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Unverhofftes Wiedersehen

Johanna Theden

Unverhofftes Wiedersehen

1. KAPITEL

Robert war sprachlos vor Entsetzen: Gerade hatte Eva ihm gesagt, dass sie sich trennen mussten.

„Was glaubst du denn, wie es unter diesen Umständen mit uns weitergehen soll?“, fragte sie traurig. Sie würde das Kind, das sie von ihm erwartete, in jedem Fall behalten. Und ihm machte diese Schwangerschaft so viel Angst, dass er sich nicht darauf einlassen konnte.

„Vielleicht ist es wirklich das Beste, wir trennen uns …“, meinte er tonlos.

„Mehr fällt dir dazu nicht ein?“, erwiderte sie verletzt, sah dann jedoch, wie angespannt und unglücklich er wirkte. „Denkst du etwa, ich will dich erpressen?!“ Ihr Blick war flehentlich. Doch Robert war einfach nicht in der Lage dazu, über seinen Schatten zu springen. „Du sorgst schon dafür, dass ich mir keine falschen Hoffnungen mache“, stellte sie voller Bitterkeit fest. Wieder gelang es ihm nicht, Einspruch zu erheben. „Ich weiß Bescheid.“ Nach einem letzten Blick zu Valentina, die friedlich im Stubenwagen schlief, verließ Eva das Zimmer. Robert schlug mit der Faust auf die Tischkante.

„Verdammt!“, fluchte er mit zusammengepressten Zähnen.

Robert kämpfte gar nicht um sie! Eva war vollkommen niedergeschlagen. Bedeutete sie ihm denn so wenig? Aber sie konnte das Kind doch nicht abtreiben, bloß, damit er sich keine Sorgen machte … Was sollte sie nur tun? Sie wollte sich doch gar nicht von Robert trennen. Sie liebte ihn doch!

In ihrer Not schüttete sie ihrem Bruder das Herz aus. Und Jacob konnte nicht fassen, dass Robert Saalfeld es tatsächlich in Kauf nahm, dass Eva sich von ihm trennte. Und dass er verlangte, sie solle das Kind abtreiben.

„Dass Robert ein ziemlicher Idiot sein kann, haben wir ja schon öfter erlebt“, stellte Jacob fest. „Und er wird erst noch lernen müssen, dass nicht immer alles nach seiner Nase läuft. Er wird es noch einsehen. Er muss es einsehen. Schließlich ist er nicht ganz dumm.“ Eva schniefte zwar noch ein bisschen, aber bei Jacobs letztem Satz huschte ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. „Klar macht ihm die Situation zu schaffen“, fuhr Jacob nun fort. „Sie erinnert ihn an seinen Verlust …“ Das konnte Eva nur bestätigen. „Deshalb musst du noch etwas warten, bis er dich auf Händen trägt. Dich und euer Baby.“

„Aber was, wenn er stur bleibt?“ Das war im Moment Evas größte Angst. „Wenn er lieber auf unser Glück verzichtet, als unser Baby zu akzeptieren?“

„Daran darfst du nicht einmal denken“, entgegnete Jacob entschieden und nahm sie beschützend in den Arm. „Was er da von dir verlangt, geht überhaupt nicht.“ Er bot an, sich Robert höchstpersönlich vorzuknöpfen, aber Eva rang ihm das Versprechen ab, nichts dergleichen zu tun. Wenn man Robert jetzt noch weiter unter Druck setzte, würde er völlig durchdrehen. Sie musste es irgendwie schaffen, die Situation allein zu regeln. Aber sie war so überfordert und verletzt. Und sie war schwanger!

Robert hatte sich unterdessen Nils Heinemann anvertraut. Die beiden Männer waren eigentlich zum Stockkampftraining verabredet gewesen, aber Robert war so angeschlagen, dass Nils ihn sofort fragte, was los war. Und auch er konnte nicht fassen, dass Eva und Robert sich getrennt hatten.

„Ihr liebt euch doch! Oder nicht?“ Robert nickte seufzend.

„Manchmal ist Liebe nicht genug“, meinte er dann. Nils verstand die Welt nicht mehr.

„Ihr bekommt ein Baby! Das ist doch super. Du solltest dich freuen!“ Er hielt Roberts Reaktion für vollkommen überzogen. „Du bist verrückt“, fand er. „Und irgendwie ist das total ungerecht.“ Er wünschte sich seit geraumer Zeit nichts mehr als ein gemeinsames Kind mit Tanja. „Und du? Du bekommst zum zweiten Mal ein Kind. Wieder von einer Frau, die du liebst. Und willst es nicht.“

„Was soll ich denn machen?“, brach es da aus Robert heraus. „Ich habe einfach Angst, dass sich alles wiederholt.“

„Das ist doch Quatsch!“, erwiderte Nils. Roberts Angst, dass auch Eva bei der Geburt sterben könnte, war doch völlig irrational.

„Jeder Tag, an dem ich ihren Bauch wachsen sehe, würde mich panischer machen“, flüsterte Robert verzweifelt. „Jeden verdammten Tag würde ich daran denken, dass ich am Ende wieder den Menschen verliere, den ich liebe. Ich würde wahnsinnig werden.“

„Und deshalb trennst du dich lieber von Eva?“ Nils konnte nur den Kopf schütteln über seinen Freund.“

„Sie will es so.“ Gequält starrte Robert in die Ferne. Nils konnte spüren, wie sehr er litt. Und er gab ihm den Rat, nicht so schnell aufzugeben. Mehr konnte er für seinen Freund im Augenblick nicht tun.

Werner war noch immer wie vor den Kopf geschlagen. Götz Zastrow hatte tatsächlich das Land auf dem Krendlinger-Hof mit Giftfässern verseucht – nur, um dem Senior zu schaden.

„Ich könnte diesen elenden Mistkerl erwürgen!“, rief Werner voller Wut, als er mit seinem Bruder über die vertrackte Situation sprach. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als die verseuchte Erde abtragen zu lassen. Und dass das unglaublich teuer werden würde, verstand sich von selbst.

Unglaublich teuer war dann noch untertrieben: Die Firmen, die darauf spezialisiert waren, vergiftete Böden abzutragen, machten Werner alle einen Kostenvoranschlag über eine viertel Million Euro.

„Das ist ja frech!“, fand André. „Die sollen doch nur ein bisschen Erde auf einen Laster schippen und weg damit.“ Aber ganz so einfach war es nicht. Messungen mussten durchgeführt, Bodenproben analysiert werden. Und die abgetragene Erde würde als Sondermüll gelagert werden müssen.

„Das ist ein Albtraum!“ Werner stöhnte auf und verbarg das Gesicht in seinen Händen. Er hatte keine Viertelmillion Euro. Und das wusste Götz Zastrow ganz genau!

Rosalie hatte Chandana gebeten, bei ihrer und Michaels Hochzeit zu singen. Und Chandana hatte der Geschäftsführerin das übliche Honorar dafür genannt: fünfzigtausend Euro. Natürlich war Rosalie nicht in der Lage, so viel Geld aufzubringen. Und die Sängerin dachte gar nicht daran, ihr finanziell entgegenzukommen. Nun saß Rosalie ernsthaft in der Klemme: Sie würde Michael erklären müssen, warum es nun doch nicht mit dem Auftritt des Stars klappen würde. Dabei hatte sie ihm gegenüber behauptet, der Brief, den Jacob Krendlinger ihr geschrieben hatte, wäre die schriftliche Zusage von Chandana gewesen …

In ihrer Not wurde Rosalie ungerecht und machte Jacob Vorwürfe. Mit seinem Liebesbrief habe er sie in große Schwierigkeiten gebracht. Natürlich ließ sich Jacob so etwas nicht zweimal sagen, sondern bestand darauf, die ganze Geschichte zu hören. Nach einem kurzen Zögern berichtete Rosalie ihm von der Lüge, die sie Michael wegen des Briefes erzählt hatte.

Danach saß die Geschäftsführerin angespannt im Büro. Sie wusste einfach nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Und da kam ausgerechnet Lena Zastrow und wollte mit ihr über eine Lesestunde im Blauen Salon sprechen! Lena arbeitete inzwischen ehrenamtlich in einem Altenheim im Dorf und las den Insassen dort regelmäßig vor. Und sie hatte sich gedacht, dass es den alten Leutchen sicher Spaß machen würde, einmal etwas anderes zu sehen. So war sie auf den Fürstenhof gekommen. Das Hotel würde ansonsten aber keine Arbeit mit dieser Veranstaltung haben. Doch bei Rosalie biss Lena mit dieser Anfrage auf Granit.

„Frau Zastrow, das ist ein Fünf-Sterne-Hotel und kein Altenheim!“, erklärte die Geschäftsführerin arrogant. „Unsere Gäste bezahlen viel Geld, um sich im entsprechenden Ambiente zu entspannen. Da würde sie die Ansammlung von so vielen vom Alter gezeichneten Leuten nur stören. Also Schluss. Keine Lesung. Ende der Diskussion.“ Die Herzlosigkeit, die sich in Rosalies Worten ausdrückte, machte Lena vollkommen sprachlos.

Aber Rosalie hatte wirklich andere Probleme. Am Nachmittag fasste sie sich ein Herz und stattete Michael einen Besuch in der Praxis ab.

„Ich muss dir was beichten“, begann sie. „Es wird dir nicht gefallen. Aber Chandana wird leider doch nicht auf unserer Hochzeit singen.“

„Aber du hattest doch eine schriftliche Zusage?!“, wunderte er sich.

„Schon …“ Sie wand sich unter seinem Blick. „Aber auf einmal verlangt sie viel mehr Geld, als wir vereinbart hatten.“

„Sie hat doch erst kürzlich in einem Interview anlässlich ihres Comebacks beteuert, es gehe ihr nicht ums Geld, sondern um die Kunst, um Liebe …“ Michael runzelte die Stirn.

„Alles Fassade“, behauptete Rosalie. „In Wirklichkeit ist sie kalt und berechnend.“

„Weißt du, was? Ich rede mit ihr!“ Das war nun das Letzte, was die Geschäftsführerin wollte.

„Bitte nicht“, erwiderte sie hektisch. „Das gibt nur Ärger. Und den kann sich das Hotel mit so einem Star nicht leisten.“ Dieses Argument leuchtete ihm natürlich ein. Also versprach er, sich zurückzuhalten. „Es tut mir so leid“, sagte sie nun bekümmert. „Ich weiß, wie sehr du dich auf sie gefreut hast.“

„Ach was.“ Tröstend zog Michael Rosalie auf seinen Schoß. „Ich brauche keinen überkandidelten Popstar auf meiner Hochzeit. Hauptsache, du kommst und sagst Ja.“ Liebevoll lächelte er sie an.

„Das werde ich.“ Rosalie versuchte, sich ihr schlechtes Gewissen nicht anmerken zu lassen.

Zur selben Zeit traf Chandana gerade im Stall ein, weil sie ausreiten wollte. Jacob hatte schon eines der schönsten Pferde des Fürstenhofs für die Sängerin gesattelt. Und nun nutzte er die Gelegenheit, Chandana noch einmal auf Rosalies Bitte anzusprechen.

„Frau Engel hat nicht genug Geld“, erklärte er. „Könnten Sie nicht vielleicht eine Ausnahme machen?“

„Es tut mir leid, das geht nicht“, antwortete die Popdiva freundlich. „Selbst wenn ich wollte.“

„Bitte … Frau Engels zukünftiger Mann ist wirklich ein sehr großer Fan von Ihnen.“ Jacob setzte seinen Dackelblick auf. Chandana musste lachen. Aber ihr waren wirklich die Hände gebunden.

„Ich kann bei der Gage nicht runtergehen. Mein Manager würde mir den Kopf abreißen.“ Jacob nickte und dachte dann eine Weile nach. Schließlich schlug er der Sängerin ein Wettrennen zu Pferde vor.

„Wenn ich gewinne, schenken Sie mir einen Auftritt.“

„Sie meinen, Ihrer Bekannten?“, korrigierte Chandana. Er bejahte. „Und wenn ich gewinne?“

„Dann …“ Er bedachte sie mit seinem charmantesten Lächeln. „Dann lade ich Sie zum Abendessen ein.“

„Das ist ja ein toller Preis“, gab sie trocken zurück. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie bei dieser Wette viel mehr gewinnen als ich …“

Lena hatte inzwischen beschlossen, dass sie sich von Frau Engel nichts verbieten lassen würde. Den alten Leutchen aus dem Heim würde sie mit einer Lesestunde im Fürstenhof eine solche Freude machen! Und die übrigen Gäste würden sich garantiert nicht daran stören.

„Frau Engel ist oft so“, meinte Hildegard, als sie von Lena hörte, wie sie von der Geschäftsführerin abgekanzelt worden war. „Hat wegen irgendetwas schlechte Laune, und der Erstbeste bekommt es ab.“

„Bestimmt haben Sie recht“, erwiderte Lena. „Frau Engel war einfach nur gestresst und hat mich gar nicht richtig verstanden. Ich nehme sie nicht ernst.“ Lena würde die Lesung trotzdem abhalten, ohne Erlaubnis. Hildegard schlug vor, dass sie sich an ihren Vater wenden sollte, um sich zumindest ein bisschen abzusichern. Aber Lena schüttelte nur den Kopf. Sie würde sich in dieser Sache nicht beirren lassen.

Als sich Eva und Robert nun wieder im Wohnzimmer begegneten, wussten sie nicht, wie sie miteinander umgehen sollten. Eva wollte schon in ihr Zimmer fliehen, aber er hielt sie zurück.

„Wie soll das jetzt eigentlich werden?“, fragte er. „Mit Valentina, meine ich.“ Verständnislos schaute sie ihn an. „Wenn wir beide nicht mehr … Dann …“ Eva wandte sich ab. Die Tränen waren ihr in die Augen geschossen. „Dann wirst du dich in Zukunft ja auch nicht mehr um Valentina kümmern wollen, oder?“

„Im Moment ist das alles etwas viel“, flüsterte sie überfordert. Die Möglichkeit, ihren Job als Nanny zu verlieren, hatte sie bislang noch nicht einmal in Betracht gezogen.

„Das verstehe ich.“ Robert nahm ihre Entgegnung als Bestätigung. „Dann ist es wohl das Beste, wenn ich mich so bald wie möglich um eine Nachfolgerin kümmere?“

„Tu, was du für richtig hältst …“ Mehr brachte Eva nicht mehr heraus. Eilig verschwand sie in ihrem Zimmer.

Rosalie und Michael spazierten Hand in Hand durch den Park und besprachen die Hochzeitsplanung. Da sahen sie in einiger Entfernung Jacob Krendlinger und Chandana – die beiden schienen bester Laune zu sein.

„Chandana wirkt doch ganz nett“, stellte Michael fest. „Herrn Krendlinger scheint sie jedenfalls zu mögen. So, wie er sie anstrahlt …“ Rosalie nickte, aber ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich geworden. Zu gern hätte sie gehört, was Jacob und die Sängerin miteinander zu besprechen hatten. Aber dazu waren die beiden zu weit weg.

Chandana und Jacob scherzten noch immer über das Wettrennen, das er vorgeschlagen hatte.

„Ihre Bekannte muss Ihnen wirklich viel bedeuten“, meinte Chandana schließlich. „So, wie Sie sich für sie ins Zeug legen.“

„Wir verstehen uns schon ganz gut“, gab er etwas verlegen zu. „Meistens wenigstens …“ Aber er konnte der Sängerin nichts vormachen.

„Sie sind total verknallt in sie“, sagte sie ihm auf den Kopf zu.

„Hallo?“, protestierte er. „Denken Sie, ich bin so doof und verliebe mich in eine Frau, die bald heiratet?“

„So ist das eben mit der Liebe: Sie schlägt einfach zu. Ob sie erwidert wird oder nicht.“ Aufmunternd zwickte sie ihm in die Wange. „Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Es gibt auch noch andere schöne Frauen.“

„Rosalie?“ Aber Michael drang nicht zu seiner Verlobten durch. Sie hatte die vertrauliche Geste zwischen Chandana und Jacob beobachtet und musste sich mit aller Kraft zusammenreißen, um sich ihre Eifersucht nicht anmerken zu lassen.

Werner saß noch immer mit finsterer Miene über den Kostenvoranschlägen, die ihm die Entsorgungsfirmen hatten zukommen lassen.

„Wie es aussieht, habe ich diesmal keine Chance gegen diesen verdammten Zastrow“, sagte er bitter zu seinem Bruder. „Er hat gewonnen. Und das Schlimmste ist, dass ich jeden Tag sein widerliches Grinsen ertragen muss.“ Götz hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Giftfässer auf Werners Grundstück hatte bringen lassen. Aber das würde ihm die Polizei niemals nachweisen können.

„Diese Bodenproben und der ganze Untersuchungsschnickschnack …“ André deutete auf die Unterlagen. „Ist das wirklich nötig?“

„Das sind unsere Gesetze“, seufzte der Senior. „Sagen zumindest die Firmen, die die Angebote gemacht haben.“

„Wir beide wissen doch, wo die Fässer standen“, meinte André. „Reicht es nicht, wenn man nur diese Stellen abträgt und entsorgt?“

„Gute Idee …“ Nachdenklich sah Werner seinen Bruder an. „Aber wäre das auch legal?“

„Du lässt den vergifteten Boden ja abtragen. Aber eben nur die betreffenden Stellen.“ Ansonsten war das Grundstück sauber, davon war André überzeugt. „Die sollen sich auf die Stellen konzentrieren, an denen die Fässer standen. Damit ist jedem gedient. Der Umwelt und deinem Geldbeutel.“ Außerdem hatte Werner ja gar keine Wahl. Die offizielle Entsorgung würde er niemals bezahlen können …

Lena hatte sich tatsächlich über Rosalie Engels Anweisung hinweggesetzt und war mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Altenheims in den Fürstenhof gekommen, um dort eine Lesestunde abzuhalten. Als die Geschäftsführerin das bemerkte, platzte ihr sofort der Kragen. Auf der Stelle zitierte sie Lena zu sich.

„Seien Sie doch nicht so herzlos“, bat Lena. „Sie sehen doch, wie glücklich die alten Leute sind. Und es gibt auch keinen Gast, der sich dadurch gestört fühlt.“

„Es geht um Ihr eigenmächtiges Handeln!“, sagte Rosalie wütend. „Das wird Konsequenzen haben! Oder glauben Sie etwa, Sie können sich alles erlauben, weil Sie die Tochter von Götz Zastrow sind? Vergessen Sie es.“

„Tue ich auch“, gab Lena bockig zurück.

„Ob er es wohl angemessen findet, dass Sie sich den Anweisungen Ihrer Vorgesetzten widersetzen?“ Rosalie lächelte böse. „Wie ich gehört habe, ist er im Moment nicht besonders gut auf Sie zu sprechen.“

„War es das?“, entgegnete Lena kühl. „Ich muss mich um meine Gäste kümmern.“

„Für diese Unverschämtheit bekommen Sie eine Abmahnung.“ Lena verzog keine Miene. „Und jetzt packen Sie Ihre Rentner ein und suchen sich eine andere Leseecke – weit weg vom Fürstenhof!“

Lena tat es leid, dass sie die alten Leutchen so schnell wieder aus dem Fürstenhof hatte fortbringen müssen.

„Diese Engel ist manchmal aber auch ein Biest“, stellte Alfons fest, als Lena ihm und seiner Frau erzählte, was vorgefallen war.

„Das können Sie laut sagen“, bestätigte sie ärgerlich. „Sie hat mir auch gleich eine Abmahnung verpasst. Wenn ich Pech habe, werde ich gefeuert.“ Hildegard hatte sie ja sogar noch gewarnt. Und vielleicht wäre es wirklich richtiger gewesen, den offiziellen Weg über Herrn Saalfeld oder Lenas Vater zu gehen. Aber nun war es dafür ohnehin zu spät.

„Wenn es hart auf hart kommt, rede ich mit dem Herrn Direktor“, versprach Alfons. „Der ist doch sowieso ein Freund von Ihnen, oder?“ Lena nickte. Aber das änderte nichts daran, dass der Senior im Augenblick ganz andere Probleme hatte. „Er wird nicht zulassen, dass man Ihnen kündigt“, glaubte Alfons.

„Genauso wenig wie Ihr Vater“, ergänzte Hildegard.

„Auch wenn Sie offensichtlich Probleme miteinander haben – in der Familie hält man zusammen.“ Lena war sich nicht so sicher, dass Alfons’ Worte auf ihre Familie zutrafen. Aber sie fand es trotzdem ausgesprochen nett, dass die Sonnbichlers ihr helfen wollten.

Rosalie schimpfte bei Michael über Lena Zastrow. Und der konnte nicht verstehen, warum sich seine Verlobte eigentlich so aufregte – eine Lesung für die Bewohner des Altenheims war doch eine sehr nette Idee.

„Der Fürstenhof ist keine Sozialstation, verdammt noch mal!“, ereiferte sie sich. „Sondern ein Hotel für zahlende Gäste!“ Befremdet runzelte er die Stirn. „Wenn du mich nicht verstehen willst, dann lass es bleiben …“

„Ich habe schon kapiert, dass du heute Stress hattest“, sagte er kühl. „Du redest ja den ganzen Abend über nichts anderes. Aber hör endlich damit auf, deine schlechte Laune an mir auszulassen.“

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich verlegen. Lena Zastrow war ja in Wirklichkeit nur ein willkommener Anlass für sie, um sich von Jacob Krendlinger abzulenken. Rosalie konnte einfach nicht anders – sie musste immer wieder an ihn denken …

2. KAPITEL

Robert hatte Valentina gerade ins Bett gebracht – der Stubenwagen stand in seinem Zimmer.

„Meine kleine Prinzessin …“, murmelte er. „Heute ist Eva leider nicht da, um dir ein Gutenachtlied zu singen. Deswegen singe ich. Aber wehe, du lachst mich aus.“ Er räusperte sich und begann mit „When you say nothing at all“. Das war Evas und sein Lied. Valentina schien es zu gefallen. „Was meinst du?“, flüsterte er seiner Tochter zu, als das Lied zu Ende war. „Mache ich gerade einen großen Fehler? Soll ich zu Eva gehen? Und ihr sagen, dass das mit der Trennung totaler Blödsinn ist?“ Er stand auf und trat zur Tür. Er sehnte sich so sehr nach Eva. Aber er schaffte es einfach nicht, den ersten Schritt zu machen.

Eva zerriss es beinahe das Herz, als sie Robert von nebenan singen hörte. Sie sehnte sich nach ihm und Valentina. Den Gedanken, die beiden nicht mehr zu sehen, ertrug sie kaum. Aber Robert war nun mal so ein verdammter Sturkopf. Wenn er nur ein einziges Mal über seinen Schatten springen würde … Es wäre doch eigentlich so leicht, glücklich miteinander zu sein.

Doch als sie am nächsten Morgen aus ihrem Zimmer kam, hörte sie, wie Robert mit einer potenziellen Nachfolgerin von ihr telefonierte. Und das kränkte sie sehr.

„Wir haben das doch gestern so besprochen“, verteidigte er sich.

„Du verlierst keine Zeit, was?“ Eva schnaubte.

„Ich muss eine Lösung finden“, erklärte er. „Das Leben geht weiter.“

„Das Leben geht weiter“, wiederholte sie verletzt. „Und je schneller du mich los bist, umso besser, oder?“

„Jetzt bist du ungerecht“, warf er ihr vor.

„Ich bin ungerecht?!“, empörte sie sich. „Willst du mir jetzt auch noch die Schuld an allem geben?“

„Nein, aber …“ Sie ließ ihn nicht ausreden.

„Aber was? Hast du eine Ahnung, wie ich mich fühle? Ich bin total am Ende! Und du sitzt hier schon am frühen Morgen und suchst eine Nachfolgerin für mich!“ Hilflos sah er sie an.

„Es geht doch um Valentina“, sagte er leise.

„Es geht auch um uns beide.“ Eva konnte es einfach nicht glauben, wie wenig die Trennung ihm auszumachen schien. „Und außerdem bin ich schwanger von dir. Es geht auch um unser Baby. Was bist du nur für ein gefühlloser, kalter Klotz? Wie kannst du nur so schnell vergessen, was wir alles zusammen hatten?“

„Das tue ich doch gar nicht“, widersprach er.

„Natürlich!“ Zornig funkelte sie ihn an. „Gestern haben wir uns getrennt. Und heute schaltest du auf Normalität um, als wäre nie etwas gewesen. Du holst dir eine neue Nanny in die Wohnung …“

„Ich soll tun, was ich für richtig halte.“ Genau das waren Evas Worte gewesen. „Und ich möchte eine vernünftige Lösung für uns alle finden.“

„Du verlangst, dass ich mein Kind abtreibe!“, warf sie ihm vor. „Was ist daran vernünftig?“

„Das hatten wir doch schon.“ Robert klang erschöpft. „Müssen wir das noch einmal durchkauen?“ Sie konnte nicht begreifen, wie kühl er das alles abhandeln wollte. „Hast du eine Ahnung, wie es in mir aussieht? Wie nah mir das Ganze geht? Du wirfst mir vor, ich wäre kühl. Dabei versuche ich alles, um es dir leichter zu machen.“

„Was ist denn daran leichter, wenn du mich wie einen alten Lappen wegwirfst?“ Er seufzte. Diese Auseinandersetzung mit ihr kostete ihn unendlich viel Kraft.

„Wenn es nach mir ginge, würdest du Valentina auch weiter betreuen. Die Frage ist: Hältst du das aus?“

„Du würdest es aushalten, nicht wahr?“, fragte sie bitter. „Du hättest kein Problem damit, weiter mit mir in einer Wohnung zu leben.“

„Noch einmal …“ Er musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. „Ich habe dabei an dich gedacht. Und an Valentina.“ Sie hörte ihm gar nicht mehr richtig zu. Er hatte sie einfach zu sehr verletzt.

„Gut. Wenn du es aushältst, ist es für mich auch kein Problem“, behauptete sie. „Du kannst dir die Suche nach einer neuen Nanny sparen. Ich werde mich weiterhin um Valentina kümmern!“

Rosalie hatte ausgesprochen schlecht geschlafen und ging heute früh als Erstes in den Stall.

„Ich wollte Sie was fragen“, begann sie zögerlich, als sie Jacob gegenüberstand.

„Was denn?“ Argwohn lag in seinem Blick.

„Morgen hat sich eine Reisegruppe von fünf Personen für einen Reitausflug angemeldet. Wird das gehen?“ Er durchschaute sofort, dass das nur ein Vorwand war.

„Deshalb sind Sie aber nicht hergekommen“, meinte er.

„Weshalb sonst?“ Er blickte ihr in die Augen.

„Sagen Sie’s mir.“ Sie zögerte, gab sich aber schließlich einen Ruck.

„Ich habe Sie gestern mit dieser affektierten Sängerin gesehen. Sie haben ganz schön offensiv mit ihr geflirtet.“ Jacob zuckte die Schultern. „Schon komisch“, fuhr sie spitz fort. „Da schreiben Sie mir einen zuckersüßen Brief, erzählen, warum Ihnen unser kleiner Ausrutscher so ungeheuer wichtig war … Und kurz darauf machen Sie mit einer anderen Frau rum.“

„Sie wissen auch nicht, was Sie wollen, oder?“, entgegnete er genervt. „Erst soll ich unbedingt Abstand zu Ihnen halten. Und sobald ich mit einer anderen Frau rede, drehen Sie vor Eifersucht durch.“

„Wer ist hier eifersüchtig?!“, empörte sie sich.

„Na, Sie!“

„Blödsinn!“ Die beiden starrten sich an.

„Klar sind Sie es“, stellte Jacob dann provozierend fest. „Sonst wäre es Ihnen doch völlig egal, wenn ich mit einer anderen Frau flirte.“

„Machen Sie doch, was Sie wollen“, giftete Rosalie.

„Nein, die Frage ist: Was wollen Sie?“ Er war immer weiter auf Rosalie zugekommen. Und nun stand er direkt vor ihr und schaute ihr voller Verlangen ins Gesicht. Sie schluckte. Aber dann verlor sie doch die Beherrschung. Sie riss Jacob an sich heran und küsste ihn voller Leidenschaft. Er war nur kurz überrumpelt. Doch dann erwiderte er den Kuss voller Hingabe. Und schon sanken die beiden miteinander ins Stroh …

„Schön, dass wir das mit der Eifersucht geklärt haben.“ Rosalie und Jacob lagen noch immer umschlungen im Stroh. Sie lächelte unsicher. „Übrigens: Ich habe nicht mit Chandana geflirtet. Ich habe versucht, sie zu überzeugen, auf der Hochzeit zu singen. Natürlich für eine niedrigere Gage.“ Staunend verzog Rosalie das Gesicht. Doch bevor sie etwas dazu sagen konnte, war plötzlich Lena Zastrows Stimme zu hören.

„Jacob, bist du hier irgendwo?“, rief sie. Rosalie und er erstarrten. Und da blickte Lena schon in die Box, in der sie beide lagen. Peinlich berührt verzog sie das Gesicht. Jacob lächelte verlegen. Und Rosalie wäre am liebsten im Boden versunken vor Scham.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte Jacob Lena betont locker.

„Ich komme besser später noch mal.“ Lena hatte sich schon wieder zum Gehen gewandt, besann sich nun aber eines Besseren. „Wo ich Sie jetzt schon mal treffe …“ Sie grinste Rosalie ins Gesicht. „Ich weiß, Sie sind eigentlich dagegen. Aber … Könnte ich nicht doch eine Lesung am Fürstenhof halten? Die alten Leute waren gestern ziemlich enttäuscht, als sie wieder gehen mussten.“ Rosalie atmete tief durch.

„Ich denke darüber nach“, versprach sie dann. Lena verschwand mit einem zufriedenen Schmunzeln auf den Lippen. Und Rosalie ließ sich ohnmächtig ins Stroh zurücksinken. „Ich bin geliefert“, murmelte sie. Dann sprang sie auf, zog sich hastig wieder an und zupfte sich die Strohhalme aus dem Haar. „Wie konnte ich nur so bescheuert sein, mich hier mit dir einzulassen“, fluchte sie.

„Ich fand’s eigentlich ganz romantisch“, stellte Jacob fest.

„Die Zastrow wird es Michael brühwarm unter die Nase reiben“, fürchtete Rosalie. „Und dann ist alles aus.“ Aber Jacob glaubte nicht, dass Lena sie verraten würde. Damit würde sie ja auch ihn in Schwierigkeiten bringen. Und er war mit ihr befreundet. Rosalie beruhigte das allerdings nicht. „Sie hat doch nur darauf gewartet, etwas gegen mich in der Hand zu haben.“

„Was sollte sie denn davon haben, dir eins reinzuwürgen?“, hielt er dagegen, aber Rosalie hörte ihn gar nicht.

„Das wird Michael mir niemals verzeihen“, sagte sie düster. „Wieso tue ich ihm das an?“ Mit vorwurfsvoller Miene wandte sie sich an Jacob. „Ich liebe ihn, wir werden heiraten, er ist der tollste Mann, den ich mir überhaupt vorstellen kann!“

„Warum schläfst du dann mit mir?“, entgegnete er verletzt.

„Michael ist der Mann meines Lebens und der beste Arzt weit und breit, und ich … ich Idiotin vermassel mir alles wegen eines Stallburschen!“ Sie stürzte aus dem Stall. Unglücklich sah Jacob ihr nach. Was sie da als Letztes gesagt hatte – das hatte ihn wirklich getroffen.

Eigentlich hatte Werner gedacht, die Lösung, die sein Bruder vorgeschlagen hatte, würde funktionieren. Aber heute Vormittag überraschte ihn Götz Zastrow mit einem weiteren Coup: Denn der Anwalt hatte in der Zwischenzeit einem Journalisten von den Giftfässern auf dem Krendlinger-Hof erzählt. Und so lautete die Schlagzeile auf der Titelseite der Zeitung heute: „Giftmüll-Skandal auf Hoteliersgrundstück“. Werner musste sich erst einmal einen Cognac einschenken, als er das sah. Nun würde er nichts mehr vertuschen können, das stand fest.

Und Charlotte hatte sogar in Afrika von dem „Giftmüll-Skandal“ erfahren, als sie die Zeitungsmeldung im Internet gelesen hatte. Nun meldete sie sich telefonisch bei ihrem Exmann und wollte aufgebracht wissen, was los war. Werner konnte ihr auch nichts anderes sagen, als dass Götz Zastrow eine perfide Intrige gegen ihn gestrickt hatte.

„Falls sich der Interessent für den Hof bei dir meldet …“, fügte er noch hinzu. „Dieser Herr Voss … Bitte sag ihm vorerst auf keinen Fall …“ Sie ließ ihn nicht ausreden.

„Er weiß längst Bescheid.“ Herr Voss hatte den Artikel im Internet nämlich schon vor Charlotte gelesen und sie deshalb angerufen. „Jetzt will er das Grundstück nicht mehr. Kein Mensch kauft verseuchtes Land. Erst recht kein Pferdezüchter.“ Werner verabschiedete sich kleinlaut von ihr. Götz Zastrow hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Nun blieb ihm nur noch der Bürgermeister als letzter Strohhalm, an den er sich klammern konnte.

Doch Pachmeyer zierte sich. Er fand, er hatte bereits genug für Herrn Saalfeld getan. Immerhin waren die Giftfässer unter der Hand abtransportiert worden. Außerdem hatte er seinen Kontakt zum Polizeichef genutzt und dafür gesorgt, dass die ganze Angelegenheit nicht weiter verfolgt wurde.

„Jetzt bleibt Ihnen wohl nichts anderes übrig, als Ihre Fürstenhof-Anteile zu verkaufen“, stellte Pachmeyer fest. Das Grundstück würde auf jeden Fall saniert werden müssen. In Sachen Umweltverschmutzung verstand der Gesetzgeber keinen Spaß. Aber Werner wollte nicht verkaufen. Da zeigte sich plötzlich ein verschlagenes Lächeln auf dem Gesicht des Bürgermeisters. „Es gäbe da eine Möglichkeit, wie Sie das Problem von einem Moment auf den nächsten loswerden könnten“, meinte er. „Sie könnten das Grundstück nämlich der Gemeinde schenken.“

„Sind Sie noch bei Trost?!“, schnauzte der Senior ihn an. Er hatte für den Hof und das Land drum herum zwei Millionen Euro bezahlt. „Und zwar nur deshalb, weil Sie mich reingelegt haben!“

„Im Moment ist das Ganze aber gar nichts mehr wert“, sagte Pachmeyer lächelnd. „Im Gegenteil: Sie müssten noch einmal eine Viertelmillion draufzahlen, damit sich ein Interessent überhaupt hintraut.“ Dem konnte Werner leider nicht widersprechen. Also hörte er sich seufzend an, was der Bürgermeister ihm vorzuschlagen hatte.

„Pachmeyer hat einen Energieversorger an der Hand, der dringend ein größeres Grundstück sucht, um Windräder zu montieren“, berichtete Werner später seinem Bruder. „Er würde denen das Land schenken, ...

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