Logo weiterlesen.de
Unvergesslich wie deine Leidenschaft

1. KAPITEL

„Man könnte glatt glauben, dass an der Ehe doch etwas dran ist, oder?“, meinte Ryan Beardsley, während er zusah, wie sein Freund Rafael de Luca mit seiner strahlenden Braut Bryony tanzte.

Der Hochzeitsempfang fand in dem kleinen, schlichten Gemeindesaal von Moon Island statt. Es war nicht gerade der Rahmen, der Ryan für die Hochzeit eines Freundes vorschwebte. Aber wahrscheinlich war es passend, dass Rafe und Bryony hier auf der Insel heirateten, wo ihre Beziehung begonnen hatte.

Die Braut strahlte wirklich, und ihr Babybauch machte sie noch hübscher. Die beiden hielten sich mitten auf der improvisierten Tanzfläche so verträumt in den Armen, dass man den Eindruck hatte, sie hätten die Welt ringsum vergessen. Rafe wirkte, als hätte er das große Los gezogen, und vielleicht hatte er das ja auch.

„Sie sehen schon fast abstoßend glücklich aus“, erwiderte Devon Carter, der neben Ryan stand.

„Ja, das kann man wohl sagen.“

Ryan musste lachen, weil sein Freund richtig verdrießlich dreinschaute. Devon war selbst nicht weit vom Traualtar entfernt, und ihm war gar nicht wohl dabei. Trotzdem konnte Ryan nicht widerstehen. Er musste Dev einfach ein wenig piesacken.

„Zieht Copeland immer noch die Daumenschrauben an?“

„Und wie. Er meint, ich muss Ashley heiraten. Punkt. Er wird nicht lockerlassen, bis ich einwillige. Und da wir das Ferienresort ja jetzt woanders bauen, bin ich bereit für den nächsten Schritt. Ich will nicht, dass er das Vertrauen in mich verliert, weil dieser Deal geplatzt ist. Es gibt nur ein Problem: Er besteht auf einer Verlobungszeit, damit Ashley sich an mich gewöhnen kann. Man könnte meinen, der Mann lebt im vorletzten Jahrhundert. Wer arrangiert heutzutage noch für seine Tochter eine Heirat, verdammt noch mal? Und warum sollte eine Heirat Bestandteil eines Geschäftsabschlusses sein? Das will mir nicht in den Kopf.“

„Man könnte es ganz sicher schlechter treffen.“ Ryan musste daran denken, dass er selbst nur knapp einer solchen Ehe entkommen war.

„Immer noch keine Nachricht von Kelly?“

„Nein. Aber ich habe ja gerade erst angefangen zu suchen. Sie wird schon noch auftauchen.“

„Mann, warum machst du das überhaupt? Vergiss sie. Leb dein Leben weiter. Ohne sie bist du besser dran. Es ist verrückt, ihr hinterherzulaufen.“

„Klar bin ich ohne sie besser dran. Ich suche ja nicht nach ihr, um wieder mit ihr zu leben.“

„Warum hast du dann einen Privatdetektiv engagiert, um sie zu finden? Du solltest die Vergangenheit ruhen lassen. Vergiss Kelly.“

Ryan schwieg eine ganze Weile. Er konnte diese Frage nicht wirklich beantworten. Wie sollte er erklären, dass er unbedingt wissen wollte, wo Kelly war? Was sie machte. Ob es ihr gut ging. Das alles sollte ihm egal sein, verdammt. Er sollte sie wirklich vergessen, aber er konnte es nicht.

„Ich will ein paar Antworten“, murmelte er schließlich. „Sie hat den Scheck, den ich ihr gegeben habe, nie eingelöst. Ich möchte nur sicher sein, dass ihr nichts passiert ist.“

Er fand selbst, dass das eine lahme Begründung war.

Devon zog eine Braue hoch und trank einen Schluck von seinem Wein. „Nach dem, was sie sich geleistet hat, kommt sie sich bestimmt ziemlich idiotisch vor. Ich würde auch lieber unsichtbar bleiben.“

Ryan hob die Schultern. „Kann schon sein.“ Aber er wurde das Gefühl nicht los, dass mehr dahintersteckte. Warum machte er sich deswegen Gedanken? Was ging es ihn an?

Warum hatte sie den Scheck nicht eingelöst?

Warum konnte er sie nicht vergessen? Sie verfolgte ihn regelrecht. Seit sechs Monaten verwünschte er sie. Er lag nachts wach und fragte sich, wo sie war und ob es ihr gut ging. Und er hasste sich dafür, dass er sich solche Sorgen machte. Auch wenn er sich sicher war, dass er sich unter den gegebenen Umständen um jede Frau sorgen würde.

„Deine Zeit und dein Geld“, riss Devon Ryan aus seinen Gedanken. „Ach, da ist ja Cam. War mir nicht sicher, ob er seine Festung tatsächlich verlassen würde, um zur Hochzeit zu kommen.“

Cameron Hollingsworth bahnte sich seinen Weg durch die Gäste. Er war groß und breitschultrig, und seine finstere Miene verlieh ihm etwas Unnahbares. Doch wenn er mit seinen Freunden zusammen war, konnte er sich durchaus entspannen.

Allerdings waren Ryan, Devon und Rafe die Einzigen, die er als solche ansah.

„Tut mir leid, dass ich zu spät dran bin.“ Camerons Blick wanderte über die Tanzfläche und blieb an Rafe und Bryony hängen. „Wie war denn die Trauung?“

„Ach, wunderschön“, antwortete Devon. „Ich schätze, genau so, wie eine Frau sie sich erträumt. Rafe war das völlig egal. Für ihn zählt nur, dass Bryony jetzt seine Frau ist.“

Cam lachte auf. „Der Ärmste. Ich weiß nicht, ob ich ihm gratulieren oder kondolieren soll.“

Ryan lächelte. „Bryony ist eine tolle Frau. Rafe kann von Glück sagen, dass er sie hat.“

Devon nickte, und selbst Cameron zeigte den Anflug eines Lächelns. Dann wandte er sich mit spöttisch funkelnden Augen an Devon.

„Man hört, du seist selbst drauf und dran, vor den Altar zu treten.“

Devon fluchte leise, während er sich an seinem Weinglas festhielt. „Lass uns Rafes Hochzeit feiern, statt von meiner Hochzeit zu reden. Mich interessiert viel mehr, ob du es geschafft hast, das neue Grundstück für unser Hotel zu kaufen. Denn Moon Island ist ja jetzt offiziell tabu.“

Cam tat schockiert. „Du hast Zweifel? Dann lass dir sagen, dass jetzt zwanzig Morgen in Toplage direkt am Strand von St. Angelo uns gehören. Es war ein guter Abschluss. Und es kommt noch besser: Wir können anfangen zu bauen, sobald wir die Leute dafür hingebracht haben. Wenn wir uns ranhalten, schaffen wir fast noch unseren ursprünglichen Termin für die große Eröffnung.“

Ihre Blicke wanderten automatisch zu Rafe, der immer noch eng umschlungen mit seiner Braut tanzte. Ja, der Mann hatte sie um Längen zurückgeworfen, als er das Bauvorhaben auf Moon Island gestoppt hatte. Aber Rafe sah so verdammt glücklich aus, dass er ihm einfach nicht böse sein konnte.

Ryans Handy vibrierte, und er zog es aus seiner Hosentasche. Er wollte den Anruf schon ignorieren, als er sah, wer da anrief. „Entschuldigung, diesen Anruf muss ich annehmen.“

Gleich darauf trat Ryan ins Freie. Die sanfte Meeresbrise zerzauste ihm das Haar, und er atmete tief die salzige Luft ein.

Das Wetter war der Jahreszeit entsprechend, aber kein bisschen heiß. Einen perfekteren Tag konnte man sich nicht wünschen, besonders für eine Hochzeit am Strand.

Mit Blick auf die Wellen in der Ferne meldete er sich.

„Ich glaube, ich habe sie gefunden“, sagte sein Privatdetektiv ohne lange Vorrede.

Ryan versteifte sich. „Wo?“

„Ich hatte noch keine Zeit, jemanden hinzuschicken, um sie näher anzusehen. Ich habe die Information erst vor ein paar Minuten erhalten. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es ist, und das wollte ich Sie umgehend wissen lassen. Bis morgen sollte ich Näheres erfahren.“

„Wo ist sie?“, wiederholte Ryan.

„Houston. Sie arbeitet dort in einem Diner. Zuerst gab es eine Verwechslung mit ihrer Sozialversicherungsnummer. Ihr Arbeitgeber hat sie falsch gemeldet. Als er sie korrigiert hat, erschien ihr Name auf meinem Bildschirm. Bis morgen Nachmittag habe ich Fotos und einen umfassenden Bericht für Sie.“

Houston. Die Ironie des Ganzen entging Ryan nicht. Die ganze Zeit über war er in ihrer Nähe gewesen, ohne es zu ahnen.

„Nein, ich werde hinfahren. Ich bin schon in Texas. In ein paar Stunden kann ich in Houston sein.“

Am anderen Ende der Leitung war es still. „Sir, vielleicht ist sie es doch nicht. Ich würde gern eine Bestätigung der Angaben haben, bevor Sie eine überflüssige Fahrt unternehmen.“

„Sie sagten, Sie seien sich ziemlich sicher, dass sie es ist. Falls es ein Irrtum ist, werde ich Sie nicht dafür verantwortlich machen.“

„Soll ich meinen Mitarbeiter also nicht hinschicken?“

Ryan zögerte. „Falls es Kelly ist, werde ich das rausbekommen. Falls nicht, sage ich Ihnen Bescheid, damit Sie Ihre Suche fortsetzen können. Sie brauchen niemanden nach Houston zu schicken. Ich fahre selbst hin.“

Im strömenden Regen fuhr Ryan zu dem kleinen Café in West-Houston, wo Kelly als Kellnerin arbeitete. Es hätte ihn nicht überraschen sollen. Als sie sich kennenlernten, hatte sie in einem schicken Café in New York bedient. Aber der Scheck, den er ihr gegeben hatte, hätte es ihr ermöglicht, eine ganze Weile nicht zu arbeiten. Er hatte gedacht, sie würde an die Uni zurückkehren. Selbst als sie sich verlobt hatten, hatte Kelly den Wunsch geäußert, ihr Studium abzuschließen. Er hatte das zwar nicht verstanden, aber ihren Entschluss unterstützt. Der Egoist in ihm hätte es lieber gesehen, wenn sie vollkommen abhängig von ihm gewesen wäre.

Warum hatte sie den Scheck nicht eingelöst?

Nachdem er Rafe und Bryony herzlich gratuliert hatte, war er mit der Fähre nach Galveston gefahren. Weder Cam noch Dev hatte er gesagt, dass er Kelly gefunden hatte, sondern nur, dass er sich um eine wichtige geschäftliche Angelegenheit kümmern müsse. Als er in Houston angekommen war, war es schon spät gewesen. Also hatte er eine schlaflose Nacht in einem Hotel verbracht.

Seit er am Morgen losgefahren war, regnete es ununterbrochen. Ein Blick auf das Navi sagte ihm, dass er noch ein paar Blocks von seinem Ziel entfernt war. Es frustrierte ihn, dass jede Ampel auf Rot sprang und er halten musste. Warum er es eilig hatte, wusste er nicht. Nach Auskunft seines Privatdetektivs arbeitete Kelly schon eine Weile in dem Café. Sie würde nicht weggehen.

Ihm schwirrten tausend Fragen durch den Kopf, aber er würde erst dann Antworten darauf finden, wenn er Kelly zur Rede gestellt hatte.

Ein paar Minuten später parkte er vor einem kleinen Diner, über dem ein schiefes Donut-Schild hing. Was für ein Laden. Warum arbeitete Kelly ausgerechnet hier?

Er betrat das Café und schaute sich um, ehe er in einer Nische Platz nahm. Eine Kellnerin, die nicht Kelly war, brachte ihm eine Speisekarte.

„Nur einen Kaffee.“

„Wie Sie möchten.“

Kurz darauf stellte sie die Tasse so resolut auf den Tisch, dass der Kaffee überschwappte. Mit einem entschuldigenden Lächeln warf sie Ryan eine Serviette hin.

„Sagen Sie einfach Bescheid, wenn ich Ihnen noch irgendetwas bringen soll.“

Er war kurz davor, sie nach Kelly zu fragen, als er in einiger Entfernung eine Serviererin an einem der Tische stehen sah. Sie wandte ihm den Rücken zu.

Das war sie. Er wusste es sofort.

Ihr honigblondes Haar war länger und zu einem Pferdeschwanz gebunden, aber sie war es. Er spürte es instinktiv, und sein Herz klopfte sofort schneller, selbst nach all den Monaten.

Dann drehte sie sich zur Seite und wandte ihm das Profil zu, und Ryan wich alles Blut aus dem Gesicht.

Was, um Himmels willen …

Ihr runder Bauch ließ keinen Zweifel zu.

Sie war schwanger. Hochschwanger. So, wie es aussah, sogar noch weiter in ihrer Schwangerschaft als Bryony.

Genau in dem Moment, als sie sich ganz umdrehte, sah er hoch, und ihre Blicke begegneten sich. Schockiert starrte sie ihn aus ihren blauen Augen quer durch den Raum an. Auch sie hatte ihn sofort erkannt. Aber warum sollte sie sich auch weniger an ihn erinnern als er sich an sie?

Ehe er reagieren konnte, wurde ihr Blick eiskalt vor Wut. Ihre zarten Gesichtszüge verhärteten sich, und Ryan sah von seinem Platz aus, dass sie die Zähne zusammenbiss.

Welchen Grund hatte sie, dermaßen wütend zu sein, verdammt noch mal?

Sie ballte die Hände zu Fäusten, fast so, als würde sie ihm liebend gern einen Kinnhaken versetzen. Dann wandte sie sich wortlos um und verschwand durch die Schwingtür in Richtung Küche.

Ryan kniff die Augen zusammen. Okay, das war nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Dabei war er gar nicht sicher, was er eigentlich erwartet hatte. Dass sie sich unter Tränen entschuldigte? Dass sie ihn flehentlich darum bat, sie wieder aufzunehmen? Jedenfalls hatte er nicht erwartet, dass sie hochschwanger war und in einem Laden bediente, der eher zu jemandem passte, der die Highschool abgebrochen hatte, als zu einer Studentin wie Kelly, die auf dem Weg zu einem glänzenden Studienabschluss war.

Schwanger. Er atmete tief durch, um sich zu fassen. In welchem Monat war sie wohl genau? Mindestens im siebten.

Ihm wurde ganz anders, und sein Atem stockte.

Falls sie wirklich im siebten Monat schwanger war, war es womöglich sein Kind.

Oder das seines Bruders.

Kelly Christian stürzte in die Küche. Leise vor sich hinschimpfend versuchte sie, die Schnürbänder ihrer Schürze aufzuknoten. Ihre Hände zitterten so sehr, dass es ihr einfach nicht gelingen wollte.

Schließlich zog sie so heftig daran, dass die Schürze zerriss. Da warf sie sie einfach über den Haken, der für die Schürzen der Kellnerinnen vorgesehen war.

Warum war er hier? Sie hatte sich keine große Mühe gegeben, ihre Spuren zu verwischen. Ja, sie hatte New York verlassen, und damals hatte sie nicht gewusst, wohin ihr Weg sie führen würde. Es war ihr egal gewesen. Aber sie hatte auch nichts getan, weshalb sie sich verstecken müsste. Das hieß, er hätte sie jederzeit finden können. Warum jetzt? Aus welchem Grund sollte er sie nach sechs Monaten suchen?

Sie glaubte nicht an Zufälle. Dieses Café war kein Lokal, in das Ryan Beardsley zufällig kam. Nicht standesgemäß. Seine erlesene Familie würde lieber sterben, als ihrem Gaumen etwas zuzumuten, was nicht mindestens in einem Fünfsternerestaurant serviert wurde.

Wow, Kelly, so verbittert?

Sie schüttelte den Kopf, wütend auf sich selbst, weil sie so heftig auf diesen Mann reagierte.

„He, Kelly, was ist los?“

Kelly drehte sich um. Ihre Kollegin Nina stand mit besorgter Miene in der Küchentür.

„Mach die Tür zu“, zischte Kelly und machte Nina ein Zeichen, hereinzukommen.

„Ist alles in Ordnung? Du siehst aus, als ginge es dir nicht gut, Kelly. Ist was mit deinem Baby?“

Um Gottes willen, das Baby! Ryan müsste schon blind sein, um ihren Babybauch zu übersehen. Sie musste weg von hier.

„Ja, es geht mir gar nicht gut“, schwindelte sie. „Sag Ralph, dass ich wegmusste.“

Nina runzelte die Stirn. „Er wird nicht begeistert sein. Du weißt ja, was er davon hält, wenn wir auf der Arbeit fehlen. Wenn wir nicht gerade ein Bein oder einen Arm verloren haben oder Blut spucken, hat er kein Verständnis dafür, wenn man nicht zur Stelle ist.“

„Dann sag ihm, dass ich gekündigt habe“, murmelte Kelly auf dem Weg zum Hinterausgang. An der Tür blieb sie kurz stehen. „Tu mir einen Gefallen, Nina. Es ist wichtig, okay? Falls jemand im Diner nach mir fragt – egal wer: Du weißt rein gar nichts.“

„Kelly, bist du irgendwie in Schwierigkeiten?“

Ungeduldig schüttelte Kelly den Kopf. „Ich bin nicht in Schwierigkeiten. Ich schwöre es. Es geht um meinen … meinen Ex. Er ist ein richtiger Mistkerl. Ich habe ihn vor einer Minute vorn im Diner sitzen sehen.“

Entrüstet presste Nina die Lippen aufeinander. „Geh nur, meine Liebe. Ich kümmere mich hier schon um alles.“

„Danke.“

Gleich darauf eilte Kelly die schmale Straße hinter dem Café hinunter. Ihr Apartment lag nur zwei Blocks entfernt. Sie würde nach Hause gehen und sich überlegen, was um alles in der Welt sie als Nächstes tun sollte.

Fast wäre sie auf halbem Weg stehen geblieben. Warum lief sie eigentlich weg? Sie hatte nichts zu verbergen. Sie hatte nichts Schlimmes getan. Was sie hätte tun sollen, war, quer durchs Café zu marschieren, um ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Stattdessen lief sie weg.

Als sie die Treppen zu ihrer Wohnung im ersten Stock hinauflief, nahm sie immer zwei Stufen auf einmal. Sobald sie drinnen war, schloss sie die Tür und sank mit dem Rücken dagegen.

Tränen traten ihr in die Augen. Sie war wütend. Wie konnte es sein, dass es sie so aus der Fassung brachte, Ryan Beardsley wiederzusehen? Nein, sie wollte ihm nicht gegenübertreten. Sie wollte ihn nie wieder sehen. Nie wieder sollte jemand die Macht haben, sie so zu verletzen wie er. Nie wieder.

Automatisch legte sie die Hände auf ihren Bauch und rieb ihn behutsam. Dabei war sie nicht sicher, wen sie damit mehr trösten wollte: ihr Baby oder sich selbst.

„Es war idiotisch, ihn zu lieben“, flüsterte sie. „Idiotisch zu glauben, ich könnte zu ihm passen und seine Familie würde mich akzeptieren.“

Kelly fuhr zusammen, als die Tür hinter ihr vibrierte, weil jemand anklopfte. Ihr Herz schlug schneller, und sie starrte auf ihre Wohnungstür, als könnte sie durch sie hindurchsehen.

„Kelly, mach die blöde Tür auf. Ich weiß, dass du da bist.“

Ryan. Um Gottes willen. Der Allerletzte, dem sie die Tür öffnen wollte.

Sie stützte sich gegen die Tür, unsicher, ob sie ihn einfach ignorieren oder antworten sollte.

Der zweite Schlag gegen ihre Tür war so heftig, dass sie erschreckt die Hand wegriss.

„Geh weg!“, rief sie schließlich. „Ich habe dir nichts zu sagen.“

Plötzlich erbebte die Tür und flog auf. Hastig machte Kelly einige Schritte rückwärts. Dabei hielt sie die Arme schützend vor ihren Babybauch.

Ryan stand im Türrahmen, groß und beeindruckend wie eh und je. Bis auf ein paar neue Fältchen um seinen Mund und seine Augen herum sah er unverändert aus. Eingehend betrachtete er sie von Kopf bis Fuß. Sie schien nichts vor ihm verbergen zu können. Er hatte es schon immer verstanden, ihr direkt ins Herz zu sehen. Nur das eine Mal nicht, als es am meisten darauf angekommen wäre.

Erneut durchzuckte Kelly ein heftiger Schmerz. Zum Teufel mit ihm! Was wollte er noch alles tun, um sie zu verletzen? Er hatte sie doch schon vollkommen erledigt.

„Verschwinde.“ Sie war richtig stolz darauf, wie ruhig ihre Stimme klang. „Verschwinde, oder ich rufe die Polizei. Ich habe nichts mit dir zu bereden. Jetzt nicht. Und auch nicht später.“

„Das ist schade“, Ryan trat näher, „denn ich habe jede Menge mit dir zu bereden. Zuallererst einmal würde ich nämlich gern wissen, von wem du schwanger bist.“

2. KAPITEL

Kelly zwang sich, Ryan nicht wütend anzuschreien, auch wenn ihre Emotionen in ihr hochkochten. „Das geht dich nichts an.“

„Das tut es sehr wohl, falls ich der Vater bin.“

Die Arme vor der Brust verschränkt, starrte sie ihn an. „Wie kommst du denn darauf?“

Es war geradezu grotesk, dass ein Mann, der ohne Weiteres bereit gewesen war, zu glauben, dass sie mit jeder Menge anderer ins Bett gehüpft war, in ihr Apartment eindrang und wissen wollte, ob sie von ihm schwanger war oder nicht.

„Verdammt, Kelly, wir waren verlobt. Wir haben zusammengelebt und waren oft intim. Ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, ob es mein Kind ist.“

Skeptisch betrachtete sie ihn einen Moment. „Woher soll ich das wissen? Schließlich war ich mit wahnsinnig vielen anderen Männern zusammen, unter anderem mit deinem Bruder.“ Achselzuckend wandte sie sich ab und ging in die Küche.

Er folgte ihr dicht auf den Fersen, und sie spürte seinen Ärger fast körperlich. „Kelly, du bist eine Hexe. Eine kalte, berechnende Hexe. Ich habe dir alles gegeben, und du hast es für einen Seitensprung weggeworfen.“

Sie fuhr herum und war kurz davor, ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen. „Verschwinde! Verschwinde, und komm nie wieder zurück.“

„Ich gehe nirgendwohin, Kelly. Nicht bevor du mir gesagt hast, was ich wissen will.“

Sie lachte auf. „Es ist nicht dein Baby. Zufrieden? Und jetzt geh.“

„Dann ist also Jarrod der Vater?“

„Warum fragst du ihn nicht selbst?“

„Wir reden nicht über dich.“

„Tja, und ich will über keinen von euch beiden reden. Ich will, dass du meine Wohnung verlässt. Es ist nicht dein Baby. Verschwinde aus meinem Leben. Ich bin aus deinem verschwunden, wie du verlangt hast.“

„Du hast mir keine andere Wahl gelassen.“

„Wahl? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich eine hatte. Du hast die Wahl für uns beide getroffen.“

„Du bist eine ganz schön harte Nuss, Kelly. Immer noch das unschuldige Opfer, wie ich sehe.“

Sie ging zur Haustür und hielt sie ihm schweigend auf.

Ryan verharrte reglos. „Warum lebst du so, Kelly? Es will mir nicht in den Kopf, warum du getan hast, was du getan hast. Ich hätte dir alles gegeben. Mensch, selbst bei unserer Trennung habe ich dir noch ganz schön viel Geld gegeben, weil ich nicht wollte, dass es dir an nichts mangelt. Um jetzt mitzubekommen, dass du in ärmlichsten Verhältnissen wohnst und einen Job hast, der weit unter deinen Möglichkeiten liegt.“

Kelly verspürte einen Anflug von Hass. Ja, so war es: Sie liebte und hasste ihn zugleich. Ihr Schmerz war so groß, dass es ihr den Atem verschlug. Sie dachte an den Tag zurück, als sie vor Ryan gestanden hatte, verzweifelt und völlig am Boden zerstört. Und wie er seine Unterschrift unter einen Scheck gesetzt und ihn ihr verächtlich hingeschoben hatte.

Sein Blick hatte ihr gesagt, dass er sie nicht liebte, nie geliebt hatte. Er vertraute ihr nicht.

Als sie ihn mehr gebraucht hatte als je zuvor, hatte er sie im Stich gelassen. Er hatte sie wie eine Hure behandelt.

Das würde sie ihm nie verzeihen.

Langsam wandte sie sich um und ging mit schweren Schritten zur Küchenschublade hinüber, in der sie den zerknitterten Umschlag mit dem Scheck verwahrte. Er erinnerte sie an zerbrochene Träume und allerschlimmsten Verrat. Sie hatte ihn sich oft angesehen, aber geschworen, nie in eine Bank zu gehen, um ihn einzulösen.

Mit dem Umschlag in der Hand kehrte sie zu Ryan zurück, der sie mit undurchdringlicher Miene betrachtete. Sie zerknüllte den Umschlag und warf ihn ihm an den Kopf.

„Hier hast du deinen Scheck. Nimm ihn und verschwinde endlich aus meinem Leben.“

Er hob den Umschlag auf, glättete ihn und zog den zerknitterten Scheck heraus. Dann schaute er sie wieder mit gerunzelter Stirn an. „Das verstehe ich nicht.“

„Du hast nie etwas verstanden. Wenn du nicht gehst, gehe eben ich.“

Ehe er sie daran hindern konnte, war sie zur Tür hinaus und warf sie ins Schloss.

Ryan starrte immer noch ungläubig auf den Scheck in seiner Hand. Warum? Kelly benahm sich, als sei er der reinste Abschaum. Was, verdammt noch mal, hatte er ihr je getan, außer sicherzustellen, dass sie versorgt war?

Als er sich in der Wohnung umschaute, fiel ihm auf, wie renovierungsbedürftig sie war, wie billig das Mobiliar. Zwei Türen des Küchenschranks hingen schief in den Angeln, und er war völlig leer. Überhaupt keine Lebensmittel.

Fluchend stellte er fest, dass auch im Kühlschrank nur eine Tüte Milch, eine halbe Packung Käse und ein Glas Erdnussbutter standen.

Als er auch in den übrigen Schränken rein gar nichts Essbares fand, wurde er immer wütender. Wovon lebte Kelly? Und vor allem: Warum lebte sie in solchen Verhältnissen?

Kopfschüttelnd betrachtete er noch einmal den Scheck. Der Betrag war hoch genug, um davon ein paar Jahre bescheiden, aber gut zu leben.

An einigen Stellen war die Tinte verschmiert, und er wies diverse Fingerabdrücke auf. Warum hatte sie ihn nie eingelöst? Ryan hatte so viele Fragen, dass er sie gar nicht klar formulieren konnte.

Hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie sich damals so verhalten hatte? Schämte sie sich, von ihm Geld anzunehmen, nachdem sie ihn betrogen hatte?

Eins stand fest: Er würde nicht einfach wieder gehen. Es gab zu viele Fragen, auf die er Antworten haben wollte. Warum lebte sie in dieser schäbigen Wohnung und hatte einen Job, der ihr offenbar nicht genug Geld einbrachte, um sie zu ernähren, geschweige denn ein vernünftiges Leben zu führen? Was um alles in der Welt würde sie tun, wenn das Baby kam? Ob es nun sein Baby war oder nicht, es war ihm nicht egal. Nicht, nachdem sie ihm einmal so viel bedeutet hatte.

Sie gab nicht auf sich acht. Früher hatte immer er auf sie achtgegeben, und das würde er jetzt wieder tun. Egal ob ihr das passte oder nicht.

Hinter ihrem Wohnhaus bog Kelly in eine Nebenstraße ein. Sie ging nicht ins Diner, obwohl das am vernünftigsten gewesen wäre. Einen Tag ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Unvergesslich wie deine Leidenschaft" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen