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Up All Night

Zu diesem Buch

Als Taylor Jensen an ein und demselben Tag nicht nur ihren Job verliert, sondern auch ihren Freund beim Fremdgehen erwischt, ist ihr Leben ein einziger großer Scherbenhaufen. Sie muss aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen und weiß nicht, wohin. Völlig aufgelöst läuft sie Daniel Grant in die Arme – ein Wink des Schicksals, denn Dan bietet Taylor ein Zimmer in seiner WG an. Früher waren sie beste Freunde, und Taes größtes Problem wäre auf einen Schlag gelöst. Aber Dan ist attraktiv, tätowiert und genau die Sorte Mann, die ihr früher oder später das Herz brechen wird – also das Letzte, was Tae jetzt gebrauchen kann! Doch seit ihrer letzten Begegnung ist viel passiert, und als Dan ihr versichert, dass er schon lange auf Männer steht, nimmt Tae sein Angebot erleichtert an. Sie stürzt sich ins WG-Leben und genießt ihre neu gewonnene Freiheit in vollen Zügen. Aber je mehr Zeit sie mit Daniel verbringt, desto schwerer fällt es ihr, das heiße Prickeln zwischen ihr und ihrem Mitbwohner zu ignorieren. Zum Glück kann zwischen ihnen ja niemals mehr als Freundschaft sein … oder etwa doch?

Für Steffi.

Weil du mein Gegenstück bist.

Playlist

Bebe Rexha – I’m a Mess

Sia – Breath Me

Ansel Elgort – Supernova

Rixton – Me And My Broken Heart

One Direction – They Don’t Know About Us

DNCE – Toothbrush

Dua Lipa – Homesick

Nick Jonas – Find You

5 Seconds of Summer – Youngblood

Ed Sheeran – Give Me Love

Ariana Grande – Breathin

Maddie & Tae – Friends Don’t

Billie Eilish – When The Party’s Over

Halsey – Without Me

Cheat Codes feat. Little Mix – Only You

Julia Michaels – Heaven

Nina Nesbitt – Loyal To Me

New Hope Club – Fixed

Sam Smith – Lay Me Down

ZAYN – Talk To Me

Sia – Helium

Tom Odell – Another Love

1. Kapitel

TAYLOR

Heute wird ein guter Tag. Das spüre ich sofort, nachdem mich die Sonne wach geküsst hat und ich noch immer den Duft meines Freundes einatme. Lächelnd schließe ich die Augen, drücke mir sein Kissen ans Gesicht und nehme einen tiefen Atemzug. Sein Geruch hat schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich gehabt. Seit Jahren benutzt er dasselbe Aftershave und ich bin mir sicher, in einem Raum voller Leute würde ich ihn mit verbundenen Augen erkennen. Anstatt mit seinem Kissen zu kuscheln, hätte ich lieber meine Lippen an seine gepresst, aber Robb ist mal wieder unterwegs. Zwar habe ich schon geschlafen, als er um Mitternacht aus dem Studio gekommen ist, aber trotzdem haben wir uns noch bis tief in die Nacht geliebt.

Das ist es, was ich an uns beiden besonders finde, dass wir nicht genug voneinander bekommen können. Robb und ich sind mittlerweile vier Jahre zusammen, haben trotz Höhen und Tiefen zusammengehalten und sind nun glücklicher als je zuvor. Robert Baron Barnes, oder auch Robb genannt, ist ein aufgehender Stern am Musikhimmel und hat gerade einen Plattenvertrag bei Tibone Records an Land gezogen. Angefangen als YouTuber, der eigene Songs geschrieben und sie online gestellt hat, ist er nun mit fünf Millionen Followern auf dem Weg nach ganz oben. Je mehr Erfolg er hat, desto weniger Zeit bleibt für mich, was ich aber gewillt bin, hinzunehmen. Immerhin hat auch er mich unterstützt, als ich das schlecht bezahlte Praktikum beim Jolene-Magazin angenommen habe.

Das war vor einem Jahr. Mittlerweile bin ich erfolgreiche Kolumnistin, Verfasserin der Copy the Style-Kolumne, bei welcher ich die Outfits von Berühmtheiten mit günstigeren Alternative zum Nachkaufen aufzeige. Ich bin diejenige gewesen, die diese Rubrik beim Magazin ins Leben gerufen hat. Mein Chef ist begeistert über mein Engagement und nachdem ich mich als fähige Online-Schnäppchenjägerin erwiesen habe, ist die Kolumne mein.

Ich parke das Auto, meinen geliebten elektrobetriebenen Fiat 500, ein paar Meter entfernt vom Bürogebäude, in dem ich arbeite, und genieße die kalte Morgenluft, muss aber aufpassen, nicht mit meinen hochhackigen Boots auf dem mit Eis bedeckten Gehweg auszurutschen. Ich ziehe meinen Ausweis aus der Tasche hervor und betrete das Gebäude.

Wenn ich mich mit Bekannten über meinen Job unterhalte, höre ich immer wieder, dass sie es sich schwierig vorstellen, das Internet nach einem bestimmten Kleidungsstück zu durchforsten, das ein A-, B- oder C-Promi getragen hat. Aber für mich ist es eine Herausforderung, die mich fordert und ich liebe es, in der Modebranche zu arbeiten, auch wenn man hier nicht viel Spielraum hat, sich modetechnisch selbst einzubringen.

Denn im Grunde suche ich nur Kopien der Klamotten der Stars. Ich versuche schon seit Wochen, meinen Chef zu überzeugen, dass wir über Modeblogger oder die Menschen von der Straße berichten sollten. Jemanden, der nicht unnahbar ist, wie Stars und Sternchen, aber bis jetzt hat er noch kein Wort dazu gesagt und mich nur angelächelt, als hätte ich keine Ahnung, um was es in der Modebranche geht.

Doch ich bin immer schon ein Mensch gewesen, der warten kann, um dann die Chance zu ergreifen. Nachdem ich die Hälfte der Mails abgearbeitet habe, hole ich mir einen Kaffee aus unserer Redaktionsküche und treffe auf meine engste Freundin hier beim Magazin.

»Hey Schätzchen!« Charlie, meine Kollegin aus dem Layout, gesellt sich zu mir und drückt mich kurz. »Wie war dein Wochenende?«, fragt sie und nimmt dankend den Becher voll Kaffee an, den ich ihr reiche.

»Ich war ein wenig Shoppen, es gibt einen tollen Secondhandladen, der eine Straße von meiner Wohnung geöffnet hat. Dann habe ich die Wohnung auf Vordermann gebracht und einen Serienmarathon gestartet.«

»Wo war Robb denn?«

Ich nehme einen neuen Becher, gieße mir ein und nippe an dem köstlichen Getränk. Charlie und ich gehen, wenn es unser Terminkalender zulässt, gemeinsam Mittagessen und treffen uns ab und an auf einen Cocktail, aber Robb hat sie in dem einen Jahr noch nie kennengelernt, weil er ständig auf Achse ist und ich lieber mit ihr oder seiner Schwester Miranda etwas unternehme.

»Wie immer am Arbeiten. Pressemeetings. Sein Album kommt in einem Monat raus und dafür ist er rund um die Uhr unterwegs. Er arbeitet hart für seinen Traum.« Stolz erfüllt mich, wenn ich über die Karriere meines Freundes berichte, denn er ist ein Selfmade-Typ, der ohne Fake oder Skandale erfolgreich geworden ist.

»Begleitest du ihn bei solchen Terminen nicht?«

»Anfangs schon. Aber die meiste Zeit habe ich mich gelangweilt.« Der Rummel, der ihn ständig umgibt, ist nichts für mich.

»Ich stelle mir das ziemlich aufregend vor.«

»Ist es auch für Robb selbst, aber ich bin einfach die stolze Freundin, die am Rand der Bühne steht und ihn anfeuert.«

»Du musst mich mal hinter die Bühne mitnehmen, Süße. Vielleicht schwirrt ja der eine oder andere Promi herum, mit dem ich ein Selfie machen kann.«

»Sehr gerne. Miranda hat schon öfter nach dir gefragt. Seit der Mall-Eröffnung, bei der Robb aufgetreten ist, hat sie dich nicht mehr gesehen.« Charlie errötet und blickt auf ihre Füße. Auch wenn Robbs Schwester Mira offen zu ihrer Bisexualität steht, ist Charlie vorsichtig und zurückhaltend, obwohl ich die beiden knutschend in der Garderobe erwischt habe. Seitdem hat sie sich rargemacht, noch bevor ich sie Robb hätte vorstellen können.

»Aber wir haben ja Zeit. Immerhin gibt es bald etwas zu feiern, wenn das Album auf dem Markt ist.« Ich wechsle bewusst das Thema, weil ich meine Freundin nicht in Verlegenheit bringen möchte. Wenn sie darüber reden will, bin ich da, falls nicht, respektiere ich das ebenfalls. Wie das Freunde eben so machen.

»Ich freue mich schon drauf«, trällert sie und ist wieder die alte fröhliche Charlie, die sich nicht in die Karten schauen lässt.

Von meinem Platz aus habe ich direkten Blick in das Büro von unserem Boss. Nicht, dass wir ihn je zu Gesicht bekommen würden, außer beim wöchentlichen Meeting. Er ist immer schwer beschäftigt und schwirrt von einem Termin zum anderen. Weshalb auch meist die Jalousien in seinem gläsernen Büro zugezogen sind. Häufig ist unser Kollege Norman in seiner Nähe, ein ehemaliger Praktikant, der erst seit ein paar Wochen fest angestellt und seine rechte Hand geworden ist. Aber aus unseren Gesprächen weiß ich, dass Norman heiß darauf ist, Artikel zu verfassen und im Modebereich zu arbeiten.

Vergangene Woche hat mein Boss hervorragende Laune gehabt, war anwesend, auch wenn er sich in sein Büro zurückgezogen hat, um Norman zu quälen, der einige Botengänge für den Chef machen musste. Deshalb habe ich auch vor ein paar Tagen dem Big Boss eine Mail geschrieben, einen Vorschlag für eine besondere Kolumne, in der ich über eine berühmte Bloggerin berichten und ihr Lieblingsoutfit suchen wollte. Heute Nachmittag möchte ich beim Meeting noch mal dieses Thema aufbringen, denn sosehr ich meinen Job liebe, fühle ich mich etwas festgefahren. Ich möchte mehr aus der Kolumne machen. Ich habe kein offizielles Okay von ihm bekommen, aber das hat mich nicht daran gehindert, eine tolle Präsentation zusammenzustellen, die ihn hoffentlich aus den Socken hauen wird.

Der Tag vergeht wie im Flug und plötzlich sitze ich mit der ganzen Redaktion im Besprechungsraum bei Kaffee und Snacks. Mein Boss will diese Treffen nach dem Mittagessen abhalten, weil er den ganzen Vormittag über Termine und meist am späten Nachmittag Luft für unsere Anliegen hat. Wir gehen unsere Themen und Ideen durch. Conny, eine Kollegin aus dem Bereich Gesundheit, möchte mehr auf das Thema Brustkrebs eingehen, wofür sie grünes Licht bekommt, Uma, unsere Kolumnistin im Bereich Lifestyle, hat ein neues Spa in Jersey getestet und wird in der nächsten Ausgabe darüber berichten. Jeder Mitarbeiter bringt sich ein und lauscht den Anmerkungen unseres Chefs, der hier und da noch Verbesserungsvorschläge hat.

»Taylor. Was hast du diese Woche für uns?«, fragt er mich nun und blickt mich mit seinen eisblauen Augen an. Ich bin immer gut mit ihm klargekommen, auch wenn er mit seiner grimmigen Art nicht gerade zu den Menschen zählt, denen ich Persönliches anvertrauen würde.

Ich schlucke nervös, weil er heute nicht gerade gut gelaunt auf mich wirkt und stehe auf, was komisch aussieht, weil alle anderen noch sitzen. »Ich würde in dieser Ausgabe gerne über Farrah Zinode berichten.« Er runzelt die Stirn, sagt jedoch nichts dazu. Also rede ich weiter und hoffe auf ein Wunder. »Sie ist eine der erfolgreichsten Modebloggerinnen dieser Zeit und hat über dreißig Millionen Follower. Ich würde über ihr Lieblingsoutfit berichten und habe es sogar schon rausgesucht.« Schnell rufe ich die Zusammenstellung auf meinem Tablet auf und reiche es ihm, doch er sieht mich nur mit undurchdringlicher Miene an, nimmt mir das Gerät nicht ab, blickt nicht einmal auf den Bildschirm. Meine Kehle ist wie zugeschnürt und innerhalb von Sekunden schafft er es, mich von hoffnungsvoll auf unsicher herunterzuschrauben. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, als auch er sich erhebt und tief Luft holt. Er steckt seine perfekt manikürten Hände in die Hosentaschen und räuspert sich. Ich schlucke und meine Kehle wird plötzlich trocken, als sein Blick noch grimmiger wird als ohnehin schon. Trotz allem aber straffe ich die Schultern und recke das Kinn in die Höhe, gebe mich tough, auch wenn ich innerlich vor Unsicherheit heulen könnte.

»Ich habe deinen Eifer, was diese Rubrik angeht, immer bewundert und auch unterstützt, wie du und auch alle hier wissen. Wir haben uns eine große Leserschaft aufgebaut, die es kaum erwarten kann, den neuesten Look nachzushoppen. Aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, als wäre deine Leidenschaft für diese Kolumne abgeflaut.«

»Ich …«, setze ich an, doch er hebt die Hand und bringt mich zum Verstummen. Auch wenn er eher mit Abwesenheit geglänzt hat, lässt er uns bei solchen Meetings spüren, dass er noch immer der Boss ist. Und nun hat er es auf mich abgesehen.

»Seit Wochen willst du einen wichtigen Teil des Magazins umkrempeln und ich dachte, dass mein fehlender Input dir gezeigt hätte, dass ich keinerlei Interesse daran habe, über irgendwelche YouTuber zu berichten, die noch nie hart gearbeitet haben, und nun muss ich feststellen, dass du wertvolle Arbeitszeit für die Suche eines Outfits verplempert hast, wozu ich nicht mal das Okay gegeben habe!« Er wird immer lauter, kommt auf mich zu und verschränkt die Arme vor der Brust. Er ist nicht groß, wirkt in meinen Augen eher schlaksig als sportlich, doch er hat diese Aura von Autorität. Mein Puls rast und ich blicke hilflos zu Charlie, die wie ich schockiert zu sein scheint und zwischen mir und Cooper Gibson, dem Chefredakteur, der meine berufliche Zukunft in der Hand hat, hin- und hersieht. »Du hast dich verändert, Taylor, doch leider in eine andere Richtung, als es für Jolene gut ist, deshalb bekommt Norman die Kolumne.«

Auch wenn er schnell gesprochen hat, kommt es mir wie in Zeitlupe vor, es hat nur ein paar Worte seinerseits gebraucht, um meinen beruflichen Traum zu zerstören. Das Blut rauscht in meinen Ohren und nur vage bekomme ich mit, wie er mich vor allen Mitarbeitern feuert und Norman meine Kolumne überträgt. Es ist wie eine schallende Ohrfeige, ein Dolchstoß mitten ins Herz. Mein Mund steht offen, schließt sich wieder und öffnet sich. Wie bei einem Fisch, der an Land keine Luft mehr bekommt. Ich bin sprachlos, verletzt und enttäuscht und kann nur den Kopf schütteln.

Die mitleidigen Blicke der anderen sind mir egal, denn die Scham kann nicht schlimmer sein als der Verlust und der Schmerz, weil mein Baby, das ich ins Leben gerufen habe, in andere Hände fällt. Mir bleibt keine Möglichkeit, mich zu verteidigen oder etwas zu sagen, denn er beendet das Meeting so schnell, wie er es begonnen hat und verschwindet in seinem Büro. Übrig bleibe ich, mit meinen Kollegen, die mich erst erschrocken anstarren und dann einer nach dem anderen umarmen oder sich verabschieden. Genau weiß ich es nicht, denn ich nehme alles nur begrenzt wahr.

Es dauert eine Weile, bis ich zu meinem Schreibtisch komme und mich setze. Die Kollegen beim Jolene-Magazin haben Feierabend, doch für mich ist es ein Abschied für immer. Natürlich könnte ich jetzt zu meinem Boss gehen und ihn zur Rede stellen, auf den Tisch hauen und meinen Job zurückverlangen, aber die Sache ist die, Cooper Gibson hat noch nie seine Meinung geändert. Alles, was er von sich gibt, ist wie in Stein gemeißelt, und wenn ich ehrlich bin, möchte ich auch gar nicht betteln. Selbst wenn er mir meine Kolumne zurückgeben würde, wäre es mit einem bitteren Beigeschmack verbunden, weil ich meinen künstlerischen Freiraum nicht ausleben darf. Außerdem weiß ich jetzt, dass er mich nicht wertschätzt und ich hier auf keinen Fall weiter arbeiten kann. Auch, dass alle Kollegen diese Geschichte mitbekommen haben, bestärkt meine Entscheidung, meine Sachen zu packen und zu gehen. So kann und will ich nicht arbeiten.

Ich blinzle schließlich und sehe mich um, stelle fest, dass die Redaktion fast leer ist, nur vereinzelte Mitarbeiter arbeiten noch, die ich jedoch nicht näher kenne. Draußen ist es schon dunkel und soweit ich gelesen habe, soll es heute Abend schneien. Normalerweise würde Schneefall meine Laune heben, aber ich habe das Gefühl, dass es diesmal nicht klappen wird. Mit letzter Kraft packe ich meine Sachen zusammen und blicke auf. Charlie steht vor meinem Tisch und beißt sich auf die Unterlippe und sieht genauso traurig aus wie ich selbst. Vorbei sind unsere gemeinsamen Lunchdates und täglichen Treffen in der Kaffeeküche. Mit feuchten Augen stehe ich auf und werfe mich in ihre Arme, drücke sie fest an mich. Natürlich werden wir weiterhin Freunde bleiben, aber ich habe es immer geliebt, meine Freundin bei der Arbeit zu treffen und mit ihr über alles sprechen zu können.

»Das ist nicht fair«, flüstert sie, doch ich schüttle nur den Kopf. Sich aufzuregen würde nichts mehr bringen, meine Wut ist abgeflaut und ich sehe nun ein, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich habe ein Risiko gewagt und habe bitter verloren, da bringt auch Jammern nichts mehr. Vielmehr sollte ich dieses Büro mit erhobenem Haupt verlassen und versuchen, weiterzumachen.

»Ich werde dich vermissen, Charles«, sage ich und muss mich zwingen, nicht in Tränen auszubrechen.

»Du weißt, wie sehr ich es hasse, wenn du mich so nennst«, schnaubt sie lächelnd und drückt mich noch mal. Ich löse mich schnell von ihr, weil ich sonst zusammenbrechen würde, was ich aber unbedingt vermeiden möchte. »Du musst mir versprechen, dich jeden Tag mittags zu melden, dann ist es so, als würden wir noch immer gemeinsam Mittagspause machen.«

»Ich versuche es«, ich seufze, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich mein Wort halten kann.

Auf dem Weg nach draußen treffe ich auf Norman, der sich mit jemandem unterhält, allerdings kurz innehält, um mir ein kaltes Grinsen zu schenken. Ich weiß von den Gerüchten, dass der Boss und er eine Affäre haben sollen, aber egal welchen Hintergrund es hat, dass es zu meiner Kündigung gekommen ist, habe ich keine Wahl, als es zu akzeptieren. Ich bin mit Jolene fertig, dass es mich trotzdem innerlich zerreißt, wird mir keiner hier ansehen können, aber es stimmt. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten, denn es schmerzt, mich von meinem Traumjob unfreiwillig zu verabschieden. Robb und ich haben sehr gut harmoniert, weil wir beide unsere Bestimmungen gefunden hatten, während seine im Musikbusiness liegt, ist meine Leidenschaft die Mode. Zumindest war sie das, bis jetzt.

Mein ganzer Kram passt in meine Tasche, sodass ich mir die Scham erspare, mit einem Karton voll mit meinen persönlichen Sachen aus dem Bürokomplex zu spazieren. Im Gehen wähle ich Robbs Nummer, doch er nimmt nicht ab. Entweder ist er in der Wohnung und holt Schlaf nach oder er ist im Studio, um an seinem Album zu arbeiten. Der Schmerz in meiner Brust wird mit jedem Atemzug schlimmer und die Tränen, die ich so tapfer zurückgehalten habe, kommen langsam an die Oberfläche. Ich bin gerade dabei, zu meinem Auto zu gehen, als ich zwei Männer dabei erwische, wie sie meine Autotüren öffnen, als würde mein Fiat 500 ihnen gehören. Was natürlich unmöglich sein kann, da ich mein Auto immer verriegle. Immerhin lebe ich hier in New York City.

»Hey!«, brülle ich, was die Männer panisch werden lässt. Sie reißen die Türen auf und auch wenn ich in unmittelbarer Nähe stehe, schaffen sie es irgendwie, das Auto zu starten und davonzufahren. Mir wurde allen Ernstes das Auto gestohlen, an einem Nachmittag und das, nachdem ich gerade gefeuert worden bin! Kann dieser Tag eigentlich noch schlimmer werden? Das kann er, murmelt eine Stimme in mir. Hätte ich ihr bloß geglaubt!

2. Kapitel

TAYLOR

Ich fasse es nicht! Ich kann es einfach nicht glauben, wie viel Pech man innerhalb einer Stunde haben kann. Mit zittrigen Fingern rufe ich die Polizei, wo die Dame von der Notrufzentrale versucht, mich zu beruhigen und mir sagt, dass ich auf einen Beamten warten soll, der dann die Anzeige aufnehmen wird. Wieder versuche ich es bei meinem Freund, doch mit demselben Ergebnis. Völlig am Ende setze ich mich auf den Bordstein, ignoriere, dass der saukalt ist, umklammere meine angewinkelten Knie und lege meinen Kopf darauf. Meine Tasche stelle ich neben mich, falls auch sie gestohlen würde, würde es mich nicht wundern. Dieser Tag ist sowieso im Arsch!

Mit letzter Kraft atme ich tief durch, tue alles, um nicht in Tränen auszubrechen. Ich habe das Geld für dieses Auto mit Mühe zusammengekratzt und es ist das erste gewesen, das nicht ein Schrotthaufen auf vier Rädern ist. Deshalb schmerzt es noch mehr, dass mein Baby gestohlen wurde. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis endlich ein Police Officer erscheint, damit ich Anzeige erstatten kann. In meiner Heimatstadt Pasadena wurde dir beigebracht, sobald es mal brenzlig wird, ruf einen Polizisten, deinen Freund und Helfer.

Der Cop, der etwas mehr auf den Rippen hat, befragt mich halbherzig über den Hergang, will eine ungefähre Personenbeschreibung von mir und fährt dann wieder. Das war’s! Keine aufmunternden Worte, dass er sein Bestes tun wird, um die Verbrecher zur Strecke zu bringen. Nur ein Nicken und tschüss. Meine Trauer über meinen Rauswurf beim Magazin habe ich ja verkraften können, aber nichts konnte mich auf die Wut vorbereiten, die mich erfasst, nachdem der Officer die Biege gemacht hat. Ich bin sauer auf meinen ehemaligen Chef und Norman, außer mir über die Tatsache, dass mein geliebtes Auto gestohlen wurde, und entsetzt über den Mangel an Hilfsbereitschaft der New Yorker Polizei. Vielleicht liegt es daran, dass ich mein Dasein als Landei nie aufgegeben habe, aber ich habe mir etwas mehr Engagement vorgestellt.

Noch immer würde ich keine Träne vergeuden, nicht jetzt, nachdem ich so aufgeladen bin. Ich beschließe, nach Hause zu gehen, mich zu sammeln und dann noch mal bei dem Police Department anzurufen, um erneut eine Anzeige aufzugeben, bei jemandem, der die Sache auch ernst nimmt. Ja ich würde meine innere Diva freilassen! Hier zwischen den hohen Wolkenkratzern New Yorks werde ich mich sicher nicht unterkriegen lassen, also nehme ich die Beine in die Hand und fahre mit der U-Bahn nach Hause. Mein Hintern besteht nur noch aus einer Eisschicht, also wird mir die Bewegung guttun. Ich setze mich auf einen der wenigen Sitzplätze, wärme mich etwas auf und lehne meinen Kopf gegen das kühle Fenster. Dass dieses verschmutzt ist, interessiert mich nicht, ich brauche einen Moment der Ruhe inmitten meines persönlichen Chaos.

Doch diese ist mir nicht vergönnt, denn mein Handy vibriert in meiner Manteltasche. In der Hoffnung, dass es mein Freund sein könnte, nehme ich es in die Hand, aber ich erstarre, als ich aufs Display sehe. Es ist mein Dad. Tief durchatmen, Tae! Er würde sofort merken, wenn etwas im Busch ist, also schluck’s runter und heb ab!

»Hey Dad«, sage ich fröhlich, vielleicht einen Tick zu übertrieben, aber was soll’s. Er soll nicht merken, dass ich am Ende bin, denn er hat mich nur nach New York ziehen lassen, solange es mir auch gut geht. Finanziell und emotional. Nur ein Anzeichen, dass ich unglücklich bin, und er würde mich höchstpersönlich abholen.

»Ich bringe diesen Schweinehund um!«, brummt mein Vater ins Telefon und erwischt mich eiskalt.

»Was?«, frage ich verwirrt. Hat er von dem Diebstahl erfahren? Aber dann müsste er doch die Mehrzahl verwenden.

»Wo ist er? Hast du ihm eine gescheuert? Du weißt, dass du jederzeit nach Hause ziehen kannst, oder, mein Engel?«

»Dad! Ich verstehe nicht, was du meinst. Wieso sollte ich wieder nach Pasadena ziehen?«

»Du weißt es noch nicht?«, flüstert er und verstummt dann. Ich höre ihn ein Schimpfwort murmeln, ehe ich den vertrauten Laut höre, wenn er sich über den Bart kratzt.

»Ich habe keinen blassen Schimmer!«

»Oh Tae, mein Mädchen. Es tut mir schrecklich leid.«

»Du machst mir Angst, Daddy«, hauche ich, fühle mich hilflos, als würde ich im Dunklen tappen und alle Welt würde wissen, was Sache ist.

»Ich schicke dir den Link, ich kann es dir nicht sagen, ohne dass ich fluche wie ein Seemann. Du musst stark sein.«

Stärke? Das ist etwas, von dem ich heute schon zu viel gebraucht habe. Eine Sache noch und ich würde zusammenbrechen. »Okay?« Ich ziehe das Wort etwas in die Länge, weil ich mich sammeln muss.

»Gut. Ich melde mich später noch mal.«

»Bis dann.«

»Ach, und Tae?«

»Ja?«

»Tu mir einen Gefallen und reiß ihm gehörig den Arsch auf. Machst du das für deinen alten Dad?«

Auch wenn ich absolut keine Ahnung habe, worum es überhaupt geht, antworte ich: »Mach ich.« Dann hat er aufgelegt und lässt mich noch verwirrter zurück, als ich es schon ohnehin gewesen bin. Ich öffne das Chatprogramm und warte auf den geheimnisvollen Link. Zuerst bemerke ich, dass es sich um eine Klatschzeitung handelt, das sieht man schon an der Internetadresse. Ich öffne ihn und warte, doch was ich dann erblicke, lässt mich entsetzt nach Luft schnappen.

Die Schlagzeile lautet: Robb küsst fremd! Und verdammt, das tut er tatsächlich! Mein Freund ist in einem Restaurant zu sehen, zwar mit einem Baseball Cap, aber man erkennt Robb sofort. Die Frau, die dieser Mistkerl küsst, ist unsere neue Nachbarin aus der Wohnung nebenan. Mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, kralle ich meine Finger in mein Smartphone, denn andernfalls würde ich es jetzt sofort gegen die nächste Wand schleudern.

An dem Tag, an dem ich gefeuert werde, mein Auto gestohlen wird und ich am Boden zerstört bin, erfahre ich aus den Medien, dass mein Freund mich hintergeht. Die Ansage dringt nur langsam in mein Ohr, teilt mir aber mit, dass hier meine Station ist. Ich zwinge mich selbst, einen Schritt nach dem anderen zu machen und lasse das Ganze sacken. Robb betrügt mich, mit unserer Nachbarin wohlgemerkt, und ist sogar so dumm, sich dabei erwischen zu lassen! In all den Jahren haben wir eine innige und loyale Beziehung gehabt, eine Verbindung, die, wie ich geglaubt habe, einzigartig war.

All die guten Momente miteinander erscheinen vor meinem inneren Auge, werden aber schnell überschattet, wenn ich daran denke, wie lange mich der Mensch wohl hintergeht, dem ich am meisten vertraut habe. Der der Grund war, wieso ich meine Heimatstadt verlassen habe und nach New York gezogen bin. Ich habe alles getan, um ihn bei seiner Karriere zu unterstützen, habe in Kauf genommen, dass er nächtelang unterwegs ist, um seine Songs zu promoten. Doch das Ganze hat nun einen bitteren Beigeschmack. Hat er mich schon damals betrogen? Ist noch irgendetwas in meinem verdammten Leben heil und droht nicht auseinanderzubrechen?

Meine Wut über diese ganze Situation brodelt in mir wie Lava, die sich im Inneren des Vulkans darauf vorbereitet, auszubrechen. So verletzt wie ich auch bin, siegt die Frustration. Dieser Tag ist der schlimmste meines Lebens! Aber ich habe nicht vor, mit dem sinkenden Schiff unterzugehen. Ich bin jemand, der nicht so leicht aufgibt und ich habe meinem Dad etwas versprochen: Ich werde Robb den verdammten Arsch aufreißen!

Ich glaube, dass ich jetzt keinen schönen Anblick abgebe, mit meinem wirren Haar, den feurigen Augen und dem entschlossenen Gesichtsausdruck. Ich stapfe hier in unserer Straße auf das Wohngebäude zu und muss wohl rot glühende Augen haben, denn sogar die Passanten machen einen großen Bogen um mich. Mir soll’s recht sein! Heute meide ich den Fahrstuhl, nehme stattdessen das Treppenhaus, weil ich das brauche, um mich ein wenig abzureagieren, bevor ich meinem Freund eine scheuere. Im fünften Stock angekommen, betrete ich den Flur und will gerade meine Wohnung aufschließen, als ich die gedämpften Laute und Stöhnen höre. Das erübrigt die aufkommende Frage, ob er überhaupt zu Hause ist.

So leise wie ich kann, mache ich die Tür auf und wieder zu. Doch ich hätte sie auch zuknallen können, die zwei in meinem Schlafzimmer hätten nicht mal eine Sirene gehört. Die Hände zu Fäusten geballt, um nicht gegen die Tür zu hämmern, schleiche ich durch die Wohnung. Auf dem Boden sind Klamotten verstreut, weisen einen kleinen Pfad vom Wohn- ins Schlafzimmer. Carols Stöhnen dringt an mein Ohr, gefolgt von Robbs Grunzen, was heißt, dass er dem Orgasmus sehr nahe ist. Obwohl ich darüber erschüttert sein sollte, dass die zwei es in meinem Bett miteinander treiben, tritt ein kaltes Lächeln in mein Gesicht. Die Tür ist nur angelehnt, was irgendwie einleuchtet. Vor wem wollen sie sich schon verstecken, die denken, ich sei noch im Büro. Na, dann wollen wir mal die Party sprengen!

Als Carol übertrieben schreit wie ein schlechter Pornostar, reicht es mir endgültig. Ich trete auf die Tür ein, sodass sie aufschwingt und gegen die Wand knallt. Dort wird mit Sicherheit ein Loch aufgrund des Griffs klaffen, aber das ist mir egal, denn hier werde ich nie wieder wohnen. Ich bin fertig mit diesem Leben. Die beiden keuchen erschrocken auf und Robb, ganz Gentleman, versucht sich selbst in Sicherheit zu bringen und lässt unsere Nachbarin alleine im Bett. Sehr charmant. Nun steht er vor mir, nackt und verschwitzt und sieht mich panisch an.

»Taylor!«, keucht er schließlich und erstarrt, als ihm klar wird, dass ich nicht heule oder überrascht wirke, sondern sich ein kaltes Lächeln in meinem Gesicht ausbreitet. Ich muss wohl aussehen wie der Joker aus den Batman-Filmen.

»Hallo, mein Schatz«, säusle ich und gehe langsam auf ihn zu. Carol rührt sich nicht vom Fleck, krallt sich an der Decke fest, mit der sie ihre zu großen Brüste bedeckt. »Ich habe dich angerufen, falls du es noch nicht gemerkt hast.« Dann sehe ich langsam zwischen den beiden hin und her, genieße die Panik, die ihnen aus den Poren dringt. Ich kann ihre Angst fast riechen. »Aber wie ich sehe, bist du gerade beschäftigt.« Ich stelle mich dicht vor diesen Abschaum, den ich einmal geliebt habe.

»Wir lieben uns!«, japst Carol, lässt die Decke fallen, doch ihre langen, blonden Extensions verdecken ihre Oberweite. Sie wirkt verzweifelt, doch ihre Worte klingen ehrlich. Sie ist genauso dumm wie ich!

»Ach, ist das so?«, frage ich und male mit dem Zeigefinger Kreise auf die feste Brust von Robb. »Hast du ihr etwa nicht erzählt, dass wir beide es diese Nacht haben krachen lassen? In diesem Bett!« In der Zwickmühle sieht er nun zwischen uns hin und her, ist aber so klug, nicht auf meine Frage zu antworten.

»Ihr habt was?«, kreischt die dumme Kuh laut, doch ich kann nur die Augen verdrehen.

»Ach, sei nicht so dumm, Carol. Er hat uns beide verarscht, nur waren wir zu naiv, um es zu sehen. Aber keine Sorge. Ich lerne aus meinen Fehlern.« Ich lege meine Hände auf seine nackten Schultern, tue so, als würde ich ihn küssen, dabei brauche ich nur die richtige Position. Dann hebe ich das Knie an und trete ihm, so hart ich kann, in die Eier. Robb krümmt und windet sich vor Schmerz auf dem Boden, doch ich lächele von oben auf ihn herab. »Wir sind fertig miteinander!«

Dann zücke ich mein Smartphone und nehme ihn auf, wie er wie ein Baby um seine Eier weint. Als er mein Handy erblickt, keucht er auf. »Was machst du da?«

Ich beuge mich bedrohlich zu ihm runter, lasse ihn dabei nicht aus den Augen. »Solltest du nur daran denken, Lügen über mich und unsere Trennung verbreiten zu wollen, stelle ich dieses Video online und sehe genüsslich dabei zu, wie du untergehst. Kapiert?«

Tränen glänzen in seinen Augen, als er nickt und ich mich langsam erhebe. »Du wirst mir meine Sachen in meine neue Wohnung schicken lassen und dafür sorgen, dass nicht eine Haarklammer fehlt. Natürlich auf deine Kosten, und solltest du es wagen, mich aufzusuchen oder mich zu kontaktieren, werde ich so richtig loslegen. Verstanden?«

»Ja«, brummt er noch und hält sich seine kleinen Kronjuwelen fest. Ich werfe einen vorwurfsvollen Blick auf Carol, die jedoch mit Blicken meinen Ex tötet. Dann betrete ich den begehbaren Kleiderschrank, packe ein paar Klamotten in meine Reisetasche und stürme aus der Wohnung, höre aber mit Genugtuung, wie Robb vor Schmerz aufschreit, und auch wenn Carol für mich gestorben ist, hoffe ich doch, dass sie ihm eine verpasst hat.

Eine Stunde später weiß ich noch immer nicht, wohin ich gehen soll. Bei der Arbeit hatte ich außer Charlie nur Bekannte und sonst war der Idiot, den ich Freund genannt habe, der mir in den Rücken gefallen ist, mein Mittelpunkt hier in Manhattan. Klar ist da noch Miranda, seine Schwester und Managerin, die ich aber nicht zwischen die Fronten bringen will. Mein Dad hat schon zweimal angerufen, aber ich habe nicht die Kraft, jetzt mit ihm zu reden. Ich stehe noch immer unter Strom. Teils aus Wut, teils als Schutzmechanismus. Der Winterwind nimmt zu und die Sonne ist schon lange untergegangen, also beschließe ich, in ein Café auf der anderen Straßenseite zu gehen, um mich aufzuwärmen und die nächsten Schritte zu überdenken.

Ich habe Angst, bin verletzt und habe keine Ahnung, wohin ich gehen kann. In meiner Blase aus all diesen Gefühlen höre ich zunächst nicht, wie mein Name gerufen wird.

»Taylor? Taylor Jensen?«, fragt mich ein Typ im Wintermantel, der mir ziemlich bekannt vorkommt, allerdings kann ich ihn nicht einordnen.

»Ja?«, krächze ich, muss mich räuspern, um meine Stimme wiederzufinden.

»Ich bin’s, Daniel. Daniel Grant aus der Highschool.« Auch wenn es unhöflich ist, mustere ich ihn von oben bis unten. Dieser Berg von einem Mann soll mein ehemaliger Nachbar sein? Das Gesicht mit den bernsteinfarbenen Augen ist vielleicht immer noch dasselbe, aber er muss in Anabolika gebadet haben, um so auszusehen.

»Hey Dan.« Ohne zu überlegen, nenne ich ihn bei dem Spitznamen, den ich ihm im Kindergarten gegeben habe.

»Wie ist es dir so ergangen? Du siehst toll aus!« Auch wenn das sicher halbherzig dahingesagt wurde, bringt mich seine erste Frage völlig aus dem Konzept. Was aus mir geworden ist? Ich habe meinen Job, mein Auto und meinen Freund verloren und drohe auf der Straße zu landen. Als diese Erkenntnis und ihr Ausmaß mich erreichen und das Adrenalin langsam weicht, breche ich in Tränen aus und werfe mich Daniel in die Arme.

3. Kapitel

TAYLOR

Ich flenne wie ein Baby, heule dem armen Mann, den ich jahrelang nicht gesehen habe, den Mantel voll. Und das Schlimmste ist, ich kann nicht aufhören! Als wären alle Schleusen in meinem Inneren geöffnet worden. Eigentlich war ich immer der Mensch, der es gehasst hat, in der Öffentlichkeit Tränen zu vergießen. Selbst auf der Beerdigung meiner Mutter konnte ich mich zurückhalten, aber nach diesem schicksalhaften Tag habe ich das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein. Daniel fragt nicht nach dem Warum oder versucht, mich wegzuschieben und loszulassen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Er streichelt mir über den Rücken und murmelt beruhigende Worte. Irgendwann, bei Gott es fühlt sich wie Stunden an, verebben die Schluchzer und ich wage es, in die braunen Augen zu sehen, die Röte, die mir ins Gesicht steigt, kann ich allerdings nicht verbergen.

Himmel, Arsch und Zwirn, ich muss richtig den Kopf recken, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Wir schweigen beide, wobei Daniels Mund ein kleines Lächeln umspielt, kein vorwurfsvolles, eher ein warmes, aufmunterndes.

»Kaffee?«, fragt er schließlich mit einer tiefen Stimme die rau wie ein Reibeisen ist. Auch wieder etwas, das sich in den zehn Jahren verändert hat. Wir betreten das Café und der Geruch von herrlichem Kaffee gemischt mit Kuchenduft lässt mich vor Wonne die Augen schließen. Nach diesem Scheißtag habe ich mir einen fetten Schokokuchen und einen Karamellmacchiato verdient.

Noch immer sage ich kein Wort, folge Daniel schweigend zu einem Sitzplatz, dabei starre ich auf meine Stiefel. Einige der Gäste werden wohl meinen Ausbruch durch die Glasfenster beobachtet haben, und ich könnte deren mitleidsvolle Blicke nicht ertragen. Erst als ich meinem ehemaligen Nachbarn gegenübersitze, hebe ich den Blick. Er hat seinen Mantel mittlerweile ausgezogen und fein säuberlich neben sich auf die Sitzbank gelegt. Ich sitze ihm gegenüber und habe nun einen besseren Blick auf sein Äußeres. In der Highschool war er ein süßer Kerl, einer der Guten, was ich immer an ihm gemocht habe. Mit seinen dunkelbraunen Haaren, die fast schwarz wirken, und dem scheuen Lächeln hat er sich damals in mein Herz geschlichen, und es entstand eine Freundschaft, die sich leider auseinandergelebt hat, nachdem er in meinem Abschlussjahr umgezogen ist.

Doch der Daniel von damals hat außer der Haarfarbe und dem Gesicht nicht mehr viel mit dem heutigen gemeinsam. Dan hat einiges an Muskelmasse zugelegt, es sieht aus, als würde er täglich ins Fitnessstudio gehen. Auch sein Teint ist gebräunt, was etwas untypisch für New Yorker Verhältnisse ist. Dann noch der Bartschatten, der zu ihm passt, früher aber nicht zu sehen war. Er bemerkt mein Starren und lächelt mich an, nach diesem katastrophalen Tag ist seine freundliche Art eine richtige Wohltat. Endlich jemand, der mir nichts Böses will.

»Also, Tae. Wir können uns jetzt stundenlang einfach anstarren und nichts sagen, aber mich würde doch sehr interessieren, wieso gerade du dich an meiner Schulter ausheulst.«

»Gerade ich?«, frage ich, weil ich den Zusammenhang nicht verstehe.

»Du warst immer schon eine toughe Frau, ich habe dich nur einmal weinen gesehen, obwohl ich dich meine ganze Kindheit und Jugend lang kannte.« Mit einem schnaubenden Lächeln sehe ich weg und blicke kurz zur Bar, wo ein Kellner dabei ist einen Cappuccino zuzubereiten. Da hat er allerdings recht, ich bin stets bemüht, die Fassung zu bewahren und meine Gefühle für mich zu behalten. So war ich immer. Bis ich drei Schicksalsschläge an einem Tag erleiden musste. »Du erwischst mich wirklich auf einem schlechten Fuß. Entschuldige bitte das Ausheulen.«

»Das war in keinster Weise ein Vorwurf«, er stützt seine Ellbogen auf dem Tisch ab und sucht meinen Blick.

»Ich weiß. Du warst nie der Typ, der jemanden verurteilt hat, Dan.« Er hat mir den Spitznamen Tae gegeben und ich habe ihn immer Dan genannt. Das war unser Ding. Daniel drängt mich nicht, lässt mich meine Gedanken sammeln und tief durchatmen, ehe ich ihm verrate, wieso ich ein nervliches Wrack bin. »Ich habe heute meinen Job verloren.« So, die erste Hürde ist überstanden. Ich erwähne nicht, dass es mein Traumjob gewesen ist, denn so würde ich nur Salz in meine Wunden streuen.

»Das tut mir leid«, meint er leise und drückt meine Hand, er glaubt, das sei schon alles. Aber ich habe noch mehr zu bieten.

»Und mein Auto ist von zwei Männern gestohlen worden.«

Man sieht es ihm schon an, dass es in seinem Köpfchen rattert. »Was? Das alles an einem ….«, setzt er an, doch ich habe noch mein Ass im Ärmel. Eins mit dem nicht mal ich gerechnet hätte!

»Und mein Freund hat mich betrogen.«

»Großer …« Drei Unglücke an einem Tag?, wird er sich denken, aber ich lege noch einen drauf.

»In meinem Bett.«

»Was?« Ja, jetzt ist er ziemlich verwirrt und hängt an meinen Lippen.

»Mit meiner Nachbarin.«

»Puh«, sagt er sichtlich schockiert und fährt sich durchs dichte Haar. Ja, ich wüsste auch nicht, was ich sagen sollte, wenn vor mir jemand so eine Bombe platzen lassen würde. Hätte ich mich vorhin nicht an seiner Schulter ausgeheult, hätte er mir das Ganze wahrscheinlich gar nicht geglaubt. Ich sollte meine Story verfilmen lassen oder ein Buch über diese Tragödie schreiben.

»Und das Beste ist.«

»Lass mich raten. Deine Katze ist gestorben«, meint er sarkastisch, was mich zum Lachen bringt. Ich mochte seinen Zynismus immer schon.

»Nein, aber er ist Sänger und ganz Social Media weiß über unsere Trennung Bescheid.«

»Autsch. Das ist echt bitter.« Das ist eine Katastrophe! Als wäre eine Trennung nicht schlimm genug, würden nun Klatschblätter darüber berichten, und ich möchte nicht wissen, in welches Licht ich gerückt werde. Ich hoffe mal, mein Erpressungsversuch vorhin hat Wirkung gezeigt und Robb wird nichts Intimes im Internet verbreiten. Seinen Namen nur zu denken, ruft in mir Übelkeit hervor, nicht zu fassen, dass ich mit ihm vier Jahre lang das Bett geteilt habe.

Dann wird mir erst bewusst, dass die Wohnung, in der wir bis jetzt gelebt haben, ihm gehört und ich nirgendwo hinkann. Verdammt! Ich fange gleich noch mal an zu heulen, jedoch will ich Dan das nicht antun. Der hat schon genug Drama von mir miterlebt.

»Es wird noch besser.«

»Hör auf! Das ist wie in einer Telenovela.«

»Ja, aber wie in einer schlechten.« Ich kichere, obwohl mir zum Heulen zumute ist. »Ich bin nun auch obdachlos, weil die Wohnung ihm gehört und ich sicher nicht mehr mit ihm unter einem Dach leben möchte. Ich will mit Männern generell nichts mehr am Hut haben.«

Er nickt, schweigt aber, sieht kurz zum Kellner, der auf uns zukommt, ehe er aus dem Fenster neben uns blickt. Mit einem leichten Hüftschwung kommt der Kellner zu uns und zwinkert Daniel zu, der sich wieder umgedreht hat. Dan lächelt nur und schüttelt den Kopf. »Aber hallo, meine Hübschen. Was darf ich euch bringen?« Er wippt mit den Hüften, während er Daniel sehr genau mustert.

»Irish Coffee!«, sage ich vielleicht etwas zu enthusiastisch, was Daniel zum Schmunzeln bringt. »Und zwar einen doppelten.«

Daniel fährt sich lachend übers Kinn und sieht mich mit einem amüsierten Funkeln in den Augen an. Trotz des ganzen Stresses, trotz all der Probleme, die noch auf mich warten, fühle ich mich wohl hier in diesem Lokal, mit einem alten Freund an meiner Seite.

»Du hast die Dame gehört, Lars. Erfüll ihr doch den Wunsch.«

»Und Schokokuchen«, bricht es aus mir heraus. Ich lechze nach Zucker und blamiere mich hier bis auf die Knochen, aber nach meinem Aussetzer vorhin ist es auch schon egal.

»Den Schoko Schoko?«, fragt mich der Kellner, woraufhin ich ihn verwirrt anstarre.

»Den was?«, will ich wissen, aber keiner antwortet mir darauf.

»Ja, bring uns gleich zwei.« Ich blicke ihn skeptisch an, doch er hebt nur die Hände.

»Vertrau mir. Der ist genau das Richtige in deiner Situation.«

»Ja, das ist eine gute Idee, Daniel. Es gibt nichts, was ein Schoko Schoko nicht aus der Welt schaffen könnte.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, flüstere ich, doch er hört mich sehr deutlich.

»Na schön, Lars. Bring uns einen Zuckerschock.«

»Für dich, Süßer, tue ich doch alles« Er kichert, zwinkert Daniel zu und geht wieder hinter die Bar, schwingt dabei allerdings sexy mit den Hüften.

»Der Spinner.« Daniel lacht und lehnt sich zurück, lässt mich aber nicht aus den Augen.

»Was machst du jetzt?«, fragt er nach einer kurzen Gesprächspause und erwischt mich damit eiskalt.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich bin eigentlich wegen Robb in die Stadt gezogen. Seine Eltern wohnen seit Jahren hier und wir haben uns im Internet kennengelernt.«

»Und eine Freundin, vielleicht kannst du …«

»Ich habe zwei gute Freundinnen. Die eine ist die Schwester meines Ex-Freundes und die andere lebt leider noch bei ihren Eltern. Ich möchte mich beiden nicht aufdrängen. Sonst habe ich niemanden. Vielleicht ziehe ich wieder zu Dad.« Auch wenn ich ein Landei bin, habe ich die Stadt lieb gewonnen und es würde mir das Herz brechen, wegzuziehen. Aber ich vermisse auch meinen Vater, der seit meinem Auszug ziemlich einsam ist.

»Dann zieh bei mir ein.« Ich warte auf einen Lacher, irgendein Zeichen, dass dies als Scherz gemeint war, aber ich sehe nichts davon. Nur seinen ernsten Gesichtsausdruck. Er scheint es ehrlich zu meinen, doch ich schüttle nur den Kopf. »Das ist ein verlockendes Angebot, Dan. Ehrlich. Aber ich möchte mit keinem Mann zusammenleben. Nicht mehr.«

»Wieso das denn?«, fragt er, die braunen Augen noch immer auf mich gerichtet, aber ich senke den Blick und spiele mit der Serviette auf dem Tisch. »Ein Mann hat mich gefeuert, dessen Assistent hat jetzt meinen Job, zwei Männer haben mein Auto gestohlen und mein Kerl schläft mit einer anderen. Also sorry, dass ich jetzt voreingenommen bin und nicht mit einem Mann zusammenleben möchte.«

»Das verstehe ich ja, aber du sollst nicht bei mir in die WG einziehen, weil du verzweifelt bist, sondern weil wir wirklich ein Zimmer frei haben. Ich wohne mit Addison und einer Freundin von ihr zusammen.«

»Schön und gut. Aber trotzdem bist du ein wichtiger Teil der WG und ich halte es einfach nicht in der Nähe von attraktiven Männern aus, die Frauenherzen brechen.« Ich habe geplappert, wie immer, wenn ich meine Gedanken schweifen lasse. Eigentlich wäre ich dumm, wenn ich dieses Angebot ausschlage, aber derzeit bin ich ein gebranntes Kind, was das andere Geschlecht angeht.

Der Kellner bringt uns unsere Getränke und den Kuchen, der so lecker aussieht, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Daniels intensiven Blick, der auf mir haftet, beachte ich nicht weiter.

»Kann ich noch was für dich tun, Babe?«, haucht er zu meinem Sitznachbarn und stupst ihn mit der Hüfte an.

»Danke, Lars, wir haben alles.« Kurz blickt er zu dem Kellner und wieder zu mir und etwas huscht über sein Gesicht, das ich nicht einordnen kann. Ich weiß, er meint es gut, will mir helfen, um unserer alte Freundschaft willen, aber ich habe einfach Angst, wieder von einem Mann enttäuscht zu werden.

»Du brauchst dir wegen der Frauen, die ich vernaschen könnte, keine Gedanken machen, Tae, und kannst mit gutem Gewissen zu mir ziehen, denn ich selbst stehe auf Männer. Also ist dein Herz sicher.«

4. Kapitel

DANIEL

What the hell? Habe ich gerade wirklich zu meinem Highschool-Schwarm gesagt, dass ich auf Männer stehe? Ich, der die heißen Geräusche von Frauen liebt, wenn ich mit ihnen schlafe! Tae sieht mich entgeistert an, denn mit dieser Aussage hat sie nicht gerechnet. Scheiße, nicht mal ich selbst hätte das von mir erwartet! Verdammter Mist! Aber was hätte ich sonst sagen sollen? Die Frau, die ich nur als starke Persönlichkeit kenne, der ich meinen ersten feuchten Traum verdanke (sie war der Star darin), sieht wie ein Häufchen Elend aus.

So habe ich mir unser Zusammentreffen nicht vorgestellt. Obwohl … das stimmt nicht ganz. Ich habe mir vorgestellt, dass sie mich wiedersieht, dabei merkt, was sie verpasst hat, meine Schwärmerei erwidert und sich in meine Arme wirft. Sie hat sich zwar an meine Brust geschmiegt, aber die Tränen waren nicht Teil der Fantasie. Ihr hübscher Mund steht weit offen, ich habe es tatsächlich geschafft, sie sprachlos zu machen. Verdammter Lars. Er hat mich durch seine Art erst auf diese Schnapsidee gebracht. Was habe ich mir bloß dabei gedacht?

»Wirklich? Das wusste ich nicht.« Ach Tae, ich auch nicht. Glaub mir. Aber ich habe mir die Suppe eingebrockt und muss sie nun auslöffeln.

»Tja, es ist selbst für mich neu.« Aber wenn es sie dazu bringt, über ihren Schatten zu springen und bei mir einzuziehen, dann ist es diese Farce wert. Ich kann nicht eine frühere Freundin auf der Straße schlafen lassen, nur weil ihr verletzter Stolz sich ihr in den Weg stellt.

»Aber das ändert natürlich alles«, sagt sie und lässt mich innerlich jubeln. Halleluja!

»Ja?«

»Vielleicht übertreibe ich auch, aber es ist nun mal so. Bis jetzt hatte ich nie viel Glück mit Männern und deshalb muss ich mich schützen, Dan.« Ihre Stimme wird mit jedem Wort leiser.

»Das verstehe ich, aber du kennst mich. Ich bin ein anständiger Kerl.« Außer im Bett, da mag ich es auch mal wild und schmutzig, aber das kann ich ihr nicht sagen.

»Das weiß ich. Du hast dich zwar körperlich verändert, bist aber noch immer der tolle Typ von nebenan.« Dass ich schon damals in die Friendzone abgeschoben wurde, hat mich in den Wahnsinn getrieben. Denn alles, was ich wollte, war sie zu packen und um den Verstand zu küssen. Aber dass das mit uns jemals etwas werden könnte, habe ich mit meiner Lüge zunichtegemacht. Eigentor, würde ich mal sagen.

»Dann würde ich mir doch das Zimmer ansehen, wenn ich darf.« Ihre Mundwinkel zucken, aber wir sind noch weit von einem Lächeln entfernt.

»Na klar. Komm mit.«

Winzige Schneeflocken fallen vom Himmel, als wir das Café verlassen. Trotz ihres miesen Tages sieht Taylor nun tatsächlich lächelnd zum schwarzen Himmel hoch, blinzelt, als eine Schneeflocke in ihr Auge fliegt und dort schmilzt. Früher als Kind war Tae fasziniert vom Winter gewesen, hatte den milden Winter Kaliforniens nie gemocht. Besonders zu Weihnachten hatte sie sich immer Schnee gewünscht und selten bis nie bekommen.

»Wie lange lebst du schon in New York?«, frage ich sie, während wir die Straße überqueren. Ich wusste außer ihren derzeitigen Problemen nichts von dem, was sie in den vergangenen zehn Jahren getrieben hat.

»Seit vier Jahren. Ich hätte niemals gedacht, dass ein Landei wie ich sich hier schnell einleben würde, aber was soll ich sagen.« Im Gehen dreht sie sich um die eigene Achse und blickt auf die Hochhäuser um uns herum, tut ihr Möglichstes, um nicht mit Passanten zusammenzustoßen. »NYC hat mein Herz im Sturm erobert.«

»Ich habe länger gebraucht, um mich einzuleben.«

»Ach ja?« Wir weichen einer Frau aus, die einen Zwillingskinderwagen lenkt und kommen endlich in meine Straße.

»Die Highschool hier abzuschließen war nicht einfach. Ich hatte keine Freunde in der Stadt und sie haben ein Landei auch nicht gerade liebevoll aufgenommen.« Wenn ich an die Idioten denke, muss ich ein Knurren unterdrücken. Die Teenies an meiner alten Schule waren die Pest und haben versucht, mir das Leben zur Hölle zu machen und das nur, weil ich aus Kalifornien stamme.

»Das klingt aber nicht gut.«

»Na ja, es hat mich schon früh zum Trainieren gebracht.« Sie mustert mich von der Seite, ihr Blick bleibt auf meinem Oberkörper hängen, der selbst durch den Wintermantel auf sie trainiert wirken muss. Sie muss nichts von den Schlägereien erfahren, durch die ich mir bei den Kids Respekt verschafft habe.

»Was machst du beruflich?«, fragt sie nun und lenkt Gott sei Dank von meiner schlimmen Schulzeit ab.

»Ich bin Leibwächter bei einer Security Agentur.«

»Ernsthaft?«, meint sie ungläubig und runzelt die Stirn. Der Wind hat etwas zugenommen, sodass ich meine Schritte beschleunigt habe.

»Ja, in meinem Fitnessstudio die Straße weiter habe ich mit dem Kickboxen angefangen und neben meinem Studium eine neue Leidenschaft für mich entdeckt. Zur Agentur bin ich erst später gestoßen.«

»Kaum zu glauben, was sich alles in zehn Jahren entwickelt hat.«

»Ja. Wer hätte gedacht, dass wir uns hier in New York einfach so über den Weg laufen, dass du Hilfe brauchst, und ich sie dir anbieten kann.« Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich meinem Highschool-Schwarm in einer der größten Städte der Welt wiedersehe und sie noch immer mein Herz zum Rasen bringt. In den vergangenen Jahren ist es immer so gewesen, dass, wenn ich meine Eltern besucht habe, Tae in der Stadt gewesen ist und wir uns so nicht gesehen haben. Obwohl unsere Eltern Nachbarn sind. In all den Jahren habe ich Tae nicht vergessen, denn sie war meine Traumfrau, ist es immer noch, und anstatt ihr zu gestehen, was ich für sie fühle, tische ich ihr auf, dass ich auf Männer stehe, da sie nichts mit Männern zu tun haben möchte, die ihr Herz brechen könnten. Nur hat sie nie gewusst, dass ich der Letzte auf der Welt wäre, der ihr wehtun würde.

»Da wären wir.« Ich lasse ihr den Vortritt und bin froh, dass wir in einer besseren Gegend in Hells Kitchen wohnen. Bis jetzt habe ich nie darauf geachtet, wie unser Wohnhaus auf andere wirkt, aber wenn man seiner ersten Flamme wieder gegenübersteht, will man Eindruck schinden, bis mir wieder einfällt, in was für eine Scheiße ich mich reingeritten habe. Ich begleite sie und lege meine Hand auf ihren unteren Rücken, um sie zur richtigen Tür zu führen. Aber mit ihrem Duft habe ich dabei nicht gerechnet. Wie schon früher riecht sie nach Lavendel, eine bekannte Bodylotion, die ihre Mutter immer benutzt hat.

Ich bin derart berauscht von ihrem Duft, dass ich die Stimmen in der Wohnung fast zu spät bemerke. Dann trifft es mich wie ein Blitz und ich bleibe abrupt stehen. Ich kann nicht einfach so in die Wohnung platzen, ohne die Mädels einzuweihen. Meine Notlüge würde sofort auffliegen. »Warte bitte kurz hier. Ich muss mit den Mädchen sprechen und etwas aufräumen, denn bei uns sieht es öfter aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.«

Sie sieht mich zwar skeptisch an, nickt aber. »Ich denke, ich setze mich hierhin.« Sie deutet auf die kleine, schlichte Couch, die im Flur steht. »Ich brauche sowieso mal eine Verschnaufpause.« Sie sieht tatsächlich müde aus, fertig von den Schicksalsschlägen, die ihr Leben zerstört haben.

»Klar doch. Ich bin gleich wieder da, ja?« Ich mache eine bittende Geste und zwinkere ihr zu, bevor ich die Tür öffne und mich in die Wohnung begebe. Addy und Grace legen gerade die Wäsche zusammen und unterhalten sich auf der Couch. Die Wäsche haben sie überall verstreut und fein säuberlich sortiert. Ich lasse keine Zeit verstreichen und eile auf die beiden zu.

»Ihr zwei kommt bitte mit«, sage ich etwas gereizt, was aber meiner Nervosität zuzuschreiben ist, denn erst jetzt wird mir bewusst, dass die zwei auch Nein sagen könnten.

»Ja, oh Gebieter!«, erwidert meine Schwester sarkastisch und erhebt sich dabei. Ich verdrehe die Augen und gehe ins Badezimmer, wo ich die Tür hinter uns schließe, nachdem alle eingetreten sind.

»Wozu müssen wir uns hier in den kleinen Raum quetschen?«, fragt Grace und setzt sich auf die Badewannenkante.

»Ich habe eine Mitbewohnerin gefunden.« Lieber gleich zur Sache kommen, ich möchte nicht lange um den heißen Brei herumreden.

»Wie geil ist das denn! Und ich dachte, wir müssten wieder solche peinlichen und nervtötenden Castings abhalten, wie bei America’s Got Talent

»Nein, das bleibt uns erspart. Aber es gibt einen Haken.« Ich überlege fieberhaft, wie ich ihnen schonend beibringen soll, dass sie für mich dauerhaft lügen müssen. Es gefällt mir ja selbst nicht. »Sie denkt, ich sei schwul.« Das schallende Gelächter, das darauf folgt, erleichtert mich etwas. Ich habe nichts dagegen, wenn Männer ihresgleichen attraktiv finden, aber ich bin eben keiner davon.

»Das sagt derjenige, dessen gestriger One-Night-Stand so laut war, dass wir kein Auge zubekommen haben.«

»Mädels, ich meine das hier ernst.« Und verscheuche das vor Lust verschleierte Gesicht von gestern schnell wieder aus meinen Gedanken. Die One-Night-Stands zu Hause werden sowieso auf Eis gelegt.

»Wieso sollte sie annehmen, dass du auf Männer stehst? Dein Ruf unter deinen Freunden eilt dir da meilenweit voraus, Don Juan.« Meine Schwester kichert und boxt mir auf die Schulter. Ich sehe kurz mein Spiegelbild und stehe kurz davor vor Frust meine Haare zu raufen. Diese Sache droht jetzt schon aus dem Ruder zu laufen, dabei hat sie nicht mal angefangen.

»Daniel, was hast du getan?«, fragt Grace mit einem skeptischen Unterton. Sie ist immer diejenige gewesen, die einen mit nur einem Blick durchschauen kann. Sie ist anfangs eher eine der stillen und ruhigeren Sorte, aber Menschen scannt sie besser als das FBI.

»Sie ist echt am Ende. Hatte einen Scheißtag, sag ich euch, und wollte nicht hier einziehen, weil ich ein Kerl bin, der ihr auch früher oder später das Herz brechen würde, also habe ich gesagt …«

»Das ist übel«, wirft Addy ein und sieht mich finster an. Sie war immer schon die Vernünftigere von uns beiden. Die Frechere, aber auch die Verantwortungsbewusstere.

»Ich bitte euch, spielt einfach mit. Sie braucht eine Bleibe und ich konnte sie nur so überreden, sich das Zimmer anzusehen.«

»Das heißt, wir müssen für dich lügen?«, stellt Grace nüchtern fest und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich kneife die Augen zusammen, fühle mich ertappt und leicht überfordert.

»Ja, aber es ist zu ihrem Besten und auch zu meinem.«

»Wieso? Stehst du etwa auf sie?« Natürlich hat meine Schwester den Braten gerochen, wie sonst auch immer. Keiner kennt mich so gut wie sie.

»Na ja, ich habe auf sie gestanden.« Tue ich immer noch, aber das bleibt mein kleines Geheimnis.

»Warte!«, keucht Addy und ihre Augen werden groß. Oh nein! Sie ahnt es doch nicht, oder?

»Ist unsere neue Mitbewohnerin etwa Taylor Jensen?« Bingo! Der Kandidat hat 100 Punkte. Oh Mann!

»Wer ist das?«

Ich öffne den Mund, um Grace zu antworten, doch Addison kommt mir zuvor. Wie immer. Sie würde sterben, wenn sie nicht zu allem ihren Senf dazugeben würde. »Das ist seine Highschool-Flamme. Eine Cheerleaderin, die nicht nur mit uns zur Schule gegangen ist, sondern auch unsere Nachbarin war.«

»Ach ja, stimmt. Sie war sogar Captain.« Sie war das Highschool-Teeniefilm-Klischee. Das beliebteste Mädchen der Schule. Klug, populär und wunderschön. Doch in einer Sache passte sie nicht ins Schema. Sie war nicht eingebildet oder arrogant, wie es meistens in Filmen dargestellt wird, sondern hatte für Nerds und Außenseiter stets ein Lächeln auf den Lippen. Aber ich war nicht der Quarterback, der ihr Herz damals erobern konnte. Leider.

»Sie war Everybody’s Darling«, meint Addy sarkastisch und verdreht die Augen.

»Ich weiß, dass du sie zum Schluss nicht wirklich gemocht hast, aber sie braucht unsere Hilfe, Schwesterherz. Tae ist am Boden und obdachlos geworden.« Ich erkläre ihnen, dass sie einfach nichts über mein Liebesleben ausplaudern dürfen, falls Tae sie auf meine Homosexualität anspricht, sollen sie einfach nicht drauf eingehen. So ist es einfacher für alle Beteiligten. Sie würden ja nicht lügen, sondern dem Thema einfach ausweichen. Wer’s glaubt!, schalt mich mein Gewissen, aber ich verpasse ihm einen Kinnhaken. Nachdem wir alles geklärt haben, eile ich zur Tür und öffne sie, wo Taylor mich scheu anlächelt. Etwas in mir geht auf, doch ich ignoriere es, denn wenn ich ihr helfen will, muss ich mich von ihr fernhalten. Sonst ist sie schneller verschwunden, als sie in mein Leben getreten ist.

»Entschuldige. Ich musste die Mädels mal in alles einweihen.«

»Kein Problem. Ich musste sowieso durchschnaufen und meine Gedanken sammeln.« Erst jetzt bemerke ich, wie müde sie wirklich aussieht. Der Tag hat an ihren Kräften gezehrt, noch ein Grund mehr, sie herumzuführen und ihr die besten Ecken dieser Wohnung zu zeigen.

»Komm rein.« Addison und Grace stehen neben der Kücheninsel, die ein paar Schritte hinter der Couch steht und schenken Tae ein Lächeln. Selbst meine Schwester zeigt sich von ihrer besten Seite, zumindest vorerst. Kein Augenrollen oder überhebliches Mustern. Taylor lässt den Blick schweifen, ehe sie die beiden entdeckt. »Hallo. Ich bin Taylor. Danke, dass ich die Wohnung so kurzfristig ansehen darf.« Sie geht auf meine Schwester zu und reicht ihr die Hand. »Hey Addison. Schön dich wiederzusehen.«

»Du kennst mich noch?«, fragt diese nun überrascht. Die beiden waren früher befreundet, wir sind ein Dreiergespann gewesen, bis Addy plötzlich Tae gemieden hat und nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte.

»Klar doch. Du und ich haben früher immer Schlammkuchen gebacken und die neuesten Teeniemagazine verschlungen.«

»Stimmt. Lecker waren die Kuchen aber nicht.«

»Ja genau, du hast dich immer beschwert, wenn du sie gekostet hast.« Die beiden haben schon mal ein Gesprächsthema gefunden. Das fängt schon mal gut an.

»Das ist meine beste Freundin Grace.«

»Freut mich.« Sie reichen sich die Hände und als die kleine Gracie mir zuzwinkert, weiß ich, dass sie Tae auf Anhieb mag oder dass sie mich durchschaut hat und weiß, dass ich scharf auf meine neue Mitbewohnerin bin.

»Ich führe dich mal herum«, sage ich und gebe mein Bestes, um sie davon zu überzeugen hier einzuziehen, auch wenn ich weiß, dass es die Hölle sein wird, sie um mich zu haben, ohne sie berühren zu dürfen.

5. Kapitel

TAYLOR

Das Erste, was mir auffällt, sobald ich die Wohnung betrete, sind die Stufen, die nach oben führen. Ich kenne niemanden, der ein zweigeschossiges Apartment in New York bewohnt, aber es sieht imposant aus. Danach wende ich meine Aufmerksamkeit den zwei Frauen neben der Küche zu, die versuchen, mich anzulächeln. Daniel führt mich zu seinen Mitbewohnerinnen, und ich meine, ein wenig Nervosität seinerseits zu spüren. Addison erkenne ich sofort. Sie hat noch immer einen fülligen Körper, jedoch das schönste Gesicht, das ich jemals gesehen habe. In der Schule waren wir befreundet, mit Daniel ein unzertrennliches Trio. Beste Freunde, die jeden Tag miteinander verbracht haben. Doch dann kam die Highschool, ich verliebte mich zum ersten Mal in Jonah, meinen Highschool-Freund und hatte einen neuen Freundeskreis. Dan entwickelte sich in eine andere Richtung, weit weg von meiner und verbrachte weniger Zeit mit mir und Addy, wollte plötzlich nichts mehr mit mir zu tun haben.

Heute begegnet Daniels Schwester mir mit einem Lächeln, das ihre Augen allerdings nicht erreicht. Sie ist aufmerksam, aber skeptisch mir gegenüber, was ich verstehen kann. Immerhin haben wir uns über zehn Jahre nicht gesehen und ich kann nicht erwarten, dass sie mich mit offenen Armen empfängt. Sie scheint überrascht zu sein, dass ich mich noch an sie erinnere, was mich etwas verwundert. Eine Frau wie sie, voll Leben und einer gehörigen Portion Selbstvertrauen, vergisst man nicht so leicht. Ich versuche Small Talk zu machen und zu lächeln, aber es muss gequält aussehen. Addy stellt mir ihre beste Freundin Grace vor. Sie ist klein und zierlich, mit sehr langen hellblonden Locken und heller Alabasterhaut. Sie sieht aus wie ein Engel, anders kann ich es nicht beschreiben. Ihre kristallklaren blauen Augen erinnern mich an das Meer, sind derart intensiv, dass ich das Gefühl habe, dass sie direkt in mich hineinsehen kann.

Mit ihrer zarten Stimme begrüßt sie mich und heißt mich willkommen. Für weitere Gespräche bin ich zu erschöpft, was Grace zu bemerken scheint und sich auf die Couch setzt. Ich atme erleichtert aus, denn auch Addison folgt ihrer Freundin. Daniel tritt an meine Seite.

»Bereit für eine kleine Tour, ehe du dich entscheidest?«, fragt er und lächelt mich aufmunternd an. Am liebsten würde ich das Ganze überspringen und einfach Ja sagen, da mir wirklich nichts anderes übrig bleibt, aber ich zwinge mich weiterzumachen, es wäre unvernünftig, zuzusagen, ohne alles gesehen zu haben.

Nun sehe ich mich richtig um. Das Wohnzimmer ist ziemlich groß, ich würde auf fünfzig Quadratmeter tippen, was die gesamte Wohnfläche beinhaltet, die Robb und ich uns geteilt haben. Das Zentrum des Zimmers ist der Teil, an dem der schwarze Flachbildfernseher angebracht ist.

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