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Rebecca Solnit

Unziemliches Verhalten

Wie ich Feministin wurde

Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum

Hoffmann und Campe

Spiegelhaus

1

Vor vielen Jahren stand ich einmal vor einem hohen Spiegel, betrachtete mich und sah, wie mein Spiegelbild dunkler und weicher wurde und sich dann zurückzuziehen schien, als verschwände ich aus der Welt, wo ich doch vielmehr die Welt aus meiner Wahrnehmung aussperrte. Ich hielt mich an dem Türrahmen auf der anderen Seite des Flurs fest, dann gaben meine Beine unter mir nach. Mein Spiegelbild entschwand in die Dunkelheit, als wäre ich nur ein Geist und entzöge mich sogar meinem eigenen Blick.

Damals wurde ich ab und zu ohnmächtig und hatte häufig Schwindelanfälle, aber diese Episode prägte sich mir eben deshalb besonders ein, weil es schien, als verschwände nicht die Welt aus meinem Bewusstsein, sondern ich aus der Welt. Ich war sowohl die Person, die verschwand, als auch die entkörperlichte Person, die sie aus der Ferne betrachtete, und zugleich war ich keine von beiden. Ich versuchte damals, sowohl unbemerkt zu bleiben als auch wahrgenommen zu werden, wollte sowohl Sicherheit als auch Sichtbarkeit, und diese Bestrebungen kamen einander oft in die Quere. Ich beobachtete mich, versuchte, dem Spiegel zu entnehmen, was ich sein könnte und ob ich gut genug war und ob all das, was man mir über mich gesagt hatte, stimmte.

Eine junge Frau zu sein bedeutet, zahllosen Spielarten der drohenden Vernichtung entgegenzutreten oder vor dieser beziehungsweise dem Wissen darum zu fliehen oder das alles auf einmal. »Der Tod einer schönen Frau ist fraglos das poetischste Motiv, das es gibt«, schrieb Edgar Allen Poe, der sich das kaum aus der Perspektive der Frauen vorgestellt haben kann, die lieber am Leben bleiben wollten. Ich versuchte, nicht zum Gegenstand von irgendjemandes Dichtung zu werden und nicht ums Leben zu kommen; ich versuchte, meine eigene Poetik zu finden, ohne mich dabei auf Landkarten, Reiseführer oder sonstige Orientierungshilfen stützen zu können. Vielleicht gab es die irgendwo da draußen sogar, aber ich hatte sie noch nicht entdeckt.

Die mühsame Suche nach einer Dichtung, in der das eigene Überleben statt der Unterwerfung gefeiert wird, vielleicht auch nach einer eigenen Stimme, um ebendies zu fordern, zumindest aber nach einer Möglichkeit, innerhalb eines Wertesystems zu überleben, in dem man sich an der Auslöschung und dem Versagen von Frauen weidet, ist eine Arbeit, die viele junge Frauen, vielleicht fast alle, leisten müssen. Ich selbst tat das in jenen frühen Jahren nicht besonders gut oder klar erkennbar, dafür aber wild entschlossen.

Mir war oft nicht bewusst, wogegen oder warum ich mich wehrte, und so war mein Widerstand vage, sporadisch, planlos. Jene Jahre, in denen ich darum kämpfte, nicht unterzugehen, wenn auch allzu oft wie jemand, die in einem Sumpf versinkt und dann heftig mit den Armen rudert, um sich zu retten, kommen mir heute in den Sinn, wenn ich sehe, wie um mich herum junge Frauen die gleichen Kämpfe austragen. Es ging nicht nur ums physische Überleben, wobei das oft schwierig genug war, sondern auch darum, als Person mit gewissen Rechten zu überleben, einschließlich des Rechts auf Teilhabe, Würde und eine eigene Stimme. Nicht nur zu überleben also, sondern zu leben.

Die Regisseurin, Autorin und Schauspielerin Brit Marlin sagte kürzlich: »Dass du auf diesem Stuhl in diesem Zimmer sitzen bleibst und dich von einem mächtigen Mann belästigen oder missbrauchen lässt, liegt nicht zuletzt daran, dass uns Frauen kaum je ein anderes Ende gezeigt wurde. In den Romanen, die wir gelesen, den Filmen, die wir gesehen, den Geschichten, die uns von Kindesbeinen an erzählt wurden, nehmen Frauen sehr oft ein schreckliches Ende.«

Der Spiegel, in dem ich mich selbst verschwinden sah, hing in der Wohnung, in der ich ein Vierteljahrhundert lang gewohnt habe, von den letzten Monaten meines zwanzigsten Lebensjahrs an. Die ersten paar Jahre dort waren die Zeit meiner heftigsten Kämpfe, von denen ich manche gewann, andere Narben hinterlassen haben, die mich bis heute begleiten, und viele mich in einer Weise geprägt haben, dass ich nicht sagen könnte, ich wünschte, es wäre alles anders gelaufen, denn dann wäre ich eine ganz andere geworden, und diese andere gibt es nicht. Mich hingegen gibt es. Doch ich kann mir wünschen, dass den jungen Frauen, die nach mir kommen, einige der alten Hindernisse erspart bleiben, und nicht zuletzt dazu will ich mit meinen Texten beitragen, indem ich die Hindernisse zumindest benenne.

2

Eine andere Spiegelgeschichte: Als ich ungefähr elf war, gab es einen Schuhladen, in dem mir meine Mutter die Engineerstiefel kaufte, die ich damals unbedingt haben wollte, denn ich versuchte, nicht dieses verabscheute Wesen, ein Mädchen, zu sein, sondern etwas, das mir wie etwas ganz Eigenes erschien, robust, einsatzbereit; in Erinnerung geblieben ist mir der Laden jedoch aus einem anderen Grund. Wenn man vor die Spiegel trat, die auf beiden Seiten des Mittelgangs angebracht waren, sah man ein Spiegelbild des Spiegelbilds des Spiegelbilds des Spiegelbilds von sich selbst oder den Schemeln oder was auch immer, jedes weitere Abbild blasser, verschwommener und ferner als das vorige, eine Reihung, die sich endlos fortzusetzen schien, als läge in diesen Spiegeln ein Ozean, in dessen meergrüne Tiefen der Blick immer weiter vordrang. Damals hielt ich nicht nach meinem Selbst Ausschau, sondern nach dem, was jenseits davon lag.

Jenseits jeden Anfangs liegt ein weiterer Anfang und noch einer und noch einer, aber meine erste Fahrt mit dem Bus der Linie fünf Fulton könnte ein Startpunkt sein, jene Buslinie, die die Stadt in zwei Teile teilt, von Downtown an der San Francisco Bay über die Fulton Street bis zum Pazifik ganz im Westen. Das Hauptgeschehen dieser Geschichte spielt sich in der Mitte dieser Strecke ab, in der Mitte der Stadt, aber bleiben wir einen Moment lang in diesem Bus sitzen, der sich den Hügel hinaufquält, an der Jesuitenkirche vorbei, deren Türme im Morgenlicht leuchten, den südlich der Straße gelegenen großen Park entlang, wo die Avenues immer weniger dicht bebaut sind, auf Erde, die eigentlich nur Sand ist, bis hin zu dem langen Sandstreifen am Pazifik, dem Ozean, der ein Drittel unseres Planeten bedeckt.

Manchmal sieht das Meer aus wie ein Spiegel aus Silber, aus Silber mit Hammerschlag, nicht glatt genug für wirkliche Spiegelungen – es ist die Bay, die den gespiegelten Himmel auf der Wasseroberfläche trägt. An den schönsten Tagen gibt es für die Farben der San Francisco Bay und des Himmels darüber keine passenden Worte. Manchmal spiegelt sich im Wasser ein Himmel, der sowohl grau als auch golden ist, und das Wasser ist blau, ist grün, ist silbern, ist ein Abbild von diesem Grau und Gold, fängt die Wärme und Kälte der Farben in seinen kleinen Wellen ein, ist sie alle und zugleich keine davon, ist etwas Subtileres als die Sprache, die wir dafür haben. Manchmal taucht ein Vogel in diesen Spiegel aus Wasser ein, verschwindet in seinem eigenen Abbild, und die spiegelnde Oberfläche macht es unmöglich zu erkennen, was darunterliegt.

Manchmal wenn ein Tag geboren wird oder erlischt, ist der opalene Himmel von einer Farbe, für die wir keine Worte haben, einem Gold, das ins Blau verblasst ohne das vermittelnde Grün, das auf halbem Weg zwischen diesen Farben liegt, den feurig-warmen Farben, die nicht Apricot oder Purpur oder Gold sind, das Licht wandelt sich von einer Sekunde zur nächsten, sodass der Himmel, von der Sonne bis zur gegenüberliegenden Seite hin betrachtet, wo andere Farben in Bewegung sind, mehr Schattierungen von Blau aufweist, als man zählen kann. Wenn man nur einen Augenblick lang wegschaut, verpasst man einen Farbton, für den es niemals einen Namen geben wird und der sich wiederum zu einem anderen und einem wieder anderen wandelt. Die Bezeichnungen für Farben sind manchmal Käfige, die etwas umschließen, was dort nicht hingehört, und das gilt oft auch für die Sprache im Allgemeinen, für Wörter wie Frau, Mann, Kind, Erwachsener, sicher, stark, frei, wahr, schwarz, weiß, reich, arm. Wir brauchen die Wörter, doch wir sollten sie am besten in dem Bewusstsein verwenden, dass sie Behältnisse sind, die bei jeder Gelegenheit überfließen oder auseinanderbrechen können. Es liegt immer etwas jenseits von ihnen.

3

Manchmal wird ein Geschenk gemacht, und weder Schenker*in noch Beschenkte*r erkennen seine wahre Tragweite, es entpuppt sich letztlich als etwas anderes als das, was es zunächst zu sein scheint. Wie vor jedem Anfang ein anderer Anfang liegt, so liegt auch hinter jedem Ende ein weiteres Ende, eines überlagert das andere, und die Auswirkungen breiten sich in kleinen Wellen aus. Eines Wintersonntags, als ich noch jung, unwissend, mittellos und fast ohne Freund*innen war, machte ich mich auf den Weg zu einer Wohnungsbesichtigung. Ich hatte das Angebot unter den Suchanzeigen in der Zeitung gefunden, ein paar winzige Zeilen der Information in diesem dichten grauen Raster, in dem hauptsächlich Wohnungen beschrieben wurden, die ich mir nicht leisten konnte. Man hatte mich ausgelacht, als ich verkündete, dass ich eine Wohnung für zweihundert Dollar im Monat suchte, was selbst damals extrem wenig war, aber mehr konnte ich als junge Studentin – im dritten Jahr meiner finanziellen Unabhängigkeit – nicht aufbringen.

Als ich auf Wohnungssuche ging, wohnte ich in einem winzigen Zimmer mit Fenster zum Lichtschacht, das insofern luxuriös war, als es über ein eigenes Badezimmer verfügte – in einer Pension für Dauergäste, deren übrige Zimmer nur Etagenbäder hatten. Für das gesamte Gebäude gab es eine einzige, schlecht beleuchtete Gemeinschaftsküche, wo einem das Essen entweder aus dem Kühlschrank gestohlen wurde oder die Kakerlaken sich darüber hermachten oder beides. Die anderen Bewohner waren Leute, die ihr Leben irgendwie nicht aufs richtige Gleis gebracht hatten. Ich war neunzehn und hatte mein Leben noch auf gar kein Gleis gebracht, hatte gerade erst damit begonnen mich zu fragen, wer ich werden wollte und wie das zu bewerkstelligen wäre, die übliche Herausforderung in diesem Alter. (Ich hatte mit fünfzehn die Highschool abgeschlossen, war mit sechzehn ans Community College gegangen und dann nach einem Jahr an die Uni gewechselt; mit neunzehn war ich im letzten Studienjahr an der San Francisco State University, dem Arbeiter-College im windigen Südwesten der Stadt.)

Ich stieg an der City Hall in den 5-Fulton-Bus ein und fuhr an den Blocks mit Sozialwohnungen vorbei, an einer Kirche in der Fillmore Street, wo eine Gruppe ernst dreinblickender Schwarzer in Anzügen sich zu einer Beerdigung versammelt hatte, an reichverzierten alten Holzhäusern und kleinen Spirituosenläden, dann ging es den Hügel hinauf zur Lyon Street, wo ich ausstieg, während der Bus Richtung Pazifik weiterrumpelte. Ich fand das Haus, ein Gebäude mit zurückgesetzter Eingangstür, die wie viele andere in der Gegend durch ein schmiedeeisernes Tor zusätzlich gesichert wurde. Die Fußmatte im Innern war mit einer rostigen Kette am Briefkastenschlitz angeschlossen. Ich klingelte beim Hausmeister und stapfte, nachdem er mich eingelassen hatte, in den ersten Stock hoch, wo er mich vor seiner eigenen Wohnungstür erwartete und gleich in den zweiten Stock weiterschickte, damit ich mir die Einzimmerwohnung über seiner ansah.

Ihre Schönheit erstaunte mich. Eine Eckwohnung, deren Hauptzimmer zwei Erkerfenster hatte, eins nach Süden und eins nach Westen, durch die das Licht hereinflutete. Goldene Eichenholzböden, hohe Decken mit abgerundeten Ecken, weiße Kassettenwände. Verglaste Türen mit Kristallknauf. In der separaten Küche ein weiteres Ostfenster, durch das die Morgensonne hereinleuchten würde, sobald sie über das große Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestiegen war. Die Wohnung war strahlend hell, schien nicht von dieser Welt, einem Märchen entnommen, riesengroß und exquisit im Vergleich zu den spartanischen Einzelzimmern, in denen ich, seit ich mit siebzehn von zu Hause ausgezogen war, größtenteils gewohnt hatte. Ich spazierte eine Weile darin herum, dann ging ich wieder hinunter und sagte dem Hausmeister, dass ich die Wohnung haben wollte. Er sagte freundlich: »Wenn Sie sie haben wollen, dann sollten Sie sie auch kriegen.« Ich wollte sie unbedingt, sie war schöner als alles, was ich mir erträumt hatte, allein in ihr zu stehen kam mir schon vor wie ein Traum.

Er war ein stattlicher Schwarzer, um die sechzig, hochgewachsen, stämmig, unverkennbar früher einmal sehr gutaussehend und auch jetzt noch eine beeindruckende Gestalt mit einer tiefen, polternden Stimme, und wenn er an diesem Tag so gekleidet war wie fast immer, dann trug er wohl eine Latzhose. Er bat mich in sein Wohnzimmer. An diesem Super Bowl Sunday, an dem eine örtliche Football-Mannschaft im Finale spielte und aus den Häusern ringsum bei jedem Punktgewinn tosender Jubel aufstieg, sah er im Fernsehen schwarzen Männern beim Blues-Spielen zu; das große Gerät stand auf einem eigenen Tischchen neben dem sechseckigen, mit grünem Filz bezogenen Pokertisch, und das Nachmittagslicht wurde durch die breiten Lamellen der altmodischen Jalousien an seinen Erkerfenstern gefiltert. Als er mir den Bewerbungsbogen reichte, wurde mir schwer ums Herz. Ich sagte ihm, die Miethai-Immobilienverwaltung, deren Name oben auf dem Formular stand, habe mich schon abgelehnt. Einer der Angestellten hatte meine Bewerbung vor meinen Augen verächtlich in den Papierkorb neben seinem Schreibtisch fallen lassen – ich verdiente nicht genug Geld für ihre Mindestanforderungen.

Der Hausmeister sagte, wenn ich eine seriöse ältere Frau dazu bewegen könnte, den Mietvertrag für mich zu unterzeichnen, würde er dieses Täuschungsmanöver decken. Ich nahm sein Angebot an und fragte meine Mutter, die es schon öfter abgelehnt hatte, irgendein Risiko für mich einzugehen. Diesmal jedoch ließ sie sich darauf ein und unterschrieb das Formular. Der Immobilienverwaltung kam es nicht komisch vor, dass eine weiße Hausbesitzerin, die auf der anderen Seite der Golden Gate Bridge wohnte, diese Wohnung haben wollte – ich glaube, sie schrieb, sie wolle näher bei ihrer Arbeit sein, denn sie machte bei einer Künstleragentur die Buchhaltung. Wahrscheinlich bekam sie den Zuschlag ganz automatisch, weil sie für diese kleine Wohnung in einem schwarzen Viertel die finanzkräftigste Bewerberin war.

Acht Jahre lang bezahlte ich meine Miete jeden Monat, indem ich das Geld bar anwies und das Formular mit dem Namen meiner Mutter unterschrieb. Im Mietvertrag stand, dass Unterzeichner*in und Mieter*in identisch sein mussten, sodass ich in meiner Wohnung, die offiziell gar nicht meine war, offiziell nicht existierte. Obwohl ich dann letztlich so viele Jahre dort lebte, hatte ich lange das Gefühl, ich könnte jederzeit rausgeschmissen werden und müsste mich deshalb möglichst unsichtbar machen, was meine in der Kindheit entwickelte Neigung zur Verstohlenheit, mein Bestreben, unbemerkt zu bleiben, noch verstärkte. Irgendwann fand die Hausverwaltung heraus, dass Unterzeichnerin und Mieterin nicht identisch waren, und fragte beim Hausmeister nach, was das zu bedeuten habe. Er verbürgte sich dafür, dass ich eine ruhige, verantwortungsvolle Mieterin sei, und es geschah nichts weiter, trotzdem hatte ich nach wie vor ein unsicheres Gefühl.

James V. Young hieß der Hausmeister. Ich nannte ihn immer Mr. Young. Irgendwann erwähnte er mal, dass ich seit siebzehn Jahren die erste weiße Person sei, die in diesem Haus wohne. Die anderen Bewohner waren größtenteils ältere Ehepaare, doch es gab auch eine alleinerziehende Mutter mit ihrer freundlichen Tochter, die in einer der anderen Einzimmerwohnungen in diesem Gebäude wohnte; insgesamt verteilten sich auf die zwei Stockwerke über einem aus Garagen bestehenden Erdgeschoss sieben vom Treppenhaus aus zugängliche Wohnungen. Dass ich in ein schwarzes Viertel gezogen war, hatte ich noch nicht so recht begriffen; es würde mich in den folgenden Jahren vieles lehren, und ich blieb so lange dort wohnen, dass ich, als ich schließlich auszog, eine von der weißen Mittelschicht bewohnte Gegend verließ, in der die Gebäude bis auf einen frischen Anstrich größtenteils unverändert waren, alles andere sich jedoch gewandelt hatte und etwas Wesentliches, sehr Lebendiges verlorengegangen war.

Auch ich hatte mich verändert; die Person, die im einundzwanzigsten Jahrhundert dort auszog, war nicht mehr die Person, die all die Jahre zuvor eingezogen war. Natürlich gibt es eine gewisse Kontinuität. Aus dem Kind ist die Frau hervorgegangen, aber seither ist so viel geschehen, hat sich so viel verändert, dass ich an diese spindeldürre, angestrengt bemühte junge Frau denke wie an eine, die ich einmal sehr gut kannte, für die ich gern mehr getan hätte, mit der ich mitfühle, so wie ich mit den Frauen ihres Alters, denen ich heute begegne, oft mitfühle; diese Person damals war nicht ganz ich, war in entscheidenden Bereichen sogar völlig anders, und doch war ich sie: eine linkische Außenseiterin, eine Tagträumerin, eine ruhelose Wanderin.

4

Das Wort Erwachsene impliziert, dass alle Menschen, die die Volljährigkeit erlangt haben, eine einheitliche Kategorie bilden, doch wir sind Reisende, die sich wandeln, und unser Weg führt uns durch eine sich wandelnde Landschaft. Dieser Weg ist holprig und gewunden. In mancher Hinsicht klingt die Kindheit nach und nach aus, in anderer endet sie nie; das Erwachsensein kommt, wenn überhaupt, in kleinen, unregelmäßigen Schüben, und jede von uns folgt ihrem eigenen Zeitplan, oder vielmehr gibt es keinen Zeitplan für die vielen Übergänge. Wenn man von zu Hause fortgeht – sofern man ein Zuhause hat –, sich auf eigene Füße stellt, tut man das als jemand, die den größten Teil ihres Lebens ein Kind war, wobei nicht einmal eindeutig definiert ist, was es heißt, ein Kind zu sein.Manche Menschen haben andere, die sich um sie kümmern, sie finanziell unterstützen und unter Umständen ihr Leben lang in ihrer Freiheit einschränken, manche nabeln sich allmählich ab, manche werden jäh in die Welt gestoßen und müssen sich allein durchschlagen, manche haben das von Anfang an getan. In jedem Fall aber ist man neu zugewandert im Land der Erwachsenen, wo seltsame Sitten und Gebräuche herrschen: Man lernt, die verschiedenen Stränge des eigenen Lebens zusammenzuhalten, versucht herauszufinden, wie dieses Leben aussehen, wer Teil davon sein und was man mit der neugewonnenen Selbstbestimmung anfangen wird.

Als junger Mensch geht man eine lange Straße entlang, die sich wieder und wieder verzweigt, steht dauernd vor Entscheidungen, die tiefgreifende und unvorhersehbare Folgen haben werden, und nur selten ergibt sich die Gelegenheit, umzukehren und doch die andere Abzweigung zu nehmen. Man erschafft etwas, ein Leben, ein Selbst, und das ist ein ungemein kreatives Unterfangen, an dem man gleichwohl scheitern kann – teilweise, ganz und gar, jämmerlich, hoffnungslos. Jung zu sein ist eine hochriskante Angelegenheit. Ungefähr zu der Zeit, als ich in Mr. Youngs Gebäude einzog, sprachen mich in einem Einkaufszentrum in der Nähe der City Hall Mitglieder einer Sekte an. In den frühen Achtzigern waren die Sekten, die in den Siebzigern solchen Schaden angerichtet hatten, noch nicht wieder von der Bildfläche verschwunden. Sie schienen eine Folge davon zu sein, dass zu striktem Gehorsam erzogene Menschen in die anarchische Freiheit jener Epoche gestoßen worden waren. Als scheinbar radikale Option, um zum Konservatismus blinden Gehorsams und strenger Hierarchien zurückzukehren, bildeten diese Sekten einen Abgrund zwischen zwei Seinsarten, in den viele Menschen stürzten.

Manche Vögel kehren in ihren Käfig zurück, wenn die Tür offen steht, und manche Menschen entscheiden sich, ihre Selbstbestimmung aufzugeben. Für den Hauch eines Moments spürte ich in diesem Einkaufszentrum sehr deutlich, geradezu körperlich, was mir angeboten wurde und warum das auf Leute meines Alters verlockend wirken konnte: die Möglichkeit, die mit dem Erwachsendasein einhergehende Last der Verantwortung wieder abzugeben, nicht jeden Tag Entscheidungen treffen oder sich mit den Folgen dieser Entscheidungen auseinandersetzen zu müssen, die Möglichkeit, zu einer Art Kindheit zurückkehren zu können und einen Anschein von Gewissheit zu erlangen, der nicht hart erkämpft war, sondern gleichsam ausgehändigt wurde. Ich spürte die Befreiung vom Handelnmüssen, die in dieser Aufgabe der Freiheit lag, aber ich liebte meine Unabhängigkeit, meine Privatsphäre, meine Handlungsfähigkeit und in mancher Hinsicht sogar meine tiefe Einsamkeit, und es bestand nicht die geringste Chance, dass ich das alles aufgeben würde.

Ich habe Menschen kennengelernt, die aus glücklichen Familien kamen und als Erwachsene offenbar kaum an sich arbeiten mussten, sie machten einfach so weiter, wie sie es gelernt hatten, sie waren die Äpfel, die nicht weit vom Stamm fielen, beschritten einen Weg, der sich nicht verzweigte, oder bewegten sich überhaupt nicht vom Fleck, weil sie schon angekommen, bevor sie überhaupt aufgebrochen waren. Als ich noch jung war, beneidete ich sie um ihre bequemen Gewissheiten. Doch als ich älter wurde, änderte ich meine Meinung über ein solches Leben, in dem Suche und Selbsterschaffung kaum eine Rolle spielen, von Grund auf. Es lag echte Freiheit darin, auf mich selbst gestellt zu sein, und ein gewisser Frieden in der Tatsache, dass ich niemandem außer mir selbst Rechenschaft schuldete.

Heute begegne ich jungen Menschen, die sich auf eine, wie mir scheint, erstaunlich weit entwickelte Weise über ihre Bedürfnisse und das eigene Ich im klaren sind, über ihre eigenen Emotionen und die Gefühle anderer. Ich wanderte damals als Fremde durch die Landschaft meines Innern, ein wayfaring stranger, und meine Versuche, mich zu orientieren und eine Sprache zu finden, mit der ich beschreiben konnte, was in mir vorging, waren unbeholfen, langwierig und schmerzhaft. Wenn ich bei alldem Glück hatte, so bestand es darin, dass ich mich weiterentwickelte, dass ich mich allmählich, unmerklich veränderte, manchmal beabsichtigt, manchmal durch Impulse oder kleine Schritte, die ich selbst nicht bemerkte. Dass ich ein Apfel war, der immer weiterrollte. In dieser kleinen Wohnung fand ich ein Zuhause, in dem ich meine Metamorphose vollziehen konnte, einen Ort, an dem ich aufgehoben war, während ich mich veränderte und mir einen Platz in der Welt erkämpfte. Ich erwarb Fähigkeiten und Wissen, gewann schließlich auch einen Freundeskreis und fühlte mich zugehörig. Oder vielmehr entdeckte ich, dass die Ränder die fruchtbarsten Orte sein konnten und gute Ausgangspunkte, um sich in die angrenzenden Bereiche hinein- und wieder hinauszubegeben.

Die Schwierigkeiten liegen ja nicht nur in der Adoleszenz als solcher, vielmehr ist auch das Erwachsenendasein, eine Kategorie, der wir alle zuordnen, die keine Kinder mehr sind, ein sich ständig wandelnder Zustand; es ist gerade so, als würden wir nicht bemerken, dass die langen Schatten bei Sonnenuntergang und der Tau am Morgen anders sind als das direkte, klare Licht am Mittag, und einfach alles Tag nennen. Wenn man Glück hat, verändert man sich, stärkt mit der Zeit die eigene Identität und Entschlusskraft; bestenfalls gewinnt man an Orientierung und Klarheit, und an die Stelle der Naivität und Dringlichkeit der Jugend, die langsam schwinden, treten Ruhe und etwas, das womöglich Reife ist. Heute, im fortgeschrittenen Alter, kommen mir selbst Leute in ihren Zwanzigern wie Kinder vor, nicht im Sinne von Unwissenheit, sondern von Neuheit: Man sieht oder erlebt vieles zum ersten Mal, hat das ganze Leben noch vor sich und ist vor allem mit der heroischen Aufgabe des Werdens beschäftigt.

Manchmal beneide ich Menschen, die noch am Anfang ihres langen Lebenswegs stehen, die noch so viele Entscheidungen vor sich haben, so viele Abzweigungen. Wenn ich mir ihren Weg vorstelle, sehe ich immer eine richtige Straße vor mir, die sich wieder und wieder gabelt, spüre sie, schattig, von Wald gesäumt, erfüllt von der Ängstlichkeit und Aufregung des Entscheidens, der ersten Schritte in die neue Richtung, ohne zu wissen, wo man landen wird.

Ich verspüre keine Reue wegen der Abzweigungen, die ich genommen habe, wohl aber eine gewisse wehmütige Sehnsucht nach jener Zeit, als der größte Teil des Wegs noch vor mir lag, jener Phase, in der man so vieles werden kann, was ja das große Versprechen der Jugend ist, denn heute liegt Entscheidung um Entscheidung hinter mir, habe ich einen bestimmten Weg zurückgelegt und viele andere Wege nicht genommen. Möglichkeit bedeutet, dass man vieles werden könnte, was man noch nicht ist, und das berauscht, sofern es keine Angst macht. Die meisten der Weggabelungen, an denen ich mich entscheiden musste, tauchten während meiner Zeit in jenem lichtdurchfluteten Zuhause vor mir auf, das Mr. Young für mich möglich gemacht hatte.

Nebelhorn und Gospel

1

Die New Strangers Home Baptist Church lag zwei Blocks östlich von meiner Wohnung in einem dreistöckigen viktorianischen Gebäude mit zwei an Getreidesilos erinnernden, von Kreuzen gekrönten Türmchen an den Seiten und – eine Besonderheit in diesem Viertel von direkt an den Gehweg grenzenden Häusern – einem kleinen Rasenstück vor dem Haus, auf dem inmitten einiger kümmerlicher Rosen ein Holzschild mit dem Namen der Kirche stand. Jahr um Jahr ging ich daran vorbei und überlegte, was diese new strangers, diese neuen Fremden, wohl sein mochten. Die Solid Rock Baptist Church ein Stück weiter oben, wo die Lyon Street steil anstieg, war eines von mehreren Gotteshäusern, vor denen ich manchmal stehen blieb, um dem Gospelgesang drinnen zuzuhören. Ich war eine Außenseiterin, eine neue Fremde in diesem Stadtviertel, das doch selbst eine Gemeinschaft von Außenseitern innerhalb der weißen Gesellschaft war, in der ich mich frei bewegen konnte und zu der ich dazugehörte.

Es war ein kleines Stadtviertel, fünf Blocks breit und sechs Blocks lang, von breiten Boulevards im Osten und Westen, dem grünen Streifen des Golden Gate Park im Süden und einem steilen Hügel im Norden begrenzt, der wie eine Art Mauer wirkte. Mein neues Zuhause lag an der südlichen Ecke eines Blocks, an dessen nördlicher Seite die düstere, niedrige Pfingstkirche stand, die auch mein Wahllokal war. Daneben befand sich ein Spirituosenladen, der von einer aus Afrika stammenden Familie geführt wurde; Jahre später sollte ich zur Beerdigung ihres noch jugendlichen Sohns gehen, der aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen worden war. Die Trauerfeier fand in der Emanuel Church of God in der Hayes Street statt, nur drei Blocks vom Laden der Familie entfernt und noch näher an dem Waschsalon, vor dem der Junge ermordet worden war.

Die Kirche befand sich in einem hübschen Gebäude, das in einer weißeren Zeit eine Mormonenkirche gewesen war, und die Trauerfeier war aufwühlend, voller Musik und mit tief beeindruckenden Reden. Die gepflegte eckige Kirche, verputzt und in Pastellfarben gestrichen, sah aus, als wäre sie aus einem Renaissance-Heiligenbild gefallen. Ihr gegenüber befand sich eine kleine Ladenkirche, in der ich in meinen Anfangsjahren einmal einen Gottesdienst besuchte; das Kruzifix über dem Altar bestand aus Eierkartons, die mit den Ausbeulungen nach außen zusammengefügt worden waren. Es gab noch weitere schwarze Kirchen im diesem kleinen Viertel. Man war nie sehr weit von der Frömmigkeit entfernt.

Eine schöne, in reinem Weiß gestrichene Villa beherbergte das Brahma Kumaris Meditation Center, und als einige Jahre später Aids zur weltweiten Geißel wurde, eröffneten Mutter Teresas Missionarinnen der Nächstenliebe ein Aids-Hospiz in einem großen viktorianischen Holzhaus gegenüber von meiner Wohnung; die Nonnen in ihren dünnen weißen Baumwollsaris mit den blauen Streifen wurden ein vertrauter Anblick in der Nachbarschaft. Ein paarmal erschien Mutter Teresa auch persönlich, und die Nonnen zeigten mir einmal ein Foto von ihr, auf dem sie vor unserem in arabischem Besitz befindlichen und von Schwarzen geführten Spirituosenladen stand. In östlicher Richtung gab es ein islamisches Zentrum, in westlicher eine jesuitische Universität, am nördlichen Rand katholische und Episkopalkirchen und auf der Divisadero Street im Südosten, knapp außerhalb des Viertels, die St. John Coltrane African Orthodox Church mit ihren Jazzmessen, der Armentafel und den großen russisch-orthodox anmutenden Gemälden von schwarzen Erzengeln.

Womit ich sagen will, dass ich in einem kleinen Viertel von großer und vielfältiger Spiritualität wohnte, in dem hingebungsvoll der Himmel und verschiedene Versionen von Gott angerufen wurden. In meinen ersten Jahren dort gingen die Leute zu Fuß zu ihren kleinen Kirchen, prächtig herausgeputzt, die Männer und Jungen trugen Anzüge in den verschiedensten Farben, die Frauen und Mädchen Kleider, die älteren Frauen dazu oft Kopfbedeckungen aus Satin, Tüll oder Samt, der gefaltet, gerafft, gerüscht, beschleiert, mit Stoffblumen, Federn oder Schmucksteinen verziert war. Das Viertel war auf eine Weise lebendig, die die Vororte, in denen ich aufgewachsen war, tot und entleert erscheinen ließ, jene Wohngebiete, deren räumliche und gedankliche Konzeption den Rückzug aus dem öffentlichen Raum und ein Minimum an zwischenmenschlichem Kontakt vorsah; in denen die Erwachsenen nur im Auto unterwegs waren, die Leute für sich blieben und die Zäune unsere Köpfe überragten.

Manchmal sah ich aus meinen Erkerfenstern auf die Kirchgänger*innen hinunter, die in verschiedene Richtungen schlenderten, manchmal schlenderte ich auch selbst durch das Gewühl von Menschen, die einander vor oder nach dem Gottesdienst begrüßten. Die Nachbarschaft war von quirligem Leben erfüllt in jenen Tagen, als die Gläubigen zu Fuß zu ihren jeweiligen Gebetshäusern und danach wieder nach Hause gingen, durch Gruppen anderer Gläubiger hindurch, die in andere Richtungen unterwegs waren. Den Kirchen gehörten ihre Gebäude, deshalb blieben sie, wo sie waren, ihre Gemeindemitglieder hingegen wohnten meist zur Miete, und im Laufe der Zeit zogen immer mehr von ihnen weg, sodass es auf den Straßen nicht mehr so lebendig zuging. Statt der festlichen Betriebsamkeit auf den Gehwegen waren diese nun von zweireihig geparkten Autos gesäumt. Und dann verschwanden allmählich auch die Gotteshäuser, aber das war lange nach der Zeit, als ich das Viertel und seine Bewohner kennenlernte.

Die älteren Leute dort waren während der großen Wanderungsbewegung von Schwarzen aus den Südstaaten hierhergekommen, und ihre Lebensweise in diesem Viertel war mindestens genauso sehr von den Südstaaten und einem kleinstädtischen oder ländlichen Leben geprägt wie von der Vitalität der Großstadt. Wenn ich ihre Geschichten hörte, spürte ich schemenhaft die Gegenwart jener anderen Orte, die in ihren Erinnerungen, ihren Lebenswegen, ihren Verhaltensmustern lebendig blieben. Die schwarze Bevölkerung von San Francisco hatte sich in den vierziger Jahren fast verzehnfacht, und die Neuankömmlinge hatten sich an zwei Orten konzentriert, zum einen in dieser Gegend nicht weit vom geographischen Mittelpunkt der Stadt, zum anderen in Hunter’s Point im äußersten Südosten, wo die Werften Arbeit boten.

Diese älteren Leute hatten es nicht eilig, darin blieben sie Landmenschen. Sie schauten, wer des Weges kam, grüßten, wen sie kannten, riefen auch mal einem Kind etwas zu, das sich danebennahm. Von ihnen lernte ich, dass eine Plauderei, auch mit Unbekannten, ein Geschenk sein kann, sogar eine unterhaltsame Herausforderung, eine Gelegenheit für Herzlichkeit, Neckereien, gute Wünsche, Humor, ich lernte, dass gesprochene Worte ein kleines Feuer sein können, an dem man sich wärmen kann. Als ich viele Jahre später etwas Zeit in New Orleans und an anderen Orten der Südstaaten verbrachte, fühlte ich mich dort auf eine verblüffende Weise zu Hause, und mir wurde klar, dass dieses kleine Stück Westcoast damals ein Außenposten der schwarzen Südstaaten gewesen war.

2

Mr. Young war im ländlichen Oklahoma aufgewachsen, und Mr. Ernest P. Teal, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnte, aber in einer der Garagen bei uns im Haus einen langen, luxuriösen Wagen aus den Siebzigern stehen hatte, stammte aus Texas. Mr. Teal war stets elegant gekleidet, trug Variationen von Sakko mit Filzhut, oft Tweed und andere Stoffe mit Textur. Er war ein stilbewusster Mann, der mir Geschichten über die Blütezeit des Jazz im Fillmore District erzählte, und zugleich war er ein frommer Mensch, der eine ungemeine Güte und Herzlichkeit ausstrahlte, der lebende Beweis, dass Coolness und Wärme kein Widerspruch sein müssen.

Um die Ecke wohnte Mrs. Veobie Moss, in einem Haus, das ihre Schwester mit den Ersparnissen aus ihrer Arbeit als Hausangestellte gekauft und ihr vererbt hatte. Als Mrs. Moss alt und vergesslich wurde, saß sie oft auf ihren hölzernen Türstufen mit Blick nach Süden, und wenn ich stehen blieb, um mit ihr zu plaudern, erzählte sie mir gern von der Obstplantage in Georgia, auf der sie aufgewachsen war, und den wunderschönen Obstbäumen dort. Es war, als säße sie auf ihrer Treppe an zwei Orten und zu zwei Zeiten zugleich, sie beschwor in unseren Unterhaltungen ihre verlorengegangene Welt herauf, bis wir beide im Schatten ihrer geliebten Obstbäume saßen. Manchmal stellte ich mir nachts vor, dass all die alten Leute, die in den Häusern ringsum schliefen, gerade von den Orten ihrer Herkunft träumten und die Phantome jener Felder und Obstgärten, Schotterstraßen und flachen Horizonte in unseren nächtlichen Straßen schimmerten.

Mr. Young hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft, und der Krieg war es auch gewesen, der ihn seinem ländlichen Umfeld entrissen und hierhergebracht hatte. Seiner Militärakte zufolge war er Farmarbeiter und ledig, als er mit zweiundzwanzig Jahren in Choctaw County, Oklahoma, eingezogen wurde. Er war bei der Army geblieben, hatte lang genug gedient, um eine Pension zu beziehen. Er sagte mir, er sei einer jener schwarzen Soldaten gewesen, an denen man Giftgas testete. Er sprach von einer Lagerhalle oder einem Hangar voller Gas, durch das die Männer ohne Gasmasken hindurchrennen mussten. Einige seien dabei umgekommen.

Er fuhr einen großen braunen Pick-up mit Wohnkabine, der in der Garage gleich links neben unserem Hauseingang geparkt war. Oft stand er in der Garagentür, an den Torpfosten oder seinen Pick-up gelehnt, grüßte Passanten, plauderte mit dem einen oder der anderen, wies ein Kind zurecht, das Unfug trieb; im Sommer fuhr er häufig nach Vallejo, um eine Ladung Melonen zu besorgen, die er dann bei uns verkaufte. Manchmal erhaschte ich einen Blick auf eine Pistole, die er seitlich in seiner Latzhose stecken hatte. Er rauchte Pfeife, und der Geruch des süßen Tabaks stieg manchmal durch die Lüftungsschlitze in meine Küche auf, die über seinem Schlafzimmer lag. Wenn ich ihm begegnete, unterhielten wir uns immer ein bisschen oder tauschten zumindest ein paar Nettigkeiten aus, weshalb ich mich, wenn ich es eilig hatte, regelrecht davor fürchtete, ihm im Flur zu begegnen, denn alles unter fünf Minuten Plauderei erschien mir unhöflich.

Er erzählte mir, wie es gewesen war, im Südosten von Oklahoma als Sohn kleiner Farmpächter aufzuwachsen. Die Geschichte, an die ich mich am besten erinnere, handelte davon, wie er und seine Eltern in seiner frühen Jugend einmal vom Feld kamen und zu Hause die Barrow Gang vorfanden – Bonnie und Clyde und ihre Kumpane. Die Bankräuberbande war bei ihnen, weil in einer Gesellschaft, in der Rassentrennung herrschte, kein Mensch auf die Idee gekommen wäre, weiße Banditen bei einer schwarzen Familie zu suchen. Offenbar schlüpfte die Bande noch bei mindestens einer weiteren Farmpächterfamilie in Oklahoma unter, und später hörte ich, dass sich auch Pretty Boy Floyd, ein anderer legendärer Gangster jener Zeit, in der Bankräuber als eine Art Volkshelden galten, bei Schwarzen versteckte. Die Barrow Gang hinterließ eine Zehn-Dollar-Goldmünze bei den Youngs, sie lag auf dem Tisch, oder vielleicht war es die Anrichte. Die Mutter wollte kein gestohlenes Geld annehmen, aber der Vater sagte: »Die Kinder brauchen Schuhe für den Winter.« Die Bande kam zweimal, und einmal saßen sie am Tisch und aßen, als die Familie heimkam.

So viele Jahre nachdem ich diese Geschichte erzählt bekam, sehe ich immer noch das Bild vor mir, das in meinem Kopf entstand, während ich Mr. Young zuhörte, ein Holzhaus irgendwo auf dem Land, ein Tisch, eine Anrichte, vielleicht eine Veranda, ringsum vielleicht Maisfelder. Davor vielleicht eins der gestohlenen schnellen Autos, mit denen die Barrow Gang unterwegs war, Weiße im Lebensbereich einer schwarzen Familie. Und so etwas war auch ich in diesem Mietshaus, in das Mr. Young mich eingeladen hatte, in diesem Viertel, in das viele Schwarze gezogen waren, nachdem man sie – im Namen der Stadterneuerung, des urban renewal, damals spöttisch negro removal, Negerentfernung, genannt – aus dem Fillmore District vertrieben hatte, dieselben Familien, die gekommen waren, um den Südstaaten zu entfliehen, nun ein weiteres Mal verdrängt, an den westlichen Rand eines weitläufigen Gebiets, das sich Western Addition nannte.

Menschen werden auf so vielfältige Art und Weise gezwungen zu verschwinden, werden entwurzelt, ausgelöscht, der Erzählung und des Orts verwiesen. Diese Vorgänge überlagern einander wie geologische Schichten: Das Volk der Ohlone hatte jahrtausendelang auf der San-Francisco-Halbinsel gewohnt, bevor die Spanier einfielen und die ganze Küste in Besitz nahmen, später wurde sie zur dünnbesiedelten Randzone eines unabhängigen Mexiko. Nachdem die Vereinigten Staaten Kalifornien und den Südwesten erobert hatten, wurden die mexikanischen Einwohner ihrer weitläufigen ranchos beraubt und fortan als unterprivilegierte Klasse oder als Eindringlinge oder beides behandelt, auch wenn ihre Namen an vielen Orten überdauert haben, die Namen von Heiligen und Ranchern.

Gleich nördlich und westlich unseres Viertels hatte sich im neunzehnten Jahrhundert ein riesiger Friedhofsbezirk befunden, aus dem in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Toten zu Zehntausenden hatten weichen müssen, damit man das Land profitabler nutzen konnte. Die Skelette wurden in Massengräbern zusammengeworfen, die Grabsteine als Baumaterial oder zur Geländeauffüllung verwendet; in einer kleinen Parkanlage südlich von uns gab es Rinnsteine, die mit Bruchstücken von Grabsteinen eingefasst waren, auf denen die Inschriften zum Teil noch lesbar waren. Einen kurzen Spaziergang Richtung Osten entfernt lag Japantown, dessen japanischstämmige Bewohner*innen im Krieg fast alle in Internierungslager zwangsumgesiedelt worden waren; ihre leerstehenden Wohnungen wurden bald von schwarzen Arbeitern und Familien belegt, die wegen der Arbeitsplätze in den Werften und der Kriegsindustrie zugewandert waren. Dies alles gehörte zur Vergangenheit des Viertels, als ich dort hinzog, doch ich erfuhr erst viel später davon.

Als ich das Gebäude zum ersten Mal betrat und Mr. Young kennenlernte, lag die Amtseinführung von Ronald Reagan fünf Tage zurück. Nachdem das Land ein Maximum an ökonomischer Gleichheit erreicht hatte, war ein Präsident gewählt worden, der diese Entwicklung umkehren, den Fortschritt für die Schwarzen beenden, den Reichtum wieder in den Händen einiger weniger konzentrieren, die Programme, die so vielen den Aufstieg ermöglicht hatten, demontieren und Massenobdachlosigkeit verursachen würde. Nicht lange danach sollte Crack in den Städten Einzug halten, auch in unserem Viertel, unserem Block. Nach meinen eigenen damaligen Erfahrungen mit der Wirkung von Kokain – dem Gefühl von Stärke und der Überzeugung, zu Größerem bestimmt zu sein, die es hervorrufen kann – fragte ich mich, ob es als Gegenmittel gegen die Verzweiflung und das Elend, die durch Reagans Politik ausgelöst wurden, nicht eine ganz besondere Anziehungskraft hatte: die Droge der Wahl, wenn man gegen die Wand stieß, die eigens dazu gebaut worden war, einen draußen zu halten. Es gab noch andere Wände, Gefängnismauern, hinter denen einige Männer aus dem Viertel verschwanden, und Gräber für wieder andere. Die Western Addition war schwarz, aber Immobilienmakler lösten einzelne Bereiche heraus, verpassten ihnen neue Namen und unterminierten die Identität des Wohngebiets; so wurde Schritt für Schritt die schwarze Community aus der immer teurer und elitärer werdenden Stadt vertrieben. (Später sollte ich die Mechanismen von Gentrifizierung begreifen und erkennen, welche Rolle ich dabei wahrscheinlich spielte, indem ich als Hellhäutige dieses Viertel anderen, zahlungskräftigeren Hellhäutigen akzeptabler erscheinen ließ, aber damals hatte ich keine Ahnung, dass und auf welche Weise sich hier etwas verändern würde.)

Die schönen Holzhäuser waren Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erbaut worden, mit all den üppigen Ausschmückungen jener Ära: Erkerfenster, Säulen, gedrechselte Geländer, plastische Ornamente, oft mit botanischen Motiven, Rundschindeln, von Bögen eingefasste Veranden, Türmchen, sogar das eine oder andere Zwiebeldach. Sie waren voller biomorpher Rundungen und exzentrischer Details, die ihnen etwas Organisches gaben, als wären sie nicht gebaut worden, sondern gewachsen. Eine Park-Rangerin aus den Muir Woods sagte mal zu mir, sie sehe in diesen Bauwerken die riesigen Redwood-Wälder, die für ihren Bau abgeholzt worden seien, und so konnte man die hochgewachsenen Wälder entlang der Küste im Viertel schemenhaft erahnen.

Die Materialien und das handwerkliche Können, mit denen diese Gebäude ursprünglich errichtet wurden, waren gleichermaßen exzellent, doch in der Nachkriegszeit kam es zur Stadtflucht der Weißen, die in die Vororte abwanderten, und andere Bevölkerungsgruppen – Nichtweiße, Einwanderer, Arme – zogen in die frei gewordenen Häuser, die von den abwesenden Besitzer*innen nun wie Slums behandelt wurden. Die Ornamente wurden abgeschlagen, die Holzwände verputzt oder mit Plastik verkleidet, manche Häuser wurden in kleinere Wohnungen aufgeteilt, oft mit schlechtem Baumaterial und mangelnder Fachkenntnis, und etliche ließ man herunterkommen und baufällig werden.

Verwahrlosung war das Codewort, das man in den fünfziger und sechziger Jahren gebrauchte, um den Abriss vieler diese Häuser östlich unseres kleinen Viertels zu rechtfertigen, was in der Haut der Stadt offene Wunden hinterließ. Einige davon wurden mit trostlosen Sozialbauten geschlossen, die zum Teil so menschenfeindlich und bedrückend wirkten, dass sie wenige Jahrzehnte später wieder niedergerissen wurden. Andere Grundstücke im Herzen des Fillmore District, einst Schauplatz jenes regen kulturellen Lebens, an das sich Mr. Teal so gern zurückerinnerte, lagen noch bis in die späten achtziger Jahre brach, mit Maschendraht umzäunt. Hier war ein Stadtviertel regelrecht abgetötet worden, und es erwachte nie wieder richtig zum Leben.

Veränderung ist das Maß der Zeit, sagt ein Freund von mir, der Fotograf Mark Klett, und kleine Dinge wandelten sich. Als ich dort hinzog, gab es an der Straßenecke einen Block weiter westlich einen Kodak-Fotoautomaten – damals entstanden Bilder noch auf Film –, und an der Straßenecke mir gegenüber, neben dem Spirituosenladen, stand eine verglaste Telefonzelle. Sie wich einem an die Holzwand geschraubten Münztelefon unter einer Haube, die an eine Dunstabzugshaube erinnerte, und als sich Mobiltelefone ausbreiteten, verschwand auch das.

Das Lebensgefühl dieser vergangenen Zeit lässt sich heute nur schwer vermitteln: Einsam durch die Stadt zu wandern und auf einen Bus oder ein Taxi zu warten oder nach einer Telefonzelle Ausschau ...

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