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Urbat

Inhaltsübersicht

KAPITEL 1 Der verlorene Sohn

KAPITEL 2 Leere Versprechungen

KAPITEL 3 Tabula rasa

KAPITEL 4 Göttliche Einmischung

KAPITEL 5 Die Liebe jedoch, sie hört niemals auf

KAPITEL 6 Die Wundertätige

KAPITEL 7 Verpflichtungen

KAPITEL 8 Versuchung

KAPITEL 9 Thanksgiving

KAPITEL 10 Unerwartet

KAPITEL 11 Offenbarung

KAPITEL 12 Unbeantwortete Fragen

KAPITEL 13 Hunde des Himmels

KAPITEL 14 Ungeahnte Höhen

KAPITEL 15 Das verirrte Schaf

KAPITEL 16 Ungelöst

KAPITEL 17 Wolf im Schafspelz

KAPITEL 18 Das Buch der Geheimnisse

KAPITEL 19 Die Wahl

KAPITEL 20 Ängste

KAPITEL 21 Hoffnungslos

KAPITEL 22 Alpha und Omega

KAPITEL 23 Wahrheit

KAPITEL 24 Immer

KAPITEL 25 Der Andere

KAPITEL 26 Held

KAPITEL 27 In Ungnade fallen

KAPITEL 28 Erlösung

Danksagung

Leseprobe Band 2: "Der verlorene Bruder"

 

Für Brick

 

Weil du irgendwann vor all den Jahren

dieses Laptop mit nach Hause brachtest und sagtest:

»Jetzt fang endlich an zu schreiben.«

I.L.D.S. V. W.E.Z.M.U. W.Z.

 

Für immer

Bree

 

Opfer

 

Mein Mund ist mit Blut gefüllt. Feuer verbrennt meine Adern. Ich unterdrücke einen Schrei. Der silberne Dolch gleitet ab. Ich habe die Wahl.

Ich bin der Tod oder das Leben. Ich bin Heil oder Zerstörung. Engel oder Dämon.

Ich bin die Gnade.

Ich stoße das Messer hinein.

Dies ist mein Opfer.

Ich bin das Monster.

KAPITEL 1

Der verlorene Sohn

Nach dem Mittagessen

 

»Grace! Hast du schon den Neuen in unserer Klasse gesehen?« April lief mir im Flur der Unterstufe entgegen. Manchmal erinnerte sie mich an den Cockerspaniel, den ich früher einmal hatte – bei jeder Gelegenheit zitterte sie vor lauter Aufregung am ganzen Leib.

»Der schärfste Typ, den man je gesehen hat?« Ich ließ beinahe meinen Rucksack fallen. Blödes Spindschloss.

»Im Gegenteil. Der Kerl ist echt übel. Ist in letzter Zeit zweimal von der Schule geflogen, und Brett Johnson sagt, dass er unter Bewährung steht.« April grinste. »Außerdem weiß doch jeder, dass Jude der schärfste Typ von allen ist.« Sie stieß mir in die Seite.

Jetzt fiel mir der Rucksack endgültig aus der Hand. Die Schachtel mit Pastellkreiden knallte auf den Boden. »Nicht, dass ich wüsste«, schimpfte ich und ging in die Hocke, um meine zerbrochenen Kreidestücke wieder aufzusammeln. »Jude ist mein Bruder, oder hast du das vergessen?«

April rollte mit den Augen. »Er hat doch hoffentlich beim Mittagessen nach mir gefragt, oder?«

»Ja, klar«, erwiderte ich und sortierte meine Kreiden, »er fragte: ›Wie geht’s April?‹, und ich antwortete: ›Bestens.‹ Und dann hat er mir die Hälfte von seinem Truthahn-Sandwich abgegeben.« Ich schwöre, wenn an April auch nur irgendwas faul gewesen wäre, hätte ich mir Sorgen machen müssen, dass sie nur deswegen mit mir befreundet war, um sich an meinen Bruder ranzumachen – wie mindestens die Hälfte aller anderen Mädchen auf der Schule.

»Beeil dich«, sagte sie und blickte über ihre Schulter.

»Du könntest mir ja auch helfen«, gab ich zurück und wedelte mit einer zerbrochenen Kreide vor ihrem Gesicht herum. »Ich hab sie gerade eben auf dem Rückweg vom Café gekauft.«

April kauerte sich hin und hob eine blaue Kreide auf. »Was willst du überhaupt damit? Ich dachte, du arbeitest mit Kohle.«

»Ich krieg das Bild nicht richtig hin.« Ich pflückte ihr das Kreidestück aus den Fingern und legte es zurück in die Schachtel. »Ich fang noch mal von vorne an.«

»Aber es muss doch morgen fertig sein.«

»Ich kann’s aber nicht abgeben, wenn es nicht gut ist.«

»So schlimm sieht es doch gar nicht aus«, erwiderte April. »Dem neuen Typen scheint es zumindest zu gefallen.«

»Wie bitte?«

April schnellte hoch und fasste meinen Arm. »Na komm schon, das musst du sehen.« Sie stürmte auf den Kunstraum zu und zog mich hinter sich her.

Ich hielt meine Pastellkreiden fest. »Du hast echt ’nen Knall.«

April lachte und lief schneller.

»Da ist sie ja«, rief Lynn Bishop, als wir um die Ecke in die Kunstabteilung bogen. Eine Gruppe von Schülern hatte sich mitten vor der Tür versammelt. Sie wichen zur Seite, als wir näher kamen. Jenny Wilson sah mich an und flüsterte Lynn etwas zu.

»Was gibt’s denn so Spannendes?«, fragte ich.

April deutete mit dem Finger darauf. »Das da.«

Ich blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn an. Dieser Typ überschritt mit seinem zerlöcherten Wolfsbane T-Shirt und den schwarzen, schmuddeligen und an den Knien aufgescheuerten Jeans die zulässigen Grenzen der akzeptierten Kleidung an der Holy Trinity bei Weitem. Das zottelige, schwarz gefärbte Haar verdeckte sein Gesicht und er hielt einen großen Bogen Papier in seinen blassen, weißen Händen.

Es war meine Kohlezeichnung, und er saß auf meinem Platz.

Ich verließ die Gruppe der Schaulustigen und lief zu meinem Tisch. »Entschuldige, aber hier sitze ich.«

»Dann musst du Grace sein«, sagte er ohne aufzuschauen. Irgendetwas an seiner Reibeisenstimme ließ die Haare auf meinen Armen zu Berge stehen.

Ich trat einen Schritt zurück. »Woher kennst du meinen Namen?«

Er deutete auf das aufgeklebte Namensschild an meinem Werkzeugbehälter, den ich während der Mittagspause stehen gelassen hatte. »Grace Divine«, schnaubte er. »Die Gnade Gottes. Haben deine Eltern vielleicht irgend so ’nen religiösen Fimmel? Ich wette, dein Dad ist Theologe.«

»Pastor, genauer gesagt, aber das geht dich gar nichts an.«

Er hielt meine Zeichnung in den Händen. »Grace Divine. Sie erwarten bestimmt Großes von dir.«

»Das tun sie. Und jetzt zieh Leine.«

»Deine Zeichnung ist alles andere als gelungen«, sagte er. »Du hast die Zweige hier ganz falsch angebracht, und diese Verwachsung da müsste nach oben zeigen statt nach unten.« Mit seinen dünnen Fingern nahm er einen meiner Kohlestifte und fing an, auf dem Blatt herumzukritzeln.

Ich war von seiner Dreistigkeit ziemlich schockiert, konnte jedoch kaum glauben, mit welcher Eleganz er die Kohlezeichnung durch ein paar feine Linien hier und ein paar dicke Striche dort zu einem eindrucksvollen Astwerk verwandelte. Derselbe Baum, an dem ich mich die ganze Woche über verzweifelt abgemüht hatte, wurde auf dem Blatt Papier plötzlich zu Leben erweckt. Er benutzte die Spitze seines kleinen Fingers, um die Kohle am Rand des Baumstammes zu verwischen – ein absolutes »So machen wir es nicht« in Barlows Klasse –, doch dieser grobe Eingriff ließ die Borke des Baums genau richtig aussehen. Ich sah zu, wie er an der Unterseite der Zweige eine Schattierung anbrachte, und dann fing er auch noch an, eine Verästelung am untersten Zweig zu bearbeiten. Woher konnte er bloß wissen, wie sie aussehen musste?

»Hör auf«, sagte ich. »Es ist meine Zeichnung, gib sie mir zurück.« Ich griff nach dem Papierbogen, doch er zog ihn weg. »Her damit!«

»Küss mich«, sagte er.

Ich hörte, wie April aufheulte.

»Wie bitte?«, fragte ich.

Er beugte sich über die Zeichnung. Sein Gesicht war noch immer von zotteligen Haaren verdeckt, ein schwarzer Anhänger aus Stein lugte unter dem Kragen seines T-Shirts hervor. »Küss mich, und ich geb sie dir zurück.«

Ich griff nach seiner Hand, die den Kohlestift festhielt. »Was glaubst du eigentlich, wer du bist?«

»Dann erkennst du mich also nicht wieder?« Er blickte auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Seine Wangen waren blass und eingefallen. Der Anblick seiner Augen hingegen verschlug mir den Atem. Dieselben dunklen Augen, die ich immer ›Schlammtörtchen‹ genannt hatte.

»Daniel?« Ich ließ seine Hand los. Der Kohlestift fiel klirrend auf den Tisch. Eine Million Fragen jagten gleichzeitig durch mein Gehirn. »Weiß Jude, dass du hier bist?«

Daniel legte die Finger um den schwarzen Anhänger, der an seinem Hals baumelte. Seine Lippen öffneten sich leicht, so als ob er sprechen wollte. Doch dazu kam es nicht.

Mr Barlow stand vor uns und hielt die Arme vor seiner fassartigen Brust verschränkt.

»Ich hatte Sie doch gebeten, sich beim Vertrauenslehrer zu melden, bevor Sie hier am Unterricht teilnehmen«, sagte er zu Daniel. »Wenn Sie meinen Wunsch nicht respektieren können, junger Mann, dann gehören Sie vielleicht nicht hierher.«

»Ich wollte gerade gehen.« Daniel schob seinen Stuhl zurück und verbarg sich hinter mir. Sein gefärbtes Haar fiel noch immer über seine Augen. »Bis später, Gracie!«

Ich blickte auf die Kohlezeichnung, die er liegen gelassen hatte. Die schwarzen Linien verschlangen sich zur Silhouette eines einzelnen, mir sehr vertrauten Baumes. Ich stürzte an Mr Barlow und den Schülern vor der Tür vorbei in den Flur hinaus. »Daniel!«, rief ich. Doch der Korridor war leer.

Daniel hatte Talent, wenn es ums Verschwinden ging. Das konnte er am besten.

 

Abendessen

 

Ich lauschte den Messern und Gabeln, die auf den Tellern herumklirrten, und fürchtete mich vor meinem Beitrag zum berüchtigten Tagesritual der Familie Divine – dem ›Und was hast du heute so gemacht?‹-Bestandteil des Abendessens.

Dad war zuerst an der Reihe. Er war ziemlich beschäftigt mit der Spendenaktion der Gemeinde. Ich bin sicher, dass es eine willkommene Abwechslung für ihn war. In letzter Zeit hatte er sich so oft in seinem Arbeitszimmer verkrochen, dass Jude und ich schon witzelten, er würde wohl versuchen, seine eigene Religion zu gründen. Mom berichtete von ihrem neuen Assistenzarzt in der Klinik und erzählte, dass James im Kindergarten die Worte ›Erbsen‹, ›Apfel‹ und ›Schildkröte‹ gelernt habe. Charity konnte vermelden, dass sie eine Eins für ihre naturwissenschaftliche Prüfung bekommen hatte.

»Ich konnte fast alle meine Freunde überreden, Mäntel und Jacken für die Kleiderspende abzugeben«, verkündete Jude, während er James’ Hackbraten in kleine, mundgerechte Häppchen zerteilte.

Ich war keineswegs überrascht. Einige Leute in Rose Crest behaupteten, dass Judes Gutherzigkeit nur Schauspielerei sei, doch er war wirklich ein guter Mensch. Ich meine, wer käme sonst auf die Idee, die Freizügigkeit des letzten Schuljahrgangs gegen ein Selbststudium in der Gemeinde einzutauschen, und das an drei Nachmittagen der Woche? Oder das Hockey-Auswahlteam und all die Freunde dort sausen zu lassen, weil er nicht bereit war, die erforderliche Aggressivität an den Tag zu legen?

Manchmal war es nicht leicht, seine jüngere Schwester zu sein, doch es war beinahe unmöglich, Jude nicht gern zu haben.

Ich mochte gar nicht daran denken, was meine Neuigkeiten für ihn bedeuten könnten.

»Das ist ja fantastisch«, sagte Dad zu Jude.

»Yeah.« Er grinste. »Gestern hab ich erzählt, dass ich eine Jacke spenden würde, und dann alle gebeten, auch was beizutragen.«

»Und von welcher Jacke willst du dich trennen?«, fragte Mom.

»Von der roten.«

»Deine North Face? Aber die ist doch praktisch wie neu.«

»Ich hab sie in den letzten drei Jahren aber kaum getragen. Es kommt mir ziemlich egoistisch vor, sie in meinem Schrank hängen zu haben, wenn jemand anderes sie vielleicht brauchen kann.«

»Jude hat recht«, sagte Dad. »Wir brauchen wirklich Qualitätskleidung. Wir haben noch nicht mal Thanksgiving und die Wettervorhersage redet jetzt schon vom nächsten Rekordwinter.«

»Ja!«, jubelte Charity. Mom grummelte in sich hinein. Sie konnte nie verstehen, wieso die Menschen in Minnesota es immer so sehr auf eine Rekordkälte absahen.

Ich schob mein Kartoffelpüree auf dem Teller herum, als Dad sich an mich wandte, um die Frage zu stellen, auf die ich so überhaupt nicht erpicht war. »Du bist ja heute Abend ziemlich still, Grace. Wie war dein Tag?«

Ich legte meine Gabel weg. Als ich ein Stückchen Hackbraten runterschluckte, fühlte es sich in meiner Kehle wie Styropor an. »Ich habe heute Daniel getroffen.«

Mom schaute auf, während sie James gerade davon abhalten wollte, sein Essen quer über den Tisch zu spucken. In ihren Augen lag dieser Blick, der besagte: Wir erwähnen diesen Namen nicht in unserem Haus.

Wir konnten uns an unserem Küchentisch eigentlich über alles Mögliche unterhalten: Tod, Teenager-Schwangerschaften, Politik und sogar religiös bedingtes Unrecht im Sudan – doch es gab ein Thema, das niemals mehr erwähnt wurde: Daniel.

Dad wischte sich mit der Serviette über den Mund. »Grace und Jude, ich könnte euch morgen Nachmittag gut in der Gemeinde brauchen. Unsere Wohltätigkeitsaktion hat großen Anklang gefunden. Ich kann vor lauter Maiskonserven kaum noch mein Arbeitszimmer betreten.« Er gab ein kleines Kichern von sich.

Ich räusperte mich. »Ich habe mit ihm gesprochen.«

Dads Lachen erstickte.

»Wow«, sagte Charity, während ihre Gabel auf halbem Weg zum Mund in der Luft hängen blieb. »Das nenn ich mal eine Offenbarung, Grace.«

Jude schob seinen Stuhl zurück. »Wollt ihr mich bitte entschuldigen?«, fragte er und legte seine Serviette auf den Tisch. Er wartete die Antwort nicht ab und verließ die Küche.

Ich sah zu Mom herüber. Jetzt sieh nur, was du angerichtet hast, schien ihr Blick zu sagen.

»Erbsen!«, rief James und warf eine Handvoll in mein Gesicht.

»Tut mir leid«, flüsterte ich und stand vom Tisch auf.

 

Später

 

Ich fand Jude draußen auf der Veranda vor dem Haus; er hatte sich in die blaue Decke gewickelt, die sonst immer auf der Couch lag. Sein Atem bildete weiße Wölkchen vor seinem Gesicht.

»Es ist eiskalt, Jude. Komm wieder rein.«

»Ich bin okay.«

Ich wusste, dass es nicht stimmte. Es gab nur wenige Dinge, über die Jude sich wirklich aufregte. Er mochte es nicht, wenn die Mädchen in der Schule irgendeinen Mist erzählten und es dann mit einem ›War ja nur ein Scherz‹ abtaten. Er hasste es, wenn irgendwer Gott lästerte, und er hatte überhaupt kein Verständnis für Leute, die behaupteten, das Eishockeyteam der Minnesota Wild würde niemals den Stanley Cup gewinnen. Aber Jude fing nicht an herumzubrüllen, wenn ihm etwas nicht passte. Im Gegenteil, er wurde ganz still und in sich gekehrt.

Ich rieb mir wärmend über die Arme und setzte mich neben Jude auf die Stufen. »Tut mir leid, dass ich mit Daniel gesprochen habe. Ich wollte dich nicht aufregen.«

Jude massierte sich die parallel verlaufenden Narben auf dem linken Handrücken. Das tat er ziemlich häufig. Ich fragte mich, ob es ihm überhaupt bewusst war. »Ich bin nicht sauer«, sagte er schließlich. »Ich mache mir Sorgen.«

»Wegen Daniel?«

»Deinetwegen.« Jude sah mir in die Augen. Wir hatten dieselbe römische Nase und dasselbe dunkelbraune Haar, doch besonders die Ähnlichkeit unserer veilchenblauen Augen war mir immer etwas unheimlich – insbesondere jetzt, da ich sah, wie viel Schmerz in seinem Blick lag. »Ich weiß, was er dir bedeutet …«

»Bedeutet hat. Das liegt mehr als drei Jahre zurück. Damals war ich noch ein Kind.«

»Das bist du immer noch.«

Ich wollte irgendetwas Schnippisches erwidern wie Guck dich doch selbst an, zumal er kaum ein Jahr älter war als ich. Mir war jedoch klar, dass er es nicht böse gemeint hatte. Ich wünschte mir nur, Jude hätte endlich kapiert, dass ich fast siebzehn war. Schon seit fast einem Jahr war ich mit Jungs ausgegangen, und Auto fahren konnte ich auch schon.

Kalte Luft zog durch meinen dünnen Baumwollpulli. Ich wollte gerade reingehen, als Jude meine Hand nahm. »Gracie, würdest du mir etwas versprechen?«

»Was denn?«

»Wenn du Daniel das nächste Mal siehst, versprichst du mir, nicht mit ihm zu reden?

»Aber …«

»Hör mir zu«, sagte er. »Daniel ist gefährlich. Er ist nicht mehr derselbe Mensch, der er mal war. Versprich mir, dass du dich von ihm fernhältst.«

Ich kreuzte die Finger unter den Falten der Decke.

»Ich meine es ernst, Grace. Du musst es mir versprechen.«

»Okay, in Ordnung. Ich verspreche es.«

Jude drückte meine Hand und blickte in die Ferne. Es schien, als reiche sein Blick eine Million Meilen weit weg, doch ich wusste, dass er auf dem verwitterten Walnussbaum ruhte, der unser Grundstück von dem unseres Nachbarn trennt. Dieser Baum war es, den ich im Kunstunterricht zu zeichnen versucht hatte. Ich fragte mich, ob Jude wohl an die Nacht vor drei Jahren zurückdachte, als er Daniel zum letzten Mal gesehen hatte. Das letzte Mal, dass ihn überhaupt jemand von uns gesehen hatte.

»Was ist geschehen?«, flüsterte ich. Es hatte lange gedauert, bis ich mich traute, diese Frage zu stellen. Meine Familie hatte so getan, als sei gar nichts gewesen. Doch gar nichts konnte nicht ausreichend erklären, wieso Charity und ich für drei Wochen zu unseren Großeltern geschickt worden waren. Familien hörten nicht einfach auf, über etwas zu reden, was gar nichts war. Und gar nichts konnte auch nicht die schmale weiße Narbe über dem linken Auge meines Bruders erklären – ähnlich denen auf seiner Hand.

»Man soll den Toten nichts Böses nachsagen«, murmelte Jude.

Ich schüttelte den Kopf. »Daniel ist nicht tot.«

»Für mich schon.« Judes Gesicht war ausdruckslos. So hatte ich ihn noch niemals reden gehört.

Ich sog einen Hauch der kalten Luft ein und starrte ihn an, wünschte mir, die Gedanken hinter seinem versteinerten Ausdruck lesen zu können. »Du weißt doch, dass du mir alles erzählen kannst?«

»Nein, Gracie. Das kann ich überhaupt nicht.«

Seine Worte trafen mich. Ich zog meine Hand weg. Ich wusste nicht, wie ich sonst hätte reagieren sollen.

Jude stand auf. »Lass es gut sein«, sagte er sanft und legte die Decke um meine Schultern. Er lief die Stufen hinauf, und ich hörte, wie die Fliegengittertür klickend ins Schloss fiel. Das bläuliche Licht des Fernsehers flackerte durch das Vorderfenster.

Ein großer schwarzer Hund trottete über die verlassene Straße. Er blieb unter dem Walnussbaum stehen und blickte in meine Richtung. Die Zunge hing ihm hechelnd aus dem Maul. Seine Augen ruhten auf mir, funkelten bläulich. Meine Schultern fielen zitternd herab, und ich lenkte meinen Blick auf den Baum.

Kurz vor Halloween hatte es schon geschneit, doch ein paar Tage später war alles wieder weggeschmolzen gewesen. Bis Weihnachten würde es jetzt wohl kaum wieder schneien. In der Zwischenzeit würde auf unserem Grundstück alles braun und gelb und verkrustet bleiben, mit Ausnahme des Walnussbaums, der im Wind knarrte. Er war weiß wie Asche und wirkte im Licht des Vollmonds wie ein schwankendes Gespenst.

Daniel hatte recht, was meine Zeichnung betraf. Die Zweige waren alle falsch und die Verästelung am unteren Ende hätte nach oben weisen müssen. Mr Barlow hatte uns gebeten, etwas zu zeichnen, was uns an unsere Kindheit erinnerte. Als ich auf meinen Papierbogen gestarrt hatte, hatte ich einzig den alten Baum vor mir gesehen. Im Laufe der letzten drei Jahre hatte ich mir angewöhnt, wegzuschauen, wenn ich an ihm vorbeiging. Es hatte wehgetan, daran zu denken – an Daniel zu denken. Als ich jetzt auf der Veranda saß und den alten Baum im Mondlicht schwanken sah, schien er mein Gedächtnis zu durchwirbeln, sodass ich schließlich nicht anders konnte, als mich zu erinnern.

Als ich aufstand, rutschte mir die Decke von den Schultern. Ich blickte mich um zum Vorderfenster und dann wieder auf den Baum. Der Hund war verschwunden. Es mag vielleicht seltsam klingen, aber ich war froh, dass mich der Hund nicht dabei beobachtete, wie ich um die Ecke der Veranda lief und mich zwischen die Berberitzenbüsche hockte. Ich ignorierte, dass ich mir eine fiese kleine Hautabschürfung an der Hand zuzog, als ich unterhalb der Veranda nach etwas tastete, von dem ich nicht mal sicher war, ob es sich überhaupt noch dort befand. Meine Fingerspitzen berührten etwas Kaltes. Ich schob die Hand weiter hinein und zog es heraus.

Die alte Frühstücksbox aus Metall fühlte sich in meinen Händen wie ein Eisblock an. Sie war mit Rostflecken übersät, doch noch immer konnte ich das verblichene Micky-Maus-Logo erkennen, als ich den Schmutz mehrerer Jahre vom Deckel wischte. Die Dose stammte aus einer Zeit, die längst vergangen schien. Damals diente sie als Schatzkiste, in der Jude, Daniel und ich unsere speziellen Gegenstände aufbewahrten, wie Buttons, Baseball-Sammelkarten oder den komischen langen Zahn, den wir in den Wäldern hinter dem Haus gefunden hatten. Doch nun glich sie eher einem kleinen Metallsarg, einer Dose voller Erinnerungen, die ich lieber tot gesehen hätte.

Ich öffnete die Dose und zog ein zerfleddertes Skizzenbuch mit Ledereinband hervor. Ich blätterte durch die halbvermoderten Seiten, bis ich auf die letzte Zeichnung stieß. Es war ein Gesicht, das ich wieder und wieder gezeichnet hatte, weil es mir nie ganz richtig gelungen war. Damals hatte er so blondes Haar, dass es fast weiß erschien, nicht zottelig und schwarz und ungewaschen wie jetzt. Er hatte ein Grübchen am Kinn, und sein Lächeln wirkte ironisch, ja beinahe verschlagen. Doch seine Augen hatten mich immer gefesselt. Ich konnte ihre Abgründe mit meinen einfachen Bleistiftstrichen niemals einfangen. Seine Augen waren so dunkel, so tief. Wie der dicke Schlamm am See, in den wir immer unsere Zehen hatten sinken lassen – es waren Augen wie Schlammtörtchen.

 

Erinnerungen

 

»Du willst sie? Dann komm und hol sie dir.« Daniel verbarg die Flasche mit Terpentinöl hinter seinem Rücken und machte einen Ausfallschritt, so als ob er weglaufen wollte.

Ich verschränkte die Arme und lehnte mich gegen den Baumstamm. Ich hatte ihn schon ein paar Mal quer durchs Haus, über den Hof und um den Baum herum gejagt, und zwar deswegen, weil er sich in die Küche geschlichen und ohne ein Wort zu sagen meinen Farbverdünner geklaut hatte, während ich an meinen Hausaufgaben saß. »Gib’s mir zurück! Sofort.«

»Küss mich«, erwiderte Daniel.

»Wie bitte?«

»Küss mich, und ich gebe sie dir zurück.« Er befühlte den halbmondförmigen Auswuchs am untersten Ast des Baums und grinste mich verschlagen an. »Du willst es doch auch.«

Meine Wangen erröteten. Ich wollte ihn tatsächlich mit all der Sehnsucht meines elfeinhalbjährigen Herzens küssen, und ich wusste, dass er es wusste. Daniel und Jude waren schon im Alter von zwei Jahren die besten Freunde geworden, und ich, nur ein Jahr jünger, war hinter ihnen hergedackelt, seit ich laufen konnte. Jude hatte es nichts ausgemacht, mich im Schlepptau zu haben. Daniel hatte es gehasst, doch andererseits konnte nur ein Mädchen die Rolle von Königin Amidala übernehmen, wenn Daniel Anakin war und Jude Obi-Wan Kenobi. Und trotz Daniels Hänseleien war er der Erste, in den ich mich richtig verguckt hatte.

»Ich verpetz dich«, sagte ich wenig überzeugend.

»Machst du ja doch nicht.« Daniel lehnte sich vor, immer noch grinsend. »Jetzt küss mich.«

»DANIEL!«, kreischte seine Mutter aus dem offenen Fenster ihres Hauses. »Du kommst besser rein und wischst die Farbe weg.«

Daniel schnellte hoch, seine Augen waren vor Angst geweitet. Er blickte auf die Flasche in seiner Hand. »Bitte, Gracie?! Ich brauche sie.«

»Du hättest mich ja gleich fragen können.«

»KOMM SOFORT REIN, JUNGE!«, brüllte sein Vater aus dem Fenster.

Daniels Hände zitterten. »Darf ich?«

Ich nickte, und er rannte ins Haus. Ich versteckte mich hinter dem Baum und lauschte, wie sein Vater ihn ausschimpfte. Ich weiß nicht mehr, was Daniels Vater gesagt hatte. Es waren nicht seine Worte, die mich erschütterten, sondern der Klang seiner Stimme: Sie wurde immer tiefer und glich mehr und mehr einem bösartigen Knurren.

Ich ließ mich ins Gras sinken, zog die Beine an meine Brust und wünschte, dass ich etwas hätte tun können, um ihm zu helfen.

 

Das alles geschah fünfeinhalb Jahre, bevor ich ihn am heutigen Tag in Barlows Klasse wiedertraf. Zwei Jahre und sieben Monate, bevor er verschwand. Doch nur ein Jahr, bevor er zu uns zog und bei uns lebte. Ein Jahr, bevor er zu unserem Bruder wurde.

KAPITEL 2

Leere Versprechungen

Nächster Tag, vierte Stunde

 

Meine Mutter hatte so eine komische Regel, was Geheimnisse betraf. Als ich vier war, hatte sie mich beiseite genommen und mir eingeschärft, dass ich niemals ein Geheimnis für mich behalten dürfe. Ein paar Minuten später war ich zu Jude marschiert und hatte ihm verraten, dass meine Eltern vorhatten, ihm eine Lego-Burg zum Geburtstag zu schenken. Jude hatte zu weinen angefangen, und Mom hatte sich zu mir gesetzt und mir erklärt, dass es sich bei einer Überraschung um etwas handele, wovon letztlich jeder erfahren würde, ein Geheimnis aber etwas sei, das niemand jemals herausfinden sollte. Sie sah mir in die Augen und sagte in diesem durch und durch ernsthaften Ton, dass Geheimnisse etwas Falsches seien und niemand das Recht habe, mich darum zu bitten, ein Geheimnis zu bewahren.

Ich wünschte, ihre Regel hätte auch für Versprechen gegolten.

Es gibt ein Problem mit Versprechen: Hat man einmal eins abgelegt, so ist es dazu bestimmt, gebrochen zu werden. Es ist wie ein ungeschriebenes kosmisches Gesetz. Wenn Dad zum Beispiel sagt: »Versprich mir, dass du nicht zu spät zum Abendgebet kommst«, so hat mit Sicherheit das Auto eine Panne, oder deine Armbanduhr bleibt wie durch ein Wunder stehen, und da deine Eltern sich weigern, dir ein Handy zu geben, kannst du auch nicht mal eben anrufen und ihnen mitteilen, dass du dich verspätest.

Ganz im Ernst: Niemand sollte das Recht haben, dir das Einhalten eines Versprechens abzuverlangen – insbesondere, wenn er oder sie dabei nicht alle Fakten einkalkuliert.

Es war total unfair von Jude, mir das Versprechen abzunehmen, überhaupt keinen Kontakt mehr mit Daniel zu haben. Er hatte dabei vergessen, dass Daniel jetzt wieder auf unserer Schule war. Er hatte nicht dieselben Erinnerungen wie ich. Ich hatte gar nicht vorgehabt, wieder mit Daniel zu reden, das Problem dabei war jedoch: Ich hatte Angst davor, was ich vielleicht tun würde, gerade weil Jude mir das Versprechen abgenommen hatte, nicht mit Daniel zu reden.

Die Angst nahm mir fast den Atem, als ich draußen vor der Tür zum Kunstraum stand. Meine verschwitzte Handfläche glitt am Türknauf ab, als ich versuchte, ihn herumzudrehen. Schließlich stieß ich die Tür auf und blickte zum Tisch in der ersten Reihe.

»Hallo, Grace«, sagte jemand.

Es war April. Sie saß direkt neben meinem leeren Platz und ließ ihre Kaugummiblase platzen, während sie ihre Pastellkreiden auspackte. »Hast du gestern Abend die Dokumentation über Edward Hopper gesehen, die wir uns anschauen sollten? Mein DVD-Player hat seinen Geist aufgegeben.«

»Nein, ich hab’s verpasst.« Ich sah mich im Raum nach Daniel um. Lynn Bishop saß in der letzten Reihe und quatschte mit Melissa Harris. Mr Barlow werkelte am Schreibtisch an seiner neuesten ›recycling-freundlichen‹ Skulptur herum, und ein paar Schüler trudelten gerade kurz vor dem Klingelzeichen im Klassenraum ein.

»Oh Mist, glaubst du, dass wir vielleicht einen Test schreiben?«, fragte April.

»Wir sind hier im Kunstunterricht. Wir malen Bilder und hören dabei klassischen Rock.« Ich checkte noch mal den Raum ab. »Ich bezweifle, dass es hier Tests gibt.«

»Hey, du bist aber heute ganz schön mies drauf.«

»Tut mir leid.« Ich nahm meinen Werkzeugbehälter aus der Ablage und setzte mich auf den Platz neben April. »Mir geht momentan viel durch den Kopf.«

Meine Baum-Zeichnung lag ganz oben in dem Behälter. Ich versuchte, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich sie hasste. Ich war sicher, dass ich sie in Stücke reißen und wegwerfen sollte. Doch stattdessen nahm ich sie in die Hand und verfolgte die perfekten Linien, wobei meine Finger gerade so über dem Papierbogen schwebten, dass ich die Kohlestriche nicht verwischte.

»Ich verstehe nicht, wieso dir überhaupt was an ihm liegt«, sagte April – zum sechsten Mal seit gestern. »Hast du nicht gesagt, dieser Daniel sei ein scharfer Typ?«

Ich starrte auf meine Zeichnung. »Das war er mal.«

Mit leichter Verspätung ertönte das Klingelzeichen. Ein paar Sekunden später öffnete sich quietschend die Tür. Ich blickte auf und hoffte, Daniel zu sehen. Genauso, wie ich damals gehofft hatte, ihm unversehens im Einkaufszentrum zu begegnen oder ihn irgendwo in der Stadt um eine Ecke biegen zu sehen, nachdem er so einfach verschwunden war.

Doch es war Pete Bradshaw, der zur Tür hereinkam. In der vierten Stunde half er immer im Sekretariat aus. Er winkte April und mir zu, bevor er Mr Barlow eine Nachricht überbrachte.

»Na, der ist süß«, flüsterte April und winkte zurück. »Ich kann gar nicht fassen, dass du im Chemieunterricht immer mit ihm zusammenarbeitest.«

Gerade wollte ich ihm auch zuwinken, verspürte aber plötzlich dieses flaue Gefühl in der Magengegend. Pete legte die Nachricht auf Barlows Schreibtisch und kam zu uns herüber.

»Wir haben dich gestern Abend vermisst«, sagte er zu mir.

»Gestern Abend?«

»Die Bibliothek. Unsere Arbeitsgruppe für die Chemie-Prüfung.« Pete klopfte mit den Fingern auf den Tisch. »Du solltest doch die Donuts mitbringen.«

»Ach, echt?« Das flaue Gefühl verstärkte sich. Ich hatte gestern Abend auf der Veranda gesessen und an Daniel gedacht, bis ich fast zu einem Eis am Stiel gefroren war, und darüber hatte ich die Arbeitsgruppe völlig vergessen – und die Prüfung. »Tut mir leid. Mir ist was dazwischen gekommen.« Ich nestelte an meinem Bild herum.

»Macht nichts. Ich bin nur froh, dass mit dir alles in Ordnung ist«, erwiderte Pete grinsend und zog ein paar zusammengerollte Papierbögen aus seiner Gesäßtasche. »Wenn du willst, kannst du dir in der Mittagspause meine Notizen anschauen.«

»Danke«, sagte ich errötend. »Ich werde sie brauchen.«

»Mehr zeichnen, weniger reden«, blaffte Mr Barlow.

»Bis später.« Pete winkte uns zu und verließ den Raum.

»Er wird dich bestimmt fragen, ob du mit ihm zur Weihnachtsparty gehst«, flüsterte April.

»Ach, Blödsinn.« Ich blickte auf meine Zeichnung und konnte mich nicht mehr erinnern, was ich als Nächstes damit anfangen wollte. »So sehr mag Pete mich auch nicht.«

»Na, hör mal, bist du völlig blind?«, erwiderte April ein wenig zu laut.

Mr Barlow blickte sie wütend an.

»Pastellkreiden sind viel besser als Kohle«, sagte April, um Ablenkung bemüht. Sie sah zum Lehrerpult hinüber und flüsterte: »Pete steht total auf dich. Lynn sagte, dass Misty ihr erzählt hat, dass Brett Johnson meinte, Pete würde dich scharf finden und gerne mit dir ausgehen.«

»Echt?«

»Echt.« Sie wackelte mit den Augenbrauen. »Du hast aber auch ein Glück.«

»Jep. Glück.« Ich blickte auf Petes Notizen und dann auf meine Zeichnung. Ich wusste, dass ich mich glücklich schätzen sollte. Pete war das, was April als ›Dreifachbedrohung‹ bezeichnete – ein süßer Typ aus der Oberstufe, ein Hockeyspieler und noch dazu ein ziemlich schlauer Kopf. Ganz zu schweigen davon, dass er einer von Judes besten Freunden war. Aber es kam mir komisch vor, dass ich Glück haben sollte, weil mich jemand mochte. Glück sollte damit überhaupt nichts zu tun haben.

Noch immer war Daniel nicht aufgetaucht, als Barlow zwanzig Minuten später von seinem Schreibtisch aufstand und vor die Klasse trat. Er strich seinen Zwirbelbart glatt, der ihm über das Kinn herunterhing. »Ich denke, wir werden heute mal was Neues ausprobieren«, verkündete er. »Etwas, das sowohl Ihren Geist als auch Ihre Kreativität in Anspruch nimmt. Wie wär’s mit einem kleinen Test über Edward Hopper?«

In der Klasse war ein kollektives Aufstöhnen zu vernehmen.

»Oh, Mist«, flüsterte April.

»Oh, Mist«, gab ich flüsternd zurück.

 

Die Mittagspause

 

Mr Barlow räusperte sich mehrmals und versuchte, seinen gereizten Hals zu beruhigen, als er uns unsere Tests zurückgab. Dann trat er wieder zu seiner Skulptur und wickelte mit melodramatischen Gesten einen Draht um eine leere Pepsi-Dose. Als es zur Mittagspause läutete, verließ er mit den anderen Schülern den Klassenraum.

April und ich blieben zurück. Der Leistungskurs Kunst war eine Doppelstunde mit der Mittagspause dazwischen. Da April und ich jedoch die Einzigen aus der Mittelstufe waren, arbeiteten wir für gewöhnlich die Mittagspause durch, um Mr Barlow zu demonstrieren, dass wir mit ganzem Ernst bei der Sache waren und uns so seines Fortgeschrittenenkurses würdig erwiesen – mit Ausnahme der Tage, an denen uns Jude einlud, mit ihm und seinen Freunden im Rose Crest Café zu essen (dem Zufluchtsort aller angesagten Oberschüler außerhalb des Schulgeländes).

April saß neben mir und vervollständigte die Schattierungen an der Zeichnung von ein paar Rollerskates, während ich versuchte, Petes Aufzeichnungen zu lesen. Je mehr ich mich jedoch zu konzentrieren versuchte, desto mehr verwandelten sich die Wörter auf den Seiten in ein unverständliches Wirrwarr. Dieses mulmige Gefühl, das ich schon vorher verspürt hatte, schien meine Eingeweide aufzuwühlen, bis es sich schließlich in fieberhafte Wut verwandelte und ich an nichts anderes mehr denken konnte: Wie konnte Daniel es wagen, nach dieser ganzen Zeit einfach aufzutauchen, nur um sich dann wieder in Luft aufzulösen? Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Kein Abschluss.

Ich wusste, dass es eine Million Gründe dafür geben konnte, warum er heute nicht gekommen war, doch ich hatte überhaupt keine Lust mehr, sein Verhalten zu entschuldigen.

Wenn er früher Essen aus meinem Frühstücksbeutel geklaut hatte, seine Scherze ein wenig zu weit gegangen waren oder er vergessen hatte, mir die ausgeliehenen Malutensilien zurückzugeben, so hatte ich es den ganzen Schwierigkeiten zugeschrieben, die er bereits durchlebt hatte, und konnte ihm dann nicht mehr böse sein. Doch nun wollte ich es einfach nicht mehr entschuldigen, wie er sich gerade lange genug in mein Leben zurückgeschlichen hatte, dass ich es schaffte, meine Eltern zu enttäuschen, meinen Bruder aufzuregen, Pete abzuservieren, einen Test zu vergeigen und wahrscheinlich meine Chemie-Prüfung nicht zu bestehen.

Ich kam mir wie eine Idiotin vor, weil ich meine Zeit damit verschwendete, an ihn zu denken, und er nicht mal den Anstand besaß, wieder aufzutauchen. Jetzt wollte ich ihn unbedingt noch einmal sehen. Nur so lange, um ihm die Meinung zu sagen … oder ihm ins Gesicht zu schlagen … oder Schlimmeres.

Daniels Zeichnung auf dem Tisch schien mich zu verspotten. Ich hasste geradezu diese Perfektion der geschmeidig verschränkten Linien, die ich selbst auf diese Weise niemals hätte zu Papier bringen können. Ich nahm die Zeichnung vom Tisch, marschierte zum Papierkorb hinüber und warf sie ohne großes Federlesen hinein.

»Und tschüss!«, sagte ich zum Papierkorb.

»Okay, jetzt weiß ich endgültig, dass du übergeschnappt bist«, sagte April. »Wir müssen diese Arbeit in einer Stunde abgeben.«

»Es ist sowieso nicht meine. Nicht mehr.«

KAPITEL 3

Tabula rasa

Was nach der Mittagspause geschah

 

Als der Kunstunterricht wieder anfing, zog ich ein blütenweißes neues Blatt Papier hervor und machte mich an eine Zeichnung meines Lieblingsteddybärs aus der Kindheit. Sie war nicht wirklich mit meinen sonstigen Arbeiten zu vergleichen – sie war nicht einmal mit den Arbeiten zu vergleichen, die ich im Alter von neun Jahren angefertigt hatte –, doch Mr Barlow fuhr eine Null-Toleranz-Politik gegenüber unvollendeten Aufgaben. Ich dachte mir, eine schlechte Arbeit sei besser als gar keine, und schob mein Blatt unter den Stapel von Zeichnungen auf Barlows Schreibtisch, bevor ich die Klasse verließ.

April blieb noch, um mit Barlow über ihr Portfolio zu sprechen, und so schlenderte ich mit kaum weniger düsteren Vorahnungen in Richtung meiner Chemieprüfung. Mein Magen fühlte sich besser an, nachdem ich mich entschieden hatte zu vergessen, dass ich Daniel überhaupt wieder begegnet war. Doch die Prüfung? Meine Mutter würde ganz bestimmt nicht glücklich darüber sein. Ich hatte zwar vor Ende der Mittagspause Petes Notizen ein paar Mal überflogen, doch selbst, wenn ich die ganze Nacht Zeit gehabt hätte, könnte ich mich wohl schon sehr glücklich schätzen, wenn ich eine Drei bekäme. Ich bin keine schlechte Schülerin. Ich habe einen Notendurchschnitt von 1.8, aber in erster Linie funktioniert meine rechte Gehirnhälfte.

Der Chemie-Leistungskurs war eine Idee meiner Mutter gewesen. Dad mochte es gern, wenn ich am Küchentisch saß und an meinen Bildern arbeitete. Er sagte, es erinnere ihn an seine Zeiten auf der Kunstschule, bevor er sich entschieden hatte, Geistlicher zu werden, so wie sein Vater und Großvater zuvor.

Doch Mom wollte ›mir alle Optionen offenhalten‹, was nichts anderes hieß, als dass sie gern gesehen hätte, wenn ich Psychologin werden würde oder Krankenschwester wie sie selbst.

Ich ließ mich auf meinen Platz neben Pete Bradshaw fallen und wollte eben tief Luft holen und einen trägen Seufzer von mir geben, um mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen, als ich vom sauberen und würzigen Duft meines Chemielaborpartners überrascht wurde. Pete hatte in der fünften Stunde Sport gehabt und sein Haar war noch immer feucht von der Dusche. Der Zitrusduft seiner Seife und das frisch aufgetragene Deodorant waren mir schon früher aufgefallen, doch heute drangen sie mir richtig ins Bewusstsein und lösten das Bedürfnis aus, näher an ihn heranzurücken. Ich vermute, es hatte irgendwas mit Aprils Bemerkung darüber zu tun, dass Pete mich gut leiden konnte.

Ich kramte in meinem Rucksack herum, suchte mein Notizbuch und ließ dreimal meinen Stift fallen, bevor er endlich ordentlich auf meinem Tisch lag.

»Bisschen weich in den Knien?«, fragte Pete.

»Wie bitte?« Mein Chemiebuch fiel mit einem Satz vom Tisch.

»Prüfungsangst?« Pete hatte mein Buch gerettet. »Alle sind total nervös. Du hättest es sehen sollen: Brett Johnson hat gerade mal eine halbe Supreme-Pizza zum Mittagessen runtergekriegt. Ich dachte schon, das wäre übel, aber du siehst aus, als hättest du gerade das Markham Street Monster gesehen.«

Ich zuckte zusammen. Diesen Witz hatte ich noch nie komisch gefunden. Ich riss ihm das Buch aus der Hand. »Ich bin nicht im Geringsten nervös.« Ich holte erneut tief Luft und presste einen langen, vermeintlich entspannten Seufzer heraus.

Pete schenkte mir ein typisches Dreifachbedrohungslächeln, und mein Buch fiel wieder auf den Boden. Ich kicherte, als er es aufhob, und mir war viel zu warm in meinem Pullover, als er es mir zurückgab.

›Wieso bin ich bloß so eine doofe Nuss? Also wirklich, reiß dich zusammen!‹

Es gab nur einen anderen Jungen, bei dem ich mich ähnlich ungeschickt fühlte, doch da ich ohnehin keinen weiteren Gedanken an ihn verschwenden wollte, widmete ich meine volle Aufmerksamkeit Mrs Howell, die ihren dicken Prüfungsstapel austeilte.

»Hör mal, Brett und ich wollen nach dem Training bei Pullman’s zum Bowling gehen.« Pete beugte sich mit seiner ganzen Duftwolke zu mir herüber. »Willst du nicht mitkommen?«

»Ich?« Ich starrte Mrs Howell an, die gerade einen Prüfungsbogen mit der Rückseite nach oben vor mich hinlegte.

»Ja. Du und Jude. Das wäre doch ein Spaß.« Pete stieß mich an und grinste. »Dann kannst du die Schachtel Donuts kaufen, die du mir noch schuldest.«

»Jude und ich müssen Dad bei der Auslieferung fürs Obdachlosenheim helfen.«

Für einen kurzen Moment sah Pete ziemlich enttäuscht aus, doch dann hellte sich sein Gesicht auf. »Hm, wie wär’s denn, wenn ich nach dem Training rüberkomme und euch helfe? Wie lange wird das dauern? Ein paar Stunden vielleicht? Dann könnten wir immer noch bowlen.«

»Wirklich? Das wäre echt toll.«

»Bitte sehen Sie nach vorn«, sagte Mrs Howell und drückte auf ihre Stoppuhr. »Ihre Prüfung beginnt genau jetzt.«

Pete lächelte und drehte seinen Prüfungsbogen um. Ich tat es ihm nach und schrieb ganz oben meinen Namen hin.

Durch meinen Körper schwappte dieses warme und sprudelnde Gefühl, das immer dann auftaucht, wenn man weiß, dass etwas Neues und Aufregendes beginnt.

KAPITEL 4

Göttliche Einmischung

In der Haupthalle, bei Schulschluss

 

»Warum hast du es mir nicht in der Englischstunde erzählt, du dumme Nuss?« April machte einen Bogen um den Stand des Teamgeist-Clubs der Schule, wo man sich für die Teilnahme an der Feiertags-Spendenaktion eintragen konnte. »Ich hab doch gesagt, dass er sich mit dir verabreden will!«

»Es ist kein Date«, erwiderte ich lächelnd.

»Wer will sich mit dir treffen?«, fragte Jude, der genau vor unserer Nase aus dem Sekretariat kam. Seine Frage klang mehr wie ein Vorwurf, und sein Gesichtsausdruck war genauso verhangen wie der Winterhimmel hinter den Fenstern der Haupthalle.

»Niemand«, gab ich zurück.

»Pete Bradshaw!«, kreischte April beinahe. »Er hat für heute Abend ein Date mit ihr ausgemacht.«

»Es ist kein Date.« Ich blickte April an und verdrehte die Augen. »Er hat angeboten, heute Nachmittag nach dem Training in der Gemeinde auszuhelfen, und danach will er zum Bowling gehen. Du bist auch eingeladen«, sagte ich zu Jude.

Die Schlüssel unseres Gemeinde-Lieferwagens klimperten in Judes Hand. Ich war mir nicht sicher, wie er es auffasste, dass ich mich für einen seiner Freunde interessierte – besonders in Anbetracht von Judes letztem Freund, den ich gemocht hatte. Doch dann hellte sich Judes Gesichtsausdruck auf und er lächelte. »Wurde ja auch mal Zeit, dass Pete dich fragt.«

»Na, siehste!«, sagte April und kniff mich. »Ich hab dir doch gesagt, dass er auf dich steht.«

Jude versetzte April einen spielerischen Schlag auf den Arm. »Und bist du denn dieses Mal dabei?«

Aprils Wangen wurden rot. »Äh … nein. Ich kann nicht.« Kleine dunkelrote Flecken breiteten sich von ihrem Gesicht über ihre Ohren aus. »Ich, äh, ich muss …«

»Arbeiten?«, kam ich ihr zu Hilfe.

Ich wusste aus Erfahrung, dass auch die größte Überredungskunst sie nicht dazu bringen konnte, mit uns zu kommen. April wäre es äußerst peinlich gewesen, wenn Jude sie womöglich nur als Anhängsel wahrgenommen hätte. Selbst der Versuch, sie ab und an zum gemeinsamen Essen ins Café zu schleppen, war genauso schwierig, wie einen Hund zum Tierarzt zu bugsieren.

»Arbeit … ja genau, das war’s.« April warf sich ihren pinkfarbenen Rucksack über die Schulter. »Ich muss jetzt los. Bis später!« Sie hastete in Richtung Ausgang davon.

»Sie ist … wirklich interessant«, sagte Jude, während er Aprils Abgang beobachtete.

»Ja, das ist sie mit Sicherheit.«

»Na, dann …«, sagte Jude, während er mir den Arm um die Schultern legte und mich durch eine Gruppe von Studenten aus dem zweiten Jahrgang zur Tür führte, »erzähl doch mal mehr von diesem Date.«

»Es ist kein Date.«

 

Eineinhalb Stunden später

 

»Pastor D-vine ist wirklich ein Engel des Herrn«, sagte Don Mooney ehrfürchtig, als er den vollgestopften Gemeindesaal der Pfarrkirche betrachtete. Zahlreiche Kartons mit Bekleidung und Nahrungsmitteln waren kreuz und quer übereinandergestapelt, und Jude und ich hatten die Aufgabe, alles zu sortieren. »Hoffentlich könnt ihr die hier noch gebrauchen.« Don rückte den großen Karton mit Thunfischdosen zurecht, den er in den Händen hielt. »Ich hab sie vom Supermarkt, und dieses Mal hab ich sogar daran gedacht, sie zu bezahlen. Ihr könnt Mr Day anrufen, wenn ihr wollt. Wenn ihr sie nicht braucht, dann …«

»Vielen Dank, Don«, sagte Jude. »Jede einzelne Spende hilft uns weiter, und besonders brauchen wir Nahrungsmittel mit hohem Proteingehalt, so wie Thunfisch. Nicht wahr, Grace?«

Ich nickte und versuchte, eine weitere Jacke in den bereits überquellenden Karton mit Männerkleidung zu stopfen. Dann gab ich es auf und ließ sie in den halbvollen Frauen-Karton fallen.

»Und es ist sehr gut, dass du daran gedacht hast, bei Mr Day zu bezahlen«, sagte Jude zu Don.

Ein breites Grinsen erhellte Dons Gesicht. Er war groß wie ein Grizzlybär, und sein Lächeln glich mehr einem Zähnefletschen. »Ihr seid echte D-vines, wirklich göttlich. Wie euer Vater.«

»Wir tun auch nicht mehr als alle anderen«, erwiderte Jude in diesem diplomatischen Tonfall, den er von Dad aufgeschnappt hatte und der ihn gleichermaßen bescheiden wie entschieden wirken ließ. Er ächzte, als er versuchte, den Karton aus Dons kräftigen Armen zu übernehmen. »Wow, du hast wirklich eine Menge Thunfisch mitgebracht.«

»Alles, was den D-vines helfen kann. Ihr seid Gottes Engel.«

Don war nicht der Einzige, der unsere Familie als eine Ansammlung quasi himmlischer Wesen betrachtete. Dad sagte immer, dass der Pastor drüben in New Hope aus derselben Heiligen Schrift las wie er selbst, aber trotzdem kamen die meisten zu Pastor Divine, um das Evangelium zu hören.

Was würden sie wohl denken, wenn sie gewusst hätten, dass unser Familienname früher Divinovich gelautet hatte? Mein Ur-Ur-Großvater hatte seinen Nachnamen in Divine geändert, als er in Amerika eingewandert war, und mein Urgroßvater hatte den Namen dann für ziemlich passend gehalten, als er dem geistlichen Stand beitrat.

Ich hingegen fand es oft schwierig, mit diesem Namen zu leben.

»Was hältst du denn davon, den Karton hier nach draußen zu bringen?« Jude tätschelte Dons Arm. »Du kannst uns helfen, den Lieferwagen für das Obdachlosenheim zu beladen.«

Mit dem typischen zähnefletschenden Grinsen auf dem Gesicht trug Don den schweren Karton durch den Gemeindesaal. Jude nahm meinen Karton mit Männerjacken und folgte ihm durch die Hintertür.

Meine Schultern entspannten sich, als Don gegangen war. Er hing dauernd am Pfarrhaus herum, um ›bei irgendwas auszuhelfen‹, doch normalerweise versuchte ich, ihm aus dem Weg zu gehen. Ich hätte es meinem Vater oder meinem Bruder nicht erzählt, aber ich fühlte mich in Dons Anwesenheit immer etwas unwohl. Ich konnte nichts dagegen tun. Er erinnerte mich an Lenny aus der Steinbeck-Erzählung Von Mäusen und Menschen mit seiner irgendwie behäbigen und immer nett gemeinten Art, und doch hätte er einem mit einer einzigen Bewegung seiner baseballhandschuhgroßen Pranke den Nacken zerschmettern können.

Noch immer konnte ich die Erinnerung an die Gewalt, die in diesen Händen steckte, nicht abschütteln.

Vor fünf Jahren waren Jude und ich (und die Person, deren Name mit einem ›D‹ beginnt und mit einem ›aniel‹ aufhört) gerade damit beschäftigt gewesen, Dad beim Saubermachen des Altarraums zu helfen, als Don Mooney zum ersten Mal zur Kirchentür hereingestolpert kam. Obwohl er ganz verschmutzte Klamotten anhatte und einen säuerlichen Geruch ausströmte, begrüßte Dad ihn freundlich, doch Don stürzte sich auf meinen Vater, hielt ihm ein angelaufenes Messer an die Kehle und forderte Geld.

Ich war so verängstigt, dass ich beinahe meine eigene Grundsatzregel ›Grace weint nicht‹ verletzt hätte. Doch Dad bewahrte komplett die Fassung – selbst als ihm schon das Blut am Hals herablief. Er deutete auf die großen farbigen Fenster über dem Altarraum, die Christus darstellten, wie er an eine hölzerne Tür klopft. »Bittet, so wird euch gegeben«, sagte er und versprach Don, ihm das zu verschaffen, was er wirklich brauchte: einen Job und einen Ort zum Wohnen.

Schon kurze Zeit später war Don zum treuesten Schäflein in Dads Gemeinde geworden. Alle anderen schienen die Art unserer ersten Begegnung vergessen zu haben. Ich jedoch nicht.

Machte mich das etwa zur einzigen Divinovich in einer Familie voller Divines?

 

Abend

 

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Grace.« Pete ließ die Motorhaube von Dads fünfzehn Jahre altem blaugrünen Toyota Corolla hinabsinken. »Ich glaube, wir sind hier gestrandet.«

Ich war nicht im Mindesten überrascht, dass der Wagen nicht wieder ansprang. Charity und ich versuchten regelmäßig, unsere Eltern davon zu überzeugen, den Corolla abzuschaffen und einen dieser tollen SUVs zu kaufen, doch Dad schüttelte immer nur den Kopf und sagte: »Wie würde das denn aussehen, wenn wir einen neuen Wagen anschafften, obwohl dieser noch fährt?« Natürlich war ›fahren‹ ein relativer Begriff. Sprach man beispielsweise ein inniges Gebet und versicherte Gott, den Wagen zum Nutzen der Bedürftigen einzusetzen, sprang er für gewöhnlich beim dritten oder vierten Versuch an. Doch dieses Mal war ich gar nicht so sicher, ob selbst göttliche Einmischung den Wagen zum Laufen bringen könnte.

»Ich glaube, ich habe ein paar Blocks weiter entfernt eine Tankstelle gesehen«, sagte Pete. »Ich werd mal rüberlaufen und Hilfe holen.«

»Die Tankstelle ist geschlossen.« Ich hauchte warmen Atem in meine eiskalten Hände. »Sie ist schon seit einer Weile nicht mehr in Betrieb.«

Pete blickte prüfend die Straße entlang. Außerhalb des orangefarbenen Lichtkegels der Straßenlaterne war nicht viel zu erkennen. Der nächtliche Himmel war völlig von Wolken verdunkelt und ein kalter Wind zerrte an Petes rostbraunem Haar. »Und ausgerechnet heute hab ich vergessen, mein Handy aufzuladen.«

»Na, immerhin hast du eins«, gab ich zurück. »Meine Eltern leben immer noch im zwanzigsten Jahrhundert.«

Pete lächelte nur schwach. »Hm, dann muss ich wohl irgendwo ein Telefon suchen«, grummelte er.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass alles meine Schuld war. Noch vor ein paar Minuten hatten Pete und ich Witze über Brett Johnsons Schluckauf während der Chemieprüfung gemacht. Pete hatte mich angesehen, während wir gleichzeitig lachten, und unsere Blicke hatten sich auf irgendwie kosmische Weise getroffen. Dann hatte der Wagen dieses schrecklich dumpfe Geräusch gemacht, hatte zu schlingern begonnen und war in einer Seitenstraße auf unserem Weg zum Obdachlosenheim zum Stehen gekommen.

»Ich komme mit dir.« Nicht weit entfernt hörte ich das Geräusch von zerbrechendem Glas und zuckte zusammen. »Dann erleben wir wenigsten was.«

»Lieber nicht. Irgendwer muss hier bei den Sachen bleiben.«

Der Corolla war mit Kartons vollgestopft, die nicht mehr in den Lieferwagen gepasst hatten. Aber ich war nicht sicher, ob ich diejenige sein sollte, die zurückblieb und darauf aufpasste. »Ich gehe. Du hast schon genug getan.«

»Kommt nicht in Frage, Grace. Pastor oder nicht, dein Dad würde mich umbringen, wenn ich dich in dieser Gegend allein herumlaufen ließe.« Pete öffnete die Wagentür und schob mich hinein. »Hier drin bist du sicherer – außerdem ist es wärmer.«

»Aber …«

»Nein.« Pete deutete auf das besetzte Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich konnte hören, wie ein paar Typen sich durch eines der zerbrochenen Fenster etwas zuriefen. »Ich werde einfach mal bei einer dieser Wohnungen anklopfen.«

»Gut, okay«, erwiderte ich. »Aber am besten gehst du bis zum Obdachlosenheim. Ungefähr eine Meile in diese Richtung.« Ich zeigte die dunkle Straße hinunter. Wir standen unter der einzigen funktionierenden Straßenlaterne des ganzen Blocks. »Es gibt hier in der Ecke zwar überwiegend Wohnungen und ein paar vereinzelte Kneipen. Aber davon hältst du dich lieber fern, wenn du nicht willst, dass man dir die Zähne einschlägt.«

Pete grinste süffisant. »Du hast dich wohl viel in den üblen Gegenden der Stadt herumgetrieben, was?«

»So in der Art.« Ich runzelte die Stirn, während ich mich auf den Fahrersitz des Wagens fallen ließ. »Beeil dich … und sei vorsichtig, okay?«

Pete beugte sich in den Wagen hinein und setzte ein typisches Dreifachbedrohungslächeln auf. »Das ist ja echt ein komisches Date, was?«, sagte er und küsste mich auf die Wange.

Mein Gesicht wurde heiß und prickelte. »Dann ist das also ein Date?«

Pete kicherte und wippte auf seinen Absätzen. »Verschließ den Wagen.« Er machte die Tür zu und steckte die Hände in die Taschen seiner Baseball-Jacke.

Ich drückte die Türknöpfe runter und sah zu, wie Pete beim Weggehen eine leere Bierdose vor sich herkickte. Sobald er den Lichtkegel der Straßenlaterne verlassen hatte, verschluckte ihn die Dunkelheit. Ich kuschelte mich fester in meinen Mantel und seufzte. Wenn auch alles etwas daneben ging, so hatte ich doch immerhin ein Date mit Pete Bradshaw – irgendwie.

 

Knirsch, knirsch.

Ich fuhr erschreckt auf. War das der Kies auf dem Gehsteig? War Pete schon zurück? Ich blickte umher. Nichts. Ich überprüfte die Beifahrertür. Sie war verschlossen. Ich lehnte mich zurück und legte die Hand auf Petes Hockeyschläger, der zwischen den Vordersitzen steckte.

Ich wäre fast gestorben, als Don Mooney gefragt hatte, ob er zusammen mit Pete und mir im Corolla fahren könne. Ich wusste nicht, ob er einfach nur arglos war oder vielleicht dachte, wir bräuchten einen Anstandswauwau. Zum Glück hatte Jude mich gerettet, als er einen Karton mit Frauenjacken auf den Rücksitz des Wagens knallte. »Hier ist kein Platz«, hatte er gesagt und Don dann überzeugt, sich mit ihm und Dad in den Lieferwagen zu quetschen. Sie waren vorgefahren, dann folgten Pete und ich, doch auf dem Weg mussten wir anhalten, um eine Lieferung aus der Apotheke bei Maryanne Duke abzugeben. Sie bat uns auf ein Stück Rhabarberkuchen herein – sie macht absolut den allerbesten –, doch da ich ahnte, dass sie, schlimmer als meine Großmutter, Pete ins Kreuzverhör nehmen würde, lehnten wir dankend ab und ich versprach ihr, beim nächsten Mal länger zu bleiben. Um die verlorene Zeit wieder wettzumachen, hatte ich dann die Abkürzung über die Markham Street genommen, als wir in die Innenstadt kamen; eine Entscheidung, die ich in diesem Moment stark bereute.

In den letzten Jahren war es ruhiger geworden, doch dieses Stadtviertel war einmal berühmt-berüchtigt für seltsame Geschehnisse und das spurlose Verschwinden von Menschen gewesen. Und dann waren, wie Gänseblümchen, die aus dem Boden sprießen, plötzlich einmal pro Monat Leichen aufgetaucht. Polizei und Zeitungen spekulierten über einen Serienmörder, doch die Menschen sprachen von einen haarigen Ungeheuer, das die Stadt bei Nacht heimsuche. Sie nannten es das Markham Street Monster.

Ziemlicher Quatsch, oder?

Wie gesagt, es war einige Jahre her, dass etwas wirklich Seltsames hier in der Gegend passiert war, dennoch fragte ich mich, ob es mir jetzt womöglich besser ginge, wenn Don mit uns gekommen wäre. Würde ich mich mehr oder weniger sicher fühlen, wenn ich mit Don allein in dieser Seitenstraße wäre?

Weniger! Dieser Gedanke wurde augenblicklich von einem Schuldgefühl abgelöst. Ich schloss die Augen, ließ meine Gedanken schweifen und versuchte, ruhig zu bleiben. Aus irgendeinem Grund dachte ich daran, wie ich meinen Vater einmal gefragt hatte, warum er jemandem half, der ihn bedroht und verletzt hatte.

»Du kennst doch die Bedeutung deines Namens, Grace, oder?«

»Ja. Himmlischer Beistand, Führung oder Gnade«, wiederholte ich brav, was mein Vater mir immer vorbetete.

»Niemand kann in diesem Leben ohne Gnade auskommen. Wir alle brauchen Beistand«, hatte er gesagt. »Es gibt einen Unterschied zwischen Menschen, die verletzende Dinge tun, weil sie böse sind, und solchen, die verletzende Dinge aufgrund ihrer Lebensumstände tun. Manche Menschen sind verzweifelt, weil sie nicht wissen, wie sie um die Gnade des Herrn bitten sollen.«

»Aber wie kann man wissen, ob jemand ein schlechter Mensch ist oder einfach nur Hilfe braucht?«

»Gott ist der oberste Richter darüber, was wirklich in unseren Seelen ruht. Doch wir sind aufgefordert, allen zu vergeben.«

Mein Vater hatte die Unterhaltung an dieser Stelle beendet. Um ehrlich zu sein, war ich verwirrter als zuvor gewesen. Was war, wenn die Person, die dich verletzt hatte, gar keine Vergebung verdiente? Was war, wenn das, was sie getan hatte, so schlimm war …

Knirsch. Knirsch.

Da war wieder der aufgewirbelte Kies. Jetzt auf beiden Seiten des Wagens?! Ich verstärkte den Griff um den Hockeyschläger. »Pete?« Keine Antwort.

Schepper. Schepper.

Der Türgriff? Die Furcht schoss mir wie ein elektrischer Schlag durch die Wirbelsäule und von dort in beide Arme. Mein Herz klopfte hämmernd in der Brust, meine Lungen schmerzten mit jedem heftigen Atemzug. Ich blickte ängstlich aus dem Fenster. Warum konnte ich nichts sehen?

Schepper. Schepper. Schepper.

Das Auto bewegte sich ruckartig. Ich schrie auf. Ein schrilles, stechendes Geräusch kam von außerhalb des Wagens. Die Fenster stöhnten und kreischten, als würden sie jeden Moment zerbersten. Ich presste mir die Hände auf die Ohren und schrie lauter. Das Geräusch erstarb. Irgendetwas klirrte neben meiner Tür auf den Asphalt. Mein Puls dröhnte in den Ohren – es klang wie rennende Schritte.

Stille.

Jeder Nerv zuckte unter meiner Haut. Ich rutschte auf dem Sitz hin und her und hörte wieder das Scheppern. Doch diesmal war es nur mein zitterndes Knie, das gegen die im Zündschloss baumelnden Schlüssel stieß. Ich lachte kurz erleichtert auf und schloss die Augen.

Mit angehaltenem Atem wartete ich und horchte in die Stille. Dann atmete ich mit einem langen Seufzer aus und lockerte den Griff um den Hockeyschläger.

Klopf. Klopf. Klopf.

Ich riss die Augen auf. Mein Arm schnellte nach oben. Ich knallte mir den Schläger vor den Kopf.

Ein halb im Schatten liegendes Gesicht starrte durch die beschlagenen Scheiben.

»Mach die Motorhaube auf«, sagte eine gedämpfte Stimme. Es war nicht Pete.

»Verzieh dich!«, schrie ich und versuchte, meiner Stimme einen barschen Klang zu verleihen.

»Mach schon«, sagte er. »Alles in Ordnung, Gracie. Versprochen.«

Ich hielt mir die Hand vor den Mund. Ich kannte diese Stimme. Ich kannte dieses Gesicht. Bevor ich auch nur etwas dagegen tun konnte, hörte ich mich sagen: »Okay.« Ich entriegelte die Motorhaube.

Seine Schritte schlurften über den frostigen Gehsteig, während er zur Vorderseite des Wagens ging. Ich öffnete die Tür und sah ein Stemmeisen zu meinen Füßen liegen. Es kribbelte in meinem Rückgrat, als ich darüber hinwegstieg und Daniel folgte. Sein Kopf und seine Schultern verschwanden unter der Motorhaube, doch ich konnte dieselbe zerschlissene Jeans und das T-Shirt von gestern erkennen. Besaß er überhaupt noch andere Klamotten?

»Was machst du da?«

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