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Unvergessliche Stunden mit dir

1. KAPITEL

Es sah Rick Masters gar nicht ähnlich, abends einfach mit dem Wagen herumzufahren. Schließlich hatte er eine Menge zu tun. Unzählige Berichte mussten gelesen und zahlreiche Verträge unterschrieben werden. Demnächst war seine Entscheidung fällig, wie viele Abteilungen der Firmenzentrale von „Masters Enterprises“ in seine alte Heimat verlegt werden sollten, und das wiederum würde sich unmittelbar auf Hunderte von Menschen auswirken.

Jetzt war eindeutig nicht der richtige Zeitpunkt, um ziellos durch menschenleere Straßen zu fahren.

Tatsächlich war Rick gar nicht so ziellos. Schon seit langem schwebte ihm etwas Bestimmtes vor. Mochte er sich auch noch so oft das Gegenteil einreden, so wusste er doch genau, wohin er fuhr. Nach langem Zögern hatte er nun endlich vor einer Stunde eine bestimmte Adresse aus dem Telefonbuch herausgesucht und festgestellt, dass Joanna noch immer in dem alten Haus wohnte, von dem er an milden Abenden träumte, wenn ihn die Erinnerungen einholten.

Heute war ein solcher Abend. Vielleicht war es ein Fehler, hierher zurückzukehren, und vielleicht wäre es besser, sich dieser Herausforderung nicht zu stellen. Allerdings war es nun zu spät, um seine Meinung zu ändern.

Außerdem käme es in Ricks Augen einer Niederlage gleich, wenn er auf eine Frage keine Antwort fände. Und schon von klein auf steckte er Niederlagen grundsätzlich nicht ein. Das ließ sein Ehrgeiz nicht zu.

Weil er in Gedanken war, fuhr er zu schnell über eine Kreuzung und warf einen besorgten Blick in den Rückspiegel. Er atmete erleichtert auf, als er hinter sich keine zuckenden Rot-und Blaulichter sah. Ihm war klar, dass etwas mehr innere Ruhe angebracht war. Es hatte keinen Sinn, sich von Gefühlen leiten zu lassen und auf die notwendige Vorsicht zu verzichten.

Schon einmal hatte er sich nicht abgesichert und war dadurch verwundbar geworden. Das war zwar schon Ewigkeiten her, doch kam es ihm so vor, als wäre es erst gestern geschehen.

Rick betrachtete die verlassenen Straßen, in denen er aufgewachsen war. Wie sonderbar, wieder hier zu sein! Noch sonderbarer erschien es ihm, dass Joanna noch immer in Bedford lebte. Nachdem er fortgegangen war, hatte er sich bewusst nicht mehr nach ihr erkundigt. Dabei hätte er gern gewusst, wie ihr Leben seither verlaufen war. Dabei sollte es eigentlich genügen, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun hatte. Wie hieß es doch? Aus den Augen, aus dem Sinn. So war das wohl stets.

Aus dem Sinn? Ricks Mund verzog sich zu einem ironischen Lächeln, während er nach rechts abbog. Davon konnte man bei seinem derzeitigen Verhalten wohl kaum sprechen.

Ein Einkaufszentrum stand jetzt an der Stelle, an der sich früher ein Orangenhain befunden hatte. Bedford war in den letzten acht Jahren beachtlich gewachsen. Aber wieso auch nicht? Er hatte sich schließlich auch weiterentwickelt.

Stimmte das wirklich? Irgendwie fühlte Rick sich nicht wie der erfolgreiche Vizepräsident von „Masters Enterprises“, sondern unverändert wie der Junge, der sich rettungslos in das falsche Mädchen verliebt hatte.

Damals hatte er Joanna nicht für das falsche Mädchen gehalten, aber inzwischen hatte er dazugelernt. Sehr viel sogar! Seine derzeitige Position hatte er sich erarbeitet und nicht als Sohn des Chefs erworben. Ohne entsprechende eigene Leistungen hätte er die Firma nicht im letzten Oktober nach dem Herzinfarkt seines Vaters übernehmen können.

Innerhalb von sechs Monaten war der Machtwechsel vom Vater zum Sohn unerwartet glatt verlaufen. Warum auch nicht? Seit langem gab es für Rick nur noch das Geschäft, sonst nichts. So war das, seit er von dem Menschen betrogen worden war, dem er das am wenigsten zugetraut hatte.

Diesen Reinfall hatte er sich selbst zuzuschreiben. Damals hatte er sich zum ersten und letzten Mal von seinem Herzen und nicht von seinem Verstand leiten lassen. Dabei war er gewarnt worden. Seine Eltern hatten ihm eingeschärft, dass ein Mann in seiner Stellung bei der Wahl seiner Freunde und seiner Frauen vorsichtig sein musste.

Nun, er hatte die Lektion gelernt, und je mehr Lehrgeld man bezahlt, desto tiefer prägt sich das Ergebnis ein.

Wieso fuhr er dann in jenen Stadtteil, in dem Joanna lebte, und zu der Straße, in der ihr Haus stand? Er wusste es nicht.

Masochismus lag ihm nicht. Rick betrachtete die Dinge nüchtern und nahm sie einfach hin, überwand Rückschläge und machte stur weiter. So war das bisher immer gewesen.

Er hatte die Stadt damals verlassen und war nach Atlanta im Bundesstaat Georgia gegangen. Von da stammte sein Großvater, und dort hatte sich bis vor einem Monat der Firmensitz befunden. Im letzten Jahr waren jedoch wirtschaftliche Gründe aufgetaucht, die diesen Standort ungünstig erscheinen ließen.

Sein Vater hatte sich inzwischen von dem Herzinfarkt weitgehend erholt und wünschte, dass die Firmenzentrale ins südliche Kalifornien und somit in seine Nähe verlegt wurde. Nun ging es nicht mehr um steuerliche Vorteile, sondern um Kontrolle.

Howard Masters wollte weiterhin die Firma beherrschen, die sein Urgroßvater in einer Scheune gegründet hatte. Das konnte Rick ihm nicht verübeln. Für seinen Vater wäre die Aufgabe der Kontrolle gleichbedeutend gewesen mit der Aufgabe seines Lebens. Das war für Rick leicht nachzuvollziehen.

Trotzdem hatte er sich anfangs gegen den Umzug gesträubt, letztlich jedoch nachgegeben und beschlossen, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Schließlich war es lange her, dass er Joanna geliebt hatte. Mittlerweile war er klug genug, um zu wissen, dass Liebe keine zuverlässige Basis für ein ganzes Leben darstellte.

Hätte er daran auch nur noch den geringsten Zweifel, bräuchte er sich bloß seine Eltern anzusehen, jene Säulen der Gesellschaft, die auf Fotos und in Berichten immer das ideale Paar darstellten, das sie privat schon lange nicht mehr waren.

Über jene wilde und berauschende Liebe, an die er damals geglaubt hatte, gab es zwar zahlreiche Lieder, aber in der realen Welt hatte sie keinen Platz. Und Rick lebte ausschließlich in der realen Welt. Sein Handeln wirkte sich auf unzählige Menschen aus, was für ihn auch eine große Belastung darstellte.

Es wäre vernünftig, auf der Stelle umzukehren, das wusste er. Es war schon spät, und er hatte viel zu tun.

Die klare Aprilnacht war sogar für das südliche Kalifornien ungewöhnlich mild. Darum hatte Rick die Fenster des alten Mustangs heruntergekurbelt. Auf Drängen seines Vaters fuhr er zur Arbeit mit einem modernen und teuren Wagen, der seiner Stellung angemessen war. Trotzdem weigerte Rick sich, den Mustang abzugeben. Er hing an diesem Auto, obwohl er und Joanna sich darin geliebt hatten und sie in jener bewussten Nacht eigentlich damit hatten durchbrennen wollen.

Aber vielleicht verzichtete er genau deshalb nicht auf das Auto.

Wieso spiele ich ausgerechnet jetzt Seelenklempner? fragte er sich und suchte kopfschüttelnd in den leicht ansteigenden Straßen nach dem richtigen Weg.

Auf der einen Seite der Straße stand Haus neben Haus mit Blick auf die sorgfältig gepflegten Gärten auf der anderen Straßenseite, wo die Häuser hinter Büschen und Bäumen verborgen waren.

Noch eine Querstraße weiter, dann entdeckte er Joannas Haus.

Keine gute Idee, sagte Rick sich. Es war höchste Zeit zurückzufahren. Die Verträge bearbeiteten sich schließlich nicht selbst, und er überließ wichtige Aufgaben nicht gern anderen. Wenn es sich einrichten ließ, gab er nichts aus den Händen.

Aus den Händen …

Er hatte nicht vergessen, wie warm und glatt Joannas Haut unter seinen Händen gewesen war. Hinter dem Sommerhaus seiner Eltern hatte er sich mit ihr ins Gras gelegt und sie geliebt. Damals hatte es nur sie beide gegeben. Sie zwei gegen den Rest der Welt … bis er herausfand, wie Joanna wirklich war.

Rick verzog das Gesicht, als beißender Rauch ins Wageninnere drang. Wahrscheinlich hatte jemand Feuer im Kamin gemacht. Viele Leute kümmerten sich nicht darum, ob es draußen warm oder kalt war. Ein Kaminfeuer an einem Frühlingsabend war einfach romantisch, und der Gedanke weckte bei ihm erneut Erinnerungen.

Er hätte nicht herkommen sollen. Verärgert sah er sich nach einer Stelle um, an der er wenden konnte. Jetzt wollte er nur noch heimfahren.

Es roch immer stärker nach Rauch. Unwillkürlich fuhr Rick weiter, gab sogar mehr Gas und jagte den Wagen den Hügel hinauf.

Und dann sah er die dichten schwarzen Rauchwolken direkt vor sich.

Joanna wollte sich wehren, doch der Traum hielt sie gefangen, jener immer wiederkehrende Traum, in dem alles um sie herum verborgen blieb. Barfuß und nur mit einem Nachthemd bekleidet, lief sie darin durch dichten Nebel über ein leeres Feld.

Nichts war zu sehen, und doch lauerte überall die Bedrohung, die sie zur Flucht trieb.

Doch etwas war diesmal anders. Nicht Nebel, sondern Rauch waberte um sie herum und kroch an ihren Beinen hoch. Einen großen Unterschied machte das jedoch nicht. Sie sah nichts und fühlte sich einsam und verloren.

Verzweifelt lief sie schneller und suchte nach einem Ausweg oder nach jemandem, der ihr half. Doch da war niemand. Sie war allein.

Ab und zu zeichnete sich vor ihr etwas ab, das wie ein Mensch aussah, doch wenn sie darauf zulief, verschwand es wieder, und Leere blieb zurück.

Ein Traum … es ist nur ein Traum … Immer wieder sagte sie sich das, während sie verzweifelt auf der Stelle lief und die Einsamkeit ihr das Herz fast gefrieren ließ.

Es genügt, die Augen zu öffnen, um in die Wirklichkeit zurückzufinden! Ein paar Mal befahl sie sich aufzuwachen, bis es ihr schließlich mit nahezu übermenschlicher Anstrengung gelang. Im selben Moment bemerkte sie das Brennen in ihren Augen und den Atemwegen.

Ging der Albtraum doch noch weiter? Benommen setzte Joanna sich im Bett auf, was ihr angesichts ihrer Leibesfülle nicht leicht fiel. In letzter Zeit kam es ihr manchmal so vor, als wäre sie nicht erst seit neun Monaten, sondern schon immer schwanger.

Selber schuld! Du hast es so gewollt.

Ihre Augen tränten, und das hatte nichts mit dem Traum zu tun. Es roch nach Rauch, und es war ungewöhnlich warm, obwohl sie die Heizung abgestellt hatte, bevor sie zu Bett gegangen war.

Endlich begriff sie, was los war.

Das Haus brannte!

Verstört stemmte Joanna sich aus dem Bett hoch und griff nach dem langen Hausmantel, der über dem Fußteil hing. Hastig schlüpfte sie hinein und eilte barfuß zur Tür des Schlafzimmers.

Das Wohnzimmer war von Rauch erfüllt. Flammen züngelten vor ihr über den Fußboden, griffen auf den Türrahmen über und hinderten sie an der Flucht.

Flammen – überall waren Flammen!

Direkt vor ihr krachte etwas zu Boden und verfehlte sie nur um Zentimeter. Aufschreiend wich sie zurück, als der Saum ihres Hausmantels in Brand geriet. Hektisch riss sie sich das Kleidungsstück vom Leib, bevor auch noch das Nachthemd zu brennen begann.

Rick nahm die Kurve so rasant, dass der Mustang fast ins Schleudern geriet. Gleichzeitig zerrte er das Handy aus seiner Hosentasche und wählte die Notrufnummer der Feuerwehr.

Sobald er mit der Einsatzzentrale verbunden wurde, nannte er knapp seinen Standort und fügte hinzu: „Zwei Häuser brennen, eines ist fast schon zerstört.“

Noch während ihn die Frau in der Zentrale bat, die Meldung zu wiederholen, glaubte Rick einen Schrei aus Joannas Haus zu hören. Das Handy landete auf dem Beifahrersitz. Rick nahm sich gerade noch die Zeit, den Motor auszuschalten, bevor er alarmiert aus dem Wagen sprang.

Nicht Joannas Mutter hatte geschrien, auch kein fremder Mieter, sondern Joanna selbst. Dessen war er sich absolut sicher. Sie war da drinnen in diesem Inferno, und er musste sie retten.

Das letzte Haus in der Straße war völlig in Flammen aufgegangen. Offenbar war der Brand dort entstanden und hatte auf Joannas Haus übergegriffen, von dem bisher nur der hintere Teil brannte. Wenigstens hatte Rick diesen Eindruck, während er auf das Gebäude zulief.

Auf der Rückseite des Hauses lagen die Schlafzimmer, wie er noch sehr gut wusste, und Joanna war in einem von ihnen.

Die Haustür war verschlossen und ließ sich nicht öffnen. Hier kam er auf keinen Fall hinein. Ohne zu überlegen riss er sich das Jackett vom Leib, wickelte es um seinen Arm und schlug mit aller Kraft gegen eines der Fenster. Die Scheibe zerbrach, und die Splitter flogen nach allen Seiten. Rick entfernte die Reste aus dem Rahmen so weit wie möglich, ehe er ins Haus kletterte.

Rasch entriegelte er die Haustür und stieß sie auf, um sich einen einfachen Fluchtweg offen zu halten. Sicher würde er ihn brauchen, wenn sich die Flammen weiter ausbreiteten.

„Joanna!“ schrie er. „Joanna, wo bist du?“

Joanna starrte verstört auf die züngelnden Flammen, während sie verzweifelt überlegte, welche Fluchtmöglichkeiten sie noch hatte.

Halluzinierte sie bereits? Anders war es gar nicht möglich, dass sie Ricks Stimme hörte. Rick war nicht mehr bei ihr. Er war schon vor acht Jahren verschwunden und hatte sich kein einziges Mal gemeldet.

Vielleicht war sie bereits tot, erstickt an den Rauchgasen, und ihr Geist löste sich soeben vom Körper. Aber vielleicht war es ein Feuerwehrmann, dessen Stimme sie an Rick erinnerte.

„Hier!“ schrie sie. „Ich bin hier drinnen!“ Der Rauch kratzte sie im Hals und raubte ihr den Atem. „Hinten im Schlafzimmer!“ Wegen der tränenden Augen konnte sie die Tür kaum noch sehen. „Ich komme da nicht raus! Helfen Sie mir!“

Die Flammen fauchten und zischten. Trotzdem war Rick sicher, Joannas Stimme gehört zu haben, gedämpft zwar nur, aber doch deutlich genug. Der ganze hintere Teil des Hauses brannte bereits. Trotz der Hitze lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken.

Er musste sich etwas einfallen lassen – und zwar verdammt schnell!

Endlich kam ihm eine Idee. Er lief durchs Esszimmer, riss das Tischtuch vom Tisch, stürmte in die Küche und tränkte das Tuch in der Spüle mit Wasser.

„Joanna!“ Flammen, wohin er blickte. „Joanna, wo bist du?“

„Hier! Hier drinnen!“ Sie konnte die Tür nicht öffnen, und zum Fenster kam sie auch nicht mehr, weil der Teppich bereits brannte.

Plötzlich sprang die Tür auf und jemand rollte sich durch die Flammen ins Schlafzimmer herein und richtete sich auf.

Ihr wurde schwindelig. Alles drehte sich um sie. In diesem Moment glaubte sie, Rick Masters vor sich zu sehen, ein Tischtuch über Kopf und Schultern gelegt, und er streckte die Hände nach ihr aus.

Gleich darauf wurde sie in das Tischtuch gewickelt. Der Mann drückte es ihr vors Gesicht und bedeckte ihren Mund. Es war klatschnass. Joanna versuchte zu atmen und erstickte fast an dem Rauch.

„Vorwärts!“

Wieder hörte sie Ricks Stimme. Vermutlich würde sie in den Armen eines Fremden sterben und dabei an Rick denken.

Der Mann hielt sie fest, während er sie vorwärts drängte, direkt in die Flammen hinein. Joanna wollte einwenden, dass sie das auf keinen Fall schaffte, brachte jedoch kein Wort heraus. Der Mann, der wie Rick aussah, schob sie einfach weiter.

Sie stolperte und drohte zu stürzen, verlor den Boden unter den Füßen und wurde mitten durch das Inferno getragen.

Hitze überall, prasselnde Flammen und Schmerzen – aber nicht auf der Haut, sondern in ihrem Körper, als würde etwas in ihr zerreißen.

Joanna biss die Zähne zusammen, schrie aber trotzdem gellend auf, als der Schmerz übermächtig wurde.

In der nächsten Sekunde war die Hitze verschwunden. Gras. Sie fühlte Gras unter ihrem Körper, als der Mann sie auf den Boden legte. Joanna zog und zerrte an dem versengten Tuch, das ihr unverändert Kopf und Gesicht bedeckte, und wurde es endlich los. Es landete neben ihr auf der Wiese.

Sie rang nach Luft und versuchte, klar zu denken und vor allem das Trugbild loszuwerden, das sich hartnäckig hielt.

Doch der Mann, der keuchend vor ihr auf dem Rasen ihres Vorgartens saß, veränderte sich nicht. Er blieb der, für den sie ihn hielt.

War sie doch gestorben? Das war die einzige Erklärung, die ihr einfiel, weil kein anderer als Rick Masters vor ihr saß und sich nicht vor ihren Augen in einen Feuerwehrmann oder einen anderen Helfer verwandelte.

Rick holte tief Atem, damit sich seine Lungen wieder mit Sauerstoff füllten. Das Nachbarhaus war völlig in Flammen eingehüllt. Dort drüben zeigte sich niemand, der sich ins Freie gerettet hatte.

Joanna hielt ihn am Arm fest, als er sich mit zitternden Beinen hochstemmte. „Lass mich los“, verlangte er. „Ich muss versuchen, den Leuten zu helfen.“

„Da drinnen ist keiner!“ stieß sie hervor. „Sie sind im Urlaub.“ Joanna schloss die brennenden und tränenden Augen und öffnete sie wieder. Rick war noch immer da.

„Ist noch jemand in deinem Haus?“ fragte er rau.

Sie schüttelte den Kopf oder versuchte es wenigstens. Im Moment war sie noch so benommen, dass ihr alles unwirklich erschien. „Nein, niemand.“

Erst jetzt sank er wieder ins Gras. „Alles in Ordnung mit dir?“ fragte Rick, während ihm das Herz bis zum Hals hinauf schlug.

Es klang zornig. Sie hatten sich seit acht Jahren nicht gesehen, und er war zornig? Warum denn das? Wenn überhaupt, hätte sie das Recht, zornig zu sein, weil er nicht wie erwartet und erhofft zu ihr gekommen war.

Nein, nein, das war doch alles Unsinn. Joanna schüttelte benommen den Kopf und kämpfte gegen Schwindelgefühle an. Sie hatte offenbar den Verstand verloren. Rick konnte gar nicht hier sein. Es musste sich um eine Halluzination handeln.

„Was machst du hier, Rick?“ fragte sie vorsichtig.

Der Wunsch, sie an sich zu ziehen und sie zu küssen, bis er alles andere vergaß, wurde fast übermächtig. Trotzdem tat Rick es nicht, weil er sich von Joanna schon wieder betrogen und hintergangen fühlte. Er hatte in den vergangenen Jahren keinen Schlussstrich gezogen und neu angefangen. Für Joanna galt das jedoch nicht. Sie hatte ein neues Leben begonnen und geheiratet und erwartete nun von einem anderen Mann ein Kind.

Das schmerzte unbeschreiblich. Sie hatten nicht darüber gesprochen, doch Rick hatte daran gedacht, mit Joanna Kinder zu haben. Nicht nur eines, sondern viele.

Verdammt, Joey, warum hast du mir das angetan, schoss es ihm durch den Kopf.

„Ich habe dich etwas gefragt“, sagte er schroff, um seinen Schmerz nicht zu zeigen. Zorn war viel ungefährlicher als Schmerz. „Ist mit dir alles in Ordnung, oder bist du verletzt?“

Joanna konnte es kaum glauben. Sie war nicht tot, sondern lebte noch, und Rick war tatsächlich bei ihr. Nach so langer Zeit tauchte er ausgerechnet jetzt auf, und aus seinen Augen traf sie genau jener Blick, den sie stets gefürchtet hatte. Um diesem Blick auszuweichen, war sie damals aus seinem Leben verschwunden.

Nach so langer Zeit war er wieder da und sah sie an, als würde er sie hassen!

Sie wollte ihm antworten, doch bevor sie auch nur ein Wort hervorbrachte, stockte ihr der Atem. Im nächsten Moment stieß sie einen Schrei aus und fasste sich an den Leib, weil der Schmerz sie überwältigte.

„Was ist los?“ Rick stemmte sich hoch und kniete sich neben sie. Jetzt wirkte er nicht mehr zornig, sondern nur noch besorgt.

Rick konnte noch immer nicht die Sirenen der Feuerwehr hören, sosehr er sich auch anstrengte. Dazu kam, dass in keinem der drei anderen Häuser in der Straße Licht eingeschaltet worden war. Kein Mensch zeigte sich im Freien.

Wo waren denn die Leute aus der Nachbarschaft geblieben? Waren er und Joanna in eine andere Dimension geraten, ohne es zu merken?

Joanna krallte sich mit aller Kraft an seinem Arm fest und grub ihm die Fingernägel tief in die Haut. Sie war leichenblass geworden und gab keine Antwort.

Das darf nicht sein, dachte sie verzweifelt. Das Kind sollte doch erst in zwei Wochen zur Welt kommen. Das hatte der Arzt ihr fest versprochen, doch Versprechen ließen sich leicht brechen.

Genau das war damals bei Rick passiert …

„Das Kind!“ stieß sie mit letzter Kraft hervor. „Das Kind! Es kommt!“

2. KAPITEL

Rick starrte Joanna fassungslos an. „Du meinst, das Kind kommt bald, oder?“ Bestimmt hatte sie das eben nicht wörtlich gemeint. Er betrachtete ihren Bauch. Nein, das hatte sie nur in Panik behauptet. Anders war das gar nicht möglich.

Joanna krampfte die Hand so fest um Ricks Arm, dass es sie selbst schmerzte. „Nein, es kommt jetzt!“ stieß sie schmerzgepeinigt hervor.

Rick kauerte neben ihr und löste behutsam ihre Finger von seinem Handgelenk. „Du musst nur noch kurze Zeit durchhalten. Der Krankenwagen wird gleich hier sein.“

Woher Joanna die Sicherheit nahm, wusste sie selbst nicht, doch sie war überzeugt, dass die Helfer nicht rechtzeitig eintreffen würden. Die Schmerzen waren bereits unerträglich geworden. „Wenn sie nicht schon da sind und ich sie nur nicht sehe, kommen sie zu spät“, behauptete sie und sah Rick beschwörend an. Das Leben ging doch seltsame Wege. Ausgerechnet jetzt führte es sie beide wieder zusammen! Und noch dazu in einer solchen Situation! „Du musst mir helfen“, erklärte sie entschieden.

Im Lauf der Zeit hatte Rick viel gelernt und kannte sich auf zahlreichen Gebieten aus. Geburtshilfe gehörte allerdings nicht dazu. „Ich?“ fragte er ungläubig.

Joanna konnte ihm nicht verübeln, dass er sie betrachtete, als hätte sie den Verstand verloren. Selbstverständlich hatte sie sich ihn nicht freiwillig als Geburtshelfer ausgesucht. In ihrer Lage hatte sie jedoch keine andere Wahl.

„Mir … gefällt das … so wenig wie dir, aber das Kind … kommt jetzt.“ Das Sprechen fiel ihr schwer, auch das klare Denken. Außerdem raubte ihr der Schmerz den Atem, und haltlose Angst ergriff von ihr Besitz. „Ich brauche deine Hilfe!“

Verzweifelt blickte Rick zu den drei anderen Häusern in der Straße. In keinem einzigen war Licht eingeschaltet worden. Alles war dunkel. Offenbar war niemand daheim.

Wo waren die Leute bloß? fragte er sich, aber letztlich spielte es keine Rolle. Wichtig war nur, dass er hier war und Joanna ihn brauchte. Zum zweiten Mal in seinem Leben hatte er nicht die geringste Ahnung, was er machen sollte, und schon beim ersten Mal war es dabei um Joanna gegangen.

„Warte einen Moment“, bat er und wollte aufstehen. Irgendwo in der Nachbarschaft war bestimmt jemand zu Hause. Er musste eben in einer anderen Straße nach Helfern suchen. „Ich bin gleich wieder hier.“

Joanna hielt ihn mit einer Kraft fest, die er ihr nie zugetraut hätte. „Bleib bei mir!“ flehte sie. „Bitte!“

Auch nach so vielen Jahren konnte er ihr nicht widerstehen. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als ihre Wünsche zu erfüllen. „Also gut, ich …“ Er stockte, als sie die Augen weit aufriss und gleichzeitig heftig zusammenzuckte.

Joanna biss sich auf die Unterlippe, konnte jedoch den Schrei nicht zurückhalten. Es fühlte sich an, als würde ihr Körper entzweigerissen.

„Ich muss pressen … pressen … pressen“, stieß sie hervor.

Rick hatte keine Ahnung von Geburten, aber so schnell konnte das doch gar nicht ablaufen. Vermutlich irrte sie sich. „Bist du dir denn sicher?“

Ohne den Griff um seinen Arm zu lockern, richtete sie sich halb auf. „Ja, ganz sicher! Ich … ja, es ist so weit!“ Wie überlebte man bloß solche Schmerzen? Eigentlich hätte sie längst tot sein müssen.

Die Angst ließ Joanna nicht los. Trotzdem fiel ihr etwas ein, das Lori im Lamaze-Kurs gesagt hatte. Man konnte nicht gleichzeitig hecheln und pressen. Also begann sie zu hecheln und zu keuchen. Vielleicht kam sie auf diese Weise gegen den geradezu unwiderstehlichen Drang an, das Kind aus ihrem Körper zu drücken.

Trotz aller Informationen, die sie inzwischen bekommen hatte, fühlte sie sich nicht auf dieses Ereignis vorbereitet. Schon vor dem Besuch in der Samenbank hatte sie sich genauestens über den Ablauf der Geburt informiert, und nun erinnerte sie sich daran, was alles schief gehen konnte. Das raubte ihr den letzten Mut.

Bisher war sie sich völlig sicher gewesen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

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