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Unvergessliche Gefühle

1. KAPITEL

„Sind Sie Zachary Swift?“ Lily stand im Türrahmen eines eleganten Büros in einem modernen Glasgebäude in der Innenstadt von Sydney und musste gegen die Angst ankämpfen, die ihr die Kehle zuzuschnüren drohte. Hoffentlich klang sie ruhig und souverän. „Ich bin Lily Kellaway, Besitzerin von Best Secretarial Agency. Ich möchte … mit Ihnen über die Beschwerden sprechen, die Sie gegen meine Mitarbeiterin erhoben haben.“

Natürlich konnte er sich schlichtweg weigern, mit ihr zu reden. Er konnte sie verklagen und ihre aufstrebende Agentur damit ruinieren. Dessen war sich Lily mehr als bewusst, dennoch musste sie selbstsicher und kompetent auftreten – wie eine Frau, die in der Lage war, die verfahrene Situation zu retten.

„Ja, ich bin Zach Swift, und es ist sicherlich keine belanglose Beschwerde, die ich gegen Rochelle Farrer erhebe.“ Er saß an seinem Schreibtisch. Breite Schultern, dunkles Haar, maskuline Züge. Seine ganze Haltung drückte Selbstbewusstsein aus.

„Ich bezweifle die Rechtmäßigkeit Ihrer Anschuldigungen keineswegs.“ Wie sehr wünschte sie sich, das Gegenteil beweisen zu können, doch leider entsprach alles der Wahrheit. „Aber ich bin bereit, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.“

„Deshalb sind Sie hier? Um etwas in Ordnung zu bringen, das bereits geschehen ist?“ Irritiert runzelte er die Stirn. „Ich dachte, ich hätte meinen Standpunkt deutlich gemacht, als wir vor einer halben Stunde miteinander telefoniert haben.“

Lily erinnerte sich nur zu gut an den Schock, den sie bei diesem Anruf empfunden hatte. Entsetzen und Verlegenheit hatten sie daran gehindert, zu einer Einigung mit ihm zu kommen. Während sie noch verarbeiten musste, was sie da hörte, erklärte er ihr bereits, dass er nichts mehr mit ihrer Agentur zu tun haben wolle, und legte auf.

„Sie haben einige Dinge angesprochen, als wir miteinander telefonierten.“ Der verwaiste Sekretärinnenschreibtisch in seinem Vorzimmer schien sie geradezu verhöhnen zu wollen. Krampfhaft umklammerte sie das Notizheft in ihrer linken Hand und betete, dass er ihr eine Chance geben würde. „Ich würde gerne über diese Dinge reden, jetzt, wo ich die Zeit hatte, alle Fakten einzuholen.“

Bitte, lieber Gott, lass mich nicht die Rede vergessen, die ich im Taxi dreimal einstudiert habe.

Was gibt es noch zu bereden? Ich habe Ihre Mitarbeiterin gefeuert. Ende der Diskussion.“ Mit einer verärgerten Geste knallte er eine Akte zu, die auf seinem Schreibtisch lag, stand auf und durchquerte den Raum, bis er etwa zwei Schritte vor ihr stehen blieb.

Er war gut einsneunzig groß, von athletischer Statur und ganz eindeutig sehr wütend. Das Schlimme war, dass ihre Agentur die Verantwortung dafür trug. Innerlich zitterte Lily. Doch es geschah auch noch etwas anderes. Etwas gänzlich Unerwartetes. Während sie in seine dunklen, funkelnden Augen blickte, spürte sie eine Mischung aus Interesse und Neugier. Ihr stockte der Atem. Sie fühlte sich doch nicht etwa zu ihm hingezogen, oder? Nein, das konnte nicht sein. Es handelte sich sicherlich nur um eine Art nervöse Reaktion.

Ja, das musste es sein. Sehr gut. Abgesehen von allem anderen hatte sie im Moment nämlich gar keine Zeit für eine Beziehung zu einem Mann. Sie war viel zu beschäftigt. Und in ihrer ganzen Art war sie mehr als unzulänglich. Man musste sich doch nur ihr Verhältnis zu ihren Eltern anschauen. „Alles, was ich von Ihnen erbitte, sind ein paar Minuten Ihrer Zeit. Wenn Sie mich bis zum Ende anhören, werden diese Minuten gut investiert sein.“

„Tatsächlich, Ms. Kellaway? Sie scheinen sich da ja sehr sicher zu sein.“

Lily glättete ihren grünen Rock und zupfte an dem dazu passenden Blazer. „Ich habe eine Lösung.“

„Ach, wirklich? In der vergangenen Woche bin ich sexuell belästigt worden, während Ihre Mitarbeiterin ihre Pflichten ignoriert hat.“ Sein Blick drückte seine ganze Verachtung aus. „Mein Arbeitsleben wurde empfindlich gestört, und der Höhepunkt lag in der kleinen Episode heute Morgen. Ihre Agentur ist dafür verantwortlich, und jetzt wollen Sie mein Problem lösen?“

Lily holte tief Luft. „Ich entschuldige mich aufrichtig für …“ Die Worte erstarben, als sich ihr Blick gegen ihren Willen auf die schwarze Ledercouch in der Ecke richtete.

Zach Swift folgte ihrem Blick, woraufhin seine Lippen zu einer dünnen Linie wurden. „Ja, genau dort hat es sich abgespielt. Also, Ms. Kellaway, dann erklären Sie mir doch bitte, wie es sein kann, dass ich heute Morgen in mein Büro komme und Rochelle Farrer nackt auf meinem Sofa auf mich wartet?“

Lilys Hand zitterte, während sie sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr schob. Rochelle hatte geglaubt, dass sie sich nur auszuziehen brauchte, um sich diesen Mann zu angeln. Das hatte sie auch unumwunden zugegeben, als Lily sie in einem hastigen Telefonat zur Rede gestellt hatte, ehe sie hierher geeilt war. „Rochelle … scheint dem Irrtum unterlegen gewesen zu sein, dass … ähm …“

„Dass sie einen reichen Mann heiraten und den Rest ihrer Tage von seinem Wohlstand leben kann?“ Seine Stimme war eisig. „Dass sie sich ihrem potenziellen Opfer nur an den Hals werfen muss, um ihr Ziel zu erreichen?“

„Nun, ja.“ Lily zog die Augenbrauen zusammen. Er mochte ja wütend sein, aber für sie war das Gespräch mit Rochelle auch nicht gerade angenehm gewesen! „Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, dass Rochelle sich auf diese Weise verhalten würde, nur um die Frau eines reichen Mannes zu werden. Bei ihrem Einstellungsgespräch wirkte sie äußerst kompetent und professionell.“

Sein anhaltendes Schweigen machte sie zusätzlich nervös. Am liebsten hätte sie ihr Notizheft aufgeschlagen und alles festgehalten, was bislang gesagt worden war. Wenn sie doch nur schon wieder in ihre kleine Wohnung zurückkehren könnte, wo sie ihre Mängel und Unzulänglichkeiten vor der Welt verbergen konnte!

Zachary Swift sah sie beunruhigend lange an. Schließlich neigte er leicht den Kopf. „Zu meiner eigenen Überraschung glaube ich Ihnen.“

„Vielen Dank.“ Ihre Knie zitterten, so erleichtert war sie. „Es freut mich, dass Sie das sagen …“

„Nicht, dass es irgendetwas ändern würde“, unterbrach er sie und zerschlug damit ihre Hoffnungen. „Rochelle ist dem Versprechen Ihrer Agentur, eine ‚zuverlässige, kompetente Sekretärin‘ bereitzustellen, alles andere als gerecht geworden, oder sehe ich das falsch?“

„Nein, das sehen Sie richtig“, gab sie kleinlaut zu.

Während Lily im Türrahmen stand und nach einem Ausweg aus dieser verfahrenen Situation suchte, musste sie sich eingestehen, dass sie klar im Nachteil war. „Ich kann Ihren Ärger verstehen. Nichtsdestotrotz möchte ich Ihnen etwas vorschlagen, das die Situation wieder ins Reine bringt. Es ist im besten Interesse Ihrer Firma, dass Sie mich anhören.“

Er zögerte, doch dann seufzte er und deutete auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch. „Also gut, ein paar Minuten kann ich erübrigen. Wenn wir Glück haben, wird das Telefon sogar so lange schweigen.“

„Vielen Dank.“ Sie ging auf den Stuhl zu und nahm Platz. „Ich möchte nur genügend Zeit, um diese Angelegenheit wieder in Ordnung zu bringen.“

„Was mich betrifft, so ist diese Angelegenheit …“ Er sprach seinen Satz nicht zu Ende, stattdessen blickte er auf ihre Beine, die sie in einer eleganten Bewegung übereinanderschlug. Rasch schaute er zur Seite, doch Lily hatte die Mischung aus Bewunderung und Neugier registriert, die sein Interesse an ihr signalisierte – ob nun gewollt oder ungewollt.

Wenn auch sie in diesem Moment eine Spannung verspürte, ein kurzes Kribbeln, dann lag das sicher nur daran, dass die ganze Situation ihr an die Nieren ging. Nervosität und Angst ließen sie erschauern, und nicht er als Mann!

„Ich hoffe, Sie erwarten nicht, für die Woche bezahlt zu werden, die Rochelle mich belästigt, ihre Pflichten vernachlässigt und aus meinem Büro ein Chaos gemacht hat?“ Zachary bedachte sie mit einem kühlen Blick.

„Natürlich nicht.“ Der Einkommensverlust war ihre geringste Sorge. „Das würde ich niemals von einem geschätzten Kunden verlangen.“

„Aber etwas anderes möchten Sie verlangen?“

„Ja, und bitte glauben Sie mir, wenn ich noch einmal betone, dass ich weiß, wie ernst die Angelegenheit ist.“ Jetzt kam der wichtigste Teil ihrer Rede. Sie musste ihn davon überzeugen, ihrer Agentur eine zweite Chance zu geben.

Dennoch wollte es ihr kaum gelingen, sich an die einstudierten Worte zu erinnern. Panik drohte sie zu überwältigen. Sie war auf das Verständnis dieses Mannes angewiesen. Sie musste ihm beweisen, dass ihre Agentur die Leistung erbringen konnte, mit der sie warb.

„Sie haben jedes Recht, verärgert und wütend zu sein. Sogar abgestoßen.“ Sie hatte ihr Notizheft aufgeschlagen und schrieb mit ihrem Bleistift in der ganz speziellen Art Stenoschrift, die sie erlernt hatte.

Wenn die Angelegenheit wichtig ist, dann mach dir immer Notizen. Noch bevor ihr Therapeut ihr diesen Rat gegeben hatte, war sie bereits so vorgegangen. Seit sie das Krankenhaus verlassen hatte, hielt sie auch noch das kleinste Detail schriftlich fest. In dieser Zeit hatte sie auch ihre Träume begraben und sich von ihren Eltern gelöst, weil die sich nämlich für sie schämten.

Zach neigte den Kopf. „Es war ein Schock, mein Büro zu betreten und diese … Szenerie vorzufinden. Wenn ich jemanden dabeigehabt hätte …“

„Dann wäre es noch schlimmer gewesen. Ich stimme Ihnen zu. Nun, ich …“ Oh, warum hatte sich Rochelle nur so unmöglich verhalten? Noch dazu zeigte sie auch im Nachhinein nicht den Hauch von Reue! „Ich entschuldige mich im Namen von Best Secretarial Agency aufrichtig für diesen unmöglichen Vorfall. Ich habe Rochelle fristlos entlassen.“

„Ich gehe nicht davon aus, dass Sie das als Verlust betrachten?“ Sein zustimmendes Kopfnicken war immerhin etwas.

„Nein, ganz sicher nicht.“ Ihr Bleistift flog weiter über die Zeilen. „Nun lassen Sie mich Ihnen einen Vorschlag machen.“

Er beugte sich vor. Sein Gesichtsausdruck wirkte ungeduldig und keineswegs entgegenkommend. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich kurzfassen könnten.“

„Sie brauchen eine neue Sekretärin. Ich kann Sie Ihnen zur Verfügung stellen.“ Jede Einzelheit wanderte in ihr Notizbuch. „Um sicherzugehen, dass keine weiteren Komplikationen auftreten, möchte ich Deborah Martyn zu Ihnen schicken. Deb ist meine Stellvertreterin, eine äußerst zuverlässige Frau mittleren Alters, die über sehr viel Erfahrung verfügt.“

Lily holte rasch tief Luft und fuhr dann fort. „Deb kann innerhalb der nächsten …“ Sie blätterte schnell in ihrem Notizbuch und überprüfte Deborahs Verfügbarkeit. „… Stunde hier sein. Als zusätzlichen Anreiz biete ich Ihnen zwei weitere kostenfreie Arbeitswochen nach Ablauf des Vertrags an. Es ist sicherlich nicht einfach, im Handumdrehen an eine erfahrene Sekretärin zu kommen. Mein Vorschlag erspart Ihnen Zeit und Mühe. Ich gehe zumindest davon aus, dass Sie noch keinen Ersatz gefunden haben?“

„Dazu hatte ich nicht die Zeit.“ Er lachte freudlos. „Gehen wir mal davon aus, ich nehme Ihren Vorschlag an, was ich noch nicht tue.“

Sie hatte mit einigem Widerstand gerechnet, weshalb sie sich vorbeugte und ihm ihre ganze Aufmerksamkeit schenkte. „Ja?“

„Ich halte es nicht für sinnvoll, eine weitere unbekannte Frau einzustellen. Zumindest nicht nach den Problemen, die ich gerade hatte. Wenn Sie mir also stattdessen einen männlichen Sekretär zur Verfügung stellen könnten? Kompetent, zuverlässig und vorzugsweise verheiratet mit Frau und Kindern? Jemand, der garantiert arbeiten wird und nicht mehr? Das würde ich eventuell in Erwägung ziehen. Eventuell.

Lily beschäftigte keine männlichen Mitarbeiter. Sie konnte ihm nur Deborah anbieten – eine fantastische Arbeitskraft, aber definitiv weiblich. „Nein, es tut mir leid, einen männlichen Sekretär habe ich nicht unter meinen Angestellten. Aber ich versichere Ihnen, dass Deborah eine glücklich verheiratete …“

„Frau ist?“ Er fuhr sich mit der Hand über den Nacken und sprach das Wort „Frau“ so aus, als sei es ihm besonders widerwärtig. „Aus meiner Sicht ist es in diesem Fall sinnvoller, mich an eine andere Agentur zu wenden. Eine, die bereits länger im Geschäft ist, sodass man ihrem Ruf auch trauen kann.“

„Bitte. Ich möchte das Wohlwollen Ihrer Firma nicht verlieren.“ Lily hatte sich geschworen, nicht zu betteln, doch jetzt war sie nahe dran.

Die „Mädchen“ verließen sich darauf, dass sie ihnen Arbeit vermittelte. Alle fünf waren großartige Frauen, die das Geld brauchten, das sie bei Lily verdienten. Sie bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich in den ersten neun Monaten seit Gründung der Agentur entwickelt hatte. Rochelle war erst später dazugestoßen und hatte eigentlich nie hineingepasst.

Sie schuldete es nicht nur ihren fünf Mitarbeiterinnen, dass sie dieses Problem löste, sondern auch um ihrer selbst willen musste sie zu einer Einigung mit Zach Swift kommen. Was blieb ihr denn noch, wenn die Agentur scheiterte? „Ich werde alles tun, was notwendig ist, um Ihr Wohlwollen zurückzuerlangen.“

„Nein, es tut mir leid.“ Er stand auf. „Ich weiß das Angebot zu schätzen, kann es aber nicht annehmen.“

Er durfte das Gespräch noch nicht beenden. Nicht jetzt!

„Ich erhöhe mein Angebot. Nicht zwei Wochen kostenlose Extraarbeit, sondern einen Monat.“ Lily hatte sich ebenfalls erhoben. Wie sie das bezahlen sollte, war ihr zwar ein Rätsel, aber irgendwie musste sie ihn schließlich überzeugen.

„Sie sind ja ganz schön hartnäckig.“ Sein Blick bohrte sich in sie, als wolle er feststellen, aus welchem Holz sie geschnitzt war. Gleichzeitig lag in diesem Blick ein nur schlecht verhohlenes männliches Interesse. „Wahrscheinlich haben Sie furchtbare Angst davor, dass ich Ihre Agentur verklage.“

Ihr Herz begann wie wild zu pochen, doch sie bemühte sich, eine Ruhe zur Schau zu stellen, die sie keineswegs empfand. „Ist das Ihre Absicht?“

„Nein.“

Kurz, knapp und schmerzlos. Offensichtlich hatte er sich bereits entschieden, bevor sie die Frage stellte.

Er betrachtete sie nachdenklich. „Aber ich bewundere Ihren Einsatz. Daher habe ich gerade beschlossen, dass es doch eine Möglichkeit gibt, wie Sie mich zufriedenstellen können.“

„Alles, was Sie wollen.“ Die Worte strömten einfach so aus ihr heraus. „Eine Widmung auf meinem Grabstein. Jemimas erstgeborenes Kätzchen. Sämtliche Eier von Betty für ein ganzes Jahr.“

Sie klang viel zu verzweifelt. In letzter Sekunde konnte sie sich gerade noch davon abhalten, auch noch ihre Ebay-Sucht zuzugeben. Ihre Wangen brannten. „Nun, natürlich ist das alles für Sie vollkommen uninteressant. Was hatten Sie also im Sinn? Wenn es etwas ist, das in meiner Macht liegt, dann werde ich es möglich machen.“

„Jemima? Betty?“ Er murmelte die Namen, und für einen kurzen Moment flackerte ein belustigtes Funkeln in seinen dunklen Augen.

Ein Mann, der lächeln konnte, hatte etwas wirklich Gewinnendes an sich …

Doch dann schüttelte er den Kopf, und der Ausdruck verschwand. „Anfangs wollte ich nur jemanden, der die Dinge am Laufen hält, während meine eigentliche Sekretärin ihren Urlaub nimmt.“

„Ja.“ Sie nickte so heftig, dass ihr das Haar ins Gesicht fiel. „Das haben Sie auch angegeben, als Sie uns zum ersten Mal kontaktiert haben.“

Zach trat einen Schritt auf sie zu. Er streckte eine Hand in Richtung ihrer Wange aus, doch dann hielt er inne und steckte sie in seine Hosentasche. „Die Dinge haben sich geändert.“

„Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.“ Sie verstärkte den Griff um den Bleistift. Hatte er tatsächlich vorgehabt, ihr Gesicht zu berühren? Ihre Haut kribbelte bereits vor Sehnsucht.

„Eine Frau in Ihrer Position wird wohl mit allen Bürotätigkeiten bestens vertraut sein?“, vermutete er.

„Nun ja, das bin ich.“ Ihr Bleistift flog wieder in dieser besonderen Schrift übers Papier. Warum wurde er plötzlich persönlich? Unwillkürlich kamen ihr Bedenken.

„Sie haben bereits mehrfach selbst zeitlich begrenzte Aufträge angenommen, Ms. Kellaway?“ Sein Kiefer verkrampfte sich, während sein Blick ganz kurz zu ihren Lippen ging. „Tun Sie das noch immer?“

Lily musste sich sehr beherrschen, um nicht eine Hand an ihre Lippen zu legen. „Manchmal springe ich ein, ja. Bei kurzen Engagements, die mir genug Zeit lassen, mich um meine eigentlichen Aufgaben zu kümmern. Meine Verpflichtung gegenüber der Agentur lässt mehr nicht zu.“

Das war die Wahrheit, wenn auch nicht die ganze.

„Aber wenn die Umstände es verlangen würden, dann könnten Sie auch mehr leisten. Sie würden sich anpassen. Ja, ich vermute, dass Sie darin sehr gut sind.“ Seine Stimme hatte einen rauchigen Unterton, sodass sie sich unwillkürlich fragte, an welche Art Anpassung er dachte.

Er nickte kurz. „Also, hier ist mein Vorschlag. Ich möchte Sie als Vertretung in meinem Büro haben, um den Arbeitsrückstand aufzuholen.“

Bei jedem seiner Worte weiteten sich ihre Augen. Eine Mischung aus Angst, Ungläubigkeit und Entsetzen durchströmte sie. Er wollte sie? „Ich kann nicht einfach meine Arbeit stehen und liegen lassen …“

„Sie wären überrascht, was Sie alles tun können, Lily Kellaway, wenn die Not groß genug ist.“ Er wirkte unnachgiebig und zu keinem weiteren Kompromiss bereit. „Ich möchte, dass Sie dafür sorgen, dass mein Büro wieder so läuft, wie es das seit elf Jahren tut. Wenn Maddie zurückkommt, soll es so sein, als wäre sie nie weg gewesen.“

„Wirklich. Es tut mir leid.“ Lily hatte sich eine zweite Chance erhofft, aber nicht auf diese Weise. Sie würde sich zur Närrin machen, würde ihre Mängel und Schwächen, ihre Unzulänglichkeit vor ihm enthüllen. Nein. Völlig unmöglich. Allerdings wusste sie nicht, wo sie eine glaubwürdige Erklärung für ihre Weigerung hernehmen sollte. „Ich kann nicht …“

„Oh doch, Sie können, und Sie werden. Sie sind die richtige Wahl, weil Ihnen ein positives Ergebnis sehr am Herzen liegt. Deshalb werden Sie alles dafür tun, dass es funktioniert.“

Er hatte sich nicht bewegt, aber es war so, als klopfe er sich selbst auf die Schulter, weil er sie vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Falls er irgendwelche Zweifel hegte, weil er sich zu ihr hingezogen fühlte, so schien er diese Zweifel begraben zu haben. Einfach so.

Ungerührt fuhr er mit tiefer Stimme fort: „Ich bin sicher, dass Ihre organisatorischen Fähigkeiten mehr als zufriedenstellend sind, und schließlich geht es nur um ein paar Monate.“

„N-nur um ein paar Monate.“ Er wollte tatsächlich, dass sie den Job selbst übernahm. Er hatte sich entschieden und war für keinen anderen Vorschlag mehr zugänglich. Was ihre organisatorischen Fähigkeiten anging, so musste sie ein bitteres Lachen unterdrücken. Lily organisierte ihr Leben bis ins kleinste Detail, und es reichte immer noch nicht aus.

Die Unausweichlichkeit ließ sie beinahe laut aufstöhnen. Das Notizheft entglitt ihren Fingern und fiel zu Boden. Es war, als stürze gleichzeitig ihre ganze kontrollierte Welt in sich zusammen.

Mit dem zusätzlichen Extramonat, den sie angeboten hatte, handelte es sich um einen Zeitraum von insgesamt elf Wochen. Sie konnte es sich nicht leisten, ihre Agentur so lange allein zu lassen.

Irgendwie musste sie eine andere Lösung finden. Im Moment blieb ihr nichts anderes übrig, als auf seine Forderung einzugehen, doch nach zwei, drei Wochen musste es ihr gelingen, ihn davon zu überzeugen, Deb zu übernehmen.

„Sie haben keine Wahl, das wissen Sie.“ Er hob ihr Notizheft auf und reichte es ihr.

Das Heft war das Symbol ihrer Schwäche, auch wenn er das nicht wusste. Mit seiner Hilfe versuchte sie, die Kontrolle über ihr Leben zu behalten. Dort fand sich alles – von Einkaufslisten über wichtige Termine, Arbeitsbelange und Namen von Personen, an die sie sich vielleicht erinnern musste.

„Ich habe mich entschieden. Ihre wunderbare Deborah kann in Ihrer Abwesenheit die Leitung der Agentur übernehmen.“ Sein Ton war ruhig und bestimmt. „Und Sie, Lily Kellaway, gehören mir.“

2. KAPITEL

Zachary Swift hatte Lily fünfzehn Minuten gegeben, um ihre Agenturbelange zu regeln. Dementsprechend kurz gestaltete sich ihr Telefonat mit Deborah, bei dem sie noch dazu Mühe hatte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, weil sie sich Zachs Gegenwart im angrenzenden Büro überdeutlich bewusst war.

„Ich kümmere mich um alles, Lily. Mach dir keine Sorgen“, beruhigte Deb sie.

„Vielen Dank, Deb.“ Hastig notierte Lily Deborahs Bereitschaft, die Agentur übergangsweise zu leiten, in ihrem Heft. „Du hast ja den Schlüssel zu meinem Büro, und die Bänder …“

Wo hatte sie die Bänder verstaut? Sie konnte sich nicht erinnern. „Sie sollten neben dem Computer liegen. Wenn nicht, dann befinden sie sich wahrscheinlich in der obersten Schreibtischschublade. Aktiviere eine Rufumleitung zu dir nach Hause. Ich melde mich heute Abend bei dir, um alles Weitere zu besprechen.“

Sobald sie das Telefonat beendet hatte, kritzelte sie Merkhinweise auf kleine gelbe Haftnotizzettel, die sie über dem Telefon, am Rand des PC-Monitors und neben dem Diktiergerät anbrachte. Sie wünschte, sie könnte auch einen Zettel mit der Aufschrift „Fühle dich nicht zu deinem Boss hingezogen“ anfertigen.

„Haben Sie mit Ihrer Assistentin alles geklärt, sodass Sie sich jetzt ausschließlich auf Ihre Arbeit hier konzentrieren können?“ Zach Swift stand im Türrahmen – die Hemdsärmel hatte er aufgerollt, die Krawatte gelockert.

Was, wenn es ihr nicht gelang, die Anziehung zu ignorieren? Wenn sie stattdessen immer größer und stärker wurde? „Ja, es ist alles geregelt, obwohl ich einiges umorganisieren musste.“

Sie wünschte, er würde sein zerzaustes Haar kämmen, und wenn er schon mal dabei war, dann könnte er auch sein Jackett wieder anziehen, das er in dem Moment abgelegt hatte, als sie auf seine Forderung eingegangen war.

„Ich bin froh, dass Sie so gut organisiert sind, denn das müssen Sie auch sein, um hier gute Arbeit zu leisten.“ Er lächelte ein ganz klein wenig, wie um seine provozierende Aussage etwas zu mildern.

Warum fühlte sie sich überhaupt zu ihm hingezogen? Er war ganz und gar nicht ihr Typ. Wenn sie jemals wieder einen Mann in ihr Leben lassen sollte – was mehr als unwahrscheinlich war –, dann nur einen, der sanft war, eher ein gelehrter oder poetischer Charakter.

„Ich werde mein Bestes geben, Mr. Swift.“ Ganz bewusst vermied sie eine Aussage über die Dauer ihres Aufenthalts in seiner Firma, denn sie war immer noch fest entschlossen, ihm nach wenigen Wochen Deborah an die Seite zu stellen. So lange würde es ihr wohl gelingen, den Schein zu wahren und keine Fehler zu begehen.

Ihr Therapeut im Institut hatte ihr geraten, offen mit ihrer Einschränkung umzugehen und es den Menschen von Anfang an zu sagen. Doch er wusste nicht, was für ein Gefühl das war, wenn man die Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck sah, wenn man plötzlich Mitleid und Schlimmeres in ihren Augen las.

Und diese unerwartete Anziehung zu Zachary Swift würde sie überwinden. Oh ja! Sie öffnete ihren Terminkalender und legte ihn in gut erreichbarer Nähe ab, sodass sie jederzeit Zugang hatte. „Welche Aufgabe soll ich als Erstes übernehmen?“, fragte sie.

„Da sind einige Angebote auf Band, die schon am Freitag hätten getippt werden müssen.“ Er hob einen Papierstapel vom Schreibtisch auf, so als suche er darunter nach den Bändern. Dann überlegte er es sich anders und ließ die Papiere wieder fallen. „Bei jedem einen Standardanfang, aber auf den letzten Seiten dann bitte individuelle Bezüge. Außerdem ...

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