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Urlaub für rote Engel – Reportagen

Inhaltsübersicht

Günter Wallraff, »Schreib das auf, Scherzer!«

I

Feenmärchen zu verkaufen

Die Meile der Eitelkeiten

Der sterbende Schwan in der Elsteraue

Die Kalikarawane

»Spiel mir das Lied vom Tod!« I

»Spiel mir das Lied vom Tod!« II. Vergessenes Bischofferode

Wir himmeln hier per Hand

Das Innere der Glaskugel

Sag Sascha, nicht Alexander! oder: »Die Eltern haben drei Kinderärzte totgeschlagen«

Die Erben der Öfen oder: »Das ist der Bengel von dem Kriegsverbrecher!«

Ein Gebirge wird verkauft oder: »Das Lied können Sie heute getrost wieder anstimmen«

Nach der Himmelfahrt auf Hiddensee

Straßengeschichten

Ria S. ( 43): »Ich sprang nicht … Ich heulte nur«

Urlaub für rote Engel

Anschaffen im Osten

Nebenan »Zum letzten Heller«

Die Reichen von Radebeul

Die Vermesser

II

Von Erfahrungen, die man bei serbischen Zigeunern und moçambiquanischen Maurern sammeln kann. Festrede auf der »Internationalen Studentenwoche Ilmenau – ISWI 2009« zum »Dies academicus«

Von den Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten beim Verfassen von Reportagen. Brief an Günter Wallraff

Textnachweise

|7|»Schreib das auf, Scherzer!«

Landolf Scherzers Verdienst, die literarische Reportage zu neuem Leben erweckt zu haben, hat ganz sicher auch mit seiner gesellschaftlichen und künstlerischen Außenseiterrolle zu tun. – Da ist jemand sich und seinen Lesern treu geblieben.

Scherzer war und ist der präzise und detailgenaue Beobachter und Chronist: Jenseits der jeweils angesagten politischen Propaganda fühlt er sich den gesellschaftlich Ausgebooteten und Nichtrepräsentierten nahestehend.

Wenn Scherzer auf Reisen geht nach dem Motto »Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Schlimme liegt so nah!«, erlebt er die Welt weder mit dem Einverständnis des Konsumenten noch als sensationslüsterner, die Erwartungen des Marktes befriedigender Klischeereporter. Scherzer nähert sich seinen Themen behutsam und diskret als Mitbetroffener, zuweilen auch als Mitleidender.

Was nicht bedeutet, dass er die Opfer verklärt, idealisiert oder ihnen nach dem Munde redet; er nimmt die Protagonisten seiner Reportagen einfach ernst, er behandelt sie liebevoll, ist oft verwundert, sogar fassungslos, nie hasserfüllt. Er menschelt nicht, er dämonisiert auch nicht, und Ostalgie ist ihm fremd. Selbst die miesesten Gestalten seiner sozialkritischen Erkundungen, politische Schaumschläger und Betrüger, windige Wendegeschäftemacher, mehrfach gewendete Wendehälse, führt er nicht als verabscheuungswürdige Schurken vor, vielmehr in ihrem Spielraum und in ihrer Rolle oft als konsequent |8|handelnde Erfüllungsgehilfen und Handlanger vorgegebener Entscheidungen.

Landolf Scherzer berichtet nie vom Standpunkt des All- und Besserwissenden. Er nähert sich als Fragender, zuweilen Staunender; statt zu belehren, wundert er sich, und so gibt er auch denen eine Chance, die es immer schon gewusst haben und meinen, nichts dazulernen zu müssen. Sogar Scherzers Selbstkritik ist wohltuend unpathetisch, lakonisch und verallgemeinerungsfähig.

Landolf Scherzer unterscheidet sich deutlich und eindeutig von den üblichen und oft üblen »Reportern« in Zeitungen, Illustrierten und Fernsehanstalten, die sich an der literarischen Form der Reportage vergriffen und sie dermaßen ausgeleiert, prostituiert und inflationär entwertet haben, dass man schon einen neuen Begriff dafür finden möchte.

Da werden die Bilder, die uns die Medien über die Wirklichkeit dieses Landes verkaufen, einerseits immer greller, unschärfer, überblendeter, verfälschter und immer schneller in ihrer Folge – kaum gezeigt und schon vergessen – und da setzt andererseits einer an seinem Schreibtisch entgegen dieser oberflächlichen Schnelligkeit und Schnelllebigkeit mühevoll und hintergründig Teil für Teil eines genauen Wirklichkeitsbildes zusammen, ein Puzzle aus gründlicher dokumentarischer Recherche und Erlebnisschilderung. Der Berichterstatter und Zeitzeuge Scherzer versucht, wie sein Vorbild Kisch, als »Schriftsteller der Wahrheit« die Vergangenheit und Zukunft in Beziehung zur Gegenwart zu setzen, und das mit Phantasie und solidem Handwerk.

Er scheut sich nicht, die traditionelle Reportage ohne |9|modernistischen Schnickschnack für seine aktuellen Themen zu verwenden, und schafft es, Wirklichkeit nicht, wie zumeist üblich, lediglich als schnell zu vermarktende Sensation zu benutzen, sondern sie im klassischen Sinn der Reportage durchschaubar, nacherlebbar zu machen. Dabei hat er sich auf ein schwieriges Unterfangen eingelassen, denn immer weniger Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen sie noch: die große Reportage zu sozialen, ökologischen und anderen wichtigen Themen dieser Zeit, einer Zeit übrigens, die wegen ihrer Konflikte geradezu nach Reportagen schreit, denn soziale Spannungs- und politische Umbruchzeiten waren immer auch Hoch-Zeiten der Reportage.

Als Insider, Leidtragender und Nutznießer der neuen Freiheit versucht Scherzer, diese ihm bislang fremde Wirklichkeit einer hemmungslosen »Marktwirtschaft« für sich und seine Leser transparent zu machen. Er tut das gegen Politik und Medien, die das große Geld auch damit verdienen, dass sie diese »schöne neue Welt« à la Huxley für den kleinen Mann undurchschaubar verklären und verfälschen.

Der Reporter Scherzer hat nicht spektakulär die Tresore der Treuhand geknackt, aber er hat stattdessen zum Beispiel versucht, als ehemaliger DDR-Bürger ein von der Treuhand angebotenes Schloss zu kaufen.

Er hat in Erfurt nicht nur die Erben der Topf-Firma gefunden, die die Verbrennungsöfen für Buchenwald und Auschwitz herstellte, sondern auch die moralische Anfälligkeit der »sozialistischen Arbeiter«, die 1988 mit den angolanischen Arbeitern ihres Betriebes bei Brigadefeiern auf die »ewige internationalistische Freundschaft« |10|tranken und zwei Jahre später diese angolanischen Arbeiter wie Freiwild jagten. Und er hat die Geschichte der jungen alleinstehenden, arbeitslosen Frau notiert, die mit dem kleinsten ihrer drei Kinder schon draußen auf dem Sims des Balkons ihrer Hochhausplattenwohnung in Bad Salzungen stand und nicht sprang …

Die letzten weißen Flecken auf der Landkarte der Erde sind inzwischen verschwunden. Nicht so die weißen Flecken in der Landschaft der aktuellen sozialen Wirklichkeit dieses Landes. Der Reporter betritt sie in diesem Buch nicht nur aus beruflicher Neugier, sondern auch aus einer Verantwortung für die Menschen, die er in ihren Lebensnöten beschreibt.

Scherzer serviert dem Leser nicht das schnell aufgepeppte, überall gleiche Fast-Food-Häppchen der meisten Medien, er bereitet vielmehr ein nach traditionellen Reportagerezepten ordentlich gekochtes Gericht, er serviert Wirklichkeit in nahrhafter Form. Reportage wird in dieser Zeit sozialer Konflikte wieder zu einem wichtigen Lebensmittel.

 

Günter Wallraff

Köln, im Februar 1997

|11|I

|13|Feenmärchen zu verkaufen

Als ich im Geraer Ortsteil Roschütz eine alte Frau nach dem Rittergut frage, mustert sie mich ungläubig und will wissen, ob ich es auch kaufen möchte. Ich nicke, und mütterlich rät sie, mich möglichst nicht bei den Bewohnern blicken zu lassen. Die würden am liebsten ihre Wohnungen verbarrikadieren, denn sie wüssten ja nicht, was der neue Gutsbesitzer dann daraus machen würde. »Vielleicht Pferdeställe.«

Nach dieser Warnung weist sie mir den Weg durch Wiesen und Äcker zum Rittergut. Es thront auf einer Anhöhe weit draußen am nördlichen Ortsrand von Gera. Der Dezemberwind bläst kalt, und ich laufe mich im Geviert von Gutshaus, Wirtschafts- und Wohngebäude und Stallungen warm. Eine Frau Eckstein, die mir im Auftrag der Liegenschaftsgesellschaft der Treuhand die Gebäude zeigen und anpreisen soll, ist auch eine Viertelstunde nach dem vereinbarten Termin noch nicht zu sehen.

Wütend klinke ich an den Türen des herrschaftlichen, mit vielen Erkern und Fachwerk geschmückten dreistöckigen Gutshauses. Die sind verschlossen. Ich versuche durch die Fenster ins Innere zu lugen, aber die sind blind oder mit rindigen Abfallbrettern vernagelt … Dabei schien mir der Schlosskauf bis zu diesem Moment sehr einfach.

Ich hatte mir in dem »Schlösser für die Zukunft. Fairytales for sale«-Hochglanzkatalog, mittels dessen die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft für den Richtpreis zwischen 1 DM und 3. 800. 000 DM 20 Burgen, Schlösser |14|und Herrenhäuser, gelegen auf dem Gebiet der alten DDR, in aller Welt anbietet, ein kleines und ein großes Anwesen ausgesucht: das Rittergut bei Gera für 2. 100. 000 DM und das Marienthaler Schlösschen bei Schweina (Wartburgkreis) für 430.000 DM. Rief bei den zuständigen Treuhand-Büros in Gera und Suhl an, erhielt von dort je ein dickes grünes undurchsichtiges Kuvert, in dem ich bis zum 14. Dezember 1994 um 14 Uhr einen Erwerbsantrag mit Angaben zur Schlossnutzung, zu den geplanten Investitionen, den gesicherten Arbeitsplätzen, dem Kaufangebot, meinen Referenzen, Bankverbindungen und dem Nachweis meiner Bonität abzugeben hatte. Zuvor nannte man mir einen Besichtigungstermin. Und zu diesem Termin stehe ich nun frierend vor den verschlossenen Türen des Rittergutes.

Bis 1893 war es als Herrschaftssitz in adligen Händen geblieben. Anschließend Sommerresidenz Geraer Großindustrieller. Nach deren Weltwirtschaftskrisen-Bankrott musste es 1930 schon einmal in Treuhandverwaltung. Und die ließ es zu einem Reichsarbeitsdienstlager für Mädchen umfunktionieren. Nach dem Krieg Lazarett der Roten Armee. Später Internat für die Ausbildung von Thüringer Volksrichtern, schließlich bis zur Wende Schulungsstätte für Pionierleiter und nach dem Systembankrott wieder im Besitz der Treuhand. Deutsche, für mich vorerst noch verschlossene Zeitgeschichte …

Eine Tür des flachen, lehmbraun verputzten und trotzdem ungeniert seine roten Ziegel zeigenden Wirtschafts- und Wohngebäudes öffnet sich. Drinnen wischt eine junge Frau das Treppenhaus. Nein, sagt sie, die Eckstein hätte sie heute noch nicht gesehen. Sie schaut mich |15|eher neugierig als feindselig an, erzählt, dass es hier inzwischen wie im Taubenschlag zugehen würde. Gleich nach der Wende wären Frauen aus der BRD gekommen. »Die standen im Hof und erinnerten sich andächtig der Zeit im Reichsarbeitsdienstlager.« Die ehemals verwundeten russischen Soldaten wären noch nicht wieder erschienen. »Haben jetzt wohl andere Sorgen.« Dann aber die feinen Herren Schlosskäufer aus dem Westen. »Die den Mund nicht aufkriegen, naserümpfend hier umherstolzieren und genauso wortlos wieder verschwinden. Aber noch schlimmer sind die neuen Möchtegernreichen aus dem Osten, die im alten Mercedes vorfahren. Die latschen, ohne sich die Schuhe abzutreten, in unseren Wohnungen herum, taxieren den Grundriss des Kinderzimmers und sagen grinsend: ›Das gibt ’ne schöne Bar oder so was Ähnliches.‹«

Sie schüttet das Spülwasser neben der Tür aus. Vier Familien, eine mit vier Kindern und einem Hund, würden noch in dem alten Wirtschaftsgebäude wohnen. Alle hätten bis 1990 in der Pionierleiterschule, also dem früheren herrschaftlichen Gutshaus, gearbeitet. »Die Frauen in der Küche oder im Sekretariat, die Männer als Heizer oder Hausmeister.«

Von Frau Eckstein noch immer keine Spur. Dafür gesellen sich der ehemalige Heizer und der Hausmeister zu uns. Der Heizer ist unrasiert. Seine Augen weichen aus, wenn man ihn anschaut. Seit reichlich drei Jahren würde er die Pionierleiterschule nicht mehr beheizen. »Niemand heizt dort. Im Winter sind die Wasserleitungen aufgefroren. Drei Winter ohne Heizung haben drinnen mehr kaputtgemacht als 40 Jahre DDR.« Und er rechnet |16|mir vor, wie wenig die Kohlen und seine Arbeitsstunden die Treuhand gekostet hätten: »Nicht mal einen Bruchteil von der Summe, die man nun braucht, um die Nässe wieder rauszukriegen … Aber es ist ja nicht ihrs.« Und der Hausmeister erzählt, dass er seine Wohnung, die ja auch nicht seine wäre, im letzten Jahr vom eigenen Geld renoviert, das Bad gefliest hätte. »Doch wenn jetzt einer kommt, der den Krempel kauft und uns rausschmeißt, werde ich zuvor alles eigenhändig wieder abhacken.«

Ich frage, weshalb die vier Familien das Wirtschaftshaus, das 400.000 DM kosten soll, nicht zusammen kaufen.

Die Frau, sie heißt Liebherr, lächelt böse. »Wir waren deswegen schon bei der Bank, aber in zwei der Familien hat niemand mehr Arbeit. In solch einem Fall verborgt die Bank keinen Pfennig.«

Frau Eckstein erscheint an diesem Tag nicht mehr. Die Türen vom Roschützer Rittergutshaus bleiben mir verschlossen.

Bevor ich zum Marienthaler Schlösschen fahre, erkundige ich mich in der Suhler Außenstelle nach den Besichtigungsmöglichkeiten.

Die dortige Treuhand residiert in der dickmäurigen, einer runden Trutzburg nicht unähnlichen ehemaligen Stasi-Zentrale Südthüringens. Hier drin war ich noch nie, weder vorher noch hinterher.

Ein grell bemaltes Fitnesscenter wirbt mittlerweile für Sauna, Schönheit, Kraft und Entspannung. Zwischen vielen Büros finde ich in einem langen Gang die Liegenschaftsgesellschaft. Und Frau Brandt – früher Arbeitsökonomin, dann arbeitslos, Umschulung und nun verantwortlich |17|für den Verkauf von Betriebsferienlagern, Bungalows und Schlössern – versichert mir, dass ich mich wegen der Schlossbesichtigung jederzeit beim Pförtner des nebenan stehenden Kugel- und Rollenwerkes Schweina melden könnte.

 

Der Betrieb, der sich mit seinen großen alten Hallen kilometerweit in der Flussaue ausbreitet, ist nicht zu verfehlen, doch das Schlösschen finde ich nicht. Und Ortsansässige, die ich nach dem Marienthaler Schlösschen frage, kratzen sich den Kopf: »Ein Schlösschen? Ham wir hier nicht.« Bis mir einer sagt: »Das ist unser Betriebskulturhaus, unten Küche und Kantine drin, das heißt, seit zwei Jahren ist die Küche dicht.«

Das Schlösschen, ein zweigeschossiger, streng symmetrischer klassizistischer Bau, sieht ein bisschen nach Kantine aus. Schmuddelig. An der Hinterseite hat man eine dicke Heizschlange wie eine Infusionsleitung in das Gemäuer gesteckt. Darunter eine hässliche Rampe, wohl zum Verladen von Rotkohl und Kartoffeln … Der Park (24.000 Quadratmeter!) ist verwildert, mittendrin ein Schießstand und Teiche, zu Tümpeln verwunschen. Der Pförtner des Betriebes hat die Schlüssel zum Schloss. Er telefoniert mit Herrn Zimmermann, der mir aufschließen soll. Das dauert. Und der Pförtner erzählt mir inzwischen vom vielleicht letzten Stündlein des 1879 gegründeten Großbetriebes. Seit einem Jahr laufe die Liquidation, wenn in den nächsten zwei, drei Monaten kein Käufer gefunden würde, sei endgültig Schluss.

Herr Zimmermann, Mittelalter und schlank, im Betrieb für Ver- und Entsorgung verantwortlich, ist freundlich, |18|aber sehr in Eile. Er probiert lange mit den Schlüsseln des dicken Bundes. Die Außentür knarrt. Drinnen ist es warm.

»Sie heizen noch?«

»Ja, ist zwar nicht mehr unser Kulturhaus, aber es war ja so lange unser.«

Im Speisesaal stehen über 200 Stühle. Die Essenausgabe. Tafeln mit Speiseplan und Essenvorauswahl an der Wand. Ein Vorwende-Zettel: »Ung. Gulasch mit Gemüse und Kartoffeln: 1,20 Mark. Linsensuppe: 0,60 Mark.«

Die Küchenkessel sind demontiert. Eine schöne Wendeltreppe führt hinauf in das Obergeschoss. Kultursaal. Betriebsbibliothek. Hier stehen noch Honecker neben Heym und Kant neben Kafka. Die Betriebsschneiderstube. Und dann ein Extraschlüssel für das Fröbelzimmer. 1851 war der weltbekannte Pädagoge Friedrich Fröbel, der Vater des Kindergartens, in das 1833 errichtete Marienthaler Schlösschen eingezogen und gründete im Auftrag des Meininger Herzogs das erste Seminar für Kindergärtnerinnen in Deutschland. Hier starb er im Juni 1852, kurz nachdem die Kindergärten in Preußen verboten worden waren. An sein Grab in Schweina pilgern jährlich Hunderte Japaner, denn Fröbels Pädagogik ist ein Bestandteil des heutigen japanischen Erziehungssystems.

Wieder vor der Tür, fragt Herr Zimmermann, ob ich den Park besichtigen möchte.

»Nein, den kenne ich. Die Teiche müsste man aufräumen.«

Er schüttelt den Kopf. »Mit Aufräumen allein ist da |19|nichts getan, seit Jahren fließen die Abwässer des Betriebes dort hinein. Die Schlösser und Betriebe, die die Treuhand heutzutage immer noch wie Sauerbier anbietet, muss, das sind eben wirklich die Letzten.«

Zimmermann entschuldigt sich, er muss dringend in den Betrieb. In einer halben Stunde könnten wir dann weiter über Fröbel und das Schlösschen reden.

Ein fülliger Mann an der Pförtnerbude, der gehört hat, dass ich das Schlösschen kaufen will, zeigt mir grinsend seinen fliegenklatschenbreiten Daumen. Ja, er sei der sogenannte »breitgekloppte Karl«. Die alte Presse …! Und er müsse mir mal sagen, dass es die Leute hier einen feuchten Kehricht interessiert, ob dem Fröbel sein Zimmer erhalten bleibt und das Schloss gekauft wird.

»Von den 1.000 Leuten im Betrieb haben noch knapp 200 Arbeit und die wohl bald auch nicht mehr. Das interessiert die Leute, nicht der tote Fröbel und das Schloss!«

Die Treuhand hatte das Kugel- und Rollenwerk 1991 an den bayerischen Unternehmer Truckenmüller verkauft. Ein guter Geschäftsmann, wie sie versicherte. Sein bestes Geschäft: Er ließ den ölbelasteten Boden im Betrieb mit Hilfe von Treuhandgeldern abtragen. Brachte ihn für 100.000 DM auf eine Thüringer Müllkippe, berechnete aber über 3 Millionen DM Entsorgungskosten nach bayerischen Spezialdeponiepreisen. Da musste er vor Gericht und die Treuhand den Betrieb zurücknehmen. Zwei Tage vor Weihnachten 93 bestellte sie Betriebsratsvorsitzende, Geschäftsführer und Betriebsleiterin nach Berlin. Die hofften auf einen neuen Käufer, stattdessen verkündete die Treuhand die sofortige Liquidation. Die drei vom Betrieb schafften es, vor dem Fest das |20|»Geheimnis« für sich zu behalten, erst im neuen Jahr verkündeten sie es. Seitdem gibt es zwar volle Auftragsbücher, aber der Betrieb müsste der Rentabilität wegen räumlich verkleinert werden. Allein die Heizkosten fressen fast 20 Prozent vom Umsatz.

Zimmermann ist zurück, erzählt mir von den anderen Interessenten fürs Schlösschen. Großprotze seien dabei gewesen, wohl auch Geschäftemacher, aber auch solche Leute wie das Ehepaar Lewandowski aus dem Niedersächsischen. Das wollte keinen Profit um jeden Preis, sondern das Schlösschen in ein Spielzeugmuseum umwandeln. »Und schlecht erhalten ist das Gebäude nicht. Unsere Betriebshandwerker, wir hatten mal 20 – Neues gab’s selten in der DDR, deshalb mussten wir Altes immer wieder reparieren –, also die 20 haben viel gemacht in unserem Schlösschen.«

Werner Raßbach ist als Letzter von den 20 übriggeblieben. Ein »Vierundfünfziger«, wie er mir erklärt. »Sonderreglung. Wir werden im Mai entlassen, sozusagen als Vor-Vorruheständler.« Auf Arbeit hoffe er dann nicht mehr, hier, wo 20 Kilometer entfernt 1.000 Kalikumpels in Merkers ohne Job wären. Aber er wolle nicht klagen, ökonomisch gehe es ihm nicht schlecht, besser als zu DDR-Zeiten … Und was das Schlösschen beträfe, sie hätten dort regelmäßig gemalert, die Heizung neu verlegt. »Wissen Sie, wir besaßen als Betrieb aber nicht nur das Kulturhaus. An der Ostsee haben wir ein Betriebsferienheim gebaut. Hier in der Nähe am Krätzersrasen wunderschöne Bungalows für die Kinder. Und dafür verzichteten wir manchmal sogar auf die private Jahresendprämie – war nicht so wenig zu alten Zeiten – |21|und haben das Geld für die Kinderferienhäuschen auf dem Krätzersrasen verwendet. Haben also unser Privates gegeben, um für alle was zu schaffen. Und das ist doch nun die ganz große Scheiße: Wir haben mit unserer Arbeit in 40 Jahren immer nur sogenanntes Volkseigentum vermehrt, nie Privateigentum. Und nun, wo dieses Volkseigentum verscherbelt wird, können wir, die es erarbeitet haben, nicht mitbieten, weil wir kein nennenswertes Privateigentum besitzen.«

Bevor er sich verabschiedet, empfiehlt er mir, nicht das Schlösschen, sondern einen dieser wunderschönen Bungalows auf dem Krätzersrasen zu kaufen. »Weil mir das Herz weh tut, wenn ich sehe, wie die Häuschen, die ich auch von meinem Geld mitgebaut habe, nun vergammeln.«

Ich rufe an, erkundige mich nach den Bungalows. Ja, im Prinzip könnte ich sie kaufen, aber sie wären mit einer hohen Grundschuld belastet. Die habe der Herr Unternehmer Truckenmüller für seinen Kredit von einer guten halben Million DM von der Bank als Bürgschaft auf die Ferienhäuschen eintragen lassen …

Fünf Tage vor Weihnachten werden die grünen undurchsichtigen Bieterbriefe in der Treuhand geöffnet. 10 seriöse Angebote für das Schlösschen. In die engere Wahl kommen eine Firma aus Japan, die im Schlösschen eine Schule für japanische Manager einrichten will, die Bundeswehr, die Wohnungen ausbauen möchte, und die Spielzeugmuseumsleute.

Für das Geraer Rittergut ist unter anderem ein Hotel im Gespräch.

Fünf Tage nach Weihnachten rufe ich die Betriebsleiterin |22|in der Kugel- und Rollenfabrik an. Nein, die Entscheidung, ob Schließen oder Weiterarbeiten, sei noch nicht gefallen. Bislang gebe es keinen Käufer für den Betrieb. Doch die Uhr sei bald abgelaufen.

»Fairy-tales for sale. Feenmärchen zu verkaufen.«

|23|Die Meile der Eitelkeiten

Von der Kreuzung Unter den Linden bis zum Checkpoint Charlie treffe ich auf der Berliner Friedrichstraße, der »künftigen Flaniermeile Europas«, zwischen Bauzäunen, Baggern, bunten Visionsgemälden künftiger Großbauten des Kapitals und dem fast fertigen Lafayette-Glaspalast, der in Größe, Form und mit seinen leuchtenden Bulleyes an die Titanic erinnert, um 21 Uhr genau 32 Fußgänger.

Drei Frauen beäugen die hinter Gerüsten versteckten Schaufenster. Amüsieren sich über das 1.800-DM-Kleid und die 600-DM-Tasche in einer Luxusboutique.

»Musst nur den richtigen Mann finden.«

»Solch einen Idioten von Mann, der mir so was kauft, kann’s doch gar nicht geben.«

Wenige Schritte weiter, Friedrichstraße 176–179, steht das Haus der sowjetischen – heute russischen – Kultur. Im linken Schaufenster des 1984 erbauten Hauses entschuldigt eine in Samt gefasste Aufschrift »Nachtdekoration« die nach Geschäftsschluss ausgelegten Billiguhren für nur 6.520 DM. Goldener Glanz und Glitzer der Weltfirma Christ. Die russischen Hoffnungsfunktionäre mussten vermieten. Einer, der am Haupteingang die Matroschkas in Vitrinen akkurat der Größe nach ordnet, erklärt mir, dass Russland der Eigentümer dieses Hauses sei, weil es die Auslandsschulden der ehemaligen Sowjetunion übernommen und dafür alle Botschaften und anderen Immobilien in bester Lage in den Zentren der Welt erhalten hat. Im Moment würden sich aber verschiedene |24|Ministerien mit Jelzin über die Eigentumsrechte streiten.

Am hell erleuchteten riesigen Mercedes-Salon gehe ich schnell und blicklos vorbei. Dann stoppe ich gewohnheitsgemäß vor dem Grenzübergang. Eine Brettermauer, wenn das Wort erlaubt ist, versperrt die Friedrichstraße, und ein großes Schild warnt: »Halt! Hier wird gebaut … eine der attraktivsten Business-Adressen Europas (800.000 qm Büros, Geschäfte …).«

Auf dem Rückweg versuche ich das Innere der gläsernen Titanic zu erkunden. Treppen und Lichtschächte, verbunden durch schwankende Bohlen. Darüber die gläserne Sternenkuppel. Ich frage nach dem Bauleiter. Die Arbeiter verstehen mich nicht. Sie sprechen polnisch. Hier wird Frankreichs Modezar Lafayette seinen Tempel errichten. Außerdem, so steht’s draußen zu lesen: »19.000 qm lichtdurchflutete Büroflächen, 20.000 qm exklusive Geschäfte.« Das Schild am Gebäude nebenan: »Luxuspassage, 44 Läden, 16.000 qm Prestigebüros.« Und das Schild daneben: »Das Flair von Berlin-Mitte lebt wieder auf … ganz in der Tradition dessen, was die Architektur dieser Stadt so liebenswert und lebenswert machte. Gebäude mit individuellem Charakter, in menschlichen Dimensionen.«

Schlafen müsste ich irgendwo. Fast am Ende der Flaniermeile finde ich in der Friedrichstraße 124 die Hotel-Pension »Amadeus«. Junge Männer feilschen um die Zimmer. Aus ihren Reisetaschen spießen blankpolierte hölzerne Wasserwaagen mit eingravierten Initialen. Nordirische Billigarbeiter für die Baustellen der Friedrichstraße. Ich bekomme nur noch ein Vierbettzimmer. »Das |25|beste des Hauses.« Ein Doppelstockbett aus rohen Brettern zusammengenagelt. Am Kachelofen warnt ein Zettel: »Nicht benutzen!« Und vor der Ofentür steht ein winziger Eimer mit eingelegter Plastetüte, wie in der Kabine eines Pornokinos. Aber kein Waschbecken. Dafür Teppiche auf dem Boden. Vor zwei Jahren hat der Tunesier Taunfous die Pension – 1990 bis 1993 war sie Nutten-Absteige – von der Treuhand gemietet. In dem Hotel mit fast 80 Betten beschäftigt er drei Leute. Ein schwedisches Mädchen, einen ehemaligen NVA-Major aus Strausberg und für den Nachtdienst Matthias, den 25-Jährigen, der auf seinen Gerichtsprozess wartet und deshalb eine Bleibe nachweisen muss. Zwei von den dreien arbeiten nur für die kostenlose oder verbilligte Unterkunft bei Taunfous. Aufbruchstimmung.

Am nächsten Tag erlaufe ich mir die 3,3 Kilometer Friedrichstraße über eine Brücke und 23 Kreuzungen vom Oranienburger Tor im Norden bis zum Mehringplatz im Süden. Der nördliche Teil hat sich, abgesehen von aufgerissenen Straßenbahngleisen, wenig verändert. Kleine Kneipen. Sogar noch Tischlereien. Rentner, die ihre Hunde an alle Straßenbäume pinkeln lassen. Tante-Emma-Läden. Dazwischen der Friedrichstadtpalast. Berliner Ensemble. Metropol. Kabarett. Den Mittelteil der Friedrichstraße, vom Bahnhof bis zur ehemaligen Grenze, erkenne ich dagegen kaum noch. So wie die ganze Partei (von der CDU eingeheimst) ist auch deren Domizil, das Haus der ehemaligen Demokratischen Bauernpartei Deutschlands, spurlos verschwunden. Abgerissen auch der größte Gaststättenkomplex an der Friedrichstraße, das Lindencorso, in dem früher rund zwei Millionen |26|Gäste im Jahr einkehrten. Und auch die im Volksmund »Usbekischer Bahnhof« genannten Passagen an der Ecke zur Leipziger Straße stehen nicht mehr. Hier sollte nach Honeckers Willen, in Plattenbauweise und mit orientalischen Ornamenten verziert (in ähnlicher Weise hatte man 1966, nach einem Erdbeben, Taschkent wiederaufgebaut), eine sozialistische Wohlstandsmeile mit Geschäften, Restaurants, Klubs der Werktätigen und Wohnungen (Einheitsmiete 1,25 Mark je Quadratmeter) entstehen. 75 Millionen DDR-Mark waren bis zur Wende verbaut. Danach interessierten die Bauten niemanden mehr. Nur um den Boden unter ihnen entbrannte der Kampf zwischen den Reichen dieser Welt. Die Sieger, der Heidelberger Unternehmer Ernst, der französische Baugigant Bouygues und der amerikanische Konzern Tishman Speyer, bezahlten bis zu 40.000 DM für einen Quadratmeter. Ein Himmel-Hölle-Hüpfspiel meiner Kindheit war etwa anderthalb Quadratmeter groß. Und hätte mich an dieser Stelle 60.000 DM gekostet.

Es sind inzwischen auch kleinere Dinge an der Friedrichstraße spurlos verschwunden. Zum Beispiel die Gedenktafel für die zwei von der SS ermordeten jungen Kriegsverweigerer am S-Bahnhof und die Tafel am Haus Friedrichstraße 91–92, in dem Friedrich Engels während seiner Dienstzeit als Einjährig-Freiwilliger 1841/42 gewohnt hatte. Friedrichstraße 91–92, das sind heute zwei schmalbrüstige Häuser, die Außenwände frisch rot und weiß gestrichen. An der Fassade in großer Schrift: »Die Dussmann Gruppe zieht von München … in die traditionsreiche Friedrichstraße.« Das Unternehmen im internationalen Dienstleistungs-Management baut hinter den |27|zwei Winzlingen ein Haus mit 12.000 Quadratmetern Büro- und Geschäftsräumen. In der wohnzimmergroßen Anmeldung werde ich vertröstet. Ein Termin in der Chefetage in drei bis vier Wochen. Und leider keine Auskünfte über den Umzug.

Ich gehe ohne Anmeldung weiter. Klopfe an der erstbesten Bürotür. Frage einen Investmann mit grauem Bart und schwarzen Haaren: »Weshalb von München nach Berlin?«

Der Umzug sei für seine Firma mit über 30.000 Mitarbeitern in aller Welt folgerichtig. »Die Friedrichstraße ist künftig das Zentrum von Berlin. Berlin künftig das Zentrum von Deutschland. Und Deutschland künftig das …«, er zögert einen Augenblick, »… Zentrum der Weltwirtschaft.«

Ich frage nach Engels. Er lacht. Der sei noch gut fürs Museum. »Hier wird in 10 Jahren eine Gedenktafel zur Erinnerung an den beispiellosen Umbau dieser Straße hängen.«

Gegenüber, in der Friedrichstraße 173, haben das sowjetische Intourist-Büro und Egyptair dichtgemacht. Die Dorotheenstädtische Apotheke hingegen ist geöffnet. »Ich habe die frühere Ladenfläche um das Vierfache verringert, so schaffe ich es mit der Miete«, sagt die Apothekerin. Und nun hofft sie auf Kopfweh und Bauchschmerzen der künftigen Beamten. »Aber ob ich finanziell bis zum Regierungsumzug durchhalte? Mercedes und Christ können vorerst ohne Kunden leben, die haben nicht nur dieses eine Geschäft.«

Die Dorotheenstädtische Apotheke ist eines der letzten Namenszeugnisse für das Entstehen der Friedrichstraße. |28|Kurfürstin Dorothea schenkte um 1670 allen, die auf den Äckern der heutigen Friedrichstraße/Unter den Linden siedelten, Bauholz und gewährte Abgabenfreiheit. So entstanden die Dorotheenstadt und die Querstraße. Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg, ließ weiterbauen und bescheiden umbenennen: aus Dorotheenstadt wurde Friedrichstadt und aus der Querstraße die Friedrichstraße. Soldatenkönig Friedrich Wilhelm änderte zwar die Namen nicht mehr, trieb aber den Bau voran, indem er von den Soldaten alte Häuser schleifenließ und anschließend für Bauwillige Vergünstigungen versprach.

1990 waren Vergünstigungen für Bauwillige unnötig, denn da verhieß ein Stück Bauland auf der Traummeile Prestige und Profit. Man schlug sich um jeden Quadratmeter. Erben aus allen Teilen der Welt, zum Beispiel der Johanniterorden und der gräfliche Bleistift-Faber, sogar ein schwarzer Farmer aus Burundi, meldeten Ansprüche an. Auf 150 Parzellen der Straße kamen über 300 Restitutionsforderungen. Goldgräberzeit für Rechtsanwälte und Bankiers.

Rainer Boldt, 46, arbeitet als Filialleiter der Dresdner Bank in der Friedrichstraße 62 (zuvor bulgarische Handelsmission). An den silbernen Garderobenständern hängen, gleich Uniformen in Kasernen, lange schwarze Mäntel, nur lange schwarze Mäntel und gleichfarbige Stockschirme. Rainer Boldt ist Sprecher der Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden in der Friedrichstraße und ein sehr optimistischer Banker. Zuerst Zahlenbeispiele. »Die Passagen, ein 1,5-Milliarden-Projekt. 120.000 Quadratmeter Bruttofläche. Davon 25.000 Quadratmeter |29|Geschäfte, dreimal so viel wie im KaDeWe. Geplant sind Ladenmieten von 200 bis 400 DM, Büros bei 100 DM, Wohnungen um 40 DM pro Quadratmeter … Eine Perspektive wie für sonst kaum eine Straße in Europa.«

Ich frage, wer in die über 1.000 Boutiquen der Extraklasse, wer in die 10.000 Büros einziehen wird. (Schon jetzt verfügt Berlin über mehr als genug freie Büros.)

»Wegen des verschobenen Regierungswechsels nach Berlin gerät einiges ins Stocken, aber wenn die Staatsgäste, die Lobbyisten, die Beamten und Abgeordneten erst einmal hier sind … In unserer Friedrichstraße werden alle die einkaufen, und das muss man ehrlich sagen, die etwas anderes suchen, als sie bei Schlecker und Aldi bekommen.« Das sei schon durch die Grundstückspreise vorprogrammiert. »Wenn ich 40.000 pro Quadratmeter bezahle, kann ich das nicht mit T-Shirts für 9,99 DM oder Sozialwohnungen wieder hereinholen.« Lachend und wie nebenbei: »Außerdem müssen auch die Banken irgendwann einmal ihr vorgeschossenes Geld zurückbekommen.«

Sorgen? Nein, lediglich die Bonner 1,3-Milliarden-Pläne zum Bau einer U-Bahn zwischen Alex und Reichstag stören. »Wenn man deswegen die Friedrichstraße wieder aufreißt, das ist, als ob ein Genesender noch mal auf den OP-Tisch geschnallt wird. Außerdem glaube ich nicht, dass Kohl und alle, die dann im Reichstag zu tun haben, ausgerechnet mit der U-Bahn fahren werden.«

Zu Fuß finde ich auch den neuen Standort des Friedrichstraßen-Antiquariats. Hier kauften zu DDR-Zeiten viele Westdeutsche für ihr Zwangsumtauschgeld |30|preisgünstige Bücher. Der einstmals große Laden ist auf Kinderzimmergröße geschrumpft, und von den 11 Angestellten ist nur noch Ingrid Blankenburger übriggeblieben. Seit 30 Jahren in diesem Beruf. Und nun, mit 53, um ihre Zukunft bangend. Gemeinsame Interessen der Gewerbetreibenden dieser Straße? Sie hebt wie beschwörend beide Hände. »Die Leute, die in den Luxustempeln bei Lafayette und anderen einkaufen werden, wühlen nicht auf Büchertischen nach alter Literatur. Vielleicht dass sie mal ein Buch mit Goldschrift suchen, passend zum Meißner Porzellan. Eine Straße wie diese, ohne Fleischer und ohne Bäcker, ohne Bockwurstbude und Eisstand, das ist keine Straße zum Leben. Über diese Straße wird in 50 Jahren kein Schriftsteller wie Döblin schreiben können, weil hier keiner seine Kindheit verbracht haben wird.« Sie erzählt von der Friedrichstraße, als es hier neben Nobelhotels Bierkneipen gab und Künstlercafés neben Humboldts Wohnung. Hier hat Menzel gemalt, Kisch gezecht, Napoleon den Puff besucht, hier wohnten und arbeiteten Kleist, Hufeland, Ludwig Börne, Max Reinhardt … In Rahel Varnhagens Salon trafen sich Fichte, Chamisso, Hegel und Heine. Der schrieb in seinen Briefen aus Berlin: »Wenn man die Friedrichstraße betrachtet, kann man sich die Idee der Unendlichkeit veranschaulichen. Lasst uns hier nicht zu lange stehenbleiben. Hier bekommt man den Schnupfen. Es weht ein fataler Zugwind zwischen dem Halleschen und dem Oranienburger Tor.«

Die Sache mit der Zugluft kann Professor Nalbach erklären. Nalbach, 52, ist Österreicher und Architekt und hat mit seiner Frau den Ersten Preis für die Bebauung |31|des Spree-Dreiecks am Bahnhof Friedrichstraße erhalten. Sein Büro finde ich in einem Steglitzer Hinterhof. »Büros gehören in die Hinterhäuser, aber nicht, wie in der künftigen Friedrichstraße, zu Tausenden an die Straßenfassade. Da knipsen die sparsamen Deutschen abends das Licht aus – und dunkel ist’s in der Weltstadt.« Und was die Zugluft betreffe, die Friedrichstadt sei als ein Areal geradliniger preußischer Ordnung angelegt worden. »Der Schutzmann brauchte sich bloß an eine Ecke zu stellen und sah kilometerweit. Und preußische Gewehrkugeln flogen auch sehr geradeaus.«

Die Preisträger Nalbach, so die Jury, »zeigen Verständnis und Respekt für die traditionelle Struktur der Friedrichstraße«.

»Heute ist diese Straße allerdings eine Plattform der Eitelkeit geworden«, sagt Nalbach. »Wer hier baut, wird geadelt.« Dem ginge es zwar auch ums Geschäft, vor allem aber um die Anwesenheit. »Mal übertrieben: Es hätte ausgereicht, in den alten, noch heute verbindlichen Maßen 22,40 Meter Straßenbreite und 20,20 Meter Traufhöhe, rechts und links vor den alten Gebäuden in der Friedrichstraße Videowände aufzustellen, jeder Firma eine Fläche zu geben, und die Leute wären vorbeidefiliert und hätten mit den Fingern drauf gezeigt und gestaunt: Die sind hier und die auch … Die Architekten der Friedrichstraße haben heute die Aufgabe, die in allen Blocks gleichen Büros und Geschäfte verschieden zu verhüllen. Unterschiedliche Verpackung für den gleichen Inhalt. Das ist, als ob ein Designer monatelang an einer Gewehrkugel feilt, um ihr Aussehen zu verändern. Aber eigentlich müsste er das Pulver rausschütten.« Für seinen |32|Entwurf des Büro- und Geschäftshauses am Bahnhof habe er die Kugel wenigstens angebohrt. »Und wenn die vom Bauherrn gewünschten Büros nicht mehr zu vermieten sind, kann ich sie mit wenigen Handgriffen in Wohnungen verwandeln. Und plötzlich werden abends wieder Lichter in der Friedrichstraße brennen.«

Im Norden der Friedrichstraße wohnen etwa 4.000 Menschen. In der Geldmeile zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße nur noch ein einziger, in der Friedrichstraße 166, schräg gegenüber von der gläsernen Titanic. An seiner Haustür ein altes Schild: »Tanzschule Hadrich/Metzler«. Im Tanzsaal ein Kohleofen. Spiegel. Bänke. Alles sehr sauber. Zwei Stockwerke darüber wohnt seit 1976 der Tanzlehrer. Er ist schon 70, aber noch schlank und beweglich. Einer von der alten Schule, wie er sagt, fast 40 Jahre Berufserfahrung. Aber immer noch nicht auf dem Marktwirtschaftskurs Westberliner Schulen. »Die lassen von einem Assistenten die Schritte zeigen. Wenn’s ein Schüler nicht gleich kapiert, kommt er wie bei der Fahrschule noch mal und bezahlt noch mal. Und ich, ich habe immer auf die Hände der jungen Leute geschaut. Wer die Hände nass schwitzt, mit dem habe ich hinterher lange geredet. Einen Kohlenträger hatte ich mal, sein Mädchen war eine von der Bauakademie. Wenn ich den nur anguckte, lief ihm schon der Schweiß … Dem habe ich Selbstbewusstsein beigebracht. Und heute kann der sich mit ’nem Minister oder Professor unterhalten. Und ist immer noch Kohlenträger. Der bringt die Kohlen auch zu mir. Ich muss ja alles mit Kohle heizen, den Saal unten, die Wohnung oben. Eimer für Eimer hochschleppen. Heizer und Reinemachefrau |33|bin ich und Lehrer. Sonst könnt ich die Tanzschule nicht halten, hier neben den reichsten Leuten von Berlin.«

Und er möchte noch so lange wie möglich in der Friedrichstraße wohnen, beobachten, wenn die ersten Manager, Millionäre und Mätressen in die Luxuswohnungen gegenüber einziehen. »Und ich sitze hier oben auf dem Balkon und will’s genießen, wenn unten die Kunden aus aller Welt einkaufen. Und ich nebenan im kleinen Café noch eine Tasse für 1,50 kriege. Was will ich mehr?«

Nebenan in der Friedrichstraße 165 gibt’s wirklich noch einen Kaffee für eins fuffzig. Vor dem Haus hängt eine lange gelbe Fahne. Darauf steht in großen Buchstaben »Haus der Demokratie. Seit 1989 Zentrum der Bürgerbewegung. Ort der Begegnung zwischen Ost und West«. Auf der Tafel im Eingang über 50 Vereine, Organisationen und Bewegungen, die hier Asyl gefunden haben oder (fast) Hausherren sind: Anti-Atom-Laden, Nichtraucherbund, Anti-Tunnel-GmbH, Weibblick, Neues Forum, Böll-Stiftung … Vorerst könnten sie aufatmen, erzählt Erhard Otto Müller, der »Intendant« des Hauses. Das Haus hätte zusammen mit jenen Immobilien, die erst einige Wochen nach Gründung der DDR enteignet worden wären, auf der Liste 3 gestanden. Doch nun sei entschieden, dass die Enteignung rechtens gewesen wäre. »Und die Straße des Großkapitals wird sich damit abfinden müssen, dass ein unruhiges Haus der Demokratie mittendrin steht. Und wir werden es lernen müssen, Demokratie zu vermarkten, will sagen, es muss Leute geben, die Seidenkrawatten verkaufen, und andere, die Demokratie verkaufen. Wir wollen das Augenzwinkern der Friedrichstraße bleiben.«

|34|Kein Augenzwinkern vor der Nobelabsteige der Friedrichstraße, dem Grand Hotel. Die Prostituierten, Seismographen für den Gang der Geschäfte, sind schon vor zwei Jahren aus der Gegend verschwunden. Ein Zimmer im Hotel kostet um die 400 DM, die Schinkel-Suite 3.400. Mitten in der Hotelhalle thront eine imposante Freitreppe, drum herum wie Ränge im Theater die Zugänge zu den Suiten, Swimmingpool und Restaurants. Gediegene, nicht protzige Innenarchitektur. Im Zimmer eine frische Orchidee, als Symbolblume des Hauses findet sie sich auch auf Fliesen und Handtüchern.

Ich laufe stundenlang durch die Hotelräume, möchte die Einmaligkeit für mich genießen. Erst spät nach Mitternacht trinke ich mit einem jungen Mann, der den Abend lang von Tisch zu Tisch gewechselt war, einen Wodka. Mir hätte er angesehen, sagt er lächelnd, dass ich kein potentieller Kunde für ihn sei. Nach dem dritten Glas stellt er sich vor: Klaus Landauer. Er würde im Maklerauftrag Büros in der Friedrichstraße verkaufen. Und zwar billiger, als sie offiziell gehandelt würden. Von den geplanten 100 DM wäre man inzwischen bei 60 DM angekommen. Er würde Kunden aber schon auf eine 40-DM-Warteliste setzen können. Ich frage ihn nach Wohnungen. Für einen Single etwa 3.000 DM …

Am nächsten Tag endet mein Berlin-Aufenthalt. Ich laufe noch einmal über die Weidendammer Brücke in den Norden der Friedrichstraße, schaue mir mein Zimmer im »Amadeus« von außen an und fahre dann zum früher in Westberlin gelegenen Südteil der Friedrichstraße: Checkpoint Charlie bis Mehringplatz. Kleine Geschäfte wie im Norden, aber sauberer, langweiliger. |35|Arbeitsamt. Polizeirevier. Und hässliche Neubauten aus den siebziger Jahren, gegen die Honeckers »Usbekischer Bahnhof« ein architektonisches Juwel war. An einem Rondell gelb-brauner Sozialwohnungen endet die ...

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