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Unusual Ways

Manchmal scheint das Leben sich im Kreis zu drehen, lässt uns glauben, in einem Labyrinth gefangen zu sein. Obwohl wir wissen, dass es einen Ausgang gibt, irren wir darin umher ohne die Richtung zu kennen.

So ergeht es Maren, die hofft, in Deutschland die Lösung ihrer Probleme zu finden, doch dabei hat sie einen wesentlichen Aspekt übersehen. Auch Sean sucht nach einem Weg, dessen Ziel jedoch ein ganz anderes ist. Beide müssen sich aus den Mauern befreien, die sie um ihre Gefühle herum aufgebaut haben.

1.
Hessen, Deutschland

Maren hatte den Großteil ihres Lebens in Frankfurt verbracht. Wie die Stadt ihre Besucher mit Wolkenkratzern aus Stahl und Glas blendete und ihre historischen Wurzeln erst auf den zweiten Blick zu erkennen gab, war sie gut darin, ihre Gefühle zu verstecken – sogar vor sich selbst. Gerade jetzt war ihr Herz nur ein Muskel, der sie am Leben erhielt.

Natürlich kannte Maren auch den Flughafen recht gut. Dennoch war sie nach kaum drei Jahren in der relativen Einsamkeit Connemaras nicht auf die Menschenmassen vorbereitet, die sich durch die Gänge und Hallen schoben. Sie sagte sich, dass das wahrscheinlich an der gerade stattfindenden Buchmesse lag. Immerhin hatte sie Glück gehabt, überhaupt eine Unterkunft zu finden. Natürlich nicht in Frankfurt, das hatte sie erst gar nicht versucht, und auch nicht in einem Hotel. Als sie dem Vermieter am Telefon gesagt hatte, dass sie seine Ferienwohnung in Mörfelden-Walldorf bis Anfang Februar mieten wollte, hatte er ihr sogar einen Sonderpreis eingeräumt.

»Wie Sie sich denken können, sind im Umkreis sämtliche Hotels und Pensionen ausgebucht«, hatte er gesagt, ihr für die Nacht von Freitag auf Samstag das Gästezimmer in seiner Wohnung angeboten und ihr seine Adresse in Langen gegeben. Alfons Schmidtbauer war Sicherheitschef bei Fraport gewesen, seit sechs Jahren im ›Unruhestand‹, wie er es nannte, und freute sich über ihre Gesellschaft beim Abendessen, das sie gemeinsam zubereiteten.

»Hab nie die richtige Frau gefunden, also lernt man irgendwann kochen, kann ja nicht ständig auswärts essen«, sagte er vergnügt, während er eine Flasche Wein und zwei Gläser auf den Tisch stellte. Maren schwieg und konzentrierte sich darauf, Tomaten und Mozzarella in gleichmäßige Scheiben zu schneiden. Überhaupt war er recht gesprächig, gab Anekdoten vom Flughafen zum Besten und fragte wenig, was Maren nur recht war. Er gab sich mit der Auskunft zufrieden, dass sie für ein irisches Reiseunternehmen arbeitete und hauptsächlich beruflich hier sei.

Der in Irland übliche, unverbindliche Smalltalk, der selbst bei Sturm und Platzregen mit: »Nice weather today, isn’t it?« begann, und sowohl banale als auch tiefschürfende Themen beinhalten konnte, kam ihr an diesem Abend fehl am Platz vor – und dennoch vermisste sie ihn. Insgeheim verfluchte sie Sean; es war allein seine Schuld, dass sie ›The Ferns‹, das seit fast drei Jahren ihr Zuhause war, hatte verlassen müssen. Was hätte sie sonst tun sollen? Ihm verzeihen? Auf keinen Fall!

Am nächsten Morgen – nach einem ausgiebigen Frühstück samt weiteren Schilderungen von Herrn Schmidtbauers Erlebnissen hinter den Kulissen des Flughafens – folgte Maren in ihrem Mietwagen seinem Auto nach Mörfelden-Walldorf.

Das Haus stand in einer Sackgasse und die Haustür besaß ein Zahlenschloss, dessen Kombination 3891 lautete.

»Das kann ich mir gut merken, es ist mein Geburtsjahr rückwärts«, sagte Maren und das war das persönlichste, was sie von sich preisgab.

»Meine Schwester hat bestimmt schon alles geputzt und aufgeräumt, aber ich schau gern selbst, ob die Vormieter nichts vergessen haben«, meinte er augenzwinkernd, während er ihr half, das Gepäck ins Dachgeschoss zu tragen. »Alma freut sich übrigens, dass Sie auf ihre Dienste verzichten. Jetzt kann sie ihre Tochter besuchen, die mit ihrer Familie auf einem Weingut in Südafrika lebt. Vielleicht flieg ich einfach mit.«

Dort ist jetzt Sommer, dachte Maren, nickte aber nur, um ihn nicht zu weiteren Details zu ermuntern. Nach einem Rundgang durch die Wohnung überreichte er ihr den Wohnungsschlüssel und schließlich verabschiedete er sich. Mittlerweile war es fast Mittag.

Maren lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und schloss die Augen. Endlich nicht mehr lächeln müssen, wo ihr eher nach Weinen zumute war. Reiß dich zusammen!

In einem der beiden Schlafzimmer stand ein Doppelbett, im kleineren ein Queen-Size-Bett. Sie rollte ihren Koffer in das größere, hievte ihn auf eine Seite des Bettes und verstaute ihre Kleidung in Schrank und Kommode.

Sie hatte diesen Koffer nicht mehr benutzt, seit sie vor fast drei Jahren Hals über Kopf nach Irland geflohen war. Er hatte auf ihrem Kleiderschrank gelegen, bis sie es leid gewesen war, ihn ständig abstauben zu müssen. Also hatte sie ihn irgendwann heruntergenommen, in einen großen Müllsack gepackt und im ehemaligen Stall von ›The Ferns‹ verstaut. Das musste Ende Mai oder Anfang Juni gewesen sein, jedenfalls kurz bevor sie bei ›Doyle & McLeary Bustours‹ angefangen hatte. Wahrscheinlich, nachdem sie von ihrem Kurztrip durch County Clare zurückgekommen war, für den ihr Bordcase völlig ausgereicht hatte.

Es war ein Test gewesen. Sie hatte herausfinden wollen, wie sie fünf Monate nach Victors Tod auf Orte reagierte, an denen sie gemeinsam gewesen waren. Zum Beispiel die Küstenstraße zwischen Ballyvaughan und Doolin, die kaum jemand benutzte, weil sowohl Einheimische als auch Touristen lieber die N 67 über Lisdoonvarna nahmen. Der Ort hatte nur knapp tausend Einwohner, begrüßte aber zum alljährlich im Herbst stattfindenden Matchmaking-Festival abertausende heiratswillige Singles, nicht nur aus Irland, sondern aus ganz Europa und sogar aus Übersee.

Wie seinerzeit mit Victor hielt sie irgendwo am Straßenrand an, kletterte über Felsbrocken zum Kiesstrand hinunter und schaute aufs Meer, auf Inisheer und Inishmaan. Die Silhouette von Inishmore, der größten der Aran Islands, war nur zu erahnen. Ebenso Victors Präsenz, die allmählich verblasste. Anders als der Schmerz, der sie auch nach einem halben Jahr – meistens ohne Vorwarnung – mit unverminderter Intensität überfiel. Sie wünschte, es wäre umgekehrt.

Nach einer Weile drehte sie sich steifbeinig um und ließ ihren Blick über die schroffen Berge schweifen. Ein paar der helleren Flecken zwischen den Grautönen entpuppten sich als Schafe, auf der Suche nach dem spärlich wachsenden Gras. Vorüberziehende Wolken zauberten Muster aus Licht und Schatten auf die Hänge, was eine ebenso hypnotische Wirkung auf Maren ausübte, wie das Beobachten der Brandungswellen.

Schließlich fuhr sie weiter nach Doolin, aß Suppe und Sodabrot in einem Pub. An den Cliffs of Moher hielt sie nicht an, weil der große Parkplatz an der Straße mit PKWs und Bussen überfüllt war. Eine knappe Stunde später parkte sie kurz vor Kilkee, wanderte dort über die viel urwüchsigeren und kaum besuchten Klippen. Die Einsamkeit der Landschaft entsprach der in ihrem Inneren, was sie seltsamerweise als tröstlich empfand. Als sie von Weitem ein Paar entdeckte, das Arm in Arm am Klippenrand stand, floh sie zu ihrem Auto. Ihre Erinnerungen ließen sich dadurch nicht abschütteln.

In Ennis quartierte sie sich in einem B & B ein und erkundete von dort aus die nähere Umgebung, unter anderem Clarecastle und Quin, in dessen Nähe sich das ›Craggaunowen-Project‹ befand. Sie hatte gelesen, dass die auf dem weitläufigen Gelände rund um die aufwändig restaurierte Burg entdeckten Reste prähistorischer Siedlungen in den sechziger Jahren unter Aufsicht des Kunsthistorikers John Hunt rekonstruiert worden waren. Es gab mehrere Rundhütten innerhalb eines Erdwalls mit aus Holz geflochtenen Palisaden und Wachtürmen. Einige dieser Ringforts, die man auch in Schottland finden konnte, waren bis ins 17. Jahrhundert bewohnt gewesen. Sie spazierte zum See und entdeckte dort ein ›Crannóg‹ aus der Bronzezeit. Die zeltförmigen Reisighütten, die einzeln auf meist in Pfahlbauweise errichteten Inseln standen, waren über einen hölzernen Steg oder aufgeschütteten Damm erreichbar.

Schließlich kam Maren zu einem offenen Unterstand mit dem originalgetreuen Nachbau von St. Brendans Boot, dessen Rumpf lediglich aus einem mit Leder bezogenen Gitter aus Eschenholz bestand. Laut eines alten Manuskripts sollte Brendan mit zwölf Gefährten in einem solchen Curragh über den Atlantik gesegelt sein, auf der Suche nach ›Tír na nÓg‹. Das Land der ewigen Jugend aus der irisch-keltischen Mythologie hatte er nicht gefunden, war stattdessen in Nordamerika gelandet, sechshundert Jahre vor Kolumbus. Das Manuskript war lange angezweifelt worden, bis Timothy Severin 1976 mit diesem Nachbau bewiesen hatte, dass es zumindest möglich gewesen wäre.

Maren, die sich nicht einmal in Küstennähe in einem solchen Boot aufs Meer gewagt hätte, wandte sich dem Wald zu und fand dort einen Ogham-Stone. Sie hatte diese aufrecht stehenden Steine schon an anderen Orten gesehen und wusste daher, dass die an den Kanten eingeritzten Linien archaische Buchstaben darstellten, ähnlich der germanischen Runen. Man hatte die meisten als Namen identifiziert, aber es war unklar, ob es sich dabei um Grab- oder um Grenzsteine handelte. Ein paar Schritte weiter kam sie zu einem Megalithgrab, das dem berühmten Poulnabrone-Dolmen nachempfunden, aber natürlich viel kleiner war als das Original, das sie später, auf halbem Weg zurück nach Galway, ebenfalls besuchte. Inzwischen gab es dort einen Parkplatz, sodass sie nicht, wie erwartet, ihr Auto halb im Straßengraben abstellen musste. Als sie mit Victor hier gewesen war, hatten sie sich einen Weg über den felsigen Boden suchen müssen, nun führte ein Fußweg zum Dolmen, der rundherum mit Seilen abgesperrt war. Traurig, dass man Menschen vor ihrer eigenen Dummheit schützen muss, dachte sie.

Zu Moira hatte sie anschließend gesagt, nun hätte sie das Schlimmste überstanden. Zwar hatte Moira ihr nicht widersprochen, schien aber nach Marens Gefühl nicht ganz überzeugt gewesen zu sein.

Als Maren ihre Schuhbeutel und die Kosmetiktasche in den Koffer legte und die Gurte nach innen klappte, ertastete sie unter dem Innenfutter etwas Kantiges zwischen dem Gestänge, das Griff und Rollen verband. Beim Packen war ihr das nicht aufgefallen. Sie zog den Reißverschluss auf und starrte auf ein Buch. Ein Tagebuch.

Cousine Ingrid hatte es ihr geschenkt, zusammen mit einer Liste: ›Fünf Phasen der Trauerbewältigung‹, und ihr einzureden versucht, es würde helfen, ein Trauertagebuch zu schreiben. Maren hatte die Liste umgehend weggeworfen und das Büchlein in einer Schublade versteckt. Irgendwie war es zwischen die Kleidungsstücke geraten, die sie für ihre Flucht nach Irland gepackt hatte. Bis ihre restlichen Habseligkeiten per Spedition geliefert worden waren, war es eines von vier Büchern in ihrem Regal gewesen. Also hatte sie eines Abends doch begonnen, ihre Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. Auch die Träume, die sie quälten, in der Hoffnung, sie würden aus ihrem Kopf verschwinden, wenn sie auf Papier gebannt und zwischen zwei Pappdeckeln eingeschlossen waren. Funktioniert hatte es nur zeitweise.

Maren schloss den Koffer und stellte ihn in die Lücke zwischen Schrank und Wand. Das Tagebuch legte sie zusammen mit ihrem Reisepass in eines der beiden Nachtkästchen, in der Absicht, es nicht zu öffnen. Es gab Wichtigeres, als sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen.

In einer Küchenschublade fand sie einen fast neuen A 5-Schreibblock, notierte, was sie an Lebensmitteln und Hygieneartikeln brauchte, und fuhr zum nächsten Supermarkt.

Den restlichen Samstag verbrachte sie größtenteils damit, zwei Listen zu erstellen. Eine mit den Kontaktadressen von Volkshochschulen in der näheren Umgebung, bei denen sie vielleicht Interesse an einer Rundreise mit ›Doyle & McLeary Bustours‹ wecken konnte, die andere mit Namen und Telefonnummern von Scheidungsanwälten. Am Montag würde sie diese anrufen, um Termine zu vereinbaren. Die einen wie die anderen.

Am Sonntag arbeitete sie an der Präsentation, die sie mit Ciara begonnen hatte und die hauptsächlich aus Fotos bestand, mit nur wenig Text dazwischen. Die Leute sollten ja nicht lesen, sondern zuhören, was sie erzählte. Sie markierte einige ihrer gespeicherten Musikstücke, um sie an den passenden Stellen gezielt ansteuern zu können.

Nachmittags meldete sich Ciara via Skype und Maren lief mit dem Laptop durch die Wohnung, um sie ihr zu zeigen.

»Gestern kam ich zufällig an einem Handyladen vorbei und hab mir eine SIM-Karte eines deutschen Anbieters gekauft. Schließlich werde ich hauptsächlich lokale Telefonate führen, da ist das günstiger. Schreib dir die Nummer auf, aber gib sie sonst niemandem. Von Zeit zu Zeit werde ich meine irische Mailbox abhören, einmal pro Woche oder so; die Ansage hab ich schon entsprechend geändert.«

Ciara wiederholte die Nummer, die Maren ihr diktierte, und fragte dann: »Und wie geht es dir sonst? Was machst du?«

»Ich werde jetzt ein wenig spazieren gehen, es hat fast siebzehn Grad draußen, obwohl die Sonne sich rar macht. Später schau ich mir vielleicht einen Film im Fernsehen an. Es liegen auch ein paar Bücher im Regal. Falls ich mich auf das eine oder das andere konzentrieren kann.«

»Du solltest ausgehen. Amüsier dich ein wenig.«

»Danke, kein Bedarf.«

Nachdem Ciara ihr den neuesten Nachbarschaftsklatsch erzählt hatte, beendeten sie das Gespräch.

Da Maren nach ihrem Spaziergang weder einen Film fand, der sie interessierte, noch sich für eines der Bücher entscheiden konnte, holte sie doch das Tagebuch aus dem Schlafzimmer. Ohne ihre früheren Einträge zu lesen, schlug sie die nächste leere Seite auf und begann zu schreiben.

2.
Marens Tagebuch

Sonntag, 20.10.2019

Ich bin sechsunddreißig Jahre alt und habe schon zwei Ehemänner verloren. Den einen unter einem LKW, den er nicht kommen sah, den anderen in einem Bett, in dem er nichts zu suchen hatte. Während der erste die Begegnung nicht überlebt hat, erfreut sich der zweite nach seinem Fehltritt bester Gesundheit. Zumindest körperlich. Bei der geistigen bin ich mir nicht sicher, denn obwohl er zugibt, mit seiner besten Freundin aus Kindertagen geschlafen zu haben, behauptet er gleichzeitig, er hätte mich nicht betrogen. Dass Brigid sich meine Freundschaft erschlichen hat, macht es in meinen Augen zu einem doppelten Betrug. Danach hat sie sich elegant aus der Affäre gezogen, indem sie nach Amerika gegangen ist. Angeblich aus anderen Gründen.

Wahrscheinlich telefonieren sie regelmäßig oder schreiben sich Briefe, wie sie es früher getan haben. Richtige Briefe, keine E-Mails. Mit zwölf Jahren war das für sie die einzige Möglichkeit, den Kontakt zwischen Clonakilty im County Cork und Leeds in Yorkshire aufrechtzuerhalten. Und als Sean im Alter von vierundzwanzig Jahren nach Australien ging, konnte er froh sein, überhaupt Briefe aufgeben und erhalten zu können.

Telefonieren oder gar skypen war so gut wie unmöglich. ›Das Outback ist ein einziges Funkloch, die stecknadelkopfgroßen Lücken muss man erst einmal finden‹, hat er einmal gesagt. Fast sieben Jahre lang hat er dort nach Opalen geschürft, mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Brigid war unterdessen mit einem Engländer verheiratet, der sie systematisch zum Krüppel geschlagen hat, körperlich wie seelisch. Als sie das Sean schließlich beichtete, drängte er sie dazu, Trevor Harrison sofort zu verlassen. Er versprach ihr, ebenfalls nach Irland zurückzukehren, damit er sich um sie kümmern konnte. Das hat er beinahe fünf Jahre lang auf ziemlich unorthodoxe Weise getan, bis sie ihn am Ende dazu gebracht hat, zu weit zu gehen.

Mein Mann war, was Frauen betraf, kein Kostverächter, er hat früh damit angefangen und seine Fähigkeiten als Liebhaber fleißig trainiert. Hätte er mit Brigid geschlafen, bevor wir uns kennenlernten oder wenigstens vor unserer Hochzeit, wären wir vielleicht immer noch zusammen. Also im ersten Fall, im zweiten hätte ich seinen Antrag wahrscheinlich nicht angenommen, müsste mich jetzt nicht damit herumschlagen, eine Scheidung zu erwirken. Die er rigoros ablehnt, da er sich keiner Schuld bewusst ist.

Ausgerechnet im erzkatholischen Irland zählt Ehebruch nicht als Scheidungsgrund. Seit 1995 ist es zwar möglich, dass auch irische Ehen geschieden werden können, allerdings muss die nachweislich ›hoffnungslos zerrüttet‹ sein.

Ich bin unter anderem nach Deutschland zurückgekehrt, um herauszufinden, ob ich mich, obwohl wir in Irland geheiratet haben und beide dort leben, nach deutschem Recht scheiden lassen kann. Immerhin habe ich noch einen deutschen Pass.

Der zweite Grund, warum ich aus meiner Wahlheimat geflohen bin, ist, dass die Winterpause vor der Tür steht und Sean fast fünf Monate lang keine Reisegruppen kreuz und quer durch Irland führen wird. Seine ständige Anwesenheit in ›The Ferns‹ würde es mir extrem erschweren, wenn nicht unmöglich machen, mein Vorhaben durchzuziehen. Weil ich seiner körperlichen Anziehungskraft nicht widerstehen kann, was er natürlich weiß und vor zwei Wochen schamlos ausgenutzt hat. Ich hätte damit rechnen müssen. Er ist genauso verrückt nach mir wie ich nach ihm.

Es war reiner Selbstschutz, dass ich im August ›The Ferns‹ in eine Festung verwandelt habe. Damit ich ihm überhaupt – durch die verschlossene Tür – sagen konnte, er solle verschwinden und schließlich, ich wolle mich von ihm scheiden lassen. Aber wollte ich das wirklich? Will ich es noch?

Mit Victor, meinem ersten Mann – in jeder Beziehung – hatte ich ein durchaus erfülltes Sexleben. Das hat mich allerdings nicht im Geringsten darauf vorbereitet, was ich mit Sean erlebe. Schon allein seine Stimme zu hören, treibt meinen Puls in die Höhe. Sein Geruch nach Heu und Kräutern mit einem Hauch Leder, der von seiner Lieblingsjacke stammt, lässt mich zittern. Sobald er mich berührt, und sei es nur mit einem Finger an meiner Wange, werde ich zu einem Stück Butter in der Sonne. Und erst sein Geschmack …

Als er das erste Mal ›The Ferns‹ betrat und seine Lippen verlangend auf meine trafen, wollte ich nur eins: mit ihm verschmelzen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wollte unter seine Haut kriechen, ihn in mir spüren, in jeder Zelle meines Körpers. Obwohl er genauso erregt war wie ich, ließ er nicht zu, dass ich mich an seinen Unterleib presste und prompt bin ich in seiner Hand gekommen. Explodiert wie ein Eiswürfel, der in eine Pfanne mit heißem Öl fällt. Dabei hat er lediglich den Druck erwidert, blieb ansonsten völlig reglos – bis auf seine Zunge in meinem Mund.

Und was er danach mit mir gemacht hat … so stelle ich mir einen LSD-Trip vor. Ich konnte Farben schmecken, Gerüche sehen, war vollkommen schwerelos und empfindlich wie eine Seifenblase. Zerplatzte natürlich erneut, und schließlich noch einmal, gemeinsam mit ihm. Und das war nicht das letzte Mal an jenem ersten Tag.

Ich muss damit aufhören. Sofort. Es ist nicht gut für mein Seelenheil, diese Erinnerung heraufzubeschwören. Seelenheil? Blödsinn. Ich bin schon wieder nass. Egal, auf welche Weise wir Sex hatten (und wir haben schon mehr ausprobiert, als ich mir je vorstellen konnte), es war jedes Mal eine Offenbarung. Für uns beide.

Einst der größte Schürzenjäger auf zwei Kontinenten hat er sich, seit wir zusammen sind, für keine andere Frau mehr interessiert. Auch nicht für Brigid. Bei jeder Gelegenheit versichert er, ihr nur bei der Überwindung ihres Traumas geholfen zu haben. Weshalb sein Schäferstündchen mit ihr kein Ehebruch gewesen sei, sondern lediglich die Begleichung einer Ehrenschuld.

Er liebt nur mich, von ganzem Herzen und aus tiefster Seele. Und natürlich mit seinem Körper. Darin ist er unübertroffen. Einmal habe ich zu meiner besten Freundin Ciara gesagt, ihr Bruder sei ein Teufel, der eine Frau ohne Umweg in den Himmel katapultieren kann. Besser kann man es nicht ausdrücken.

Ich bin süchtig nach ihm. Leide unter Entzug: Cold Turkey – has got me – on the run.

Ich leide mit dem Kind, das in einem lieblosen Elternhaus aufwuchs, als Erwachsener auf Versöhnung hoffte und stattdessen endgültig verstoßen wurde. Ich habe Verständnis für den Heranwachsenden, der in zahllosen fremden Betten nach Anerkennung und Liebe suchte, auch wenn er Letzteres vor sich selbst leugnet.

Ich nehme ihm übel, dass ich ›The Ferns‹ verlassen musste, meine einzige Zuflucht nach Victors Tod, obwohl es meine Entscheidung war, nach Deutschland zurückzukehren. Zu fliehen, wie ich damals von hier nach Irland geflohen bin.

Ich vermisse den Blick auf den Lough Corrib, an dessen Ufer mein Cottage steht, vermisse das Spiel von Licht und Schatten, wenn die Wolken über das Wasser, die grünen Hügel oder die kargen Felswände der Twelve Bens ziehen. In Irland scheint der Himmel viel näher zu sein als irgendwo sonst auf der Welt. Vielleicht habe ich vor drei Jahren unbewusst gehofft, Victor dort näher zu sein als unter dem grauen deutschen Winterhimmel. Aber meine Einsamkeit war dort ebenso unerträglich wie hier.

Auch Sean vermisse ich schmerzlich, nicht nur im Bett. Manchmal lese ich die Gedichte, die er mir schrieb. Romantisch, melancholisch und erotisch, obwohl sich keine einzige der zweideutigen Anspielungen darin findet, mit denen er mich anfangs zur Weißglut getrieben hat.

Wenn ich es mir richtig geben will, höre ich mir seine Sprachnachrichten an. Gut geschlafen, mein Engel? Ich träume von dir. Vermisst du mich? Ich liebe dich, Schattenelfe. Du fehlst mir. Immer wieder: Ich liebe dich. Es ist zum Verrücktwerden.

Ich liebe dich auch, will ich ihm sagen, aber ich tue es nicht.

Dienstag, 29.10.2019

Meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen und aufzuschreiben, hilft ein wenig. Einfach festhalten, was mich bewegt und was ich tue. Nicht täglich, manchmal schreibe ich morgens meine Träume und abends meine Erfolge auf – so es denn welche gibt.

Meine Träume aufzuschreiben und sie damit ein zweites Mal zu durchleben, ist eher kontraproduktiv, denn sie sind größtenteils sexueller Natur. Aber das ist alles, was ich habe. Vielleicht kann ich die Bilder aus meinem Kopf vertreiben, wenn ich versuche, sie in Worte zu fassen. Außerdem kann ich, wenn ich einen Kugelschreiber in der Hand halte, nicht gleichzeitig … was sowieso nur ein dürftiger Ersatz ist. In Wahrheit macht Selbstbefriedigung alles nur noch schlimmer.

Sean fehlt mir ganz schrecklich. Manchmal schaue ich mir das Selfie an, das er mir vor einigen Wochen geschickt hat: Er steht nackt vor einem Spiegel und denkt ganz offensichtlich an mich. Das ist purer Masochismus.

Morgen habe ich einen Termin bei einem Anwalt, der auf internationales Scheidungsrecht spezialisiert ist.

3.
Winterpause

Sean bemühte sich, niemanden aus der schwedischen Reisegruppe merken zu lassen, wie lustlos und unkonzentriert er sie durch Dublin führte, ihnen die Darstellungen auf den Hochkreuzen in Monasterboice erklärte oder dass er sie allzu bereitwillig den Guides in Newgrange übergab. Er spulte einfach sein Programm ab, gewürzt mit humorvollen Anekdoten, die er schon hundert Mal zum Besten gegeben hatte, beteiligte sich an den Tisch- und Pubgesprächen, lachte pflichtschuldig über ihre Witze und zwinkerte der einen oder anderen Schwedin zu.

Alva und Luna, zwei Schwestern, hingen förmlich an seinen Lippen und ließen keinen Zweifel daran, nähere Bekanntschaft damit und mit dem Rest von ihm schließen zu wollen, gern auch gemeinsam. Das kam natürlich nicht infrage. Zum einen, weil er sich vertraglich dazu verpflichtet hatte, nie etwas mit weiblichen Gästen anzufangen, zum anderen, und das war der Hauptgrund: Sie waren nicht Maureen, seine Schattenelfe, sein Engel. Jeder seiner Gedanken galt ihr, zu jeder Zeit, Tag und Nacht. Wo war sie, was machte sie, wen traf sie? Vermisste sie ihn, wie er sie vermisste?

Nach dem Ende der Tour fuhr er zu ›The Ferns‹, in der leisen Hoffnung, Maureen hätte es sich anders überlegt und wäre zurückgekommen. Jetzt stand er vor dem Kamin und fragte sich, was er hier wollte. Sie war weg und doch sah er sie überall. Wie sie sich über die Lehne der Couch beugte, um ein Kissen aufzuschütteln, und er hinter sie trat, ihren Rock hob, unter dem sie nackt war, rasch seine Shorts herunterzog, gerade so weit, dass er in sie eindringen konnte. Oder wie sie vor dem Regal kniete, ihn mit Lippen und Zunge vergessen ließ, nach welchem Buch er suchte.

Egal, wohin er ging, in die Küche, ins Bad, ins Schlafzimmer, ihr Duft begleitete ihn. Das ganze Cottage roch nach ihr, atmete wie sie, flüsterte mit ihrer Stimme: ›Sean, mein himmlischer Teufel‹. Nun war er in der Hölle gefangen. Allein. Der Schmerz in seinem Herzen war weit schlimmer als das Pochen in seinen Lenden.

Und immer wieder: Wo war sie jetzt, was machte sie gerade – und mit wem? Nein, das war nicht ihre Art. Seine schon eher; früher, bevor er sie kannte. Zwischen seinen Touren hatte er immer nach einer Gespielin Ausschau gehalten, nie vergebens. One-Night-Stands. Stressabbau.

Dann war er Maureen begegnet, die sich in seine Gedanken geschlichen hatte wie ein Schatten – seine Schattenelfe. Seither war alles anders.

Sie reagierte weder auf Sprach- noch Textnachrichten, hatte zweimal seinen Anruf weggedrückt, und inzwischen kam die Ansage: »Maren McLeary ist zurzeit unter dieser Nummer nicht direkt erreichbar. Nachrichten auf der Mailbox werden nur sporadisch abgehört.« Hatte sie ein neues Mobiltelefon? Vielleicht auch nur die SIM-Karte eines deutschen Netzbetreibers.

Er rief Ciara an.

»Du weißt, wo sie ist«, sagte er ohne sonstige Begrüßung.

»Du auch. Sie ist in Deutschland«, antwortete Ciara. »Und dir auch einen schönen Tag, Bruder. Bist du zu Hause?«

›The Ferns‹ fühlte sich nicht nach Zuhause an ohne Maureen. Er bejahte trotzdem.

»Wo ist Maureen? Hast du ihre neue Telefonnummer? Ihre Adresse?«

»Natürlich, aber die sage ich dir nicht. Es geht ihr gut.«

»Mir nicht, danke der Nachfrage. Verdammt, Ciara, ich bin ihr Ehemann, ich habe das Recht, zu wissen, wo sie ist.«

»Daran hättest du früher denken sollen. Machst du eigentlich vor nichts halt? Ausgerechnet Brigid, ich bitte dich!«

»Darüber rede ich mit dir nicht. Gib mir Maureens Adresse, sag mir wenigstens, in welcher Stadt sie ist.«

»Damit du hinfahren und sie suchen kannst? Du sprichst kein Wort Deutsch.«

»Die meisten Deutschen sprechen Englisch. Natürlich will ich hinfahren. Ich darf sie nicht verlieren. Sie ist mein Leben.«

»Es ist irgendein Dorf, dessen Namen ich nicht aussprechen kann. Du weißt, dass sie dich nicht sehen will. Wenn sie es wollte, hätte sie sich bei dir gemeldet.«

»Hast du die Nummer von ihrer Cousine oder einer ihrer Freundinnen? Vielleicht ist sie dort, oder sie wissen wenigstens, wo sie ist, und können es mir sagen.«

»Hast du die nicht?«

»Nein, wozu? Maureen hat sie in ihrem Smartphone gespeichert. Aber du müsstest die Adressen haben, du hast doch allen die Einladung zu unserer Hochzeit geschickt.«

»Maren dreht mir den Hals um, wenn ich dir die gebe.«

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