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URANUS 401 Platoms Plamet

Für Lara, Marie und Nora

TEIL I

IM LEUCHTTURM

Über meinen Zustand sollte ich lieber nicht zu viel nachdenken. Immerhin verspüre ich kein körperliches Leid und lebe noch. Mit diesem Gedanken versuche ich, mir meinen Lebensmut zu bewahren. Und trotzdem bleibt es nicht aus, dass ich zwischen Erleichterung und Ohnmacht, Hoffnung und Verzweiflung schwanke, wie die Schiffe in der schweren See vor den Klippen unter mir. Nur einen Anhänger aus Blech hat man mir gelassen. Er zeigt einen Vogel mit einem dreiblättrigen Zweig in seinem Schnabel.

Die Zelle, in der ich gefangen gehalten werde, lässt genau zwölf Schritte in die Länge und achteinhalb Schritte in die Breite zu. Alles ist frisch getüncht und wirkt sauber. Nur die Tür legt Zeugnis darüber ab, dass die Zeit auch hier im Inneren vergeht. Ihre Farbe blättert wie braunes Laub im Herbst. Darunter kommt ein fein gemasertes dunkles Holz zum Vorschein. Wenn meine Finger die glatte Oberfläche berühren, erinnert mich das an die Welt, die außerhalb dieser Mauern liegt, an die Bank vor unserem Hof. Auf halber Höhe gibt es in meiner Zelle eine von außen verschließbare Luke, über die mir das Essen gereicht wird. Unter das einzige Fenster, es ist mit Gittern gesichert, habe ich meine schmale Schlafmatte geschoben. So kann ich in den Himmel blicken, während ich darauf liege. Ansonsten ist der Raum leer. Nachts wird das Fenster von außen mit zusätzlichen Läden gesichert, die Sicht auf die Gestirne bleibt mir dann verwehrt.

Einmal täglich ist es mir erlaubt, meine Zelle zu verlassen. Dann darf ich zum Hof hinunter. Dabei komme ich auf der Wendeltreppe an einigen schmalen Fenstern vorbei. Für einen kurzen Moment kann ich dann den weiten Blick über das Meer genießen. Das Rauschen der nahen Pinien und der Salzgeruch spenden Trost in dieser unfreundlichen Umgebung. Bei einem seltenen Gespräch der Wärter habe ich erfahren, dass dieser Turm, der als mein Gefängnis dient, ursprünglich erbaut wurde, um den Steuerleuten der Schiffe den rechten Weg zu weisen. Dieser Küstenstreifen gilt als besonders heimtückisch und gefährlich. Leider darf ich nie an einem der Fenster verweilen; die Bewacher treiben mich Tag für Tag vorwärts, damit ich meine Runden auf dem Innenhof absolviere. Von den anderen Gefangenen, wenn es denn welche gibt, habe ich bisher noch keine zu Gesicht bekommen. Immer wieder schaudert es mich, wenn mir bewusst wird, wie still es hier ist.

Eigentlich kann ich mich nicht beklagen. Seitdem ich wieder genesen bin, haben die nächtlichen Verhöre aufgehört. Kein Trontheim mehr, der mich nötigt, etwas preiszugeben, wovon ich nichts wissen kann. Keine Bedrohung, keine Gewalt. Einer der Wächter, ein älterer Mann mit schlohweißen Haaren und wettergegerbtem Gesicht, meint es sogar gut mit mir. Er wird von den anderen Isidor1genannt. Seinen groben Händen nach zu urteilen, könnte er früher Fischer gewesen sein. Vor wenigen Wochen legte er mir während meines täglichen Rundgangs im Hof ein dickes Buch in die Zelle. Die Odyssee2des Homer.

Ich konnte mein unerwartetes Glück kaum fassen. Als er mir das Essen am folgenden Abend überreichte, gab mir Isidor mit wenigen Gesten zu verstehen, dass ich ihm daraus vorlesen sollte. Vermutlich hatte er selbst diese Fertigkeit nie gelernt, doch ich wagte es nicht, ihn danach zu fragen. Wir vereinbarten ein Klopfzeichen. Sobald ich es höre, setze ich mich nahe an die Luke und lese daraus mit gedämpfter, für ihn gerade noch hörbarer Stimme vor. Inzwischen richtet der alte Mann seinen Rundgang durch den Turm so ein, dass er einige Zeit vor meiner Zellentür verweilen kann. Ich genieße es, die homerischen Verse vorzulesen. Seitdem ich den abgegriffenen Band in den Händen halte, keimt wieder etwas Hoffnung in mir auf. Odysseus3, der Listenreiche, gab auch niemals auf und kehrte nach vielen Jahren in seine Heimat zurück.

»Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat, Und auf dem Meere so viel’ unnennbare Leiden erduldet, Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.4«

Die Lektüre erscheint mir anspruchsvoll, doch Isidors Interesse lässt nicht nach. Innerhalb der letzten drei Wochen kamen wir gut voran. Tagelang dachte ich darüber nach, wie ich ihn um einen weiteren Gefallen bitten könnte, bis ich endlich meinen Mut zusammennahm. Der Alte gab mir nicht zu verstehen, ob er meine leise Bitte gehört hatte. Doch wenige Stunden später legte er mir zum Abendessen wortlos den ersehnten Papierbogen, ein kleines Tintenfass und einen alten Federkiel dazu. Leider war es schon zu dunkel, um mit dem Schreiben zu beginnen. In dieser Nacht fand ich vor Aufregung keinen Schlaf, endlich konnte ich meine Geschichte niederschreiben, meine Gedanken sortieren.

*

1 Griech.: »Geschenk der Isis«.

2 Neben der Ilias das zweite große Werk des griech. Dichters Homer, es gehört zu den einflussreichsten Werken der abendländischen Literatur.

3 Griech. Mythologie: Held aus der Ilias und Hauptakteur der Odyssee.

4 Anfangsverse der Odyssee (Entstehungszeit 8.–7. Jhd. v. Chr.)

PROOEMIUM5

Allzu anmaßend möchte ich nicht klingen, immerhin schreibe ich nicht in Hexametern6. Lediglich mit schlichten Worten ist es mir möglich, meine eigene Irrfahrt zu erzählen.

Aber auch sie handelt von Macht und von Zorn, von mancherlei Verblendung der Menschen, denen ich auf diesem Weg begegnete. Dennoch fand ich auch Weisheit und Liebe.

Damals nannte man mich Hypatia7. Hypatia Agricola, Tochter des Kratimedes8. Ich wurde in Arkadien9 geboren, im achten Monat eines sehr heißen Jahres. Als alles begann, zählte ich fast zwölf Sommer. Mein Leben verlief bis dahin fernab von großen Sorgen oder Leid. Zu dieser Zeit nahm ich an, dass die Götter ihre schützende Hand über meine Schwester Myia10, Vater und mich hielten. Später sollte ich erfahren, dass andere, mir bisher unbekannte Kräfte, für unseren Schutz sorgten. Über deren Existenz wusste ich damals nichts und auch nur sehr wenig über das Leben außerhalb unseres Tals.

In dem Gebiet um unseren Hof bis weit über die Hügel von Arkadien hinaus, wo der Alphaios die Grenze, der mir noch bekannten Welt markiert, existierte damals kein Unrecht. Zumindest sah ich es nicht, und es wurde einiges dafür getan, dass ich es auch nicht zu früh zu Gesicht bekommen sollte.

Myia und ich wuchsen im Arkatal auf. Rund um unseren Hof kannten wir jeden Stein, jedes Versteck, jeden Baum. Hier war unsere Heimat. Arkadien ist ein schmaler Landstrich ohne eine bedeutende Stadt oder eine größere Siedlung. Ein kleiner Teil davon war unser Land, das Land meines Vaters, seines Vaters und seines Vaters Vater.

Wenn ich mir auf unserem Hof, der sich auf einer Anhöhe zwischen Metapont im Norden und Agrigent im Süden befand, die Zeit nahm, auf die umliegenden Täler zu schauen, dann umgaben mich bis zum Horizont auf allen Seiten grüne Hügelketten, die an Wellen auf ruhiger See erinnerten. Nur wenige schroffe Felsen unterbrachen die grüne Decke und drängten dem Himmel entgegen. In den Senken bildete sich am Morgen weißer Nebel, der wie Gischt über die Wipfel zog. So zumindest stellte ich mir in meiner Kindheit das Meer vor, wie es hätte sein können, wenn es aus Bäumen und Felsen bestanden hätte. Ich kannte den Oceanus11 bis dahin nur aus Erzählungen von Vater, er beschrieb ihn in einigen seiner zahlreichen Geschichten. Erst Jahre später sollte ich den wahren Ozean mit all seinen Launen zur Genüge kennenlernen.

Die arkadischen Wälder waren dicht, manchmal dunkel und doch ein idealer Spielplatz für Myia und mich. Seine Fruchtbarkeit verdankte das Land den unzähligen Quellen, die allseits aus dem Boden traten und Rinnsale speisten, die sich ihren Weg talwärts suchten. Folgte man diesen, vereinigten sie sich in schmalen Senken zu kräftigen Bächen bis hin zu schnell fließenden Flüssen, die sich auf dem Weg zum Meer in mächtige Ströme verbanden. Einer der größten von ihnen nannte man Alphaios12. Seine zahlreichen Quellen befanden sich in den weitverzweigten Tälern des Poros-Gebirges im Südwesten des Landes; abseits hiervon flossen die Wassermassen schließlich durch eine gleichnamige, tiefe Schlucht. Seine tosende Strömung wurde dann in nördliche Richtung geleitet. Erst in Thrakien verließ der Strom sein tiefes Tal und flankierte die kleine Stadt Zaccharo. Kurz vor der Einmündung ins Meer wurde das Flussbett breiter. Im Volksmund hieß es, dass sich der Alphaios dort mit dem Wasser der Arethusaquelle vereinigte. Gemeinsam flossen sie in den Oceanus.

Vater erklärte uns, dass im Bereich der Mündung, wo die Meeresbucht auch als der Golf des Boreas13 bezeichnet wird, die felsige Küste steil zur Brandung hinabfiel. Dort entstanden die Winde, die im Herbst kräftige Stürme über die gesamte Vorratskammer trieben.

Mir gefiel das Farbspiel der Laubbäume, die zu dieser Zeit in den schönsten Schattierungen zwischen gelb, ocker und rot leuchteten, tauchten sie doch unseren Landstrich in ein Meer voll bunter Farben. Der Winter legte schließlich über all dies alljährlich eine dicke Decke aus Schnee und Frost, die unsere Heimat zum Stillstand brachte, so als ob sich das Leben während der kalten Monate seinen Platz an einer anderen Stelle suchen würde. Die Tiere in den Wäldern hielten Winterschlaf, die Menschen strebten nach Wärme in ihren Behausungen und mieden jeden Gang nach draußen an die eiskalte Luft. So auch Vater, Myia und ich. Viele Stunden verbrachten wir vor dem wärmenden Feuer in unserer Stube, lauschten Vaters abenteuerliche Geschichten aus fernen Welten und warteten auf den Frühling.

Sobald dann die ersten Sonnenstrahlen die dicke Schneedecke in unserem Tal zum Schmelzen brachten, kehrte auch das satte Grün mit aller Macht zurück, und die arkadischen Hügel leuchteten erneut.

So wunderschön das Arkatal in meinen Augen auch war, kein vernünftiger Reisender würde sich die Zeit dafür nehmen, diesem unbedeutenden Landstrich besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Das pulsierende Leben spielte sich weit entfernt von unserer ruhigen Welt ab.

Nur eine Handvoll bequem passierbare Pfade standen für die Händler zur Verfügung. Vermutlich war das einer der vielen Gründe, warum auch nur wenige Siedler auszogen, um in diesen einsamen Tälern zu leben. Jedes Stück Land musste der Natur mühsam abgetrotzt werden.

Meine Familie lebte auf einem dieser weit verstreut liegenden Höfe. Das Leben war einsam und meist anstrengend, doch wir waren zufrieden damit. Unser Wohnhaus befand sich auf einer Anhöhe des Breiten Tales. Es bestand aus dicken, grob gezimmerten Holzplanken, die schon unzähligen Stürmen getrotzt hatten. Die Rückseite des Hauses wurde durch eine Felswand flankiert, was dem Gebäude zusätzliche Stabilität verlieh. Die zahlreichen Obstbäume des weitläufigen Gemüsegartens gegenüber dem Wohnhaus versorgten uns im Sommer mit Äpfeln, Kirschen und Pflaumen. Dazwischen lag ein geräumiger Innenhof, an dessen einer Seite sich die Ställe der Tiere befanden. Wir besaßen zwei Pferde, drei Kühe, zwei Ziegen und einiges Federvieh. Es gab immer etwas zu tun, hinzu kam die Arbeit auf den Äckern und in den Reben.

Weil es von hier aus keinen Weg in das nächste Tal gab, wurde unser Hof der Endhof genannt. Das Nutzungsrecht für den angrenzenden Wald, einige Wiesen und Felder im Breiten Tal, hatte Kratimedes von seinem Vater Kritas und der wiederum von seinem Vater Krates14 geerbt. Doch jedes Jahr war Kratimedes, ebenso wie alle anderen arkadischen Bauern, dazu verpflichtet, den zehnten Teil seiner Getreide- und Weinernte als Pacht abzutreten.

Vater zeichnete sich nicht durch eine beeindruckende Statur aus. Er war nur mittelgroß, nicht besonders breitschultrig, aber trotzdem hatte ihn die anstrengende Arbeit zäh und ausdauernd gemacht. Für meine Schwester und mich besaß er auf der einen Seite die Kräfte eines Herkules15, auf der anderen Seite war er listenreich wie ein Odysseus. Mit Bienenhonig lockte er große Glühwürmchen an, die man in Arkadien Phosphori16 nannte, damit wir in den dunklen Stunden des Winters mit Licht versorgt waren. Doch obwohl wir uns wunderbar mit ihm verstanden, gab es auch Dinge, die er vor uns fernhielt.

So verschwand Vater häufig in den Höhlen hinter unserem Haus. Was er dort tat, wollte er uns nicht verraten. Ein weiteres Geheimnis betraf unsere Mutter, an die wir uns nicht erinnern konnten. Er sprach nie über sie. Besonders Myia bedrängte ihn in regelmäßigen Abständen mit ungestümen Fragen, doch Vater schwieg beharrlich. Da wir abgeschieden auf dem Endhof lebten, gab es niemanden sonst, der uns hätte Auskunft geben können.

Während unserer Kinderzeit sahen sich Myia und ich sehr ähnlich. Beide hatten wir die dunkelbraunen Augen und die Haare unseres Vaters geerbt. Bei oberflächlicher Betrachtung unterschieden wir uns hauptsächlich in der Körpergröße voneinander. Für mein Alter war ich groß und schlaksig, wohingegen meine Schwester klein und zierlich wirkte. Wenn man genauer hinsah, entdeckte man eine längliche weiße Narbe an Myias Hals, die von einem Sturz in jüngeren Jahren herrührte. Mein auffälligstes Merkmal dagegen bestand aus einer silbergrauen Haarsträhne, auf die ich gerne verzichtet hätte. Meine Schwester liebte die Musik; früh begann sie, sich für das Lyraspiel zu interessieren. Sie übte ständig auf Vaters altem Instrument.

5 Vorwort von Dichtungen und Briefen.

6 Klassisches Versmaß der epischen Dichtung, u. a. die Ilias und die Odyssee.

7 Antike Mathematikerin, Astronomin und Philosophin.

8 Namensschöpfung aus Krates und Archimedes.

9 Benannt nach einer Gegend auf dem Peloponnes.

10 Tochter des griech. Philosophen Pythagoras.

11 Nach antiker Vorstellung der Strom, der die Erdscheibe umfließt.

12 Griech. Mythologie: Die Nymphe Arethusa verwandelt sich in eine unterirdische Quelle, um sich vor dem Flussgottes Alphaios zu verstecken.

13 Griech.: der Nördliche, auch Bezeichnung für den winterlichen Nordwind.

14 Nach Krates von Theben (um 365 v. Chr.), griech. Philosoph, Kyniker.

15 Griech. Mythologie: Sohn des Zeus und der Alkmene.

16 Griech.: »Licht tragend«, hier der Name einer arkadischen Glühwürmchenart.

COR

Als zwei Fremde an einem der ersten milden Frühlingstage des Jahres 401 nach der Besiedelung des Planeten Uranus den verschlungenen Weg zu unserem Hof hinauf wanderten, markierte das den Beginn eines neuen Kapitels unseres Lebens. Bis dahin war es ein ganz normaler Tag gewesen. Statt mir beim Abwasch zu helfen, war Myia auf den alten Baum vor dem Hof geklettert und machte es sich in luftiger Höhe gemütlich. Folglich erledigte ich alleine die Küchenarbeit, während unser Vater auf der schattigen Bank vor dem Haus ein Schläfchen hielt. Er hatte uns oft erzählt, wie von seinem Großvater Krates dem Älteren, einst ein bescheidener Keimling gepflanzt worden war. Daraus hatte sich inzwischen ein stattlicher Baum entwickelt, dessen Stamm von Myia und mir nur mit Mühe gemeinsam umfasst werden konnte. Hoch oben im Geäst hatten wir uns mit ein paar Brettern eine Liegefläche gebaut und schauten von dort durch die Blätter in den Himmel. So lagen wir oft in der einsetzenden Dämmerung auf dem Rücken und beobachteten den Aufgang der Monde am Himmel. Bäuchlings konnte man im Schutz des Laubes mühelos die Geschehnisse auf dem Hof beobachten.

Während ich mich nun um den Abwasch kümmerte, saß Myia in der Baumkrone und genoss den Blick über das Breite Tal.

Entsprechend war sie die Erste, die die blau gewandeten Fremden schon von Weitem entdeckte. Aufgeregt kletterte sie hinunter und rüttelte Vater energisch aus dem Schlaf; auch ich kam aus der Küche geeilt. Fremde verirrten sich sonst nie auf den mühsamen Weg zum Endhof. Für gewöhnlich bekamen wir nur von Quintus und seinen Söhnen Besuch, unseren nächsten Nachbarn.

Es entging mir nicht, dass Vater sogleich besorgt wirkte. Er stellte sich auf die Bank und hielt Ausschau. Als er die Fremden auf dem geschlängelten Weg entdeckte, rief er beinahe erschrocken: »Schnell, versteckt euch! Philosophen!«

Meine Schwester und ich sahen uns fragend an. Wieso sollten wir uns nicht zeigen dürfen? Er kniff seine Augenbrauen zusammen, um die Ankömmlinge genauer zu betrachten. Als er sah, dass wir seiner Aufforderung noch nicht nachgekommen waren, ermahnte er uns streng. Solange sich die ungebetenen Gäste auf dem Hof aufhielten, brauchten wir uns nicht wieder blicken zu lassen. Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, wie ernst es ihm damit war. Aus seinen Augen sprach eine Unruhe, die ich bisher bei Vater noch nie beobachtet hatte. Eingeschüchtert beeilten wir uns, auf den Baum zu klettern, und so konnten wir die Ankunft der Fremden von oben aus beobachten. Besonders auffällig war die ungewöhnliche Farbe ihrer Reisekleidung. Ihre langen Mäntel waren in einem dunklen, kräftigen Blau gefärbt.

Erst als die Wanderer den Hof betraten, zogen sie ihre tief ins Gesicht hängenden Kapuzen vom Kopf. Das kastanienbraune Haar einer hochgewachsenen Frau kam zum Vorschein. Ihr Begleiter war in etwa gleich groß, und doch wirkte er neben ihrer grazilen Figur untersetzt und stämmig. Auf seinem Kopf befand sich nur noch ein schmaler schwarzer Haarkranz. Seine Wangen und das hervorspringende Kinn des vor Anstrengung geröteten Gesichts waren im Gegensatz zu dem unseres Vaters bartlos. Die Philosophen flüsterten kurz miteinander, dann traten sie ein paar Schritte heran und neigten ihren Kopf in einer sonderbaren Geste in Vaters Richtung. Unter den Bewohnern Arkadiens war es normalerweise üblich, die rechte Hand zur Begrüßung und Verabschiedung zu reichen, doch Vater brachte nur ein unwilliges Kopfnicken zustande.

Myia flüsterte mir verärgert ins Ohr: »Warum will er uns nicht dabeihaben? Immer schickt er uns weg, genauso wie wenn er mit Quintus17 über die Pacht spricht.«

Meine Schwester war gerade zehn Winter alt geworden, sie hasste es, wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Häufig regte sie sich völlig zu Unrecht auf, doch in diesem Fall lag sie richtig. Unser Vater hielt uns nur zu gerne über die Außenwelt im Unklaren. Wären die Söhne unseres nächsten Nachbarn nicht gewesen, hätten wir nichts über das Leben jenseits des Breiten Tales erfahren. Doch die Zwillinge Kleobis und Biton18 und ihr jüngerer Bruder Phinteas19, mit denen wir von Kindesbeinen an spielten, teilten ihr Wissen gerne mit uns. Sie lebten auf der anderen Seite des Tales und betrieben dort eine kleine Schankstube, den Goldtopf.

»Was meint er damit, Hypatia? Was sind Philosophen?« Myia lag neben mir und stieß mich mit ihrem Ellenbogen in die Rippen.

Ich dachte nach, was die Zwillinge über die Blaugewandeten erzählt hatten. »Kleobis sagte doch, dass das die wichtigsten Vertreter von COR20 sind. Von allen Bewohnern des Landes genießen sie das höchste Ansehen, weil sie so weise und gelehrt sein sollen. Sie kümmern sich hauptsächlich in der Hauptstadt um die Regierungsgeschäfte und die Verwaltung.«

»Vater hat niemals von ihnen gesprochen«, stellte meine Schwester verwundert fest. »Wozu zählen dann wir?«

»Nun, wir sind Plebejer21. Oder halt die Plebs, das weißt du doch noch, oder?«

Myia sah mich ratlos an, was meine Frage beantwortete. »Neben uns Bauern«, fuhr ich fort, »gehören auch Händler und Handwerker zu unserer Gruppe. Und dann gibt es doch noch die Servatoren, die für die allgemeine Ordnung und Sicherheit sorgen und zu diesem Zweck auch Waffen tragen dürfen. Du hast aber auch die noch nie gesehen, weil man ihnen in den ländlichen Gebieten ganz selten über den Weg läuft. Mit diesem Wissen prahlte zumindest Biton, erinnerst du dich?«

Von Quintus’ Söhnen hatten wir auch einiges über die Geografie dieses Landes erfahren. COR lag als solides Festland in einem endlosen Ozean. Die tiefe Alphaios-Schlucht, die nur an einer Stelle überquert werden konnte, unterteilte das Land in zwei große Bereiche. Der eine Teil wurde offiziell als COR Promtuaria22 bezeichnet und umfasste die Gegenden Thrakien23 im Norden, Boetien24, Lakonien25, Arkadien und Thessalien26 im Süden.

Die Plebs nannte diesen Landesteil einfach die Vorratskammer. Im oberen Teil, der Thrakien genannt wurde, gab es die Bezirke Zaccharo und Pyrgos, in Boetien, dem Landstrich südlich davon, einen etwas größeren Ort namens Gela. In Lakonien, welches sich über die breiteste Stelle von COR Promptuaria erstreckte, fanden sich die Siedlungen von Ragusa und Kyparissa. Im thessalischen Süden unsere Heimat Arkadien lagen Agrigent, Poros und Eritium. Alles Namen, die Myia und mir kaum etwas sagten. Reisen galt in der Kornkammer als beschwerlicher Luxus, und Vater hielt es für überflüssig, sich das Land anzusehen, wenn zu Hause jede Menge Arbeit wartete. Also waren wir bisher nicht weiter als nach Telephassa gekommen.

Im Rest des Landes, das COR Consumaria hieß, befanden sich weitere größere Städte, deren Namen ich mir bisher nicht merken konnte. Nur eine Stadt, die uns stets in Erstaunen versetzte, beschrieben die Nachbarsjungen immer und immer wieder in schillernden Farben: Polipolis. Dort befand sich der Sitz unserer Regierung, das Zentrum der Macht. Obgleich unsere Nachbarn die Stadt selbst nicht mit eigenen Augen gesehen hatten, bereitete es ihnen ein herrliches Vergnügen uns Ahnungslosen von ihrer Schönheit und den prunkvollen Schätzen, die sich an jeder Ecke fanden, vorzuschwärmen. Da sie ihre Geschichten von Mal zu Mal phantasievoller ausbauten, schenkten Myia und ich ihnen bald keinen Glauben mehr.

Eindeutig fest stand hingegen, wann die CORDISCHE Zeitrechnung begann. Denn die alten Reiche waren vor etwas mehr als vierhundert Jahren durch die Deukalionische27 Katastrophe überflutet worden. Immerhin gelang es den Überlebenden, die wichtigsten Schriften der Antike zu retten. Eine davon wurde zum Fundament des neuen Staates. Jedem Bewohner wurde bereits als Kind die Hymne beigebracht, die das unfassbare Leid seiner Heimat beschrieb:

»Das Beben, es riss alles mit,

das Wasser kam, die Hoffnung litt,

der Heimat fern, das Leid war groß,

wo waren die guten Tage bloß?

Nur noch Ruinen, von Wasser bedeckt,

die Schreie, sie blieben unentdeckt,

gefangen bis in Ewigkeit, die Toten,

sie sind das, was bleibt.

Endlich, ein Schiff am Horizont,

dem Sturm entflohen, ganz gekonnt,

Fortunas Dank, es bringt das Licht,

drei Säulen erscheinen, das Elend bricht.

Gerettet die Schriften, aus Fluten heraus,

gelobt seien die Götter, Philosophen steht auf,

so geboren, die Kinder des Staates von COR,

das Alte vergangen, neue Kraft bricht empor.

Das Streben nach Recht, in Glanz steht es da,

das Große und Ganze, die Verheißung wird wahr,

mit Mut wir geloben, ein glorreiches Land,

wird gemeinsam erschaffen, mit eifriger Hand,

drum folgen wir Platon28, er knüpfte das Band,

den Weisen wir danken, o ruhmreiches Land.29«

Von unserem Versteck aus hatten wir einen guten Überblick. Inzwischen waren die Erwachsenen mit dem Austauschen der allgemeinen Höflichkeitsfloskeln am Ende. Die Besucher sahen Vater erwartungsvoll an. Es war Sitte, dass der Gastgeber nach der Begrüßung Wasser zum Händewaschen anbot, sowie etwas zu essen und zu trinken reichte. Doch tief in Gedanken versunken, nestelte unser Vater an seiner Arbeitstunika herum und starrte dabei auf den Boden. Als selbst ihm die Blicke der Fremden aufzufallen schienen, fragte er zögernd, ob sie wegen der Pacht gekommen seien.

Die Philosophin lächelte freundlich, sie hatte ein wunderschönes Gesicht. Laut und deutlich sprach sie: »Kratimedes, wie du dir denken kannst, sind mein Begleiter und ich nicht den weiten Weg aus Polipolis gekommen, um über das Pretium30 zu diskutieren.« Sie sah zu ihrem Begleiter hinüber. »Dies hier ist der ehrwürdige Philosoph Tryphon31

Was sollte das alles? Warum kannten sich Vater und die Philosophin? Wieso hatte er uns davon nichts erzählt?

In ihrem freundlichen, aber bestimmten Tonfall fuhr sie fort: »Wie du weißt, gibt es in COR Gesetze, denen man Folge leisten muss. Nachdem du dich deinen Verpflichtungen widersetzt hast, war ein offizieller Besuch längst überfällig. Du kannst versichert sein, dass ich alles in meiner Macht Stehende versucht habe, um dir eine Strafe zu ersparen.«

Die drei standen jetzt genau unter uns, das Lächeln der Frau war verschwunden. Vater brummte undeutlich etwas vor sich hin. Myia verdrehte die Augen, denn sie wusste, dass er absichtlich leise sprach. Seine Antwort schien unhöflich gewesen zu sein, denn der untersetzte Philosoph stöhnte missbilligend auf.

Die Philosophin schüttelte fast unmerklich den Kopf und schlug beschwichtigend vor: »Bevor wir uns hier im Stehen streiten, sollten Tryphon und ich uns etwas stärken, um deinem Furor32 gewachsen zu sein. Wie wäre es, Kratimedes, wenn du uns etwas anbieten würdest?«

»Du hast recht, ehrwürdige Philosophin«, erwiderte Vater zerknirscht. »Nehmt hier auf der Bank Platz und ruht euch aus.«

Die Frau löste die glänzende Fibel ihres Reisemantels und legte ihn ab. Darunter kam ein weißes Gewand zum Vorschein. Ihr Begleiter öffnete ebenfalls den Verschluss seines Mantels, machte aber keine Anstalten ihn abzulegen. Er wirkte, als wäre er nur widerwillig mitgekommen. Die beiden unterhielten sich leise, bis Vater mit einer Karaffe und drei Trinkpokalen erschien. Er schenkte seinen Gästen einen Becher mit verdünntem Wein ein und setzte sich auf einem Hocker dazu.

Die schöne Frau nippte an dem Getränk und sah Vater erwartungsvoll an. »Nun, Kratimedes, lass uns nicht weiter Zeit vergeuden. Wo sind die Mädchen?«

Unwillkürlich zuckten Myia und ich zusammen. Es ging um uns?

»Sie sind wie üblich auf den Pferden nach Telephassa unterwegs, um etwas auf dem Forum zu besorgen«, stammelte Vater ausweichend.

Wir staunten, denn nie hätte er uns solch einen Ausflug alleine erlaubt, obwohl wir an jedem Markttag nach dem Vollmond der Titania33 mit ihm dort hinfuhren. Dieser Ort lag einen längeren Ritt talabwärts entfernt.

Die Stimme der Frau klang zunächst enttäuscht: »Wie schade! Ich hätte sie so gerne gesehen.«

»Ein Gott gebe mir gelassene Gemütsruhe, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und immer die Weisheit, den Unterschied zu erkennen.34«, spottete Tryphon.

»Oh, Fortuna, was für ein Zufall? Ausgerechnet heute?«, stellte nun die Philosophin kühl fest.

Die Schultern unseres Vaters strafften sich, als er betont freundlich antwortete: »Meine Töchter können kommen und gehen, wie es ihnen passt. Die beiden sind noch Kinder, warum sollten sie für euren Nachwuchs schuften? Vorschriften und Zwänge kommen noch früh genug. Kindheit und Jugend sind nicht zur Ausbeutung gedacht. Damit machen es sich die Patrizier sehr einfach.«

»Wer sollte deinen Kindern in Sachen Disziplin auch ein Vorbild sein?«, fragte der Philosoph höhnisch. »Du? Ganz sicher nicht!«

Dieser Kommentar musste Vater verletzt haben, er schwieg jedoch und starrte auf seine Hände. Tryphon lachte noch einmal freudlos auf. Es schien, als wolle er Vater herausfordern und ließ sich zu einem kleinen Vortrag hinreißen. »Unser aller Herz schlägt für unser geliebtes Vaterland. Die Gerechtigkeit besteht darin, dass sich jeder gemäß seiner Begabung bemüht. Du kennst das zentrale Prinzip, das uns alle eint. Mir wäre es sonst kaum eine Erwähnung wert, wie naheliegend es ist, dass die Kinder die Disziplin zur Pflichterfüllung als Erstes von ihren Eltern erlernen. Das gilt für jede Aufgabe, sei sie auch im Einzelnen noch so klein und unbedeutend. Im Ganzen gesehen fügen sich die einzelnen Bausteine zu den drei staatstragenden Säulen. Vivat LEX CORDIS! Es lebe der schönste, wahrste und beste Staat.«

Unser Vater räusperte sich verstohlen und wirkte beunruhigt.

Der Philosoph erinnerte sich an das eigentliche Thema. »Nun wird es höchste Zeit für dich, das bereits von euren Vorfahren gegebene Versprechen einzulösen. Deine Kinder müssen ihren Dienst antreten!« Tryphon trank seinen Becher in einem Zug aus und knallte ihn auf den Tisch.

Vater unter uns zuckte zusammen, genauso wie Myia neben mir, nicht durch den Knall seines Pokals, sondern aufgrund der Worte dieses Tryphons. Ich sah Myia mit weit aufgerissenen Augen schockiert an, die sich ihrerseits die Hand vor den Mund hielt, um nicht aufzuschreien.

»Was meint er?«, flüsterte ich ihr zu. »Welchen Dienst?«

Myia hatte es komplett die Sprache verschlagen, ob aus Überraschung oder aus Angst, konnte ich nicht erkennen.

»Warum haben uns die Zwillinge nie etwas davon berichtet?«, bohrte ich leise nach, doch eine Antwort bekam ich nicht.

Der Philosoph unter uns schien seine Überlegenheit jetzt sichtbar zu genießen und fuhr nach einer kurzen Pause fort: »Ich spiele von nun an nicht mehr mit. Es reicht! Aber da ich kein Unmensch bin, gebe ich dir noch einen kleinen Aufschub. Im kommenden Herbst jedoch läuft die Frist endgültig ab. Erscheinen deine Kinder nicht zum vereinbarten Termin, werden sie von einer Syssitia35 abgeholt, und du kannst dich vor der Ostraka36 in Polipolis verantworten. Wäge ab, ob du dir und deinen Kindern diese Schmach antun willst.«

Zwischen den Blättern erkannte ich, dass die Frau ihrem aufgebrachten Begleiter beschwichtigend die Hand auf seinen Arm legte. Und tatsächlich schien ihn das etwas zu beruhigen. Ein wenig entspannter fuhr er fort: »Dass mein Ministerium deine vernachlässigte Pflichterfüllung überhaupt so lange stillschweigend geduldet hat und ich sogar einen Tag meines Lebens dafür opfere, in diese Einöde zu kommen und dir von Angesicht zu Angesicht ins Gewissen zu sprechen, hast du ganz alleine Pantekleia zu verdanken. Nach der offiziellen Auslegung der CORPUS CORDIS wurde deine ältere Tochter schon im vorletzten Herbst im Megaron37 erwartet. Alleine deshalb müsstest du mit einer empfindlichen Strafe rechnen. Bei ihrem zweiten Fehlen im letzten Herbst stünde dir bereits ein Aufenthalt in Sybaris38 zu.«

Als ich die boshaften Worte des Blaugewandeten vernahm, erstarrte ich. Sollte ich etwa schon früher abberufen werden? Ganz alleine? Als ich Myia verzweifelt ansah, konnte ich ihren undurchsichtigen Blick nicht einordnen. Würde ich sie nicht besser kennen, könnte ich fast zu dem Schluss kommen, sie sei fasziniert von der Idee, den Endhof auf eigene Faust zu verlassen.

Tryphon ließ seine Worte wirken. »Aber die Himmlischen meinen es gut mit dir, denn du hast eine mächtige Fürsprecherin, die ihr Wort für deinen Eigensinn geltend macht. Aber treibe es nicht zu weit! Auch ich muss mich verantworten, wenn herauskommt, dass deine ältere Tochter zwei Jahre zu spät ihren Dienst antritt. Ich hoffe, dass niemand an höherer Stelle falsche Schlüsse daraus zieht. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«

Pantekleia berührte nochmals Tryphons Arm und flüsterte ihm etwas zu. Der schwarzhaarige Philosoph antworte nicht und zog sich seinen blauen Mantel zurecht. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er den Vorplatz und schlug den Weg zum Fluss hinunter ein. Schnell verschwand er aus unserem Blickfeld.

Eine Weile schwiegen die beiden Erwachsenen unter uns. Vater hatte seinen Kopf in die Hände gestützt und starrte auf die glatt polierte Oberfläche des Holztisches.

Pantekleia lehnte sich auf der Bank zurück und brach schließlich das Schweigen. »Schön ist es hier.« Als Vater nicht reagierte, seufzte sie müde. »Du wusstest doch, dass der Tag kommen würde? So lauten nun einmal die Gesetze.« Sie beugte sich über den Tisch und sprach leise und eindringlich auf ihn ein. Nach einer Weile stand die Philosophin enttäuscht auf und machte sich auf die Suche nach ihrem Begleiter.

Vater bedeutete uns nervös, dass wir auf dem Baum bleiben sollten. Als die beiden Philosophen nach kurzer Zeit zurückkehrten, nahmen sie wieder am Esstisch Platz, beachteten ihren Gastgeber aber nicht weiter, der noch immer zusammengesunken auf seinem Hocker saß.

Zunächst unterhielten sich die beiden so leise, dass wir trotz aller Anstrengung nicht einen Gesprächsfetzen aufschnappen konnten. Auch nachdem sie einen weiteren Becher Wein geleert hatten, machten die weiß gekleideten Philosophen noch immer keine Anstalten den Heimweg anzutreten. Die Zeit zog sich hin, und ich war nicht nur in meiner Angst, sondern auch auf den Ästen des Baumes gefangen.

Als die Sonne tiefer stand, sah sich Vater gezwungen, der Gastfreundschaft Genüge zu tun, und holte Brot und Käse sowie den Rest des geschmorten Gemüses vom Prandium39 aus der Küche.

Nach dem Mahl hatte sich Tryphons Stimmung merklich gebessert. Ein intensives Gespräch entspann sich zwischen den beiden Besuchern. Er lachte häufig laut auf.

Myias Magen knurrte vernehmlich, auch ich bemerkte ein bohrendes Hungergefühl. Wie lange mussten wir denn noch hier oben ausharren?

Vater war inzwischen aufgestanden, das untätige Herumsitzen lag ihm nicht. So holte er Holz für den Ofen und Wasser aus der Quelle neben dem Haus. Die Philosophen diskutierten eifrig weiter und bedienten sich großzügig am Wein.

Unvermittelt erhob Pantekleia ihre Stimme und rief erstaunt: »Aber bist du dir da sicher Tryphon? ›Prüfe alles, räume der Vernunft die erste Stelle ein40‹. Sicherlich haben seine Schüler des Öfteren mit ihm darüber diskutiert, ob ein freier Wille existiert oder das Schicksal der Menschen durch die Götter bestimmt wird. Pythagoras hat sich dazu widersprüchlich geäußert.«

Der schwarzhaarige Mann lehnte sich amüsiert zurück. »Das sieht dir wieder ähnlich, dass er für dich nur in den Extremen existiert. Du suchst ja förmlich nach Widersprüchen in seiner Lehre. Aber du hast ja recht, seine akademische Akzeptanz befindet sich seit Jahren im Sinkflug. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir es noch erleben werden, dass man seine Lehre aus dem Kanon der akademischen Fächer entfernen wird. Spätestens, wenn der letzte aufrechte Pythagorasjünger seine finale Reise in die Unterwelt antritt.«

Wer war Pythagoras? Auch ein Philosoph? Meine Schwester, die sich inzwischen wie ich vor den beiden Besuchern wieder in Sicherheit wiegte, konnte ein herzhaftes Gähnen nur mit Mühe unterdrücken; sie war gerade dabei einzuschlafen. Vater hatte schon Unmengen an Gemüse geerntet, nun begann er, geräuschvoll den Hof zu säubern. Pantekleia und Tryphon ließen sich durch die Unruhe, die Vater verbreite, nicht stören. Sie diskutierten ungestört über Thesen und Antithesen. Allmählich wurden die Schatten länger. Das Licht der Sonne, die jetzt hinter den Bergen versank, wechselte in ein tiefes Rot.

Auf dem Hof kehrte plötzlich Ruhe ein. Vater war nicht mehr zu sehen. Die Philosophin sah sich suchend um, und erst als sie ihn im Gemüsegarten entdeckte, widmete sie sich wieder ihrem Begleiter. Ich staunte, dass sich bei den beiden Philosophen keine Spur von Müdigkeit zeigte. Immerhin mussten sie einen weiten Weg hinter sich gebracht haben. Unvermittelt hob Pantekleia ihren Kopf und blickte in den Baum hinauf. Ein eiskalter Schauer durchzuckte mich, mein Herz setzte einen Schlag aus. Für einen kurzen Moment hatte ich den Eindruck, sie hätte mich entdeckt. Doch die Frau wandte ihren Blick wieder ab, füllte ihren Becher mit Wein und sprach, die Augen in die Ferne gerichtet, ausdrucksvoll weiter. »Wenn nur die Kinder hier wären, so gerne hätte ich sie gesehen.«

»Was willst du erwarten?«, höhnte Tryphon und sprach noch lauter, als unser Vater sich ihm näherte. »Er ist ein einfacher, dummer Bauer, meine Teure, vergiss das nicht. Von Pythagoras hat er doch sein Lebtag noch nichts gehört.«

Ich bemerkte, dass Vater seine Fäuste ballte, und hoffte, dass er sich beherrschen konnte, auch wenn Tryphon eine schreckliche Person war.

»Da irrst du dich aber. Von Pythagoras habe ich tatsächlich schon gehört. Hat er nicht einen Marktstand in Agrigent? Als Kesselflicker?«, bemerkte er betont höflich und fuhr fort, dass dieser Mann für seine gute Arbeit und anständige Preise bekannt war.

Die Philosophin sah auf ihre Hände und hatte Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. Tryphon selbst konnte jedoch nicht an sich halten und prustete los: »Ha! Das gibt es ja nicht! Der große Mathematiker und Philosoph, ein Kesselflicker. Ha! Ich kann nicht mehr. Das muss ich beim nächsten Stoiker41-Treffen in Polipolis erzählen.« Der dunkelhaarige Mann lachte und klopfte sich immer wieder auf den Schenkel, als hätte er noch nie einen so guten Witz gehört.

Pantekleia sah Vater entschuldigend an und nahm rasch die ursprüngliche Diskussion mit Tryphon wieder auf. Ich weckte Myia, die sich neben mir müde die Augen rieb, da Vater verstohlen zum Baum hinaufsah und uns ein Zeichen machte, dass wir langsam hinunterkommen sollten. Erleichtert, dass wir endlich unser unbequemes Versteck verlassen durften, kletterten wir auf der Rückseite des Baumstammes hinunter, während die Philosophen in ihr Gespräch vertieft waren. Unten angekommen, versuchte ich, unsere zerknitterten Arbeitstuniken glatt zu streichen, dann traten wir mit klopfenden Herzen hinter dem Baum hervor.

Tryphon bemerkte unsere Ankunft zuerst, hob missbilligend die Augenbrauen und räusperte sich laut. Die Philosophin wirkte angenehm überrascht und lächelte freundlich. Ihre ausdrucksvollen hellbraunen Augen musterten uns aufmerksam. »Hypatia und Myia?«

Wir nickten schüchtern. Freundlich fuhr sie fort: »Ihr seht gesund und kräftig aus. Genauso wie ihr bei euren zukünftigen Aufgaben im Megaron gebraucht werdet.« Sie sah in unsere verängstigten Gesichter. »Man nennt mich Pantekleia. Ich bin aus Polipolis angereist, um euch mitzuteilen, dass ihr bald dem Philosophenstaat dienen dürft.«

»Wir dienen doch bereits unserem Land«, hörte ich Myia neben mir sagen. »Wir helfen Vater jeden Tag.«

»Das weiß ich doch, und darauf könnt ihr auch stolz sein. Doch euer Vater wird es auch alleine schaffen, da bin ich mir sicher. Nach der nächsten Ernte macht ihr euch auf den Weg. Das Megaron liegt eine Tagesreise mit dem Fuhrwerk von hier entfernt. Die Pflichterfüllung im Gefüge des Großen Ganzen steht dann im Mittelpunkt eures Lebens. Es wird euch sicherlich gefallen, ihr werdet viel Neues erfahren und eine Menge andere Menschen kennenlernen.«

Myia begann, unvermittelt zu lächeln. Ich wusste zwar, dass sie immer mal wieder davon träumte, über das Breite Tal hinauszukommen, und doch erschreckte mich ihre Reaktion. Auch Vater blickte wie versteinert vor sich hin.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte Pantekleia gerade heraus, ob es nicht eine Ausnahmeregel geben könnte, wenn ein Elternteil alleine auf dem Hof zurückbleiben müsste.

Ihr Lächeln erstarb, und sie vermied es, in seine Richtung zu sehen. »Wie es Tradition und Gesetz bestimmt und wie es auch jeder anderen Bauernfamilie ergeht, muss Kratimedes allein zurechtkommen, umso mehr, da es ihm von Anfang an bewusst war, dass der Tag des Abschieds einmal kommen würde. Dieses Versprechen wurde bereits von seinen Vorfahren geleistet und wird mit jeder folgenden Generation erneuert.« Beschwichtigend fügte sie hinzu, dass wir im darauffolgenden Sommer für die Feriae Frumenti42 von unseren Aufgaben entbunden werden würden, um ins Arkatal zurückzukehren und dem Vater bei der Ernte helfen zu können. Es dauerte einen Moment, bis ich ihre Worte verstand. Ich blickte erschrocken zu meiner Schwester, ihre Begeisterung fiel augenblicklich in sich zusammen.

Erschrocken rief sie: »Das würde ja bedeuten, dass wir vom Herbst bis zum Sommer in diesem Megaron leben müssen!«

Tryphon schnaubte entrüstet über unsere Einfalt und wandte sich ab, um seinen Mantel überzustreifen. Pantekleia lächelte geduldig. »Ja, Myia, so wurde es im CORPUS CORDIS festgelegt.« Die Philosophin blickte unseren Vater an, er wich ihrem Blick aus und nahm stattdessen meine Schwester in den Arm, die in Tränen ausgebrochen war.

Tryphon wurde dies alles zu viel. »Pantekleia, wir müssen uns auf den Heimweg machen. Die Zeit wird knapp.«

Sie seufzte hörbar. »Ihr könnt es euch heute noch nicht vorstellen, dass euch das Leben im Megaron gefallen wird. Eure bisher ungenutzten Talente werden in bester Weise gefördert. Bleibt gesund! Vale43

Myia löste sich aus Vaters Umarmung, auch sie sah jetzt zur Philosophin auf. Die beiden Philosophen neigten ihren Kopf zum Abschied. Nach ein paar Schritten zögerte Tryphon und drehte sich zu Vater um. »Du hast bis zur Ernte noch etwas Zeit einen letzten Schliff in die Erziehung deiner Kinder zu bringen. Deine Penaten44 und alle himmlischen Götter mögen dir in dieser hochheiligen Pflicht beistehen und dich fortwährend in Geduld und Ausdauer bestärken.«

Vater blickte den Philosophen mit finsterer Miene nach, als die den Serpentinenweg ins Tal hinunternahmen. An diesem Abend brachte er kein mehr Wort über seine Lippen, auch in den nächsten Tagen sagte er kaum etwas.

Das Frühjahr rückte voran und mit jedem neuen Tag verlor der Besuch der Philosophen in unseren Gedanken an Bedeutung. Manchmal grübelte ich noch darüber nach, worüber sich die Philosophen während ihres Aufenthaltes auf dem Endhof unterhalten hatten. Myia interessierte sich nicht sonderlich für die Diskussionen der beiden, doch auch sie stellte sich die Frage, warum unser Vater, der kaum das Tal verließ, eine Philosophin aus Polipolis kannte. Pantekleia hatte sogar den weiten Weg auf sich genommen, um sich für Vaters Fehlverhalten einzusetzen. Warum zeigte er keine Dankbarkeit für ihre Fürsprache? Wir wagten es nicht, ihn nach dem Grund zu fragen oder überhaupt das Gespräch auf die beiden Fremden zu lenken.

17 Lat.: »Der Fünfte«, im Sinne von »der im fünften Monat Geborene«.

18 Griech. Mythologie: die Söhne der Kydippe.

19 Ein Pythagoräer.

20 Abk. für continuum ordinis regnum, cor. Lat.: das Herz.

21 Das einfache Volk.

22 Promptuarium – lat.: die Vorratskammer.

23 Benannt nach einer Gegend im nördlichen Griechenland.

24 Benannt nach einer Gegend im mittleren Griechenland.

25 Benannt nach einer Gegend im Süden der Region Peloponnes.

26 Benannt nach einer Gegend im nördlichen Mittelgriechenland.

27 Griech. Mythologie: Als der Göttervater Zeus beschließt, die verdorbene Menschheit auszurotten, wurden Deukalion und Pyrrha vor den vernichtenden Fluten gerettet, um später die Gründer der neuen Menschheit zu werden.

28 Griech. Philosoph (um 400 v. Chr.), der bedeutendste Schüler des Sokrates.

29 Offizielle Hymne des Staates COR.

30 Lat.: Lohn, Sold, hier: der Zehnte, eine Zwangsabgabe.

31 Griech. Vorname, z. B. ein aus Alexandria stammender Grammatiker.

32 Lat.: Ärger, Wut.

33 Größter Mond des Uranus.

34 Das sog. Gelassenheitsgebet, stammt vermutlich von Reinhold Niebuhr (1934).

35 Urspr. gemeinschaftlich eingenommene Männermahle, hier: kleinste Militäreinheit der Servatoren.

36 Griech.: die Tonscherben. Hier: oberstes Gericht in Polipolis.

37 Bezeichnung für einen der drei Hauptteile des antiken griechischen Hauses.

38 Berüchtigtes Straflager und Steinbruch in COR.

39 Bei den Römern ein spätes 2. Frühstück, hier: Mittagessen.

40 Zitat von Pythagoras, griech. Philosoph und Mathematiker (um 500 v. Chr.).

41 Angehörige der Stoa; Zenon von Kition gründete diese philosophische Strömung um 300 v. Chr. in Athen.

42 Lat. Ernteferien.

43 Lat.: »Lebe wohl.«

44 Röm. Mythologie und Religion: Schutzgötter der Vorräte.

LOMO

Nach dem Besuch der Philosophen, als Vater behauptet hatte, wir seien nach Telephassa geritten, hatten Myia und ich ihm ständig in den Ohren gelegen, dass wir tatsächlich einmal ohne ihn dort einkaufen wollten. Er besaß keine Geduld, sich die Auslagen in Ruhe anzusehen, immer trieb er uns zur Eile an. Endlich stimmte er zu unserer Erleichterung zu. Vielleicht, weil er uns in Anbetracht des bevorstehenden Aufbruchs in die Ferne schon jetzt mehr Verantwortung übertragen wollte.

Es war ein warmer Tag im Frühsommer. Der Vollmond der Titania lag bereits zwei Tage zurück, somit stand der Besuch auf dem Forum wie üblich bevor. Vater benötigte mehrere Seile und einige Ellen festgewebten Tuchs, außerdem mussten ein paar wichtige Werkzeuge zur Reparatur gebracht werden. Nach einer Reihe von Ermahnungen zur Vorsicht und Höflichkeit entließ er uns.

Myias Wangen brannten vor Eifer, als wir die Pferde über die Serpentinen an ihren Zügeln ins Tal führten. Ich war stolz darauf, dass Vater mir den kleinen Beutel mit Münzen anvertraut hatte. Im Tal angekommen, stiegen wir auf die Pferde und folgten dem Uferweg flussabwärts.

Wie immer faszinierte mich das bunte Treiben in dem überschaubaren Oppidum. Die Besucher des Marktes sammelten sich um die zahlreichen Stände und versuchten, um den besten Preis zu feilschen. Es roch nach gebratenem Gemüse, Knoblauch und frisch gebackenen Fladenbroten. Als wir unsere Besorgungen erledigt hatten, schlenderten Myia und ich zwischen den Ständen umher und betrachteten neugierig die Auslagen. Bei einem Händler, der Spiegel verkaufte, blieben wir stehen. Es war mein langgehegter Traum einen neuen zu erstehen. Allerdings war die geforderte Summe selbst für den kleinsten Handspiegel viel zu hoch, als dass ich ihn mit dem Restgeld aus Vaters Beutel hätte bezahlen können. Am Nachbarstand wurden unterschiedliche Instrumente feilgeboten. Ich erlaubte Myia nicht, die Lyra zu berühren, die sie eine halbe Ewigkeit anstarrte, sonst hätte sie sich vermutlich nie wieder davon trennen können.

Empört über meinen strengen Ton rannte sie weg. Auf der anderen Seite des Platzes setzte sie sich auf einen Stein, um mit düsterem Gesicht vor sich hin zu brüten. Ich seufzte und warf noch einmal einen Blick auf das Instrument, erkundigte mich nach dem Preis und beschloss, später mit Vater darüber zu sprechen. Bevor mir jedoch der Händler die Summe nennen konnte, wurde ich abgelenkt. Ich beobachtete, wie Myia von einem Fremden angesprochen wurde. Der Mann war ganz in Schwarz gekleidet und hatte die Kapuze seines Umhangs tief ins Gesicht gezogen. Merkwürdig bei dem Wetter, dachte ich alarmiert. So schnell ich konnte, überquerte ich den belebten Platz, doch Myia war schon aufgestanden, um den Mann zu begleiten.

Was dachte sich meine Schwester eigentlich? War sie sich denn gar keiner Gefahr bewusst? Ich rannte hinter den beiden her. »Myia!«, schrie ich. »Bleib hier!«

Für einen Moment verlor ich sie in dem Getümmel aus den Augen, dann aber entdeckte ich die schwarze Kapuze an der seitlichen Häuserwand, als sie gerade in eine Gasse abbog. Myia folgte weiterhin dem Mann. Die beiden bewegten sich in Richtung Fluss. Panik stieg in mir auf. Wer war der Fremde, und was wollte er mit meiner Schwester? Der Kapuzenmann drehte sich verstohlen um; Myia ging an seiner Seite. Ich nahm die Beine in die Hand. Inzwischen waren die Geräusche des Marktes verschwunden, es wurde still um mich herum. Die Gasse vor mir war leer. Ich schrie erneut den Namen meiner Schwester und sah mich panisch um. Sie musste doch irgendwo sein! Die beiden waren wie vom Erdboden verschluckt.

Ich ging noch ein paar Schritte weiter, da wurde ich von hinten gepackt und in einen Hauseingang gezerrt. Als ich mich wehrte und zu schreien begann, legte sich eine Hand auf meinen Mund. Was war hier los? War das ein Überfall? Ich zog den Beutel mit dem Geld hervor und warf ihn vor mir auf den Boden. Doch der Griff lockerte sich nicht. Ängstlich hielt ich still. Plötzlich begann sich meine Umgebung zu drehen, und ich sackte in mich zusammen. Das Letzte was ich registrierte, war das auf mich zukommende Pflaster.

Undeutlich drang ein mir fremder Dialekt an mein Ohr: »Wach auf, Mädchen! Komm schon!«

Ich blinzelte und bemerkte überrascht, dass ich noch auf dem Boden lag.

»Hypatia, wach auf!«, hörte ich die Stimme meiner Schwester.

Was war hier los? Mühsam versuchte ich, auf die Beine zu kommen. Doch mir wurde gleich wieder schwarz vor Augen, also blieb ich liegen und konzentrierte mich auf meinen Atem.

»Entschuldige bitte,« flüsterte der Mann im schwarzen Umhang, der sich nun über mich beugte. Die Kapuze war zurückgeschoben, ein von dunklen Locken umrahmtes Gesicht mit Vollbart tauchte vor mir auf.

Die Nase war nicht ganz gerade. Kam das von einer Schlägerei? War das ein Raufbold? Sein Blick war jedoch freundlich, und der Fremde schien aufrichtig an meinem Wohlergehen interessiert zu sein. Vielleicht war er in Vaters Alter oder sogar jünger?

»Mach ihr keine Angst!«, mischte sich meine Schwester ein. »Du wolltest mir doch nur etwas zeigen.«

»Sei versichert, ich will euch nichts Böses«, versprach er in sanften Ton. »Mein Name ist Lomo.«

Meine Panik ebbte langsam ab. Auf den zweiten Blick sah er nett aus und hatte einen lustigen Namen. Vielleicht hatte er wirklich nichts Schlechtes im Sinn. Seine Art, die Worte zu betonen, klang jedoch sonderbar. Ich setzte mich vorsichtig auf. Myia hatte Vaters Beutel mit den eingesammelten Münzen aufgehoben und mir zurückgegeben.

»Wer bist du wirklich, Lomo? Kein Lyra-Händler, oder?«, fragte Myia, eine Spur herausfordernd.

»Nein«, gab er lächelnd zu.

Jetzt ahnte ich, warum sie diesem Mann gefolgt war. Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Wie sollte ich auf meine Schwester achten, wenn sie einfach einem dahergelaufenen Fremden folgte, der ihr das Blaue vom Himmel versprach?

»Was willst du von uns?«, wandte ich mich an Lomo.

Er sah sich um. »Ich möchte euch etwas geben«, flüsterte er. »Für die kommende Reise. Zu eurem eigenen Schutz.«

Ich verstand gar nichts mehr, auch auf Myias Gesicht spiegelte sich völlige Verwirrung. »Nein, wir machen keine Reise!«, entgegnete sie.

»Doch!«, erwiderte Lomo mit Nachdruck. »Ins Megaron!«

Ich erschrak. Woher wusste er davon?

»Haltet die Augen offen, man kann nie wissen«, flüsterte er.

»Wer sollte uns denn etwas antun? Du vielleicht! Du hast mir gerade den größten Schreck meines Lebens eingejagt,« erinnerte ich ihn mit einer jetzt in mir aufflammenden Wut.

Da zog der Mann mit der schiefen Nase einen glänzenden Gegenstand unter seinem Umhang hervor. Ich zuckte zusammen, und prompt brach meine kurz zuvor erlangte innere Stärke wieder in sich zusammen. Auch Myia schnappte hörbar nach Luft, als sie sah, dass Lomo eine blank polierte Klinge in der Hand trug. »Keine Angst, ich werde euch wirklich nichts tun«, versprach er und hielt uns die Waffe hin, damit wir sie betrachten konnten. »Dieses Gladius45 ist für euch bestimmt. Nehmt es.«

Myias Mund stand offen. Ich erlangte vor ihr meine Fassung wieder. »Was sollen wir damit tun? Nur Servatoren dürfen Waffen tragen. Du musst uns mit jemandem verwechseln, Lomo.«

»Sicherlich nicht. Ihr seid Hypatia und Myia, das weiß ich. Nehmt das Schwert! Bitte!«

»Wer bitte hat dich denn damit beauftragt, uns zu schützen?«, bohrte ich nach. »Wir haben keine Feinde. Das musst du uns glauben!« Lomo blickte uns entschuldigend in die Augen, als er antwortete: »Ich darf euch nichts Genaues berichten. Vertraut mir trotzdem! Es ist wirklich nur zu eurem Schutz. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, sozusagen.«

Ich war mir unsicher.

Lomo wusste, wer wir waren und wohin wir wollten. Schon das allein war merkwürdig genug. Aber warum blieb er uns die Erklärung dafür schuldig?

Außerdem war es ein ernster Verstoß gegen das CORDI-SCHE Gesetz, als Bauernkind ein Schwert zu besitzen.

Myia unterbrach meine Überlegungen. »Warum sollten wir von einem wildfremden Mann eine Waffe annehmen?«, fragte sie aufgeregt. »Eine Lyra, nun gut, da könnten wir drüber reden. Aber doch kein Gladius!«

Lomo schüttelte den Kopf, er würde uns nicht mehr verraten. Aber ich spürte, dass er es gut mit uns meinte. Meine Neugierde besiegte die Angst. Obwohl mir die Sache nicht geheuer war, ergriff ich das Schwert. Es war schwerer als gedacht und ich hatte Mühe die Waffe vollständig in meinen Umhang einzuwickeln.

Sichtlich erleichtert zog sich der Fremde wieder die Kapuze über.

»Also gut, Lomo. Wir nehmen es. Damit haben wir deinen Wunsch erfüllt«, stellte ich sachlich fest.

»Nicht vergessen! Nehmt es mit ins Megaron,« flüsterte er uns zum Abschied zu und verschwand daraufhin in den Gassen.

Ich klemmte mir das unförmige Packet unter den Arm und eilte mit Myia zum Markt zurück. Als wir den quadratischen Platz erreichten, beschleunigte sich wieder mein Herzschlag. Das Gewicht der Waffe erinnerte mich daran, dass ich mir dieses seltsame Treffen nicht eingebildet hatte. Nervös achtete ich darauf, dass die Waffe vollständig bedeckt war. Während wir uns den Weg durch das Getümmel bahnten, um unsere Pferde aus den Stallungen zu holen, wurde überall gedrängelt, geschrien und geschubst. Mit Myia an der Hand fürchtete ich, das Schwert im Gewühl fallen zu lassen, aber ich wollte meine Schwester nicht noch einmal verlieren. Endlich erreichten wir die Ställe und verteilten erleichtert das Gepäck auf unsere Pferde.

»Wer könnte uns bedrohen?«, fragte ich meine Schwester unsicher, als wir das Oppidum hinter uns gelassen hatten.

Ahnungslos zuckte sie mit den Schultern.

Auch ich wollte nicht länger darüber nachdenken. »Zumindest sind wir heil davongekommen. Aber kein Wort zu Vater.« Myia nickte stumm.

Nachdem wir den Endhof ohne weitere Zwischenfälle erreicht hatten, fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Ich versteckte die Waffe des Fremden in unserem Kletterbaum. In den ersten Tagen nach dieser merkwürdigen Begegnung fragte ich mich, wo Lomo wohl herkam. Und wer ihn dazu beauftragt hatte, zwei Mädchen aus dem friedlichen Arkatal, mit einem verbotenen Schwert zu behelligen. Doch die täglichen Pflichten und das schöne Wetter lenkten mich von den Überlegungen ab, auf die ich ja sowieso keine Antwort finden konnte, so sehr ich mir den Kopf auch zerbrach. Bald hatte ich Lomo und seinen merkwürdigen Dialekt vergessen.

Myia und ich erlebten einen heiteren und unbeschwerten Sommer. Noch bevor sich die ersten Blätter im Lauf des Herbstes verfärbten, begann die Getreideernte und damit die arbeitsreichste Zeit des Jahres. Es fiel auf, dass Vater, der zwischenzeitlich wieder ganz der Alte gewesen war, erneut seltsam still und in sich gekehrt wirkte.

Zu dieser Zeit bestätigten uns die Jungen vom Goldtopf, dass sie auch bald das Arkatal verlassen würden, um dem CORDI-SCHEN Staat im Megaron zu dienen. Deshalb waren die Zwillinge aber nicht traurig, ganz im Gegenteil. Sie konnten es kaum erwarten, seit sie davon erfahren hatten. Ich konnte gut verstehen, weshalb sie sich darüber freuten. Endlich würden die Zwillinge ein begeisterungsfähiges Publikum haben, das ihre Kunststücke zu würdigen wusste.

Ich war froh, dass sie mich noch nicht darauf angesprochen hatten, warum ich nicht schon zwei Jahre zuvor ins Megaron aufgebrochen war. Immerhin war ich einen Kopf größer als die Zwillinge, die im selben Jahr wie Myia geboren worden waren. Mich verunsicherte meine späte Einberufung. Sicherlich würde man mir Fragen stellen.

Nach der Getreideernte änderte sich das Wetter schlagartig. Während der darauffolgenden Weinlese gab es kaum einen Tag, an dem es nicht regnete. Durch die herbstlichen Winde wurde es draußen ungemütlich. Die Arbeit war anstrengend, doch lenkte sie ab. Am Abend waren wir viel zu erschöpft, um über die bevorstehende Abreise nachzudenken. Irgendwann waren alle Trauben gesammelt und sämtliche Fässer gefüllt. Der für die Pacht bestimmte Anteil der Ernte lag sicher verpackt bereit und erinnerte Myia und mich daran, dass unsere Zeit bei Vater zu Ende ging.

An unserem letzten gemeinsamen Abend auf dem Endhof saßen Myia und ich erschöpft am Küchentisch. Der Abschied rückte unwiderruflich näher. Wir wussten, bis zum nächsten Sommer würde es lange dauern.

Mühsam versuchte ich, Myia aufzubauen. »Wir können es nicht ändern und müssen stark sein.«

Meine Schwester wandte mir den Rücken zu und machte sich am Herd zu schaffen, als wolle sie ihre Tränen vor mir verbergen. Angespannt stellte sie fest, dass heute doch der Tag der Demeter46 wäre und wir gleich von Quintus und seinen Söhnen Besuch bekämen. Das hatte ich ganz vergessen. Diese Abende verbrachten wir üblicherweise mit Gebäck, Traubensaft und unseren nächsten Nachbarn vom Goldtopf. Es gab trotz der widrigen Umstände einen Grund zum Feiern, die Gedanken daran halfen zumindest meiner Schwester und mir.

Als wir in der Küche die Vorbereitungen für den Abend erledigten, erschien Vater auf der Türschwelle. Sein Gesicht war fahl, und er bat uns, Platz zu nehmen. Umständlich räusperte er sich. »Bevor Quintus und seine Söhne zum Feiern kommen, muss ich mit euch reden. Ihr verdient es, endlich die Wahrheit zu hören.«

Er machte eine Pause, um sich zu sammeln, und begann beinahe tonlos: »Eure Mutter ist nicht tot, sie hat uns früh verlassen.«

Ich sah, wie Myia der Mund offenstand. Wir blickten Vater ungläubig an. Nach so vielen Jahren rückte er ausgerechnet jetzt mit der Wahrheit heraus?

»Bitte entschuldigt!«, brachte er als Nächstes hervor.

Atemlos warteten wir auf weitere Erklärungen. Immer wieder setzte er zum Sprechen an.

»Um das alles zu verstehen, muss ich ein wenig ausholen,« begann er endlich. »Ich muss wohl in Myias Alter gewesen sein, als mein Vater schwer erkrankte.« Seine Stimme klang brüchig. »Über Nacht übernahm ich Verantwortung und begann, auf dem Hof wie ein Erwachsener zu arbeiten. Meine Mutter pflegte ihren Ehemann bis zu seinem Tod, zwei Winter darauf. Über seinen frühen Abschied kam sie nicht hinweg und folgte ihm drei Jahre später.

Von meinem Eintritt ins Megaron war in dieser Zeit niemals die Rede gewesen. Die Jahre vergingen, und ich bestellte die Äcker und kümmerte mich um die Reben. Niemals hatte sich einer der feinen Patrizier hierher bemüht, um nachzusehen, ob ein Jüngling die Arbeit auf dem Endhof alleine schaffen konnte. Ich lieferte ihnen auch keinen Anlass dazu, denn ich arbeitete so hart, dass ich die geforderte Pacht stets pünktlich zahlen konnte. Der einzige Mensch, der mich regelmäßig besuchte und mit Nachrichten von der Außenwelt versorgte, war Quintus, der fliegende Händler. Er hatte ein Auge auf die schöne Wirtstochter Flavia47 vom Goldtopf geworfen. In mir sah er einen Verbündeten, um ihren mürrischen alten Herrn zu überzeugen.« Unvermittelt umspielte der Anflug eines Lächelns seine Lippen. Er goss sich etwas Wein in den Pokal. »Ansonsten war ich ja immer nur allein mit meinen Tieren auf dem Hof und verbrachte so Jahr für Jahr. Bis eines Tages eine junge, zerlumpte Frau vor meiner Tür stand. Sie war einfach da, ohne ein Wort der Erklärung, und wirkte ziemlich verängstig. Ich dachte, dass sie vor irgendjemanden geflohen sein musste, doch eine Antwort bekam ich nicht. Ich gab ihr zu essen, Seife und ein sauberes Gewand meiner Mutter. Nachdem sie vom Fluss zurückkam, hätte ich sie fast nicht wiedererkannt. Sie war wunderschön.«

»Das war Mutter, nicht?«, unterbrach in Myia.

Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. »Lass Vater weitererzählen.«

Er nickte mir dankbar zu. »Anfangs blieb sie beinahe still, doch ihre wenigen Worte wählte sie mit Bedacht, und ich dachte mir gleich, dass sie kein einfaches Bauernmädchen sein konnte. Nach und nach taute sie auf, und wir unterhielten uns bis tief in die Nacht.«

Myia grinste und ich trat ihr unter dem Tisch leicht ans Schienbein.

»Obwohl wir uns von Anfang an gut verstanden«, fuhr Vater fort und tat, als hätte er nichts bemerkt, »verhielt sie sich immer wieder höchst sonderbar. Auf der einen Seite gelang es ihr, in Gedanken versunken, ihre Umwelt komplett zu vergessen. Auf der anderen Seite war sie manchmal ungemein schreckhaft und zuckte beim geringsten Geräusch zusammen. Oft hielt sie Ausschau im alten Baum, als erwarte sie demnächst eine Truppe Servatoren. Vor ihrer Ankunft im Arkatal musste ihr etwas Schlimmes passiert sein, dachte ich. Doch darüber sprechen wollte sie nicht.«

Vater lächelte zum ersten Mal an diesem Tag in Erinnerung daran, dass eine Frau sein einsames Leben auf den Kopf gestellt hatte.

»Da sie mir auch nicht ihren Namen verraten wollte, überlegte ich mir einen und nannte sie Mira48. Dies war der Name meiner Großmutter, und er gefiel ihr. Einige Wochen nach ihrem Erscheinen kam Quintus vorbei. Wie es auch heute noch seine Art ist, polterte er auf den Hof und rief nach mir. Mira erschrak so sehr, dass sie sich im Stall versteckte. Erst als ich ihr nachdrücklich erklärte, dass der Fremde ein Freund von mir war, fasste sie Vertrauen und zeigte sich ihm. Ihr kennt ihn ja, sobald er uns zusammen sah, fing er an, die unsterblichen Götter zu loben. Niemand außer mir könnte eine so schöne Frau finden, ohne den eigenen Hof zu verlassen.«

Vater musste grinsen. Es tat ihm sichtlich gut, über vergangene Zeiten zu sprechen.

»Er hatte mich schon früher damit aufgezogen, dass ich mit dem Hof meiner Ahnen verheiratet sei. Schon oft hatte er mir vorgeschlagen, ihn auf die Feste in Telephassa, Kinuria oder Orchimenos zu begleiten, um eine Frau zu finden. Bisher hatte ich immer abgelehnt. Aber nun sei mir Mira wie ein Geschenk der Götter vom Himmel gefallen. Die junge Frau und ich wurden verlegen, als Quintus solche Reden führte, aber er hatte recht. Ihre Gesellschaft war wahrlich ein himmlisches Geschenk. Ich akzeptierte ihre Geheimnisse, sie fand sich in das ungewohnte Landleben ein.«

Er machte eine Pause, um einen Schluck zu trinken.

»Wir verliebten uns schließlich ineinander und bekamen zwei wunderschöne kleine Mädchen, Hypatia und Myia.« Sogar bei diesen Worten blieben seine Gesichtszüge entspannt, und er fügte zwinkernd hinzu: »Wir waren überglücklich.«

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich sah zu meiner Schwester hinüber, ihr schien es ähnlich zu gehen. Insgeheim hatten wir oft gemeinsam überlegt, warum er unsere Mutter nie erwähnt hatte. Im Laufe der Zeit waren wir zu der Überzeugung gelangt, dass sie bei Myias Geburt gestorben sein musste. So war es mit Quintus’ Frau Flavia bei Phinteas Geburt passiert. Deshalb hatte sich Myia immer wieder schuldig gefühlt.

Sie platzte sichtlich erleichtert heraus: »Wenn ihr so glücklich gewesen seid, warum hat sie uns dann verlassen?«

Auf Vaters Gesicht fiel ein dunkler Schatten, seine Stimme wurde ausdruckslos. »Als Hypatia drei Sommer alt wurde, setzte sich Mira in den Kopf, ihr Lesen und Schreiben beizubringen. Später solltet ihr beide mit einer Sondererlaubnis die Akademie49 besuchen können, nicht wie jetzt das Megaron.« In seinem Tonfall schwang unverkennbar Missbilligung mit.

Mir blieb vor Staunen der Mund offenstehen. Vater hatte es nicht erlaubt, dass unsere Mutter uns etwas beibrachte? Er redete doch ständig davon, dass man im Leben nützliches Wissen und praktische Erfahrung sammeln sollte. Doch ich wusste, dass in Vaters Leben immer die Landwirtschaft die größte Rolle gespielt hatte. Das Wissen darüber wurde in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Lesen und Schreiben waren anders geartete Fertigkeiten, aus denen Bauernkinder wie unsereins keinen Nutzen ziehen konnten.

Leider entsprach dies nicht nur dem Gesetz unseres Landes, sondern auch Vaters Einstellung. Im letzten Winter hatten wir ihn einmal gefragt, woher die vielen Geschichten kamen, die er uns erzählte. Er meinte damals, dass vor langer Zeit ein Mann namens Homer gelebt hatte, den man als den Urvater aller Erzählungen bezeichnete. Seine Götter- und Heldensagen waren so beliebt, dass sie auf feinstem Papyrus50 niedergeschrieben wurden, um sie der Nachwelt zu erhalten. Damals klang das in meinen Ohren nicht sonderlich interessant, im Gegenteil, eher umständlich. Vater hatte sämtliche Geschichten im Kopf und erfand ständig neue dazu. Ich konnte sie mir leicht merken und weitererzählen. Wozu also sollte man sich die Mühe machen, etwas auf so umständliche Weise festzuhalten? Doch nun bekam diese Fertigkeit wesentlich größere Bedeutung, denn sie hatte mit unserer Mutter zu tun.

»Es folgten viele unschöne Streitereien«, gab Vater nun zu, als er weitersprach. »Mira konnte sehr hitzig werden, wenn sie sich im Unrecht fühlte. Nach ein paar Wochen zermürbender Diskussionen, die keinerlei Fortschritt brachten, verschwand sie spurlos. Von einem Tag auf den anderen war sie nicht mehr da. Sie verschwand aus unserem Leben.« Er registrierte unseren enttäuschten Blick und fügte hastig hinzu: »Aber sie ist kein schlechter Mensch, sie hat euch nicht vergessen. Sie schrieb regelmäßig Briefe an euch. Ich kannte deren Inhalt nicht, doch eines Abends im letzten Frühjahr, als mich die Einsamkeit übermannte, warf ich sie ins Feuer. Von uns kann ja sowieso keiner lesen! Wozu sollte ich sie länger aufheben? Aber vor Kurzem hat sie ein paar Kleider und Mäntel geschickt, die für das einfache Landleben völlig unpassend waren. Wer weiß, vielleicht könnt ihr sie im Megaron brauchen. Ich habe sie zu euren Bündeln gelegt.«

Mir wurde es ganz schwindelig von dem, was Vater erzählte. Welche Mutter lässt einfach ihre beiden Kinder im Stich? Was sollten wir mit ihren Briefen anfangen, die wir nicht lesen konnten?

»Warum hast du uns nie etwas von ihr erzählt? Wir dachten, sie wäre schon lange tot,« brachte Myia mit feuchten Augen mühsam hervor.

Vater seufzte. »Ich wollte euch nicht mit dem Gedanken an eine Mutter quälen, die nicht bei uns leben will. Wozu sollte es gut sein, lesen und schreiben zu lernen? Euer Name ist Agricola. Vergesst das nicht!«

Die Gedanken schwirrten ungeordnet in meinem Kopf herum. Die Philosophin, die uns im Frühjahr besuchte, hatte sich für Kratimedes eingesetzt und ein gutes Wort für ihn eingelegt, obwohl er sich gegen die alten Gesetze der Philosophen aufgelehnt hatte. Außerdem wollte sie uns unbedingt sehen. Sollte sie etwa unsere …? Das würde auch Vaters unfreundliches Verhalten erklären. Die beiden hatten sich seit ihrem Verschwinden vor ungefähr acht Jahren nicht mehr gesehen. Wie war ihr Name doch gleich gewesen?

»Pantekleia?«, sprach ich in die Stille hinein.

Vater nickte kaum merklich und stand auf, um seinen Krug erneut mit Wein zu füllen.

Myia sah mich verblüfft an und formte tonlos den Namen mit den Lippen: Pantekleia.

Diese schöne Frau war unsere Mutter! Konnte das wirklich wahr sein?

»Ich wollte euch vor dem Leben da draußen außerhalb unseres Tals schützen«, sagte Vater, nachdem er getrunken hatte. »Es ist nicht immer gerecht, glaubt mir das. Deshalb habe ich Hypatia jünger gemacht, als sie ist, sonst hätte ich sie schon vor zwei Jahren ins Megaron schicken müssen, getrennt von dir, Myia. Das brachte ich einfach nicht übers Herz. Nun seid ihr immerhin zu zweit. Damals habe ich mit Quintus gesprochen und ihn darum gebeten, auch die Zwillinge noch nicht aufzuklären. Er hat mir einen heiligen Eid darauf geschworen und sich darangehalten. Die Ausbildung im Megaron dauert eine Dekade, danach habt ihr das heiratsfähige Alter erreicht. Wenn ihr eine Familie gründen wollt, dürft ihr das Megaron verlassen, um gemeinsam mit eurem Zukünftigen einen Hof zu pachten. Wenn eure eigenen Kinder wiederum das zehnte Lebensjahr erreicht haben, treten sie wiederum für zehn Jahre ins Megaron ein. So geht es immer weiter, Generation für Generation.«

Über meine eigene Zukunft hatte ich mir bis zum Besuch der Philosophen keine Gedanken gemacht. Es war eigenartig zu hören, dass sie schon vorherbestimmt war. In den Geschichten von Vater zogen die Helden aus, um Abenteuer zu erleben oder Notleidenden zu helfen. Die göttliche Vorsehung lenkte sie dorthin, wo ihre Taten am dringendsten gebraucht wurden. Doch niemals wurden die Helden sesshaft, um eine Pacht zu bezahlen.

Myia begann zu weinen. Auch mir brannten Tränen in den Augen.

Vater hatte es noch nie ertragen, uns so zu sehen, daher nahm er uns eilig in seine Arme. »Fortunas Rad dreht sich immer weiter, ihr werdet sehen. Seid neugierig auf die Welt außerhalb Arkadiens. Verschwendet keinen Gedanken an mich. Ich freue mich schon jetzt, wenn ihr im nächsten Sommer zurückkommt und viel zu erzählen habt!«

Eine Weile standen wir eng umschlungen da, bis herannahende Stimmen Quintus und seine Jungen ankündigten. Myia fasste sich und deckte den Tisch, sie wollte sich vor den Zwillingen keine Blöße geben. In Windeseile holte ich den Kuchen aus dem Ofen und schnitt ihn auf. Vater füllte die Weinkaraffe.

Das launige Geschwätz der Nachbarn vom Goldtopf heiterte uns rasch auf.

45 Röm. Kurzschwert.

46 Griech. Mythologie: Göttin der Ernte, Schwester von Hera und Zeus, Mutter der Persephone.

47 Weibliche Form des röm. Namens Flavius, leitet sich von lat. flavus (blond) ab.

48 Weiblicher Vorname, lat. bedeutet »die Wunderbare«.

49 Griech.: Urspr. eine gelehrte Gesellschaft, später Bezeichnung für die Philosophenschule des Platon, hier: Ausbildungsstätte der Nachwuchsphilosophen.

50 Beschreibstoff, gewonnen aus der Papyrus-Staude, die zu den Cypergräsern gehört.

ALPHAIOS

Eine geschäftige Unruhe vor dem Haus weckte mich. Myia sprang hellwach vom Lager auf, und ich reckte mich. Sorgfältig flochten wir unsere Haare, hüllten uns in die schweren Reisegewänder. Der böige Wind der Nacht hatte sich etwas gelegt, aber der wolkenverhangene Himmel wirkte düster und spiegelte meine Stimmung wider. Quintus und seine drei Söhne waren bereits eingetroffen. Der Freund unseres Vaters war ein Mann, dem man seine Leidenschaft für gutes Essen ansah. Die Zwillinge hatten die stämmige Figur ihres Vaters, aber das strohblonde Haar ihrer Mutter Flavia geerbt. Der jüngste der Brüder war schon immer sehr dünn gewesen, was ihn seinen Spitznamen Hamulus51 eingebracht hatte. Schon vor einiger Zeit mussten die vier aufgestanden sein, um ihren eigenen Wagen zu beladen, und trotzdem waren die Bewohner vom Goldtopf bestens gelaunt. Und das nach unserem ausgiebigen Demeterabend gestern! Am Endhof konnten die Säcke und Fässer, die für die Pacht bestimmt waren, nicht direkt auf das Fuhrwerk geladen werden. Der gewundene Weg ins Breite Tal war zu schmal und zu steil, sodass er von keinem Wagen befahren werden konnte. Folglich musste jedes Stück der Pacht einzeln auf die Pferde geladen und über den Serpentinenweg nach unten gebracht werden, wo unser Wagen zum Aufladen bereitstand.

Myia begrüßte Vater scherzhaft: »Salve52, Vater. Die schäumenden Rosse gingen durch, und Helios der Sonnengott verspätet sich. Doch Eos fürchtet sich vor dem schwarzen Huhn.«

Das war einer der Bauernsprüche, wenn sich die Sonne im Herbst erst spät oder gar nicht zeigte. Normalerweise lachten wir darüber, weil Myia und ich uns uneinig waren, ob es nun Huhn oder Schaf heißen sollte. An diesem Morgen verzog unser Vater jedoch keine Miene.

Myia und ich kümmerten uns um den Proviant für die Reise. Wir belegten Brote, befüllten Wasserschläuche und legten Äpfel dazu. Die größeren Portionen waren für unsere Helfer vom Goldtopf bestimmt, denn wir wussten aus Erfahrung, dass Quintus und seine Söhne immer Hunger hatten. Als alles fertig war, räumten wir die Küche auf.

Meine Schwester ging zu den Ställen hinüber, um sich von den Tieren zu verabschieden. Ich nahm die Kleidungsstücke zur Hand, die Vater zu unseren Bündeln gelegt hatte, darunter waren zwei feine Gewänder in zarten Farben, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich packte auch die beiden Mäntel aus dem dunkelblauen Stoff dazu, wie sie Tryphon und Pantekleia bei ihrem Besuch getragen hatten. Als Myia zurückkam, waren ihre Augen glasig. Sie wich meinem Blick aus und bemühte sich, nicht die Fassung zu verlieren. Auf keinen Fall wollte ich den Zwillingen mit verweinten Augen gegenübertreten, also ging ich aus dem Haus, ohne mich noch mal umzudrehen.

Als ich den Hof überquerte, kam mir plötzlich die Begegnung mit Lomo in den Sinn. Sein Schwert lag noch immer an dem Platz versteckt, von dem aus wir die Philosophen vor einiger Zeit beobachtet hatten. Eilig kletterte ich auf unseren Baum. Ich umwickelte die Waffe mit unseren Mänteln in der Hoffnung, dass sie während unserer Reise niemand zu Gesicht bekommen würde.

Als Vater uns rief und wir auf den Serpentinenweg nach unten einbogen, drang ein schmaler Sonnenstreifen von Helios Feuerwagen durch die Wolkendecke. Das düstere Grau des Himmels hellte sich ein wenig auf. Unser Fuhrwerk war beladen, die Pferde angeschirrt.

Kleobis stieg auf den Wagen seines Vaters und strich sich mit großer Geste die hellen Haare aus dem Gesicht. Er klatschte in die Hände und rief etwas lauter als notwendig: »Amazonen53! Wie mir scheint, ist nun die Zeit für den Abschied vom Breiten Tal gekommen. Der Lichtstrahl des Himmels über den Bergen gilt als göttliches Omen.«

Amazonen nannten sie uns schon seit einigen Jahren. Jedes Mal, wenn wir gemeinsam um die Wette ritten, hatten die Jungen das Nachsehen. Vermutlich, um ihre Erfolglosigkeit zu beschönigen, schmückten sie uns, ob wir wollten oder nicht, mit dem Namen des wilden Reitervolkes.

Die blonden Zwillinge schienen es gar nicht erwarten zu können, endlich aufzubrechen. Der Jüngste saß mit traurigem Gesicht neben seinem Vater und konnte sich nicht so recht mit den Brüdern freuen, musste er doch alleine bei seinem Vater zurückbleiben. Schließlich wurde das Zeichen zur Abfahrt gegeben.

Der Wagen begann zu ruckeln, und Myia weinte leise. Ich versuchte, tapfer zu sein, und sah mich um. Die abgeernteten Stoppelfelder wirkten trostlos.

Zunächst ging die Fahrt aufwärts entlang der Arka. In dieser Richtung waren wir bisher nur selten unterwegs gewesen. In unregelmäßigen Abständen wurde der Uferweg von Bächen unterbrochen. Die Flussauen wurden sumpfig, deren Hänge immer steiler. Schließlich erreichten wir eine Ebene, die, soweit das Auge reichte, mit Gras bedeckt war. Auf der baumfreien Fläche stand das Gras dicht und war wie die Laubbäume zuvor herbstlich verfärbt. Windböen bliesen die langen Halme nieder, und kleine Vogelschwärme flogen auf, sobald unsere Wagen näherkamen. Nach einiger Zeit erschien vor uns eine tiefe Schlucht, die die flache Grasebene durchbrach. Ich ahnte, dass sich dort unten der Fluss Alphaios seinen Weg bahnte. Nirgends war ein Übergang zu entdecken. Vater lenkte das Fuhrwerk auf einen Weg, der uns parallel zum tiefen Graben führte. Er klärte uns auf, dass nur eine Seilbahn zur Verfügung stand, die den Abgrund an der schmalsten Stelle überspannte. Myia hatte sich inzwischen wieder gefasst und freute sich darauf. Sie hatte es gut, sie war schwindelfrei. Mir wurde derweilen ganz flau in der Magengegend. Die Höhe war noch nie mein Freund gewesen, und mit der Tiefe, die sich hier vor uns ausbreitete, verhielt es sich nicht anders. Aber nicht nur das machte mir zu schaffen. Wie sollte ich denn die Waffe die ganze Reise über ungesehen mit mir führen? Darüber hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Was würde passieren, wenn das Gepäck an der Seilbahn kontrolliert würde? Ich wagte es nicht, Vater um Rat zu fragen, denn ich ahnte, wie heftig er darauf reagieren würde. Immerhin hatten wir ihm monatelang nichts davon gesagt. Und so saß ich verkrampft auf dem Wagen und dachte mit zunehmender Wut im Bauch an Lomo, der uns mit seiner übertriebenen Fürsorge erst recht der Gefahr aussetzte. Nicht auszudenken, was passieren würde, fände man das Schwert bei uns.

Es dauerte noch, bis das Oppidum Metapont mit der vorgelagerten Seilbahnstation und einigen Lagerhäusern in Sicht kam. Dort angekommen, sprang Vater vom Kutschbock und gab Anweisungen. »Als Erstes laden wir ab und schaffen die Pacht hinüber. Dann seid ihr an der Reihe, haltet euch bereit. Auf der anderen Seite wird euch jemand vom Megaron die restliche Strecke zum Megaron mitnehmen.«

Dann wandte er sich ab, um sich mit einer Seilbahnhelferin abzusprechen. Um diese Jahreszeit herrschte hier reger Betrieb, die Bauern der gesamten Vorratskammer lieferten ihre Vorräte ab.

Die Väter entluden die Getreide- und Wollsäcke, Weinfässer und Käselaibe, die anschließend, in großen Körben verstaut, zur Seilbahn gebracht wurden. Ich nutzte die Zeit, um mir die Vorrichtung aus der Nähe anzusehen, nachdem wir unser Gepäck einschließlich der versteckten Waffe vom Wagen genommen hatten. Es gab einen einfachen Bretterverschlag auf jeder Seite der Alphaios-Schlucht, in der sich die Mechanik zum Bewegen des Seils befand. Auf unserer Seite hingen große Haken für die Körbe. Die Arbeiter der Seilbahn waren dunkel gekleidet und dadurch leicht von den wartenden Bauern in den üblichen grauen Umhängen zu unterscheiden. Sie kümmerten sich um eine schnelle Abwicklung, markierten die zu transportierenden Güter mit einem speziellen Siegel und trieben das Fahrgeld ein. Wenn jemand nicht spurte, oder zu langsam war, schrien sie und trieben ihn mit derben Verwünschungen an. Sie machten auf mich nicht den Eindruck, dass mit ihnen zu spaßen war. Ich zwang mich, nicht an das Schwert zu denken, das im Gepäck steckte. Als ich mich nach Myia umsah, entdeckte ich sie in der Nähe des Abgrunds. Zögernd folgte ich ihr. Steile rötliche Felswände bildeten weit unter uns eine natürliche Begrenzung für den tosenden Alphaios. Diese unglaubliche Tiefe, der ich mich näherte, trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Mit jedem Schritt in diese Richtung befürchtete ich, meine Selbstkontrolle zu verlieren. Es fühlte sich an, als ob mich eine dunkle Macht über die Kante ziehen wollte, was ein abwegiger Gedanke war, doch an diesem Morgen war nichts normal.

Seltsamerweise kam mir die tragische Geschichte des Ikarus in den Sinn. Im Gegensatz zu mir hatte er nicht mit Höhen zu kämpfen gehabt, ganz im Gegenteil. Seine Hybris hatte ihn übermütig werden lassen, und er stürzte tief, bis in den Tod. Und diese Tiefe sorgte jetzt dafür, dass sich um mich herum alles zu drehen begann. Schneller und schneller. Ich musste mich setzen und ließ das Gepäck fallen. Und genau in diesem Augenblick passierte es. Das umwickelte Schwert rutschte heraus und landete vor den Füßen meiner Schwester, die sich geistesgegenwärtig zu Boden fallen ließ. Schwindel und Angst lähmten mich. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon die Seilbahnwärter, wie sie die Servatoren herbeiriefen. Vaters Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

»Warum liegst du auf dem staubigen Boden herum, Myia? Und überhaupt, Hypatia, wer Höhenangst hat, der sollte nicht am Abhang spielen. Steht auf und helft mir mit den Waren.«

Ich blickte zu Myia, die keine Anstalten machte, sich zu erheben. »Alles gut, Vater. Wir kommen gleich. Einen Augenblick noch«, antwortete sie.

Endlich verstand ich, dass sie sich auf das Schwert geworfen hatte, um es vor den Blicken der anderen zu schützen. Als sich Vater kopfschüttelnd umgedreht hatte, schob sie das längliche Bündel wieder zwischen unsere Kleidungsstücke.

»Danke! Fortuna sei Dank, hast du schnell reagiert. Ich glaube, Vater hat nichts bemerkt!«

Sie klopfte sich den Staub von ihrem Umhang. »Ich glaube, er wunderte sich hauptsächlich darüber, dass seine ältere Tochter gegen Phobos54 antreten wollte und trotz ihrer Höhenangst das Abenteuer sucht.«

Ich musste vor Erleichterung lachen. In unserer verdreckten Kleidung mussten wir ein sonderbares Bild abgeben.

Nachdem wir uns wieder an der Seilbahn eingefunden hatten und zahlreiche Säcke und Körbe bereits hinübertransportiert wurden, kamen zuerst die Zwillinge an die Reihe. Bitons Gesicht wirkte leicht grünlich, scheinbar bereitete ihm die Höhe ebenfalls Probleme. Kleobis kletterte zu seinem Bruder in den Weidenkorb, und die beiden gelangten ohne Probleme auf die andere Seite.

Vater nahm uns fest in seine Arme und flüsterte beschwörend: »Passt gut aufeinander auf!«. Er schluckte schwer.

Wir nickten tapfer, die Tränen konnten wir beide nicht mehr verbergen.

»Ihr werdet mir fehlen. Jeden einzelnen Tag werde ich an euch denken. Vergesst euren alten Vater nicht!«, fuhr er mühsam fort.

Viel zu schnell hing unser Weidenkorb bereit, und der Seilbahnwärter trieb uns zur Eile an. Vater schnallte Myia ein leichtes, etwas unförmiges Paket auf den Rücken und hob sie dann in den Korb hinein. Ich kletterte ihr hinterher und hielt unser Gepäck dabei eng bei mir. Noch einmal durfte mir die Waffe nicht entgleiten. Einer der Seilbahnwärter betrachtete mich prüfend, und ich fragte mich unweigerlich, ob jemandem unser geheimes Mitbringsel aufgefallen war. Doch dann hätte man uns nicht den Korb besteigen lassen. Vermutlich wunderte er sich nur über unser unordentliches Erscheinungsbild.

Als ich wieder zu Vater sah, hatte er ein kleines Kästchen in der Hand, das er mir um das Handgelenk knotete. Eine Träne suchte sich ihren Weg aus seinen geröteten feuchten Augen, die mich daran erinnerte, dass es jetzt so weit war. Der Zeitpunkt des Abschieds war gekommen.

»Das, was sich im Kästchen befindet, wird euch sehr nützlich sein. Bei Nemesis55! Hypatia, du weißt, dass man nicht die Unwahrheit sagen darf. Aber wenn du gefragt wirst, warum du so spät ins Megaron geschickt wurdest, erzähle ihnen von einer langwierigen Krankheit. Es geht nicht anders.«

Ich nickte, ohne zu überlegen, was er von mir verlangte.

Hastig fügte er noch hinzu: »Glaubt bloß nicht alles, was man euch sagt. Eure Heimat ist das Arkatal!«

Seine Worte erreichten mich, und doch gewährte ihnen die aufsteigende Panik keinen Platz in meinem Verstand. Meine Hände begannen zu zittern, und ich klammerte mich an den Rand des Korbes. In dem Moment, als ich mich zu Vater umdrehte, gab er dem Korb einen kräftigen Schubs, und wir rasten davon. Es ging alles furchtbar schnell, und ich war so überrumpelt, dass ich losschrie. Selbst die mutige Myia klammerte sich an mir fest, auch wenn sie den Transfer mit etwas mehr Würde über sich ergehen ließ. Meine Schreie verhallten nur langsam im Fahrtwind, sie lagen über der Schlucht beinahe wie der Schrei des Philoktet56 und, was mir noch unangenehmer war, sie kündigten unsere Ankunft auf der Gegenseite lautstark an. Ich wagte es nicht, über die Brüstung zu sehen. Und doch war alles schneller vorbei, als ich dachte. Bevor wir uns versahen, hatten wir die Schlucht schon passiert. Erst hier fiel mir auf, wie schnell wir Vater verlassen hatten. Ich drehte mich noch einmal um, doch er war bereits in der Menschenmenge verschwunden. Es musste schrecklich für ihn sein, alleine zurückzukehren. Eine ältere Seilbahnhelferin nahm uns in Empfang und lächelte uns aufmunternd zu. Die Tränen in unseren Augen führte sie vermutlich fälschlicherweise auf unsere Angst anstatt auf die Trennung von Vater zurück.

Schicksalsergeben wandten wir uns von der Schlucht ab und suchten im geschäftigen Treiben nach den Zwillingen. Es dauerte eine Weile, bis wir die beiden endlich zwischen den wartenden Wagen entdeckten. Die Brüder sprachen mit einem auffällig großen blonden Mann, der gerade im Begriff war, eine Ladefläche mit Weinfässern, die mir sehr bekannt vorkamen, zu beladen.

Als wir dazu traten, stellte Kleobis uns den Hünen als Prokrustes57, den Circulator animali aus dem Megaron, vor. Für einen Moment betrachtete er uns prüfend. Der breitschultrige Circulator hatte ein freundliches wettergegerbtes Gesicht, in dem sich zahlreiche Lachfalten zeigten.

»Salve, ihr beiden«, begrüßte er uns mit einer tiefen, wohltönenden Stimme.

Biton beeilte sich, noch herzliche Grüße von seinem Vater Quintus zu bestellen, als Kleobis und ich unerwartet einen rüden Stoß von hinten bekamen und zur Seite geschubst wurden.

»Entschuldigung«, drang eine krächzende Stimme an mein Ohr. »Ich muss hier durch. Soll mich unverzüglich beim Circulator melden.«

Biton protestierte stellvertretend für seinen Bruder. Ich rieb meinen schmerzenden Arm und betrachtete den Neuankömmling grimmig. Doch mit dem fremden Jungen wollte ich mich lieber nicht anlegen. Er überragte mich deutlich und blickte angriffslustig um sich. Sein hellbraunes Haar war kurz geschoren, wodurch seine abstehenden Ohren besonders gut zur Geltung kamen.

Prokrustes setzte eine strenge Miene auf. »Hipponax58! Wie oft muss man dir eigentlich noch sagen, wie wichtig Höflichkeit und Rücksichtnahme sind?«

Der Angesprochene zeigte sich von diesen Worten unbeeindruckt, ließ sein Gepäck fallen und rollte gelangweilt mit den Augen. Prokrustes seufzte hörbar und wies den Jungen an, sich nützlich zu machen. So langsam wie möglich kam Hipponax der Aufforderung nach und half, den Wagen zu beladen. Es war beinahe lustig, ihm bei seinen bedächtigen Bewegungen zu beobachten.

Der Circulator schüttelte den Kopf über seinen Helfer. »Ihr Kinder Arkadiens«, sagte er dann zu uns gewandt, »nun endet euer gewohntes Leben. Niemand darf aus der Reihe tanzen, sonst führt alles ins Chaos. Von nun an geht es um das Große Ganze, merkt euch das lieber gleich!«

Bei diesen Worten hielt der Junge in seiner Aufgabe inne und drehte sich grinsend zu uns um. Er wollte gerade zum Sprechen ansetzen, doch der Circulator ließ es gar nicht erst dazu kommen und trieb uns zur Eile an. Wir mussten los.

»Was passiert nun mit den Getreidesäcken und der Wolle?«, fragte Biton neugierig.

Prokrustes überprüfte die gestapelten Waren und sprang gewandt von der Ladefläche. »Die Getreidesäcke werden zu einer der Mühlen von Metapont-cis gebracht, die Wolle wird in einem Wollturm eingelagert und von einer metapontinischen Spinnerei weiter zu Tuch verarbeitet. Die Weinfässer und den Käse nehmen wir für die Akademie mit.«

Erstaunt erkundigte ich mich, warum wir nicht zum Megaron fuhren.

Prokrustes lachte. »Am Anfang ist das verwirrend, ich weiß, aber die beiden Einrichtungen sind eigentlich eine Einheit. In der Akademie wird der philosophische Nachwuchs ausgebildet, im Megaron arbeiten die Kreisarbeiter, die sich um dessen alltägliche Belange kümmern. Übrigens: Wein und Schafskäse aus Arkadien gilt als große Delikatesse, deshalb ist beides ausschließlich für die Gaumen der Philosophen bestimmt. Hurtig aufsteigen, es geht los!«

Kleobis sprang auf die freie Ladefläche, nahm unser Gepäck entgegen, dann kletterten wir anderen hinterher. Hipponax stieg als Letzter auf und beanspruchte am meisten Platz. Mir war zunächst ein wenig unwohl in seiner Gegenwart, und ich rückte zur Seite, aber nach einer Weile zeigte er sich gesprächig und erklärte mir, dass die Strecke zum Megaron durch dunkle Wälder führte und daher nicht ganz ungefährlich wäre. Doch er würde schon für unsere Sicherheit auf der Reise sorgen.

»An welche Gefahren denkst du?«, fragte ich beunruhigt.

»Eine ganze Menge Übeltäter kommen mir da in den Sinn: hinterhältige Tagediebe, die Bacchanten genannt werden wollen, oder diese elendigen Rebellen, die sich in der Wüste verstecken.«

»Rebellen? Gegen was rebellieren die denn?«, wollte ich wissen.

»Gegen einfach alles«, antwortete er mit finsterer Miene. »Sie verachten das Große Ganze und alles, was damit zusammenhängt. Auch uns, die Bauern hassen sie, weil wir dem Philosophenstaat dienen. In dunklen Wäldern überfallen sie mit Vorliebe Händler und ehrbare Arbeiter, um den Staat zu schwächen. Die meisten ihrer Opfer werden gelyncht, andere als Sklaven verschleppt. Es wird gemunkelt, dass sie Tauben bei lebendigem Leib fressen. Und ihre Kinder säugen sie übrigens mit dem Blut von Ziegen.«

Die Zwillinge, Myia und ich hingen an seinen Lippen, was Hipponax selbst mit Freude registrierte.

»Das sind üble Gesellen. Ein Nachbar des Freundes meines Vaters hat mal einen Rebellen zu Gesicht bekommen. Er soll wie eine Mischung aus Hephaistos59 und einem Zyklopen60 aussehen,« flüsterte er verschwörerisch, und fing dann an zu gähnen. »Weckt mich, wenn ein einäugiger Hinkefuß unseren Weg kreuzt.«

Einen Moment später war er eingeschlafen. Niemand sagte etwas, unsere Gedanken kreisten um seine furchtbaren Worte.

Nachdenklich betrachtete ich die vorbeiziehende Landschaft. Nachdem Metapont hinter uns lag, durchquerten wir wieder eine flache, grasbewachsene Gegend, die der Ebene auf der anderen Seite des Alphaios glich.

Meine Augen begannen zu brennen, also schloss ich sie. Ich erinnerte mich an verschiedene Ereignisse in den vergangenen Monaten. Angefangen mit dem Besuch der Philosophen auf unserem Hof, über die Geburt der Kätzchen und unserem ersten Einkauf in Telephassa, als wir Bekanntschaft mit Lomo machten, dessen riskantes Geschenk wir quer durch das Land mitnahmen. Was für eine schwachsinnige Idee, dachte ich. Von der Begegnung mit ihm hatten wir niemandem etwas erzählt. Seine Aussprache und die Kleidung, die er trug, wirkten auf einen gewöhnlichen Plebejer aus der Vorratskammer ebenso seltsam wie das formelle Verhalten, dass er an den Tag gelegt hatte. War Lomo in Wahrheit ein Rebell? Allerdings passte Hipponax’ Beschreibung der Widerständler überhaupt nicht zu ihm.

Ein heftiges Ruckeln des Wagens riss mich zurück in die Gegenwart. Die schlafenden Zwillinge, die um die Wette schnarchten, und Myia, die ebenfalls die Augen geschlossen hatte, lagen neben mir. Auch von Hipponax war nur ein gleichmäßiges Atmen zu hören. Ich blickte prüfend zu unserem Gepäck, wo wir das Gladius versteckt hatten.

51 Lat.: Häkchen, kleiner Haken.

52 Lat. Begrüßung.

53 Griech. Mythologie: ein Volk wagemutiger, normalsterblicher Reiterkriegerinnen.

54 Griech. Mythologie: Gott der Furcht, meist mit Deimos, dem Gott des Schreckens, im Gefolge des Ares zu finden.

55 Griech. Mythologie: Göttin des gerechten Zorns.

56 Griech. Mythologie: Teilnehmer des Trojaischen Krieges auf griech. Seite, wurde nach einem verhängnisvollen Schlagenbiss auf einer Insel ausgesetzt.

57 Griech. Mythologie: ein gefürchteter Riese, der Reisenden ein Bett anbot. Wenn sie zu groß für das Bett waren, hackte er ihnen die Füße ab; waren sie zu klein, hämmerte und streckte er ihnen die Glieder auseinander. Am Ende wird er von Theseus erschlagen.

58 Griech. Vorname, z.B. Hipponax von Ephesos (6.Jh. vor Chr.), griech. Satririker.

59 Griech. Mythologie: Gott des Feuers, Sohn der Hera, missgestaltet und hinkend.

60 Griech. Mythologie: ein Riese mit nur einem zentral auf der Stirn sitzenden Auge.

PROKRUSTES

Die Gegend, durch die wir fuhren, hatte sich verändert. Der dichte Grasteppich war verschwunden, eine hohe Feldsteinmauer säumte auf der Linken unseren Weg. Auf der anderen Seite zeigten sich einige Büsche und Bäume. Die Sonne lag hinter einer Wolkendecke verborgen, und feuchter Dunst lag in der Luft, was die Sicht etwas trübte.

Unvermittelt hielt Prokrustes an und sprang vom Wagen. Ich sah ihm verwundert nach, als er durch eine schmale Öffnung in der Steinmauer verschwand. Die anderen schliefen noch, also kletterte ich von der Ladefläche und folgte ihm in einen weitläufigen Hain, der mit knorrigen Bäumen bepflanzt war, die mich vom Aussehen her an den greisen Fährmann Charon61 erinnerten. Ihre Äste trugen dunkle Früchte. Der breitschultrige Circulator kam mir überraschenderweise mit einen Begleiter entgegen, den er als Archilochus62 vorstellte. Der Junge musste hier auf die Mitnahme zum Megaron gewartet haben. Der Neue grüßte kurz und trug einen gefüllten Wasserschlauch für die Pferde zum Wagen. Danach kehrte er in den Hain zurück.

Prokrustes bemerkte meinen verwunderten Blick, den ich jetzt wieder auf die seltsamen Pflanzen vor mir richtete.

»Das sind ganz besondere Bäume.«

Ich konnte mich von ihrem Anblick nicht losreißen, am liebsten hätte ich die raue Rinde der groben Stämme berührt, aber etwas in Prokrustes Stimme ließ mich zögern.

»Nur an dieser Stelle können Olivenbäume wachsen, es ist daher ein ganz besonderer Ort. Weck bitte die anderen! Alle sollten etwas frisches Wasser trinken. Dies ist unser einziger Halt.« Er deutete auf eine Quelle in nächster Umgebung.

Hipponax ließ ich in Ruhe, denn mir war aufgefallen, dass er schon ein Auge geöffnet hatte und mich verstohlen beobachtete.

Myia war tief eingeschlafen und protestierte, als ich sie zum Hain zog. Die Zwillinge folgten uns träge. Während wir tranken, erzählte der Circulator die Sage von Poseidon und Athene63. Auch Hipponax war jetzt endlich vom Wagen gesprungen und begrüßte Archilochus lautstark. Die beiden schienen beste Freunde zu sein.

Als Ruhe eingekehrt war, fuhr Prokrustes fort: »Dieser Hain hier ist der Göttin der Weisheit geweiht, ich bin mir nur nicht sicher, ob nicht noch eine Nymphe64 in der Quelle lebt. Daher nenne ich diesen Ort: Athenes Olivenhain mit der Quelle der unbekannten Nymphe.«

»Das ist aber ein umständlicher Name«, bemerkte Archilochus mit einem unterdrückten Grinsen. Man sah es ihm an, dass er nicht viel davon hielt. Allerdings musste ich ihm in diesem Fall recht geben. Vermutlich war Prokrustes eher auf dem Gebiet der Tierpflege bewandert, als ein Experte für religiöse Fragen.

Der blonde Circulator reckte sein Kinn. »Lach nur, du wirst schon sehen. Mit solchen Dingen sollte man keinen Spaß treiben. Lieber ein langer Name als eine beleidigte Nymphe.«

Archilochus zuckte unbekümmert mit den Schultern.

Als alle getrunken hatten, rief der Circulator laut mit erhobenen Händen: »Göttin Athene, ich rufe dich. Halte das Unheil von uns fern und gewähre uns eine sichere Ankunft.«

Während wir zum Wagen zurückgingen, dachte ich wieder an Lomos Warnung. Bisher hatte es auf unserem Weg ins Megaron keinerlei Probleme gegeben. Myia schien sich darüber keine Sorgen zu machen, sondern scherzte mit Biton und seinem Bruder. Archilochus und Hipponax folgten mir etwas langsamer und sprachen darüber, dass der vor uns liegende Weg nun durch dichte, dunkle Wälder führen würde. Was, wenn dort die Gefahr drohte, vor der uns Lomo gewarnt hatte? Vielleicht könnten die älteren Jungen mit der Waffe etwas anfangen? Als wir auf der Ladefläche Platz genommen hatten, gab ich mir einen Ruck, bevor Prokrustes, der den Wagen noch inspizierte, ebenfalls aufstieg. In der Hoffnung, nicht für ein hysterisches Mädchen gehalten zu werden, zog ich das Kurzschwert halb aus meinem Gepäck hervor und achtete darauf, dass die Jüngeren davon nichts mitbekamen. Ich kannte die beiden zwar kaum, und doch konnte ich noch viel weniger mit einer Waffe umgehen, wie die beiden kräftig wirkenden Jungen vor mir.

Hipponax und sein Freund starrten mich ungläubig an. Archilochus pfiff leise durch die Zähne und bedeckte das Kurzschwert sofort wieder. Nach einem kurzen Moment des ungläubigen Schweigens fragte er: »Woher hast du das, Bauernmädchen? Wir sind hier noch nie mit einer Waffe gereist!«

Sein bulliger Freund sah mich noch verwunderter an, als könnte er seinen Augen nicht trauen. Hatte ich einen Fehler begangen? Würden sie mich an Prokrustes verraten?

Dann fand Hipponax seine Stimme wieder. »Bist du verrückt? Waffen sind für uns verboten!«

Hastig erklärte ich, dass ich sie nur für den Fall eines Angriffs dabei hatte.

»Sind dir Hipponax’ Geschichten über die Rebellen zu Kopf gestiegen? Soweit südlich würden sie sich niemals vorwagen«, bemerkte Archilochus spöttisch.

Sein Freund starrte wieder fasziniert auf die verdeckte Waffe.

»Wenn man dieses Ding bei dir findet, bist du fällig«, flüsterte Archilochus.

Mir wurde ganz flau im Magen. Hatte ich mich zu sehr von den Schauermärchen einschüchtern lassen?

»Gib her! Ich kann damit umgehen, Kleine!«, zischte Hipponax.

Archilochus schüttelte missbilligend den Kopf, aber er schritt nicht ein, als sein Freund das umwickelte Kurzschwert an sich zog.

»Kein Wort zu niemandem, hörst du. Sei froh, dass du an mich geraten bist«, bemerkte der bullige Junge überheblich.

Ich sah mich beunruhigt um. Die anderen hatten noch immer nichts mitbekommen.

Um von der heiklen Situation abzulenken, sprach Archilochus jetzt laut zu den anderen und brüstete sich mit seinem Wissen. »Ihr Landeier solltet wissen, dass sich die Kreisarbeiter nicht mit Handschlag begrüßen. Sie neigen nur den Kopf, das haben sie von den Akademikern übernommen.«

An die elegante Verbeugung der Philosophen bei ihrem Besuch auf dem Endhof konnte ich mich noch gut erinnern.

Kleobis wiederholte eifrig: »Niemandem die Hand geben, wenn man nicht als unwissender Hinterwäldler auffallen will.«

»Man darf mit den Circulatoren nur sprechen, wenn man selbst angesprochen wird. Widersprecht bloß nicht! Das wird bestraft, wenn der Circulator einen schlechten Tag hat«, warf Hipponax ein.

Wir nickten.

»Den älteren Arbeitern sollte man ehrfurchtsvoll begegnen, denn sie haben dem Großen Ganzen schon viele Jahre ihres Lebens treu gedient«, leierte Archilochus wie auswendig gelernt herunter. Dann sah er in die Runde, die ihm aufmerksam zuhörte, und begann, schallend zu lachen.

»Was ist denn ein Circulator überhaupt?«, fragte Myia ein wenig genervt.

Hipponax erklärte, während sich sein Freund wieder beruhigte: »Die Circulatoren stehen ihrem jeweiligen Arbeitskreis vor und werden dafür ausgewählt, weil sie sich durch Wissen, Fleiß und Ehrgeiz ausgezeichnet haben.«

Die Landschaft, die in den nächsten Stunden an uns vorbeizog, wurde von hochgewachsenen Baumgruppen aus Tannen, Kiefern und Buchen dominiert. Je weiter wir fuhren, umso dichter standen die Stämme, irgendwann waren wir von einem eng stehenden Wald umgeben.

»Wir kommen gut voran«, rief Prokrustes uns aufmunternd vom Kutschbock zu.

Bisher hatte er nichts davon mitbekommen, dass Hipponax, der neben ihm saß, die Waffe hinter sich im Pferdewagen versteckt hatte, wo sie jetzt zu meinen Füßen lag.

Die Pferde zogen unermüdlich das Fuhrwerk durch die einsetzende Dunkelheit. Prokrustes entzündete eine Öllampe, denn das Licht der Vollmonde gelangte kaum noch durch die hohen Wipfel der Bäume. Niemand sagte einen Ton. Nach einer Biegung blieben die Tiere abrupt stehen.

»Was ist los?«, fragte ich besorgt.

»Ein umgefallener Baum, weiter nichts«, hörte ich den Circulator sagen. Er sprang von seinem Kutschbock und wies die Jungen an, ihm zu helfen. Die Zwillinge verließen, froh um die Pause, ebenfalls den Wagen.

»Bleibt ihr mal schön, wo ihr seid«, rief Biton grinsend. »Das ist echte Männerarbeit.«

Hipponax folgte den beiden widerstrebend. Archilochus blieb gelangweilt sitzen und war der Meinung, dass vier Leute wohl dazu im Stande sein müssten, einen kleinen Stamm wegzuräumen. Ich blickte mich unruhig um und legte meiner Schwester den Arm über die Schultern.

»Beim blitzschleudernden Zeus«, klagte Hipponax lauthals. »Ist das schwer!«

Prokrustes murmelte etwas Unverständliches. Vermutlich behagte es ihm nicht, dass der Junge den Namen des Göttervaters in diesem Zusammenhang benutzte.

Ein näherkommendes Geräusch von klappernden Hufen ließ mich aufhorchen. Ich drehte mich um und spähte angestrengt in die Dunkelheit. Bald zeichneten sich die schemenhaften Umrisse zweier Reiter ab. Als sie in Sichtweite kamen, erkannte ich, dass sie mit Tüchern maskiert waren. Nur die Augen blieben sichtbar. Alarmiert schrie ich auf. Alle anderen folgten meinem Blick, Prokrustes und Hipponax warfen den Baumstamm mit vereinten Kräften zur Seite und eilten schnell zum hinteren Teil des Wagens.

»Was wollt ihr?«, hörte ich den Circulator in ernstem Ton fragen, als die Fremden direkt vor dem Wagen stoppten.

Die Reiter antworteten zunächst nicht, sondern zogen ihre Dolche hervor.

»Salve, Reisende!«, sprach der Größere. »Wohin so spät? Sollten die Kinder nicht schon längst auf ihrem Lager liegen?«

Hipponax baute sich neben Prokrustes auf. Ich starrte, noch auf dem Wagen sitzend, über ihre Köpfe hinweg auf die Reiter.

»Was habt ihr Schönes in eurem Wagen?«, fragte der Kleinere der beiden.

»Die Servatoren werden euch jagen, wenn ihr euch nicht gleich vom Acker macht!«, brüllte Prokrustes empört.

Myia drängte sich an mich. Hinter mir spürte ich, wie sich Archilochus auf den Kutschbock zubewegte. Es war in dem dichten Wald aufgrund der jetzt einsetzenden Dämmerung zu dunkel, als dass ihn die Reiter erkennen konnten. Die Zwillinge hatten seitlich am Wagen Deckung gesucht und rührten sich nicht. Unauffällig ergriff ich das Gladius vor meinen Füssen und tippte Hipponax mit der Spitze leicht in den Rücken. Er brauchte sich nur noch umzudrehen.

»Rückt die Waren raus, die für die Philosophen bestimmt sind«, bellte der Große. Sein Kompagnon deutete auf Myia und mich. »Und die beiden Mädchen dort. Die wollen wir auch!«, fügte er grinsend hinzu.

»Seid schön brav, dann passiert auch niemandem etwas.« Der große Reiter hob seinen Dolch eindrucksvoll in die Luft.

»Sagt einfach, die Fressalien und die Mädchen wären vom Wagen gerutscht«, schlug der Kleinere hämisch vor.

Die beiden vermummten Männer lachten derb.

»Haut ab, sofort!«, schrie Archilochus, der hinter mir auf Höhe des Kutschbocks stand. Gleich darauf hörte ich etwas an meinem linken Ohr vorbeifliegen. War das ein Stein?

Der Größere der Männer stöhnte plötzlich auf und fiel vom Pferd. Ein erstickter Schmerzensschrei war zu hören, als er dumpf aufschlug.

Der Kleine blickte ungläubig zu seinem am Boden liegenden Begleiter. »Ihr wisst wohl nicht, mit wem ihr es hier zu tun habt!«, brüllte er wie von Sinnen. »Seid ihr wahnsinnig?« Rasend vor Wut riss er den Dolch hoch und machte Anstalten, auf den Wagen zuzureiten.

Inzwischen musste Hipponax erkannt haben, was ich ihm da in den Rücken gebohrt hatte. Als er mir seine linke Hand nach hinten streckte, legte ich ihm den Griff hinein. Blitzschnell riss er das Gladius nach vorne und reckte es dem Kleinen entgegen.

Der Angreifer hielt in der Bewegung inne. Nachdem sein Gefährte noch immer stöhnend auf dem Waldboden lag, war er uns weit unterlegen. Inzwischen hatten auch die Zwillinge Steine vom Boden aufgesammelt und begannen, damit zu werfen.

Der maskierte Reiter schob den Dolch wieder zurück. »Schon gut, schon gut. Was habt ihr nur gemacht, ihr Wilden?«, stotterte er. »Seid verflucht! Selbst die Rebellen würden einen Abschaum wie euch nicht mit dem Arsch anschauen.«

»Wir müssen weg! Archilochus, auf den Kutschbock, schnell!«, schrie der Circulator geistesgegenwärtig.

Der Junge ergriff die Zügel. Die Pferde ließen sich durch den Überfall nicht aus der Ruhe bringen, und so setzte sich der Wagen nur langsam in Bewegung. Die Zwillinge sprangen auf, danach folgte Prokrustes. Nur Hipponax blieb mit der Waffe in der Hand stehen. Der kleinere Reiter stieg ab und beugte sich über seinen Begleiter, der keine Anstalten machte, wieder auf die Beine zu kommen. Als es so aussah, dass sich die Angreifer geschlagen gaben, rannte Hipponax dem Wagen nach und sprang schwer atmend auf.

Erst allmählich registrierten wir, was soeben passiert war, und schwiegen in stiller Übereinkunft. Das Schwert hatte uns einen unbestreitbaren Vorteil beschert. Prokrustes brütete auf der Ladefläche vor sich hin, ohne Fragen zu stellen. Archilochus trieb die Pferde an, um so schnell wie möglich Abstand zu gewinnen. Ich fror. Auch meine Schwester neben mir zitterte, ob vor Angst oder aufgrund der Kälte konnte ich nicht sagen. Lomo hatte recht behalten. Irgendjemand hatte es auf meine Schwester und mich abgesehen, das konnte alles kein Zufall gewesen sein.

Auf der letzten Strecke zum Megaron ließ Myia meine Hand nicht mehr los, wir saßen eng umschlungen da. Auf der linken Seite konnte ich jetzt die schwachen Umrisse einer hohen Mauer erkennen. Als sich darin zwei große, nebeneinanderliegende Torbögen abzeichneten, verlangsamte Archilochus die Fahrt und lenkte das Fuhrwerk vorsichtig durch einen der Eingänge. Ein dichtes Wolkenband verdeckte den Mond, und in der jetzt pechschwarzen Dunkelheit war außer dem Weg, den ich bestenfalls erahnen konnte, nichts auszumachen. Als der Wagen zum Stillstand kam, trat eine Frau mit einer Öllampe heran und begrüßte den noch immer ernst dreinblickenden Prokrustes. Die beiden tauschten einige leise Worte aus.

Die älteren Jungen begrüßten die Frau auffallend höflich, bevor sie ihre Bündel packten und zusammen in die dunkle Nacht verschwanden. Ich stellte erleichtert fest, dass sie das eingewickelte Schwert mitgenommen hatten. Die Zwillinge, Myia und ich stiegen ebenfalls mit unserem Gepäck ab. Prokrustes verabschiedete sich, sprang auf den Kutschbock und lenkte den Wagen von dannen.

»Mein Name ist Xantippe65«, stellte sich die Frau mit einem freundlichen Ausdruck in ihrem offen wirkenden Gesicht vor. »Ich heiße euch als Circulatorix Magna stellvertretend für alle Circulatoren und Kreisarbeiter am Feiertag der Stoa66 herzlich willkommen. Der Segen der Götter hat euch hierher begleitet und beschützt. Möge er auch all die Jahre, die ihr im Megaron für eure Ausbildung verbringen werdet, bestehen.«

Prokrustes hatte den Hinterhalt Xantippe gegenüber wohl nicht erwähnt, und wir beließen es dabei. Nachdem auch wir uns vorgestellt hatten, geleitete sie uns zu einem großen Gebäude. In einer schwach beleuchteten Halle führte uns die Circulatorix am hinteren Ende die Treppenstufen in den ersten Stock hinauf. Dabei klärte sie uns über den Aufbau des Gebäudes auf. Ich konnte ihren Worten kaum folgen und stolperte hinter den Zwillingen, die auch sonderbar still waren, die Stufen hoch.

Plötzlich blieb Xantippe im Treppenhaus stehen. »Ihr braucht dringend Schlaf«, stellte sie freundlich fest. »Kleobis und Biton, wollt ihr hier auf mich warten? Ich werde zuerst den Mädchen ihre Zimmer zeigen.«

Die Jungen nickten verschüchtert.

Die Circulatorix geleitete uns über weitere Treppen in den zweiten Stock. Schläfrig überlegte ich, wie wir uns alleine je zurechtfinden sollten, denn die Flure sahen sich alle zum Verwechseln ähnlich. Und sämtliche Türen waren in demselben dunklen Grün gestrichenen, sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Als wir schließlich unsere Kammer erreichten, gab sie uns eine Öllampe, die auf einer kleinen Kommode vor der Tür stand und wünschte uns eine gute erste Nacht.

Ich ließ mein Gepäck fallen und legte mich angezogen auf das Lager. Das Licht war dämmrig, trotzdem erkannte ich Tränen in den Augen meiner Schwester.

»Warum ahnte es Lomo, dass wir überfallen werden? Warum wollten uns diese Männer mitnehmen?«, überlegte sie mit tränenerstickter Stimme.

Ich umarmte sie fest, strich ihr über das Haar und sagte, so überzeugend ich konnte: »Im Megaron sind wir sicher. Er hat nur erwähnt, dass uns auf der Reise etwas zustoßen könnte!«

Eng umschlungen schliefen wir ein.

61 Griech. Mythologie: Bringt die Verstorbenen gegen eine Obulus über den Totenfluss Acheron, zum Hades.

62 Griech. Dichter, Begründer der persönlichen Lyrik.

63 Im Wettstreit um die Verehrung Athens entschieden sich die Bürger für den Olivenbaum der Göttin der Weisheit und gegen das Pferd des Meeresgottes.

64 Antike Mythologie: ein weiblicher Naturgeist, z. B. Daphne, Echo.

65 Name der Ehefrau des Sokrates (um 500 v. Chr.).

66 Diese Bezeichnung leitet sich von einer Säulenhalle in Athen ab; Zenon von Kition nahm dort ca. 300 v. Chr. seine Lehrtätigkeit auf; als wichtigstes Ziel gilt die Seelenruhe.

MEGARON

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wusste ich im ersten Augenblick nicht, wo ich mich befand. Myia war schon wach und gerade dabei, sich umzuziehen. Sie lächelte. An ihrem Gesichtsausdruck war abzulesen, dass sie die gestrigen Ereignisse schon verdaut hatte. Ich selbst brauchte eine Weile, bis ich richtig munter wurde. Obwohl die Sonne noch nicht vollständig aufgegangen war, sah man, dass das nur spärlich möblierte Zimmer schon lange nicht mehr genutzt worden war. Über dem alten Dielenboden lag eine dicke Staubschicht, in der sich unsere frischen Fußspuren von gestern deutlich abzeichneten. An den hölzernen Deckenbalken hingen zahlreiche Spinnweben. Ich sah zu, wie Myia den Wandschrank begutachtete, der keinerlei Überraschung bot, da er komplett leer war. In einer der Zimmerecken stand ein einfacher Holzhocker, darauf befand sich eine Waschschüssel. Ich drehte mich zur rückwärtigen Wand um und staunte. Auf halber Höhe zeigte sich eine längliche Aussparung im Mauerwerk, die fast die ganze Breite des Zimmers einnahm, aber mit einem transparenten Material wie verhangen war. Ich fuhr mit meiner Hand neugierig darüber und staunte: Es war fest und ließ sich nicht eindrücken. Dieses harte, aber durchsichtige Material ließ das Licht der frühen Morgensonne hindurch. So etwas hatten wir noch nie zuvor gesehen. Unsere Fenster auf dem Endhof konnten wir nur mit Läden aus Holz schließen.

Ich schälte mich aus der staubigen Reisekleidung. Myia warf mir ein schlichtes Arbeitsgewand zu, das ich auf dem Endhof getragen hatte. Sie hatte ihres schon an, wischte gerade den Schrank aus und legte die mitgebrachten Kleidungsstücke hinein.

Als wir fertig angezogen waren, hörten wir von draußen ein leises Klingeln. Das Geläute kam rasch näher und wurde lauter. Nachdem wir neugierig die Tür geöffnet hatten, tauchte Xantippe auf. »Ihr beiden seid aber früh dran, hoffentlich bleibt das so!«, begrüßte sie uns freundlich.

Im Licht des anbrechenden Tages erkannte ich, dass die Dame schon älter war. Sie hatte ein schmales Gesicht, das von zahlreichen Falten um Augen und Mund durchzogen war. Das ergraute Haar trug sie in der Mitte gescheitelt und streng zu einem Knoten zurückgebunden. Ihr Gewand war aus ungefärbter Wolle gefertigt, und der einzige Schmuck ihrer Kleidung bestand in der dunkelgrauen Kordel, die sie als Gürtel um die Hüfte trug.

Sie lächelte erneut. »Folgt mir, ich muss die Kreisarbeiter wecken, dann zeige ich euch den Weg zur Mensa.«

Xantippe ging mit ihrer Glocke klingelnd durch die Flure an allen Zimmern vorbei. Hin und wieder öffneten sich die Türen, und die Arbeiter und Arbeiterinnen wünschten einen guten Morgen. Ich wollte nicht allzu neugierig in die Räume spähen, aber es schien so, als ob auch die anderen Zimmer genauso spärlich möbliert waren, wie unseres. Nach einiger Zeit herrschte auf den Fluren ein reges Treiben.

Die Circulatorix Magna sah sich wachsam um und sammelte die jüngsten Neuankömmlinge ein. Unser Trupp wuchs schnell, und als sich der Lärm auf den Gängen etwas gelegt hatte, führte sie uns über die nächstgelegene Treppe nach unten. Myia griff meine Hand, die vielen unbekannten Gesichter schienen ihr Respekt einzuflößen. Ich sah mich nach den Zwillingen um, auch sie hatten sich bereits an Xantippes Fersen geheftet, um nur nichts zu verpassen. Sie grinsten mir vergnügt zu, und die Schüchternheit, die sie gestern Abend noch gezeigt hatten, war inzwischen ihrem bekannt hohen Geltungsbewusstsein gewichen.

Wir liefen weiter und befanden uns schließlich in einer geräumigen Eingangshalle. Die Frau legte die Glocke zur Seite und wartete, bis sich alle in einem Halbkreis um sie herum aufgestellt hatten.

»Dieses Gebäude heißt Dormitorium67«, begann sie zu erklären. »Hier im Erdgeschoss befinden sich seitlich die Waschräume für Männer und Frauen, dahinter schließen sich die Wirtschaftsräume an. Dort könnt ihr eure Kleidung waschen und reparieren, falls es notwendig wird. Daneben ist mein Zimmer, wenn ihr ein Problem habt, könnt ihr jederzeit zu mir kommen. Über den Stockwerken des Dormitoriums, wo es jeweils eine eigene Etage für Männer und Frauen gibt, liegt das Sanatorium.«

Kleobis und Biton drängten sich zu uns. Leider gab es keine Zeit, sich zu unterhalten, also folgten wir der Circulatorix Magna, die unsere Gruppe aus dem Eingangsbereich hinausführte.

Den Steinstufen einer breiten Treppe schloss sich ein gepflasterter Weg an, der beiderseits von einer Wiese gesäumt war.

Die grauhaarige Frau blieb stehen. »Die nächsten Stunden hört ihr recht viel Neues, also passt gut auf.« Sie deutete auf den großen Gebäudekomplex vor ihr. »Das ist das Domus Rotundus68

Ich wechselte mit meiner Schwester einen verwunderten Blick, denn das war kein richtiges Haus, wie wir es kannten, es war vielmehr ein großer runder Komplex. Alles hier war so viel größer, als ich es mir vorgestellt hatte.

»Die Arbeitsräume aller Gewerke wurden um einen großen Kreis angelegt und über einen äußeren Rundweg miteinander verbunden«, erläuterte Xantippe weiter. »Die einzelnen Funktionen erkläre ich später noch. Auf dem freien Platz in der Mitte befindet sich die Mensa, der Ort, der für die Mahlzeiten vorgesehen ist.« Nun führte sie uns auf die Tür des vordersten Gebäudes zu und bemerkte mit einem nachsichtigen Lächeln: »Sicher seid ihr schon hungrig, beim Lentaculum69 könnt ihr euch dort gleich stärken. Danach bekommt ihr eine allgemeine Einführung, und später bringe ich euch an den für euch vorgesehenen ersten Arbeitsplatz.« Sie legte die Hand auf die Klinke. »Wir betreten nun das Hoheitsgebiet des Circulator Culinaris, sein Name ist Lucullus70. Es ist sein ausdrücklicher Wunsch am ersten Tag von den Neuankömmlingen in seiner Küche besucht zu werden.«

Myia nahm schüchtern meine Hand, bevor Xantippe mit diesen Worten die schwere Tür öffnete und wir in eine geschäftige Großküche eintraten. Es wimmelte nur so von betriebsamen Menschen, überall wurde mit Geschirr geklappert, Gemüse zerkleinert, Saucen gerührt. Feuer brannte an mehreren Herdstellen, die Luft kochte förmlich.

Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. Xantippe lotste uns mitten in das hektische Treiben hinein. Ein Mann, dessen Gewand bedenklich über seinem mächtigen Bauch spannte, stand an einem langen Tisch und zerkleinerte gerade mit Leichtigkeit einen großen Kürbis, während er Anweisungen erteilte. Er war das Zentrum, um das sich alles drehte. Lucullus nahm jeden von uns einen kurzen Moment in Augenschein, dann nickte er zufrieden und widmete sich wieder leidenschaftlich seinem Gemüse.

Auch die Circulatorix Magna wollte weiter und schleuste uns zum hinteren Ausgang. Als wir die hektische Küche durch eine Schwingtür verließen, atmete Myia erleichtert auf. Hier draußen war die Luft kühl und es war ruhig. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, einen ganzen Tag lang in dieser Hitze arbeiten zu müssen. Wir standen in dem überdachten, rund angelegten Innenhof, der Mensa genannt wurde. Sorgfältig aufgestellte Sitzbänke und Tischreihen aus fein geschliffenem Holz nahmen den gesamten Platz ein, waren aber zu dieser frühen Stunde noch nicht besetzt.

Xantippe ließ unsere Gruppe an einem der vorderen Tische Platz nehmen. »Die erste Prüfung habt ihr schon bestanden. Wenn Lucullus ein bestimmter Neuankömmling nicht gefällt, kann dieser nicht in die Küche kommen, um dort zu arbeiten. Er ist leider recht eigensinnig, aber ich kann nicht daran rütteln, er hält an diesem Privileg fest. Fortuna sei Dank, tritt dieser Umstand nur äußerst selten ein.«

Einige aus unserer Gruppe lachten leise. Ich drehte mich überrascht um und stellte ohne Überraschung fest, dass die Zwillinge begannen, ihre ersten Bekanntschaften unter den Neulingen zu knüpfen. Nun winkte Xantippe ein Mädchen heran, das gerade ihren Kopf aus der Küchentür streckte.

Sie war ungefähr in meinem Alter und trug eine schlichte Arbeitstunika aus ungefärbter Wolle wie Xantippe. Ihre langen dunklen Haare hatte sie sich zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr unter ihrem locker gebundenen Kopftuch weit über die Schultern reichten.

»Salve, Berenike71«, sagte die Circulatorix höflich. »Kümmerst du dich bitte darum, dass diese Jungen und Mädchen sich mit einem kräftigen Lentaculum stärken können?«

Die Angesprochene nickte und eilte in die Küche zurück, auch die Circulatorix Magna strebte mit schnellen Schritten davon.

Das Küchenmädchen schleppte kurze Zeit später einen Stapel mit Schüsseln und Löffeln herbei. Dann brachte sie einen großen Topf mit Gerstenbrei, der zum allgemeinen Entzücken mit Honig gesüßt war. Hungrig machten sich alle über das Frühstück her. In der Zwischenzeit kamen weitere Arbeitskräfte herein, die sofort von dem dunkelhaarigen Mädchen bedient wurden. Schlagartig füllte sich die Mensa. Berenike musste ständig hin und her laufen, um das Lentaculum zu verteilen. Als der Zustrom langsam verebbte, kam sie erneut an unseren Tisch und erkundigte sich, ob wir satt geworden seien.

Doch alle waren so in ihre Gespräche vertieft, dass ihr niemand Beachtung schenkte.

»Offensichtlich hat keiner mehr Hunger«, bemerkte ich zu Berenike gewandt und machte mich und meine Schwester mit ihr bekannt. Dann erkundigte ich mich, ob ihr die Arbeit im Küchenkreis gefiel.

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