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Unverschämt & reich - leidenschaftliche Milliardäre 2

Jennifer Lewis, Catherine Mann, Fiona Brand, Sara Orwig

Unverschämt & reich - leidenschaftliche Milliardäre 2

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1. KAPITEL

Ihr Gegner war mehr als attraktiv, das musste Fiona sich eingestehen. Mit schiefergrauen Augen, dunklen Haaren und aristokratischen Gesichtszügen war er jeder Zoll ein schottischer Gutsherr.

Sie schüttelte ihm die Hand. „Freut mich, dass wir uns kennenlernen. Ich bin Fiona Lam.“

„James Drummond.“

Ich weiß. Sie lächelte ihr bezauberndstes Lächeln.

Sein Händedruck war fest, die Haut angenehm kühl. Nur fühlte sich ihre eigene Hand plötzlich so seltsam heiß an, dass sie sie am liebsten zurückgezogen hätte.

Das Partytreiben um sie herum verblasste. Eine international operierende Bank hatte zu dem Cocktailempfang eingeladen, aber in diesem Moment hatte Fiona kein Auge für die anderen teuer gekleideten Gäste. „Ich bin neu in Singapur“, erklärte sie. „Gerade von San Diego hierhergezogen.“

„Wirklich?“ Interessiert zog er die elegant geschwungenen Augenbrauen hoch.

„Ich habe mein Geschäft verkauft und halte nach neuen Möglichkeiten Ausschau. Arbeiten Sie hier?“

„Gelegentlich“, antwortete er, ohne ihre Hand loszulassen. Kein Wunder, dass er als Frauenheld galt. „Ich habe einen Landsitz in Schottland.“

Sie hatte von seinen herrschaftlichen Ländereien gehört, interessierte sich jedoch nicht dafür. Ihre Hand wurde immer heißer, und ein unliebsames Prickeln erfasste ihren Körper.

Sie drückte fest zu, und mit einem verbindlichen Lächeln ließ er die Hand los.

„Schottland soll sehr schön sein.“

„Wenn man neblige Heidelandschaften mag.“ Der Blick aus seinen stahlgrauen Augen verriet nicht die geringste Gefühls­regung. Sicher einer der Gründe, weshalb er im Geschäftsleben als gefürchteter Gegner galt.

„Und Sie mögen sie wohl nicht besonders?“, fragte sie.

„Ich bin dort aufgewachsen und habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Möchten Sie etwas trinken?“

„Champagner, bitte.“

Als er sich umwandte, um einen Kellner herbeizurufen, fühlte sie sich regelrecht erleichtert. James Drummond schien ein Mann zu sein, der intensive Gefühle weckte. Was aber okay war – sie brauchte ihn ja nicht zu mögen.

Aber er musste sie mögen!

Er kam mit zwei Champagnergläsern wieder und reichte ihr eines. Niemand hatte sie vorgewarnt, dass er so irritierend gut aussah. Ihrer Erfahrung nach waren die meisten Risikokapitalanleger Männer über sechzig mit grauen Schläfen. Sie nippte an ihrem Glas, und die feinperlige Flüssigkeit kribbelte eigenartig in ihrem Hals. Alkoholische Getränke waren nicht unbedingt ihre Welt, aber natürlich wollte sie sich den Anschein feiner Lebensart geben. Der Lebensart, die ein Mann wie er gewohnt war.

„Und was führt Sie nach Singapur?“, wollte er wissen.

„Wie gesagt, ich suche nach neuen geschäftlichen Möglichkeiten.“

„Ich bin auch geschäftlich hier. In welcher Branche sind Sie tätig?“

„Die Firma, die ich verkauft habe, stellt Aufkleber her, die gute Laune verbreiten. Smileworks.“ Normalerweise lächelten die Menschen bei diesem Namen. Sie selbst lächelte auch, und der Verkauf der Firma machte sie noch immer ein bisschen traurig. Nicht allerdings das viele Geld, das sie dafür bekommen hatte.

„Ich habe davon gelesen. Glückwunsch! Ein guter Deal.“ Seine Augen funkelten aufmerksam.

„Danke! Es hat Spaß gemacht, die Firma aufzubauen. Aber jetzt ist es Zeit für etwas Neues.“

„Und was schwebt Ihnen da so vor?“, fragte er interessiert und beugte sich näher zu ihr.

Sie zuckte die Schultern. Ärgerlicherweise hatten sich ihre Brustspitzen unter dem schwarzen Cocktailkleid aufgerichtet! Jetzt konnte sie nur hoffen, dass es ihm nicht auffiel. „Weiß noch nicht. Mal sehen, was mich anspricht.“

Im Moment war das ganz eindeutig James Drummond in seinem anthrazitfarbenen Anzug. Ihre Fantasie ging mit ihr durch, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Gerade weil er so reserviert wirkte, erschien ihr der Gedanke, ihm das blütenweiße Hemd vom Leib zu reißen oder die Haare zu zerwühlen, ganz besonders verlockend.

Natürlich war es keine gute Idee, mit dem Gegner ins Bett zu gehen, aber ein kleiner Flirt würde sicher nicht schaden. Sie musste sein Vertrauen gewinnen und herausfinden, wie sie die Fabrik ihres Vaters zurückkaufen – oder, wenn es sein musste, auch stehlen – konnte.

Wieder nippte sie an dem ungewohnten Getränk. Jetzt galt es, voll konzentriert zu bleiben. Ihr Dad brauchte sie; endlich konnte sie ihm beweisen, wie wichtig er ihr war. Schließlich war es nicht ihre Schuld, dass sie neuntausend Meilen voneinander entfernt lebten und sie einen anderen Mann Daddy nannte.

Auf die ersten beiden Jahrzehnte ihres Lebens hatte sie keinen Einfluss nehmen können – auf das, was jetzt kam, schon. Und genau das hatte sie auch vor. Sie würde einiges von dem, was Walter Chen widerfahren war, wiedergutmachen. Und bei dem Unrecht, das auf James Drummonds Konto ging, würde sie anfangen.

Gemeinsam verließen Fiona und James die Cocktailparty. James’ Fahrer brachte sie ins Rain, ein angesagtes Spitzenrestaurant, in dem man nur mit den entsprechenden Beziehungen einen Tisch bekam.

„Schön ist es hier! Ich wusste gar nicht, dass Singapur ein so vielfältiges Nachtleben hat.“ Sie sah sich in dem minimalistisch dekorierten und grün beleuchteten Restaurant um. „Wahrscheinlich sollte ich wirklich mehr ausgehen.“

„Man muss den vielen Menschen, die hier arbeiten, schon etwas bieten, damit sie nicht alle irgendwo anders hinfliegen.“

Er saß ihr gegenüber und sah sie wohlgefällig an. Was für eine angenehme Überraschung, mit einer so schönen Frau zu Abend zu essen! Dabei kannte er sie erst seit ein paar Stunden. Fiona interessierte ihn. Ihr Unternehmen, Smileworks, hatte international Furore gemacht – zum einen mit modernen ansprechenden Designs, zum anderen mit neuen, unkonventionellen Anbringungsmöglichkeiten der Aufkleber, zum Beispiel auf Wänden. Dass sie die Firma bereits wieder verkauft und dabei einen Millionengewinn gemacht hatte, beeindruckte ihn sehr.

Und sie war nicht nur klug, sondern auch ausgesprochen attraktiv – mit ausdrucksvollen dunklen Augen unter geschwungenen Brauen und einem Mund, der zum Küssen einlud.

Ihr amerikanischer Akzent war sicher nur eines ihrer Geheimnisse. Sie verkörperte voll und ganz den Typ Frau, den er sich vorstellen konnte zu heiraten.

Und er musste heiraten.

Der Kellner brachte die glänzend schwarz eingebundenen Speise­karten.

Mit gesenkten Lidern las Fiona darin. Dann sah sie James mit ihren strahlenden Augen an. „Können Sie mir etwas empfehlen?“, erkundigte sie sich.

„Es ist alles sehr gut, aber den Seeigel finde ich ganz besonders lecker.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass Seeigel essbar sind!“, erwiderte sie verblüfft.

Als der Kellner den Wein eingegossen hatte, beugte James sich zu ihr. „Beim letzten Mal hatte ich Taube. War auch sehr gut. Die Köche hier können wirklich alles unglaublich köstlich zubereiten. Wahrscheinlich wäre hier sogar Sumpfgras eine Delikatesse.“

„Kurz angebraten, mit Salz, Pfeffer und einer Spur Knoblauch?“, fragte sie vergnügt, und ihre Augen funkelten. Dann nippte sie an ihrem Wein. „Sehr gut.“

Er lächelte. „Für vierhundert Dollar pro Flasche darf man das auch erwarten. Ich trinke ihn sehr gerne.“

„Sie verbringen mehr Zeit in Singapur als in Schottland?“, wollte sie wissen, während sie sich die Serviette auf den Schoß legte.

„Ja. Schottland ist in geschäftlicher Hinsicht nicht gerade der Nabel der Welt.“ Eigentlich komisch, dass sie ihn nicht gefragt hatte, was genau er machte. Richtiggehend herzerfrischend! Da sie neu in Singapur war, hatte sie anscheinend noch nichts von ihm gehört, was ebenfalls ein Vorteil war. Denn allmählich war er es leid, den Leuten zu erklären, dass Risikokapitalanleger keine Aasgeier waren, beziehungsweise dass Geier zum Kreislauf des Lebens dazugehörten. „Außerdem … heutzutage kann man von überall aus arbeiten. Ich mache viel übers Internet.“

„Ich auch, aber es geht nichts darüber, den Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.“

Fionas Gesicht jedenfalls war zauberhaft. Die glatte, sanft schimmernde Haut bildete einen reizvollen Kontrast zu den dichten dunklen Haaren, die ihr fast bis auf die Schultern reichten. Es fiel ihm schwer, nicht die Hand nach ihr auszustrecken und sie zu streicheln.

Aber wenn alles nach Plan lief, würde er das schon bald tun dürfen.

„Seltsam, dass Sie einen schottischen Vornamen haben, wo doch gar nichts Schottisches an Ihnen ist.“

Mit hochgezogenen Brauen sah sie ihn leicht herausfordernd an. „Oh, ich mag Karos. Vor ein paar Tagen habe ich mir sogar Schuhe mit Karomuster gekauft. Was ist an Ihnen schottisch?“

„Gute Frage. Ich kann mich nicht erinnern, dass das schon mal jemand hat wissen wollen. Aber ich glaube, ich bin der einzige Mensch, der Single Malt Whisky wirklich mag.“

Sie zog die Nase kraus. „Mir ist jedenfalls noch niemand außer Ihnen begegnet. Ich habe das Zeug mal probiert, und ehrlich gesagt reicht mir ein Mal.“

„Ich betrachte den Whisky mit gebührendem Respekt, denn er hat einen beachtlichen Teil meiner Vorfahren auf dem Gewissen.“

„Waren sie Trinker?“

„Trinker, Kämpfer, zu schnelle Fahrer – alles Männer, die sich vor lauter Übermut in ihr Unglück stürzten.“

Ihre Augen funkelten neugierig, und die Erregung, die er schon die ganze Zeit gespürt hatte, machte sich deutlicher bemerkbar.

„Und Sie sind anders?“, fragte sie.

„Ich ziehe es vor, gut auf mich achtzugeben.“

Als Reaktion hätte er ein Lachen erwartet oder zumindest ein Lächeln, aber Fiona dachte einfach nur über seine Worte nach. „Ich glaube, das ist vernünftig. Haben Sie Angst, so zu enden wie Ihre Vorfahren?“

„Eigentlich nicht. Obwohl ich neuerdings ständig E-Mails und Briefe einer angeheirateten Cousine aus Amerika bekomme, die unbedingt einen alten Fluch von uns Drummonds abwenden will. Dazu müssen anscheinend drei Teile eines verloren gegangenen Pokals wieder zusammengesetzt werden.“

Erstaunt sah sie ihn an. „Ein Fluch, sagen Sie? Meinen Sie, da ist was dran?“

„An solchen Unsinn glaube ich nicht.“

„Aber wenn Ihre Vorfahren das Unglück regelrecht angezogen haben – vielleicht ist das Ganze dann doch nicht aus der Luft gegriffen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Wo soll dieser Pokal denn sein?“

„In der letzten E-Mail meiner Cousine steht, dass zwei Teile bereits gefunden wurden. Eines war im Haus ihres Zweigs der Familie in New York – sie ist wie gesagt eine eingeheiratete Drummond –, das andere gehörte zu einem dreihundert Jahre alten Piratenschatz eines vor Florida gesunkenen Schiffes. Meine Cousine glaubt, dass das dritte Teilstück von einem meiner Vorfahren zurück nach Schottland gebracht wurde.“

„Das klingt ja spannend!“ Als sie sich zu ihm beugte, nahm er ihre verführerisch blumige Duftnote war. „Und … werden Sie danach suchen?“

Durch ihre offensichtliche Begeisterung wurde auch sein Interesse an der Sache geweckt. Dabei hatte er die ständigen Bitten seiner Cousine und die seiner Tante Katherine Drummond beinahe schon wieder vergessen. Nicht einmal darauf geantwortet hatte er. „Ich weiß nicht. Finden Sie, ich sollte?“

„Unbedingt. Das klingt alles so romantisch.“ Ihre Augen funkelten vor Begeisterung.

Romantik war gut. Soweit es Fiona betraf, hatten sich seine Gedanken und Wünsche bereits deutlich in diese Richtung verlagert. Ihr schwarzes Cocktailkleid betonte ihre schlanke, überaus ansprechende Figur. „Diese Cousine glaubt, das Teilstück befindet sich auf meinem Anwesen in Schottland. Sogar eine Belohnung hat sie ausgesetzt. Ich musste einen Sicherheitsdienst beauftragen, um die Schatzsucher davon abzuhalten, den Rasen umzugraben und auf die Zinnen zu klettern.“

Fiona lachte. „Und Sie selbst haben noch gar nicht danach gesucht?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich kenne bessere Wege, ein paar Tausend Dollar zu verdienen.“

„Aber das ist doch ein echtes Abenteuer.“ Sie strahlte, ja glühte regelrecht. Und auch seine eigene Körpertemperatur schien anzusteigen. Er widerstand gerade noch dem Impuls, seine mit einem Mal zu enge Krawatte zu lockern.

„Irgendwie finde ich, die Suche ist es wert“, sagte sie. „Wer weiß, was für fabelhafte Dinge passieren, wenn das Teil gefunden und der Pokal tatsächlich wieder zusammengesetzt wird!“

„Ich bin auch so mit meinem Leben zufrieden.“

„Trotzdem … Ich wette, es gibt mindestens einen verbesserungswürdigen Aspekt.“

Ja, den gab es in der Tat: Er brauchte eine Ehefrau. Natürlich würde er ihr das nicht auf die Nase binden. Aber in Singapurs konservativ orientierter Businesswelt wurde ein sechsunddreißigjähriger unverheirateter Mann mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Einmal hatte sich ein potenzieller Geschäftspartner aus einem vielversprechenden Projekt zurückgezogen – weil er James’ Lebensstil missbilligte.

Aber was hieß schon Lebensstil? Nur weil er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte und unabhängig Entscheidungen traf, war er noch lange kein Weiberheld. Aber auch wenn er zurzeit immer nur eine Frau datete, hatte sich die Anzahl über die Jahre ganz beachtlich summiert.

An Frauen, die bereit waren, ihn zu heiraten, bestand nun wirklich kein Mangel. Sie waren auf seine Ländereien in Schottland und sein beträchtliches Vermögen scharf. Doch was er wirklich brauchte, war eine ebenbürtige Partnerin, die in jeder Situation einen kühlen Kopf behielt. Eine Frau, der er vertrauen konnte und mit der er die vertragliche Vereinbarung treffen konnte, die eine moderne Ehe für ihn bedeutete.

Eine Frau wie Fiona Lam?

Mit der Zungenspitze leckte sie einen Tropfen Wein von ihrer Unterlippe. Welch erregender Anblick!

Er atmete tief durch und zog sein Jackett aus. Fiona war eine sehr attraktive Frau, wobei ihre Intelligenz sie für ihn noch anziehender machte als ihre wohlgeformten Lippen oder schlanken Beine.

„Oder täusche ich mich da?“ Sie lehnte sich zurück und musterte ihn. „Gibt es irgendetwas, was Sie sich wünschen, aber noch nicht haben?“

Er lachte. „Oh ja! Das ist mein Antrieb, jeden Morgen aufzustehen.“

„Und was ist es? Der Reiz der Jagd …?“

„… lässt das Herz eines Risikokapitalanlegers höher schlagen.“

„Vielleicht unterscheiden Sie sich doch nicht so sehr von Ihren schottischen Vorfahren. Nur dass Sie sich für andere Dinge begeistern.“

„Damit könnten Sie recht haben. Sie waren vielleicht auf einen Hirsch aus oder auf den Besitz des Nachbarn, und ich will ein nettes internationales Unternehmen mit Wachstumspotenzial.“

„Sie sind ein unterhaltsamer Gesprächspartner.“ Leicht neigte sie den Kopf zur Seite, und die glänzenden schwarzen Haare fielen ihr auf die Schultern. „Warum haben Sie nie geheiratet?“

Er stutzte. „Wie kommen Sie darauf?“, fragte er. Wusste sie mehr von ihm, als sie zugab?

„Sie tragen keinen Ehering.“

Er entspannte sich wieder. Bei seinem Bekanntheitsgrad neigte er eben zur Vorsicht, wenn er jemanden neu kennenlernte, auch wenn es gar nicht nötig war. Außerdem konnte man die wichtigsten Daten seiner Vita in jedem Businessmagazin nachlesen. Es ging ja nicht um geheime Informationen. „Ich habe nie die Richtige getroffen.“

„Zu wählerisch?“

„So was in der Art. Außerdem ist eine Ehe keine Investition, bei der man gern ein Risiko eingeht, weil man weiß, dass man jederzeit wieder rauskommt.“

„Heraus kommt man immer, nur kann es teuer werden.“ Sie lächelte.

Er erwiderte ihr Lächeln. „Keine guten Aussichten für einen besonnenen Investor.“

„Also sind Sie zu vorsichtig, um zu heiraten?“

Er nickte. „Oder es liegt doch an unserem Familienfluch.“

Sie lachte auf, ein angenehmes Lachen mit einem hellen Klang, das ihn zu seiner Überraschung an die Kirchenglocke in seiner schottischen Heimat erinnerte.

„Ich finde, Sie sollten das fehlende Teil suchen. Das ist auch eine Art Jagd.“ Sie beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte das Kinn auf die verschränkten Hände.

Da kam ihm eine verrückte Idee. „Machen Sie doch bei der Suche mit!“

„Was?“ Überrascht riss sie die Augen auf.

„Kommen Sie mit nach Schottland. Ich muss demnächst hinfliegen, um ein paar Grundstücksangelegenheiten zu regeln. Machen Sie doch mal Pause vom ewigen Konkurrenzkampf, und genießen Sie die frische Luft der Highlands.“

Während sie nachdachte, strahlten ihre Augen vor Begeisterung. Kein Zweifel, die Vorstellung faszinierte sie „Aber ich kenne Sie doch noch gar nicht richtig“, wandte sie ein.

„Ich bin bekannt hier in Singapur. Hören Sie sich ruhig um.“

„Und was würde ich da so erfahren?“, fragte sie und sah ihn todernst an.

„Dass ich nach meinen eigenen Regeln spiele, aber immer zu meinem Wort stehe.“ Er zögerte. „Und dass ich am glücklichsten bin, wenn sich mir neue geschäftliche Möglichkeiten bieten.“ Seinen Ruf als angeblicher Frauenheld verschwieg er lieber.

Da sie ernsthaft über sein Angebot nachdachte, spürte er sein Herz schneller schlagen, und er begriff, wie viel ihm an ihrer Zusage lag. Selbst die Aussicht auf sein großes düsteres Schloss und die vielen Aufgaben, die ihn dort regelmäßig erwarteten, erschien ihm mit Fiona als Begleiterin weitaus angenehmer.

„Gut“, sagte sie ruhig.

„Heißt das, Sie kommen mit?“, versicherte er sich ungläubig.

„Ja. Genau.“ Sie lehnte sich zurück und blieb völlig ernst. „Ich wollte schon immer mal nach Schottland, und die Suche nach dem Pokalstück finde ich ausgesprochen spannend. Außerdem habe ich im Moment eh nichts Besseres vor. Also … warum nicht?“

„Eben. Warum nicht!“ Schon nach wenigen Minuten waren die Einzelheiten der Reise besprochen. Während das Essen serviert wurde, schickte James seinem Piloten eine E-Mail.

Zum ersten Mal in seinem Leben fand er etwas anderes aufregender als einen Geschäftsabschluss. „Alles klar dann. Morgen fliegen wir.“

„Sehr gut!“ Nun fühlte sich Fiona doch leicht verunsichert. Alles ging viel schneller als erwartet! „Wer hätte das gedacht? Ich probiere Seeigel und fahre nach Schottland – und das innerhalb von nur einer Woche.“

Was würde ihr Dad sagen, wenn sie so bald nach ihrer Ankunft schon wieder abreiste? Der Hauptgrund für ihre Anwesenheit in Singapur war die Beziehung zu ihrem Vater. Die Lage hatte sich kaum so weit entspannt, dass sie vernünftig miteinander reden konnten – und jetzt reiste sie mit seinem Todfeind ans andere Ende der Welt!

Sie würde ihrem Dad ihre Absichten erklären, und er würde verstehen, dass sie es nur für ihn tat. Wie würde er sich erst freuen, wenn sie einen Plan hatte, wie sie seine Fabrik aus James Drummonds gefürchteten Klauen befreien konnte! Irgendjemand musste diesen Mann aufhalten, und sie hatte keine Angst vor ihm!

„Bleiben Sie dann bei mir?“, fragte sie. Er hatte sie gebeten, nach dem Pokal zu suchen, und natürlich würde es einen Riesenspaß machen, in seinem altehrwürdigen Schloss herumzustöbern, aber ihr Hauptziel erforderte es, in James’ Nähe zu sein.

„Selbstverständlich. Ich würde nie einen Gast einladen und mich dann aus dem Staub machen.“ Er runzelte die Stirn. „Ich muss nur Zeit für einige Treffen einplanen. Ein Landadliger wie ich darf die Leute nicht enttäuschen.“

„Ist das tatsächlich noch so?“

Er nickte. „Ja, von mir wird so einiges erwartet: Blumenarrangements beim Dorffest begutachten, an Festtagen Bankette eröffnen …“

„Klingt nicht gerade fortschrittlich“, sagte sie, fand die Vorstellung aber ausgesprochen sexy. Was nur bewies, wie verrückt sie sein musste. James jedenfalls verbrachte die meiste Zeit in Singapur, wahrscheinlich um sich alldem zu entziehen. „Lassen Sie auch Leute hinrichten, die Ihnen im Weg stehen?“, scherzte sie.

„Habe ich nie versucht.“ Um seinen ausdrucksstarken Mund spielte ein Lächeln. „Ich glaube, so sehr ist mir noch niemand in die Quere gekommen.“

Abwarten, vielleicht würde sie die Erste sein. Sie lächelte geheimnisvoll. „Stehen Sie nicht unter dem Druck, eine passende Frau und künftige Schlossherrin zu finden?“

Er lachte. „Das wagt zum Glück niemand zu fordern.“ Ernster fügte er hinzu: „Aber insgeheim denken bestimmt viele so.“

Fiona überlegte. Über sie, die Amerikanerin mit singapurischen Wurzeln, würden kaum Begeisterungsstürme losbrechen. Eine Schottin mit rotblonden Haaren würde zweifelsohne viel besser zu ihm passen.

Natürlich nahm James sie nicht mit, um ihr den Hof zu machen. Im Grunde konnte sie sich gar nicht vorstellen, warum er sich von ihr begleiten ließ. Nachdenklich betrachtete sie ihn. Seine Augen schienen zu lächeln und ließen sie … ja was? Erschauern? Aufregung, Angst und heiße Lustgefühle vermischten sich.

Ging es ihm wirklich um den Pokal? Oder wollte er nur mit ihr ins Bett?

Letzteres! Der Glanz in seinen Augen ließ kaum Zweifel daran. War er womöglich ein Frauenheld? Dann würde er aber enttäuscht sein, wenn sie sich nicht in die Liste seiner Eroberungen einreihte.

Sie kostete von ihrem Seeigel, den sie überraschend zart und wohlschmeckend fand. James verwirrte sie. Es war dringend erforderlich, dass sie sich auf ihr Ziel konzentrierte, und das war die Rückgabe der Fabrik an ihren Vater. „Mmh, schmeckt wirklich gut!“

„Hab ich ja gesagt. Jetzt wissen Sie wenigstens, dass Sie mir trauen können.“

Sie lachte, vor allem weil er das so unschuldig gesagt hatte. Wenn sie nichts von seinem Ruf als skrupellosem Kapitalhai gehört hätte – er wäre ihr einfach nur sympathisch erschienen. Jedenfalls wirkte er großzügig und begeisterungsfähig. Gut, dass sie sich im Voraus über ihn informiert hatte. „So schnell vertraue ich niemandem. Aber ich habe eine Schwäche für Abenteuer. Es freut mich riesig, nach Schottland zu kommen.“

„Wenn Sie den Pokal finden, bekommen Sie die Belohnung.“

„Das Geld würde ich für wohltätige Zwecke spenden. Nach dem Verkauf von Smileworks bin ich darauf wirklich nicht angewiesen.“

„Und was haben Sie sich als Nächstes vorgenommen?“

Das würde er noch früh genug herausbekommen! Sie zuckte mit den Schultern. „Mal sehen, wozu ich Lust habe. Mich drängt ja niemand.“ Vielleicht sollte sie ihn zu überzeugen versuchen, ihr die Fabrik zu einem symbolischen Preis zu überlassen. Ihr war eh nicht klar, was ihn überhaupt zu dem Kauf veranlasst hatte. „Und was ist Ihr nächstes Projekt?“, fragte sie.

„Im Moment finde ich Immobilien interessant. Früher oder später wird es der Wirtschaft wieder besser gehen. Dann wird der Trend mehr denn je zu größer, schöner, neuer gehen.“

„Und daraus werden Sie Kapital schlagen.“

Er nippte an seinem Wein. Ein ausdrucksstarker Mund wie seiner hätte einem Rockstar alle Ehre gemacht. „Man muss auf alles vorbereitet sein.“

Die Fabrik ihres Vaters lag mitten in einem alten Industriegebiet, in dem die meisten Gebäude inzwischen zu Lofts umgebaut waren. Sie stammte aus den Fünfzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts und sah aus wie eine überdimensionale Schuhschachtel. Bis vor sechs Wochen hatten dort achtzehn Menschen gearbeitet.

Über andere Einkommensquellen verfügte ihr Vater nicht. Mithilfe irgendwelcher Tricks hatte James die örtliche Regierung dazu gebracht, ihm die Fabrik wegen angeblicher Steuerschulden für einen Apfel und ein Ei zu verkaufen. Die Beschäftigten waren entlassen worden.

Nun stand ihr Dad kurz vor dem Ruin. Die Uhr tickte …

Früher hatte er eine Restaurantkette besessen, aber davon war offensichtlich nichts mehr übrig. Nach dem Umzug in die Vereinigten Staaten hatten ihre Mutter und sie nur noch wenig Kontakt zu ihm gehabt.

Jetzt hatte Fiona ihn wiedergefunden, aber der erfolgreiche Selfmademan von einst war kaum noch wiederzuerkennen.

Schon immer hatte sie sich gewünscht, ihm zu zeigen, wie ähnlich sie ihm war. Aber kaum hatte sie ihre ersten Millionen verdient, war ihr Erfolg von seinem Niedergang überschattet worden. Jetzt sah es so aus, als wäre sie eigens nach Singapur gekommen, um über den Mann zu triumphieren, der sie damals im Stich gelassen hatte. Dabei lagen ihre Motive genau entgegengesetzt.

Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie war ohne ihren Dad aufgewachsen, und ganz sicher wollte sie ihn nicht noch einmal verlieren. „Ja, das finde ich auch“, bestätigte sie. „Aber darauf, dass ich mit einem Fremden nach Schottland fahre, war ich nicht vorbereitet.“

Er hob das Glas, um ihr zuzuprosten. „Dann also auf das Unerwartete.“

Lächelnd stieß sie mit ihm an. Wenn er wüsste …!

2. KAPITEL

„Die Böschung hier ist die Grenze zu meinem Grundbesitz.“ James wies mit dem Kinn zur Seitenscheibe des Land Rovers, mit dem sein Fahrer ihn und Fiona am Flughafen von Aberdeen abgeholt hatte.

Gespannt sah Fiona hinaus. Dabei war diese Vorfreude absolut lächerlich, denn sie verfolgte eine geheime Mission. Dennoch war sie aufgeregt, so als könnte sie es kaum erwarten, nach diesem komischen Pokal zu suchen und sich womöglich auf eine wilde Affäre mit James Drummond einzulassen. Neben der Straße verlief ein Graben, der von einem hohen gras- und baumbewachsenen Wall eingefasst wurde.

„Wie viel Land besitzt du?“

„Ziemlich viel. Aber keine Angst, wir sind gleich da.“

Endlich, nach einer Kurve, fuhren sie durch ein mächtiges Steintor. Die hohen Hügel ringsumher und die geradezu dramatisch schöne Landschaft vermittelten einem das Gefühl von Bedeutungslosigkeit.

„Meine Vorfahren liebten die Abgeschiedenheit“, erklärte er lächelnd.

„Du nicht?“

„Nicht so sehr. Ein Wall zur Abgrenzung würde mir reichen. Von mir aus müssten nicht noch zusätzlich viele Hektar Land zwischen mir und meinen Nachbarn liegen.“

„Dann ist es ja ein Glück, dass ich jetzt da bin und deine Ruhe störe.“

„Ja, wirklich.“

Bei dieser ehrlichen Bestätigung verspürte sie ein angenehmes Prickeln.

Ihr schlechtes Gewissen, weil sie nur wegen der Fabrik hier war, hielt sich in Grenzen. Schließlich stand in allen Businessmagazinen, welch skrupelloser Geschäftspraktiken James Drummond sich bediente. Wenn es seinem Vorteil diente, ging der Mann über Leichen. Und ganz sicher hatte er sie nicht hierher mitgenommen, damit sie nach irgendeinem alten Pokal suchte. Bestimmt hatte auch er Hintergedanken – und wenn es ihm nur um ein Liebesabenteuer in den Highlands ging.

Die Straße verlief schnurgerade. Sie in die hügelige Landschaft hineinzubauen musste seinerzeit ein Meisterwerk der Ingenieurskunst gewesen sein. Als sie die hohen Hecken zu beiden Seiten hinter sich gelassen hatten, blieb Fiona vor Bewunderung beinahe der Mund offen stehen: Vor ihnen lag ein mächtiges Schloss wie aus dem Märchenbuch.

Es bestand aus einer Vielzahl steinerner Einzelgebäude, die, soweit sie das beurteilen konnte, aus verschiedenen Zeitaltern stammten: der Viktorianischen Ära, dem Mittelalter, der Römerzeit … „Es ist riesig!“

„Zu seiner Glanzzeit war das Schloss fast eine richtige Stadt, in der die Bewohner der ganzen Gegend Schutz fanden. Auch heute steht es nicht leer. Der Verwalter und das übrige Personal leben hier.“

„Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich hier ziemlich verloren fühlt.“

„Dabei hast du es noch gar nicht richtig gesehen. Im Vergleich dazu wirkt Singapur direkt einladend.“

Einen Moment starrte Fiona den Mann an, der sich in einer lebendigen asiatischen Metropole wohler fühlte als auf dem Herrensitz seiner Vorfahren. Er wurde ihr immer sympathischer.

Aber dieses Gefühl durfte sie gar nicht erst zulassen.

„Hast du viel Personal?“

„Eigentlich nicht. Die Dorfbewohner finden zwar, ich sollte mehr aus dem Schloss machen, aber solange jemand darauf achtet, dass die Dächer und Fenster dicht bleiben, erhält es sich gewissermaßen von selbst. Und das Gras wird von Schafen kurzgehalten. Ein altes Gemäuer aus Stein erfordert viel weniger Unterhaltskosten als ein modernes Haus.“

Fiona sah sich um. Die hohen Hecken neben dem Eingang mussten vermutlich fast wöchentlich in Form geschnitten werden, um so akkurat auszusehen. Offensichtlich hatte James Drummond nur wenig Ahnung, wie viel Mühe es machte, in einem so großen Anwesen alles am Laufen zu halten. Möglicherweise interessierte es ihn auch nicht, er hatte ja andere Dinge im Kopf.

Das Auto kam im sauber gekiesten Hof zum Stehen, in dem nicht ein Hälmchen Unkraut wuchs. Hinter ebenfalls in Form geschnittenen Büschen kamen zwei schwarzgekleidete Männer mit Funkgeräten hervor, blieben aber stehen, als sie den Land Rover erkannten.

„Die Sicherheitsleute. Keine Ahnung, was meine Cousine sich dabei gedacht hat, die Belohnung auszusetzen.“

„Vermutlich hat sie angenommen, dass das viele Menschen anstacheln würde, nach dem Pokal zu suchen. Und so ist es ja auch.“

James stieg aus, und der Fahrer öffnete die Tür für Fiona. Bei einer so zuvorkommenden Behandlung fühlte sie sich fast schon selbst wie eine Adlige. Nach der Zeit hier würde ihr die Rückkehr in ein normales Alltagsleben sicher nicht leichtfallen.

Ein älterer Mann kam aus dem Haus. Er und der Fahrer sprachen kurz mit James, dann trugen sie das Gepäck ins Haus.

„War das der Butler?“, fragte Fiona.

James nickte. „Wir nennen Angus den Haushaltsmanager. Klingt moderner, findest du nicht auch?“

„Oh ja.“ In Wahrheit war an alldem nichts, aber schon gar nichts Modernes. Eine Erkenntnis, die ihre Neugier auf James Drummonds exklusiven Lebensstil noch weiter anstachelte. Lächelnd ging sie über die Kiesoberfläche des Hofes – was sich mit ihren Stilettos als unerwartet schwierig erwies. Während sie sich noch abmühte, hatte James mit wenigen Schritten bereits die imposante Steintreppe erreicht.

Da drehte er sich zu ihr um und bot ihr den Arm. Ihr blieb nichts andres übrig, als die Hilfe anzunehmen. Das angenehme Kribbeln, das sie dabei durchströmte, versuchte sie zu ignorieren. Seltsamerweise hatte der lange Reisetag sie gegen seine Nähe nicht immun gemacht – ganz im Gegenteil: Aus einem kleinen Funken war eine stete Glut geworden, mit der sie wohl oder übel leben musste.

Zum Glück gehörte sie zu den kopfgesteuerten Menschen – schlimm, wenn andere, weitaus weniger berechenbare Körperteile die Führung übernommen hätten!

Das wuchtige Eingangstor sah aus, als würde es zu einer Kathedrale gehören. Fiona rechnete schon fast mit Weihrauchduft und dem Gemurmel von Mönchen – stattdessen roch es köstlich nach Bacon, und das einzige Geräusch, das an ihre Ohren drang, war fernes Bellen.

„Hast du Hunde?“

„Ich selbst nicht, dazu bin ich zu viel unterwegs. Die Hunde werden für die hiesige Jagd gebraucht und auf meinem Land gehalten. Aufgebrochen wird immer von hier aus. Wenn ich da bin, nehme ich auch selbst daran teil. Aber jetzt natürlich nicht, wo du da bist …“

„Warum denn nicht?“

„Es wäre ganz schön unhöflich von mir, dich allein zu lassen.“

„Vielleicht könnte ich ja mitkommen?“ Sie zog eine Augenbraue hoch.

Er runzelte die Stirn. „Es ist eine Jagd zu Pferde.“

Fiona lachte auf. „Unterschätze niemals Amerikanerinnen.“

„Heißt das, du reitest?“

„Ja klar.“ Sie ging weiter, als ob nichts gewesen wäre, doch insgeheim triumphierte sie. James Drummond hatte ja keine Ahnung, über was für Qualitäten sie verfügte. „Wo schlafe ich?“

„Oben.“ Er folgte ihr. „Ich zeige es dir.“

Das Schlafzimmer sah aus, als wäre es für eine Königin bestimmt. In der Mitte stand das hohe Bett mit vier Pfosten und einem Baldachin. Seine Vorhänge waren halb aufgezogen und gaben den Blick frei auf eine kostbare, durch die Jahre etwas verblasste Brokatdecke.

Durch die kleinen bleiverglasten Fenster fiel Licht ins Zimmer. Ein wertvoller orientalischer Teppich hatte offensichtlich ein erhebliches Alter, denn er sah an einigen Stellen abgenutzt aus. Auf dem Kaminsims stand eine wertvolle chinesische Vase aus der Mingdynastie. „Deine Familie renoviert nicht oft, oder?“

„Zuletzt im Jahr siebzehnhundertsechzig. Auf diesem Gebiet sind wir nicht sehr flexibel.“

„Jedenfalls verschwendet ihr kein Geld für irgendwelche kurzlebigen Trends.“

„Selten. Diese neumodischen Glasfenster waren damals sehr umstritten, aber uns gefallen sie.“

Fiona lachte. „Da sie sich öffnen lassen, könnt ihr nach wie vor siedendes Öl auf eure Belagerer gießen.“

„Sehr richtig. Bei der Planung wurde eben an alles gedacht.“

„Gibt es ein Badezimmer? Oder ist diese Erfindung noch zu neu, um hier fußgefasst zu haben?“

Er wies auf eine niedrige Holztür. Gespannt drückte Fiona die Klinke hinunter und betrat ein überraschend großes und luxuriöses Badezimmer mit edlem Marmor, einer Badewanne im antiken Stil und blitzblanken Sanitäreinrichtungen und Armaturen.

Na, wenigstens musste sie sich nicht mithilfe eines Wasserkruges waschen …

„Duschen haben wir leider keine, weil wir von diesem Trend noch nicht so richtig überzeugt sind. Aber fließend Wasser schon. Du brauchst also nicht nach Angus zu klingeln“, scherzte er weiter.

„Da bin ich aber erleichtert. Ich glaube nämlich nicht, dass Angus Wert darauf legt, mich nur mit einem Handtuch bekleidet zu sehen.“ Sie wollte lachen, doch es gelang ihr nicht so richtig. „Allmählich frage ich mich, wo wir überhaupt nach dem Pokal suchen sollen. Dein Schloss ist ja riesig.“

„Ja, es ist weitläufig, aber man findet sich leicht darin zurecht. Zum Glück bevorzugen wir Drummonds eine zweckmäßige und sparsame Möblierung.“

„Sehr vorausschauend.“

„Bist du müde?“

„Nein. Ich musste nur gerade an den Bacon denken und frage mich, wer die Glücklichen sind, die ihn essen dürfen.“

James lachte. „Komm, gehen wir.“

Das Frühstück wurde in der großen Halle serviert, an einem langen Holztisch mit glänzend polierter Oberfläche. So wie das blau-weiße Porzellan aussah, war es zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts aus China eingeführt worden.

Nachdem sie sich satt gegessen hatten, zeigte James ihr das Schloss.

„In diesem Jahrhundert bist du die Erste, die nicht zur Familie gehört und den Ostflügel betreten darf“, sagte er, während er eine schwere eisenbeschlagene Tür öffnete. Er duckte sich unter dem niedrigen Türstock.

„Und danach lässt du mich hinrichten, weil ich zu viel gesehen habe?“ Sie wusste nicht, was sie spannender fand: die geheimnisvollen alten Gemäuer oder die unmittelbare Nähe zu James …

„Das wird die Zeit zeigen.“

Einen Moment gruselte es sie tatsächlich, doch dann sah sie das amüsierte Funkeln in seinen Augen. Sie schluckte. Ja, die Zeit würde einiges zutage bringen, aber bis dahin würde sie hoffentlich über alle Berge sein!

Er forderte sie auf einzutreten. Der Gang war so schmal, dass sie James im Vorbeigehen berührte. Durch sein teures Hemd spürte sie seine Körperwärme, die ihr mit einem Male schlagartig bewusst machte, wie begehrenswert er tatsächlich war. Wie er wohl nackt aussah?

Muskulös und sportlich? Oder spielte ihr nur ihre Fantasie einen Streich?

Klopfenden Herzens ging sie den Gang entlang. Ihre Absätze klapperten laut auf dem Steinboden. Wenn James sie hier gefangen setzte, würde es Monate, ja Jahre dauern, bis jemand sie fand. „Wohin gehen wir?“, fragte sie.

„Das hier ist der älteste Teil des Hauses. Hier werden seit Generationen die ausrangierten Sachen aufbewahrt. Wenn das Bruchstück irgendwo ist, dann meiner Meinung nach hier.“

„Wie sieht es überhaupt aus?“, wollte Fiona wissen. In Wirklichkeit wusste sie, dass es um den Fuß ging, denn sie hatte im Internet recherchiert.

„Rund, soweit ich weiß. Es ist das untere Stück, mit dem der Pokal auf dem Tisch steht. Natürlich könnte es auch eine achteckige oder sonst eine Form haben“, erklärte er.

„Hoffentlich wurde es nicht irgendwann weggeworfen.“

„Oder eingeschmolzen, zu Gewehrkugeln. Das haben die Drummonds mit etlichen Metallteilen gemacht.“

„Scheinen ja nette Leute gewesen zu sein, deine Vorfahren.“

„Unser Wahlspruch lautet: ‚Allzeit halte deine Klinge scharf‘. Steht im Wappen über dem Kamin.“

Vielleicht verfolgte James seine Ziele aus diesem Grund derart skrupellos. Doch zum Glück ahnte er nicht einmal, dass sein Ruf ihr zu Ohren gekommen war. Sie beschloss, ihn ein wenig aufzuziehen. „So kommst du mir gar nicht vor!“, log sie.

„Nicht?“ Er sah sie nicht an, sondern blickte durch ein bleiverglastes Fenster hinaus in den Himmel. „Ich glaube nicht, dass ich aus der Art schlage.“

„Warum? Hältst du dich für rücksichtslos?“, fragte sie, in der Hoffnung, dass er einmal über seine Hartherzigkeit nachdachte. Vielleicht besaß er ja einen Rest von Gerechtigkeitsgefühl, an das sie appellieren konnte, damit er ihrem Vater die Fabrik zurückgab. Und dann würde James ihr womöglich sogar dankbar dafür sein, dass sie ihm geholfen hatte, ein besserer Mensch zu werden. Sie würden sich anfreunden … oder sogar ineinander verlieben! So würden sie glücklich und zufrieden leben bis ans Ende ihrer Tage … Eine märchenhafte Vorstellung!

Doch die raue Wirklichkeit traf sie wie ein Schlag ins Gesicht, als er antwortete: „Ich glaube, ich bin der Letzte, den du danach fragen solltest.“ Sein lautes Lachen hallte von den dicken Steinwänden wider.

Dabei ließ sie es vorerst bewenden, denn er sollte keinen Verdacht schöpfen. Der lange Gang schien kein Ende zu nehmen, und alle Türen waren geschlossen.

„Was ist hinter all diesen Türen?“, wollte sie wissen.

„Kleinere Zimmer. Möglicherweise haben hier die Gefolgsleute gewohnt.“

„Wie war das noch mal mit den Gefolgsleuten?“

„Sie standen im Dienst des Grundherrn und genossen dafür seinen Schutz“, erklärte er lächelnd. „Natürlich waren sie auf sein Wohlwollen angewiesen.“

Genau wie ich, schoss es ihr durch den Kopf. „Interessant.“ Unbehaglich schaute sie sich um. Hatte James sie aus Gründen hierhergebracht, die nur er kannte? Es war ihr sehr schlau vorgekommen, ihm ins Herz seines Imperiums zu folgen, aber vielleicht verfolgte er seinerseits irgendwelche Absichten?

Das laute Klackern ihrer Absätze zerrte zusätzlich an ihren Nerven.

Plötzlich wandte James sich nach links und entriegelte eine hohe Holztür. „Jetzt pass auf. Du wirst staunen!“

Die Tür führte auf einen Söller, eine zinnenbewehrte offene Plattform. Fiona trat hinaus und blickte mindestens zehn Meter hinunter in eine weitläufige Halle. Die wenigen antiken Möbel auf dem Steinboden wirkten nicht eben einladend dekoriert. Eine Decke mit mächtigen Holzbalken trug das Dach – seit Hunderten von Jahren.

Über eine Galerie und eine schmale Holztreppe ging James hinunter. Fiona folgte ihm langsam, während sie den Eindruck des Saales auf sich wirken ließ. Hier spürte man den Atem der Geschichte. „Unglaublich!“, stieß sie hervor. „Wie kommt es, dass du dich hier nicht aufhältst?“

„Glaub mir, in den neueren Teilen des Schlosses ist es komfortabler. Außerdem gibt es dort eine vernünftige Heizung.“

Fiona betrachtete den großen offenen Kamin und dachte unwillkürlich an ein prasselndes Feuer. „Komisches Gefühl, dass deine Vorfahren seit Jahrhunderten hier gelebt haben.“

„Haben sie nicht.“ Gedankenversunken sah er sie an. „Gaylord Drummond hat im achtzehnten Jahrhundert den gesamten Besitz beim Würfelspiel verloren. Es blieb ihm nichts mehr außer dem mysteriösen Pokal, nach dem neuerdings alle ganz verrückt sind. Notgedrungen beschlossen Gaylords drei Söhne, zu neuen Ufern aufzubrechen und ihr Glück in Amerika zu versuchen. Offensichtlich haben sie den Pokal in drei Stücke zerteilt und geschworen, sie eines Tages wieder zusammenzusetzen.“

„Und einer von den Brüdern ist hierher zurückgekommen?“

„Er hat in Kanada ein Vermögen mit Biberpelzen verdient.“

„Die armen Biber.“

„Damals hat man Mützen daraus gemacht, warm und wasserabweisend. Jedenfalls, als er zu Geld gekommen war, ist er zurückgekehrt und hat das Schloss mit dem gesamten Landbesitz von dem Bauern zurückgekauft, der es damals beim Würfelspiel gewonnen hatte.“

„Und vermutlich hat er sein Teil des Pokals mit hierhergebracht.“

James zuckte die Schultern. „Möglich. Aber eigentlich interessiert mich das nicht wirklich.“

„Du bist unmöglich! Es gehört doch zu deiner Familiengeschichte.“

„Ich halte den Laden hier am Laufen. Das ist der Beitrag, den ich leiste. Manchmal denke ich, ich sollte auch würfeln. Wenn ich all das hier los wäre, würde ich ein Vermögen sparen.“

„Das meinst du doch nicht im Ernst, oder?“

„Nicht wirklich.“ Er sah sie an, und der ernste Blick aus seinen grauen Augen ließ sie den Atem anhalten. „Aber ab und zu könnte man schon auf die Idee kommen.“

Ihr war, als sähe sie einen Hauch von Emotionen in seinem unbewegten Gesicht. Wie sollte man sich in solch einer Umgebung nicht für deren Geschichte interessieren? Und vielleicht sogar an so etwas wie schicksalshafte Bestimmung glauben?

Wenn sogar sie es empfand, musste wohl auch James irgendwo in seinem kalten Herzen etwas Ähnliches fühlen. Schwer vorstellbar, Erbe eines solchen Reiches zu sein, das zugegebenermaßen für moderne Begriffe abgelegen und schwach besiedelt sein mochte.

Sie atmete tief durch. „Ich finde es umwerfend. Zauberhaft schön.“

Wieder sah er sie an; sein Blick wirkte eiskalt. Glaubte er womöglich, dass sie sich in sein Herz schleichen wollte, um die Schlossherrin an seiner Seite zu werden? Sofort bereute sie ihre ehrliche Begeisterung und beschloss zurückzurudern. Gleichgültig fügte sie hinzu: „Aber ich kann mir vorstellen, dass eine Eigentumswohnung an der Orchard Road in Singapur praktischer ist.“

Er lachte. „Zweifellos.“ Aus zusammengekniffenen Augen sah er sie an.

Unter seinem prüfenden Blick fühlte sie sich unbehaglich; ihr war, als ob er sie von oben bis unten musterte – wie einen Gegenstand. Und doch erregte sie diese Situation seltsamerweise.

Schnell drehte sie sich um. Wenn sie ihn nicht anschaute, hatte er vielleicht weniger Macht über sie. Sie ärgerte sich über sich selbst: Wieso reichte ein schlichter Blick von ihm aus, um ihr Herz höherschlagen zu lassen?

Brachte er vielleicht jede Frau hierher, mit der er ins Bett gehen wollte? Um sie zu beeindrucken und so leichtes Spiel mit ihr zu haben?

„Also, wo ist jetzt der Pokal?“, fragte sie und trat ein paar Schritte von ihm weg.

„Das kann ich mir ebenso wenig vorstellen wie du.“

„Glaube ich nicht. Im Unterschied zu mir kennst du hier jeden Winkel.“ Viele Möglichkeiten gab es in diesem Saal nicht, abgesehen von ein paar alten Holztüren. „Hat man dahinter die Feinde bis zu ihrem Tod eingesperrt?“, fragte sie ein wenig unbehaglich.

„Wandverliese waren eher in Frankreich üblich. Bei uns hat man den Gegnern am helllichten Tag die Kehle aufgeschlitzt und danach ein Fest gefeiert.“

Fiona lachte gezwungen. „Ein nettes Volk, deine Vorfahren.“

„Allerdings. Reporter haben mir schon ein ganz ähnliches Geschäftsgebaren vorgeworfen.“ Belustigt funkelte er sie an.

Fiona ärgerte sich über die Maßen, dass ihr Herz so heftig pochte. Dabei hatte er gerade zugegeben, wie ruchlos er war! Wieso fühlte sie sich trotzdem zu ihm hingezogen?

„Und – haben sie recht?“, fragte sie betont ruhig.

„Möglich.“ Er ging in der Halle auf und ab.

Fiona grübelte. Unausgesprochene Worte lasteten auf ihr. Am liebsten hätte sie ihm vorgehalten, dass er ihrem Dad die Fabrik weggenommen und damit sein Leben zerstört hatte. Aber sie musste kühlen Kopf bewahren, bis sie einen Plan hatte. Bis dahin durfte James nicht einmal ahnen, dass sie zu denen gehörte, die ihn und seine Methoden verabscheuten. „Was soll’s, es ist nur Business“, sagte sie gespielt gleichgültg.

Er wandte sich ihr zu – und zu ihrer Überraschung lächelte er! „Genau! Endlich versteht mich mal jemand.“

„Bisher musste ich niemandem die Kehle durchschneiden.“

Er lachte. „Du bist ja noch jung.“

„So jung nun auch wieder nicht.“ Wie arrogant von ihm! Er war nur ein paar Jahre älter als sie. „Ich habe schon einige Lebenserfahrung.“

Erneut lachte er. „Davon bin ich überzeugt.“

Am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt! „Ich hatte mein erstes Geschäft mit zwölf!“

„Und was? Einen Limonadenstand?“

„Ich habe gebrauchte Computer als Rohstoffträger verkauft.“ Stolz hob sie den Kopf. „Das ist einträglicher als Getränke.“ Dass sie außerdem tatsächlich einen Limonadenstand gehabt hatte, brauchte sie ja nicht zu erwähnen.

Er machte einen Schritt auf sie zu – was angesichts der Ausmaße der Halle im Grunde nicht weiter beunruhigend war, aber dennoch …!

„Ich habe mit elf angefangen.“

„Voll wettbewerbsstark, oder?“ Alle winzigen Härchen standen ihr zu Berge, als er noch einen Schritt näher kam.

„Ja, unbedingt. Einige sagen, es wird noch mal mein Untergang, dass ich keinem Konkurrenzkampf aus dem Weg gehe.“

Und zwar früher, als du denkst. „Was war dein erstes Geschäft?“

„Ich habe Schokolade zu Großhandelspreisen bezogen und sie an meine naschhaften Mitschüler im Internat verkauft.“

„Eine treue Kundschaft.“

„Die beste.“ Das Hemd spannte beinahe über seinen breiten Schultern, und obwohl es im Saal kühl war, spürte Fiona ihre Körpertemperatur ansteigen. Mit seinen grauen Augen betrachtete James sie nachdenklich, als könnte er es nicht glauben, dass sie es wagte, sich über ihn lustig zu machen.

Fiona straffte die Schultern und richtete sich zur vollen Größe auf. Leider war sie trotzdem fast einen halben Kopf kleiner als er. „Ist es heutzutage schwer, treue Kunden zu finden?“, erkundigte sie sich.

„Gar nicht. Auf die eine oder andere Art sind alle Menschen treu“, antwortete er, ohne sie aus den Augen zu lassen.

„Du auch?“, wollte sie wissen. War er noch nähergekommen? Inzwischen hätte sie ihn mit der Hand berühren können. Sie atmete seinen ansprechenden Duft nach feiner Wolle und einem Hauch von Moschus ein. Zu ihrem Leidwesen hatten sich ihre Brustspitzen aufgerichtet. Hoffentlich bemerkte er es nicht!

„Unbedingt“, sagte er, und seine Stimme klang rau. Was sie aber noch mehr überraschte, war, dass er ihr Kinn mit dem Finger berührte und es anhob. Dann presste er die Lippen auf ihre.

Es durchzuckte sie wie ein Stromschlag!

Ich küsse James Drummond! dachte sie atemlos.

Als er voller Hingabe ihren Rücken und Po streichelte, klammerte sie sich vorsorglich an seinem Hemd fest, damit ihre Knie nicht nachgaben.

Der Mann ist ein Schuft. Er geht über Leichen. Das Wohlergehen anderer kümmert ihn nicht. Das hat er selbst zugegeben.

Sein Seufzen an ihrem Ohr ließ ihre Sehnsucht nach ihm in ungeahnte Höhen schnellen. Erregt strich sie ihm über den muskulösen Rücken. Sie spürte sein raues Kinn auf der Haut, während er den Kuss vertiefte.

Als er nicht aufhörte, sie zu streicheln, drängte sie sich ihm entgegen. Oje. Statt ihn abzuweisen, zog sie ihn noch fester an sich und küsste ihn mit aller Intensität, derer sie fähig war.

Schon sein Duft war mehr als betörend – auf eine ursprüngliche Art viel männlicher, als sein eleganter Stil es vermuten ließ.

Deutlich spürte sie, dass ihn dieselbe Leidenschaft durchströmte wie seine kampfbereiten Vorfahren. Lag es am Zauber dieses ganz besonderen Ortes? Wenn es ein Zauber war, dann ein dunkler, gruseliger. Nein, sie hatte keine Kontrolle über die Situation – nicht einmal über sich selbst. Und dann war da noch dieser Fluch …!

Sie spürte James’ starke Hand, mit der er sie streichelte, und wie sie gegen ihn gedrückt wurde. Zärtlich begann er, ihre Brüste zu liebkosen.

Dabei unterbrach er keinen Moment den Kuss, der abwechselnd wild und sanft war – atemberaubend und fesselnd. So hatte sie noch kein Mann geküsst.

Aber er war ihr Feind!

Bestimmt hatten seine Vorfahren genau dasselbe mit ihren Widersachern gemacht, zumindest soweit es Frauen betraf. Warum fühlte es sich trotzdem so gut an?

Mit den Fingern fuhr sie ihm durch das dichte Haar. Sie schmiegte sich an ihn, und seine deutlich spürbare Erregung stachelte auch ihre Gefühle weiter an. Dass der ach so coole und selbstbeherrschte James Drummond sich nach ihr sehnte, ließ ihren Atem schneller gehen.

An diesem Mann war definitiv mehr, als man nach Lektüre der Businessmagazine meinte. So wie sie sich jetzt im Moment fühlte, hätte sie ihm auf der Stelle die Klamotten vom Leib reißen können, damit er sie auf der Stelle nahm.

Aber er löste sich von ihr. Wo sie zuvor seine warmen Hände gespürt hatte, fröstelte sie jetzt. Verwirrt schlug sie die Augen auf – wie lange hatte sie sie geschlossen gehalten? – und blinzelte ins kalte Licht des Saales.

James sah sie ernst an. „Ich wollte nicht, dass das passiert“, stieß er atemlos hervor und fuhr sich durch die zerzausten Haare. „Zumindest jetzt noch nicht.“

3. KAPITEL

Fiona strich ihr schwarzes Jerseykleid glatt. Da sie sich nach dem langen Flug noch nicht umgezogen hatte, war es möglicherweise schon vor dem Kuss zerknittert gewesen. Sie konnte nicht glauben, dass sie James so nahe an sich herangelassen hatte.

Die Worte noch nicht sagten alles: Also hatte er tatsächlich vorgehabt, mit ihr ins Bett zu gehen, allerdings offenbar, nachdem er eine angemessene Zeit mit ihr geflirtet hatte. Dann war er ungeduldig geworden …

Und sie war ihm regelrecht in die Arme gesunken, so wie die vermutlich zahllosen anderen Frauen, die ihn wahrscheinlich auf allen Kontinenten verfolgten.

„Ich wollte es auch nicht“, sagte sie betont ruhig. „Wirklich, ich habe keine Ahnung, was los war.“

„Normalerweise nennt man das einen Kuss.“ In seinem kalten Blick zeichnete sich nur ein klein wenig Belustigung ab. „Und dazu ist es auf jeden Fall noch zu früh am Tag, ganz abgesehen von allen anderen möglichen Einwänden.“

Soweit es sie betraf … ihre Erregung hatte kaum nachgelassen. Wie gern hätte sie weiter seinen herrlichen Körper gestreichelt. Von dem leidenschaftlichen Kuss brannten ihr noch immer die Lippen – James hingegen schien es mittlerweile für einen Fehler zu halten, dass sie sich geküsst hatten! „Du hast angefangen.“

Einen Moment schien diese kindische Erwiderung zwischen ihnen zu stehen. Zurücknehmen ließ sie sich nicht. Und außerdem stimmte es!

Langsam weiteten sich seine Augen. „Mir ist nicht aufgefallen, dass du dich besonders zur Wehr gesetzt hättest.“

„Wie denn auch? Ich möchte als dein Gast nicht unhöflich sein.“ Diese Unterhaltung wurde immer seltsamer!

Er grinste. „Du hast wirklich vollkommene Manieren.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Kompliment erwidern kann.“

„Kein Wunder.“ Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Soll ich mich bei dir entschuldigen – oder macht das alles nur noch schlimmer?“

Sie atmete tief ein. „Tun wir am besten so, als wäre nichts passiert.“

„Keine gute Idee, glaube ich.“ Er ließ den Blick tiefer gleiten, nicht sehr auffällig, nicht auf ihre Brüste, sondern auf ihr Schlüsselbein und auf ihre Hände, die sie jetzt vor dem Körper verschränkt hielt.

„Stimmt wahrscheinlich. Ich bin nicht sehr gut darin, anderen etwas vorzumachen.“

Er lachte. „Ich auch nicht. Okay, es war, wie es war, und es war schön. Mir jedenfalls hat es Spaß gemacht.“

Fiona unterdrückte ein Lächeln. „Kein Kommentar.“ Dass es ihr Spaß gemacht hatte, war unübersehbar gewesen; kein Grund also, es auch noch zu betonen. „Zurück zu dem Pokal. Wo waren wir stehen geblieben?“

James sah sich im Saal um, als ob er die Frage wörtlich nahm. „Ich muss zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin. Jedenfalls sind wir nicht da, wo ich gedacht habe.“

Jetzt musste sie doch lachen. Vielleicht, weil sich so die Spannung etwas löste. „Dann würde ich vorschlagen, dass wir weitermachen. Und ab jetzt bleiben wir konzentriert bei der Sache.“

„Ich mag Frauen, die einen kühlen Kopf behalten.“

„Kann ich mir vorstellen.“ Sie reckte das Kinn. „Was ist hinter dieser Tür?“ Beherzt ging sie voran, denn James die Führung zu überlassen war gefährlich, wie sich gerade gezeigt hatte.

„Mach auf!“

Fiona zögerte. „Was, wenn dahinter lauter Skelette sind?“

„Solange eines davon einen Pokal umklammert hält, dürfen wir uns nicht beschweren.“

„Wenn die beiden anderen Teile in New York und Florida gefunden wurden, bleibt für deine Skelette nicht mehr viel zum Halten übrig.“

„Hast du Angst?“

„Kein bisschen.“ Bei ihrem Glück war die Tür vermutlich sowieso verschlossen. Sie drückte den Griff. Zu ihrer Überraschung ging die Tür sofort auf und zog sie regelrecht mit hinein.

Als hätte sie sich verbrannt, ließ sie den Griff los. Der Raum war bis unter die niedrige Decke mit Möbeln vollgestopft: Tische, Stühle, Truhen … alles alt und aus dunklem Holz. „Das ist anscheinend der Abstellraum.“

„Interessant“, sagte James hinter ihr. „Hier war ich noch nie. Ich glaube, die Tür ist mir bisher nicht aufgefallen.“ Er betrachtete die gestapelten Möbel. „Kein Zweifel, du bringst etwas in die Suche ein …“

„Hoffen wir, dass es Glück ist.“

„Weiß ich nicht genau, aber ich bin es gewöhnt, Chancen zu nutzen.“ Herausfordernd sah er sie an.

Fiona spürte ihr Herz heftig pochen. Daran war zum einen dieser Blick von ihm schuld, zum anderen der Umstand, dass sie gewiss nicht hergekommen war, um ihm Glück zu bringen!

„Ich könnte wetten, dass hier wertvolle Stücke dabei sind“, sagte sie.

„Verstehst du etwas von antiken Möbeln?“ Er strich mit dem Finger über einen alten Stuhl.

„Nicht das Geringste.“

„Ich auch nicht. Am liebsten würde ich das ganze Zeug gar nicht weiter beachten, damit kommende Generation was zu entdecken haben. Aber wir kommen wohl nicht drum herum, alle Schubladen zu durchsuchen.“ Er zog am Messinggriff einer elegant geschwungenen Kommode. Nichts rührte sich.

„Lass mich mal.“ Fiona zog am Griff – und riss ihn ab. Die spitzen Messingnägel, die noch darin steckten, ließen ihn wie eine Waffe wirken. „Oh!“

„Ich glaube, wir halten dich besser von den wertvollen Stücken fern.“ Seine Augen funkelten amüsiert.

„Ist sicher leicht zu reparieren. Aber das sollten wir besser einem Fachmann überlassen.“

Mit seinen kräftigen Fingern zog James an der Außenseite der Schublade, die problemlos aufging. Sie war leer.

„Wie enttäuschend.“ Aber hatte sie tatsächlich erwartet, auf Anhieb fündig zu werden?

James zog die nächste Schublade heraus, die ebenfalls leer war. Der Boden war mit etwas verschmutzt, das wie schwarze Tinte aussah. „Ist das Blut? Von einem eurer Feinde?“

„Nein. Zu dunkel. In einem der Schlafzimmer ist ein Blutfleck, der sich nicht entfernen lässt. Dort wurde ein Vorfahre von seinem Diener umgebracht.“

„Scheußlich! Daran war bestimmt der Fluch schuld.“

„Bestimmt. Jedenfalls ist die Farbe anders. Fast wie Holzbeize.“

„Ich werde es mir merken, wenn ich mal Möbel streiche.“ Sie sah sich weiter um und bemerkte eine Art Überseekoffer, aber aus Eichenholz und mit geschnitzten Eichenblättern verziert. Der Deckel ließ sich leicht öffnen und … „Der ganze Koffer ist voll mit Fußteilen von Pokalen!“

James lachte. „Das sind Kerzenhalter.“

„Ach ja, natürlich.“ Wie hatte sie nur so dumm sein können! „Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass man immer nur das sieht, was man sehen will.“

Er hielt einen Kerzenhalter ins Licht, der wie die anderen aus dunklem, glanzlosem Metall geschmiedet war. „Ich vermute, dass die Elektrifizierung des Hauptflügels der Grund dafür war, dass die Halter alle hier eingelagert wurden.“

„Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass die Menschen früher auf Kerzenlicht angewiesen waren.“

„Sind wir hier immer noch. Es kommt ziemlich oft vor, dass der Strom ausfällt.“ Er lächelte. „Warte nur, bis wir einen Sturm bekommen.“

Bei der Vorstellung erschauerte sie. „Und dann kommen alle Geister hervor und feiern eine Party?“

„Stört mich nicht. Solange sie mir nichts tun, lasse ich sie auch in Ruhe.“

Fiona stutzte. James Drummond erwies sich doch als anders, als sie gedacht hatte. „Wahrscheinlich wäre es am besten, wir schauen die Kerzenhalter durch, ob nicht doch einer davon ein Fuß eines Gefäßes ist. Wie groß ist denn der Pokal?“

„Weiß ich nicht. Wegen der Einzelheiten muss ich meine Cousine Katherine anrufen und ihr sagen, dass wir jetzt offiziell auf der Suche sind.“

„Da wird sie sich sicher freuen.“

„Ja, bestimmt. Sie soll uns Fotos schicken.“

Da Katherine nicht zu Hause war, hinterließ James ihr eine Nachricht, in der er sie um Rückruf bat.

Müde von der langen Reise, aßen Fiona und er zeitig zu Abend – es gab liebevoll zubereitete Zwerghühner mit einer leckeren fruchtigen Sauce – und gingen danach in ihre Schlafzimmer.

Mit dem großen eisernen Schlüssel schloss Fiona ab. Natürlich würde James nicht zu ihr kommen, aber nach dem, was an diesem Tag passiert war …

Irgendwann in der Nacht wachte sie auf und hatte keine Ahnung, wie spät es war. Sie war so schnell eingeschlafen, dass sie keine Zeit mehr gefunden hatte, ihr Handy griffbereit hinzulegen. Der Himmel musste bewölkt sein, denn vom Mond war nichts zu sehen. Das Zimmer lag in völligem Dunkel. Sicher hingen in den Ecken Geister herum und beobachteten sie …

Sie zog die Bettdecke höher. Der Kuss war verrückt gewesen. Er war aus dem Nichts gekommen und hatte sie völlig umgehauen. So sehr fühlte James sich zu ihr hingezogen! Klar, sie hatte ihm schöne Augen gemacht, war aber davon ausgegangen, dass er sich im Griff behielt. Denn normalerweise ließ sie sich nicht von Männern anfassen, die sie kaum kannte.

Es musste gegenseitige Anziehungskraft gewesen sein. Zufrieden rekelte sie sich. James Drummond hielt sie für heiß.

Dann biss sie sich auf die Lippe.

Sie war hier, um ihrem Dad zu helfen. Die Gefühle eines James Drummond spielten dabei nur insoweit eine Rolle, als sie ihr halfen, die Fabrik zurückzubekommen.

Sie setzte sich auf. Dabei hatte sie in James’ Nähe ihr Vorhaben schon einige Male aus den Augen verloren! Jetzt besann sie sich wieder darauf.

Um ihr Handy zu holen, setzte sie einen Fuß auf den Boden. Hoffentlich würde jetzt nicht eine Knochenhand nach ihrer Fessel greifen!

Welch ein Unsinn! schalt sie sich und riss sich zusammen. Der Perserteppich fühlte sich abgenutzt unter ihren Füßen an. Eine Bodendiele knarrte. Klopfenden Herzens ging sie zu dem Stuhl, auf den sie ihre Tasche gestellt hatte. In der Dunkelheit fand sie tatsächlich das Handy, nahm es mit ins Bett und rief ihren Vater an.

Wie immer ließ er es viermal klingeln, bevor er ranging. „Hallo?“, meldete er sich einsilbig.

„Hi, Dad.“ Beim Klang ihrer eigenen Worte lächelte sie. Ein Leben lang hatte sie sich danach gesehnt, eine Beziehung zu ihrem Vater aufzubauen. Zwölf Jahre lang hatte sie ihn nicht einmal gesehen – und sie war noch immer wütend auf ihre Mutter, dass sie ihn verlassen hatte.

„Wer ist dran?“, fragte er barsch. Es stimmte schon, er hatte eigentlich nie zu ihrer temperamentvollen, künstlerisch veranlagten Mutter gepasst.

„Ich bin es, Fiona.“ Wer sollte es denn sonst sein, er hatte doch keine anderen Kinder. Warum fragte er das? „Du ahnst ja nicht, von wo aus ich anrufe.“

Aber sollte sie ihm das tatsächlich sagen? Was würde er denken? Dass sie ihm helfen wollte? Oder dass sie nur mit James Drummond ins Bett wollte?

„Wo bist du, Fifi?“

Der Kosename entlockte ihr ein Lächeln. Von niemand anderem ließ sie sich so nennen, aber ihr Dad war schließlich auch jemand Besonderes für sie. „Stell dir vor, ich bin in Schottland. Auf James Drummonds Schloss.“ Gespannt, wie er reagieren würde, hielt sie den Atem an.

Aber ihr Dad schwieg. Dann hörte sie ein Geräusch, das sich nicht einordnen ließ.

„Ich bin hier, damit du deine Fabrik zurückbekommst, Dad.“

„Was? Wie willst du das denn schaffen? Es ist vorbei. Der Bastard hat sie mir weggenommen“, stieß er unwirsch hervor.

„Sie gehört ihm, aber er hat noch nichts damit gemacht. Und solange sie steht, kann ich sie zurückkaufen.“

„Er wird sie nicht verkaufen.“

Das stimmte. Sie hatte bereits einen Makler mit einem Kauf­angebot zu ihm geschickt, das er prompt abgelehnt hatte. Aber vielleicht änderten sich die Dinge, wenn sie James erst besser kannte. „Alles hat seinen Preis.“ So war es auch mit Smileworks gewesen: Man hatte ihr so viel Geld dafür geboten, dass sie nicht Nein hatte sagen können. „Ich werde ihn schon überzeugen.“

„Er ist ein schlechter Mensch.“

„Eigentlich nicht.“ Sie runzelte die Stirn. „Nur … irregeleitet.“ Im Grunde ganz ähnlich wie ihr Dad. Als sie noch klein war, hatte ihr ihre Mom so einige Geschichten über ihn erzählt. Wie er nie etwas anderes geäußert hatte als Kritik. Dass er ungefähr dreiundzwanzig Stunden am Tag nur gearbeitet hatte. Wie er jeden Penny wieder ins Geschäft gesteckt hatte, sodass ihre Mom nichts als Reissuppe hatte kochen können – nicht gerade das, wovon eine junge Braut träumte.

Jetzt, als Erwachsene, verstand Fiona, dass alles, was man im Leben zu erreichen wünschte, Opfer erforderte. Ihre Eltern unterschieden sich charakterlich sehr: Ihre Mom war sanft und romantisch, der Vater ein entschlossener, geschäftsmäßiger Typ. Fiona wusste, dass sie mehr nach ihm geraten war. „Glaub mir, so schlimm ist er nicht.“

„Warum hat er dich eingeladen? Er will dich doch nur ausnutzen!“

Ja, möglich. Am Anfang hatte sie sich keinen rechten Grund für diese Einladung denken können. Inzwischen wusste sie es besser. Doch seltsamerweise entsetzte sie die Vorstellung längst nicht so, wie sie sollte. „Nichts in der Art. Ich bin hier, um ihm bei der Suche nach einem Familienerbstück zu helfen. Wir stöbern in den alten Sachen herum.“

„Sei vorsichtig mit diesem Unmenschen!“

„Bin ich, keine Sorge.“ Gegen James’ unwiderstehliche Anziehungskraft würde am besten ein Keuschheitsgürtel helfen, der sie vor sich selbst schützte! „Ich will ihn besser kennenlernen, damit ich mir einen Plan ausdenken kann. Im Moment stelle ich mir vor, ich sage ihm, dass ich für mein neues Geschäft in Singapur passende Räumlichkeiten suche …“

„Gib diesem Teufel bloß kein Geld. Er hat mir die Fabrik gestohlen.“

„Ich weiß. Hast du schon den Anwalt angerufen, den ich dir empfohlen habe?“ Wenn der Erwerb unrechtmäßig war, musste ihr Dad den Gerichtsweg beschreiten!

„Ach was, Anwälte! Die ziehen einem nur das Geld aus der Tasche.“

„Also hat James Drummond deine Steuern bezahlt und dafür das Gebäude behalten? Ich verstehe noch immer nicht, wie es dazu kommen konnte.“

„Ich war nur ein bisschen im Rückstand, verstehst du? Nur ein kleines bisschen.“

Bei der zuständigen Regierungsbehörde hatte sie leider nichts Genaueres erfahren – nur dass es sich um einen Eigentumsverlust aufgrund von Steuerschulden handelte. Ihr Dad behauptete steif und fest, dass ihm die Fabrik gestohlen worden war. Da aber ihre Beziehung zu ihm noch immer auf recht wackligen Beinen stand, wagte sie nicht, weiter in ihn zu dringen. Denn auf keinen Fall wollte sie ihn verschrecken. „Bestimmt finde ich etwas heraus. Jedenfalls wollte ich, dass du weißt, wo ich bin, damit du dir keine Sorgen um mich machst.“

„Was du mir erzählst, ist aber Grund zur Sorge, Fifi. Pass nur gut auf dich auf, wenn du bei diesem Ang Mo Gui bist.“

„Mach ich.“ Sie wollte richtigstellen, dass James keine roten Haare hatte, aber natürlich beschrieb die Bezeichnung Ang Mo Gui, was wörtlich rothaariger Teufel bedeutete, grundsätzlich jeden Mann aus dem Westen. „Ich komm schon klar.“ Sie zögerte mit dem Auflegen, um nicht wieder allein im dunklen Schlafzimmer zu sein. Es war drei Uhr morgens, und niemand wusste, wie viele Gespenster tatsächlich hier lauerten. „Wenn ich zurück bin, lade ich dich in mein neues Lieblingsrestaurant ein.“ Vielleicht würde sie ihm dann die gute Nachricht bringen können, dass die Fabrik wieder ihm gehörte – auch wenn sie im Moment erst am Anfang ihrer Mission stand.

„Ich freue mich drauf, Fifi. Die Rechnung geht auf mich.“

Sie schluckte. So wie sie es einschätzte, konnte er sich in seiner jetzigen Situation nicht einmal ein Essen bei McDonald’s leisten, ließ sich aber partout nichts anmerken. Sie hatte viel diplomatisches Geschick gebraucht, um in Restaurants für ihn bezahlen und ihm ab und zu etwas Geld zustecken zu dürfen.

Ohne Zweifel hatte sein Stolz bei seinem finanziellen Ruin eine nicht unerhebliche Rolle gespielt – eine Lektion, die sie sich merken würde. „Prima. Ruf mich lieber nicht hier an, nur zur Vorsicht. Ich will nicht, dass man mich als deine Tochter erkennt. Es soll alles geheim bleiben.“

Er lachte, offenbar gefiel ihm der Plan. „Ich kann schweigen wie ein Grab.“

„Ich melde mich bald wieder.“ Glücklich legte sie auf. Endlich hatte sie die Chance, ihrem Dad näherzukommen. Und diese Chance würde sie nutzen. Er hatte sich immer einen Sohn als Nachfolger gewünscht. Sie würde ihm beweisen, dass eine Tochter sich dafür mindestens ebenso gut eignete.

Ihre nächste Begegnung mit James hatte sie beim Frühstück. Nach dem Telefonat mit ihrem Vater hatte sie nicht wieder einschlafen können. Unruhig und hungrig war sie schließlich hinuntergegangen. Es gab Bacon, Toastbrot mit Butter und Marmelade und Haferbrei – alles sehr aristokratisch. Voller Heißhunger verschlang sie Toast und Bacon. Dazu trank sie drei Tassen mörderisch starken schwarzen Tee.

Als James hereinkam, fühlte sie sich wieder wie ein Mensch.

„Sorry, dass ich jetzt erst komme“, entschuldigte er sich. „Ich war müder, als ich dachte.“

„Macht nichts. Ich habe schon allein hergefunden. Dass einem das Frühstück gemacht wird, ist ein Luxus, an den ich mich glatt gewöhnen könnte.“

„Möchtest du Kaffee? Wir haben welchen, irgendwo in der Küche …“

„Nein danke. Der Tee genügt mir vollauf. Ich will mich an die Gegebenheiten anpassen, wenn ich wo zu Gast bin.“

„Katherine hat eine E-Mail geschickt, mit Bildern des Pokals. Ich habe sie dir weitergeleitet.“

Sie nahm ihr Handy heraus und sah sich die ziemlich unscharfen Fotos an: dunkles Metall vor einem hellen Hintergrund.

„Sie freut sich, dass ich jetzt nach dem Teil suche. Ich habe es nicht fertiggebracht, ihr zu sagen, dass wir wegen ihrer Belohnung ein Securityteam brauchen.“

Fiona lächelte. „Dann sollten wir uns beeilen – bevor sie die Belohnung erhöht und noch mehr Schatzsucher kommen.“

„Stimmt.“ James sah besser aus denn je. Er trug locker sitzende Reithosen und ein kariertes Hemd, das an jedem anderen Mann lächerlich gewirkt hätte. Aber ihm stand es großartig. Damit verkörperte er völlig den Landadligen und Schlossherrn, der er war. „Ich reite heute Morgen aus. Vielleicht hast du Lust mitzukommen?“ Fragend sah er sie an. Glaubte er ihr etwa nicht, dass sie reiten konnte?

„Gern!“ Sie lächelte cool. „Ich hoffe, es verstößt nicht gegen die Regeln, dabei Jeans und Halbschuhe zu tragen.“

„Hier gibt es so viele alte Gesetze und Regeln, dass so ziemlich alles verboten ist. Am besten kümmert man sich gar nicht darum.“ Er legte sich Bacon, Toast und etwas von dem goldgelben Rührei auf den Teller. „Zum Glück ist das Anwesen so groß und abgelegen, dass man tun und lassen kann, was man will.“

„Dann ist ja gut.“ Ihr Herz schlug schneller. Möglicherweise kam das von der reizvollen Vorstellung, über die schottischen Highlands zu galoppieren. Wahrscheinlich aber eher von James’ atemberaubendem Anblick. Seine noch nassen Haare trug er zurückgekämmt. „Vermisst du in Singapur nicht das Reiten?“, fragte sie. Sie fand es noch immer seltsam, dass er so viel Zeit dort verbrachte, obwohl er hier in Schottland ein eigenes wundervolles Reich besaß.

Er trank einen Schluck Tee. „Ich spiele dort zwei Mal in der Woche Polo.“

„Ach so.“ Kein Wunder, dass er so fit und muskulös aussah.

„Spielst du auch Polo?“

„Nein. Das heißt, ich hab’s nie probiert. Aber mir gefällt der Sport.“

Er zog eine Braue hoch. „Wirklich? Das müssen wir uns merken, wenn wir zurück in Singapur sind.“

Sie atmete tief ein und wünschte, es würde tatsächlich dazu kommen. Sie hatte immer Polo spielen wollen, aber leider hatte es sich nie ergeben. In Kalifornien hatten ihr Geländeritte und Springreiten viel Spaß gemacht.

Aber wenn sie tatsächlich wieder in Singapur waren, würde James ja wissen, wer sie wirklich war. Und wenn ihr Plan Erfolg hatte, würde er sie sogar hassen. Aus dem gemeinsamen Polosport würde also kaum etwas werden.

Eigentlich eine Schande, dass James ausgerechnet ihr Feind sein musste. Wie viele gemeinsame Dinge hätten sie sonst unternehmen können!

Nach dem Frühstück gingen sie zu den Stallungen, einem langen Gebäude mit elegantem Schieferdach. Große wundervolle Pferde schauten neugierig aus ihren frisch gestrichenen Boxen. „Du hast aber viele Pferde!“

„Acht.“ Er schritt über den Kiesweg. „Das ist mehr als genug für Mick.“

„Ist er der Pferdepfleger?“

„Der Trainer. Er reitet sie jeden Tag. Der Chef der Pfleger ist Toby.“

Sogar die Ställe waren eine topgepflegte, funktionierende Einheit für sich! Welch unbeschreiblicher Luxus …

„Am besten, du reitest Taffy.“ Er wies auf einen großen Grauschimmel mit seelenvollen Augen.

„Sie sieht freundlich aus.“ Ihr Halfter und die Führleine hingen neben der Tür. „Darf ich sie rausführen? Oder gibt es auch dafür Personal?“

James lachte. „Führ sie raus. Striegeln und Aufsatteln mache ich immer selbst. So kriegt man gleich mit, in welcher Stimmung ein Tier ist.“

Taffy senkte den Kopf und ließ sich problemlos das Halfter anlegen. Beim Verlassen des Stalles klapperten die Hufe nicht auf dem Kiesboden.

„Ist sie unbeschlagen?“, fragte Fiona überrascht.

„Ja. Keines meiner Pferde trägt Eisen; die Hufe werden lediglich regelmäßig gepflegt. Das verbessert das Gefühl für den Untergrund und ist gesünder. Manche Leute schütteln darüber den Kopf, aber das Lachen vergeht ihnen spätestens, wenn eines von ihren Pferden bei der Jagd ein Hufeisen verliert.“

Fiona blinzelte. Dieser James Drummond steckte voller Überraschungen. Dass er sich solche Gedanken um das Wohlergehen seiner Tiere machte, hätte sie nie vermutet.

„Warte, ich bringe dir, was du zum Striegeln brauchst. Du kannst sie hier festmachen.“ Er wies auf einen Metallring, der vom vielen Benutzen glänzte.

Außerhalb ihres Stalles sah Taffy noch größer aus. Fiona ließ sie an ihrer Hand schnuppern.

James brachte einen eleganten Holzkasten mit Putzzeug. Und einen ungewöhnlich großen, lebhaften Braunen mit geblähten Nüstern. „Der arme Dougal hat jetzt fast einen Monat im Stall gestanden; kein Wunder, dass er vor Freude ganz ausgelassen ist.“

Fiona riss die Augen auf. Dieses ungebärdige Tier wollte er reiten? „Ein schöner Hengst. Wie suchst du deine Pferde aus?“

„Rein nach Instinkt. Meistens kaufe ich sie schon als Fohlen. Ein guter Freund züchtet sie und überredet mich mindestens ein Mal im Jahr zu einem Besuch.“

Ganz offensichtlich waren die Tiere an diesem Tag bereits gestriegelt worden, denn auf Taffys glänzendem Fell war kein Staubkorn zu sehen. Fiona strich mit einer weichen Bürste darüber. Ein junger Mann mit Sattel und Zaumzeug erschien. „Lassen Sie mich für Sie satteln, Ma’am.“

Fiona nickte, denn sie vermochte nicht einmal über den Rücken der Stute zu sehen. Das Zaumzeug allerdings legte sie selbst an. Dann brachte der Stallbursche eine Holztreppe als Aufsteigehilfe.

Aus der Traum also, dass womöglich James ihr dabei behilflich sein würde …

Was ist nur los mit mir! schalt sie sich selbst. Sie durfte nicht vergessen, weshalb sie hier war. Egal, wie schön James’ Pferde und sein Schloss auch sein mochten – er selbst war ein kalter und grausamer Mann, der sein Geld auf Kosten anderer verdiente …

Während sie sich selbst davon zu überzeugen versuchte, schwang sie sich in den Sattel. Selbst jetzt fiel es ihr noch schwer, ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten als auf James in seinen Reithosen.

Unbeeindruckt davon, dass eine ihr unbekannte Person sie ritt, folgte Taffy ruhig und gelassen James auf seinem schnaubenden Ross. Über die gekieste Oberfläche des Hofes ging es zu einem Weg zwischen hohen Steinwänden, dann durch ein großes Tor und hügelabwärts durch ein kleines Wäldchen.

Immer wieder fragte James Fiona, ob sie klarkam. Anscheinend glaubte er nicht, dass sie wirklich reiten konnte, und fürchtete jetzt, dass sie jeden Moment überfordert reagieren würde. Er machte sich Sorgen um sie! Wie passte dieses rücksichtsvolle Verhalten zu seiner angeblichen Skrupellosigkeit?

Absichtlich ließ sie sich nichts von ihren Reitkenntnissen anmerken. Sie kicherte sogar und ließ die Zügel locker, als Taffy den Kopf senkte, um an einem Grasbüschel zu knabbern. Nach einiger Zeit im Schritt, in der sie die malerische Aussicht auf das Schloss genossen hatten, waren die Pferde warm. Und Fiona hatte ein Gefühl für die freundliche Stute.

Als sie noch ein Tor passiert hatten, lagen weite Wiesen und Felder vor ihnen – fast wie eine Rennstrecke. „Sollen wir sie mal laufen lassen?“, fragte sie unschuldig.

„Ähm …“ James zögerte. Klar, sie musste auf Taffy ziemlich klein wirken, denn auf einem größeren Pferd hatte sie definitiv nie gesessen. „Na gut, okay“, sagte er schließlich. „Dann reite du voraus.“

Kein Zweifel, damit er ihr helfen konnte, wenn ihr etwas zustieß. Insgeheim lächelte sie, als sie an ihm vorbeiritt. Dann nahm sie die Zügel kürzer und ritt einen gemäßigten Trab. Als sie sich darauf verlassen konnte, dass die Stute auf ihre Hilfen reagierte und verstand, was sie wollte, setzte sie sich tiefer in den Sattel und verstärkte den Schenkeldruck. Wie erwartet wechselte Taffy exakt und sauber die Gangart. Sie fiel erst in einen lockeren Galopp, dann wurde sie schneller. Fiona erhob sich leicht im Sattel, und Taffy zeigte, was sie konnte.

Dass Fiona beinahe von Ohr zu Ohr grinste, hatte nichts mit James zu tun. Vielmehr lag es am atemberaubenden Tempo, dem Wind in ihren Haaren und der vorbeifliegenden Landschaft … Es war einfach nur herrlich!

4. KAPITEL

James hatte einen geruhsamen Ausritt geplant. Dougal hatte er ausgewählt, weil sich der Hengst gerade von einer Sehnenverletzung erholte und erst langsam wieder bewegt werden durfte. Fiona war zierlich, und nur weil sie in ihrem Leben ein paarmal am Strand entlanggeritten war, hieß das noch lange nicht, dass sie ein Pferd auch wirklich beherrschte.

Es sah ziemlich gefährlich aus, wie sie da auf Taffy saß. Der Körperbau der Stute war ebenso mächtig wie ihr Wesen sanft.

In ihren engen Jeans und den weißen Designerschuhen war Fiona gekleidet wie für einen Spaziergang an einem exklusiven Hafenkai. Aber sie lächelte – und kam auf dem Pferderücken erstaunlich gut zurecht.

Zunächst hielt er das langsame Tempo durch – was mit Dougals Ungeduld nach der langen Verletzungspause nicht ganz einfach war.

Dann sprengte Fiona davon. Während er mit Dougal zügelte, der mitrennen wollte, aber noch nicht durfte, sah er ihr verblüfft nach. Der Hengst wurde immer wilder und ließ sich kaum noch bändigen.

Volle fünf Minuten versuchte James, das Tier zu bändigen, da hörte er Taffy zurückkommen. Fast sicher, dass Fiona gestürzt war, blickte er auf. Doch zu seiner Überraschung saß sie fest im Sattel.

„Du lebst“, stieß er hervor. Ihre Wangen waren gerötet. Taffy schnaubte und streckte den Kopf nach unten.

„Ich habe mich verliebt.“

„Wirklich?“ Er blinzelte, während er weiter versuchte, den Hengst zu bändigen.

Fast hätte er Fiona zugerufen, dass er sie auch liebte. Der Kuss fiel ihm wieder ein, was die Sache nicht einfacher machte. Die Dinge konnten nicht verrückter werden! Fiona war wie ein frischer Wind in seinem so eingefahrenen Leben.

„Ein Pferd wie Taffy gibt es nur ein Mal unter Tausenden. Sie reagiert auf jedes Wort und jede noch so kleine Hilfe.“

Er lachte. Okay. Also war nicht er es, dem ihre Liebe galt. Eigentlich schade. „Ich weiß. Darum habe ich sie ja für dich ausgesucht. Und wenn man etwas Falsches sagt oder tut, ignoriert sie es einfach. Wobei … du scheinst recht sicher im Sattel zu sitzen.“ Er betrachtete die Stute und ihre Reiterin. Fiona saß elegant auf dem großen Tier, hielt die Zügel locker und wirkte völlig entspannt. „Ich muss zugeben, ich habe dich unterschätzt.“

„Habe ich gemerkt.“ Sie lachte. „Du hast gedacht, ich falle schon beim Traben runter, stimmt’s?“

„Ja.“ Er grinste. „Aber so war es zum Glück nicht. Übrigens, Dougal muss sich von einer Sehnenverletzung erholen, darum können wir nicht mitgaloppieren.“

„Vielleicht ein andermal.“ Sie hob das Kinn und sah entzückend aus – sogar mit der typischen Reitkappe aus schwarzem Samt, die nicht vielen Menschen stand.

„Unbedingt.“ Er konnte den nächsten Tag kaum erwarten. „Aber im Moment ist es für Dougal das Beste, wir traben gemächlich.“

„Okay“, erwiderte sie und trabte an.

Fasziniert betrachtete er ihre wohlgeformte Rückseite, während sie leicht trabte. Dabei kam er sich selbst vor, als würde ihm die Zunge aus dem Hals hängen … Fiona Lam war anders als erwartet. Wie das zu bewerten war, wusste er noch nicht. Jedenfalls hatte er sich auf Anhieb zu ihr hingezogen gefühlt. In den wenigen Stunden, die sie seitdem gemeinsam verbracht hatten, war daraus kaum noch zu bändigende Lust geworden.

Bestimmt war sie eine gute Partnerin, intelligent und vernünftig. Dass sie sowohl in Singapur als auch in Amerika zu Hause war, empfand er als ausgesprochen reizvoll. Vor allem in geschäftlicher Hinsicht, denn sie überbrückte gewissermaßen die beiden Kulturen, in denen er beruflich tätig war. Bisweilen kam es ihm so vor, als wenn sein ausgesprochen britischer Hintergrund eher von Nachteil war. Manchmal, wenn er die Ansichten anderer Menschen nicht verstand, kam ihm der Gedanke, dass er im Grunde seines Herzens eben doch kein Kosmopolit war.

So gesehen war Fionas Besuch ein Segen.

Am besten würde er sicherstellen, dass das Pokalstück nicht zu schnell auftauchte. Andererseits würden sie es vermutlich sowieso nicht finden. Vielleicht war es längst eingeschmolzen – oder es hatte als Zielscheibe für Schießübungen gedient. Wenn sie es wider Erwarten doch fanden, würde er sich etwas anderes überlegen müssen, damit Fiona noch länger blieb. Bisher jedenfalls schien sie sich hier sehr wohlzufühlen.

Sie ritt langsamer, damit er sie einholen konnte. „Ich verstehe dich nicht“, sagte sie. „Obwohl du es jeden Tag so schön haben könntest, ziehst du es vor, in einer dicht bevölkerten asiatischen Metropole zu leben.“

„Ich muss verrückt sein.“

Er hatte schon öfter Frauen mit nach Schottland genommen – die meisten von ihnen waren ganz wild darauf gewesen, das Schloss und die Ländereien zu sehen –, aber wirklich genossen hatte keine von ihnen den Aufenthalt. Entweder fanden sie das Wetter zu windig und zu nass oder beschwerten sich darüber, dass das nächste Shoppingcenter zu weit entfernt war, was auch stimmte. Fiona dagegen tauchte regelrecht ein in die besondere Atmosphäre dieses Ortes.

„Ja, allerdings. Aber das ist schon okay so. Ist nicht jeder auf seine Art verrückt?“ Sie grinste. „Allmählich wird mir bewusst, dass ich die letzten fünf Jahre meines Lebens mit nichts als Arbeit verbracht habe. Wurde Zeit, dass ich mal richtig tief durchatme.“

„Das hast du verdient.“ Tatsächlich hatte sie in dieser Zeit mehr Geld gemacht als andere Leute in ihrem ganzen Leben.

„Ja, stimmt eigentlich“, bestätigte sie nachdenklich. „So habe ich das noch gar nicht gesehen. Bisher habe ich mich wie ein Faulpelz gefühlt, weil ich noch nicht an meinem nächsten Projekt arbeite.“

„Glaub mir, ich weiß, wie das ist. Ich habe mir seit vielen Jahren keinen Urlaub mehr gegönnt.“ Jede seiner Reisen hatte irgendeinen geschäftlichen Hintergrund gehabt.

„Anscheinend haben wir sehr viel gemeinsam.“

„Ja.“ Wie ein plötzlicher Wind von den Bergen entstand jähe Sehnsucht zwischen ihnen.

Wieder ließ ihm der Gedanke an den Kuss keine Ruhe. Was, wenn sie sich in dieser Nacht lieben würden? Wäre das so schlimm? Immerhin kannten sie sich schon seit über vierundzwanzig Stunden und hatten bereits unter einem Dach geschlafen.

„Warum lachst du?“, fragte sie. Ihre Augen funkelten, und ihr Haar wehte leicht unter der Reitkappe.

„Keine Ahnung, muss an der frischen Luft liegen. Ich fühle mich wie betrunken.“ Ja, das stimmte, er fühlte sich beschwingt wie seit Langem nicht mehr. Vor ihm eröffneten sich tausend Möglichkeiten. Hatte er die richtige Frau zum Heiraten gefunden? Natürlich verband ihn nicht Liebe oder etwas ähnlich Dramatisches mit ihr. Um seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, war er viel zu vernünftig. Anders als mit einem kühlen Kopf ließ sich wohl kaum ein geschäftliches Imperium führen. Aber auch bei klarem Verstand erschien ihm ein Leben mit Fiona als sehr vielversprechendes Projekt.

„So geht es mir auch.“ Feiner Sprühregen glänzte auf ihren Wangen. Im Unterschied zu vielen anderen Frauen genoss Fiona dieses Wetter. Sie warf den Kopf zurück und ließ sich vom feuchten Nebel küssen.

Küssen! Das war es, was er wollte. Und zwar so bald wie möglich. „Machen wir uns auf den Rückweg. Für Dougal reicht es heute.“

„Ja, gut. Ich kann’s gar nicht erwarten, mehr vom Schloss zu sehen – jetzt, wo ich ausgeschlafen bin und wieder klar denken kann. An gestern erinnere ich mich kaum.“

Fast hätte er gelacht. An den Kuss erinnerte er sich so gut, dass er ihn fast noch schmeckte. Wollte sie ihn glauben machen, dass sie vom langen Flug und Schlafmangel so durcheinander gewesen war, dass sie nicht mitbekommen hatte, was passiert war? Seltsamerweise stachelte diese Vorstellung den Wunsch, sie zu verführen, weiter an. Außerdem war es ihm immer schon schwergefallen, einer Herausforderung zu widerstehen. „Ich wünschte, wir könnten uns auf dem Heimweg ein Rennen liefern.“

„Das ich gewinnen würde“, ergänzte sie selbstbewusst.

„Ich kenne die Pferde besser als du. Woher willst du wissen, dass ich dir nicht das langsamere gegeben habe?“

„Hast du mit Sicherheit. Aber ich würde trotzdem gewinnen.“

„Und wie?“ Dougal wurde wieder unruhig – als ob auch er es nicht erwarten konnte, sich zu beweisen.

„Mit Entschlossenheit.“

Er lachte. „Das sollten wir ausprobieren.“

„Ich freu mich drauf.“

Er sich auch! Sie glaubte, dass sie ihn schlagen konnte – aber nur, weil er ihr die Chance gegeben hatte, sich diese irrige Meinung zu bilden. Niemand besiegte James Drummond – es sei denn, dass er es aus strategischen Erwägungen so einfädelte. Wenn er Fiona gewinnen ließ, dann aus Gründen, die sie nie erraten würde.

Was sie wohl dazu sagen würde, dass er bereits ihre gemeinsame Hochzeit plante? Eine große Feier in der alten Kapelle auf seinem Anwesen, mit Gästen aus aller Welt. Dann eine pompöse Party in Singapur, um Geschäftspartner zu beeindrucken. Er würde alles organisieren wie ein Businessprojekt. Fiona Lam würde gar nicht wissen, wie ihr geschah.

Wie herrlich dieser morgendliche Ausritt gewesen war! Fiona konnte kaum den nächsten Tag erwarten. Und doch mischte sich in ihre Freude Traurigkeit – darüber, dass dieses Abenteuer, die kurze Affäre mit James, nicht von langer Dauer sein würde. Für ein paar Minuten hatte sie sich auf dem Rücken ihres mächtigen Pferdes vorgestellt, wie es wäre hierherzugehören. Natürlich war dabei die Fantasie mit ihr durchgegangen, denn sie, Fiona, entsprach wohl kaum der Vorstellung von einer schottischen Lady. Und die Menschen hier würden nicht sehr begeistert sein, wenn eine Frau, die nicht aus einem Adelshaus stammte, ihren Gutsherrn für sich gewann.

Beinahe hätte sie gelacht. War es das, was sie wollte? Den Gutsherrn für sich gewinnen? Niemand würde je davon erfahren. Sie würde die Fabrik zurückbekommen und dann ans andere Ende der Welt verschwinden. Außerhalb der Wirtschaftsmetropole Singapur würde nichts davon bekannt werden. James würde die Niederlage verwinden – und auch an sie selbst würde er kaum noch denken.

Sie schluckte. Wie seltsam, das Ende der Geschichte schon zu kennen, noch bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte …

Den Nachmittag verbrachten sie in den älteren Teilen des Schlosses, schritten durch hohe Hallen und schauten in kleine Zimmer mit Steinboden und verputzten Wänden. „Wo sind denn die ganzen Sachen?“

„Welche Sachen?“ James trug jetzt dunkle Hosen und ein dezent gestreiftes Hemd, in dem er noch aristokratischer wirkte.

„Möbel, Ziergegenstände …“

„Wahrscheinlich alles verspielt oder verkauft. Entweder von meinen Vorfahren oder von den Leuten, die das Anwesen zwischenzeitlich besessen haben.“

„Eigentlich schade.“ Das Zimmer, in dem sie sich gerade befanden, wurde durch ein einziges hoch angebrachtes Fenster erhellt und wirkte damit fast wie eine Gefängniszelle. „Die Sachen sind doch Teil eurer Familiengeschichte.“

„Ob die Sachen noch da sind oder nicht, ändert nichts an der Vergangenheit.“ Er wies auf einen dunklen Fleck an der Decke. „Hier hat vielleicht jemand gesessen und bei Kerzenlicht gelesen.“

„Oder genäht.“

„Oder hier wurden die letzten Ersparnisse verspielt.“ Er grinste jungenhaft.

„Oder Rachepläne geschmiedet.“

„Oder Liebe gemacht.“ Nachdenklich sah er sie an.

„Dafür braucht man kein Licht“, sagte sie ruhig. Die Luft schien förmlich zu knistern.

„Stimmt. Nur eine weiche Unterlage.“ Ein Lächeln spielte um seinen Mund.

„Nicht einmal das.“ Sie versuchte, cooler zu erscheinen, als sie tatsächlich war. In Wahrheit schlug ihre Fantasie Purzelbäume: James Drummond, wie er halb nackt auf dem Steinboden lag und ihren Namen flüsterte. James Drummond, wie er ihr ins Ohr stöhnte und sie leidenschaftlich gegen die Wand drückte … „Vielleicht waren deine Vorfahren in solchen Dingen großzügiger?“

James kam auf sie zu und küsste sie, dass ihr Hören und Sehen verging.

Er schmeckte wundervoll – nach feinem schottischen Whisky –, obwohl sie nicht einmal einen Tropfen zum Mittagessen getrunken hatten.

Auf eine sehr romantische Art hielt er sie in den Armen, diesmal ohne sie zu streicheln – leider. Sie grub die Finger in seinen Rücken, weil sie sie ansonsten nicht hätte stillhalten können.

Als er den Kuss beendete, schlug sie die Augen auf und blinzelte ins Licht, das durch das hohe Fenster drang. „War das jetzt eine historische Inszenierung?“, fragte sie, um überhaupt etwas zu sagen. Die Spannung zwischen ihnen war kaum noch zu ertragen.

„Das Vergangene ist Geschichte, aber die Zukunft beginnt früher, als man denkt.“ Er neigte den Kopf und sah sie mit leicht zusammengekniffenen Augen an.

Sie wusste nicht, was sie mehr wünschte: sich von ihm zu lösen oder ihn im Gegenteil fester an sich ziehen. Überhaupt … was tat sie da? Wohin würde das führen? Wohl kaum zu etwas Gutem …

Doch! widersprach etwas Dunkles, Egoistisches und Lustbetontes in ihr, zunächst einmal in James’ Bett …!

In letzter Zeit war sie geschäftlich so eingespannt gewesen, dass sie kaum noch Freundschaften gepflegt hatte. Die Werbung im Vorfeld des Verkaufs von Smileworks hatte ihr einige ihrer ältesten und besten Freunde entfremdet; und der Umstand, dass sie mehr Geld dafür bekommen hatte als in ihren kühnsten Träumen, war nicht dazu angetan, die Sache besser zu machen.

Wieder blinzelte sie. James sah besser aus, als für ihn oder seine weiblichen Fans gut war. Wie sollte eine Frau in seiner Nähe cool bleiben?

Am liebsten hätte sie ihrem Dad schlichtweg Geld für eine neue Fabrik gegeben. Aber sie kannte ihn: Ein solcher Vorschlag würde ihn nur wütend machen. Er würde sich gegängelt und in seinem Stolz gekränkt fühlen.

Doch sie störte dieser Stolz nicht, für den er bekannt war, denn sie wollte ihn glücklich machen. Und ebendiesen Stolz hatte sie von ihm geerbt, zusammen mit diversen anderen Eigenschaften …

„Und, was bringt die Zukunft?“, fragte sie und blickte zu ihm auf.

„Spekulieren liegt mir nicht.“ Mit seinen dunklen Augen schien er direkt in ihre Seele zu blicken. „Ich sehe nur, was ich in diesem Moment vor mir habe.“

Dann küsste er sie wieder, härter als zuvor. Hinter ihren geschlossenen Augenlidern tanzten Sternchen – eine reine Frage der sexuellen Anziehungskraft, wie sie sich selbst versicherte, nichts weiter. Unabänderlich brach sich ein Gefühl intensiver Lust Bahn – ebenfalls nur sexuelle Anziehung. Und die war auch der einzige Grund, warum sie die Finger plötzlich tiefer wandern ließ – bis zu James’ Gürtel. Den sie natürlich auf keinen Fall öffnen würde.

Und auch seine Kehrseite, die sie während des Ausrittes so ausgiebig bewundert hatte, würde sie selbstverständlich niemals berühren.

Er verführte sie bewusst! Mit den Lippen zog er eine Spur von Küssen über ihre Wangen und den Hals. Die Haut fühlte sich immer heißer an. Gleichzeitig streichelte er jetzt sanft ihren Rücken.

Als er sich an sie presste, spürte sie das Ausmaß seiner Erregung.

„Stopp!“ Fiona hatte den Kuss beendet – unter Aufbietung all der Selbstbeherrschung, zu der sie noch fähig war.

„Das meinst du doch nicht wirklich“, widersprach James und sah sie amüsiert an.

Und damit traf er leider genau ins Schwarze. „Wir kennen uns doch kaum. Ich bin hier als deine Gefangene – ich meine, als dein Gast –, und alles geht viel zu schnell.“

„Meine Gefangene?“

„Ein Freudscher Versprecher, sorry.“ Sie hob den Kopf, um mit James auf Augenhöhe zu sein. Warum musste er nur so groß sein? Dabei maß sie doch selbst mehr als einen Meter siebzig! „Aber es stimmt doch, so einfach komme ich nicht von hier weg.“

„Umso besser.“ Noch immer hielt er sie an der Taille umfasst.

„Behandelst du deine Gäste immer so?“ Es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass er mit ihr umging wie mit einem Spielzeug. Und noch weniger gefiel ihr, dass sie so heftig und unausweichlich darauf ansprach. Aber ihre Gefühle für ihn ließen sich eben nicht einfach so abstellen.

„Nur wenn sie so schön sind wie du.“

„Dann hast du deinen Ruf nicht umsonst!“

Sie spürte, wie er erstarrte. Oje, jetzt hatte sie zu viel verraten! Er sollte doch denken, dass sie nichts über ihn wusste!

„Wie meinst du das?“, hakte er nach.

„Ich habe mich eben umgehört, bevor ich einem Fremden Tausende von Meilen folge.“

„Aber trotzdem bist du hier.“

„Ich habe keine Angst vor einem … Casanova.“

Er lachte. „Vor einem Casanova? Sind wir im achtzehnten Jahrhundert oder was?“

„Dann sagen wir … Frauenheld.“

Er grinste. „Ich glaube nicht, dass das schon mal jemand zu mir gesagt hat. Ich bin kein Playboy, wenn du das meinst. Ich habe immer nur mit einer Frau gleichzeitig eine Beziehung.“

„Und warum hast du nie geheiratet?“ Sie konnte nicht widerstehen, ihn noch einmal zu fragen. Inzwischen hatte er sie losgelassen, sodass sie wieder frei atmen konnte. „Ich weiß schon, du hast gesagt, dass du nie die Richtige getroffen hast. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, da steckt mehr dahinter.“

Er runzelte die Stirn. „Es hat sie gegeben, die Richtige.“

Einen Moment hingen die Worte in der Luft, dann wandte er sich um und ging zur Tür.

Fiona beeilte sich, ihm zu folgen. Plötzlich begriff sie: Das, was damals geschehen war, war der Schüssel zu seinem Herzen. Hatte diese Frau ihn gnadenlos fallen gelassen? War sie mit seinem besten Freund durchgebrannt?

Klopfenden Herzens lief sie hinter ihm den Gang entlang. James eilte voraus, immer tiefer in die ungenutzten Teile des Schlosses vordringend. „Wohin gehen wir?“, fragte sie.

Doch er, offenbar tief in Gedanken versunken, antwortete nicht.

Fiona wusste, dass sie jetzt nicht lockerlassen durfte. „Wer war sie?“

Der lange Gang führte zu einer Steintreppe. James stieg hoch, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm. „Ihr Name war Catriona.“

„Klingt schottisch.“

„War sie auch.“ Er war oben angelangt und verschwand aus ihrem Blickfeld.

Fiona strengte sich an, ihn einzuholen. „War? Ist sie tot?“, fragte sie, ohne einen Moment daran zu denken, dass es wirklich so sein könnte.

„Ja. Dieses Wochenende werden es siebzehn Jahre.“

„Das tut mir leid“, sagte sie tief betroffen.

„Warum? Du hast sie ja nicht umgebracht.“ Er wandte sich um und sah ihr in die Augen. „Ich war es.“

Sie schluckte. War sein Ruf als skrupelloser Geschäftsmann nur ein müder Abklatsch dessen, wozu James Drummond tatsächlich fähig war? Und sie war ganz allein mit ihm in den schottischen Highlands. Nicht einmal ihren Freunden hatte sie davon erzählt.

Aber etwas in ihr sagte ihr, dass sie ihm trotz allem trauen konnte. Und dass sie die Arme um ihn schlingen und ihn trösten sollte, was sie aber nicht wagte. Ja, James Drummond litt unter einer schweren emotionalen Last, und das seit vielen Jahren! „Was ist passiert?“, fragte sie sanft.

„Es war ein Autounfall.“

„Oje.“ Irgendwie fühlte sie sich erleichtert, dass es nicht um etwas noch Tragischeres ging. „Und du bist gefahren?“

„Ja. Woher weißt du das?“

„Habe ich geraten. Weil du dich schuldig fühlst.“

„Bin ich auch. Ich hätte den Unfall verhindern müssen.“

„Ist es hier in der Nähe passiert?“ Sie bemerkte, dass sie die Arme um sich geschlungen hatte.

„Nur eine halbe Meile vom Dorf entfernt.“ Aufgewühlt fuhr er sich durch die Haare.

Fiona wünschte inständig, dass er von sich aus weitersprach, damit sie nicht noch mehr unsensible Fragen zu stellen brauchte.

„Es war spätnachts nach einer Party. Ich wollte Catriona nach Hause fahren, zu ihren Eltern.“

Ein Mädchen von hier. Das überraschte sie. Irgendwie hatte sie angenommen, dass James Drummonds Freundinnen aus mondäneren Orten kamen. „Habt ihr euch lange gekannt?“

„Unser ganzes Leben lang.“ Tief atmete er ein. „Natürlich waren wir die meiste Zeit im Internat, aber in den Ferien haben wir so viel Zeit wie möglich miteinander verbracht. Ihr Vater ist hier niedergelassener Arzt. Morgens, vor seinen Besuchen, hat er sie immer hergebracht und sie abends wieder abgeholt. Wir sind geritten oder haben über Bücher diskutiert.“

„Klingt nach enger Freundschaft.“

„War es auch. Und später, im Teenageralter, wurde mehr daraus.“

„Sie war deine erste Liebe, stimmt’s?“

„Meine einzige“, antwortete er schnell. Gerade noch hatten sie sich geküsst, und nun war ein Graben zwischen ihnen aufgerissen, von dem sie nicht wusste, wie er überwunden werden konnte. „Ich habe sie geliebt.“

Sie standen auf einem Treppenabsatz zwischen zwei Stockwerken und sahen hinaus auf dunkle Hügel und üppig grüne Wiesen, auf denen Schafe weideten.

„Und danach hast du dich nie wieder verliebt?“

Er zögerte. „Ich bin nie wieder einer Frau so nahegekommen. Aber vielleicht bin ich jetzt wieder bereit, nach vorn zu schauen.“

Fiona erschrak. Spielte er damit womöglich auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr an, obwohl sie sich kaum kannten? Nachdem er siebzehn Jahre lang getrauert hatte?

Schuldbewusst wurde ihr klar, dass sie sich um James’ Gefühle keinerlei Gedanken gemacht hatte – weil sie angenommen hatte, dass er keine besaß!

Oder sie interpretierte zu viel in diese Situation hinein. Immerhin konnte es auch sein, dass er sie rein zur Unterhaltung hierhergebracht hatte, während er unbeirrt seine Suche nach einer passenden Frau und Schlossherrin vorantrieb – die sicher groß und blond sein musste, mit aristokratischen Gesichtszügen und einem Stammbaum, der bis in die Bronzezeit zurückreichte. Jedenfalls würde seine Wahl kaum auf eine zierliche kalifornische Aufsteigerin fallen, die noch dazu Übles im Schilde führte.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Inzwischen war die Atmosphäre aufgeladen wie vor einem Sturm – und das, obwohl der Himmel völlig klar und ruhig war.

„Das ist gut“, sagte sie etwas lahm. „Nach so langer Zeit.“ Das klang ja, als hoffte sie für sich selbst!

„Sagen meine Freunde auch. Aber manchmal fühlt es sich an, als wäre es erst gestern gewesen. Vor allem wenn ich hierher zurückkomme.“ Er ging die Treppe weiter nach oben.

Wieder folgte sie ihm. „Darum kommst du nicht gern her, stimmt’s?“

„Ja.“

Also fand er sein Schloss mit der wundervollen Landschaft gar nicht langweilig und abgelegen, sondern es barg einfach zu viele Erinnerungen, mit denen er nicht fertig wurde. „Ich bin mir sicher, Catriona würde auch wollen, dass du nach vorne schaust.“ Sie wusste selbst nicht, warum sie das sagte. Um zu trösten?

Er wandte sich ihr zu und runzelte die Stirn. Dann lachte er. „Woher willst du das wissen?“

Sie fühlte sich verletzt, wie ins Gesicht geschlagen. „Wenn sie dich geliebt hat, würde sie wollen, dass du glücklich wirst.“

Schweigend ging James weiter die Treppe hinauf. Im wie vielten Stockwerk befanden sie sich inzwischen? Sie kamen zu einem weiteren Treppenabsatz, wo James eine schwere Holztür entriegelte. Die Tür öffnete sich nach außen, und helles Tageslicht strömte herein.

Sie atmete tief ein und folgte James auf eine Art Plattform hoch über der umgebenden Landschaft.

„Damit hast du natürlich recht.“ Der Wind trug seine Worte fort. „Sie wäre mit meinem Verhalten nicht einverstanden gewesen.“

„Wie meinst du das?“

„Dass ich nichtsahnende Frauen in dem Glauben lasse, ich sei ein ganz gewöhnlicher Mann, der sie glücklich machen will.“ Er blinzelte zum Horizont, wo sich die dunklen Hügel gegen den hellen Himmel erhoben. Darunter breiteten sich Wiesen aus wie ein sattgrüner Teppich. „Um sie dann, sobald sie ein Anzeichen von Gefühl zeigen, zu verlassen.“

Fiona schluckte. Jedenfalls versuchte er nicht, seine Vorzüge herauszustellen. Was vermutlich bedeutete, dass er kein Interesse an ihr hatte, das über Küssen und Streicheln hinausging. Nur … wieso enttäuschte sie das? Eigentlich konnte es ihr doch egal sein!

„Und wie kommt es, dass du jetzt anders empfindest?“, fragte sie – und riskierte damit, noch mehr verletzt zu werden. Sie verstand noch immer nicht, warum er sie hierhergebeten hatte. Dass es ihm tatsächlich um den Pokal ging, glaubte sie nicht wirklich, denn viel Interesse dafür zeigte er nicht.

Anders als sie erwartet hatte, verhärteten sich seine Züge. Die hohen Wangenknochen, die edle Nase und das stolze Kinn bildeten eine eindrucksvolle Silhouette vor dem hellen Himmel. „Für mich wird es Zeit zu heiraten. Ich brauche einen Erben.“

Fiona blieb die Luft weg. Sie straffte die Schultern und atmete erst einmal tief ein. Offenbar spielte er mit ihr, denn es war ausgesprochen rüde, sie erst zu küssen und ihr dann zu erzählen, dass er eine andere heiraten wollte. Fragend zog sie die Augenbrauen in die Höhe. „Und, gibt es schon eine Frau, die dafür infrage kommt?“

Er sah ihr in die Augen, und zu ihrem Riesenschreck erkannte sie, wie aufgewühlt er war. „Ja“, erklärte er. „Die gibt es.“

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