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Unternehmenserfolg durch Werteorientierung

Inhaltsverzeichnis

  1. Hinweis zum Urheberrecht
  2. Impressum
  3. Einführung
  4. Verändern statt jammern
    1. 1   Mit Mut nach vorne blicken
    2. 2   Wachstum um jeden Preis
    3. 3   Gemeinsam mehr erreichen
    4. 4   Veränderung muss Nutzen bieten
      1. 4.1   Jeder Mangel ist eine Chance
      2. 4.2   An die Wurzeln gehen
      3. 4.3   „Yes we can” oder „wir sollten vielleicht”?
      4. 4.4   Mit Sinn und Synergie zum besseren Unternehmen
  5. Neues Denken gefragt
    1. 1   Ratio vor Intuition?
      1. 1.1   Trennung von Geist und Körper
      2. 1.2   Ein neues Weltbild
      3. 1.3   Descartes, Newton und die Folgen
      4. 1.4   Siegeszug der linken Gehirnhälfte
    2. 2   Was uns die Hirnforschung verrät
      1. 2.1   Das Reptilienhirn bestimmt
      2. 2.2   Veränderung, nein danke
    3. 3   Führungslehre im Change
      1. 3.1   Überlebt: Taylorismus
      2. 3.2   Bunte Schraubenzieher
      3. 3.3   Evolutionär statt mechanistisch
      4. 3.4   Wo bleibt die Revolution?
    4. 4   Naturwissenschaften als Schrittmacher
    5. 5   Sinnergie – neues Leitbild für die Unternehmensführung
      1. 5.1   Energie und Sinn
      2. 5.2   Mehr als die Summe seiner Teile
      3. 5.3   Neue Instrumente der Unternehmensentwicklung
      4. 5.4   Warum wir aufwachen müssen
  6. Zehn Leitlinien für die Unternehmensführung
    1. Leitlinie 1: Koevolution, die Kunst des gemeinsamen Wandels
      1. 1   Strategie oder „Survival of the Fittest”
        1. 1.1   Von der Anpassung zur Koevolution
        2. 1.2   Vorausdenken
        3. 1.3   Differenzierung oder Wachstum durch Vielfalt
      2. 2   Pantha rei – alles fließt
      3. 3   Bausteine zur aktiven Koevolution
        1. 3.1   Wenn alle gewinnen...
        2. 3.2   Begeisterte Kunden sind kontraproduktiv
        3. 3.3   Baustein 1: Prosumer statt Kunde
        4. 3.4   Baustein 2: Individualität und Digitalisierung
        5. 3.5   Baustein 3: Unternehmen als Identitätsstifter
    2. Leitlinie 2: Wu wei – gestalten ohne zu steuern
      1. 1   Den Möglichkeiten Raum geben
        1. 1.1   Exkurs: Selbstorganisation
        2. 1.2   Innere und äußere Harmonie
      2. 2   Führen, die Kunst des aktiven Nichthandelns
        1. 2.1   Flow – die Zeit vergessen
        2. 2.2   Bauch schlägt Kopf
        3. 2.3   Loslassen statt kontrollieren
      3. 3   Visualisierung der Unternehmensentwicklung
        1. 3.1   Wie Veränderung geht
        2. 3.2   Exkurs: Unternehmensleitbild
        3. 3.3   Werte schaffen Wert
    3. Leitlinie 3: Win-Win oder Delfin schlägt Hai
      1. 1   Lebensrichtig oder lebensfalsch?
        1. 1.1   Win-Win-Strategien sind erfolgreicher
      2. 2   Delfin, Hai, Karpfen oder PEK?
        1. 2.1   Der Win-Win-Spieler als neue Leitfigur
      3. 3   Symbiose – natürliche Form der Koexistenz
      4. 4   Voneinander profitieren
        1. 4.1   Evolutionäres Benchmarking
    4. Leitlinie 4: Immer besser – die lernende Organisation
      1. 1   Qualität statt Quantität
      2. 2   Kaizen – Kapieren, nicht kopieren
        1. 2.1   Künstliches Chaos macht fit
      3. 3   Prozessoptimierung mit Business Process Reengineering
      4. 4   Lernende Organisationen schaffen
        1. 4.1   Leitsätze zur Entwicklung einer lernenden Organisation
        2. 4.2   Führung muss sich verändern
      5. 5   Entlernen lernen
        1. 5.1   Know-how managen
      6. 6   High-Speed oder zu viel des Guten
        1. 6.1   Zum richtigen Zeitpunkt
    5. Leitlinie 5: Intern konzentrieren – extern differenzieren
      1. 1   Entwicklungsfähig bleiben
      2. 2   Konzentration auf die Kernkompetenzen
        1. 2.1   Differenzierung muss extern sein
        2. 2.2   Differenzierung durch Emotion
      3. 3   Ein neues Organisationsmuster
        1. 3.1   Gärtner statt Manager
    6. Leitlinie 6: Einfacher ist genialer
      1. 1   Komplexität gestalten
      2. 2   Schlanker und schneller
        1. 2.1   Durch Einfachheit zur Überlegenheit
      3. 3   Unternehmen als prozessorientierte Organismen
      4. 4   Stellhebel für einfache Strukturen und Prozesse
        1. 4.1   Kundenanalyse bringt Mehrwert
        2. 4.2   Exkurs: Kundenportfolio
        3. 4.3   Konzentration bei der Leistungstiefe
        4. 4.4   Keep it strictly simple
        5. 4.5   Mit Teams Komplexität bewältigen
      5. 5   Von der Idee zur Umsetzung
        1. 5.1   Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser
    7. Leitlinie 7: Think future, act now
      1. 1   Chancen ergreifen
      2. 2   Zukunftsorientierte Prognosen
      3. 3   Die Strategiewahl ist frei
      4. 4   Das Unmögliche möglich machen
        1. 4.1   Trends kommen nicht von heute auf morgen
        2. 4.2   Trendmonitoring reicht nicht
        3. 4.3   Think outside the Box
        4. 4.4   Zukunft ist Führungsaufgabe
    8. Leitlinie 8: Sowohl-als-auch statt Entweder-oder
      1. 1   Alten Denkmustern entsagen
      2. 2   Denken jenseits von Entweder-oder
      3. 3   Der hybride Verbraucher
      4. 4   Mit Emotionen gewinnen
        1. 4.1   Richtig kommunizieren, nicht überall
    9. Leitlinie 9: Weg von der eindimensionalen Zeit
      1. 1   Zeit entsteht im Auge des Betrachters
      2. 2   Zeit – Quelle von Wettbewerbsvorteilen
        1. 2.1   Beschleunigung frisst Energie
        2. 2.2   Beschleunigung – cui bono?
        3. 2.3   Beschleunigung braucht Langsamkeit
        4. 2.4   Grenzen der Beschleunigung
      3. 3   Nachhaltigkeit braucht Geduld
      4. 4   Der Wille zur Freiheit
    10. Leitlinie 10: Leben heißt Probleme lösen
      1. 1   Im Negativen das Positive finden
        1. 1.1   Probleme schenken uns Möglichkeiten
        2. 1.2   Verändern und bewahren
      2. 2   Erfolg ist nicht vermeidbar
        1. 2.1   Be different or die
        2. 2.2   Überlegenheit durch Konzentration
        3. 2.3   Sichtbare Kompetenz
      3. 3   Systemisch-evolutionäre Unternehmensführung
        1. 3.1   Loslassen bringt Kontrolle
        2. 3.2   Die Mannschaft ist der Star
        3. 3.3   Evolutionärer Perspektivenwechsel
        4. 3.4   Unternehmer als Problemlöser
      4. 4   In Wertschöpfungsprozessen denken
      5. 5   Die Stufen problemlösenden Lernens
      6. 6   Der Weg ist das Ziel
  7. Wo der Weg hinführt
    1. 1   Ein besseres Unternehmen für alle
    2. 2   Sinnergetisch führen
    3. 3   Die Verantwortung der Führungskraft
  8. Literatur

[1]

Hinweis zum Urheberrecht

Abbildung

Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg

Einführung

Liebe Leserinnen und Leser,

in diesem Buch geht es nicht um eine neue Managementtheorie. Ich möchte mit diesem Buch nichts weniger, als Ihre Vorstellung von Unternehmensführung verändern, damit Sie Ihr Unternehmen zu einem besseren und erfolgreicheren Ort für sich, Ihre Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und die Gesellschaft machen können, zu einem Ort, der allen Beteiligten höchsten Nutzen bringt. Damit das gelingt, müssen Sie hart an sich selbst und Ihrem Denken arbeiten. Eine Veränderung des Verhaltens und Handelns setzt immer eine Veränderung des Bewusstseins voraus.[2]

Sinnergie basiert auf der Verknüpfung unseres kulturellen und geistesgeschichtlichen Hintergrunds mit Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften. Das Bild von Führung, das ich daraus in diesem Buch entwerfe, stellt vielfach für richtig erachtete Thesen zum Teil massiv infrage. Alle meine Thesen und Vorschläge genügen jedoch immer dem handfesten Anspruch der Umsetzbarkeit. Mit anderen Worten: Ich schlage Ihnen eine radikale Veränderung Ihres Denkens und vor allem Ihres Führungshandelns vor, zeige Ihnen dafür aber einen evolutionären Weg.

Damit Sie mir auf dem Weg der Sinnergie folgen können, habe ich für dieses Buch folgenden Aufbau gewählt: Zunächst erfahren Sie, dass viele Lebensbereiche aus dem Gleichgewicht geraten sind. Wir erleben eine Wahrnehmungs- und Bewusstseinskrise, die bei jedem einzelnen von uns ihren Ursprung hat. Auf der Grundlage einer erkenntnisgeschichtlichen Analyse unseres Denkens wird deutlich, dass wir die Herausforderungen von morgen nur bewältigen können, wenn wir lernen, unsere Art des Denkens zu verändern. Auch die Betrachtung der Geschichte der westlichen Führungslehre dient dazu, Zusammenhänge bewusst zu machen, die sonst nur in der theoretischen, schwer verständlichen Sprache der Wissenschaft verfügbar sind.

Sie werden mit Erstaunen erkennen, wie stark das positivistische, mechanistische Denken der Naturwissenschaften auch in der Entwicklung des „Scientific Management” seinen Niederschlag fand. In einer Spanne von knapp hundert Jahren hat die Führungslehre erhebliche Erweiterungen ihres Handlungsrahmens und ihrer theoretischen Basis vollzogen. In letzter Konsequenz sind aber alle bisherigen Ansätze im bestehenden Rahmen geblieben, den der Taylorismus gezogen hat. Der Quantensprung steht noch aus.[3]

Learning from the Best – dieses Motto leitet uns beim Blick in andere Disziplinen: die moderne theoretische Physik, die Chaosforschung, die Synergetik, die Evolutionsbiologie und die Gehirnforschung. Mein Interesse gilt verwertbaren, übertragbaren Erkenntnissen. Ich bin mir bewusst, dass eine direkte Übertragung von natürlichen Systemen auf soziale Systeme – so reizvoll dieser Ansatz auch wäre – nicht zulässig ist, aber die Analogien sind so einleuchtend, dass sie unsere Wahrnehmung und damit unser Handeln verändern können. Es geht darum, Zusammenhänge aufzuzeigen, die sonst im Verborgenen bleiben würden.

Sinnergie = Sinn + Synergie

So nenne ich den Ansatz in diesem Buch, eine Wortschöpfung aus „Synergie”, der Lehre vom Zusammenwirken der Kräfte, und „Sinn”. Dieses Konzept soll eine Richtschnur für unser Denken und Handeln sein. Im Kern meiner Überlegungen steht das Verständnis von Unternehmen als lebende Organismen und Energiesysteme. Auch soziale Organisationen sind lebende Systeme, die mit ihrer Umwelt vernetzt sind. Als Teil des Universums stehen sie im Austausch mit den umgebenden Systemen – nicht um sie zu beherrschen, sondern um durch intelligentes Zusammenwirken ein Mehr an Wohlstand für das Gesamtsystem zu erzielen. Der Grundgedanke, der Adam Smith zu seinem Ansatz „The Wealth of Nations” führte, wird hier wiederentdeckt, allerdings unter ganz anderen Prämissen.[4]

In den „Zehn Leitlinien für Führungskräfte” wird der Ansatz der Sinnergie, der nur aus dem Zusammenwirken verschiedener Erkenntnisbereiche entstehen konnte, konkretisiert. Praktisches Handeln, wie es vor allem von den Entscheidern in der Wirtschaft gefordert wird, braucht ein theoretisches Fundament. Diesen Brückenschlag zwischen theoretischer Grundlage und praktischem, umsetzbarem Handeln, zwischen einer Veränderung des Bewusstseins und der notwendigen Veränderung des Verhaltens herbeizuführen, ist das Anliegen dieses Buchs.

„... und mit dem Bilde, das der denkende Mensch von der Welt erschafft, verändert er sich auch.“

Carl Gustav Jung

Ich lade Sie herzlich dazu ein, meine Gedanken aufzugreifen, weiterzuentwickeln und auch zu kritisieren. Ich mute Ihnen viel zu, aber ich verspreche Ihnen, wenn es Ihnen gelingt, Sinnergie in Ihrem Unternehmen umzusetzen, werden Sie nicht nur ein besseres Unternehmen haben, sondern auch selbst an Mut und Zuversicht gewinnen und ruhiger schlafen.

Arnold Weissman

Verändern statt jammern

1   Mit Mut nach vorne blicken

Zur Jahreswende 2012/2013 sprang mir beim Zeitunglesen ein Artikel ins Auge, der überschrieben war mit: „Nur wenige Ereignisse aus den letzten zwölf Monaten sind echt erfreulich.” Es handelte sich um den Regionalteil einer Tageszeitung. Der Autor hatte sich alle Mühe gegeben, über eine Spalte „unerfreuliche” Ereignisse zu sammeln. Die meisten dieser Ereignisse waren für die meisten von uns weder erfreulich noch unerfreulich. Sie sind einfach passiert. Was ich damit sagen will? Wir machen es uns schwer, das Leben von seiner positiven Seite anzugehen und zu betrachten. Damit meine ich nicht, dass wir alle naiv und auf einer rosaroten Wolke durchs Leben schweben sollen. Doch ich wünsche mir, dass wir alle mehr positive Bilder unserer Gegenwart und Zukunft im Kopf haben. Nur so können wir unser Leben auch positiv gestalten. Das gilt für unser privates Leben ebenso wie für unser berufliches.[5]

„Die Bilder im Kopf bestimmen die Wirklichkeit.“

Dr. Marco Freiherr von Münchhausen

Und tatsächlich: Welchen Grund haben wir zu jammern?

Der Großteil Europas steckt in der Krise, von vielen anderen Regionen auf der Welt gar nicht zu reden. In Deutschland kommen wir den blühenden Landschaften ziemlich nahe. Die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 haben wir relativ gut gemeistert. Viele Unternehmen haben die Zeit genutzt, um sich besser aufzustellen und sind gestärkt daraus hervorgegangen. Die real verfügbaren Einkommen der Verbraucher werden laut den Forschern des Düsseldorfer Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung 2014 um 1,5 Prozent wachsen, die privaten Konsumausgaben um 1,4 Prozent. Und selbst wenn manche grummeln und einige Experten das Gespenst einer Rezession an die Wand malen, sind sich alle einig, dass die deutsche Wirtschaft 2014 um einiges stärker wachsen wird als im vergangenen Jahr. Die Bundesregierung geht von einem Wachstum von 1,8 Prozent aus. Die Prognosen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute belaufen sich auf bis zu 2 Prozent. Noch optimistischer ist die OECD, die bis zu 3 Prozent Wachstum erwartet. Für die Euro-Zone insgesamt hingegen wird ein eher geringes Wachstum von 1,1 Prozent prognostiziert.[6]

Hinsichtlich der Arbeitslosigkeit kann man schon fast von einem Wunder sprechen. Wir konnten uns 2012 über die niedrigste Arbeitslosenquote seit 20 Jahren freuen. In Bayern und Baden-Württemberg konnte man mit einer Quote von 3,4 beziehungsweise 3,8 Prozent schon fast von Vollbeschäftigung sprechen. 2002 hatten wir noch eine Arbeitslosenquote von 10,8 Prozent. Im Westen Deutschlands waren es 8,5 Prozent, im Osten sogar 19,2 Prozent. 2012 waren insgesamt 2,751 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos. Das entsprach einer Quote von nur 6,5 Prozent, 9,8 Prozent im Osten, 5,6 Prozent im Westen. Nach 6,9 Prozent 2013 können wir 2014 wieder mit einem leichten Rückgang der Arbeitslosenquote auf 6,8 Prozent rechnen. Welch eine Entwicklung! Die Aussichten für 2014 sind insgesamt gut und eine Rezession wird es zumindest in Deutschland nicht geben. Auch die EU-Kommission rechnet 2014 für Deutschland mit einem Wachstum von 1,8 Prozent.[7]

In den südeuropäischen Krisenländern sieht es weit schlimmer aus. Sie leiden unter der weltweit höchsten Arbeitslosigkeit, angespannter ist die Lage nur in Ländern wie Namibia. 55 Prozent der unter 24-jährigen Griechen sind arbeitslos, bei den Spaniern sind es rund 53 Prozent. Sie alle brauchen eine neue Perspektive.

Natürlich – es gibt trotz allem auch bei uns Unternehmenspleiten, Unternehmen, die um ihr Überleben kämpfen. Die Regierung hat zu wenig Reformen eingeleitet. Die Lohnzusatzkosten sind zu hoch. Die Bürokratie explodiert. Die Energiewende bereitet Probleme. Die Staatsschulden- und die Euro-Krise sind längst nicht vom Tisch, in den USA schwächelt die Konjunktur. Unsere Exportabhängigkeit ist zu hoch. Manche Jugendliche sind orientierungslos und vertreiben sich die Zeit mit Komasaufen statt zu lernen. Die Welt wird zerrissen von Kriegen, Drogenkriegen und Bürgerkriegen. Die Polkappen schmelzen. Der Klimawandel schreitet voran, ohne dass wirklich etwas dagegen unternommen wird. Die Globalisierung bedroht die heimischen Unternehmen und zwingt sie zu ständiger Veränderung.

Sie werden mit Sicherheit noch tausend andere Dinge finden, die Ihnen privat und als Unternehmer Sorgen bereiten. Doch weshalb nur die Bedrohungen sehen? Schauen Sie über Ihren Tellerrand hinaus. In nahezu allem, was wir als Risiko oder Krise wahrnehmen, liegt auch eine Chance. Statt sich über den Klimawandel zu entsetzen, könnten Sie darüber nachdenken, was Sie persönlich und als Unternehmer dagegen tun können. Dabei kann sich das Unternehmen vermutlich noch profilieren und an Wettbewerbskraft gewinnen. Die Krise in Südeuropa ist vielleicht für Ihr Unternehmen ein Glücksfall. Sie sollten zumindest darüber nachdenken. Über die Chancen, die in der Energiewende liegen, brauchen wir gar nicht zu reden. Sie sind offensichtlich. Deutsche Unternehmen können sich in vielerlei Hinsicht als Pioniere auf dem Markt positionieren, sei es im Hinblick auf die Technik der regenerativen Energiegewinnung, die Logistik oder die Randtechniken und -services. Doch solange wir Risiken und Krisen nur anstarren wie das Kaninchen die Schlange, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir den Kürzeren ziehen.[8]

Ich möchte die Krisen unserer Zeit nicht verharmlosen – es gibt sie wirklich und manche sind brandgefährlich. Ich möchte Sie lediglich dafür sensibilisieren, dass jede Krise auch eine Chance beinhaltet. Man muss es nur richtig angehen und die Chance nutzen. Mit richtig angehen meine ich nicht, sich als Krisenprofiteur zu profilieren, der verbrannte Erde hinterlässt, sondern als verantwortungsvolles Unternehmen, das dazu beiträgt, die Welt besser zu machen. Selbstverständlich nicht, ohne den eigenen Nutzen im Auge zu behalten. Wer Nutzen sät, wird Nutzen ernten.

2   Wachstum um jeden Preis?

Die verschiedenen Krisen zeigen vor allem eines: Permanentes Wachstum nach unserem bisherigen Verständnis ist überholt. Natürlich finden sich auf der ganzen Welt noch Wachstumsmärkte wie China, Indien oder Afrika, aber wie lange wird es dauern, bis auch sie zu gesättigten Märkten werden? Und wie lange werden unsere Ressourcen noch ausreichen? Wie lange wird die Natur den Raubbau, den wir an ihr betreiben, noch aushalten? Wie lange werden wir das noch aushalten? Denn nicht nur die äußere Welt ist aus den Fugen geraten, sondern auch die innere Welt jedes einzelnen Menschen stimmt nicht mehr. Größenwahn, Rücksichtslosigkeit, Maximierung des Eigennutzes zulasten anderer und sicher auch eine Portion Dummheit haben den Planeten Erde in eine ernste Krise geführt. Die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise war nur ein kleines Warnsignal.[9]

Erinnern Sie sich noch an die Geschichte von Kweku Adoboli? Er war Investmenthändler in London und bescherte der Schweizer Bank UBS einen Verlust von 2,3 Milliarden US-Dollar. Drei Jahre lang konnte er unentdeckt zocken, bevor der Schwindel aufflog. Als er im November 2012 zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, war er gerade einmal 32 Jahre alt. 2010 erhielt er bereits ein Jahresgehalt von insgesamt über eine halbe Million Schweizer Franken. Bei seinem Prozess gewannen die Richter einen Einblick in sein Denken: „Wir waren eine Gruppe von Kids, denen zu viel abverlangt wurde. Wir führten aus, was uns gesagt wurde: Wir gingen an unsere Grenze. Wir fanden die Felswand, und dann fielen wir hinunter.” In diesen Sätzen offenbart sich die ganze Tragik von Adobolis Geschichte: Welchen Sinn hätte der junge Mann in seiner Aufgabe sehen können? Man gab ihm unheimlich viel Geld in die Hand, kontrollierte ihn nur unzureichend, gab ihm keine Hilfestellung, ließ ihn fallen, als er scheiterte und wunderte sich, wie das alles passieren konnte, wie er zum Spieler werden konnte. Schon viel ältere und erfahrenere Leute haben in diesem Spiel die Bodenhaftung verloren. Adoboli wurde für schuldig befunden und bestraft, aber eigentlich gehörten andere auf die Anklagebank. Für mich ist diese tragische Geschichte ein Indiz dafür, dass wir etwas grundsätzlich falsch machen, dass wir umdenken müssen, dass es so nicht weitergehen kann.[10]

Die vom Menschen ausgelöste Kulturrevolution hat die biologische Evolution in ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit bei Weitem überholt und bedroht jetzt die Existenz des gesamten Systems Erde. Umweltkatastrophen, Berichte über die zunehmende Vergiftung von Boden, Luft und Wasser, aber auch eine sprunghafte Zunahme der Weltbevölkerung, gerade in den Armutsgebieten unserer Erde, führen uns die Krise täglich vor Augen. Sie zeigt sich aber auch nach innen, in der Zunahme von psychischen Erkrankungen, steigenden Selbstmordraten vor allem in den reichen Industrieländern und in der Empfänglichkeit für sogenannte Heilslehren, in zunehmender Gewalt und immer neuen Kriegen.

In der Glücksforschung gebe es die These, dass das Glück nicht mehr zunehme, sagt Niko Paech, außerplanmäßiger Professor für Produktion und Umwelt in Oldenburg. Er spricht von Konsum-Verstopfung und Konsum-Burnout. Wachstum und Nachhaltigkeit, so seine zentrale These, passen nicht zusammen: „Sie können nicht beides haben: Klimaschutz und Wachstum.” Egal, wie man zu dieser These steht. Sicher ist, man müsste beide Augen fest verschließen, um die beschriebenen Krisensymptome zu übersehen. Und ich bin bei Weitem nicht der erste, der darauf hinweist.[11]

Dennis Meadows, der im Auftrag des Club of Rome die Studie „Limits to Growth” (Grenzen des Wachstums) veröffentlichte, wies bereits 1972 darauf hin. Er verglich die Welt mit einem Auto, das auf einen Wald zurast und den Aufprall nicht mehr vermeiden kann. In einem Interview sagte er: „Außerdem verhalten sich die Menschen wie Selbstmörder, und es hat keinen Sinn mehr, mit einem Selbstmörder zu argumentieren, der bereits aus dem Fenster gesprungen ist.” Vielleicht war Meadows zu pessimistisch, denn inzwischen haben die Menschen durchaus etwas dazu gelernt und auch einiges getan – man denke an die Stichworte Klimaschutz und Energiewende. Auch in den Unternehmen macht man sich seit einigen Jahren Gedanken über nachhaltiges Wirtschaften. In der im März 2013 veröffentlichten Studie „Neue Märkte, neue Chancen – Wachstumsmotor Internationalisierung” der Commerzbank-Initiative „UnternehmerPerspektiven” war ein interessantes Ergebnis zu finden: 88 Prozent der 4.000 befragten mittelständischen Unternehmen rechneten mit Grenzen des Wachstums, zumindest in Europa, und das recht einheitlich über alle Unternehmensgrößen und Branchen hinweg. Doch auch wenn das Bewusstsein für die Realität wächst – es reicht nicht aus. Um den Aufprall zu vermeiden, muss ein Quantensprung in unserem Bewusstsein stattfinden. Und ich bin zuversichtlich, dass das möglich ist.[12]

„Wenn wir die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bestehen wollen, müssen wir vor allem anderen eines ändern: unsere Art zu denken.“

Albert Einstein

Wir müssen lernen, für die Lösung der von uns überwiegend selbst geschaffenen Probleme und Symptome neue Ansätze des Denkens und Handelns in unser Bewusstsein zu integrieren. Doch wer Verhalten ändern möchte, muss zuvor die Einstellung ändern und eine Einstellungsänderung setzt immer eine Bewusstseinsänderung voraus.

Sie glauben nicht, dass die Verhältnisse so dramatisch sind? Ich übertreibe? Dann möchte ich Ihnen anhand von zwei Beispielen noch einmal klar machen, worum es geht. Beide betreffen uns alle, als Privatperson wie auch als Unternehmer.

Beispiel: Klima

Die weitere Entwicklung des Klimawandels ist abhängig von der Menge der Treibhausgase, die wir weiter in die Luft pusten, und der daraus resultierenden Erwärmung. Die offensichtlichste Folge des Klimawandels ist bisher das Abschmelzen der Gletscher und das Auftauen des Permafrostbodens auf der nördlichen Halbkugel. Einige Zahlen veranschaulichen, wie weit dieser Prozess bereits fortgeschritten ist. In den Alpen haben die Gletscher seit Beginn der Industrialisierung die Hälfte ihres Eises verloren. Das arktische Meereis ist seit 1979 um über 40 Prozent zurückgegangen. Der Massenverlust der Eisschilde auf Grönland beträgt durchschnittlich 179 Milliarden Tonnen pro Jahr. Schon jetzt führen das Abschmelzen der Gletscher und die Erwärmung des Meeres dazu, dass der Meeresspiegel 3,1 Zentimeter pro Jahr ansteigt. Das Intergovernment Panel on Climate Change (IPCC) geht davon aus, dass sich die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 abhängig vom weiteren Anstieg der Emissionen um 1,1 bis 6,4 Grad Celsius erhöht. Der Meeresspiegel wird voraussichtlich um 18 bis 59 Zentimeter steigen. Allerdings gibt es auch Wissenschaftler, die von einem oder mehreren Metern sprechen.[13]

Die Auswirkungen dieser Entwicklung wären dramatisch: Küstengebiete und -städte werden überflutet. Und das ist keine Lappalie, denn die Küstengebiete gehören weltweit zu den am dichtesten besiedelten Regionen. 22 der 50 größten Städte der Welt sind Küstenstädte, darunter Tokio, Shanghai, Hongkong, New York und Mumbai. Wetterextreme und Wassermangel nehmen zu. Ökosysteme werden geschädigt. Landwirtschaft und Ernährung werden sich verändern. Krankheiten wie Malaria werden ansteigen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO würde schon eine Temperaturerhöhung von einem Grad ausreichen, um die Anzahl von Todesopfern durch Durchfallerkrankungen, Malaria und Unterernährung um 300.000 pro Jahr zu erhöhen. Die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen rechnen außerdem mit einer erheblichen Zunahme der Flüchtlingsströme. Im Jahr 2050 könnten danach 250 Millionen Klimaflüchtlinge unterwegs sein – das sind zehn Mal so viele wie heute. Und vergessen Sie eines nicht: Der Klimawandel wird sehr viel Geld kosten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet in Deutschland bis 2050 mit Kosten von 800 Milliarden Euro, bis 2100 mit 3.000 Milliarden. Kosten, die von der gesamten Volkswirtschaft aufgebracht werden müssen. Etwas zurückhaltender sind die Schätzungen der EU-Kommission, die davon ausgeht, dass Europas Wirtschaft bis 2050 jährlich 270 Milliarden Euro investieren muss, um den CO2[14]-Ausstoß zu begrenzen. Nach 40 Jahren allerdings summieren sich die Kosten auf fast elf Billionen Euro. Das Geld müsse ausgegeben werden für Umstellungen in der Industrie, die Sanierung von Gebäuden und klimaschonende Kraftfahrzeuge. „Bislang sind Unternehmen in vielen Bereichen vor allem ein Teil des Problems”, heißt es beim Word Wildlife Fund (WWF). „Der Klimawandel kann aber nur dann erfolgreich bekämpft werden, wenn sie umfassend Teil der Lösung werden.”

Beispiel: Rohstoffe

Dass unsere Rohstoffe endlich sind – manche erschöpfen sich früher, manche später –, wissen wir schon lange, spätestens seit den sogenannten Ölkrisen in den 1970er-Jahren. Viel passiert ist allerdings bisher nicht, dabei wird das Problem immer drängender, seit die Nachfrage aus den Schwellenländern zunimmt. Chinas Anteil an der Weltwirtschaft zum Beispiel beträgt nur etwa 15 Prozent, doch das Land verbraucht mehr als 40 Prozent der weltweiten Kupfer-, Zink- und Aluminiumproduktion. 97 Prozent der Seltenen Erden werden in China abgebaut, das dafür Exportbeschränkungen eingeführt hat. Seltene Erden haben jedoch nicht nur große Bedeutung für die Herstellung von Plasmafernsehern und anderen elektronischen Geräten, sondern auch für die Entwicklung und Nutzung grüner Technologien. Terbium wird für energiesparende Leuchtmittel benötigt, Dysprosium für Permanentmagnete in getriebelosen, wartungsarmen Windkraftanlagen und Wasserwerken, für Hybridmotoren und E-Mobility.[15]

Man kann davon ausgehen, dass die Verteilungskämpfe zunehmen werden. China sichert sich schon seit Jahren neue Abbaugebiete in Afrika. Dr. Axel Schweitzer, Vorstandsmitglied der Berliner Alba-Gruppe, einer der führenden europäischen Umweltdienstleister und Rohstoffanbieter, sagte in einem Interview: „Wenn wir die aktuellen Entwicklungen in Asien, insbesondere in China, zugrunde legen, werden innerhalb der nächsten 20 Jahre rund 90 Prozent der gängigen Rohstoffe dort verbraucht. Für den Rest der Welt, inklusive der USA und Afrika, bleiben dann – rein rechnerisch – noch etwa zehn Prozent übrig. Wir werden in Deutschland gar nicht umhin kommen, uns noch deutlich stärker mit Ressourceneffizienz und Rohstoffrückgewinnung zu beschäftigen.”

Die 1968 gegründete Alba macht vor, dass es sich lohnt, an der Lösung der Probleme mitzuwirken. Das Familienunternehmen ist kontinuierlich gewachsen und zählt heute rund 9.000 Mitarbeiter. Zur Gruppe gehören etwa 200 Tochter- und Beteiligungsunternehmen in Deutschland und in zwölf europäischen Ländern sowie in Asien und den USA. Doch das ist nicht alles: „In einer wissenschaftlichen Studie hat das Fraunhofer-Institut ermittelt, dass allein durch die Tätigkeit der Alba Group jedes Jahr rund ein Prozent der gesamten deutschen CO2[16]-Emissionen eingespart wird”, sagt Dr. Schweitzer stolz.

3   Gemeinsam mehr erreichen

Es ist eine uralte Weisheit, dass der Mensch in der Gruppe stärker ist als alleine. Wie hätten sich unsere Vorfahren je gegen große und gefährliche Tiere verteidigen können, ohne sich zusammenzuschließen? Bei der Jagd in Gruppen wurden alle Talente der Gruppenmitglieder genutzt. Die einen waren gut darin, Beute aufzuspüren, die anderen waren gute Treiber, die dritten gute Schützen. Und dann gab es noch diejenigen, die wussten, wie man die Beute häutet und haltbar macht. In der Gruppe erreichen wir viel mehr als alleine.

Ein sehr schönes Beispiel dafür, was eine Gruppe erreichen kann, ist die Kampagne „A Liter of Light” – ein Liter Licht. Die Idee ist begeisternd einfach: Eine gebrauchte Plastikflasche wird mit einem Gemisch aus Wasser, Salz und Bleichmittel gefüllt, halb durch das Dach einer dunklen Hütte geschoben und verklebt. Fängt sie das Sonnenlicht, bricht sie es und streut es nach unten in den Raum. Die Flasche spendet dann so viel Licht wie eine 50-Watt-Birne. In den Slums der südamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Städte haben die meisten Hütten keine Lichtquelle. Mit dieser einfachen Idee kann dem abgeholfen werden. Ausgehend von den Philippinen hat A Liter of Light mittlerweile einen Siegeszug rund um die Welt angetreten. Und die Idee bringt nicht nur Licht in die Hütten der Ärmsten, sondern Kleinunternehmer verdienen sich mit den Flaschen einen bescheidenen Lebensunterhalt. Gleichzeitig können wir an diesem Beispiel die Verbreitung einer Idee auf viralem Weg verfolgen. Der Sozialunternehmer Illac Diaz, der die ersten Flaschen auf den Philippinen installiert hatte, stellte auf seine Homepage eine kostenlose Bauanleitung, den Liter-of-Light-Song und einen Film auf Youtube.[17]

Wenn wir uns heute die Unternehmenslandschaft in Deutschland anschauen, müssen wir zugeben, dass es kleineren und mittelständischen Unternehmen nur dann gelingen wird, der Kapitalmacht der in- und ausländischen Konzerne etwas entgegenzusetzen oder sich zu behaupten, wenn sie kooperieren – mit Lieferanten, Kunden und der Öffentlichkeit, strategisch vielleicht sogar mit dem Wettbewerb. Zahlreiche Plattformen im Internet zeigen, dass Wissen, auch Spezialwissen, überall vorhanden ist. Man muss es nur finden und vernetzen. Damit einhergehen muss eine Änderung der Kommunikationsgewohnheiten in den Unternehmen. Nicht mehr einer steht an der Spitze und sagt, wo es langgeht, wer was wann und wie macht, sondern viele Menschen tragen ihr Wissen in die Unternehmen hinein. Die Führung ist zunehmend dafür da, dieses Wissen zu prüfen, zu sortieren und dafür zu sorgen, dass es für das Unternehmen nutzbar wird.

Erfolgreiche Unternehmen haben längst erkannt, dass es in erster Linie nicht mehr um ein Produkt geht, sondern um den Kunden mit seinen Wünschen und Problemen. Marken, Emotionen und außergewöhnliche Leistungen faszinieren und führen dazu, dass wir etwas haben wollen. Alle drei Aspekte haben mit Kommunikation und damit mit Menschen zu tun. Letztlich machen heute die Menschen den Unterschied. Für Unternehmen wird es mehr und mehr darauf ankommen, die Potenziale ihrer Mitarbeiter abzurufen und weiterzuentwickeln und sich dem Markt zu öffnen. Innovationen entstehen im Verbund, wenn man die Wünsche und Probleme der Kunden kennt und über Mitarbeiter verfügt, die sie befriedigen und lösen können.[18]

4   Veränderung muss Nutzen bieten

Wenn wir uns die Aufgaben anschauen, die vor uns liegen, wird schnell klar, dass sie jedem Menschen und jedem Unternehmen, ja jedem Land, ein Höchstmaß an Veränderung abverlangen. Doch der Mensch ist gegenüber Veränderungen misstrauisch. Er bleibt lieber beim Vertrauten. Veränderung muss also einen Sinn haben, den alle Beteiligten begreifen und bejahen. Es gibt nur zwei Gründe, aus denen wir uns verändern: Lust oder Leid. Mit Lust fällt die Veränderung wesentlich leichter und geht schneller. Als erste Maßnahme sollten wir uns das Wesen einer Krise bewusst machen.

4.1   Jeder Mangel ist eine Chance

Diese Aussage ist für mich der beste Ausdruck positiven Denkens. Und genau das brauchen wir, um an Veränderungen Gefallen zu finden und an Krisen zu wachsen. Im Chinesischen gibt es das Wort beziehungsweise das Piktogramm wei-ji, das gleichzeitig für Krise und Chance steht. Wenn es uns gelingen würde, diese tiefe Weisheit in unser Denken zu integrieren, wäre schon für jeden einzelnen von uns viel gewonnen. Wir haben gelernt, uns vor Krisen zu ängstigen und sie wie Feinde zu bekämpfen, die es zu beseitigen gilt. Mit blindwütigem Aktionismus stürzen wir uns auf die sichtbaren Krisensymptome. Dabei vergessen wir völlig, nach den Ursachen für die aktuellen Fehlentwicklungen zu schauen. Ganz wie der Arzt, der Schmerzmittel verordnet, ohne zu wissen, an welcher Krankheit der Patient tatsächlich leidet. Dabei gibt uns gerade die Medizin einen Hinweis auf das Wesen der Krise. In einer schweren Fieberkrise entscheidet sich nämlich, ob der Patient stirbt oder gesund wird. Eine Krise ist definiert als der Zeitpunkt einer dramatischen Entwicklung, an dem sich entscheidet, in welche Richtung die Entwicklung weitergeht, zum Positiven oder zum Negativen. Aus diesem Verständnis heraus ist die Krise als solche zunächst nichts Negatives.[19]

Eine Krise ist auf jeden Fall eine Chance für denjenigen, der die tieferen Ursachen der Krise erfasst und sie richtig zu deuten versteht. Tritt dieser Bewusstseinsprozess nicht ein, kann die Krise auch als der Beginn einer verhängnisvollen, endgültigen Fehlentwicklung stehen, an deren Ende das Scheitern des gesamten Systems steht. Auf dem Scheitelpunkt der Krise entscheidet sich, ob sie zum Glücksfall oder zum Verhängnis gerät. An diesem Scheitelpunkt stehen wir heute. Von unseren Grundsatzentscheidungen hängt unser aller Schicksal ab.[20]

4.2   An die Wurzeln gehen

Das Krisenmanagement im Hinblick auf die kombinierte Griechenland-Staatsschulden-Krise ist ein typisches Beispiel für die oberflächliche Behandlung von Symptomen. Ich möchte mir keine Aussage darüber erlauben, weshalb die Politiker so handeln wie sie handeln. Ich bin der Meinung, dass sich das Problem dauerhaft nur lösen lässt, wenn man an seine Wurzeln geht. Es geht darum, nach den tatsächlichen Ursachen für das zu suchen, was wir heute erleben, denn keine Wirkung ist ohne Ursache. Teilweise hat man versucht, das zu analysieren. Fehler wurden schon beim EU-Beitritt Griechenlands (und anderer Staaten) gemacht. Die Kontrolle hat über Jahre hinweg gefehlt. Mit der Einführung des Euro wurde das fragile Wechselspiel zwischen den Ländern mit unterschiedlich starker Wirtschaftskraft zerstört und durch eine starre Konstruktion ersetzt, die keine Spielräume mehr lässt und irgendwann vermutlich reißt. Letztlich könnte die Ursache der heutigen Schwierigkeiten sogar schon im Konstrukt der Europäischen Union liegen. Was als pure Wirtschaftsgemeinschaft begonnen wurde, tut sich schwer, auf allen Ebenen zusammenzuwachsen. Zu wenig haben die Menschen, die Europäer, den Sinn des Zusammenschlusses begriffen. Doch wie soll eine handlungsfähige Union entstehen, wenn sie nicht von den Menschen getragen wird, sondern von den Bürokraten und einigen wenigen Überzeugten?[21]

„Eine Überzeugung, die alle Menschen teilen, besitzt Realität.“

Laotse

Wir müssen lernen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Für Fehlentwicklungen, egal welcher Art, muss es zwingend Ursachen geben. Nach meiner Überzeugung liegen die tieferen Ursachen in unserem Denken begründet und in der Art, wie wir gelernt haben, Probleme zu lösen. Alle Krisen, die unsere Gesundheit, das Wohlbefinden der Menschen und die Existenz der Menschheit bedrohen, sind in letzter Konsequenz das Resultat einer fundamentalen geistigen Krise. Wir haben offensichtlich Ansichten über unseren Platz in der Schöpfung, über unsere lebenswichtigen Ziele und Strategien, über unsere Rechte und Pflichten, über unsere vielseitigen Vernetzungen und Abhängigkeiten entwickelt, die mit den tatsächlichen Gegebenheiten nicht mehr vereinbar sind. Es ist sicher nicht falsch, hier von einer tiefen spirituellen Krise des Menschen zu sprechen.

4.3   „Yes we can” oder „wir sollten vielleicht”?

Wie aber können wir Wege aus der Krise finden? Die Antwort ist nicht leicht, und wir brauchen sie schnell, damit wir nicht zum Point of no Return driften. Es gibt zwei grundlegende Ansatzpunkte: Den Weg der komplexen wissenschaftlichen Antwort und den Weg der einfachen, eher intuitiven Antwort. Beide können zu guten Ergebnissen und in letzter Konsequenz zum Ziel führen, wenn auch mit unterschiedlichen Prämissen.

Der Weg der komplexen wissenschaftlichen Antwort wird schon seit Jahrzehnten von namhaften Wissenschaftlern verfolgt. Sie liefern uns rational fassbare, auf konkreten Daten und Fakten aufbauende Erkenntnisse und Lösungsvorschläge. Alle sind begründbar und logisch nachvollziehbar. Ihre Ansatzpunkte, wissenschaftlichen Studien und Publikationen bringen alle Voraussetzungen mit, um den so dringend benötigten Wandlungsprozess in Gang zu setzen. Doch tatsächlich bewirken sie wenig. Nehmen wir als Beispiel die Atomkraft. Schon in den 1970er-Jahren gab es zahlreiche ernstzunehmende Wissenschaftler, die auf die Gefahren dieser Technologie aufmerksam machten. Doch nur ein kleines Häuflein von Atomkraft-Gegnern setzte sich ernsthaft damit auseinander. Selbst der Atomunfall in Tschernobyl konnte die allgemeine Zustimmung zur Atomkraft nicht mindern. Anscheinend waren die Bilder eines „Rückfalls in die Steinzeit”, drohender Stromausfälle, stillgelegter Fabriken etc. eindrücklicher als die eines großen atomaren Unfalls. Und Tschernobyl war weit weg.[22]

Der Unfall im japanischen Fukushima 2011 änderte plötzlich alles. Weshalb? Japan ist ebenfalls weit weg, aber die Voraussetzungen hatten sich geändert. Mittlerweile war grünes, alternatives Gedankengut tief in der Gesellschaft verwurzelt. Die allgemeinen Werte hatten sich verschoben. Außerdem gilt Japan als hoch technologisiertes Land, während Russland in dieser Hinsicht eher als Entwicklungsland betrachtet wurde. Nicht zuletzt wurde unsere Betroffenheit durch die Berichterstattung in sozialen Netzwerken befeuert.

Komplexe wissenschaftliche Antworten sprechen nur selten das Innerste der Menschen an. Sie sind für den Großteil der Menschen nicht verständlich und werden in einem Umfeld publiziert, das die veröffentlichten Meinungen eher in den Rang einer Geheimlehre bringt. Wissenschaftliche Publikationen dienen oft mehr der Reputation und vielleicht auch ein bisschen der Eitelkeit und werden deshalb für andere Wissenschaftler geschrieben. Es wird eine wissenschaftliche Diskussion geführt, die oft auf höchstem Niveau stattfindet, aber vor lauter akademischem Gehabe die Sache an sich nicht weiterbringt. Die schrecklichen Bilder aus Fukushima sprechen eine Sprache, die jeder Mensch in seinem Innersten sofort versteht. Die Äußerungen persönlich Betroffener, direkt und unzensiert über die sozialen Netzwerke, verliehen der Berichterstattung der Medien zusätzlich Authentizität.[23]

„Es genügt nicht, dass man zur Sache spricht. Man muss zu den Menschen sprechen.“

Stanislaw Jerzey Lec

Die Bilder aus Fukushima gehen direkt auf das Ziel los – unter Verzicht auf wissenschaftliche Absicherung, langwierige Diskussionen und Umwege. Ziel ist ein sofort verändertes Bewusstsein, eine andere Form der Wahrnehmung und, verbunden mit radikal veränderten Einstellungen, ein neues Denken und Handeln. Die Vorteile dieses Ansatzes liegen ebenso wie seine Nachteile auf der Hand. Die Vorteile liegen in der schnellen Umsetzung, in der für viele Menschen zugänglichen sofortigen Veränderung der Wahrnehmung und damit in kurzfristigen Erfolgen, die wir dringend benötigen. Die Energiewende in Deutschland war eine Sache von wenigen Tagen, vermutlich eine der schnellsten politischen Entscheidungen, die je getroffen wurden. Die Nachteile liegen in der oft verkürzten Sicht der Dinge und in einer möglicherweise unzulässigen Vereinfachung. Auch das können wir an der Energiewende sehen. Beschlossen war sie schnell, doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig. Außerdem werden wir selbst nach dem Abschalten der deutschen Atomkraftwerke noch Atomstrom verbrauchen, der dann allerdings aus dem Ausland kommt.[24]

Grundsätzlich ist es richtig, eine Sache so einfach wie möglich zu machen, aber eben nicht einfacher. Das wusste nicht nur Albert Einstein. Alle großen Führer, Verführer und Visionäre der Weltgeschichte hatten einfache Botschaften. Sie haben uns gezeigt, welche Kraft in einfachen, klaren Botschaften liegt. Sie alle haben die Geschichte entscheidend geprägt, wenn auch in sehr unterschiedlicher Qualität. Jüngstes Beispiel ist hier der amerikanische Präsident Barack Obama. Mit dem schlichten „Yes we can” hat er letztlich seine erste Wahl gewonnen. Damit sprach er besonders den Afroamerikanern und anderen benachteiligten Gruppen aus dem Herzen. Sie sahen ihre Chance, gemeinsam mit Obama etwas zu verändern, und haben sie ergriffen.

In der Qualität der Visionen und Ziele liegt der Unterschied zwischen der Anleitung zu weisem und ethisch korrektem Verhalten und der Verführung zu verbrecherischem und unvernünftigem Handeln. Trotz aller Vorbehalte habe ich mich für den Weg der einfachen Antwort entschieden, denn wir haben keine Zeit mehr für langwierige wissenschaftliche und politische Debatten. Man denke nur an die Klimakonferenz als Never Ending Story, bei der sich die beteiligten Staaten wahrlich nicht mit Ruhm bekleckern. Ich halte mich an die Natur mit ihren zahllosen Beispielen für intelligente Symbiosen sowie die Naturwissenschaft mit ihrem Synergie-Ansatz. Der Gedanke der Synergie, der in wissenschaftlicher Form das erste Mal bei Aristoteles in der griechischen Antike auftaucht, und der von Christian von Ehrenfels auf den Punkt gebracht wurde, ist die Grundlage für das Konzept in diesem Buch.[25]

4.4   Mit Sinn und Synergie zum besseren Unternehmen

Die Synergie ist die Lehre vom Zusammenwirken der Kräfte. Diesen Grundgedanken, der die ganze natürliche Evolution bestimmt, möchte ich in das Bewusstsein von Unternehmern und Führungskräften rücken. Als weitere Komponente kommt eine Dimension hinzu, die wohl nur dem Menschen zugänglich ist: der Sinn des Denkens und Handelns. Unternehmer sollen mit diesem Konzept in die Lage versetzt werden, ausreichende Erträge und Wettbewerbsvorteile aufzubauen, und gleichzeitig Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, um eine erstrebenswerte Zukunft zu gestalten.

Die für Unternehmer entscheidende Frage lautet: Lohnt sich dieses Denken auch wirtschaftlich?

Ich meine ja. In diesem Buch werden Sie erfahren, wie ein solches, von mir „sinnergetisch” genanntes Denken und Handeln nicht nur von den Mitarbeitern und der Gesellschaft positiv bewertet wird, sondern auch, wie dadurch Kunden gewonnen und behalten werden können und wie verteidigungsfähige Wettbewerbsvorteile entstehen. Wenn sie Werte für die sogenannten Stakeholder wie Mitarbeiter, Kunden, Gemeinde und die Ökologie schöpfen, schaffen Sie damit dauerhaften und verantwortungsvollen Shareholder-Value. Noch steht in den großen Konzernen und auch in vielen Familienunternehmen der kurzfristige Vorteil und Gewinn im Mittelpunkt, doch die letzten Jahre haben gezeigt, dass nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Mitarbeiter und Kunden zunehmend Nachhaltigkeit verlangen. Schielt man nur auf den kurzfristigen Gewinn, sägt man sich selbst den Ast ab, auf dem man sitzt. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Sinn, ihren Kunden Nutzen bieten und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, sind langfristig erfolgreicher.[26]

Mit der „Sinnergie” werden Erkenntnisse aus der Natur und aus verschiedenen Nachbardisziplinen systematisch auf die Führungskonzeption von Unternehmen übertragen. Damit machen Sie Ihr Unternehmen zu einem Ort, in dem fröhliche, motivierte und veränderungsbereite Menschen arbeiten, die einen Sinn in ihrem Tun sehen und stolz darauf sind. Überlegen Sie, welche Kräfte Sie alleine dadurch freisetzen, dass Sie diese Potenziale abrufen.

„Veränderungen müssen von der Unternehmensspitze nicht nur angestoßen werden, sie müssen auch dort beginnen.“

William Wiggenhorn, amerikanischer Manager

Neues Denken gefragt

1   Ratio vor Intuition?

[27]

Sie werden sich vielleicht fragen, weshalb es so wichtig ist, sich damit zu befassen, warum wir denken wie wir denken. Wieso sollte Sie die Funktionsweise des menschlichen Gehirns oder die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens interessieren? Was hat Descartes damit zu tun, dass wir bei der Unternehmensführung umdenken müssen? Geduld. Wenn Sie verstehen, warum wir denken wie wir denken, fällt es Ihnen leichter, nicht in die offensichtlichen Fallen zu treten, die Ihr Gehirn für Sie bereithält. Wir alle sind durch unsere biologischen Strukturen und durch unsere Erfahrung, unsere Sozialisation geprägt. Die Evolution hat ebenso Spuren in uns hinterlassen wie unsere Kulturgeschichte. Wenn Sie darüber Bescheid wissen, werden Sie besser über sich und Ihre Handlungen reflektieren können und auch andere Menschen besser verstehen. Das bedeutet langfristig, dass Sie besser führen werden – die Voraussetzung, dass Ihnen Führung Spaß macht.

Bestimmt haben Sie schon einmal von dem Kultbuch „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken” gehört. Höchstwahrscheinlich kennen Sie auch die These, dass Frauen zwar weniger mit Mathematik und Technik am Hut haben, aber dafür besser in Sprachen sind und feinere Antennen für ihre Mitmenschen besitzen. Angeblich setzen Frauen häufiger die rechte Gehirnhälfte ein, die vor allem für intuitive, ganzheitliche, emotionale Bereiche steht, während die linke Gehirnhälfte für logische, analytische, strukturierte und messbare Zusammenhänge steht. Tatsächlich setzen Männer und Frauen beide Gehirnhälften ein. Ob eine dominiert und welche das ist, hängt von unserer persönlichen Struktur ab und nicht davon, ob wir Mann oder Frau sind. Tatsächlich finde ich es überhaupt nicht erstrebenswert, nur die linke Gehirnhälfte einzusetzen, denn dadurch berauben wir uns zahlreicher Möglichkeiten. Doch wir halten nicht ohne Grund die linke Gehirnhälfte für die „bessere”. Die Entwicklung der Wissenschaft hat uns hier ganz gewaltig in die Irre geführt.[28]

Das menschliche Großhirn, der Neocortex, besteht aus zwei Hirnhemisphären, die unterschiedliche Prozesse unterstützen. Von Natur aus sind sie gleichberechtigt, doch wird in westlichen Gesellschaften der linken Gehirnhälfte klar der Vorzug gegeben. In unserer Gesellschaft scheint das logisch-rationale Denken einen höheren Status zu genießen. Doch wenn wir der linken Gehirnhälfte den Vorzug geben, ziehen wir das einseitige Denken dem integrierten Denken mithilfe beider Gehirnhälften vor. Die Dominanz des einseitigen, analytisch-dualistischen Denkens hat die tiefe Trennung zwischen Geist und Materie, zwischen Logik und Intuition, zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften überhaupt erst möglich gemacht. Die Folgen dieser Entwicklung sind überall sichtbar. Heute trainieren wir unseren Führungskräften mühsam die sogenannten weichen Fähigkeiten wie Empathie, soziale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit an. Teamprozesse und Projekte erfordern immer stärker den Einsatz beider Gehirnhälften, doch wir sind noch weit davon entfernt, das einzusehen und das gesamte Potenzial unseres Gehirns abzurufen.[29]

„Wer hohe Türme bauen will, muss lange am Fundament verweilen.“

Anton Bruckner

1.1   Trennung von Geist und Körper

Im Grunde genommen sind wir in der Aufklärung stecken geblieben, zumindest was das Wertesystem anbelangt, auf dem unsere Kultur aufbaut und das in vielen Wissenschafts- und Erkenntnisbereichen auch heute noch den gültigen Rahmen darstellt. In seinen wesentlichen Zügen hat es sich im 16. und 17. Jahrhundert während der Aufklärung gebildet. In dieser Zeit veränderte sich sowohl die Wahrnehmung der Welt als auch die Art zu denken in besonderer Weise. Die damals neue Auffassung vom Kosmos und der menschlichen Rolle hat unsere Kultur in den letzten 400 Jahren beherrscht und beginnt sich erst jetzt langsam zu ändern. Das Paradigma dieser Zeit hat sogar die Entwicklung der Managementlehre bis zur Gegenwart geprägt.

Wir beginnen unsere kurze Geschichte der Entwicklung des menschlichen Denkens etwas früher. Schon bei den Vorsokratikern, insbesondere bei Pythagoras, finden wir die ersten Ansätze zur Trennung von Geist und Körper. Natürlich gab es bereits damals Gegner dieser Weltanschauung wie Heraklit, der die Welt als einen einheitlichen, sich ununterbrochen entwickelnden Prozess sah.

„Man steigt niemals in denselben Fluss.“

Heraklit

Mit seiner ganzheitlichen Sichtweise war er seiner Zeit ohne Zweifel weit voraus, was sich in seiner berühmten Maxime „panta rhei” (alles fließt) ausdrückt. Doch heute wie damals: Es gibt immer Modeströmungen, die sich durchsetzen und andere nicht. Heraklit kam leider nicht zum Zug. Mit dem Philosophen Platon begann im vierten Jahrhundert vor Christus die Zeit der wissenschaftlich-logischen Begründungen über die Trennung von Leib und Seele. Aristoteles, ein Schüler Platons, entwickelte das analytisch-dualistische Denken weiter. Mit seinem naturwissenschaftlichen Ansatz wuchs die Zahl und Qualität der logischen Begründungen weiter an und wurde zum beherrschenden Thema während des gesamten Mittelalters. Die scholastische Philosophie und ihre großen Vertreter Augustinus (354-430), Albertus Magnus (1193-1280) und dessen Schüler Thomas von Aquin (1255-1274) übernahmen die wissenschaftlichen Grundüberlegungen der griechischen Antike in ihre Denkmodelle.[30]

Die Trennung von Geist und Körper diente auch als logische Begründung für die Trennung von Kirche und Staat. Gerade Thomas von Aquin war es, der im 13. Jahrhundert das umfassende aristotelische System der Natur mit der christlichen Theologie und Ethik verknüpfte. Damit schuf er einen gedanklichen Rahmen, der während des gesamten Mittelalters kaum infrage gestellt wurde. Die im Mittelalter noch herrschende Spiritualität und die gesamte Auffassung vom Kosmos änderten sich danach ebenso wie die Art des Denkens. Herrschte neben der Dichotomie von Geist und Materie noch die Vorstellung eines organischen, lebenden und spirituellen Universums, so wurde dieses Bild jetzt radikal ersetzt durch die Vorstellung der Welt als riesiger Maschine.[31]

1.2   Ein neues Weltbild

Nikolaus Kopernikus läutete mit seinen Erkenntnissen zum Sonnensystem die wissenschaftliche Revolution ein. Er brachte das fast 1.500 Jahre gültige Dogma des geozentrischen Weltbilds von Ptolemäus von der Erde als Mittelpunkt des Universums zu Fall. Kopernikus, Doktor des Kirchenrechts, war ein echter Universalgelehrter, der auch als Arzt praktizierte. Doch seine Leidenschaft galt den komplizierten Zusammenhängen der Astronomie. Wahrscheinlich 1509 schrieb der aus Polen stammende Wissenschaftler den „Commentariolus”, in dem er sein heliozentrisches Weltbild erläuterte. Darin beschrieb er die Theorie vom Umlauf der Planeten um die Sonne und der durch die Drehung der Erde bedingten scheinbaren Bewegung der Fixsterne. Aus Sorge, sich lächerlich zu machen, oder aus Angst vor Repressalien seitens konservativer Kirchenkreise veröffentlichte er seine Erkenntnisse allerdings erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1543. In seinem Werk „Sechs Bücher über die Umläufe der Himmelskörper” sprach er noch immer von einer Hypothese. Kopernikus’ Theorie wurde nicht so sehr als Ketzerei, denn als Hirngespinst betrachtet. Martin Luther soll damals gesagt haben: „Der Narr will mir die ganze Kunst Astronomia umkehren!” Wie auch immer – Kopernikus war es noch nicht gelungen, seine Theorie zweifelsfrei zu beweisen. Das sollten andere für ihn tun.

Zu ihnen gehörte Johannes Kepler, ein Wissenschaftler und Mystiker, der mit seinen empirischen Gesetzen über die Bewegung der Planeten die kopernikanische Hypothese stützte und die Gesetzmäßigkeiten der Planetenbewegungen bewies. Der wahre Durchbruch, die wissenschaftliche Revolution schlechthin, kam mit Galileo Galilei. Er war der erste, der wissenschaftliche Experimente mit der Anwendung mathematischer Prinzipien verknüpfte, um die von ihm formulierten Naturgesetze zu beweisen. In England führte gleichzeitig mit Galilei Francis Bacon die empirische Wissenschaftsmethode ein. Auf ihn wird die Formel „Wissen ist Macht” zurückgeführt. Er war der erste, der konsequent eine klare Theorie der induktiven Methode formulierte, wobei er stets auf die Bedeutung der Ausnahmen hinwies. Bacon hat in seinem Buch „Novum Organum” als erster versucht, eine ideale wissenschaftliche Methode zu entwickeln. Für ihn war das Ziel der Wissenschaft die Naturbeherrschung im Sinne des Fortschritts. Diesen Anspruch formulierte er recht drastisch. Man müsse sich die Natur gefügig machen, sie „unter Druck setzen” und sie „auf die Folterbank spannen, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt”. Der elisabethanische Philosoph und Staatsmann wollte die Natur „peinlich befragen”, bis sie die richtigen Antworten auf unsere Fragen offenbaren würde.[32]

Das organische Verständnis von der Erde als Nährmutter, das sich von der Antike bis ins Mittelalter erhalten hatte, wurde nun in sein Gegenteil verkehrt. Die wissenschaftliche Revolution der Aufklärung schaffte es in kurzer Zeit, die organische Anschauung durch die Metapher von der Welt als Maschine zu ersetzen.[33]

1.3   Descartes, Newton und die Folgen

Der Franzose René Descartes, Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler, gilt als Begründer des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus. Er setzte sich beinahe zweitausend Jahre nach Epikur ebenfalls mit dem Problem von Leib und Seele auseinander. Dabei ließ sich der brillante Mathematiker von den neuesten Erkenntnissen aus Physik und Astronomie leiten. Descartes wird auch eine der weitreichendsten Erfindungen zugeschrieben, die jemals in der Wissenschaft gemacht wurden: das kartesianische Koordinatensystem. Die kartesianischen Koordinaten sind die Voraussetzung für eine Vielzahl wissenschaftlicher Errungenschaften wie die Quanten-Superstringtheorie, die Relativitätstheorie und die Fähigkeit zur Berechnung von Satelliten-Umlaufbahnen. Dieses Koordinatensystem war eine der ersten Entdeckungen der neuzeitlichen Wissenschaften und ist deshalb so bedeutend, weil es alle wissenschaftlichen Revolutionen überlebt hat. Für Descartes war Wissenschaft gleichbedeutend mit Mathematik. Deshalb ließ er nur Erkenntnisse gelten, die mathematisch ableitbar waren. Er versuchte, wissenschaftliche Wahrheit zu erreichen und bezweifelte alles, was überhaupt nur zu bezweifeln war. So gelangte er schließlich zu seiner berühmten Erkenntnis „cogito ergo sum” (ich denke, also bin ich).

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