für einen Moment die Verzweiflung ganz dicht hinter ihren Augenlidern - sie saß nun fast zwei Stunden herum, trank gefühlt die zehnte Tasse Tee und war soweit, ihren Beruf aufzugeben und sich im Kloster als Gärtnerin zu bewerben – als endlich ihre Mutter anrief: „Liebes, Papa lässt fragen, wie du vorankommst?“ Sie packte aus und als der Wortschwall mehr oder weniger nahtlos in Weinen übergegangen war, hörte sie am anderen Ende der Leitung die tiefe Stimme ihres Vaters: „In 40 Minuten klingelt ein Spezialist aus der Firma bei dir. Mach dir keine Sorgen und entspann dich.“ Die Stimme ihres Vaters tat ihr gut - er hatte einfach eine beruhigende Wirkung auf sie. Tatsächlich klingelte es exakt nach 40 Minuten und ein Mann kam mit Maske und dickem Koffer die Treppe herauf. Zweieinhalb Stunden später - sie konnte es nicht fassen - war sie ausgerüstet mit allem, was sie brauchte, um ihren Schülern auf die Sprünge zu helfen. Nicolai, so hieß ihr Retter, hatte einen Laptop dabei, der nur für diese Arbeiten genutzt werden sollte und sie hatte gelernt, wie sie in einzelne Ebenen eingreifen, Aufgaben modifizieren und Korrekturen nachvollziehbar machen konnte. Sie hatte alle Schüleradressen übersichtlich in einer Liste gespeichert. Etwa zehn Prozent hatten keine Mail-Adresse angegeben und Nicolai riet ihr, sie anzurufen, um eine Adresse bei Eltern, Geschwistern oder wenigstens bei Nachbarn einzurichten. Er war Kaffeetrinker, der vierte war es mindestens gewesen, und sie waren zielstrebig Punkt für Punkt durchgegangen. Geduldig wiederholte er, was sie nicht ganz begriffen hatte und das war einiges. Sie hatte den Verdacht, dass ihr Vater ihn bewußt ausgesucht hatte. Er sah gut aus, und nachdem sie ihm mehrmals versichert hatte, dass sie die Maske für überflüssig hielt, hatte er schließlich eingewilligt und sie abgenommen.

Ab diesem Zeitpunkt konnten sie miteinander reden. Sie wusste, was ihr Vater von Theo hielt. Nicolai war ohne jede Anmache bei der Sache geblieben, und erst als er alles abgeschlossen hatte, sah er sie für zwei Momente an - seine Augen wanderten etwas tiefer - es war ihr nicht unangenehm. Er gab ihr eine Telefonnummer, mit der sie ihn jederzeit erreichen konnte und erhob sich. Hannah war so dankbar, dass sie ihn am liebsten umarmt hätte. Sie ließ es bleiben, dankte ihm von Herzen und er zog davon.

Sie rief zuhause an und ihr Vater freute sich fast noch mehr als sie, wie gut die Hilfe angekommen war. Was hatte sie doch für ein Glück mit ihren Eltern.

Das Telefon klingelte kurz nachdem sie aufgelegt hatte: „Hannah Bergenwang.“ „Guten Morgen, Frau Bergenwang. Hier ist Mayer vom Schulsekretariat. Entschuldigen Sie die frühe Störung!“ Sollte das ein Witz werden? Es war viertel vor zwölf! „Ich soll mich bei allen Lehrern erkundigen, wie sie mit den Unterrichtsplattformen zurecht kommen? Wir werden überrannt von Anfragen. Bei uns brennen die Leitungen durch. Kaum ein Kollege kennt sich aus. Ich könnte drei Leitungen gleichzeitig bedienen und weiß selbst auch nicht viel mehr, als die Passwörter und wie man diese Schulplattform aufmacht. Chaos – ach was - Chaos hoch drei! Wie weit sind sie denn?“ Hannah lehnte sich zurück und gab mit frech-lässiger Stimme durch, was für Fortschritte sie gemacht hatte – soviel zur frühen Störung, dachte sie triumphierend - erwähnte allerdings nur am Rande, wie viel dazu ein gewisser Computerspezialist namens Nicolai beigetragen hatte. Frau Mayer seufzte: „Wenn nur mehr von den Kollegen sich so auskennen würden, wie Sie.“ Hannah war tatsächlich ein klein wenig stolz - sie kannte ihr Verhältnis zur digitalen Welt zwar zur Genüge aber das ungewohnte und auch – na ja - ungerechtfertigte Lob genoss sie trotzdem ein bisschen.

„Wir haben einen Anruf vom Leiter des Hofes bekommen, an dem unsere Praktika stattfinden. Die bitten von dort um nähere Absprachen - Schülerlisten und so weiter. Ich deutete schon mal an, dass wir nicht wissen, wie die Situation im August und September sein wird - auf Anfrage beim Kultusminister kam nur heraus, dass das jedes Land individuell regeln wird. Der Hof liegt in Rheinland-Pfalz. Ich klopfe unsere und deren Bestimmungen weiter ab. Können Sie mit dem Hof in Kontakt tretet? Wir müssen klären, ob die Regeln dort eingehalten werden können. Der Direktor meinte nur: „Wehe, wenn da was schief läuft.“ Hannah verdrehte die Augen: „Sollten wir es dann nicht für dieses Jahr ganz streichen, bei den Unsicherheiten? Mir wächst das über den Kopf, wenn ich es nur höre.“ „Ja, kann ich mir vorstellen - doch der Mathe-Physik-Lehrer der Klasse hat zu Bedenken gegeben, dass sie jedes Jahr im Praktikum die besten Fortschritte machen in der Abiturvorbereitung. Das würde ja auch ihre Fächer betreffen.“ „Ok“ - Hannah seufzte - „geben Sie mir mal die Nummer - wenns denn sein muss, und bitte klären Sie die Bestimmungen für Rheinland-Pfalz, denn es macht keinen Sinn, zu planen, wenn es dann doch gestrichen werden muss.“ „ Mach ich. Dann weiter viel Erfolg in ihrem Homeoffice, Frau Bergenwang.“ Schwang da etwa Neid mit, dass sie als Lehrerin zuhause arbeiten durfte - musste?

Hannah war am andern Tag wirklich aufgeregt, als sie um fünf vor eins die erste Klassenzusammenkunft am PC vorbereitete. Sie prüfte ihr Make-up und zog sich um. Sie wollte keinen zu lockeren Eindruck machen. Sie stand im Präsenzunterricht nie mit einem Gefühl des Ausgeliefertseins vor der Klasse. Eigentlich genoss sie es sogar wie einen Auftritt. Aber heute war sie verunsichert. Sie stellte das Gerät so, dass die Kamera nichts Persönliches im Hintergrund aufzeichnen konnte, was sich als gar nicht so leicht herausstellte. Den Druck von Andy Warhol nahm sie von der Wand, gleich würden hier 25 Jugendliche hereinschauen und jedes Detail ihres kleinen Reiches genauestens unter die Lupe nehmen, als sei es das Normalste auf der Welt.

Plötzlich war ihr die Situation viel zu intim und sie erschrak, als sie bemerkte, dass sie gar nicht weit entfernt davon war, sich hinter einer Maske zu verstecken. Mundschutz – Maske - Make-up; drei Ms der Vermummung - sie legte sicherheitshalber von der Streichfähigen noch eine Schicht mehr auf, um sich etwas zu beruhigen.

Zwei Stunden später schloss sie ihre erste Sitzung mit gekonntem Click ab und war nun tatsächlich stolz auf sich, dass sie es geschafft hatte, den Unterricht, wenn man dieses „Frage-Antwort-Ping-Pong“ als Unterricht bezeichnen konnte, zu absolviert zu haben. Faszinierend fand sie es schon, dass es möglich war, über dieses Medium mit 25 Menschen gleichzeitig zu kommunizieren. Es war tatsächlich machbar, Unterricht auf diese Weise zu geben! Es war eine Option - allerdings und darüber war sie geschockt, zeigte sich eine riesige Kluft im Wissensstand der Schüler. Fast alle waren viel schlechter gewesen, als im Klassenraum und nur wenige hatten sich deutlich besser und dem Medium gewachsen gezeigt. Was war der Grund? War es das Ungewohnte, das die Schüler verunsicherte? War es die Art, wie der Stoff präsentiert worden war, der sie hinderte, richtig einsteigen zu können? Sie hatte zum Thema „Medien im Unterricht“ ein Semester lang Kurse belegt und kaum mehr als vage Vorstellungen davon mitgenommen.

Nachdenklich schaute sie zum Fenster hinaus - das Grün draußen tat den Augen gut. Vor der Klasse stehen war sie gewohnt - dieses neue Medium verlangte seinen Tribut, änderte die Beziehung der Teilnehmer untereinander. Der Blickkontakt fehlte, die Haltung des Gegenübers, das Umfeld, ja auch die unmittelbaren Geräusche in der Klasse, die meist als störend empfunden wurden, fehlten ihr hier. Stattdessen gab es seltsam unklare Tonverzerrungen, die man schlicht nicht zuordnen konnte. Sie vermisste einfach ihre Schüler bei dieser Form und vielleicht auch ein bisschen ihre Freude an direkten Dialogen. Sie spürte, wie ausgelaugt sie war, von diesem Hin und Her, den wiederholten Abläufen, wenn das Bild verschwamm, wenn das Mikro ausfiel, und und und….. das würde sich vielleicht mit der Zeit einspielen. Sie beschloss, heute nicht mehr beim Hofgut in der Eifel anzurufen, denn sie wollte Theo fragen, ob er mit ihr zum Essen gehen würde.

Da war ein wenig Aufwärmtraining sicher angebracht, außerdem stand ihre versprochene Überraschung noch aus. Theo hatte Zeit, war witzig und unterhaltsam - er arbeitete als Architekt und war nicht in Gefahr in Kurzarbeit geschickt zu werden. Er kam in Fahrt, als sie auf die Privilegien der Lehrer zu sprechen kamen: „Die Lehrer leben wie in einer Feudalgesellschaft, feiern Ferien für drei, kriegen dazu noch Kinder zur Misshandlung überlassen und bekommen jetzt den Freischein fürs Nichtstun zuhause.“ Er deklamierte unverdrossen weiter, dass das Virus, von dem man munkele, dass es Länder wie deutschland® weitgehend verschone, weil hier zu wenig Verrückte lebten, uns erst beim nächsten Mal heimsuchen würde. Alte und Kranke, das wären die Opfer dieses Virus. Die Schulen zu schließen, sei deshalb verrückt. Die Lehrer wären das Problem, Anwesende natürlich ausgenommen: zu alt, zu vergreist, und deshalb auf dem Speiseplan höchstens als kleine Vorspeise grade noch recht für das Designervirus aus China: „Ergo“, jetzt kam Theo richtig in Fahrt: „Die Alten in Rente schicken, und die Jungen von der Uni holen und auf die Schüler loslassen.“ Das wäre eine Generalumwälzung des Schulsystems und würde dafür sorgen, dass in wenigen Jahren ein Innovationsschub einsetzen würde, der deutschland® bis 2030 an die Weltspitze befördern würde. Statt dessen gäbe es weiterhin Stillstand und sesselfurzende Schüler, die, wie ihre Lehrergreise, als Wölfe getarnt, im Chat bis zwei Uhr morgens „World of Warcraft“ spielten und die letzten Chips gegen drei Uhr nachts in die Kloschüssel kotzten. Theo hatte mal wieder seine Ekelschublade geöffnet. - Hannah sah bei ihm eine gute Portion Enttäuschung und Frustration im Untergrund. Er wäre eigentlich ein geborener Lehrer, eloquent, phlegmatisch, wohlwollend und etwas zur Trägheit neigend. „Wollen Sie mir noch schnell ein schlechtes Gewissen verpassen, Herr Oberstaatsanwalt?“

Als er zur Arbeit am nächsten Morgen loszog, war sie tatsächlich ein wenig schuldbewußt, dass er ins Büro musste und sie zuhause bleiben durfte. Dieses Gefühl verflog aber rasch wieder, als sie ihr Pensum für heute ins Auge fasste. Ein zweiter Espresso gab dem Ganzen den nötigen Beistand. Geschichte vorbereiten für die zehnte und die achte, Wohnung aufräumen. - Nicolai fiel ihr ein - eigentlich hätte sie die nächste Lektion gern mit ihm vorbereitet - ja, das würde sie machen, einen solchen Vorteil musste sie nutzen und außerdem war ihr die Vorstellung, mit ihm zu telefonieren, angenehm.

Das Praktikum fiel ihr ein. Das würde sicher eine Stunde in Anspruch nehmen. Warum sollte sie das tun? Fällt aus wegen Kontakt- und Abstandsregeln. - Wem würde das fehlen? Dem Mathe- und Physiklehrer Sommer vielleicht! Sie beschloss, dort anzurufen, um die Sache abzubügeln. Unangenehme Sachen gleich erledigen! - Einer ihrer Grundsätze, den sie vom Vater übernommen hatte und die sich als wirksam erwiesen hatten. Das Schwierigste an den Anfang nehmen, das schafft neuen Raum und Perspektiven - bessere Luft zum Atmen für das Nächste. Seit sie diesen Grundsatz in die Gewohnheit bekommen hatte, flog sie die schlechte Laune weniger oft an. Faul war sie eigentlich nie gewesen, aber die öden Seiten des Lehrerberufes fingen schon an der Uni an, sie zu nerven. Bei Dozenten, so grau wie Novemberabende, die Methoden ausführten, die so innovativ klangen wie das Programm der Zeugen Jehovas, wurde ihr die Müdigkeit damals zum rettenden Hafen. Sie hatte inzwischen aber entdeckt, dass der Widerstand gegen gewissen Arbeiten, den sie oft empfand, nicht in der Arbeit selbst lag, sondern in ihr.

Eine Erkenntnis, die es in sich gehabt hatte. Sie hatte erst mit ihrer Mutter darüber gesprochen, die diese Empfindung auch gut kannte, aber, nüchtern wie sie war, schlicht ignorierte. Erst als sie mit ihrem Vater darüber gesprochen hatte, der das Problem völlig erfasste und es genau analysieren konnte, begann sie etwas mehr davon zu verstehen. Es hatte mit der Lust auf Entdeckungen und mit dem auf dem Weg zu diesen Entdeckungen vorhandenen Widerständen zu tun. Er konnte das so genau und anschaulich beschreiben, dass sie es fassen konnte und seither mehr und mehr diese Widerstände in den Tiefen ihres Seelenlebens entdeckt hatte. Diese hinderten sie, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben, ohne dass die Ergebnisse schon von vornherein festlagen oder belasteten. Sie entdeckte dabei auch, dass die meisten dieser sogenannten Ziele, gar nicht ihre eigenen waren, sondern, dass sie diese von außen aufgedrückt bekam. Pseudoziele, die sich irgendwer ausgedacht hatte, um andere dazu zu bewegen, etwas zu tun, was sie eigentlich gar nicht wollten. Der Satz einer Kabarettistin fiel ihr ein: Wir kaufen mit Geld, das wir nicht haben, Dinge, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.

Sie spürte nun, als sie den Hörer nahm, um im Hofgut abzusagen, eine seltsame Leere und eine Abwehr in sich aufkommen. Das Besetzzeichen ließ sie bis zum nächsten Versuch in der Schwebe hängen. Diese endlosen Organisationsorgien passten gerade nicht ins Geschehen. Die Schüler brauchten viel mehr Hilfe, als sie das während der üblichen Schule bemerkt hatte.

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