Logo weiterlesen.de
Unterwegs

Inhalt

Vorbemerkung
Sechsmal um die Ecke oder dreimal geradeaus?
Jugend im Nationalsozialismus. 1933–1945
Fünfundvierziger
Journalistische Anfänge. 1945–1949
Gottes eigenes Panoptikum
Erste Auslandsreportagen. 1950–1954
»Dann können Sie ja der CDU beitreten, Herr Chruschtschow.«
Mit Adenauer in Moskau. 1955
Wenn es aufklart
Moskau. 1956–1958
Freiheit, und was dann?
Menschenrechte und Pressefreiheit. 1959–1962
We shall overcome
Washington. 1962–1969
»Sie essen Suppe bei der ARD?«
Bonn. 1969–1972
»Wir haben hier viele Kränze gesehen, aber keinen Kranz aus dem Nordwesten.«
Peking. 1973–1976
Neues Denken auf Russisch
Moskau. 1977–1991
»Das Leben besteht aus Fragen.«
Schluss
Notiz des Autors
Bildnachweis
Personenregister

Vorbemerkung

Wer einen Monat in China ist, schreibt ein Buch. Wer ein Jahr in China ist, schreibt einen Artikel. Wer zehn Jahre in China ist, schreibt eine Postkarte, denn er weiß nun, dass er mehr von diesem Land nicht verstanden hat. Das sagten erfahrene englische Kollegen, als ich vor sechzig Jahren zum ersten Mal nach Ostasien kam: Ein junger Reporter mitten im Strom der Ereignisse, fasziniert vom Kampf der Weltmächte um Korea. Damals hätte ich nie geglaubt, dass mehr als ein halbes Jahrhundert danach noch immer kein Friedensvertrag diesen Krieg beendet haben würde.
Ein Korrespondentenleben später reichen Postkarten der Erinnerung nicht aus, aber ein Buch weiser Wertungen und Vorhersagen geht einem Reporter auch nicht von der Hand. So ist dies kein Versuch, eine Weltgeschichte der Nachkriegszeit zu schreiben oder in persönlichen Memoiren schöne und traurige Erlebnisse eines langen Lebens zu schildern. Es bleiben Ereignisse und Begegnungen, Enttäuschungen und Hoffnungen in einer Zeit, die wir zu Recht oder Unrecht immer noch als Nachkriegszeit empfinden. Die mörderische, erdrückende Diktatur war zerschlagen, die Welt der Sieger aber, auf die wir hofften, immer noch voll von Ungereimtheiten und Ungerechtigkeit. Über die Nachkriegsgrenzen hinweg versuchte ich, andere Länder und Gesellschaften Europas kennenzulernen. Ich verglich, was ich sah, mit den Erlebnissen, die meine Erinnerung an die Jahre im Dritten Reich und im Deutschland der Besatzungszonen geprägt hatten. Meine Neugier brachte mich schließlich im Westen über die USA bis zum Pazifik und nach Alaska und in östlicher Richtung über die gewaltige UdSSR und den Norden Chinas bis zu kleinen russischen Inseln am Ende Sibiriens, die wiederum fast an Amerika stoßen. Dies war auch eine Reise durch die Welt des Kalten Kriegs, und die Herausforderung lag stets darin, sie ohne Schwarzweißmalerei zu schildern, dabei aber auch nicht den Maßstab der Moral und Menschlichkeit aus der Hand zu geben. So kam es, dass Fragen zum Antrieb meiner Lebensreise wurden. Aber jede Antwort schien Anlass für eine neue Frage zu geben. All das passt eben nicht auf eine Postkarte, und so ist entgegen der Prophezeiung meiner Reporterkollegen doch ein Buch daraus geworden.

Sechsmal um die Ecke oder dreimal geradeaus?

Jugend im Nationalsozialismus
1933–1945
»Was wollt ihr? Sechsmal um die Ecke oder dreimal geradeaus?«, fragte der bullige, große Junge meinen Freund Karlchen und mich, während wir den beiden Gruppen von Jungen zuschauten, die sich auf der Straße versammelt hatten. Wir, Karlchen, der Sohn des Gemüsehändlers, und ich, Sohn eines Arztes im Arbeiterviertel Hamburg-Hamm, verstanden die Frage nicht. Die Jungen scheuchten uns fort, und wir machten auch, dass wir wegkamen. »Das sind große Jungs, die wollen sich hauen«, sagte meine Mutter später nur.
»Sechsmal um die Ecke oder dreimal geradeaus« – erst viele Jahre später verstand ich den Sinn der Worte, als ich über die Anfangszeit der Hitlerherrschaft las: Sechsmal um die Ecke, das bezog sich auf das Hakenkreuz. Dreimal geradeaus, das waren die drei Pfeile, das Symbol der Eisernen Front, zu der sich Sozialdemokraten, liberale Demokraten und Leute der Zentrumspartei zusammengeschlossen hatten, um den Nazis auf der Straße – vergeblich – Widerstand zu leisten.
Keine sechs Jahre alt, wusste ich damals nicht, was damit gemeint war. Zu Hause wurde in der Familie über Politik selten gesprochen, schon gar nicht mit den Kindern. Mein Vater war ein Naturphilosoph, ein Arzt mit künstlerischen Neigungen, der viel las und manchmal aquarellierte, sich jedenfalls nicht über politische Themen ausließ und mit dem ich später nach der Trennung meiner Eltern auch nur wenig Kontakt hatte. In der Schule, einer protestantischen Privatschule, hielt sich der Klassenlehrer auf Distanz zum Nationalsozialismus, Politik war auch hier kein Thema. Von meinen Mitschülern kamen so gut wie keine Fragen, von den Erwachsenen gab es keine Antworten.
Seltsam, dass dennoch manche Bruchstücke aus den Gesprächen der Erwachsenen in meinem Gedächtnis haften geblieben sind. Einmal, es muss im Jahr 1934 gewesen sein, war ein offizieller Besuch des Führers und Reichskanzlers in Hamburg angekündigt, und ich schaute mit meinem Vater vom Dachboden unseres Hauses auf die Einfallstraße, über die Hitlers Kolonne kommen sollte. »Wenn man ein Zielfernrohr hätte, könnte man ihn von hier erschießen«, sagte mein Vater, als er mich durch die Luke herabblicken ließ. Aber er erklärte seine Bemerkung nicht, und als Hitler vorbeifuhr, standen wir schon nicht mehr am Fenster. Die Worte meines Vaters hatten sich mir tief eingeprägt. Ich war sechs Jahre und wusste noch nicht recht, wer Hitler war. Aber ich verstand schon, dass die Erwachsenen eine Frage nach ihm nicht beantworten wollten. Das Schweigen blieb bis zur Niederlage und sogar darüber hinaus. Und je weniger Antworten ich erhielt, umso mehr Fragen bedrängten mich.
Hitler war schon vier Jahre an der Macht, als ich zum ersten Mal direkt in Kontakt mit dem Nationalsozialismus kam. Meine Eltern hatten sich getrennt, und ich sollte in ein Internat. Um die Aufnahmebedingungen zu erfüllen, musste ich dem Jungvolk, der NS-Organisation für die Zehn- bis Vierzehnjährigen, beitreten. Ich war zwar erst neun Jahre alt und damit eigentlich ein Jahr zu jung, wurde aber trotzdem in eine Hamburger Jungvolkeinheit eingegliedert, wo ich dann einige Male zum Exerzieren erschien, ohne viel Verständnis, worum es ging, und mit wenig Verbindung zu den anderen Jungs, die Arbeiterkinder waren und mit mir nichts anfangen konnten. Ich hatte keine Lust, in Reih und Glied anzutreten und mir von einem älteren Jungen sagen zu lassen, dass meine schwarzen Schuhe nicht gut genug geputzt seien. Den Sinn des Strammstehens und Herummarschierens verstand ich nicht. Nur einmal hat es mir gefallen, als wir beim Vorbeimarsch eines Reichswehr-Regiments zuschauen durften: Die da so zackig marschierten, waren die »Ratzeburger Jäger«. Ich hatte in den Ferien auf dem Lande Jäger und Förster bewundert. So wie die wollte ich auch einmal werden, aber dass es zwei grundverschiedene Arten von Jägern gab – die einen im Wald, nahe den Tieren, die anderen in Militärkolonnen –, hatte ich nicht verstanden. Wie auch immer: Ich gehörte nun zum Jungvolk, hatte eine Uniform – sehr kurze schwarze Hose, schwarze Filzbluse – und konnte damit im Internat erscheinen.
Das Landerziehungsheim Marienau in der Lüneburger Heide war in den zwanziger Jahren als eine »Freie Schulgemeinde« gegründet worden, eine höchst liberale Variante der Erziehungsreform, bei der sich Lehrer und Schüler regelmäßig zur »Schulgemeinde« versammelten, um über Fragen des Schullebens, ja sogar über das Verhalten von Lehrern und ihre Anstellung abzustimmen. Als ich 1937 aufgenommen wurde, gab es diese Abstimmungen allerdings nicht mehr. Die meisten älteren Schüler, die den Geist der Schule mitgeprägt hatten, waren abgegangen. Jetzt lebten noch rund sechzig Kinder und Jugendliche in dem Internat. Viele von ihnen stammten aus liberalen Familien Hamburgs und Berlins, viele ihrer Eltern arbeiteten bei Film und Presse oder als Kaufleute mit Beziehungen zum Ausland.
Kurz vor meiner Ankunft hatte Max Bondy, der Gründer und Leiter des Landerziehungsheims, ein Jude, auf Druck der nationalsozialistischen Behörden seine Schule verkaufen müssen. Der neue Direktor, Bernhard Knoop, und die Lehrer, die mit ihm gekommen waren, stießen bei den älteren Schülern auf erbitterten Widerstand. Sie machten Knoop zur Zielscheibe harter Kritik, erzählten etwa von offiziellen Schreiben der Schule, die mit »Heil Hitler« unterzeichnet waren. In Wirklichkeit war der neue Leiter eher bürgerlich und christlich-konservativ orientiert. Er und befreundete Pädagogen wollten im politischen Umbruch wenigstens einen Teil der Tradition der Landschulheimbewegung bewahren, auch wenn klar war, dass die Freiheit und Eigenständigkeit Schulgemeinschaften unter dem Druck der Behörden nicht erhalten werden konnten. Stattdessen mussten sich die betreffenden Internate nun als »Deutsche Heimschulen« durchschlagen.
Mit meinen neun Jahren war ich der Jüngste und musste sogar eine Klasse überspringen, damit man mich aufnehmen konnte. Ich musste mich gegen die Älteren durchboxen, wenn nötig in Keilereien, die mir den Ruf eintrugen, ein Spezialist für die »Nierenschere« zu sein. Wenn es mir zu viel wurde, verschwand ich im Wald, baute mir Höhlen und beobachtete Vögel und Rehe. Es kam vor, dass ich ein verlorenes Jungtier mit auf mein Zimmer nahm und durchfütterte, bis ich einen Förster fand, der es großziehen wollte. Man gab mir deshalb den Spitznamen »Waldläufer«. In der Schule hatte ich mit dem Unterrichtsstoff kaum Schwierigkeiten. Ein paar Lehrer fanden mich frech, weil ich manchmal widersprach, aber im Großen und Ganzen wurde ich von Pädagogen, die ich achtete, ebenfalls mit freundlichem Respekt behandelt. In einem der Zeugnisse hieß es bezeichnenderweise: »Gerd ist höflich, aber unzugänglich.«
Es machte mir keinen Spaß, die aktuellen politisch gefärbten Romane über Weltkrieg und nationalen Freiheitskampf zu lesen. Die einzige Lehrerin, die aus der Gründungszeit in der Schule verblieben war, machte mich zum Glück auf einige Bücher in den obersten Regalen der Bibliothek aufmerksam. Und so entdeckte ich nicht nur Emil und die Detektive, sondern auch andere Bände aus der Zeit vor 1933 und die Lust am Lesen überhaupt. Später kamen auch Gedichte hinzu. Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt, als ich manchmal zusammen mit einigen anderen Schülern Lyrik las – allerdings nicht die offiziell gefeierte von Hanns Johst oder Hans Baumann, sondern den »Cornet« von Rilke oder »Der Tor und der Tod« von Hofmannsthal.
Es gab einige Lehrer, deren Gehabe mich ärgerte, aber auch andere, deren frische und lebhafte Art mir gut gefiel. Zwei Kunstlehrerinnen bewunderte ich sehr. Ich liebte es, wenn sie nachmittags oder abends nach dem Unterricht mit mir über die Bilder sprachen, die ich während der Zeichenstunde gemalt hatte. Beide waren vor 1933 erfolgreiche freie Künstlerinnen gewesen. Was sie mir außerhalb des Unterrichts zeigten, war eine Kunst, die von den Nazis als »entartet« abgestempelt wurde: Picasso, Nolde, Barlach, Rohlfs. Ohne ein Wort über die heroische, militaristische Kunst des Dritten Reichs oder über Politik im Allgemeinen zu verlieren, gaben sie mir ihren Widerwillen gegen das NS-System zu erkennen. Als Dreizehnjähriger beeindruckte mich solch unausgesprochener Widerstand. Aber offene politische Opposition, so viel begriff ich nun, konnte man von ihnen nicht erwarten oder erlernen, nur eine Haltung eindeutiger Ablehnung.
Als älterer Schüler hatte ich den Auftrag, mich um die Schüler aus den beiden Unterklassen zu kümmern – mit dem Titel »Kornett«, in dem gewissermaßen ein Anflug von Disziplin und Rilke mitschwang. Wenn die »Kleinen« zu Bett gebracht waren, unterhielt ich mich oft mit zwei Frauen, die als Erzieherinnen diese Gruppe der jüngsten Schüler betreuten. Sie sprachen mit mir offener über den politischen und geistigen Zwang durch den Nationalsozialismus. Eine der beiden hat später bis zum Ende des Kriegs die Mutter von Christoph Probst, einem der hingerichteten Studenten der Weißen Rose, betreut, von der anderen erfuhr ich mehr als zwanzig Jahre danach, dass ihre Mutter jüdische Schulkinder und Familien vor den Nazis gerettet hatte und heute in Yad Vashem von den Israelis als »Gerechte unter den Völkern« geehrt wird. Ihr Sohn wiederum hatte sich geweigert, Offizier zu werden, war einem Todesurteil knapp entkommen und in einem Strafbataillon gefallen. Manchmal erwähnten die beiden Frauen in knappen Worten auch, dass Juden in Deutschland »abgeholt« und in Lager gesteckt würden. Als ich die Jüngere einmal bei ihrer Mutter in Hamburg besuchte, schnappte ich eine verstörende Bemerkung auf. Die Mutter erzählte von einer Hamburger Schriftstellerin, einer Jüdin, die zwei Tage vorher abgeholt worden sei. »Wohin?«, fragte die Tochter. »Nach Theresienstadt«, war die Antwort. Daraufhin die Tochter: »Gott sei Dank, das ist ja nicht das Schlimmste.« Ein paar Tage zuvor hatte sie im Gespräch mit mir erwähnt, dass Juden aus Deutschland zwangsweise in ein Ghetto in der Tschechoslowakei umgesiedelt würden, nach Theresienstadt. Als ich nun fragte, was es denn noch Schlimmeres gebe, bekam ich keine Antwort mehr. Erst später verstand ich, dass sie mich und sich vor unvorsichtigen Bemerkungen schützen wollte – so wie im Sommer 1943, als sie mich in Hamburg unerwartet anrief: »Die Amerikaner sind auf Sizilien gelandet.« Ich antwortete, ohne nachzudenken: »Gott sei Dank, endlich.« – »Ja, endlich, jetzt können unsere Soldaten sie schlagen und vernichten«, gab sie geistesgegenwärtig zurück. Anders als mir war ihr die Gefahr, von der Gestapo abgehört zu werden, immer bewusst.
Mitunter spotteten wir über Lehrer, die sich allzu bieder an die offiziell vorgegebene Linie hielten. Einer war Mitglied der SA und trug eine Uniform mit einer steifen Mütze, die wir Pappendeckel nannten. Spätabends kam er manchmal schwankend und Marschlieder singend von Versammlungen im Nachbarort zurück. Dass er ein richtiger Nazi war, schien mir allerdings nicht ganz sicher, denn immerhin las er uns gelegentlich auch Sherlock Holmes vor, voller Bewunderung für diese englische Romanfigur. Einmal warnte er einen Klassenkameraden und mich, wir sollten den Mund halten, weil wir sonst die Existenz der ganzen Schule gefährdeten. Niemand außer uns rede über die Verhaftung und Hinrichtung der Studenten der Weißen Rose. Die Schwester von Christoph Probst war mit dem Direktor unserer Schule verheiratet. Probst und seinen Freund Alexander Schmorell hatten wir bei ihren kurzen Besuchen in der Schule vor allem als flotte Reiter und eindrucksvolle Kerle bewundert. Nun waren sie wegen ihrer Aufforderung zum Widerstand verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Die Einzigen, die unter den Schülern davon gehört hatten und darüber sprachen, waren mein Freund und ich. Wir hatten es von den beiden Erzieherinnen erfahren und versprochen, nichts davon weiterzuerzählen. Aber für völlige Verschwiegenheit waren wir zu aufgeregt. »Wenn es rauskommt, dass bei uns darüber geredet wird, dann kann es passieren, dass die Schule geschlossen wird. Es ist schwer genug, sie gegen den Druck der Behörden offen zu halten«, ermahnte uns daher der Englischlehrer, der offensichtlich doch kein lupenreiner Nazi war.
Ein älterer Lehrer, der viel über die Edda und die nordische Lebenskultur erzählte – das lag ja ganz auf der Nazilinie –, verschwand eines Tages und endete, wie wir später erfuhren, als Homosexueller im KZ. Seine Nordland-Begeisterung stammte aus der Zeit vor Hitlers Machtübernahme, aus einem esoterischen Zweig der Jugendbewegung. Auch bei anderen, jüngeren Lehrern konnten wir die jeweilige Gesinnung nicht klar ausmachen: Ein Musiklehrer, ein feinsinniger Komponist romantischer Lieder, begeisterte sich für das Vaterland und schien auf idealistische Weise nahe an der NS-Gesinnung zu sein. Er starb als Soldat im Russlandfeldzug. Erst danach erfuhr ich, dass er sich unter dem Eindruck der Gräuel des Kriegs und der Hitlerherrschaft der Bekennenden Kirche angeschlossen hatte, der einzigen protestantisch-kirchlichen Form des Widerstands gegen die NS-Ideologie.
Ich selbst hatte, als ich ungefähr vierzehn war, das Vertrauen zum Pastor unserer Kirche wegen seiner unkritischen Haltung zum Nationalsozialismus verloren und beschlossen, mich nicht konfirmieren zu lassen. Atheismus kam mir allerdings auch sehr fremd vor. Der Deutschlehrer empfahl mir, in der Bibliothek die Bücher über Gottgläubigkeit zu lesen, eine Art Ersatzreligion mit vielen nordischen Göttern und pseudoreligiösen Versatzstücken. Mir erschien das wie eine leere Geste, aber endgültig abgeschreckt wurde ich durch ein »Gottesbekenntnis«, von dem mir bis heute ein Satz im Gedächtnis geblieben ist: »Dass das Ross rennt, ist Gott.« Dieses künstlich nordische Pathos ging mir unmittelbar auf den Geist, und auf den Rat der beiden Erzieherinnen hin ließ ich mich am Ende doch konfirmieren.
Dass man nicht alles offen sagen musste, um auszusprechen, was man wusste, war mir im Herbst 1940 aufgefallen, als der Lateinlehrer uns den Umgang mit Büchern in der Bibliothek erklärte. Ein Buch hielt er hoch: Finnlands Jugend bricht Russlands Ketten von Klaus Mehnert. »Das Buch ist im Augenblick nicht so geeignet und gehört eigentlich gesperrt«, sagte er, »aber ihr könnt es ruhig einmal lesen, bald kommt es wieder.« Das Buch blieb tatsächlich während der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes offiziell gesperrt – bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion, den der Lehrer allem Anschein nach vorausgeahnt hatte. Als Zwölfjähriger wusste ich nichts von den politischen Zusammenhängen, mir erschien es aber nicht recht geheuer, dass er so offensichtlich eine doppelte Moral empfahl. Darüber sprach ich dann, als im Sommer 1941 der Russlandkrieg begann, noch einmal mit einem Freund, der ein Jahr älter war als ich und der Einzige, mit dem ich solche Gespräche führen konnte. Er war der Sohn eines hohen Marineoffiziers, und mir fiel auf, dass er sich weigerte, den Völkischen Beobachter, das Parteiorgan der NSDAP, zu lesen, und sich stattdessen in der Deutschen Allgemeinen Zeitung informierte – zwar alles andere als ein Organ des Widerstands, aber weniger von knallharter Propaganda geprägt.
Im Sommer 1942 saß ich in der Bibliothek, als ein älterer Schüler hereinkam. Er nahm den Völkischen Beobachter in die Hand, las die Schlagzeile und haute die Zeitung mit der Bemerkung auf den Tisch: »Ein Bluthund weniger!« Auf der Titelseite hatte er die Nachricht von der Ermordung des SS-Führers Reinhard Heydrich durch tschechische Partisanen gesehen. Zwar wusste ich nicht genau, worum es ging, aber der Obersekundaner war ein blendender Hockeyspieler, gefürchtet für seine Wutausbrüche und jedenfalls einer, zu dem wir Jüngeren voller Bewunderung aufschauten.
Im Allgemeinen hatte sich der Umgangston in der Schule zumindest oberflächlich an die Forderungen der nationalsozialistischen Schulbehörden angepasst. Unter uns Schülern gab es gelegentlich eine aufsässige Stimmung, die sich aber weniger politisch als vielmehr aus einzelnen Ärgernissen erklären ließ. Mitschüler erzählten mir noch viele Jahre später, wie ich einmal mit einem Lehrer zusammengestoßen sei. Er habe versucht, mir eine Ohrfeige zu geben, woraufhin ich – hier gehen die Erinnerungen auseinander – versucht hätte, meine Schultasche durch das geschlossene Fenster zu schmeißen oder den Lehrer ebenfalls zu ohrfeigen. Jedenfalls hatte die Auseinandersetzung keine Folgen für mich: Der Lehrer forderte die Klasse auf, über diesen Vorgang zu schweigen, weil sonst strenge Maßnahmen gegen mich eingeleitet würden. In Wirklichkeit, so meinten wir, fürchtete er vor allem die Reaktion seiner Kollegen.
Ein Zwischenfall drohte dann allerdings die weitere Existenz des Landschulheims ernsthaft zu gefährden. Ein paar Jungs hatten sich – aus Gründen, die ich vergessen habe – über den Direktor geärgert. Als dieser kurz darauf auf den Flur des Wohnflügels heraustrat, beschlossen sie, ihm eine Lehre zu erteilen. Sie schnappten ihn sich vor der Tür des Waschraums und schoben ihn unter die Dusche. Das hätte auch in der alten Freien Schulgemeinde als Vergehen gegen die Schulordnung gegolten, allerdings als eines, über das man reden konnte. Nun kam der stellvertretende Schuldirektor dazu, schrie die Schülergruppe an, drohte mit Strafen. Der Direktor selbst war noch ein bisschen benommen von der Duschorgie und widersprach nicht, als sein Stellvertreter allen älteren Schülern Zimmerarrest bis zur weiteren Bestrafung verordnete.
Das aber wollten sich die meisten Schüler der Oberstufe nicht gefallen lassen. Ich erfuhr von ihren Plänen ziemlich spät, da ich als »Kornett« auf dem Flur der jüngsten Schüler wohnte. Ein Oberstufler kam nun zu mir und sagte: »Du bleibst hier und passt auf, dass die Kleinen nicht mitkommen, wenn wir losgehen. Die können das noch nicht verstehen. Halt sie in ihren Zimmern!« So konnte ich den Anfang der Aktion nicht miterleben. Die Gruppe griff sich den stellvertretenden Direktor auf dem Flur, fesselte ihn mit Wäscheleinen und brachte ihn in die »Hühnerkirche«, einen früheren Hühnerstall, der inzwischen als Hitlerjugendheim fungierte. Das schien zu passen, weil er immer das Parteiabzeichen trug und regelmäßig verkündete, dass nun die Disziplin des Dritten Reiches eingeführt werden müsse. Als sie von der »Hühnerkirche« weiter zum Waldrand zogen, rannte ich hinaus und schloss mich ihnen an. In einem alleinstehenden Haus lebte dort der Lateinlehrer, ein kleiner ältlicher Mann und ebenfalls einer von denen, die sich immer das Parteiabzeichen ansteckten. Nun stellten wir Schüler uns wie bei den Marschübungen der Hitlerjugend in Reih und Glied vor seiner Tür auf und begannen zu singen und zu marschieren. Besonders begeistert schmetterten wir ein Lied, das man uns in der HJ beigebracht hatte: »Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg, wir haben die Knechtschaft gebrochen, für uns war es ein großer Sieg. Wir werden weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.« Nach einer Stunde marschierten wir mit dem inzwischen gleichfalls gefesselten und ziemlich verwirrten Lateinlehrer zur »Hühnerkirche« zurück und legten ihn neben den stellvertretenden Direktor. Andere Lehrer, die mittlerweile etwas mitbekommen hatten, holten die beiden Kollegen aber bald wieder heraus.
Ich weiß nicht, wer unter den Erwachsenen über das weitere Vorgehen beriet und wie man zu dem Ergebnis kam, den Vorgang möglichst herunterzuspielen. Am folgenden Vormittag wurden wir älteren Schüler in die Bibliothek zitiert. Der Direktor warf uns unverantwortliches Verhalten vor, das den Fortbestand der Schule gefährde. Er forderte strengstes Stillschweigen, auch den Eltern gegenüber. Niemand solle die Ereignisse der Nacht je erwähnen. Außerdem würden Strafmaßnahmen gegen die Anstifter beschlossen. Einige ältere Schüler erkannten sofort, dass unsere Position gar nicht so schlecht war. Die Erwachsenen befürchteten gefährliche Nachteile für die Schule, wenn die Übergriffe gegen die Lehrer bekannt würden, noch dazu das spöttische Marschieren und Absingen von Hitlerjugendliedern. Wir einigten uns mit dem Direktor darauf, dass niemand mit Außenstehenden über den Vorfall reden oder in den Briefen an die Eltern ein Wort darüber verlieren werde. Falls die Schulleitung jedoch gegen einzelne Jugendliche vorgehen und diese eventuell von der Schule verweisen sollte, wollten wir die Geschichte nicht nur unseren Familien, sondern auch Freunden in anderen Schulen bekanntmachen. Es war eine Erpressung, die funktionierte: Unsere »Gefangenen« fürchteten um ihren Ruf so wie die anderen Lehrer um die Existenz der Schule. Dennoch beschlossen sie, dass die zwei ältesten und, wie sie sagten, reifsten Schüler das Heim verlassen müssten. Schließlich handelten wir für beide einen Kompromiss aus: Sie mussten die Schule zwar verlassen, konnten aber ohne eine negative Bemerkung in ihren Zeugnissen in ein anderes Landschulheim wechseln. Wir übrigen wurden zu körperlicher Arbeit verpflichtet und verbrachten unsere »Freizeit« in den nächsten drei Monaten mit dem Bau eines Staudamms.
Für fast alle Schüler, insbesondere für die jüngeren, hatte dieser Zwischenfall wenig mit Politik und Nationalsozialismus zu tun, trotz der Parteiabzeichen und der Hitlerjugendlieder. Wir hatten uns über die Einmischung des stellvertretenden Direktors in eine Auseinandersetzung geärgert, die wir eher als einen kameradschaftlichen Streit zwischen den Schülern und dem Direktor verstanden und die früher fast normal erschienen wäre. Ein grundsätzlicher Protest gegen das NS-System war das nicht. Und so marschierten wir dann auch von Zeit zu Zeit, wenn auch nicht allzu energisch, in Hitlerjugenduniform um den Sportplatz und mokierten uns bei überregionalen HJ-Treffen hochmütig über die Tölpel aus den Dörfern und Kleinstädten am Rande der Heide, die besser strammstehen, aber schlechter Fußball spielen konnten als wir. Es ging weniger um politischen Widerstand oder auch nur Widerwillen, sondern vielmehr um unseren Lebensstil und unsere Schule. Beides wollten wir uns nicht nehmen lassen.
Dementsprechend angespannt war auch die Stimmung, als sich die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink zu einer Inspektion ankündigte. Sie war für alle Internate zuständig und beauftragt, sie in Deutsche Heimschulen umzuwandeln. Die Lehrer erzählten uns, wie wichtig es sei, einen ordentlichen Eindruck auf sie zu machen, und einige ältere Schüler dachten sich einen Plan aus: in jeder Situation eine Antwort geben, die den Forderungen und Parolen der Partei entsprach. So standen wir im Karree vor der Schule, als die Reichsfrauenführerin von der obersten Stufe der Treppe ihre Ansprache hielt. Dann stellte sie uns Fragen: »Wer von euch will im Osten siedeln?« Darauf meldeten sich sechs ältere Schüler, und ich schloss mich ihnen an – ziemlich sicher, dass die anderen keineswegs die Absicht hatten, in den neu eroberten Ostgebieten Bauern zu werden. Eine der nächsten Fragen lautete: »Wer hat viele Geschwister?« Ich hob den Arm, zusammen mit mehreren Jungs, von denen ich wusste, dass sie nicht aus Großfamilien kamen. »Wie viele?« Ich meldete drei Geschwister, obwohl ich nur zwei hatte. Zwei Jungs gingen so weit, drei oder vier Geschwister zu erfinden. Irgendwie hofften wir, der Kinderreichtum würde auf die Frauenführerin einen guten Eindruck machen. Viel geholfen hat es gleichwohl nicht, denn die Oberstufe wurde wenig später geschlossen. Die Unterstufe dagegen blieb bis zum Kriegsende bestehen, weil die Akten, die die Verstaatlichung und Umwandlung in eine Deutsche Heimschule regeln sollten, in Hannover im Bombenkrieg zerstört worden waren.
Für mich fand meine Mutter im Frühjahr 1943 eine Schule weit entfernt von Hamburg. Das Süddeutsche Landerziehungsheim Schondorf am Ammersee war von seinem Ursprung her bürgerlich-konservativer als die Freie Schulgemeinde Marienau, aber durchaus von liberalem Geist geprägt. Diese Tradition versuchte der Leiter Ernst Reisinger gegen die Eingriffe der staatlichen Schulpolitik so weit wie möglich zu schützen, unterstützt von einigen älteren Lehrern. Sie versuchten etwas vom Geist der Studentenbewegung der zwanziger Jahre zu erhalten und trotz aller notwendigen Zugeständnisse an die Erziehungspolitik von Partei und Regierung möglichst viel von der freiheitlichen Grundhaltung der Schule zu bewahren. Der stellvertretende Direktor dagegen, gerade erst eingesetzt, gehörte zu denen mit stets sichtbarem Parteiabzeichen. Andere jüngere Lehrer waren wohl ebenfalls NSDAP-Mitglieder oder zumindest unkritisch gegenüber den Parolen von Partei und Regierung. Die Zeichenlehrerin etwa warnte mich vor »entarteter Kunst« – wegen meiner Aquarelle, für die ich von den Malerinnen in Marienau gelobt worden war. Zwei ältere Kameraden, die sich gern ein wenig als Zensoren aufspielten, schrieben als Urteil der Mitschüler: »Gerd liest zu viel Rilke, Hofmannsthal und Hölderlin. Er sollte mehr moderne Dichtung, etwa von Hans Baumann und Hanns Johst, lesen.« Das ärgerte mich, denn von Baumann kannte ich hauptsächlich Nazi-Gedichte wie das berüchtigte »Es zittern die morschen Knochen«, nicht seine mehr lyrische Produktion, an die die beiden Mitschüler dachten. Eigentlich waren die zwei ganz anständige, gebildete Jungs, die sich mit anderen zu einer kleinen Jazzband zusammengefunden hatten und eine Musik machten, für die sie, wie ich wusste, in Hamburg eingesperrt worden wären. Auch der Sportlehrer, der stets den Geist der Hitlerjugend pries, gefiel mir trotz seiner Parolen, weil er hilfsbereit und kameradschaftlich im Umgang war.
Es war eine Welt von Widersprüchen und ein Leben mit gemischten Gefühlen. Ich spielte gern Jäger oder Scharfschütze und schoss mit dem Luftgewehr aus meinem Zimmerfenster in die Bäume, aber dann schrieb ich eines Tages einen erschütterten Brief an eine der jungen Erzieherinnen in Marienau: Ich hatte eine Meise getroffen, unmittelbar vor meinem Fenster, zuerst stolz darauf, sie im Flug erwischt zu haben, und dann bestürzt über diesen Mord. In ihrem Antwortbrief lobte die Frau meine Gefühle und tröstete mich ein wenig. Oft führte ich nun lange Gespräche mit einer Erzieherin, die nur sechs oder sieben Jahre älter war als ich, eine gebildete Frau aus einer Verleger-Familie. Ihr Abstand zu den politischen Parolen des Dritten Reichs war unverkennbar. Aber dann erstaunte sie mich, als sie mir das Buch Der Wanderer zwischen beiden Welten von Walter Flex schenkte, geschrieben im Ersten Weltkrieg. Was der Autor da als Kriegserlebnis in feinsinniger Sprache schilderte, schien mir in seinem deutschnationalen Pathos erschreckend, da doch die Nationalsozialisten inzwischen einen ganz anderen Krieg führten. Die Zeiten waren verwirrend.
Bereits nach einem Dreivierteljahr ging mein Aufenthalt in Schondorf zu Ende. Unsere ganze Klasse wurde geschlossen. Meine Mitschüler wurden zur Heimat-Flak eingezogen und, gelegentlich mit etwas Schulunterricht, an Flugabwehrgeschützen bei Bahnhöfen oder kriegswichtigen Fabriken stationiert. Anstelle erwachsener Soldaten sollten sie nun die Verteidigung gegen die immer stärker werdenden Luftangriffe der Engländer und Amerikaner übernehmen. Mir schlug Direktor Reisinger einen anderen Posten vor. Ich könne doch gut mit jüngeren Schülern umgehen, meinte er, und solle mir deshalb überlegen, die Betreuung einer Schulklasse aus dem Ruhrgebiet zu übernehmen, die nach den Bombenangriffen auf ihre Heimat Schutz und Unterkunft in Bayern gefunden habe. Mir war das zwar nicht ganz geheuer, aber ich ließ mich überzeugen. Zwei Wochen später prüften mich zwei HJ-Führer und ein BDM-Mädchen – alle nicht sehr zackig, eher ein bisschen schluderig – und wiesen mich in die »Führungsaufgaben« ein. Die Schulklasse sei in dem Ort Burghausen an der Salzach gemeinsam mit ihrem Lehrer und einem Hitlerjugendführer untergebracht, und ich sollte Lagermannschaftsführer werden. Dass ich keinen Rang in der Hitlerjugend hätte, sei egal.
So einfach war die Aufgabe als Lagermannschaftsführer in Burghausen dann aber doch nicht. Mit den Schülern aus dem Ruhrgebiet kam ich zwar ganz gut aus, besonders weil ich mich ab und zu in ihre Prügeleien mit den Jungs aus der Kleinstadt einmischte, doch mit den beiden Erwachsenen wurde ich nicht warm. Mein Stellvertreter hatte den HJ-Rang eines Scharführers – nicht gerade hoch, bloß die zweitniedrigste Stufe –, aber es verbitterte ihn, dass ich sein Vorgesetzter geworden war und somit einer ohne Dienstrang die geflochtene weiße Kordel des Lagermannschaftsführers tragen durfte. Sein Missfallen teilte er mit dem Lehrer aus Gladbeck, der ein Anhänger Hitlers und der Naturheilkunde war. Zum Ärger der Jungs hatte er Rohkost auf den Speiseplan gesetzt – schließlich sei auch der Führer Vegetarier. Viel ärgerlicher war jedoch, dass er kranke Schüler nicht zum Arzt gehen ließ, sondern selbst behandelte. Zwei seiner jungen Patienten hatten seit Tagen eitrig geschwollene Wunden an den Füßen, die er ausschließlich mit Heilerde kurieren wollte. Ich holte aus der Apotheke, was ich von zu Hause kannte: eine schwarze Salbe, mit der es den beiden Jungen sehr schnell besser ging. Aber nun hatte ich einen Feind, und gemeinsam mit dem Scharführer fing der Lehrer an, mir Schwierigkeiten zu bereiten. Ich hatte in meinem Zimmer ein paar Drucke aufgehängt, Cézanne, van Gogh und Corot, was die beiden zum Anlass nahmen, mich bei der nächsthöheren Führungsstelle als Anhänger »entarteter Kunst« anzuschwärzen. Überhaupt sei ich politisch unzuverlässig und auch nicht schneidig genug.
Doch noch ehe die Sache ernster wurde, erhielt ich einen Marschbefehl nebst Fahrkarte in den von Deutschland annektierten Teil der Tschechoslowakei, das sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren. In Podiebrad war ein Schulungslager eingerichtet worden. Mit ein paar Hundert Jungen studierte ich Theorie und Praxis nationalsozialistischer Jugendführung. Über meinen Streit in Burghausen wurde nicht gesprochen, was mich beruhigte. Andererseits langweilte mich der mehrwöchige Lehrgang enorm, und die HJ-Führer blieben mir fremd. Nur mit einem jungen Wiener konnte ich anfangs ab und zu Gespräche führen, aber auch wir verkrachten uns: In der großen Warteschlange vor dem Esssaal hatte ich aus Spaß und Langeweile angefangen, ihm ein Ringelnatz-Gedicht über Kuttel Daddeldus Weihnachtsfeier aufzusagen. Da packte er mich am Ärmel und sagte leise, aber entschlossen: »Hör sofort damit auf. Wir sind hier, um von der Weltanschauung des Nationalsozialismus zu lernen.« Nun hatte ich keinen Gesprächspartner mehr.
Natürlich war ich froh, als wir nach sechs Wochen den Kurs mit einem stramm gesungenen »Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen« beendeten. Jetzt hätte ich ins Landverschickungslager von Burghausen zurückfahren sollen, aber den Ärger wollte ich mir ersparen. Ich wollte nach Hamburg zurück, auch wenn das verboten und vielleicht gefährlich war. Also stieg ich in Prag aus dem Zug nach München aus und ging zum Nachdenken in den Bahnhofswartesaal. Angenehm war es nicht, dort zu sitzen und angestarrt zu werden: Die Leute um mich herum waren Tschechen, und sie schauten sehr unfreundlich auf diesen jungen Nazi in schwarzem Hemd, Trainingshose und hohen Gummistiefeln.
Immerhin, ich kam in dieser Uniform zunächst einmal mit dem Zug unbehelligt bis Berlin, wo ich spätabends bei der Auskunft fragte, wie ich nach Hamburg weiterfahren könne. Ein dunkelhaariger, gutgekleideter Mann bot mir seine Hilfe an. In dieser Nacht gebe es keinen Zug mehr nach Hamburg, stellte er fest. Ich könne aber bei ihm übernachten. Er hatte eine kleine, angenehm moderne Wohnung, doch als er mir den Schlafplatz in seinem Doppelbett zuweisen wollte, merkte ich, dass er homosexuell war. Meine Ablehnung überraschte ihn. »Ich dachte, in der Hitlerjugend seid ihr alle so«, meinte er nervös, und seine Besorgnis steigerte sich noch, als ich vor einem großen Porträt an der Wand stehenblieb. Unter dem Bild eines gutaussehenden jungen Mannes stand der Name »Montgomery«. »Ist das der englische Feldmarschall?«, fragte ich. »Ist das ein Jugendbild von ihm?« Mein Gastgeber war sichtlich erschrocken. Das hatte ihm noch gefehlt, dass er einen Hitlerjungen aufnahm, der nachher erzählte, er habe das Porträt eines englischen Generals an der Wand. Das sei kein Soldat, sondern ein junger Schauspieler in Amerika, meinte er aufgeregt. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aber als ich mich am nächsten Morgen verabschiedete, spürte ich ganz deutlich seine Sorge, ich könnte ihn als Homosexuellen und Engländerfreund verpfeifen.
In Aumühle, zwanzig Kilometer von Hamburg entfernt, zog ich in das Haus meiner Großeltern, wo auch meine Mutter lebte. Ich ging zur Oberschule in Reinbek und meldete mich einfach an. Alles lief ohne große Formalitäten, und dass ich mich einfach nach Hamburg abgesetzt hatte, blieb ohne Konsequenzen. Immer wieder fiel der Unterricht aus, wenn wir die Schule wegen Fliegeralarm verlassen mussten. Dann begleiteten mein Freund und ich zwei Mitschülerinnen zu deren Haus im Villenviertel. Dort saßen wir oft im Garten, wo ich das Kartenspiel Schafkopf lernen musste. Die Mutter des einen Mädchens, eine gutaussehende, gebildete Frau, war eine Amerikanerin, die sich aber nie über politische Themen äußerte. Mein Freund war der einzige Katholik in der Schule und redete auch nicht von Krieg, Politik oder dem Führer. Zwei Häuser von meiner Großmutter entfernt wohnte einer der Anführer des Kieler Matrosenaufstands von 1918, der jedem möglicherweise schwierigen Gespräch auswich, und noch ein paar Häuser weiter die wohlhabende Schwiegermutter einer jungen Engländerin, die mit einem erfolgreichen deutschen Juristen in Berlin verheiratet war. Von dieser erzählte man sich, ihr Vater sei einer der größten Zeitungsverleger in England, ein enorm reicher und einflussreicher Mann, der uns vor den Bombern der Royal Air Force schützen würde. Zu bombardieren gab es in diesem Hamburger Vorort eigentlich nichts, aber auf den Schutz der mächtigen englischen Verwandtschaft unserer Nachbarin rechnete man gern.
Alles lief ganz gut für mich, außer in der Schulklasse. Da hatte sich ein Mädchen in mich verknallt, eine etwas maskulin wirkende Blondine, die wir in unserem kleinen Freundschaftszirkel manchmal »die Nazisse« nannten. Sie ärgerte sich, dass ich mit ihr nichts anfangen wollte, und meckerte darüber, dass ich im Garten einer Amerikanerin Zeit verbrächte. Einmal bekamen wir im Deutschunterricht ein zeitgenössisches Theaterstück zu lesen: Junge Nationalsozialisten kämpfen gegen die Weimarer Republik, gegen die »Systemzeit«, die durch einen sozialdemokratischen Regierungspräsidenten repräsentiert wird. »Den muss der Gerd spielen«, rief das blonde Mädchen der Lehrerin zu, »das ist genau seine Rolle.« – »Aber der Regierungspräsident ist dick, alt und hat große rote Hände. Das ist doch nicht der Gerd«, sagte die Lehrerin. Sie schob den Vorschlag schnell beiseite, weil sie wusste, dass eine Diskussion darüber, ob ich der Typ eines Systemzeit-Demokraten sei, gefährlich werden könnte. Immerhin bestellte der Direktor mich zu sich und fragte, was da vorgefallen sei, um dann fast sofort von den Problemen des Mathematikunterrichts zu reden. Zwar gehörte er auch zu denen, die mit dem Parteiabzeichen am Revers herumliefen, doch er war kein fanatischer Nazi und wollte jedenfalls vermeiden, dass seine Schule politisch auffiel.
Manchmal musste ich mich ziemlich verbiegen, beispielsweise bei einem Aufsatz über Schillers Räuber. Die erwartete Richtung war klar: Karl Moor ist ein edler Räuber, ein idealistischer deutscher Rebell. Sein Mit-Räuber Moritz Spiegelberg hingegen ist ein Jude und ein Verbrecher aus Selbstsucht und Geldgier. Ich versuchte, dem Zwang zu dieser antisemitischen Gegenüberstellung zu entgehen, und beschrieb Spiegelberg vor allem als einen schlauen Planer und hochintelligenten Kopf. Karl Moor mit seinen großen Worten kam dagegen schlechter weg. Die Deutschlehrerin gab mir das Aufsatzheft ohne jeden Kommentar zurück, aber mit einer Zwei. Ich fand, dass ich mich eigentlich ganz klug aus der Affäre gezogen hatte. Doch die junge Erzieherin aus Marienau, der ich den Aufsatz einige Wochen später zeigte, war nicht so zufrieden. Ich sei in die Falle gegangen, meinte sie, denn die Geschicklichkeit und die Intelligenz, die ich bei Spiegelberg gelobt hätte, entspreche doch gerade dem Negativklischee des jüdischen Intellektuellen, während sich der weniger gerissene Karl Moor umso mehr als selbstloser idealistischer Deutscher erweise. Ich war verwirrt und unsicher. »Es gibt keinen Ausweg, außer der Lüge. Und die Lüge kann kein Ausweg sein«, schrieb ich der jungen Erzieherin.
In unserer Klasse gab es zweiundzwanzig Mädchen und drei Jungen. Alle anderen Schüler waren schon zur Wehrmacht eingezogen worden. Der dritte Junge neben mir und meinem katholischen Freund kam aus einer reichen Familie in unserer Nachbarschaft. Seine Mutter hatte sich mit Spenden und Beziehungen in der NS-Frauenschaft engagiert und galt als einflussreich. Ihr Sohn war nicht der Schlaueste, aber mit Hilfe seiner Mutter hatte er sich einen Wunsch erfüllen können: Er hatte einen Zug der Nachrichten-HJ gegründet und ihn mit Funkgeräten ausgerüstet. Damit hatte er sich eine kleine, durchaus linientreue, fast selbständige Einheit zugelegt. Er wollte mich in seinen Verband von zwölf oder vierzehn Leuten aufnehmen, besonders, so sagte er, wenn ich bei passender Gelegenheit noch einmal die weiße Kordel des Lagermannschaftsführers anlegen könnte. Offenbar dachte er, dass man diesem Splittergrüppchen der Nachrichten-HJ dadurch zu mehr Ansehen verhelfen könnte. Also tat ich ihm den Gefallen und stolzierte gelegentlich mit meiner weißen Kordel umher, wenn es galt, bei anderen HJ-Führern Eindruck zu machen, aber ohne möglichst allzu sehr aufzufallen – ein schwieriger Balanceakt.
Meine Mutter versorgte mich immer mit Lesestoff. Ohne weitere Kommentare brachte sie aus Hamburger Antiquariaten Bücher mit, die nicht politisch waren, aber deutlich aus dem Rahmen der offiziellen national gefärbten Literatur fielen: Manfred Hausmanns Kleine Liebe zu Amerika, Hans Leips Jan Himp oder Fritz Steubens ganz unsentimentale Bücher über die Indianer und die Vernichtung ihrer Kultur. Warum sie solchen Lesestoff für mich aussuchte, erklärte sie mir nicht. Ich verbrachte sehr viel Zeit auf dem Dachboden im Haus meiner Großeltern. Dort standen etliche Kartons und Kisten mit Büchern aus den zwanziger Jahren. Ich schmökerte in dicken Bänden mit gesammelten Illustriertenausgaben, und auch an einige politische und staatsrechtliche Bücher wagte ich mich heran, wobei ein rechtsphilosophisches Werk von Gustav Radbruch über die staatspolitische Bedeutung einer Verfassung mich besonders in Bann zog. Da tat sich eine politische Landschaft auf, deren Begriffe von Recht, Staat und Verfassung mich faszinierten, ja begeisterten, obwohl ich sie nur zum Teil verstand. Meine Großmutter, so fand ich durch eine der Kisten heraus, hatte früher kleine Gesellschaften von Frauen geleitet, deren Männer zu einer Freimaurerloge gehörten. Aber das war nichts, worüber sie mit mir sprechen mochte.
In der Molkerei meines Großvaters lernte ich eine Polin kennen. Sie war, wie sich herausstellte, in Warschau an der Universität Dozentin für deutsche Literatur gewesen und als Zwangsarbeiterin nach Deutschland deportiert worden. Offenbar machte es ihr Freude, mit einem jungen Deutschen ins Gespräch zu kommen, der sich ernsthaft für Literatur interessierte. Sie wollte gerne etwas von Hamburg sehen, nicht nur den Weg zwischen Fremdarbeiterunterkunft und Molkerei. Ich holte ihr einen Mantel meiner Mutter, damit sie weniger auffällig aussah, und so gingen wir, in Gespräche vertieft, im Zentrum von Hamburg spazieren. Da entdeckte ich dann eine Art satirischer Literaturkritik, der ich in Büchern noch nicht begegnet war. »Der Hauptmann«, sagte sie über eine Büste des damals staatlich verehrten Großdichters Gerhart Hauptmann, »sieht aus, wie wenn der Goethe ein Arrrschloch gewesen wäre.«
Inzwischen hatte ich auf dem Umweg über die Musik einen kleinen Kreis von Freunden gefunden. Zunächst im Kirchenchor, wo besonders die vorbarocke Musik gepflegt wurde, deren Ernst mich ergriff. An manchen Abenden traf sich eine Gruppe von jüngeren Leuten zu Hause bei der Organistin und Chorleiterin, um zu singen und, mehr noch, um zu diskutieren. Gleich am ersten Abend erlebte ich, wie sich das Gespräch Richard Wagner zuwandte, dem Lieblingskomponisten des Führers. Wagners Opern galten als gewaltige Verkörperungen echter deutscher Ideale. In dieser Runde aber holte einer Nietzsches Schriften aus dem Bücherschrank der Organistin und begann dessen Verurteilung Richard Wagners und seiner Ideologie zu zitieren. Die Unterhaltung, die scheinbar über Kunst und Oper geführt wurde, bekam einen doppelten Boden, denn indirekt wurde Kritik an Hitlers Kunstverständnis geübt. So vorsichtig das Gespräch geführt wurde, zog es mich doch tiefer in diesen kleinen Kreis von zehn, elf Freunden.
Später merkte ich, dass einige der neuen Freunde jüdischer Abstammung waren. Die Organistin etwa hatte entfernte jüdische Vorfahren, musste aber keinen Judenstern tragen. Sie ließ ihre Mutter trotzdem nicht auf die Straße gehen, weil sie fürchtete, Nachbarn würden, wenn sie die alte Frau sahen, gegen sie und dann auch die Tochter vorgehen. Zwei der jungen Männer in unserem Kreis hatten ebenfalls einen jüdischen Hintergrund, sie waren nicht offiziell klassifiziert als Juden oder Halbjuden, lebten aber doch ständig in Bedrohung. Den einen, ein gutaussehender blonder Mann von zweiundzwanzig Jahren, hätte ein absurder Zufall beinahe ans Messer geliefert: Als er mit einer schwarzhaarigen, etwas dunkelhäutigen jungen Frau auf dem Jungfernstieg spazieren ging, stellte ihn eine Patrouille der Hitlerjugend. Warum er mit dieser Jüdin herumlaufe? Sie fanden schließlich heraus, dass nicht das Mädchen, sondern er jüdischer Abstammung war, und prügelten auf ihn ein. Das Mädchen war die Tochter des Konsuls eines südamerikanischen Landes, und ihr Vater erreichte über die Hamburger Senatsbehörden, dass man ihm eine Art Entschuldigung für den Übergriff auf seine Tochter und ihren Freund zustellte – was immerhin ein wenig mehr Sicherheit für die beiden bedeutete.
Zwei weitere Mitsänger waren allerdings eindeutig jüdischer Abstammung. Sie durften noch in ihrer Wohnung schlafen, mussten aber jeden Morgen nach Neuengamme fahren, in das Konzentrationslager am Rande Hamburgs, wo sie zur Büroarbeit verpflichtet waren. Sie brauchten keine gestreiften Anzüge zu tragen wie die Gefangenen in dem Lager, in dem über die Jahre fünfzigtausend Menschen – Juden, politische Häftlinge, sowjetische Kriegsgefangene – erschossen oder hingerichtet wurden oder schlicht verhungerten. Unsere beiden Freunde erzählten kaum davon, aber manchmal erwähnten sie Gefangene, denen sie bei ihrer Arbeit begegnet waren, etwa eine vom Hunger und von anderen Entbehrungen geschwächte Pianistin aus Warschau oder Lehrer oder Ingenieure, die schrecklich unterernährt seien. Sie fragten, ob wir ihnen für diese Leute etwas zu essen mitgeben könnten. Viel war es ohnehin nicht, was sie hineinschmuggeln konnten – mal ein Viertelpfund Butter, mal ein Stück Wurst oder ein halbes Brot. Wir anderen hatten auch längst nicht alle Nahrungsmittel, die wir gerne wollten, doch bis zum Ende des Kriegs funktionierte die Versorgung immerhin leidlich, eingeschränkt zwar durch Lebensmittelkarten, aber gestützt durch Lieferungen und Pakete der Soldaten an ihre Angehörigen aus den besetzten Ländern West- und Osteuropas. Ich wusste nicht, ob meine Großeltern damit einverstanden gewesen wären, dass ich ein bisschen Wurst oder Butter aus der Speisekammer mitnahm. Also tat ich es heimlich. Meine Großmutter hatte mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie es für ungut oder gar gefährlich hielt, dass ich einen der Freunde, mit dem ich gemeinsam im Chor sang, bei uns im Gästezimmer übernachten ließ, wenn er den späten Zug nach Bergedorf verpasst hatte. Es sei für unsere ganze Familie gefährlich, einen Juden in unserem Haus aufzunehmen, sagte sie. Aber verboten hat sie es mir nicht.
In unserer Familie wurde nicht über die Judenverfolgung gesprochen, schon gar nicht befürwortend. Mein Großvater hatte die Angewohnheit, Hamburger Großkaufleute, die er nicht leiden konnte, gelegentlich als »weiße Juden« – als besondere Ausbeuter – zu beschimpfen. Da war also ein kritischer Vorbehalt gegen die Juden, aber nun auf reiche Deutsche bezogen. Ich hatte inzwischen gelernt, bei solchen Themen nicht nachzufragen. Meine Großmutter fand ohnehin, dass ich das Maul gefährlich weit aufriss. »Wenn du so weitermachst, dann kommt die SA und nimmt dich mit. Dann musst du ins Lager, und da binden sie dich auf die Pritsche, und du kannst nicht mehr runter, du musst alles unter dich machen«, sagte sie einmal zu mir. Das war zu einer Zeit, als längst viel schrecklichere Lager existierten. Sie sprach noch von den Übergriffen der SA kurz nach 1933. Vielleicht erschien das meiner Großmutter immer noch als das Schlimmste, was uns drohen konnte, vielleicht wusste sie nichts von den großen KZs, vielleicht wollte sie einfach nichts davon wissen.
Wir hatten eigentlich nur einen in der Familie, den ich für eine Art Nazi hielt: den Bruder meiner Mutter. Er war als junger Rechtsanwalt im März 1933, gleich nach der Machtübernahme durch Hitler, in die NSDAP eingetreten. Meine Großmutter ärgerte ihn gelegentlich, indem sie ihn »unser Märzveilchen« oder »unseren Märzgefallenen« nannte (ursprünglich eine Bezeichnung für die Toten der Märzrevolution 1848). Mein Onkel war, schien mir, eher ein Opportunist als ein Fanatiker. Einmal, es muss um das Jahr 1943 gewesen sein, wurde er streng mit mir. Sein Sohn, der ein paar Jahre jünger war als ich, hatte mich gefragt, was ein Usurpator sei, ein Wort, das er gerade irgendwo gelesen hatte. »Das ist einer wie Hitler, der alle Macht im Staate an sich reißt«, erläuterte ich. Da unterbrach uns mein Onkel und sagte: »Das ist nicht richtig, Hitler ist kein Usurpator, er ist 1933 von der Mehrheit gewählt und vom Reichstag ernannt worden.«
Zwar hatte er danach erst einmal bei mir verloren, aber dann machte er doch einiges wieder gut: Er war als Verwaltungsoffizier in Italien gewesen und kam mit einem ganz ungewöhnlichen Geschenk zurück, einem Buch von Ernest Hemingway, das in deutscher Sprache gerade erst in Stockholm erschienen war und das er in Rom für mich gekauft hatte. Wem die Stunde schlägt erzählt von einem jungen Amerikaner und einer Gruppe von Partisanen im Kampf gegen Franco, den faschistischen Herrscher Spaniens. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht gelesen. Vom Bürgerkrieg in Spanien war bei uns nur Heldenhaftes über Francos Faschisten und ihre deutschen Unterstützer berichtet worden und nur Böses über ihre grausamen Gegner, die Kommunisten. Was ich nun in Hemingways Roman las, fand ich mitreißend und erschütternd, und dass ausgerechnet mein Onkel, der »Märzgefallene«, mir das Buch aus Italien mitgebracht hatte, ließ mich daran zweifeln, ob er wirklich ein richtiger Nazi war.
1943 war der Sommer der großen Luftangriffe. Sie veränderten unser Leben einschneidend. Schon vorher hatte es immer wieder Fliegeralarm gegeben und viele Berichte über einzelne Bombenangriffe, zerstörte Häuser oder Fabriken. Aber irgendwie hatten wir uns an solche Meldungen gewöhnt, wenn sie uns von anderswo erreichten – als angebliche Gerüchte, die nicht verbreitet werden durften. Es war zunächst eine mehr abstrakte Gefahr, die einen selbst nicht betraf. Dann donnerten Ende Juli 1943 die britischen und amerikanischen Bomber heran, Welle um Welle. Ganze Stadtviertel brannten, Zehntausende von Menschen flüchteten in die Orte des Umlands, ein Gefühl totaler Hilflosigkeit griff um sich, dem auch die Organisatoren und Propagandisten der Partei nichts entgegensetzen konnten.
Nach der ersten Bombardierung war mein Großvater in die Stadt gefahren, um zu sehen, ob es seine Molkerei getroffen hatte. Zwei oder drei Angriffe später, als es keine Telefonverbindung mehr gab, fuhr auch ich schließlich mit zwei Flaschen Mineralwasser, einem Stück Mettwurst und einem Regenmantel auf dem Gepäckträger mit dem Fahrrad nach Hamburg hinein. Immer mehr Flüchtlinge strömten mir entgegen. Dann kamen Rauchwolken und abgebrannte, oft noch glimmende Häuser. Am Straßenrand lagen Verletzte, die meistens schon von Sanitätern versorgt worden waren. Nicht weit vom Hauptbahnhof fand ich neben ein paar qualmenden Ruinen meinen Großvater in der Molkerei. Sie war beschädigt, aber zum größten Teil erhalten. Die ganze Nacht über hatten die Arbeiter die Einschlagstellen der Brandbomben zu löschen versucht. Als das Wasser ausfiel, gossen sie Milch in die Flammen und schworen später, Buttermilch sei das Beste gegen Phosphorbomben. Die Stimmung unter den Männern war bedrückt. Viele warteten auf Nachricht von ihren Familien und wussten nicht, ob ihre Wohnungen zerstört waren. Einer fing an, auf die mörderischen Briten zu schimpfen, aber die anderen stimmten nicht ein und hörten nur mürrisch zu. Über den Krieg wurde kaum gesprochen, schon gar nicht über die Siegesversprechen von Partei und Regierung. In den ersten zwei Tagen verzichteten auch die örtlichen Parteifunktionäre auf ihr Gerede vom Durchhalten und vom Sieg und gaben sich lieber als Organisatoren von Hilfsmaßnahmen für die verzweifelten Menschen.
Ich fuhr in ein anderes Viertel, wo ich die Stadtwohnung meiner Großeltern suchte: Das Haus war ausgebombt und abgebrannt, eine Nachbarin stocherte in den Trümmern. Sie müsse den Kellereingang freimachen, sagte sie. Unter dem Schutt lägen ihre ganzen Vorräte, Decken und Kleider und alles andere, was gut und knapp sei. Ich half ihr, Steine zur Seite zu legen, aber die Arbeit war zu schwer für uns. Mit zwei Leuten aus der Molkerei fing ich am Abend noch einmal an. Die Männer räumten auch die Tür zum Keller meiner Großeltern frei, und gemeinsam beluden wir einen Handwagen mit Konserven und Eingemachtem, das nun durch die Brandhitze zum zweiten Mal gekocht war, wie einer der Helfer bemerkte. Aber das war uns egal, alles Essbare war wertvoll. Als ich dann mit meinem Großvater allein war, sank er auf einem Stuhl zusammen und sagte: »Das war ja nun das Ende.« Er habe von Anfang an gewusst, dass der Krieg verloren sei, spätestens seit Beginn des Russlandfeldzugs. Und überhaupt, der ganze Zauber mit dem Dritten Reich habe ja schlimm enden müssen. Dann stand er auf und schaute draußen nach, was noch getan werden konnte.
Alle, die ich kannte, warteten auf den Einmarsch der Engländer, der das Ende des Kriegs bringen würde. Die Durchhalteparolen, mit denen der Ortsgruppenleiter der NSDAP gelegentlich auftrat, wirkten besonders hohl, wenn er an den Sammelstellen für Flüchtlinge redete. Dabei war er durchaus ein guter Organisator bei der Verteilung von Lebensmitteln oder Unterkünften. Das hielten ihm alle zugute, aber für seine politischen Reden war es längst zu spät. Ich hoffte ebenfalls auf das baldige Ende des Kriegs und spürte, dass dies auch unter meinen Freunden die eigentliche, wenngleich unausgesprochene Hoffnung war. Wirklich sicher konnte ich da freilich nicht sein. Als nach dem 20. Juli 1944 die Nachricht vom gescheiterten Attentat auf Hitler kam, war ich erschrocken und verbittert über die Reaktion der vielen Leute, die in dieser Tat nur bösartigen, feigen Hochverrat erkennen wollten und die Hasstiraden der Führer und Unterführer wiederholten. Unter unseren näheren Bekannten wurde das Thema vermieden. Nur ein Junge aus der Nachbarschaft sprach mich darauf an. Er war der Sohn eines Bankiers und konnte gut Englisch, weil er im Ausland aufgewachsen war. In seinem Zimmer hockten wir manchmal vor dem Radio und hörten die Nachrichten und Kommentare der BBC, die er mir übersetzte. Das war gefährlich, und weder er noch ich erzählten unseren Familien davon. Aber wir glaubten fest daran, dass das Kriegsende bevorstand.
Für mich allerdings fing der Krieg gerade erst richtig an. Im Februar 1945 wurde ich zur Wehrmacht einberufen, als Einziger unter meinen Schulfreunden. Andere wurden zur Heimatflak oder zum Volkssturm geholt, ich dagegen gehörte mit ein paar Gleichaltrigen, aber auch mit wesentlich älteren Männern zum letzten Aufgebot der Wehrmacht. Von Kriegsbegeisterung war unter uns nichts zu spüren, als wir in die Kaserne in Neumünster einzogen. Keiner konnte sich erklären, warum es gerade ihn getroffen hatte. Ein Bauernjunge – wie ich sechzehn Jahre alt – vermutete, das sei die Rache dafür, dass sein Vater ein Schwein schwarz geschlachtet hatte. Mir fiel ein, dass mir ein älterer Schulkamerad aus der gleichen Kaserne berichtet hatte, man habe ihn nach der Ausbildung zum Offizier machen wollen. Er sei jedoch kurz vor der Ernennung ziemlich betrunken und einigermaßen auffällig über die Mauer des Kasernengeländes geklettert, woraufhin man ihn zur Strafe als »offiziersunwürdig« eingestuft habe. Bei uns war freilich nicht einmal mehr Zeit für die normale Ausbildung. In Güterwagen verladen, rollte unser Regiment schon bald Richtung Westen.
Wir hatten gebrauchte Uniformen bekommen, aber keine Waffen. Die sollten wir an der Front erhalten, so erklärte man uns, vermutlich den geschlagenen Feinden abgenommen. Die älteren Männer hörten sich das mit unbewegtem Gesicht an, aber kaum waren die Offiziere und Unteroffiziere in ihre Wagen zurückgegangen, da machten sie Witze über die geplante Waffenverteilung. Manchmal sangen sie dann ihr Lieblingslied: »Lieber Gott im Himmel, du da droben, du wirst meine Sehnsucht schon verstehen. Lass mich meine bombardierte Heimat und den Rest der Möbel wiedersehen.« Dann aber kamen wir gar nicht an die Front. Unser Zug fuhr stattdessen ein paar Tage kreuz und quer durch Westfalen, bis wir eines Nachts wieder bei Hamburg auf dem Güterbahnhof standen. Dort wurden die Waggons erst einmal geparkt. Auch die Offiziere wussten nicht, wie und wohin es weitergehen würde. Warten sei das Los des Soldaten, meinte ein Unteroffizier zu uns, und das sei ja nicht das Schlechteste.
Am Rande des Bahnhofs mussten wir antreten, und der Regimentskommandeur, ein adliger Oberst, hielt eine Durchhalterede, die alle schweigend anhörten. Ich konnte diese Parolen jedoch nicht mehr ertragen und wollte nur noch abhauen. Aber wohin? Mich zu Hause bei meiner Mutter und den Großeltern zu verstecken ergab wenig Sinn, da würde man mich zuerst suchen. Am nächsten zum Güterbahnhof lag die Wohnung einer Großtante. Unauffällig verließ ich das Bahngelände, und meine Großtante fütterte mich hocherfreut mit Apfelkuchen, als ich bei ihr erschien. Aber aufnehmen und verstecken wollte sie mich nicht. »Der Krieg kann noch Monate dauern«, meinte sie. »Und wenn sie dich hier finden, bist du dran, und die ganze Familie muss leiden.«
Zurück in mein Regiment wollte ich aber auch nicht. In der Lüneburger Heide besaß unsere Familie ein kleines, abgelegenes Holzhaus. Also riskierte ich die Zugfahrt, mit einer gekauften Fahrkarte, aber ohne Urlaubsschein oder Marschbefehl. Jede Streife hätte mich festgenommen, doch zum Glück kam keine. Das Haus lag still und unbewohnt im Wald, der Schlüssel war hinter der Regenrinne versteckt. Ich schlüpfte hinein, ohne das Licht anzumachen. Am nächsten Tag würde ich weitersehen. In einer der Schlafkojen zündete ich die kleine Petroleumlampe an und fand ein altes Buch. Esch oder die Anarchie hieß es, verfasst von Hermann Broch, und darin fand ich Sätze, die mich im Innersten trafen. Da schrieb einer über den Ersten Weltkrieg: »Hat dieses verzerrte Leben noch Wirklichkeit? … Die pathetische Geste einer gigantischen Todesbereitschaft endet in einem Achselzucken – sie wissen nicht, warum sie sterben … Eine Zeit, feige und wehleidiger denn jede vorhergegangene, ersäuft in Blut und Giftgasen, aber für unser Einzelschicksal können wir mit Leichtigkeit einen logischen Motivenbericht liefern. Sind wir wahnsinnig, weil wir nicht wahnsinnig geworden sind?« Ich las die ganze Nacht. Ein Klopfen an der Tür weckte mich. Draußen stand ein freundlicher älterer Herr, der in einer Feriensiedlung auf der anderen Seite des Waldes lebte. Sie war einige Jahre zuvor von Anthroposophen gegründet worden. Am Abend vorher habe er ganz überrascht einen Funken Licht gesehen und wolle nun vorbeischauen. Er war bestimmt keiner, der mich verraten würde, aber eines war klar: Sicher würde ich auch hier nicht sein. Ich dachte, das Beste wäre es wohl doch, wenn ich unauffällig in die Güterwagen meiner Einheit zurückkehren könnte.
Und tatsächlich schaffte ich es. Als ich am Nachmittag auf dem Güterbahnhof möglichst zielstrebig, aber auch vorsichtig zum Wagen mit meinen Kameraden ging, hielt mich ein junger Leutnant an und wollte wissen, woher ich käme. Noch ehe ich antworten konnte, fuhr er fort, ich solle in den Kompanietrupp eingegliedert werden, eine kleine Gruppe mit Sonderaufgaben. Ich sei ja aus der Nachrichten-HJ, und sie bräuchten noch einen Funker. Ich konnte zwar nur ganz schlecht mit einem Funkgerät umgehen, aber das Angebot nahm ich natürlich an. Später stellte sich heraus, dass der Leutnant ein Reserveoffizier aus Hamburg war, ein junger Rechtsanwalt, der meinen Onkel kannte.
Als schließlich unser Zug nach Norden über die dänische Grenze rollte, war das Schlimmste für mich erst einmal vorbei. Im allgemeinen Durcheinander der letzten Kriegswochen war das Regiment auseinandergerissen worden: Zwei Bataillone fuhren Richtung Ostfront, wir hingegen kamen nach Dänemark, »das Land der Butter und der Schlagsahne«, wie die älteren Kameraden wussten. Das hob die Stimmung ein wenig. Dann allerdings rollte unser Zug über eine kleine Landmine, die dänische Widerständler gelegt hatten. Die Wagen blieben weitgehend unversehrt und wir konnten die Fahrt fortsetzen, aber ich hatte infolge der Explosion blaue Flecken und einen verstauchten Fuß. Nahe der jütländischen Stadt Vejle wurden wir in Schulen und Scheunen untergebracht. Dort herrschte dann Dienst wie üblich, Marschieren und Exerzieren, immer noch so gut wie ohne Waffen. Einmal gab es einen Zwischenfall, ein paar Soldaten waren auf einem Bauernhof in die Speisekammer eingebrochen und hatten geklaut. Zwei Offiziere ermahnten sie: Jetzt, wo der Krieg praktisch zu Ende sei, sollten wir uns nicht noch mehr Feinde machen.
Und tatsächlich: Der Krieg war vorbei. Mit drei Pferdewagen machten wir uns auf den Rückmarsch durch halb Jütland; irgendwie war es unseren Offizieren in Verhandlungen mit den Widerständlern gelungen, dass wir aus Dänemark abziehen konnten. Nach ein paar Tagen erreichten wir die deutsche Grenze. Die Offiziere meldeten sich bei den englischen Kommandanten und kamen mit einer verwirrenden Information zurück: Wir seien von nun an Kriegsgefangene, und unser Lager sei Schleswig-Holstein von der dänischen Grenze bis zum Kaiser-Wilhelm-Kanal bei Rendsburg.
Wir hockten am Straßenrand. Die Engländer hatten zwei große Lautsprecher aufgestellt, die den deutschen Dienst der BBC übertrugen. So hörten wir einen langen und schrecklichen Bericht über die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, über das Massensterben, über Zehntausende von Toten und Verhungernden, die die englischen Soldaten dort vorgefunden hatten. Ich saß dort und konnte nur noch heulen. Ein älterer Feldwebel kam zu mir und fragte, was denn los sei. Ich deutete auf den Lautsprecher und brachte nur die Worte »Bergen-Belsen KZ« heraus. »Hast du da Verwandte drin?«, fragte der Feldwebel. Als ich den Kopf schüttelte, meinte er nur: »Na, dann ist es ja nicht so schlimm, dann beruhige dich mal.«

Fünfundvierziger

Journalistische Anfänge
1945–1949
Einen Tag, nachdem wir die deutsche Grenze erreicht hatten, marschierten wir weiter, in Kolonnen geordnet, aber nun gar nicht mehr zackig im Gleichschritt, sondern eher nachlässig. Ich bekam nicht mehr viel davon mit, denn ich hatte hohes Fieber und konnte kaum noch laufen. Nach drei Tagen lieferten mich meine Kameraden schließlich in der Nähe von Husum in ein Lazarett ein. Die Diagnose: Typhus, gefährlich und ansteckend, also Quarantäne. Ich lag in einem ganz gewöhnlichen Wehrmachtslazarett, wo es kaum anders zuging als in einem Kleinstadtkrankenhaus. Kämpfe hatte es in dieser Gegend nicht gegeben und das Lazarett arbeitete nun fast unverändert weiter.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Unterwegs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen