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Unvergesslich

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Epilog

Über dieses Buch

Finn liebt Liv, und Liv liebt Finn. Doch ein schreckliches Ereignis reißt sie auseinander. Als sie nach vielen Jahren wieder aufeinandertreffen, ist nichts mehr, wie es war. Die einst so wilde Liv hat einen Job, der sie nicht erfüllt, der verlässliche Finn ist Undercover Cop, ohne Familie, ohne Bindungen, immer auf dem Sprung. Sofort sprühen wieder die Funken. Doch die Vergangenheit hat Spuren hinterlassen, und die Verletzungen sitzen tief …

Über die Autorin

Roni Loren schrieb ihren ersten Liebesroman im Alter von 15 Jahren, als sie feststellte, dass es einfacher war, über Jungs zu schreiben, als mit ihnen zu reden. Heute kann sie zwar auch nicht viel besser flirten, ist aber (hoffentlich) zumindest eine bessere Autorin. Sie hat einen Master in Sozialarbeit und viele Jahre als Therapeutin gearbeitet, bis sie sich ganz aufs Schreiben konzentrierte. Seitdem legt sie in ihrem gemütlichen Büro in Dallas, Texas nur noch ihre Figuren auf die Analysecouch. Sie ist zweifache Gewinnerin des RITA-Awards und eine New York Times- und USA Today-Bestsellerautorin.

Kapitel 1

NICHTS KANN EUCH RETTEN. Liv Arias rieb sich über die Gänsehaut auf ihren Armen, als sie die krakeligen Worte auf dem Pappschild las, das jemand unter die Abbildung einer gefährlich aussehenden Wespe an die Wand der Sporthalle geklebt hatte. NICHTS KANN EUCH RETTEN! Weitere handbeschriebene Zettel hingen kreuz und quer um das lächerliche Maskottchen herum, runde Cheerleader-Handschriften, die erklärten, dass die Millbourne Yellowjackets es den Creekside Tigers zeigen würden. Irgendein Klugscheißer hatte einen Tiger mit einem angeschwollenen Gesicht und daneben einen durchgestrichenen Adrenalin-Autoinjektor gezeichnet, wie ihn Allergiker oft für den Notfall bei sich trugen.

Nichts kann euch retten. Der künstlerische Ausdruck der Zeichnung hätte Liv lächeln lassen sollen. Früher, als sie noch auf der Highschool gewesen war, hätten ihr die Zeichnungen gefallen, auch wenn sie sie nicht selbst angefertigt hätte. Doch heute konnte sie sich nicht mehr dafür begeistern. Weil das alles sie runterzog. Der neue Name der Schule. Das seltsame, zu lustige Maskottchen. Die Tatsache, dass sie hier war.

Das hier war nicht die Turnhalle, in der es passiert war. Jenes Gebäude war wenige Monate nach der Tragödie abgerissen worden. Überall Blut und Schmutz. Inzwischen befand sich dort, am anderen Ende der Schule, ein Platz des Gedenkens. Sie hatte den langen Weg darum herum gewählt, um ihn auf ihrem Weg ins Gebäude nicht überqueren zu müssen. Sie befürchtete, dass dann alles, was sie so mühsam verdrängt hatte, wieder hochkommen würde. Auch zwölf Jahre danach konnte sie es nicht ertragen, auf die Liste der Namen zu blicken, die im Programmheft einer Abschlussfeier stehen sollten und nicht auf eine Gedenkstätte gemeißelt. Menschen, neben denen sie in der Klasse gesessen hatte. Menschen, mit denen sie befreundet gewesen war. Menschen, von denen sie dachte, dass sie sie hassen würde, bis sie fort waren und ihr bewusst wurde, wie dumm und oberflächlich Highschool-Hass war. Nun waren sie nur noch Namen auf einem Stein, Erinnerungen, die an die Wände ihres Gehirns gemalt waren, Löcher in den Herzen anderer Menschen.

»Sie sagten, dass Sie sich nicht in der Sporthalle aufhielten, als der erste Schütze hereinkam.«

Die ruhige Stimme des Interviewers riss Liv aus ihren Gedanken, und sie blinzelte in die grellen Lichter der Kamera, die auf sie gerichtet war. Sie hatten über die Tragödie im Allgemeinen gesprochen, waren aber noch nicht zu den Einzelheiten jener Nacht gekommen. »Was?«

Dokumentarfilmer Daniel Morrow nickte ihr aufmunternd zu, wobei ihm das gestylte Haar in die Stirn fiel. »Sie waren also nicht in der Turnhalle …«

Liv schluckte gegen die Enge in ihrer Kehle an. Vielleicht hatte sie sich überschätzt, als sie ihre Zusage für das hier gegeben hatte. Sie hatte es getan, weil die Einnahmen sowohl den Familien der Opfer als auch der Forschung zugutekommen würden, damit so etwas nicht noch einmal geschah. Wie hätte sie also so hartherzig sein können abzulehnen? Doch in diesem Moment wünschte sie, sie hätte es getan. Die alte Angst kroch ihr wie tausend Spinnen den Rücken hinauf bis in den Nacken und ergriff von ihr Besitz. Die Erinnerungen an jene Nacht drohten sie zu überwältigen. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, konzentrierte sich auf ihre Atmung.

Sie war nicht mehr das verängstigte Mädchen von damals. Nie mehr.

»Brauchen Sie eine Pause, Ms. Arias?«, fragte Daniel, und seine Stimme hallte in der dunklen, leeren Turnhalle.

Sie schüttelte den Kopf, während die Lampen des Kamerateams heiß auf ihre Haut brannten. Keine Unterbrechungen. Sie musste die Sache hinter sich bringen. Wenn sie eine Pause machte, würde sie nicht mehr vor die Kamera zurückkehren. Sie öffnete die Augen und straffte den Rücken, sammelte Kraft und tat so, als würde sie über Dinge sprechen, die anderen passiert waren, Menschen, die sie nicht kannte, an einer Schule, von der sie nie gehört hatte. »Nein, ich war nicht in der Turnhalle. Ich war im Flur, um frische Luft zu schnappen.«

Was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Sie hatte den Abschlussball verlassen, um mit Finn Dorsey im Kabuff des Hausmeisters zu verschwinden. Doch sie und Finn hatten über diesen Teil der Geschichte nie geredet, weil er mit einem »echten« Date auf dem Fest gewesen war. Niemals hätte er gewollt, dass seine Eltern oder irgendwer sonst erfuhren, dass er sich mit jemandem wie Olivia Arias davongestohlen hatte. Sie hatte ihn zuerst in die Kammer gezogen, um ihm den Kopf zu waschen, weil er sie für sein Date mit der Vorsitzenden der Schülervertretung übergangen hatte. Doch dieser Streit hatte das Feuer zwischen ihnen beiden nur noch mehr angefacht. Es war ein junges, törichtes, komplett unpassendes Verlangen gewesen. Er hatte gerade die Hand unter ihr Oberteil geschoben, als sie die ersten Schüsse gehört hatten.

»Was passierte, als Sie im Flur waren?«

Liv wollte die Bilder nicht wieder heraufbeschwören. Sie hatte so lange mit Flashbacks gekämpft, dass es sich nun anfühlte, als würde sie den Teufel ein weiteres Mal einladen wollen. Erst als sie dieses furchtbare Jahr komplett verdrängt und sich von allem und jedem aus der damaligen Zeit distanziert hatte, hatte sie wieder aufatmen können. Die Erinnerungen nun noch einmal hervorzuholen war möglicherweise zu viel. Schon stiegen die Bilder wieder vor ihr auf.

»Als ich die Schüsse und dann die Schreie hörte, versteckte ich mich im Kabuff des Hausmeisters.« Sie und Finn hatten geglaubt, dass es sich um irgendeinen Abschlussfeier-Gag handelte, bis sie hörten, wie Finns Date Rebecca das Wort Waffe rief.

Waffe.

Ein kleines Wort mit fünf Buchstaben, das ihre Welt aus den Angeln gehoben und für immer in eine andere Dimension katapultiert hatte.

»Dann haben Sie die Schützen nicht gesehen?«

Liv fasste sich an den Ellbogen, um zu verhindern, dass ihr inneres Frösteln zu einem sichtbaren Zittern wurde, und verdrängte den Tannennadelgeruch des Desinfektionsmittels, der ihr in der Nase brannte, als ob sie wieder in der Hausmeisterkammer wäre. Wegen dieses Duftes war sie noch immer nicht in der Lage, sich an Weihnachten einen echten Tannenbaum zu kaufen. »Ich habe niemanden gesehen, bis Joseph die Tür öffnete.«

Finn hatte sie damals allein in dem Kabuff zurückgelassen. In dem Moment, als er Rebecca schreien gehört hatte, war er losgelaufen. Er hatte etwas zu ihr gesagt, doch sie hatte sich nie erinnern können, was es gewesen war. Sie wusste nur noch, dass er sie verlassen hatte. Indem er davoneilte, um sein eigentliches Date zu retten, hatte er Joseph ungewollt verraten, wo sich Liv aufhielt.

»Er richtete die Waffe auf mich und brüllte, ich solle aufstehen.« Ihre Stimme klang heiser und rau bei der Erinnerung an die überwältigende Angst von damals, als sie geglaubt hatte, ihre letzte Stunde habe geschlagen. Sie hatte gelernt, irgendwie mit den Panikattacken zurechtzukommen, die sie seit jener Nacht quälten, doch dieses eine Bild verfolgte sie immer noch – wie sie direkt in den auf sie gerichteten Lauf der Waffe schaute, während der ängstliche und doch entschlossene Blick ihres früheren Laborpartners sie wie kalter Stahl durchbohrte.

»Doch Joseph hat nicht abgedrückt.«

Liv sah auf ihre Hände hinunter und drehte den Ehering ihrer Mutter wieder und wieder herum. »Nein. Er wusste, wer ich war. Ich … stand nicht auf seiner Liste.«

»Was bedeutet das?«

Es war unmöglich, dass Daniel das nicht wusste. Die Medien hatten sich auf das Bekennerschreiben der Killer gestürzt wie Ameisen auf ein Glas Honig. Joseph und Trevor hatten sich den Abschlussball aus einem ganz besonderen Grund für ihre Tat ausgesucht. Nicht, um die beliebten Mitschüler zu töten oder die, die ihnen Unrecht getan hatten. Nein, es hatte die Glücklichen treffen sollen. Wer in einer beschissenen Welt wie dieser glücklich sein kann, der ist blind und zu dumm, um zu leben. So hatte die Essenz ihrer Mission gelautet. Liv hatte nicht als glücklich gegolten und war deshalb verschont geblieben. Doch sie hatte nicht die Absicht, dies zu verraten und sich damit der Frage auszusetzen, warum sie nicht glücklich gewesen war. Damals hatte es genügend Spekulationen in der Presse gegeben. Was stimmte nicht mit all diesen glücklichen Überlebenden? Waren sie die unbedeutenden Kids? Die deprimierten Kids? Die versehrten Kids? Freunde der Mörder? »Joseph und ich hatten gemeinsam an einem Chemieprojekt gearbeitet. Wir waren nicht befreundet, aber ich war nett zu ihm gewesen.«

Und er war nett zu ihr gewesen. Doch sie hatte auch eine Seite von ihm gesehen, die sie später verfolgen sollte.

Als sie sich Sorgen machte, dass ihr Projekt womöglich nicht mit denen der anderen mithalten könnte, versicherte er ihr, dass der Rest der Klasse aus Idioten, Schaumschlägern und Arschlöchern bestünde, sodass sie im Vergleich dazu wie Genies aussahen. Er hatte sie angegrinst und gesagt: »Ehrlich gesagt finde ich, dass irgendwer sie einfach aus ihrem Elend erlösen sollte. Würde uns den Ärger ersparen, uns mit ihnen herumzuschlagen.«

Damals hatte sie sich bereits dem Postulat des Sarkasmus verschrieben und nicht mehr viel für ihre Klassenkameraden übrig, und so hatte sie seinen Kommentar einfach so stehen lassen und ihm sogar zugestimmt. Inzwischen wurde ihr bei der Erinnerung an das Gespräch übel. Sie hatte einem Mörder bestätigt, dass er recht habe. Hatte damit noch Öl ins Feuer gegossen.

»Er fluchte, sagte mir, ich solle mich nicht von der Stelle rühren, und schob von außen einen Stuhl unter den Türgriff.« Sie rieb die Lippen aneinander. »Danach hörte ich weitere Schüsse.«

»Da schossen er und Trevor vermutlich auf …« Daniel blickte auf seine Notizen. »… Finn Dorsey und Rebecca Lindt.«

Liv griff nach ihrem Wasser und trank einen Schluck, wobei sie versuchte, die Geräusche aus jener Nacht aus ihrem Kopf zu verdrängen. Das gleichmäßige, unerbittliche Feuer aus der Waffe. Die Hilferufe. Noch immer war ein Mariah-Carey-Song in der Turnhalle zu hören gewesen. Ihr eigener hastiger Atem, als sie reglos in der Kammer kauerte. Wie erstarrt. Fünf Stunden lang. Nur der Stuhl an der Tür hatte das SWAT-Team, als alles vorüber war, darauf aufmerksam gemacht, dass sich jemand dahinter befand. »Ja. Ich habe nichts gesehen, doch ich weiß, dass auf Finn geschossen wurde, als er Rebecca zu schützen versuchte. Zu Einzelheiten müssen Sie Rebecca befragen.«

»Das habe ich getan. Und als Nächstes werde ich auch mit Finn darüber sprechen.«

Livs Kopf schoss in die Höhe, als die Worte sie schlagartig aus ihren Erinnerungen rissen. »Was?«

»Mr. Dorsey ist mein nächster Interviewpartner.«

Sie starrte Daniel an, nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. »Finn ist hier?«

Fast hätte sie gesagt: Er existiert tatsächlich? Nach den furchtbaren Monaten, die auf die Schießerei folgten, war er praktisch zu einem Geist geworden. Die Zeitungen hatten ihn als Helden gefeiert, und auch andere Medien hatten die Geschichte wieder und wieder hochgejubelt. Der Starathlet und Sohn eines lokalen Geschäftsmanns, der eine Kugel abbekam, weil er sich vor sein Date warf. Doch innerhalb des folgenden Jahres hatte seine Familie ihr Haus vermietet und war aus der Stadt gezogen, um vor dem Medienrummel zu fliehen, wie so viele andere auch. Niemand wollte auf diese Weise Berühmtheit erlangen.

Seitdem hatte Liv nichts mehr von ihm gehört, und er gab auch nie Interviews. Sie hatte sich überlegt, dass er wahrscheinlich auf eine einsame Tropeninsel gezogen war und seinen Namen geändert hatte. Sie hätte die Stadt damals ebenfalls verlassen – hätte sie das nötige Geld dafür gehabt.

»Ja«, sagte Daniel und nickte über ihre linke Schulter hinweg. »Er ist vor ein paar Minuten hier eingetroffen. Er weigert sich, vor die Kamera zu treten, doch er hat einem Interview zugestimmt.«

Sie konnte nicht anders, als sich umzudrehen und dem Blick des Dokumentarfilmers zu folgen. In den Schatten der dunklen Turnhalle lehnte ein dunkelhaariger Mann in Jeans und einem schwarzen T-Shirt an der Wand.

Er blickte von dem Telefon in seiner Hand auf, als hätte er seinen Namen gehört, und schaute in ihre Richtung. Er war zu weit entfernt, um seine Miene oder sein Gesicht genauer sehen zu können, doch ein Blitz des Wiedererkennens durchfuhr sie. »Oh.«

»Hey, wir sollten ihn zu diesem Teil dazubitten, da Sie beide zur selben Zeit am selben Ort gewesen sind. Auf diese Weise können wir den zeitlichen Ablauf noch genauer rekonstruieren.«

»Was? Ich meine, nein, das ist nicht …«

»Jim, kannst du die Kamera ausschalten? Ich denke, das könnte wichtig sein. Mr. Dorsey«, rief Daniel, »würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Ihnen jetzt ein paar Fragen stelle? Die Kamera ist aus.«

Während der Kameramann noch mit den Geräten beschäftigt war, stieß sich Finn von der Wand ab.

Livs Herz machte einen Sprung, als versuchte es zu flüchten. Nach der Tragödie hatte sie Finn gemieden, nicht nur wegen ihrer verletzten Gefühle, sondern auch weil der Anblick seines Gesichts, selbst auf dem Fernsehbildschirm, die Flashbacks zurückbrachte. Doch sie war nicht mehr das Mädchen von damals. Finn nach all diesen Jahren wiederzusehen sollte sie nicht weiter beunruhigen. Trotzdem spürte sie ein überwältigendes Bedürfnis, durch die Hintertür zu flüchten. Sie glitt aus dem Regiestuhl, in dem sie gesessen hatte. »Ich glaube, ich habe Ihnen alles erzählt, was ich weiß. Ich war nicht in der Turnhalle und habe eigentlich nicht viel mehr gemacht, als mich in dem Kabuff zu verstecken. Nicht besonders interessant …«

Ihre Stimme erstarb, als Finn näher kam und dabei das Licht einiger Scheinwerfer auf ihn fiel. Der Mann, der auf sie zukam, hatte nichts mehr von dem Jungen an sich, den sie einmal gekannt hatte. Die wuchtigen Footballer-Muskeln waren einer härteren, schlankeren Figur gewichen. Das weiche Gesicht sah nun rau aus und hatte einen Bartschatten, und in Finns Blick aus tiefgrünen Augen lag keine Spur von jungenhafter Unschuld mehr. Tausend Dinge spiegelten sich in ihnen. Und tausend Dinge stiegen in Liv hoch.

Finn Dorsey war ein Mann geworden. Ein Fremder. Das einzig Vertraute war, dass sein Auftauchen sie, genau wie früher, aufmerken ließ und sich ihr Körper anspannte. Daran hatte die Zeit nichts geändert, ganz im Gegenteil. Unwillkürlich ließ sie ihren Blick zu seinen Händen wandern. Große Hände, die wussten, was sie taten, und sie einst gehalten hatten. Früher hatte er immer den Klassenring aus seinem Junior-Jahr am Finger getragen. Wenn er sie geküsst hatte, hatte sie das kühle Metall in ihrem Nacken spüren können. Nun trug er überhaupt keine Ringe mehr. Sie holte Luft, versuchte ihm offen wie früher zu begegnen und strich sich die Falten ihres Bleistiftrocks glatt.

Daniel streckte die Hand aus. »Mr. Dorsey, schön, dass Sie gekommen sind.«

Mit einem knappen Nicken schüttelte Finn ihm die Hand. »Kein Problem.«

Dann wanderte sein Blick zu Liv. Seine Brauen zogen sich für eine Sekunde zusammen, doch dann erkannte er sie. Ein Flackern huschte über sein Gesicht, das einen ganz besonderen Ausdruck annahm. Als würde sie ihm Schmerzen verursachen. Als wäre sie eine unangenehme Erinnerung.

Und das war sie. Das war alles, was sie an diesem Punkt noch füreinander waren.

»Liv.«

Ihre Kehle war wie zugeschnürt. »Hi, Finn.«

Er trat näher. Seine Augen wanderten über ihr Gesicht, als suchten sie nach etwas. Oder vielleicht auch nur, um den Spuren der Zeit in ihren Zügen nachzuspüren. Die dick mit Kohlekajal umrandeten Augen waren Vergangenheit, ebenso das Nasenpiercing und die lilafarbene Haarsträhne. Nach dem College war sie zu ihrer natürlichen schwarzen Haarfarbe zurückgekehrt, und obwohl sie glaubte, immer noch einen eigenwilligen Kleidungsstil zu haben, hatte sie für das heutige Interview ein schlichtes graues Kostüm gewählt. Eines, über das die junge Liv abfällig geschnaubt hätte.

»Schön, dich zu sehen«, sagte Finn mit einer Stimme, die tiefer und männlicher klang, als sie sie in Erinnerung hatte. »Du siehst …«

»… wie nach einem zweistündigen Interview aus, da bin ich mir sicher.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Ich geh dann mal, damit du und Daniel euch unterhalten könnt. Du kannst ihm bestimmt viel detailliertere Informationen geben als ich. Schließlich war ich nur das Mädchen im Hausmeisterkabuff.«

Finn runzelte die Stirn. »Liv …«

»Ich hatte gehofft, mit Ihnen beiden sprechen zu können«, unterbrach Daniel. »Das könnte eine zusätzliche Sichtweise geben.«

Livs Herz raste. Ein Teil von ihr wollte Finn anschreien, ihn nach dem Warum fragen und ihm all die anderen Fragen entgegenspucken, die sie nie gestellt hatte, all die Gefühle hinauslassen, die sie in eine Gruft namens »Abschlussjahr« gepackt hatte. Doch der andere Teil von ihr wusste, dass es keine guten Antworten gab. Am Ende hatten sie alle drei überlebt. Hätte er das Kabuff nicht verlassen, hätte Rebecca es vielleicht nicht geschafft. Dann hätte Liv sie auf dem Gewissen.

Sie drehte sich zu Daniel und sah ihn entschuldigend an. »Es tut mir leid. Ich bin völlig erschöpft und möchte jetzt lieber gehen. Ich habe wirklich nicht mehr dazu zu sagen.«

»Und wenn wir eine Pause machen und dann …«

»Sie sagt, dass sie müde ist«, sagte Finn mit kühler Autorität in der Stimme.

»Es wären nur einige wenige Fragen. Die Zuschauer würden …«

Finn hob eine Hand. »Schauen Sie. Ich weiß, dass Sie gute Gründe für Ihre Bitte haben, aber Sie dürfen nicht vergessen, was das hier mit uns allen macht. Für die übrige Welt war es eine Tragödie. Etwas, was die Menschen beim Abendessen diskutieren, worüber sie die Köpfe schütteln oder politisch werden. Für uns war es unser Leben, unsere Schule, unsere Freunde. Und hierher zurückzukommen und über all das zu sprechen … dazu gehört mehr, als sich irgendwer sonst vorstellen kann. Es reißt Wunden auf, die wir zu schließen versucht haben. Also lassen Sie sie. Sie schuldet niemandem mehr von ihrer Geschichte, als sie bereit ist zu geben.« Finns und ihr Blick trafen sich. »Sie schuldet niemandem irgendwas.«

Livs Brust war wie zugeschnürt, und Daniel drehte sich mit entschuldigendem Blick zu ihr. »Es tut mir leid. Sie haben recht. Ms. Arias, wenn Sie gehen müssen, dann gehen Sie. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben.«

Er streckte ihr die Hand zum Abschied hin, und sie ergriff sie. »Schon in Ordnung. Dass die Einnahmen an die Familien gehen, macht es leichter. Ich weiß, dass Sie einen guten Job machen. Es gibt nur nichts, was ich noch hinzufügen könnte.«

Sie ließ Daniels Hand los, drehte sich zu Finn und nickte dankbar. »Ich bin jetzt weg, damit ihr anfangen könnt. Es war schön, dich zu sehen, Finn.«

Finns Aufmerksamkeit war ganz auf sie gerichtet und hielt sie in ihrem Bann, und für einen Moment stiegen alte Erinnerungen in Liv auf, die nichts mit Schüssen oder Gewalt zu tun hatten oder damit, wie alles geendet hatte. Stattdessen war ihr Kopf angefüllt mit Schnappschüssen von gestohlenen Minuten und wilden Küssen zwischen den Bücherreihen der Bibliothek und Finns vollem, tiefem Lachen, wenn sie ihm ihre verrückten Witze erzählte. Bevor Finn sie in jener Nacht verlassen hatte, hatte er ihr jeden Tag des Semesters einen Grund zum Weitermachen gegeben, durch ihn hatte sie etwas, worauf sie sich freuen konnte, etwas, was ihr ein Lächeln auf die Lippen zauberte, wenn es zu Hause mal wieder ganz schrecklich war. Er hatte ihr Hoffnung gegeben.

Doch bereits vor dem Attentat hätte sie wissen müssen, dass es keine Zukunft für sie beide gab. Die Anzeichen waren klar und deutlich gewesen. Sie war nur zu geblendet gewesen, um sie zu erkennen.

»Es ist viel zu lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben«, sagte er ruhig. »Wir sollten etwas trinken gehen und uns auf den neuesten Stand bringen. Hast du eine Unterkunft hier in der Stadt?«

Das hatte sie. Doch sie fühlte sich nicht bereit für ein Gespräch. Sie fühlte sich nicht bereit für ihn. In all den Jahren, nachdem er verschwunden war, hatte sie tausend Fragen an ihn gehabt, doch nun brachte sie es nicht fertig, ihm auch nur eine zu stellen. Das Interview, der zwölfte Jahrestag und ihn wiederzusehen – das alles hatte sie schutzlos und verletzlich gemacht. Und was würde es schon bringen, wenn er ihr die gewünschten Antworten gab? Man konnte die Vergangenheit nicht ändern.

Sie wollte lügen und ihm sagen, dass sie am Abend ausgehen würde. Doch sie wohnte im Bear Creek Inn, dem einzigen annehmbaren Hotel in dieser texanischen Kleinstadt, was bedeutete, dass er vermutlich ebenfalls dort abgestiegen war. Wenn sie log, würde sie ihm mit Sicherheit über den Weg laufen, denn so funktionierte das Universum. »Ich treffe mich mit Freundinnen zum Dinner. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Zeit haben werde.«

Er sah sie für einen Moment mit forschendem Blick an, doch dann nickte er. »Ich bin in Zimmer 348 im Bear. Ruf mich dort an, wenn du deine Meinung änderst, und wir treffen uns an der Bar.«

Sie zwang sich zu einem höflichen Lächeln. »Mach ich.«

»Großartig.« Doch sie sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte.

Das alles waren nur höfliche Floskeln, und vielleicht war seine Einladung auf einen Drink auch nicht mehr. Egal was vor dem Ball zwischen ihnen gewesen war, nun waren sie füreinander nicht mehr als schlechte Erinnerungen und noch schlechtere Entscheidungen.

Sie verabschiedete sich von den beiden Männern und drehte sich zur Tür, wobei sie sich zwang, nicht zurückzuschauen. Dieser Ort, diese Geschichte, das war ihre Vergangenheit. Finn Dorsey war ihre Vergangenheit. Sie brauchte nichts und niemanden, der sie an diese Zeit in ihrem Leben erinnerte und daran, wie verletzlich sie damals gewesen war. Sie hatte so hart daran gearbeitet, all diese Dinge tief in ihrem Inneren zu vergraben, damit sie endlich nach vorn blicken konnte. Sie konnte nicht hierbleiben.

Sie setzte einen Fuß vor den anderen, und ihre hohen Absätze klickten in rascher Folge über den Turnhallenboden.

Doch statt ihre Schritte zu hören, hörte sie nur Schüsse. Klick, klick, klick. Peng, peng, peng.

Angst machte sich in ihr breit, und sie versuchte, durch den Tannennadelgeruch zu atmen, der sie verfolgte. Nein. Schreie hallten ihr in den Ohren.

Sie ging so schnell, dass sie genauso gut hätte laufen können. Rief Finn ihren Namen?

Sie war sich nicht sicher und drehte sich nicht um.

Je schneller sie diesem Ort und ihren Erinnerungen entfloh, desto besser.

Sie war nicht mehr das Mädchen von damals.

Und sie würde niemals wieder zurückkehren.

 

Kapitel 2

Finn brauchte einen harten Drink, ein warmes Bett und einen verdammt langen Urlaub. Dankbar nahm er Ersteren von der Bedienung im Restaurant seines Hotels entgegen und bestellte gleich einen zweiten.

»Möchtest du etwas dazu essen, Schätzchen? Wir haben heute Abend ein fantastisches Hähnchenschnitzel mit heller Soße und Stampfkartoffeln. Dann sieht die Nacht gleich besser aus.«

Finn unterdrückte eine Grimasse. Nichts konnte diese Nacht besser machen, außer ein Vollrausch, der der Bewusstlosigkeit nahe kam. Doch Janice, die hier arbeitete, seit er ein Kind war, war viel zu freundlich, um ihr einen abfälligen Kommentar reinzuwürgen. Aus diesem Grund war er von hier weggezogen. Die ganze Stadt wollte ständig irgendetwas für die Überlebenden von der Long Acre High tun. Doch es gab nichts, was irgendwer hätte tun können.

Selbst er hatte sich dabei ertappt, wie er etwas tun wollte, als er Olivia Arias sah. Die wunderschöne, schräge Liv, die so erwachsen geworden war. Sie zu sehen fühlte sich an wie hundert Faustschläge in den Magen. Ihr Anblick hatte ihn zurück in die Zeit katapultiert, als es jeden Tag seine größte Freude gewesen war, sich mit Liv davonzuschleichen und ihr ein paar Küsse zu stehlen und sich Wortgefechte mit ihr zu liefern. Ein bittersüßer Schmerz, wie er ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gespürt hatte, machte ihm die Brust eng und raubte ihm den Atem.

Er hatte die Hand nach ihr ausstrecken wollen. Er hatte die Sache in Ordnung bringen wollen. Sich entschuldigen. Irgendetwas tun wollen, um den getriebenen Ausdruck in ihren Augen zu verscheuchen. Etwas tun, was ihr zeigte, wie verdammt leid es ihm tat, auf was für spektakuläre Weise er sie hängengelassen hatte. Doch er hatte in ihrem Gesicht gesehen, dass es nichts gab, was er tun konnte. Die Vergangenheit war in Stein gemeißelt. Das wusste er besser als irgendwer sonst. Die Narben waren tief und würden bleiben, und er hatte bei Liv eine besonders schlimme hinterlassen.

Nun versuchte es die freundliche Bedienung mit frittiertem Rindfleisch in Ordnung zu bringen. Er räusperte sich, bevor die Worte knirschend wie Kies über seine Lippen kamen. »Klingt großartig.«

Sie strahlte. »Kannst du mir glauben. Du bekommst sofort einen Teller davon, den ich dir dann zusammen mit deinem zweiten Bourbon bringe.«

Finn legte die Finger um sein Glas, starrte in den Drink und sah zu, wie die Eiswürfel bernsteinfarben im Licht funkelten. Er hätte sofort zu dem Haus am See gehen sollen. Der Dokumentarfilmer hatte sie alle gebeten, für eine weitere Nacht in der Stadt zu bleiben, für den Fall, dass er weitere Informationen oder Filmmaterial bräuchte, doch Finn fühlte sich hier schutzlos und fehl am Platz. Er war nicht mehr das Kind, das Long Acre verlassen hatte. Und nach all den Jahren seiner Arbeit im Untergrund wusste er nicht einmal mehr genau, wer der Mann war, zu dem er inzwischen geworden war. Erst vor zwei Wochen hatte er einen Kerl getötet und war dabei fast selbst draufgegangen.

Heute Nacht sollte er der Held der Stadt sein, der sich vor langer Zeit schützend vor sein Date geworfen hatte. Diese Kehrtwende reichte aus, um ihm ein Schleudertrauma zu verpassen.

Selbst sein Name kam ihm vor wie ein schlecht sitzendes Shirt. Er reagierte schon fast nicht mehr darauf. Für fast zwei Jahre war er nicht Finn Dorsey, ehemaliger Highschool-Runningback und Schulmassaker-Überlebender, gewesen, sondern Axel Graham – Mitarbeiter von Dragonfly Industries, einem Unternehmen, das offiziell Stripclubs besaß, aber im großen Stil mit Drogen und Waffen handelte, während die hübschen Ladys tanzten.

Er hatte getan, wofür das FBI ihn brauchte, auch wenn er dabei nicht gefunden hatte, wonach er suchte. In dieser Hinsicht war er einem weiteren falschen Weg gefolgt. Einer von vielen, die er über die Jahre eingeschlagen hatte. Doch er hatte hochrangige Kriminelle aufgespürt und dafür gesorgt, dass sie in den Knast gekommen waren. Mission erfüllt, auch wenn er nicht wusste, um welchen Preis. Zwei Jahre lang hatte er einen miesen Kerl gespielt und eine Menge Dinge gesehen, von denen ihm einiges wie Schmutzwasser unter die Haut gekrochen war. Er war sich nicht sicher, wann oder ob er sich überhaupt je wieder sauber fühlen würde. Selbst sein Boss war besorgt um ihn. Doch ein Sommer allein im Haus am See würde hoffentlich einen Neuanfang bedeuten. Er brauchte nur noch eine weitere Nacht in Long Acre zu überstehen.

Er hob das Glas und schüttete den Drink hinunter. Der Alkohol war wie ein sanftes Feuer in seiner Kehle, und genau in diesem Moment betrat Liv Arias den Raum. Er hielt inne und verschluckte sich fast an seinem Bourbon.

Liv sah nicht in seine Richtung. Sie hatte keine Veranlassung dafür. Er hatte sich für einen Nischenplatz in dem dunklen Restaurant entschieden, um dort zu trinken, und sie unterhielt sich bereits mit jemandem. Doch Finn konnte die Augen nicht von ihr lassen. Sie war mit drei anderen Frauen hereingekommen, alle im gleichen Alter, und vage registrierte er, dass der Rotschopf Rebecca Lindt war. Die anderen waren vermutlich ebenfalls alte Klassenkameradinnen von ihm. Der Reporter hatte ihm erzählt, dass er achtzehn Überlebende sowie die Mutter eines der Schützen für Interviews gewinnen konnte. Doch Finn hatte nicht damit gerechnet, jemandem von ihnen zu begegnen. Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, sicherzustellen, dass er keinesfalls auf dem Filmmaterial zu sehen war.

Er musste weg hier. Das Letzte, was er wollte, war, mit irgendwem Smalltalk zu führen. Doch gleichzeitig schien er sich nicht vom Fleck rühren zu können. Liv lächelte eine der Frauen an, eine kleine Bewegung ihrer glänzend roten Lippen, die ihr ganzes Gesicht erstrahlen ließ. Er erinnerte sich an dieses Lächeln. Damals hatte er es auf ihr Gesicht zaubern können.

Sie hatte ihr Businesskostüm gegen enge schwarze Hosen und ein einfaches weißes Shirt eingetauscht, das ihren gebräunten Teint unterstrich. Das Haar war zu einem lockigen Pferdeschwanz zusammengefasst, und sein Blick fiel auf das zarte Tattoo in ihrem Nacken. Dieses kleine Detail sorgte dafür, dass in ihm eine Hitze aufstieg, die nichts mit dem Alkohol zu tun hatte. Das war die Liv, an die er sich erinnerte. Das Mädchen mit der rebellischen Ader, das sich seine Haare bunt färbte und ständig die Schulregeln brach und das ihm seine Geheimnisse anvertraute. Sie war das Mädchen, das sich damit abgefunden hatte, sein Geheimnis zu sein.

Gott, was war er damals für ein rückgratloser Idiot gewesen. Er war nicht offen mit Liv zusammen gewesen, weil sie und seine Familie nicht zusammenpassten. Als Tochter des Mannes, der sich um den Rasen der Dorseys kümmerte, kam sie aus jenem Teil der Stadt, durch den er bei Nacht nicht fahren sollte, wenn es nach seinen Eltern ging. Außerdem war sie ein Freigeist und irgendwie schräg. Sie hätte nicht gewusst, welche Gabel sie auf den Dinnerpartys seiner Mutter benutzen musste. Und es wäre ihr auch egal gewesen. Also hatte er die Beziehung zu ihr geheim gehalten, und sie hatte es hingenommen.

Dabei hätte sie ihn in die Weichteile treten und ihm sagen sollen, er solle sich zum Teufel scheren. Er hatte das Gefühl, dass die erwachsene Liv es anders handhaben würde, nachdem sie seinen Vorschlag für ein Treffen am Abend so schnell abgelehnt hatte. Sie sah nicht aus wie eine Frau, auf der man herumtrampeln konnte. Was nur dazu führte, dass er nun erst recht mit ihr sprechen wollte, um herauszufinden, wer sie geworden war. Aber er war ihre Zeit nicht wert. Das hatte sie ihm klargemacht, und er konnte es ihr nicht verübeln. Er hatte das Recht darauf in so vieler Hinsicht verloren, dass er gar nicht alles aufzählen konnte.

Janice blieb mit einem weiteren Drink an seinem Tisch stehen und servierte ihm dazu ein frittiertes Stück Fleisch, das so groß wie sein Kopf war. Helle Soße lief an einer Seite über den Teller und auf den Holztisch. »Scharfe Soße und Ketchup stehen neben dem Zucker. Kann ich dir noch irgendwas bringen?«

»Einen Cholesterinblocker?«

Lachend klopfte sie ihm auf die Schulter. »Ich bin mir sicher, ein strammer junger Mann wie du kommt damit schon zurecht. Ich komme in ein paar Minuten noch mal vorbei.«

Halbherzig nahm Finn einen Bissen und kaute, während er zu Liv und ihren Freundinnen schaute. Sie steuerten auf einen großen Tisch in einer Ecke zu, und die Bedienung brachte ihnen zwei große Pitcher Margarita. Offensichtlich war Finn nicht der Einzige, der sich nach diesem Tag der Interviewfragen und höllischen Erinnerung volllaufen lassen wollte.

Liv lächelte noch immer, während eine der Frauen etwas erzählte. Sie war die Erste, die nach dem Pitcher griff und sich bis zum Rand einschenkte. Als sie ihr Glas an die Lippen hob, leerte sie es in einem Zug bis zur Hälfte und verriet ihm damit, dass ihr unbekümmertes Lächeln reine Fassade war.

In stummem Einverständnis hob er sein Glas. Lass uns die Dunkelheit fortspülen, Liv. Hoffentlich können wir eine weitere Nacht vor ihr davonlaufen.

* * *

Die Geräuschkulisse des Restaurants und das Lärmen ihrer früheren Klassenkameradinnen war nur unklar zu hören, alles wurde irgendwie verschwommen. Liv stellte ihr Glas ab und war sich bewusst, dass drei Margaritas weit über ihrem Limit lagen. Sie trank nicht mehr so viel. Die Liv auf dem College hätte das Doppelte vertragen und immer noch auf den Beinen gestanden – nun ja, bis sie in das Bett irgendeines jungen Kerls gefallen wäre. Doch dieses Mädchen war sie nicht mehr. Und sie würde nicht zulassen, dass die steinige Fahrt auf der Straße der Erinnerungen diese kaputte Version ihrer selbst wiederaufstehen ließ. Doch für das Dinner mit diesen Frauen brauchte sie eine hochprozentige Stärkung, und so hatte sie sich einige Drinks erlaubt.

»Willst du noch einen, Liv?«, fragte Kincaid, als sie sich nachschenkte und ihre Armreifen gegen den Pitcher klirrten. Irgendwie sah diese Frau selbst nach dem langen Interviewtag immer noch perfekt aus, nicht eine Locke ihres golden schimmernden Haars lag am falschen Platz – wie eine texanische Schönheitskönigin. »Lass uns anstoßen und dann das Einmachglas öffnen.«

Liv hob die Hand. »Nein, ich bin raus. Wenn ich noch mehr trinke, kann ich nicht mehr lesen, was auf den Zetteln steht. Außerdem bin ich zu alt für einen Kater.«

»Ich nicht«, sagte Taryn, hob ihr Glas und wackelte damit. Die Eiswürfel fingen das Licht ein, das daraufhin helle Flecken auf ihre dunkle Haut malte und sich wie bei einem Disko-Effekt im Gestell ihrer Brille widerspiegelte. »Wenn eine Nacht einen Kater wert ist, dann diese. Ich will so tun, als würde ich hier mit meinen Freundinnen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe, nichts anderes als so eine witzige Zeitkapsel-Sache machen. Und vergessen, dass wir bis in jedes traumatische Detail von der schrecklichsten Nacht unseres Lebens erzählt haben, okay?«

»Darauf trinke ich«, sagte Rebecca, die Liv gegenübersaß, bevor sie einen großen Schluck von ihrer Margarita nahm und es schaffte, dabei sehr formell auszusehen. »Und jetzt lasst uns einfach dieses Schraubglas öffnen und nach vorn blicken. Die Briefe darin sind eigentlich unwichtig. Schließlich sind wir nicht mehr die Teenager von damals.«

Die vier Frauen starrten auf das schmutzige Glas, das vor ihnen auf dem Tisch stand, als würde es gleich explodieren. Taryn hatte es einige Stunden zuvor unter einem Zitronenbaum im Garten ihrer Mutter ausgebuddelt, wo die vier es im Sommer nach ihrem Abschlussjahr vergraben hatten. Keine von ihnen streckte die Hand danach aus.

Kincaid klopfte mit ihren grellpinken Fingernägeln auf den abgenutzten Holztisch. »Wir hatten einen Pakt, Ladys. Eigentlich wollten wir es vor zwei Jahren öffnen. Jetzt sind wir endlich alle beisammen. Das ist nicht der richtige Moment, um zu kneifen.«

»Wir haben uns auch versprochen, in Kontakt zu bleiben«, sagte Rebecca lautstark und mit krächzender Stimme zwischen zwei Schlucken. »Hat doch ganz gut geklappt.«

Taryn runzelte die Stirn, während ihre braunen Augen woanders hinblickten. »Wir waren … auf Facebook. Wir sind nun mal alle beschäftigt.«

Rebecca zog eine Braue in die Höhe, als ob sie noch immer im Debattierclub wäre und ihr Gegenpart gerade ein idiotisches Argument vorgebracht hätte. »Seit einem Jahrzehnt? Ja gut, okay.«

Taryn öffnete den Mund, um zu antworten, doch Liv kam ihr zuvor. Es gab keinen Grund, sich zu streiten oder die Wahrheit zu leugnen. »Es liegt nicht daran, dass wir zu viel zu tun haben. Das wissen wir alle.«

»Tun wir das?«, fragte Kincaid und sah ehrlich erstaunt aus.

Liv wischte etwas Salz vom Rand ihres Glases und verrieb es zwischen ihren Fingern, bis es verschwunden war, weil sie es eigentlich nicht aussprechen wollte. »Es ist, weil wir vergessen wollen. Wir sagen, wir wollen in Kontakt bleiben, doch die Erinnerung schmerzt. Schließlich erinnern wir uns nur gegenseitig an das Schlimme. Bevor es passiert ist, sind wir keine Freundinnen gewesen, erst danach

Schweigen machte sich breit, und jeder blickte so unbehaglich, wie Liv sich fühlte, seit sie mit ihnen zusammensaß. Die vier hatten keine guten gemeinsamen Erinnerungen, weil sie vor dem Amoklauf nicht miteinander befreundet gewesen waren. Kincaid Breslin war zu allen von ihnen freundlich gewesen, weil sie der Typ war, der mit jedem quatschte. Sie konnte einen Baumstumpf dazu bringen, sich mit ihr zu unterhalten und sie zu mögen. Doch es war eine Art Hallo-im-Schulflur-Bekanntschaft gewesen. Sie war Kopf der Tanzgruppe gewesen – wunderschön, beliebt und strahlend auf einer Ebene, an die nicht viele heranreichten.

Taryn Landry war eine Spitzenschülerin und -athletin gewesen, die für drei Sportarten trainierte und keine Zeit für Freunde hatte, abgesehen von den anderen Sportskanonen und ihrer jüngeren Schwester, die unter den Opfern gewesen war. Und Rebecca Lindt, Vorsitzende der Schülervertretung und Finns Date an jenem Abend, der naive Rotschopf, über den Liv die Augen gerollt hatte, und ihre Nemesis. Niemals wären sie unter anderen Umständen miteinander befreundet gewesen.

Doch nach dem Abschlussball hatten die vier zusammengefunden, um einander zu unterstützen. Über Nacht waren sie Mitglieder im selben Club geworden. Einem Club, dem niemand hatte beitreten wollen. Nach allem, was sie mitgemacht hatten, waren ihre Differenzen und Cliquenzugehörigkeiten unwichtig geworden, und geblieben war das Bewusstsein, dass niemand außerhalb ihrer Gruppe sie jemals so gut verstehen würde wie sie sich untereinander. Sie hatten einen Pakt geschlossen, ihr Leben ab sofort bestmöglich auszukosten, um auf diese Weise jene zu ehren, die dazu nicht mehr in der Lage waren. Dann hatten sie ihre Versprechen in konkrete Absichtserklärungen umgesetzt, aufgeschrieben und in diese bizarre Zeitkapsel gesteckt.

Liv konnte sich nicht mehr daran erinnern, was sie auf das Stück Papier geschrieben hatte, doch es war ihr auch egal. Welche Träume auch immer sie auf dieses Blatt gekritzelt hatte, es waren dumme Teenagerfantasien darüber gewesen, wie es sein würde, erwachsen zu sein. Nichts Ernstzunehmendes. Doch obwohl sie versucht gewesen war, die Einladung, sich zu treffen und das Glas zu öffnen, abzulehnen, hatte sie es nicht gemacht. Sie kannte diese Frauen nicht mehr wirklich, doch sie hatten sie durch das schlimmste Jahr ihres Lebens begleitet, und sie würde ihnen gegenüber nicht ihr Wort brechen.

»Ich finde, wir sollten das Ding einfach öffnen«, sagte Liv schließlich. »Damit wir es hinter uns haben und den Rest des Abends entspannen können.«

»Amen, Schwester. Bin ganz deiner Meinung. Die Sache drückt mir auf die Stimmung.« Kincaid griff nach dem Glas. »Lasst es uns öffnen, und dann kann jeder den Brief einer anderen laut vorlesen.«

»Wartet mal, was?« Rebecca riss die blauen Augen weit auf, und ihre blassen Kindheitssommersprossen schienen plötzlich in starkem Kontrast dazu zu leuchten. »Auf keinen Fall. Das ist privat. Es ist …«

»Wenn wir unseren eigenen Zettel lesen, können wir den Text abändern. Doch hier geht es um Ehrlichkeit.« Kincaid nahm ihre Serviette und legte sie über den rostigen Metalldeckel. »Niemand aus dieser Gruppe wird irgendetwas über die Briefe nach außen tragen. Und wenn wir wollen, können wir sie am Ende verbrennen und endgültig mit der Vergangenheit abschließen.«

Das knirschende Geräusch, als der rostige Deckel über das Glas rieb, bescherte Liv eine Gänsehaut, und ihre Handflächen wurden feucht. Bilder der Nacht, in der sie das Ding vergraben hatten, tauchten vor ihrem inneren Auge auf und zogen sie zurück in die Vergangenheit. Die Nacht war schwül gewesen, in der Luft hatte der Duft von Zitronen und frisch geschnittenem Gras gelegen. Keine von ihnen hatte geweint. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie längst keine Tränen mehr gehabt. Sie hatten auf dem Boden gekniet und das Glas in die Erde versenkt, als ob es irgendein religiöses Ritual wäre: vier verlorene Mädchen, die ihre Wünsche an das Universum schickten und damit um eine Zukunft baten, die besser war als die Gegenwart. Sie vergruben die Samen ihrer Träume in der Hoffnung, dass diese aufgehen würden.

Nun würden sie sehen, ob sie es getan hatten.

Liv widerstand dem Bedürfnis, nach dem Glas zu greifen und es in den Fluss hinter dem Gebäude zu werfen, damit alles für immer begraben blieb. Sie krallte die Finger um die Tischplatte. Doch keine der anderen hielt Kincaid auf, als sie den Deckel zur Seite legte und die Papiere herausnahm.

Ohne weitere Umstände las Kincaid dann die Namen darauf und verteilte die Briefchen. Liv erhielt Rebeccas. Kincaid behielt Livs. Das einzelne Blatt fühlte sich spröde in Livs Fingern an, die blauen Linien darauf waren verblasst.

»Liv, warum fängst du nicht an?«, schlug Kincaid vor. »Und erlöst Bec von ihren Qualen.«

Rebecca zuckte bei dem Vorschlag zusammen, und Liv zögerte. »Hey, wenn du nicht möchtest, dass ich es vorlese, dann werde ich das auch nicht. Ernsthaft. Es liegt bei dir.«

Rebecca und sie verbanden keine tieferen Gefühle, doch sie würde diese Frau nicht quälen. Es waren ihre persönlichen Geheimnisse, die sie für sich behalten oder teilen konnte.

Rebecca starrte Liv für einen Moment an, und unterschiedlichste Gefühle spiegelten sich auf ihrem Gesicht. Bec war inzwischen Anwältin, und Liv stellte sich vor, wie sich in ihrem Kopf gerade eine Art Gerichtsschlacht abspielte. Doch schließlich presste Rebecca die Lippen zusammen und nickte. »Nein, mach ruhig. Es wird peinlich sein, aber ich werde einfach dafür sorgen, dass ihr genug trinkt, um bis zum Morgen alles vergessen zu haben.«

Liv grinste. »Das wird wohl ohnehin der Fall sein. Aber gut, dann fangen wir an.« Sie strich das Blatt auf der Tischplatte glatt und begann vorzulesen. »Heute, am 1. August, verspreche ich, Rebecca Lindt, der Abschlussklasse von 2005, dass ich die zweite Chance, die ich bekommen habe, nutzen und die Menschen, die wir verloren haben, ehren werde, indem ich mein Leben voll ausschöpfe. Berufliche Ziele: Ich werde meinen Abschluss in Jura machen und das als Beste meines Jahrgangs. Nachdem ich ein paar Jahre praktiziert habe, werde ich mich für ein politisches Amt bewerben und für strengere Waffengesetze und eine bessere psychologische Betreuung von Jugendlichen kämpfen. Ich werde etwas in der Welt bewirken. Persönliche Ziele: Ich werde als Jungfrau in die Ehe gehen. Ich werde Finn Dorsey heiraten, und zwar in Paris. Wir werden zwei Kinder haben, am liebsten einen Jungen und ein Mädchen, und einen Hund namens Bartholomew, genau wie mein Großvater geheißen hat. Ich werde eine gute Freundin, Ehefrau und Mutter sein. Ich werde glücklich sein.«

»Oh Gott.« Rebecca vergrub ihr gerötetes Gesicht in den Händen und stöhnte. »Das ist schlimmer, als ich es in Erinnerung hatte. Ich hasse dich, Rebecca von damals.«

Taryn presste eine Hand vor den Mund, konnte aber ein Schnauben nicht zurückhalten.

Rebecca drehte sich um und warf ihr einen »Oh nein, das wirst du nicht tun«-Blick zu.

Taryn grinste und senkte die Hand. »Sorry. Aber beim Hundenamen konnte ich mich nicht mehr zusammenreißen.«

»Nicht bei der Jungfrauen-Sache?«, fragte Kincaid schadenfroh und stupste Rebecca mit der Schulter an. »Du wolltest tatsächlich dein Gutes-Mädchen-Leben durchziehen, was, Bec? Du machst wirklich keine halben Sachen.«

Rebecca zuckte mit den Schultern und nippte an ihrem Drink. »Nun, ich sagte nie, dass ich nicht bis kurz davor gehen würde.«

Die anderen brachen in Gelächter aus, die Margaritas und die Peinlichkeit der Situation machten sie alle albern. Doch Liv schenkte ihnen nur ein abwesendes Lächeln, während ihr Blick von Finns Namen angezogen wurde. Rebecca hatte nichts von Finns und Livs geheimer Beziehung gewusst oder wo er in jener Nacht gesteckt hatte, bevor er ihr zur Rettung gekommen war. Finn hatte gesagt, dass er und Rebecca lediglich Freunde waren, doch offensichtlich hatte Rebecca das anders gesehen.

»Finn, hm?« Die Worte waren ihr über die Lippen gekommen, bevor Liv es verhindern konnte.

Rebecca blickte hoch, ihr Lächeln wackelte ein wenig. »Ja. Er war mein Nachbar, seit wir klein waren. Und nachdem meine Mutter uns verlassen hatte, liefen die Dinge zu Hause … nicht gerade großartig. Damals ließ er mich zu sich nach Hause flüchten, um meinem wirklichen Leben zu entkommen. Ich denke, ich habe ihn seit der vierten Klasse geliebt, und ich stand seiner Familie ziemlich nahe. Und als er mich dann in der Schule rettete, war das ein Wink des Schicksals für mich.« Sie blickte abwesend hinunter auf ihren Drink. »Aber ich glaube nicht, dass er mich jemals auf diese Weise gesehen hat. Es war alles ziemlich Dawson’s Creek-mäßig in meinem Kopf. Mir war nur nicht klar, dass ich Dawson war.«

»Wie ging es weiter mit ihm?«, fragte Kincaid.

»Nachdem er fortgezogen war und ich aufs College ging, sind wir noch ein paar Jahre in Kontakt geblieben, doch irgendwann kamen keine E-Mails mehr.«

Liv fühlte einen kleinlichen Stich der Eifersucht, als die alte Rivalität in ihr hochkam. Finn war noch für Jahre mit Rebecca in Kontakt geblieben? Doch der zweite Teil beruhigte sie. Sie waren enge Freunde gewesen, aber nicht mehr. Vielleicht hatte Finn sie damals doch nicht angelogen.

»Nun ja, einige von den Sachen sind eingetroffen, oder?«, sagte Taryn aufmunternd, während sie ihre Brille zurechtschob. »Du bist Anwältin geworden.«

Rebecca nickte, und ihr Gesichtsausdruck wurde nachdenklich. »Ja, eine Scheidungsanwältin. Aber ich bin nicht die politische Kämpferin, als die mein Teenager-Ich mich gesehen hat. Ich habe mich nie für ein Amt beworben. Und ich hätte heute keine Zeit für einen Hund, geschweige denn für einen Ehemann oder Kinder.«

Obwohl Rebecca viel hatte, worauf sie stolz sein konnte, war der enttäuschte Unterton in ihrer Stimme schwer zu überhören. Doch Liv konnte nicht sagen, ob das an Rebeccas extrem ehrgeizigen Genen lag – »nur eine erfolgreiche Anwältin« – oder ob mehr dahintersteckte. Liv runzelte die Stirn. »Vielleicht sollten wir das hier nicht tun, wenn es uns nur runterzieht.«

Rebeccas Reaktion folgte prompt. »Oh nein, so läuft das nicht. Meine schmutzige Wäsche stinkt bis zum Himmel. Und da wird der Rest von euch seine eigene nicht verborgen halten.« Ihr schiefes Lächeln kehrte zurück, und sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch wie mit einem Hammer. »Hosen runter, Ladys.«

»Ich mache weiter«, sagte Kincaid und hielt Livs Brief hoch. »Lasst uns sehen, was unsere finstere und grüblerische Liv geplant hatte.«

Liv stöhnte. »So schnell wie möglich aus der Stadt zu kommen. Ich glaube, weiter habe ich damals nicht gedacht.«

»Wir werden ja sehen.« Kincaid faltete den Brief auseinander und räusperte sich, als ob sie eine Rede halten wollte. »Heute, am 1. August, verspreche ich, Olivia Arias, der Abschlussklasse 2005, dass ich die zweite Chance, die ich bekommen habe, nutzen und die Menschen, die wir verloren haben, ehren werde, indem ich mein Leben voll ausschöpfe. Als Erstes werde ich irgendwo anders hinziehen.«

Liv schniefte. »Hab’s euch ja gesagt.«

Doch Kincaid beachtete sie nicht. »Ich werde einen Job finden, mit dem ich genug verdiene und der mir ausreichend Zeit lässt, um meiner Fotografie nachzugehen. Dann, wenn ich gut genug geworden bin, werde ich die Kunst zu meinem Beruf machen. Ich werde nicht auf Nummer sicher gehen. Ich werde nicht vernünftig sein. Ich werde ein leidenschaftliches Leben führen und leidenschaftliche Männer daten und mir die Welt ansehen, damit ich sie fotografieren kann. Ich verspreche dir, Abschlussklasse 2005, ein Leben zu führen, das mir Angst macht.«

Kincaids Augenbrauen gingen in die Höhe, und Livs Herz rutschte ihr in die Hose, während die Worte sie wie ein eiskalter Regen trafen. Sie konnte förmlich sehen, wie ihr achtzehnjähriges Ich auf einen Sockel stieg und diese Worte verkündete. Das Mädchen, das von Panikattacken und Albträumen zerrissen wurde und das eine Familie hatte, die das nicht begriff – nicht begreifen konnte. Ein Mädchen, das versuchte, sich seinen Ängsten zu stellen und ihnen den Mittelfinger zu zeigen.

Zu schade, dass es nicht funktioniert hatte. »Himmel, war ich dramatisch.«

Taryn stützte das Kinn auf die Hand, und ihre braunen Augen funkelten im Licht der Deckenlampe über dem Tisch, während ihre wilden schwarzen Locken sie wie ein Heiligenschein umgaben. »Ich finde, das ist wunderschön. Ich meine, verdammt, ich will auch so ein Leben. Nur ohne das Kunst-Ding. Ich pfeif auf die Kunst. Aber leidenschaftliche Männer und die Welt sehen? Ich bin dabei.«

»Echt? Im Ernst jetzt«, sagte Kincaid. »Und ist irgendwas davon eingetroffen? Die Reisen? Die Männer? Falls du bei den Männern Ja sagst, brauchen wir mehr Drinks, damit du uns die ganzen schmutzigen Details erzählst.«

Liv lachte. »Dafür bin ich ganz sicher noch nicht betrunken genug.«

Nicht, dass es viel zu berichten gegeben hätte. Am Anfang hatte es mehr Männer gegeben, als sie sich ins Gedächtnis rufen wollte. Das war ihre Art gewesen, mit der Angst umzugehen, die sie bis ins College verfolgt hatte. Zu viel trinken. Einen Typen finden, um sich abzulenken. Alles tun, um für ein paar Minuten zu vergessen, was sie durchgemacht hatte – selbst wenn sie es am nächsten Morgen bitterlich bereute. Doch leidenschaftliche Liebesgeschichten? Romantik? Die Dinge, die sie sich vorgestellt hatte, als sie den Brief geschrieben hatte? Die hatte es nie gegeben. Nicht einmal ansatzweise.

»Fotografierst du immer noch?«, fragte Rebecca.

Liv starrte auf ihre schmelzenden Eiswürfel und stieß sie abwesend mit dem Strohhalm an. »Nicht wirklich. Ich hatte mit diesem Projekt begonnen, aber ich weiß nicht … Ich habe mich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr darum gekümmert.«

Oder seit Jahren.

»Meinst du das Projekt mit den Überlebenden anderer Tragödien?«, fragte Kincaid, und Neugier funkelte in ihren haselnussbraunen Augen. »Ich kann mich erinnern, eine Story über dich gelesen zu haben, in der es darum ging.«

Liv presste die Lippen aufeinander, und ein plötzlicher Schmerz durchfuhr sie. »Ja. Damals gab es diese Idee. Ich dachte daran, schlichte Porträts von Überlebenden verschiedener Ereignisse zu machen, um die Bandbreite ihrer Emotionen zu zeigen, ihre Kraft und Verletzlichkeit. Ich wollte der Welt irgendwie zeigen, dass wir mehr sind als das Bild, was man uns aufdrückt. Die Einnahmen sollten an die Long-Acre-Stiftung gehen.«

»Wow. Ich bin sicher, das wäre großartig geworden«, sagte Taryn. »Sehr intensiv.«

Liv sah hoch. »Ja. Zu intensiv. Zumindest für mich.« Sie hatte zwei Fotosessions gebraucht, bis ihr bewusst geworden war, dass sie es nicht schaffen würde. Die Geschichten anderer Leute hören, ihre Narben sehen … das war zu viel für sie gewesen, zu nah an ihr dran. Es hatte ihre posttraumatische Belastungsstörung getriggert wie ein Feuerwerk. »Ich habe die Fotos beiseitegelegt und mir einen Job als Webdesignerin gesucht. Ich hatte Erfolg, und die Arbeit hat schnell enorm viel Zeit beansprucht. Inzwischen schaffe ich es kaum noch, ab und zu Sport zu machen, geschweige denn, ein Hobby zu haben. Ich schätze, der Job, den ich nur gemacht habe, um über die Runden zu kommen, hat sich zu einer Karriere ausgewachsen.« Sie ließ die Schultern kreisen und versuchte, die Anspannung loszuwerden, die sich dort festgesetzt hatte. »Mit der Fotografie hätte ich ohnehin nie meine Rechnungen bezahlen können. So gut war ich nicht.«

Taryns Miene verfinsterte sich. »Stimmt nicht. Deine Fotos waren wundervoll, Liv. Red dir nichts ein.«

Liv nahm Kincaid ihren Brief ab und war versucht, ihn zusammenzuknüllen und durch den Raum zu feuern. Stattdessen zwang sie sich dazu, ihn ordentlich zusammenzufalten und dabei jeden Knick mit dem Fingernagel nachzufahren. »Ist doch besser, als zuzugeben, dass ich vernünftig geworden bin, oder? Dass ich eine langweilige Neun-bis-fünf- oder eher Neun-bis-neun-Angestellte geworden bin, wie die junge Liv sie gehasst hätte.«

»Ich weiß nicht«, lenkte Rebecca ein. »Vielleicht ist das einfach so, wenn man erwachsen wird. Träume heißen nicht umsonst Träume. Normalerweise werden sie nicht wahr.«

»Oh, sehr aufbauend«, sagte Kincaid mit trockenem texanischen Tonfall. »Schreibt euch das alle als Motivationsspruch auf eure Kaffeebecher. Wenn ihr von etwas träumt … werdet ihr es wahrscheinlich niemals tun

Taryn schnaubte. »Lasst uns Oprah anrufen. Sie würde es lieben, diesen Spruch in der Luft zu zerreißen.«

Rebecca sah die beiden Frauen leicht genervt und zugleich bittend an. »Es geht doch nur darum, realistisch zu sein.«

»Realistisch?« Kincaid streckte sich und rümpfte spöttisch die Nase. »Zum Teufel damit. Wir haben Besseres verdient.«

»Kincaid …«, begann Liv.

»Nein. Realistisch? Vernünftig? Was zum Teufel stimmt mit uns nicht?« Sie ließ den Blick von einer zur anderen wandern. »Wir haben diese Versprechen Menschen gegeben. Menschen, die wir verloren haben und die nie die Chance haben werden, ihre eigenen Träume zu verfolgen. Wir sind keine achtzig. Wir haben noch Zeit.«

»Ich glaube nicht, dass Zeit das Problem ist«, gab Liv zu bedenken und schenkte sich nach. Vielleicht trank sie nicht mehr so viel wie früher, doch es gab immer Gelegenheiten, bei denen man sich einfach betrinken musste, und dieser Abend gehörte dazu. »Hat man einmal einen Weg eingeschlagen, ist es nicht leicht, einfach auszuscheren. Wie Rebecca gesagt hat, wir sind jetzt erwachsen. Wir müssen Rechnungen bezahlen, haben Verpflichtungen. Jobs. Wir können nicht einfach irgendwelchen Launen nachgeben.«

»Warum nicht?«, fragte Kincaid angriffslustig wie eine Bulldogge. »Muss es immer ein Entweder-oder sein? Es muss doch einen Weg geben, beides zu leben – vernünftig und aufregend, oder? Warum konntest du nicht nebenbei an deinem Fotoprojekt weiterarbeiten? Oder reisen? Oder eine leidenschaftliche Affäre haben?!«

Liv rutschte auf ihrem Stuhl herum und runzelte die Stirn. »So einfach ist das nicht.«

»Genau.« Rebecca nickte knapp. »Wie wär’s, wenn du wartest, bis wir deinen Brief gelesen haben, Miss Sis-Boom-Bah, bevor du uns hier so fertigmachst?«

Bei der Anspielung auf den Cheerleader-Schlachtruf hob Kincaid hochmütig eine Augenbraue. »Wenn das ein Cheerleader-Witz sein soll, funktioniert er nicht. Ich war im Tanzteam. Das ist etwas ganz anderes.«

»Ich meine dein Anfeuern jetzt«, sagte Rebecca. »Und wie kommt es, dass du nicht bei den Cheerleadern warst?«

»Das Tanzteam hatte die besseren Outfits, und ich musste nicht darauf hoffen, dass andere Mädchen mich nicht aus großer Höhe fallen lassen würden.« Kincaid machte eine auffordernde Handbewegung, damit Rebecca ihren Brief vorlas. »Fang schon an, Anwältin. Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe. Doch egal was, ich werde definitiv ›eine leidenschaftliche Affäre haben‹ in meiner Aufzählung ergänzen.«

»Einverstanden«, warf Taryn ein. »Das gilt auch für mich. Guter Vorschlag, Liv.«

»Danke«, sagte diese abgelenkt.

Die Unterhaltung ging weiter, doch Liv hatte Probleme, sich darauf zu konzentrieren. Kincaids Einwand hatte sie wie ein Schlag getroffen. Warum kannst du das nicht? Warum nicht?

Dem rebellischen Mädchen von einst, das geglaubt hatte, alles tun zu können, versetzten diese Fragen einen Stich. Und sie lasteten auf Liv, während die anderen Briefe vorgelesen wurden und es immer später wurde. Sie und die anderen Frauen schlugen sich nicht schlecht. Kincaid war eine erfolgreiche Immobilienmaklerin geworden, Rebecca Anwältin. Taryn war nicht beim Sport geblieben oder aus der Stadt gezogen, wie sie es gewollt hatte, doch sie hatte in forensischer Psychologie promoviert, was mehr als beeindruckend war.

Von außen betrachtet schienen sie alle ihren Weg gemacht zu haben. Sogar erfolgreich zu sein. Sie alle hatten inzwischen gute Jobs, mit denen sie ihr Leben bestreiten konnten. Doch Liv entging nicht, dass keine von ihnen in einer Beziehung war. Keine hatte eine Familie gegründet. Keine war Risiken eingegangen. Und keine war zu der Frau geworden, die sie in ihrem Brief hatte sein wollen.

Sie waren immer noch jung, gerade mal Anfang dreißig. Doch sie hatten sich bereits festgelegt. Im Gegensatz zu vielen anderen hatten sie diese zweite Chance bekommen, und sie hatten sich mit gut genug zufriedengegeben, wollten einfach nur durchkommen und keine Wellen schlagen.

Die junge Liv war von Angst und Albträumen zerrissen gewesen, und dennoch hatte sie sich nach Abenteuern gesehnt. Nach Kunst.

Leidenschaft.

Sie hatte geglaubt, dass sie das alles immer noch haben könnte.

Woran glaubte die erwachsene Liv? Was wünschte sie sich?

Wusste sie das überhaupt?

Ihre Aufmerksamkeit wanderte von ihren Freundinnen zu einer Nische in einer entfernten Ecke. Die Bedienung brachte dem Gast, der dort saß, die Rechnung, und Liv sah das Profil eines Mannes, der sie ihr mit kräftigen, geschickten Händen abnahm. Hände, die niemals den Football fallen ließen. Hände, die Liv einst festgehalten hatten.

Finn.

Er sah nicht in ihre Richtung und fischte, ohne länger auf die Rechnung zu blicken, ein paar Geldnoten aus seiner Brieftasche. Und während er das tat und Liv ihm dabei zusah, berührte sie etwas Altes und Vertrautes und Gefährliches.

Mit einem Mal war sie wieder in der Bibliothek, wo sie sich vor Mrs. Wentz, der adleräugigen Bibliothekarin, versteckte und versuchte, leise zu sein. Sie sollte Finn Nachhilfe in Geschichte geben. Doch stattdessen fuhren Finns Hände durch ihr Haar, benebelte sein Duft ihre Sinne, wanderten seine Finger über ihren Hals. Sie hatten immer genau gewusst, wie viele Minuten ihnen noch blieben, bevor die Glocke klingelte, und hatten jede Sekunde genutzt.

Als könnte Finn ihre Gedanken hören, drehte er nun das Gesicht in ihre Richtung. Ihre Blicke trafen sich, und eine tiefe Ruhe erfüllte sie.

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