Logo weiterlesen.de
Unternehmen Brandenburg

Über den Autor

Glenn Meade, geboren und aufgewachsen in Dublin, ist der Autor mehrerer internationaler Bestseller. Seine Thriller wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Nebem dem Schreiben arbeitete Glenn Meade als Experte im Bereich der Flugsimulation, widmet sich aber inzwischen ganz der Schriftstellerei.

Glenn Meade

Unternehmen
Brandenburg

Thriller

Aus dem Englischen
von Wolfgang Thon

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Eltern,
Tom und Carmel

DANKSAGUNGEN

Ich spreche allen Personen in Europa und Südamerika, die mir bei den Recherchen zu diesem Buch geholfen haben, meinen aufrichtigen Dank aus. Besonders hervorheben möchte ich:

In Berlin: die Angestellten des Berlin Document Center der U.S.-Botschaft, vor allem Direktor David Marwell und Dr. Richard Cambell für den Zugang zu Originaldokumenten; Axel Wiglinsky, Geschäftsführender Direktor im Sicherheitsdienst des Reichstags; Dr. Bose und Hans-Christoph Bonfert von der Berliner Senatsverwaltung des Inneren; das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz und die Wehrmachtsauskunftstelle (WASt).

In Wien: die Verwaltungsangestellten des Wiener Zentralfriedhofes.

In Straßburg: Jean Paul Chauvet.

In Paraguay: Carlos Da Rosa.

Außerdem möchte ich Janet Donohue und Professor Jim Jackson vom Trinity College in Dublin danken.

Noch viele andere in Europa und Südamerika haben mir geholfen und möchten lieber anonym bleiben. Auch ihnen meinen herzlichen Dank.

George Lucas, meinem Lektor bei Hodder & Stoughton, möchte ich für seine Professionalität, seine grenzenlose Begeisterung und seine Hingabe für dieses Buch danken, und Bill Massey für seine überaus kompetenten und unschätzbaren Ratschläge.

»So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.«

F. Scott Fitzgerald,

Der große Gatsby

PROLOG

Es war Sommer, und die Sonne brannte heiß auf das blaue Wasser, doch der Strand war menschenleer. Der junge Arzt hielt die Hand des Jungen, während sie vor dem Zaun des Strandhauses warteten. Der Junge zitterte vor Angst, aber er weinte nicht.

Als sie den kleinen grauen Austin den Sandweg entlangkommen sahen, hämmerte dem Kind das Herz in der Brust. Seine Mama trug ein hellblaues Baumwollkleid und sah wunderschön aus, doch als sie ausstieg und ihre Sonnenbrille abnahm, erkannte er an den dunklen Ringen um ihre Augen, daß sie geweint hatte.

Sie ging auf die beiden zu. Der Junge ließ die Hand des Arztes los und stürzte sich in die Arme seiner Mutter. Er roch ihr Parfum und spürte ihre Liebe. Beides beruhigte ihn, und er fühlte sich sofort besser. Er klammerte sich an ihrem Kleid fest, als sie sich zu ihm herunterbeugte und ihn küßte.

»Es ist schon gut, Joseph, Mama ist ja da. Es ist alles gut.«

Der junge Arzt trat vor und reichte ihr die Hand. »Mrs. Volkmann, ich bin Doktor Rhys. Können wir uns unterhalten?«

Der Junge bemerkte, wie seine Mutter zu dem kleinen weißen Cottage am Strand hochsah. Aus einem geöffneten Fenster flatterten hellgrüne Vorhänge in der kühlen Seeluft, aber die Fenster des Zimmers, in dem sein Vater schlief, waren geschlossen. In dem winzigen Garten blühten die Blumen, und hinter dem geblähten Vorhang sah der Junge den polierten Lack des Steinway-Flügels schimmern und die silbernen Bilderrahmen auf dem Kaminsims glänzen.

Seine Mutter musterte besorgt den Arzt. »Wie … wie geht es meinem Mann?«

»Ich habe ihm Tabletten gegeben. Sie sollten ihm für wenigstens acht Stunden ungestörten Schlaf schenken.«

Die Frau drückte die Hand des Jungen, als wollte sie ihn beruhigen. Gemeinsam gingen sie zum Ufer hinunter. Die Wellen brandeten gegen den Strand, Gischt sprühte auf die nassen Steine, und die feuchten Kiesel glänzten in der Sonne.

»Ich fürchte, es geht ihm ziemlich schlecht«, sagte der Arzt auf dem Weg dahin. »Deshalb habe ich Sie angerufen.« Er lächelte den Jungen an. »Der kleine Kerl hier hält sich sehr tapfer. Er ist den ganzen Weg zum Dorf zu Doktor Mansfield gelaufen, um mich zu holen.« Er strich dem Kind anerkennend über den Kopf und blickte dann wieder hoch.

»Erzählen Sie mir etwas über Ihren Gatten, Mrs. Volkmann. Hatte er dieses Problem schon immer?«

»Hat Doktor Mansfield es Ihnen denn nicht gesagt?«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein. Er ist in Urlaub gefahren. Ich bin nur seine Vertretung. Aber ich wäre gern vorbereitet, falls so etwas wieder auftritt.«

Sie hatten den Strand erreicht, und das Rauschen der großen Wellen, die sich an den Felsen und Steinen des Ufers brachen, dröhnte ihnen in den Ohren. Der Arzt hockte sich auf eine Düne.

Die Mutter setzte sich neben ihn. Sie kramte eine Packung Zigaretten aus der Handtasche und zündete sich nach mehreren vergeblichen Versuchen gegen den starken Wind eine an. Der Junge bemerkte, wie blaß und erschöpft sie aussah.

»Er hat es schon lange. Es kommt und geht.«

»Wovon wird es ausgelöst?«

»Durch einen Zeitungsartikel. Etwas im Radio oder im Fernsehen. Manchmal einfach nur vom Wetter oder der Jahreszeit. Dann wird es ihm einfach zu viel, und er versinkt darin wie ein Stein.«

Der Arzt schien verwirrt. »Das verstehe ich nicht … Was ist der Grund dafür, Mrs. Volkmann?«

Die Wellen rauschten so laut, daß der Junge die Stimme seiner Mutter nicht hören konnte, weil sie im Dröhnen der Brandung und dem hellen Klappern des Strandkieses unterging. Aber er sah das entsetzte Gesicht des Arztes, als seine Mutter aufgehört hatte zu reden.

»Meine Güte … Ich hatte ja keine Ahnung. Wie entsetzlich, wirklich schrecklich.« Er schien lange um die passenden Worte zu ringen. »Ich nehme an, Ihr Mann wurde bereits von den entsprechenden Fachleuten untersucht?« fragte er schließlich.

»Man kann Erinnerungen zwar rationalisieren, Herr Doktor, aber man kann sie nicht auslöschen. Lassen Sie sich das von jemandem sagen, der es genau weiß.«

»Aber Sie sind damit fertig geworden. Ihre Erfahrungen müssen doch gewiß genauso traumatisch gewesen sein.«

Der Junge sah, wie seine Mutter den Kopf schüttelte. »Ich bin damit fertig geworden, das stimmt schon. Aber meinem Ehemann haben sie damals Unaussprechliches angetan.«

»Es tut mir leid, bitte verzeihen Sie mir. Ich wünschte nur, ich könnte etwas tun.«

»Es gibt nichts, was Sie tun könnten, glauben Sie mir. Aber ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl.« Der Blick ihrer funkelnden braunen Augen richtete sich auf Joseph. »Der Junge hat viel geholfen.« Sie wandte sich wieder an den Arzt. »Daß wir ein Kind bekommen haben, hat uns beiden geholfen.«

Der Arzt erwachte aus seiner Versunkenheit und wirkte plötzlich sehr jung. Die Wellen schlugen wieder lärmend gegen das felsige Ufer, und alle drei schwiegen lange. Schließlich warf der Mann der Mutter des Jungen einen verlegenen Blick zu, als bereite es ihm Schwierigkeiten, die nächsten Worte auszusprechen.

»Als ich die Konzerthalle angerufen habe, meinte der Direktor, daß Sie vermutlich Ihren Auftritt heute abend absagen müßten. Es muß fürchterlich schwierig sein. Mit Ihrem Ehemann, meine ich.«

»Eigentlich nicht. Wenn so etwas passiert, kommen Joseph und ich damit schon zurecht.«

»Ich habe Sie einmal in London spielen hören. Mir hat Ihre Darbietung außerordentlich gut gefallen, Mrs. Volkmann.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Vielen Dank. Auch dafür, daß Sie sich um meinen Mann gekümmert haben.«

Der Arzt stand langsam auf und klopfte sich den Sand von der Hose. »Ich fahre nun wohl wieder. Sollte sich sein Zustand wieder verschlechtern, geben Sie ihm zwei von diesen Tabletten.« Er zog ein Fläschchen mit Pillen aus der Tasche und reichte es ihr. »Die sollten ihm mindestens acht Stunden helfen. Und rufen Sie mich bitte an, wenn Sie mich brauchen. Guten Tag, Mrs. Volkmann.«

Der Arzt schüttelte ihr die Hand, und der Junge schaute ihm nach, als er zu seinem Wagen ging. Er stieg ein und setzte über den ausgefahrenen Sandweg zurück.

Der Junge wandte sich seiner Mutter zu und sah, wie sie die Zigarette in die Wellen warf. Sie starrte traurig aufs Meer hinaus.

»Mama …«

»Was hast du, mein Schatz?«

»Was haben diese Männer Papa angetan?«

Seine Mutter blickte ihn an. Ihre braunen Augen füllten sich plötzlich mit Tränen, und sie zog ihn dichter an sich. »Etwas sehr Schlimmes, Joseph. Deinem Papa ist etwas sehr Schlimmes passiert. Deshalb müssen wir ihm immer helfen. Und deshalb braucht er unsere Liebe so sehr.«

Sie drückte ihn eng an sich. »Haben die Männer dir auch weh getan, Mama?« fragte der Junge an ihrer Brust.

Sie sah ihm ins Gesicht, wandte den Blick ab und umschlang ihn noch fester. Er wußte, daß sie noch immer weinte, und hörte den Schmerz in ihrer Stimme.

»Ja, Joseph. Mir haben sie auch weh getan.«

Der Junge löste sich etwas aus der Umarmung, schaute seine Mutter an und berührte ihr Gesicht.

»Die Männer, die dir und Papa weh getan haben, werden euch nie mehr weh tun. Dafür werde ich sorgen, Mama.«

Josephs Mutter wischte sich die Tränen ab und lächelte. Dann klang ihre Stimme so wie immer, wenn sein Papa traurig war – so als könnte sie mit Lächeln und Fröhlichkeit das Schreckliche vertreiben, das ihr und seinem Vater zugefügt worden war.

»Natürlich wirst du das, mein Schatz.«

Sie strich ihm das Haar aus der Stirn, küßte ihn und wischte sich erneut die Tränen aus den Augen, dann stand sie auf.

»Jetzt komm, Joseph. Kümmern wir uns um Papa.«

Der kleine Junge reichte seiner Mutter die Hand. Sie packte sie, hielt sie fest und ließ sich von ihm zum Strandhaus hinaufführen.

ERSTER TEIL

1. KAPITEL

Asunción, Hauptstadt von Paraguay.

Als in der Privatklinik San Ignatio die Ärzte Nikolas Tscharkin mitteilten, wann er sterben müsse, nickte der alte Mann verdrossen, wartete, bis die Mediziner verschwunden waren, zog sich schweigend an und fuhr mit seinem Mercedes zur Ecke der drei Blocks entfernten Calle Palma.

Dort stellte er den Wagen ab und ging den letzten Häuserblock zu der kleinen Bank zu Fuß, betrat sie durch die Drehtür und erklärte dem Direktor, daß er den Inhalt seines Banksafes zu sehen wünsche.

Der Direktor befahl sofort einem höheren Angestellten, mit dem alten Mann ins Tresorgewölbe hinabzusteigen. Schließlich war Señor Tscharkin ein hochgeschätzter Kunde.

»Sagen Sie ihm, er kann dann gehen. Ich will ungestört sein«, befahl Tascharkin in seiner gewohnt barschen Art.

»Gewiß, Señor Tscharkin. Danke, Señor Tscharkin.« Der Direktor verbeugte sich noch einmal höflich. »Buenos dias, Señor Tscharkin.«

Der Direktor in seinem blauen Anzug ging Tscharkin auf die Nerven, wie üblich. Aber heute morgen störte ihn das Schleimen und Katzbuckeln und das schmeichelnde, goldkronenfunkelnde Grinsen des Mannes besonders. Buenos dias – einen schönen Tag noch. Pah! Was sollte an diesem Tag denn schön sein?

Man hatte ihm gerade mitgeteilt, daß er noch höchstens achtundvierzig Stunden zu leben hatte. Der Schmerz in seinem Bauch brannte wie Feuer und war fast unerträglich. Tscharkin fühlte sich schwach, schrecklich schwach, trotz der Tabletten, mit denen er die Pein lindern sollte. Was hatte der Kerl noch zu grinsen? Und was sollte an diesem verdammten Morgen gut sein?

Es war der letzte Morgen seines Lebens, denn er wußte, was er jetzt zu tun hatte.

Dennoch verspürte Tscharkin ein merkwürdiges Gefühl der Erleichterung: Das Lügen hatte jetzt bald ein Ende.

Er betrachtete sein Spiegelbild in den kalten Edelstahlwänden, während der Angestellte ihn in die kühlen Gewölbe der Bank führte. Tscharkin war zweiundachtzig, und bis vor sechs Monaten hatte er zehn Jahre jünger ausgesehen. Damals war er jedoch noch gesund gewesen, hatte sich vernünftig ernährt, nicht geraucht und nur selten getrunken. Alle sagten, er würde sicher noch die Hundert vollmachen.

Und alle hatten sich wohl geirrt.

Sein Spiegelbild zeigte ihn so, wie er war: dünn und ausgemergelt. Er sah schon jetzt aus wie ein Leichnam, und seine Magenblutung war so schlimm, daß er glaubte fühlen zu können, wie der Lebenssaft aus ihm hinausrann. Aber er hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen, ganz gleich, wie stark der Schmerz war, und egal, was die Ärzte ihm sagten. Sobald er das hinter sich hatte, konnte er endlich abtreten. Und für immer friedlich schlafen.

Es sei denn, es gäbe einen Gott und ein Leben nach dem Tode. In dem Fall würde er für seine Sünden büßen müssen. Aber das bezweifelte Tscharkin. Kein gerechter Gott hätte ihm ein so langes und erfülltes Leben gewährt, nach allem, was er getan hatte. Nein, man starb, und damit hatte es sich, der Körper zerfiel zu Staub, und man war für immer ausgelöscht … Es gab keine Schmerzen, keinen Himmel und keine Hölle. Einfach nur das Nichts.

Konnte er jedenfalls nur hoffen.

Der Angestellte schloß das Metallgitter auf und führte ihn in die unterirdische Kammer, einen kleinen, stillen Raum, sechs Meter im Quadrat, dessen Boden aus kühlem Marmor bestand. Drinnen war es totenstill. Der Angestellte warf einen prüfenden Blick auf die Nummer des Schlüssels in seiner Hand, fuhr mit dem Finger an der Reihe von glänzenden Stahlfächern an einer Wand entlang, fand Tscharkins Safe, öffnete ihn, nahm die Stahlbox heraus und stellte sie auf den polierten Holztisch in der Mitte des Raumes. Er reichte Tscharkin den Schlüssel und zog sich zurück.

Tscharkin kannte den Ablauf: Er mußte den Knopf auf dem Tisch drücken, wenn er fertig war und wieder nach oben wollte. Er sah dem Angestellten zu, der das Gitter schloß und die Marmortreppe hinaufging. Dann war Tscharkin allein.

In dem Gewölbe war es so kalt und still wie in einem Leichenschauhaus, und Tscharkin schüttelte sich unwillkürlich. Bald liege ich auch da, dachte er. Dann sind die Schmerzen vorbei. Er setzte sich an den Tisch, zog die kleine Metallbox zu sich, steckte den Schlüssel in den Schlitz, schloß auf und öffnete den Deckel. Dann griff er hinein und breitete den Inhalt des Safes auf der polierten Tischplatte aus.

Es war alles da. Die Besitzurkunden über seine Ländereien, die Schlüssel zu seiner Vergangenheit. Er überlegte es sich einen Augenblick anders, schob die Gedanken an das, was vor ihm lag, beiseite und stellte sich vor, noch einmal eine letzte Orgie zu feiern, doch eigentlich gab es nichts mehr, was er hätte auskosten wollen. Der Schmerz machte alles unerträglich, und außerdem hatte er alles ausgiebig genossen, was das Leben an Freuden bot.

Der todkranke alte Mann packte den Inhalt zu einem ordentlichen Haufen zusammen. Dann steckte er alles in einen der alten, großen Umschläge, in denen sich einige Papiere befunden hatten. Es gab ein recht dickes Bündel ab. Anschließend drückte er den Knopf, um den Angestellten zu rufen.

Bald, dachte Tscharkin, als er die Schritte des Mannes auf der Marmortreppe hörte. Bald ist alles vorbei.

Er hörte das Klicken des Metallgitters, als er den Deckel des leeren Safes zumachte, ohne ihn zu verschließen. Er ließ den Schlüssel auf dem Tisch liegen, nahm den Umschlag und ging zur Tür.

Das Haus stand an der Calle Iguazu, in den Randbezirken der Stadt, dem vornehmsten Teil von Asunción. Es war weiß und groß und von hohen Wänden umringt. Von der Straße aus war es kaum zu sehen. Tscharkin öffnete die schmiedeeisernen Tore mit der Fernbedienung, fuhr die geschwungene, asphaltierte Auffahrt hinauf und parkte den Mercedes auf dem kiesbestreuten Vorplatz.

Sein Butler, ein Mestize, öffnete ihm die Tür, und Tscharkin knurrte zur Begrüßung. Er ging geradewegs in sein getäfeltes Arbeitszimmer und schloß hinter sich die Tür ab. Es war warm. Sehr warm. Tscharkin öffnete die beiden obersten Knöpfe an seinem Hemd, während er den sattgrünen Rasen und den makellos gepflegten Garten betrachtete, die Pfefferbüsche und die Palmen. Er besaß mehrere Häuser in Asunción und drei Farmen im Hinterland, im Chaco, aber diese Villa hatte er immer bevorzugt.

Er setzte sich an den polierten Schreibtisch aus Apfelholz, verteilte den Inhalt des Umschlages auf der glänzenden Platte und musterte den Stapel.

Zuerst betrachtete er seinen Reisepaß. Nikolas Tscharkin. Schön. Nur war er nicht Nikolas Tscharkin. Sein richtiger Name … Meine Güte, er hatte ihn beinahe vergessen. Als er ihn aussprach, klang er so fremd und unwirklich, daß er über sich selbst lächeln mußte. Es war ein schwaches Lächeln. Zu lange hatte er mit der Lüge gelebt, fand er, und legte den Reisepaß zur Seite.

Man hatte ihn einmal in einem halben Dutzend Länder der Erde gesucht. Unter jenem alten, verdrängten Namen hatte er schreckliche Dinge begangen, hatte Menschen unsägliche Schmerzen und einen schrecklichen Tod gebracht. Und nun stellte sich heraus, daß er selbst keine Schmerzen ertragen konnte. Er tadelte sich: Zum Grübeln war jetzt keine Zeit. Tu’s einfach!

Er sortierte die Unterlagen. Alte, mürbe Papiere, Aufzeichnungen seiner Vergangenheit. Er las sie noch einmal durch. Wie in seinen Alpträumen tauchte alles jetzt wieder auf: das eiskalte Entsetzen auf den Gesichtern seiner Opfer, das Blut, das Gemetzel. Dennoch spürte er keinen Funken von Bedauern.

Er würde alles wieder tun. Keine Frage.

Er schob die Unterlagen zur Seite, nahm aus einer Schreibtischschublade einige unbeschriebene Blätter und einen Umschlag und fing an zu schreiben.

Eine Viertelstunde später war er fertig, klebte den Umschlag zu und steckte ihn sich in die Tasche. Dann nahm er den Stapel Papiere aus dem Bankschließfach, schritt zum Kamin und stapelte sie schön ordentlich auf dem Rost.

Er nahm ein Streichholz aus der Schachtel auf dem Kaminsims, strich es an und hielt es an die Papiere. Dann ging er zu dem Wandsafe hinter einem Ölgemälde, klappte das Bild in seinen Angeln vor und stellte die Kombination ein.

Er zog bestimmte Papiere heraus und vergewisserte sich, daß nichts mehr im Safe war, das jemand hätte belasten können, dann trat er wieder an den Kamin. Er sah zu, wie das Feuer das Papier verzehrte und legte neue Nahrung für die Flammen nach, bis nur noch schwarze Asche übrig war, die er mit dem Schürhaken durchwühlte, um ganz sicherzugehen.

Die Flammen hatten ihr Werk vollbracht. Es war nichts übrig.

Nachdem er alles erledigt hatte, verließ er das Haus. Er fuhr zur Post, die vier Blocks entfernt lag, kaufte Briefmarken und gab den Brief per Express auf. Dann fuhr er ohne Umwege zum Haus zurück, parkte den Wagen diesmal in der Garage und ging wieder in sein Arbeitszimmer.

Bring es schnell hinter dich! riet ihm eine innere Stimme.

Keine Zeit zum Nachdenken. Keinen Gedanken an den Schmerz verschwenden, der ihn erwartete. Aus der obersten Schublade des glänzenden Apfelholzschreibtisches nahm er einen langläufigen Colt Kaliber fünfundvierzig, kontrollierte, ob alle Kammern geladen waren, steckte den Lauf der Waffe in den Mund, gegen den Gaumen und formte mit den Lippen ein perfektes O um das kalte Metall.

Dann drückte er ab.

Es war in weniger als einer Sekunde vorbei. Tscharkin hörte nicht einmal den Knall des Schusses, der ihn hoch- und zurückschleuderte. Die Kugel zerstörte sein Gehirn, indem sie sich ihren Weg durch seinen Schädel bahnte und am Hinterkopf austrat. Knochensplitter und blutige Hirnmasse flogen durch das Zimmer und klatschten hinter ihm an die Wand. Die weiße Mauer war mit einemmal von grauen und roten Tupfen gesprenkelt, während das abgestumpfte Blei des Projektils sich in das Holz dicht unter der Decke bohrte.

Weniger als eine Sekunde scharfen Schmerzes.

Alles in allem hätte sich Nikolas Tscharkin keinen schnelleren und schmerzloseren Tod wünschen können.

2. KAPITEL

Asunción, Paraguay.
Mittwoch, 23. November.

Rudi Hernandez zog an seiner Zigarette und betrachtete wohlgefällig die Figur des Mädchens, das gerade am Schalter eincheckte. Es war Mittag, und auf dem Flughafen herrschte reges Treiben, aber Hernandez ließ die junge Frau nicht aus den Augen.

He, vergiß nicht, wer sie ist! ermahnte er sich.

Aber er konnte einfach nicht anders: Er bewunderte ihre Kehrseite, den Anblick ihrer langen, seidenweichen, sonnengebräunten Beine und den perfekt gerundeten Po, der das rote, enge Sommerkleid vollendet ausfüllte.

Der Anblick war wundervoll, und Rudi mußte unwillkürlich lächeln. Das war das spanische Blut in ihm. Er mochte Frauen. Und ganz besonders mochte er Erika.

Jetzt drehte sie sich um und lächelte ihn an. Sie hatte alles erledigt, nahm ihren Paß und ihre Tickets und hob ihr Handgepäck vom Tresen. Sie kam zu ihm herüber, und er trat seine Zigarette auf dem Marmorboden aus.

Rudi erwiderte ihr Lächeln. »Alles okay?«

Erika nickte. »Ich habe noch eine Viertelstunde, bevor ich an Bord gehen muß. Haben wir noch Zeit für einen Kaffee?«

»Klar.«

Er nahm ihr das Handgepäck ab und ging durch die Abflughalle voraus zu dem kleinen Café in der Ecke. Er fand einen freien Tisch und bestellte zwei Kaffee und zwei Brandy. Der Kellner brachte die Getränke. Hernandez betrachtete Erika, wie sie ihren Kaffee schlürfte, und überlegte, ob er es sagen sollte, ob er ihr verraten sollte, was er für sie empfand.

»Dir spukt doch etwas im Kopf herum, Rudi, hab’ ich recht? Ist es diese Geschichte?«

Rudi Hernandez wollte schon den Kopf schütteln, wollte ihr sagen: Nein, es ist nicht die Story, sondern du – das, was ich für dich empfinde. Das Mädchen war fünf Jahre jünger als er, fünfundzwanzig, und jedesmal, wenn er sie nach einer längeren Abwesenheit wiedersah, kam sie ihm noch hübscher vor. Ihr blondes Haar hatte sie kurz geschnitten, und es paßte wundervoll zu ihrem hübschen Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Ihre Figur war auch etwas fülliger geworden, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte: Hüften und Brüste waren voller, weiblicher. Und sie trug Make-up: Rosa Lippenstift, blaues Maskara.

Doch Rudi Hernandez nickte nur. »Ja, die Geschichte.«

Es war eine Lüge, aber warum sollte er die Wahrheit sagen? Die Geschichte, an der er arbeitete, die Geschichte, von der er ihr erzählt hatte, beschäftigte ihn zwar auch, aber im Augenblick nur am Rande. Jetzt dachte er an Erika; er wollte nicht, daß sie abreiste.

»Ich möchte, daß du mir versprichst, vorsichtig zu sein.« Die junge Frau klang plötzlich ganz ernst. »Versprichst du mir das?«

Er lächelte unbekümmert und sah ihr in die Augen. »Ich bin immer vorsichtig, Erika. Das weißt du doch. Manchmal sogar zu vorsichtig.«

Mit ihrem blonden Haar sah sie so anders aus als die dunkelhaarigen Südamerikanerinnen in den Barrios, den Vorstädten, und der Kontrast erregte allgemein Aufmerksamkeit. Die Indiofrau, die auf der Calle Estrella Blumen verkaufte, hatte Erika gebeten, ihr Haar anfassen zu dürfen, und gemeint, es würde ihr Glück bringen. »Sie ist wunderschön.« Die alte Frau hatte gelächelt, während sie Erikas Haar streichelte, und Rudi angesehen. »Sie wird uns beiden Glück bringen, glauben Sie mir.«

Er hatte gesehen, wie die Lateinamerikaner sie angestarrt hatten, und gewußt, was die Männer dachten. Er konnte es ihnen nicht verübeln. Ihm ging ja ständig dasselbe durch den Kopf. Dann fiel ihm wieder der Tag ein, als sie gemeinsam die Besichtigungstour in den Bergen gemacht hatten, im Regenwald nahe der brasilianischen Grenze. Wie nah er ihr da gewesen war! Doch jetzt bemerkte er ihren besorgten Gesichtsausdruck.

»Hast du schon mal daran gedacht, Mendoza zu bitten, dir bei der Story zu helfen?«

Rudi zuckte mit den Schultern. »Mit welcher Story sollte ich ihm kommen? Vielleicht ist es wirklich eine große Sache. Aber dafür habe ich keinen Beweis, Erika. Keinen echten Beweis. Nur das Wort von Rodriguez. Und die paar Fotos.«

Er wiederholte nicht, was er ihr bereits versichert hatte: Daß sie keine Angst um ihn haben müsse. Statt dessen trat ihm der Anblick von Rodriguez’ Leichnam wieder vor Augen – wie er auf dem kalten Metalltisch in der Leichenhalle des städtischen Krankenhauses lag. Rudi spürte wieder das gleiche Ekelgefühl, das er empfunden hatte, als der Angestellte das weiße Laken zurückzog und den geschundenen, blutigen Körper des Mannes entblößte. Rudi unterdrückte die Angst, die in ihm aufkeimte, und beugte sich näher zu Erika. Der Duft ihres Parfums erregte ihn.

»Ich muß es langsam angehen lassen, Erika. Behutsam. Und kann nur hoffen, daß irgend etwas dabei rauskommt.« Er klopfte ihr kumpelhaft auf die Hand, und dabei hätte er sie viel lieber ergriffen und liebkost. »Aber ich verspreche dir, ich bin vorsichtig.«

Sie lächelte ihn an, und sein Körper reagierte unwillkürlich auf ihr Lächeln. Wäre er jetzt allein mit ihr in einem Schlafzimmer gewesen, hätte er wahrscheinlich den Mut aufgebracht, sie zu küssen, sie an sich zu ziehen, sie zu lieben. Er fragte sich, wie sie wohl reagieren würde, diese kühle, blonde Gringa. Würde sie sich darauf einlassen oder ihn mit verdutzter, fassungsloser Miene ansehen und sagen: ›Aber Rudi … hör bitte auf mit dem Unsinn!‹

Er nahm in sich auf, wie sie an ihrem Brandy nippte und dabei das Glas in beiden Händen hielt. »Was ist mit den Männern, die deiner Meinung nach Rodriguez getötet haben?«

»Was soll mit ihnen sein?«

»Werden sie dich nicht suchen? Werden sie nicht befürchten, daß du es der Polizei meldest?«

Hernandez lächelte, als er ihre Angst bemerkte, und versuchte, furchtlos zu klingen, um sie zu beruhigen. »Unmöglich. Erstens kennen die Leute, die Rodriguez umgebracht haben, mich nicht und haben mich noch nie gesehen. Und zweitens wissen sie nicht einmal, daß ich existiere. Davon bin ich überzeugt.«

»Aber was wird geschehen, sobald deine Geschichte erschienen ist?«

Hernandez trank einen Schluck Kaffee. Er schmeckte bitter, und er schob mit angewidertem Gesicht die Tasse fort. »Falls die Geschichte erscheint, kann ich die Zeitung bitten, meinen Namen nicht abzudrucken. Das ist kein Problem. Und ich habe auch den einen oder anderen Freund – Polizisten, die mir Schutz bieten würden, wenn es hart auf hart kommt.«

Die junge Frau sah, wie er in die Tasche griff, einen Schlüsselbund herausholte und damit spielte. Rudi Hernandez war ein attraktiver Mann. Er lächelte gern, als wäre das Leben ein einziger Witz. Sein braunes Haar trug er fransenartig in die Stirn gekämmt, und dieser Pony ließ ihn jünger aussehen. Selbst die deutlich sichtbare, gezackte Narbe auf seiner rechten Wange stand ihm nicht schlecht und verlieh ihm etwas Draufgängerisches. Erika beobachtete, wie er mit den Schlüsseln spielte und sie durch die Finger gleiten ließ.

Er bemerkte ihren Blick und lächelte. »Wie ich dir schon gestern abend sagte: Alles, was ich über diese Leute gesammelt habe, befindet sich in Sicherheit an einer Stelle, wo niemand suchen würde. Also mach dir keine Sorgen, Erika. Ich bin vorsichtig.«

Als sie sein Lächeln erwiderte, sprach aus ihrem Blick ihre Besorgnis. Sie berührte seine Hand.

Mit der freien Hand schob er die Schlüssel in seine Tasche zurück. So nah … er fühlte sich ihr so nah.

»Erika …«

»Ja?«

Er wollte weitersprechen, ihr sagen, was er wirklich empfand, doch genau in diesem Augenblick rief die metallischquäkende Frauenstimme aus den Lautsprechern ihren Flug auf. Erika ließ zögernd seine Hand los und ergriff ihr Handgepäck.

»Was ist denn, Rudi?«

Als sie sich ansahen, schüttelte er den Kopf und stand auf. »Nichts. Komm, du solltest jetzt besser an Bord gehen.«

Er begleitete sie zum Flugsteig und trug ihr Handgepäck. Vor dem Kontrolltresen blieben sie stehen, und er reichte es ihr. »Bestell allen meine Grüße.«

Sie hob die blauen Augen zu seinem Gesicht. »Bestimmt.«

Dann wollte sie ihn auf die Wange küssen, doch Rudi drehte im letzten Moment den Kopf und küßte sie statt dessen sanft auf die Lippen. Sie waren weich und warm, und er roch wieder ihr Parfum, ihren Körper, hätte sie gern umarmt, doch im gleichen Moment bog sie sich zurück.

»Auf Wiedersehen, Rudi.«

»Auf Wiedersehen, Erika. Hab einen angenehmen Flug.«

Er blickte ihr nach, während sie die Sicherheitskontrolle passierte. Am Durchgang drehte sie sich noch einmal um und winkte. Rudi hob ebenfalls grüßend die Hand, bevor Erika sich im Gedränge der anderen Fluggäste verlor.

Hernandez schüttelte den Kopf und seufzte. Er hätte ihr sagen sollen, was er eigentlich auf dem Herzen hatte. Daß er sie liebte.

In dem Augenblick erwachte die blecherne Frauenstimme in den Lautsprechern wieder zum Leben.

»Señor Rudi Hernandez, bitte kommen Sie zur Information Señor Rudi Hernandez, zur Information bitte.«

Das Mädchen am Informationsstand reichte ihm einen Zettel mit der Nummer von Mendoza, seinem Redakteur. Er ging zu einem Telefon und rief an. Mendoza hob selbst ab.

»Si

»Ich bin’s, Rudi. Ich bin am Flughafen.«

»Buenas tardes, mein Freund. Einige haben’s echt gut. Andere schwitzen sich in einem heißen Büro zu Tode, um sich ihre Brötchen zu verdienen.«

Rudi grinste. »Man sagte mir, ich solle dich anrufen. Worum geht’s?« Er suchte in seinen Taschen nach dem Zigarettenpäckchen, schüttelte eine heraus und zündete sie sich an.

»Hast du den Job mit der sexy Gringa erledigt?« wollte Mendoza wissen.

»He, ein bißchen Respekt gefälligst. Vergiß nicht, über wen du redest.« Rudi mußte über sich selbst grinsen. »Also, was hast du für mich? Irgendeinen Knaller?«

»Einen Raubüberfall mit Körperverletzung auf der Calle Enrico und einen alten Knacker, der sich umgebracht hat. Welchen davon willst du? Victor Estrel übernimmt den anderen Fall. Mir ist es gleich, aber da wir Freunde sind, darfst du dir einen aussuchen.«

»Na, vielen Dank«, sagte Rudi. »Wieso darf ich mir dann nie aussuchen, ob ich zum Schönheitswettbewerb oder der politischen Veranstaltung gehe?«

Er konnte sich Mendozas Grinsen am anderen Ende der Leitung genau ausmalen.

»Das ist das Privileg meiner Stellung, mein Freund. Außerdem lenken hübsche Mädchen dich nur von der Arbeit ab, das weißt du doch. Also, welchen der beiden Fälle willst du?«

»Was ist mit dem Raubüberfall?«

»Ein paar Kinder haben einen Gringo mit dem Messer bedroht und ihm die Brieftasche geklaut. Die Polizei hat die Kinder erwischt, und der Gringo liegt im Krankenhaus. Er hat einen Kratzer an der Hand.«

»Und der Selbstmord?«

Am anderen Ende der Leitung herrschte eine kurze Pause. »Ich habe vor zwanzig Minuten einen Anruf von unserem Freund Casado bei der Polizei bekommen. Irgendein alter Knabe hat sich das Hirn weggepustet, in der Nähe vom Trinidad-Viertel.«

Rudi Hernandez nahm die Zigarette aus dem Mund, griff nach Stift und Notizbuch und überlegte, für welche der beiden Storys er sich entscheiden sollte. Nach zehn Jahren bei der Zeitung machte es keinen großen Unterschied mehr. Er kannte schon alle Geschichten, hatte sämtliche Verbrechen gesehen. Verrückte Indios und Mestizen in den Elendsvierteln, die sich gegenseitig abstachen, wenn sie zuviel Schnaps getrunken hatten, korrupte Polizisten auf Raubzug, die Straßenkinder, die auf der Calle Palma den Touristen die Brieftaschen stahlen. Für ihn waren das alles nur noch Wiederholungen im Fernsehen. Deshalb war ihm die Geschichte, an der er eigentlich saß, so wichtig.

»Bist du noch dran?« Mendoza klang gereizt. »Rudi, ich hab’ nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Der Alte, hast du noch was über ihn?«

»Nur Namen und Adresse … Momentchen, ich hab’s hier irgendwo in diesem Chaos …«

Hernandez zog an der Zigarette. Welchen sollte er nehmen? Raubüberfall oder Selbstmord? Welche Rolle spielte das schon? Nimm dir den Fall, der am dichtesten am Flughafen ist, dachte er.

»Der Name des Alten ist … Jesus Maria, was ist das bloß für ein Name? Tscharkin, Nikolas Tscharkin. Sein Haus liegt in der Calle Iguazu. Nummer dreiundzwanzig.«

Hernandez schwieg. Der Schock elektrisierte ihn am ganzen Körper, und seine Haut kribbelte. »Nikolas Tscharkin? Bist du sicher?«

»Sicher bin ich sicher. So steht es hier jedenfalls. Wie viele Nikolas Tscharkins laufen wohl in Asunción herum, hm?«

Hernandez klopfte das Herz bis zum Hals. Er erinnerte sich sehr genau an den Namen, und auch an das Gesicht. Vielleicht hatte sich Mendoza ja geirrt?

»Gib mir noch mal die Adresse.«

»Calle Iguazu 23. Was hast du? Schon mal von dem Kerl gehört?«

»Nein«, log Rudi. »Was ist mit der Polizei?« Er spürte, wie sein Hals und die Handflächen schweißnaß wurden. Draußen, außerhalb des klimatisierten Terminals, herrschten beinahe vierzig Grad, drinnen angenehme zwanzig, und trotzdem schwitzte er am ganzen Körper.

»Was soll damit sein?« erkundigte sich Mendoza.

»Sind Polizeibeamte im Haus?«

»Vermutlich, aber genau weiß ich das nicht.« Der Redakteur wartete ungeduldig und fragte schließlich. »Also, welchen willst du?«

Hernandez überlegte. Es war dieselbe Adresse. Er war dagewesen, hatte gegenüber auf der Straße geparkt und das Haus beobachtet, weil Rodriguez ihn darum gebeten hatte. Er erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen. Der Tag, an dem er die Fotos gemacht hatte. Das große Haus mit den weißen Wänden, wo der alte Mann lebte, der Alte, den er auf Rodriguez’ Anweisungen hin beobachten sollte.

Und jetzt war der alte Mann tot. Der Alte, und Rodriguez ebenfalls.

Mendozas Stimme klang jetzt eindeutig verärgert. »Mensch, Rudi … Was zum Teufel ist mit dir los? Welchen Fall willst du? Ich hab’ nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Ich nehme Tscharkin«, erklärte Hernandez. »Ich melde mich bald wieder bei dir.«

3. KAPITEL

Straßburg.
23. November.

Heute war Sally Thorntons letzter Abend in Straßburg, und sie wußte ganz genau, was sie wollte: Sie wollte mit ihm ins Bett.

Es regnete in Strömen, als sie aus dem Restaurant in der Nähe der Oper kamen. Joe Volkmann hielt ein Taxi an und nannte dem Fahrer die Adresse seiner Wohnung. In dem Moment war Sally klar, daß sie die Nacht dort verbringen würde. Männer luden Frauen in einer regennassen Nacht nicht zu einem Drink ein und schickten sie dann mit dem Taxi nach Hause. Jedenfalls nicht die Männer, die sie kannte.

Sie trug eine smaragdgrüne Bluse, die sich eng an ihre schlanke Figur schmiegte und gut zu ihren Augen paßte. Ihre langen Beine steckten in glatten, schwarzen Nylons, und Sally war klar, daß sie von vielen Frauen glühend um ihre Figur beneidet wurde. Sie hatte große, feste Brüste und schmale Hüften. Aber sie war nicht leicht herumzukriegen, und sie ging auch nicht verschwenderisch mit ihren erotischen Reizen um. Außerdem wollte sie im Augenblick keine feste Beziehung. Sex war für sie ein Ausdruck der gegenseitigen Anziehung.

Eine Menge Jungs im DSE-Hauptquartier klopften an ihre Bürotür, um mit ihr zu plaudern. Sie erkannte an ihren Blicken und den Beulen in ihren Hosen, daß sich ihre Absichten keineswegs nur auf die Arbeit bezogen und alles andere als ehrenhaft waren. Joe Volkmann war da ganz anders. Vielleicht wollte sie ihn genau deshalb.

Sally hatte vor fünf Jahren in Oxford Examen gemacht und arbeitete seitdem für den Geheimdienst. An diesem Abend ging ihr sechswöchiges Praktikum bei der DSE zu Ende – der Direction de Sécurité Européene oder Büro für Innereuropäische Sicherheitspolitische Zusammenarbeit, das vor anderthalb Jahren von der Europäischen Union gegründet worden war. Mit der DSE sollte ein europäisches Gegenstück zum FBI der Vereinigten Staaten oder dem MI5 Großbritanniens geschaffen werden, eine Ermittlungsbehörde, die das Recht besaß, Staatsgrenzen zu überschreiten. In der Praxis hatte sich leider gezeigt, daß die DSE hinter diesen hochgesteckten Erwartungen ein wenig zurückblieb. Die Gründung der EU hatte den Nationalismus nicht über Nacht verschwinden lassen, und darüber hinaus stellten sich noch andere, vordringlichere Probleme. Immerhin hatte Sally Straßburg großartig gefunden, aber nun war es Zeit, wieder nach Hause zurückzukehren und eine Woche Urlaub in London zu verbringen, dann ging es für sie weiter zu ihrem neuen Posten nach New York.

Als Volkmann anbot, ihr beim Packen zu helfen, hatte sie gewußt, daß er ihr wirklich helfen wollte und nicht nur nach einem Vorwand suchte, sich an sie heranzumachen.

Den ganzen Nachmittag lang hatte er ihr in ihrer Wohnung in Petite France geholfen, ihre Stereoanlage und die kleineren, antiken Möbelstücke, die sie im Laufe der Zeit gekauft hatte, in hölzerne Überseekisten zu packen. Als sie ihn dafür zum Essen einladen wollte, hatte er zwei Opernkarten hervorgezaubert und ihr offenbart, daß er bereits einen Tisch für das Dinner reserviert habe.

Sie beobachtete ihn während der Vorstellung. Anscheinend hörte er der Musik sehr konzentriert zu. Obwohl er sie häufig anlächelte und der Abend eindeutig ein romantisches Flair aufwies, hatte Volkmann jeden plumpen Annäherungsversuch unterlassen. Weder hatte sich seine Hand unter ihren Rock verirrt, noch hatte er sich »zufällig« an ihr gerieben. Letzteres zeigte sich immer wieder als Spezialität der Italiener, wenn man sich unvorsichtigerweise ihren Büros im vierten Stock näherte.

Er war weder kühl noch distanziert, aber sie hatte das Gefühl, daß er auch nichts erzwingen wollte. Genau das forderte sie heraus und war ein weiterer Grund, warum sie ihn wollte.

Seine Wohnung am Quai Ernest lag im ersten Stock, und von seinem Balkon sah man auf einen kleinen, gepflasterten Innenhof. Es war eine Dreizimmerwohnung, und für eine Junggesellenbude wirkte sie recht aufgeräumt. In der Ecke standen eine Stereoanlage von Pioneer, einige gebundene Bücher, Taschenbücher, viele Kassetten und CDs. Dabei handelte es sich vorwiegend um klassische Musik, aber einige zeitgenössische Komponisten waren auch darunter. Zu der E-Musik kamen einige moderne Alben, auffällig aber war die umfangreiche Dvorak-Kollektion und einige Platten junger russischer Komponisten, von denen Sally noch nie etwas gehört hatte. Auf einem Regal standen neben einigen Büchern auch gerahmte Fotografien.

»Was möchten Sie trinken, Sally?«

Sie setzte sich auf die Couch und schlug ihre langen Beine übereinander. Sie bemerkte, daß er kurz darauf blickte und lächelte. »Haben Sie Scotch?«

»Na klar.«

»Dann hätte ich gern einen großen. Mit Eis und Cola.«

Er nickte, und sie sah ihm nach, wie er in die Küche ging. Er war im konventionellen Sinn nicht gutaussehend, aber er war attraktiv. Groß, dunkelhaarig, gut gebaut, und er wirkte eher französisch als britisch. Er war siebenunddreißig, sah aber erheblich jünger aus. Und er hatte das gewisse Etwas, fand Sally Thornton, ohne daß sie es genauer hätte bestimmen können. Vielleicht der Ausdruck seiner einfühlsamen braunen Augen; deren Ausdruck erinnerte an die Augen der Frau auf dem Foto im Regal.

Er sah aus wie ein Mann, der eine Frau beschützen konnte, aber das taten alle Männer, mit denen sie arbeitete. Es waren Soldaten, Geheimdienstoffiziere, und knallharte Drogenexperten, die als Polizisten posierten. Ganz abgesehen davon wußte Sally sehr wohl auf sich selbst aufzupassen.

Unvermittelt glaubte sie zu wissen, was ›es‹ war: Er gehörte zu den Männern, die einer Frau Vertrauen einflößten. Weder kehrte er den harten Burschen hervor, noch setzte er seine Körperkraft ein wie eine Waffe. Und sein Lächeln verriet ihn, so als versteckte sich unter dem professionellen, reservierten Äußeren eine verletzliche Seele.

Er kam mit ihrem Glas in der Hand wieder zurück und reichte es ihr. Seine Krawatte war gelockert und der oberste Knopf seines Hemdes geöffnet. Er selbst trank Bier aus der Flasche und wirkte auf Sally so entspannt, wie sie ihn noch nie gesehen hatte.

Während er trank, sah er sie an. Wenn sie ihre langen Beine übereinanderschlug, sahen sie in den hochhackigen Pumps noch besser aus. Ihr enger Rock war ein kleines bißchen hochgerutscht, so daß er ihre Schenkel sehen konnte. Sie merkte sehr wohl, daß er häufig dahin blickte. In der Ecke stand ein Radio, und als sie es anschaltete, drang Edith Piafs Stimme aus dem Lautsprecher: Je ne regrette rien. Der Regen klopfte gegen die Scheibe, und Sally sah Volkmann an.

»Werden Sie mich vermissen, Joe?«

»Na, und ob.«

»Warum lächeln Sie dann?«

»Weil man in New York von Ihnen begeistert sein wird.«

»Wer? Die Leute von der Botschaft?«

»Die auch. Aber ich meinte die Amerikaner. Die Männer werden Ihnen die Bude einrennen, Sally.«

»Danke für die Blumen. Besuchen Sie mich mal?«

»Wenn Sie wollen.«

Sie lächelte, schwenkte das Glas und sah ihm in die Augen. »Erzählen Sie mir etwas von sich, Joe.«

»Was wollen Sie denn wissen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Alles. Ich habe fast ein Jahr mit Ihnen zusammengearbeitet und weiß so gut wie nichts von Ihnen. Wie lange sind Sie schon bei der DSE?«

»Anderthalb Jahre.«

»Arbeiten Sie gern hier auf dem Festland?«

»Klar.«

»Und was haben Sie davor gemacht?«

»Ich war beim SIS.«

Das hatte sie geahnt – Volkmann machte ganz den Eindruck eines Nachrichtendienstlers. Sie nahm die Beine voneinander und streckte sie aus, damit er sie noch besser sehen konnte. »Waren Sie jemals verheiratet, Joe?«

Er nickte und nahm noch einen Schluck Bier. »Einmal. Geschieden, keine Kinder.«

»Und Ihre Familie? Leben Ihre Eltern noch?«

Sie warf einen Blick auf die gerahmten Fotografien. Zwei davon zeigten ein Pärchen und einen Jungen. Eins war vor einem Cottage aufgenommen, und ein anderes an einem Strand. Der Junge sah wie Volkmann aus, und das Paar waren offensichtlich seine Eltern. Es gab noch ein Foto nur von der Frau. Sie war ausgesprochen hübsch und saß an einem Klavier. Eine Vase mit Blumen stand auf dem polierten Holz, und die Frau lächelte. Sally vermutete, daß Volkmann sein Lächeln und auch seine Augen von ihr hatte.

»Mein Vater ist vor einem halben Jahr gestorben. Meine alte Dame hält sich noch wacker.«

»Ist sie das da auf dem Foto? Wo wurde es aufgenommen?«

»Vor langer Zeit in der Albert Hall. Sie war Pianistin. Zu ihrer Zeit ziemlich gut.«

»Wollten Sie nicht in ihre Fußstapfen treten?«

Er nippte von seinem Bier. »Nein, dazu habe ich kein Talent.« Er sah sie an und wechselte das Thema. »Sind Sie froh, daß Sie uns verlassen, Sally?«

»Ich freue mich auf New York. Wir haben im Grunde vor den Amerikanern keine Geheimnisse, und sie auch nicht vor uns, das wissen wir ja genau, Joe. Aber es ist eine Verbesserung, und die Spesen sind sehr großzügig. Trotzdem ist es gewissermaßen Verschwendung, daß ich dort hingehe. Der Botschafter erfährt in einer Woche mehr beim Mittagessen, als unsere Leute in einem ganzen Jahr herausbekommen.«

»Neulich hat mich Dick Wolsley angerufen. Er sagt, daß die Deutschen und die Franzosen bereits versuchen, sich aus der Zusammenarbeit zurückzuziehen.«

»Sie meinen von der DSE?«

Er nickte und leerte seine Bierflasche. »Haben Sie die Gerüchte gehört?«

Sally Thornton zuckte mit den Schultern und spielte mit dem obersten Knopf ihrer Bluse. »Ich habe gehört, daß beide gehörig Lärm geschlagen haben, aber das ist auch alles. Wenn das stimmt, wird der ganze Laden eingehen, und zack: Aus ist’s mit der Zusammenarbeit.« Sie zögerte. »Im Grunde ist die DSE sowieso Verschwendung von Steuergeldern, finden Sie nicht, Joe? Wie’s im Moment aussieht, bin ich geneigt, Wolsley zu glauben.«

»Warum?«

»Weil alle in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Die Deutschen, die Franzosen, wir. Sobald wie im Augenblick die Aktienmärkte zum Teufel gehen, kriegen alle das große Muffensausen. Und wenn eine Nation Schiß bekommt, dann heißt es aufgepaßt: Jeder ist sich selbst der nächste.«

»Wissen Sie, ob Ferguson von irgendwelchen Gerüchten gehört hat?« fragte Joe. Ferguson war der Chef der Britischen Sektion, sein Vorgesetzter.

Sally Thornton lächelte. »Mit dem Kerl rede ich kaum. Er ist so schrecklich spießig.«

Volkmann lachte. »Und Peters?«

»Peters hat mir nur gesagt, daß ich schöne Beine habe und daß er mich gern ins Bett kriegen würde.« Sie hielt inne und beobachtete, wie Volkmann unwillkürlich auf ihre Schenkel blickte. »Und daß Sie ein guter Geheimdienstmann sind.« Sie sah ihn an. »Müssen wir über die Arbeit reden? Wann geht Ihre Maschine?«

»Morgen mittag. Und Ihre?«

»Am Nachmittag. Vermissen Sie London, Joe?«

»Manchmal, aber nicht sehr.«

Sally Thornton lehnte sich auf dem Sofa zurück. »Ich vermisse es nicht. Kein bißchen. Wenn Sie mich fragen, dann ist es schon längst den Bach runtergegangen.« Sie ertappte ihn dabei, wie er erneut ihre Beine betrachtete. »Darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen, Joe?«

»Wie persönlich?«

»Würden Sie gern mit mir schlafen?«

Als Volkmann lächelte, strahlte Sally ihn an und stellte das Glas zur Seite. »Ich muß um acht aufstehen.«

Sally schlief neben ihm, eng an ihn geschmiegt, aber Volkmann war noch wach und von Erinnerungen aufgewühlt.

Sie saßen zusammen auf der Bank, und die Herbstblätter lagen in hohen Haufen in dem kleinen Park.

Es war November, und er war übers Wochenende von Schottland angereist, wo er an einem Waffenlehrgang teilnahm. Die Sonne schien, und der Himmel war blaßblau, einer jener wunderbaren Tage im Herbst, an denen die Luft frisch und klar ist, so daß man sich einfach wohl fühlt. Sein Vater trug seinen verschlissenen alten Tweedmantel, der aussah, als wäre er eine Nummer zu groß für ihn. Sie saßen auf der Bank, und der alte Mann sah ihn mit wäßrigen braunen Augen an.

»Mama hat mir gesagt, daß sie dich nach Berlin schicken.«

Er sah den Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters, als er nickte. »Das ist ein guter Posten, Papa. Und mit etwas Glück komme ich einmal im Monat nach Hause. Also wird es nicht so schlimm werden.«

»Ist es gefährlich?«

Er lächelte. »Nein, Papa. Gefährlich ist es nicht. Hauptsächlich muß ich Informationen sammeln. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Sie werden mich nicht mit einer Pistole über die Mauer schicken. Und die Geschichten, die man üblicherweise über Berlin liest, sind genau das: Geschichten. Die gehören in Romane. So ist es im wirklichen Leben nicht. Nicht mehr.«

»Mama hat gesagt, daß du schon letzten Monat dort gewesen bist.«

»Man hat mich für drei Tage hingeschickt, damit ich mir alles einmal ansehe. Ich glaube, sie wollten rausfinden, ob ich die Versetzung wirklich wollte.«

»Und willst du das?«

Er zuckte mit den Schultern. »Es ist jedenfalls eine Abwechslung zum Century House.«

»Und Anna?«

»Sie kommt in ein paar Monaten nach.«

»Wie ist es da jetzt?«

»In Berlin? Ein bißchen New York im Kleinformat. Es gibt gute Restaurants, und man findet ein reges Nachtleben, wenn man darauf aus ist. Die Anwesenheit der Amerikaner, der Briten und der Franzosen haben dem Ganzen eine seltsame Atmosphäre verliehen. Es ist nicht mehr so wie früher.«

Er sah, daß der alte Mann geistesabwesend auf die Bäume starrte, als wäre er in Erinnerungen versunken, aber Joseph Volkmann kannte den Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters. Der Mann stand auf, sah auf die Uhr und unterdrückte den Schmerz, bevor er ihn völlig überwältigen konnte.

»Deine Mutter wartet bestimmt schon mit dem Essen auf uns. Wir sollten ihre Geduld nicht überstrapazieren.«

»Papa.«

Sein Vater sah ihn an. Joseph Volkmann bemerkte den rosa Flecken aus nacktem Fleisch an seiner Schläfe. Die Wunde war noch genauso prägnant wie die Verletzungen in seinem Kopf, die niemals heilen würden.

»Es ist jetzt alles Vergangenheit, Papa«, sagte er ruhig. »Es ist schon lange her. Aber manchmal hätte ich gern, daß du darüber redest. Vielleicht würde es helfen.«

Sein Vater schüttelte den Kopf. »Glaub mir, Joseph, es hilft nicht, darüber zu sprechen. Ich habe es zwanzig Jahre versucht und feststellen müssen, daß es besser ist, zu vergessen.« Der Blick der braunen Augen richtete sich auf den Sohn. »Du wirst das ebenfalls erfahren, wenn du älter wirst, Joseph. Begrabe die Gespenster der Vergangenheit, wenn du kannst, und versuche nicht, sie wieder aufleben zu lassen. Und jetzt komm. Wir wollen Mama nicht länger warten lassen.«

Er sah dem alten Mann nach, dessen knochiger, gebeugter Körper in dem schweren Tweedmantel beinahe versank.

Dann stand er auf und folgte seinem Vater.

4. KAPITEL

Asunción, Paraguay.
23. November.

Eine hohe Mauer lief schützend rings um den Besitz, aber Hernandez konnte die ausgedehnten, sonnenüberfluteten Rasenflächen sehen, als er zum Haus hinauffuhr. Das Anwesen selbst war hinter den Pfeffersträuchern und Palmen, die die lange Auffahrt säumten, kaum zu erkennen.

Haus war nicht das richtige Wort: Eher handelte es sich um eine Villa. Sie stand auf einem Hügel, überblickte die ganze Stadt, war groß und hatte zwei Stockwerke. Das neutrale, graugestrichene Bauwerk wirkte zwar großartig, erweckte jedoch einen wenig einladenden Eindruck.

Der Tag war schwül und wolkenlos. Nach der Fahrt zur Villa war Rudi schweißgebadet, was sowohl an der Hitze lag als auch an der Nervosität, die in seiner Magengrube rumorte.

Die schmiedeeisernen Tore standen weit offen, und Hernandez wollte mit seinem roten, rostigen Buick schon hindurchfahren. Da versperrte ihm ein junger Polizist den Weg, der sich hinter einer Mauer verborgen hatte. Die Daumen hatte der Mann in das breite Lederkoppel gehakt, an dem die Pistole baumelte.

Der Beamte war noch sehr jung, Anfang Zwanzig, hatte ein frisches Gesicht und trug eine etwas zu weite Uniform. Er hob die Hand und bedeutete Hernandez anzuhalten. Rudi trat auf die Bremse und beugte sich aus dem Fenster. Er hielt dem Mann seinen Presseausweis unter die Nase, lächelte und versuchte, freundlich zu bleiben.

Der junge Polizist musterte Hernandez’ Ausweis mit unbewegter Miene. »Nikolas Tscharkin«, sagte Hernandez. »Ein alter Mann. Selbstmord. Stimmt’s? Ich soll über die Geschichte für die La Tarda berichten.«

Der junge Beamte musterte ihn. »Keiner darf rein.«

»Wer sagt das?«

»Der Capitán. Capitán Sanchez.«

»Vellares Sanchez?«

Der Polizist nickte und wirkte plötzlich verunsichert. Hernandez betrachtete ihn. Der Junge hatte seine rechte Hand nervös auf den Knauf seiner Waffe gelegt, aber es hatte ihn offenbar überrascht, daß Hernandez den Capitáno beim Vornamen kannte. Der Journalist sah seine Chance und nutzte sie.

Er sah zur Villa hinauf. »Ist Vellares jetzt oben?«

»Si

»Haben Sie ein Funkgerät?« Hernandez hatte das Walkie-talkie am Koppel des Polizisten gesehen.

Der Mann nickte. »Si.«

Hernandez ließ den Motor aufheulen. »Gut. Rufen Sie Vellares an. Sagen Sie ihm, daß Rudi Hernandez zu ihm unterwegs ist.«

»Aber der Capitán hat angeordnet, daß niemand …«

Hernandez legte rasch den Gang ein und ignorierte den Protest des jungen Mannes einfach.

»Vergessen Sie den Namen nicht … Rudi Hernandez.«

Der rote Buick schoß vorwärts durch das offene Tor. Hernandez sah im Rückspiegel, wie der Polizist hektisch nach dem Funkgerät griff.

Er lächelte. Die erste Hürde hätten wir geschafft, dachte er. Aber eine liegt noch vor uns.

Der alte Knabe muß Zaster gehabt haben. Und zwar eine ganze Menge, dachte Hernandez.

Die gepflegte Rasenfläche vor dem Haus erstreckte sich über fast hundert Meter. Dahinter leuchteten die roten Dachziegel der Villa. Während Hernandez die Auffahrt hochfuhr, blickte er sich um. Hinter den Pfefferbüschen blühte gelber und rosa Hibiskus.

Der Garten war wirklich etwas Besonderes. Es gab Mango- und Pfirsichbäume sowie Kokospalmen, deren breite Blätter schlaff in der bewegungslosen Gluthitze hingen. Die Gärtner mußten wirklich schuften, um den Garten derartig in Schuß zu halten. Hernandez hatte in Asunción noch keinen gepflegteren gesehen.

Langsam näherte er sich mit seinem alten Buick dem Haus und nahm den Anblick in sich auf. Beim ersten Mal hatte er sich gefragt, wie es wohl jenseits der weißen Mauern aussehen würde. Etwas sagte ihm, daß er in diesem Haus weit mehr erfahren würde, als Rodriguez ihm verraten hatte.

Auf halbem Weg zur Villa fing der Motor des Wagens plötzlich derartig heftig an zu stottern, daß sich das alte verrostete Chassis schüttelte.

Scheiße!

Der große, alte amerikanische Straßenkreuzer war reif für den Schrottplatz. Er war zwölf Jahre alt und hatte mit der zweiten Maschine schon hundertfünfzigtausend Kilometer abgerissen. Lange Zeit war der Buick ein zuverlässiger Gefährte gewesen, aber mittlerweile brauchte Hernandez dringend einen neuen Wagen. Woran es lag, wußte Rudi: Es war der Choke. Er war gebrochen, mit Klebeband notdürftig repariert worden, und hätte schon längst ausgetauscht werden sollen. Aber Rudi fehlte die Zeit dazu. Er nahm etwas Druck vom Gaspedal. Der Wagen hörte auf zu husten, aber nach zwanzig Metern fing es wieder an. Jetzt bog er um eine Kurve und sah das Haus zum ersten Mal deutlich und ohne Hindernisse. Es war groß und sah teuer aus.

Dreißig Meter von der Stelle entfernt, wo der Asphalt von Kies abgelöst wurde, gab der große, alte rote Buick endgültig den Geist auf. Obwohl Rudi hart aufs Gaspedal trat, reagierte der Motor nicht mehr. Das Fahrzeug rollte einfach mit dem Schwung weiter. Die Straße stieg immer noch etwas an. Hernandez schlug das Steuerrad hart nach links ein, lenkte den Wagen auf die Grasnarbe und hämmerte wütend mit der Faust aufs Lenkrad.

»Scheiße!«

Rudi stellte die Zündung ab und sah zum Eingang. Ein ernst dreinblickender Polizist stand neben einem Streifenwagen auf dem Kies. Im nächsten Augenblick öffnete sich die Haustür, und die vertraute, massige Gestalt von Vellares Sanchez erschien auf der Veranda, ohne ganz in die Sonne zu treten. Sein fleischiges Gesicht wirkte grimmig.

Hernandez kletterte aus dem Wagen und winkte. Sanchez rührte sich nicht. Rudi schlug die Wagentür zu und ging zum Haus.

Vellares Sanchez war etwa vierzig und übergewichtig. Mit seinen dunklen, halb geschlossenen Lidern sah er aus, als müßte er sich einmal richtig ausschlafen. Die Haut hing in schlaffen Hamsterbacken von seinem fetten Gesicht, und sein spärliches schwarzes Haar klebte in dünnen Strähnen auf seinem Schädel. Der weiße Leinenanzug des Kriminalbeamten war zerknittert und saß schlecht. Alles an ihm wirkte irgendwie unordentlich, aber Hernandez hütete sich, auf diese Äußerlichkeiten hereinzufallen. Die Maske trog. Hinter den halb geschlossenen, verschlafen blickenden Augen verbarg sich ein rasiermesserscharfer Verstand.

Hernandez wußte auch, daß sich Sanchez normalerweise wortkarg gab, ohne dabei ausgesprochen unfreundlich zu sein. Jetzt jedoch wirkte sein Verhalten kühl und distanziert. Er reichte dem Journalisten eine schlaffe Hand, ein untrügliches Zeichen dafür, daß er wütend war, und deutete mit einem Nicken auf den Buick.

»Was hat denn der Schrotthaufen?« wollte Sanchez wissen und tupfte sich mit einem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn.

Hernandez lächelte und versuchte, den Ärger des fetten Mannes zu lindern. »Der Choke macht so seine Mucken. Der Motor säuft ab. Sobald die Sonne ihn ausgetrocknet hat, läuft er wieder.«

»Ich habe dem Mann am Tor befohlen, niemanden hereinzulassen«, erklärte Sanchez streng.

»Du kennst mich doch, Vellares – wo immer eine Geschichte lauert …«

Der Dicke wurde noch barscher. »Das war ein Befehl!«

»Vellares, komm schon … Schließlich lebe ich davon. Wenn ich nicht schreibe, kann ich nicht essen.« Hernandez zuckte mit den Schultern. »Hör mal, es tut mir leid. Mendoza will, daß ich die Geschichte übernehme. Ich entschuldige mich.«

Sanchez betrachtete den jungen Mann, der da vor ihm stand. Er war groß, braunhaarig und hatte einen verhältnismäßig blassen Teint. Sein Pony war ordentlich geschnitten, vielleicht ein bißchen lang, aber ansonsten war er glatt rasiert und sah gut aus. Seine Kleidung war lässig, wie die eines Dozenten an der Universität, als der er hätte durchgehen können, wäre da nicht diese gezackte Narbe auf seiner rechten Wange gewesen. Sie verlieh Hernandez etwas Kühnes, das Aussehen eines Mannes, der sich vor einer Kneipenschlägerei nicht fürchtete, aber Sanchez wußte es besser.

Sie kannten sich mittlerweile zehn Jahre. Hernandez war ein guter Journalist, konnte mit Worten umgehen, und in seinen Augen zeigte sich Gutherzigkeit, obwohl er sicherlich genausoviel gesehen hatte wie Sanchez.

»Also … was gibt es, Vellares?«

Hernandez sah ihn jetzt mit diesen funkelnden Augen an, hatte den barschen Empfang abgeschüttelt, als wäre alles nur ein guter Witz. Hernandez lächelte, aber Sanchez bemerkte noch etwas in seinem Gesicht, er witterte es. Aufregung? Furcht? Der Capitán zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche und bot dem Journalisten eine an, der das Friedensangebot dankbar annahm. Sanchez gab ihnen beiden Feuer und sah dann den jüngeren Mann an.

»Sag mir, was du weißt«, begann Sanchez.

Hernandez blies den Rauch in die heiße, schwüle Luft. »Ein alter Knabe namens Tscharkin hat sich umgebracht.« Er ließ seinen Blick über den üppigen, tropischen Garten hinter sich gleiten und sah wieder auf das Haus. »Und da sagt man, daß Geld allein nicht glücklich macht …«

»Mit Geld kannst du alles kaufen, mein Freund, nur keine Gesundheit.« Sanchez nahm einen Zug und hustete.

»Hat sich der Alte deshalb umgebracht? Weil er krank war?«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«

Hernandez holte aus der Gesäßtasche seiner Cordhose einen Spiralblock und suchte dann weiter nach etwas zu schreiben. »Ist es okay, wenn ich ein paar Notizen mache?«

Sanchez nickte. »Sicher. Aber die Gerichtsmediziner sind noch nicht soweit. Deshalb wollte ich nicht, daß jemand durch das Tor kommt.«

»Klar. Wie lange brauchen sie noch?«

»Sie sind fast fertig.«

»Kannst du mir einen Stift borgen?«

»Leihst du dir immer noch Stifte aus? Reporter sollten eigentlich welche dabeihaben, weißt du.«

»Ich verliere sie immer. Muß an den Löchern in den Taschen liegen.« Hernandez lächelte ein wenig verlegen.

Sanchez nahm einen Stift aus der Tasche und reichte ihn dem Journalisten. »Das war schon vor zehn Jahren so, als du noch Gerichtsreporter warst. Wie viele Kulis schuldest du mir inzwischen wohl? Die Löcher, die hast du in deinem Kopf, mein Freund.«

Sanchez drehte sich um. »Komm rein. Wenn die Männer fertig sind, kannst du dich umsehen.« Sanchez’ Stimme hatte einen ungewohnten, begeisterten Unterton, als er die Zigarette mit dem Absatz ausdrückte. »Du solltest dir das Haus ansehen. Dieser alte Knabe muß im Geld geschwommen haben.«

»Was du nicht sagst …« meinte Hernandez und folgte Sanchez ins Innere.

Hernandez sah sich staunend und verblüfft im Haus um, heuchelte allerdings mehr Überraschung, als er tatsächlich empfand. Genau so sollte ein reicher Mann wie Tscharkin leben – genau so hatte Rudi es sich immer vorgestellt.

Im Flur ein Kristalleuchter und eine geschwungene Freitreppe, im Eßzimmer silberne Kerzenständer und handgeschnitzte Stühle aus massiver Eiche. Die Küche war größer als Hernandez’ ganze Wohnung. Im Bad gab es einen Whirlpool und vergoldete Armaturen. Auf dem Rasen hinter dem Haus befand sich ein Tennisplatz.

Die Unterkünfte der Dienerschaft lagen neben dem Swimmingpool. Es gab vier Diener, laut Sanchez, und drei Gärtner. Sie waren alle gegangen, nachdem Sanchez’ Männer sie verhört hatten. Der Tod ihres Brötchengebers hatte sie aus der Fassung gebracht, und der alte Indio-Koch stand derartig unter Schock, daß er nicht einmal sprechen konnte.

Sanchez sparte sich das Arbeitszimmer im Erdgeschoß bis zum Schluß auf. Die Gerichtsmediziner packten gerade ihre Sachen zusammen, als er mit Hernandez im Schlepptau aus der Küche dorthin kam. Der Capitán nahm einen seiner Leute beiseite, um ungestört mit ihm zu reden. Danach kehrte er wieder zu Hernandez zurück, der ein Ölgemälde betrachtete, einen schlanken Jaguar im Dschungel. Das Gemälde trug keine Signatur, aber schlecht war es nicht. Von einem begabten Amateur, dachte Sanchez.

»Also?« fragte Hernandez.

»Selbstmord«, erklärte Sanchez. »Zweifelsfrei. Ein Problem weniger, um das ich mich kümmern muß. Der Leichnam wird gleich davongeschafft. Willst du Tscharkin vorher sehen?«

Hernandez nickte, und Sanchez ging voraus.

Die Tür zum Arbeitszimmer stand offen. Es war ein großer Raum, wie die anderen auch. Hernandez fiel zuerst ein Gemälde in einem vergoldeten Rahmen auf, das an Scharnieren zur Seite geschwungen wurde und einen Wandsafe verdeckt hatte. Dessen graue Stahltür stand offen. Auf den Regalen an drei Wänden waren Bücher aufgereiht, und das Fenster wies auf die kiesbestreute Auffahrt hinaus. Außerdem standen noch ein großer polierter Schreibtisch und ein brauner, teurer Ledersessel in dem Zimmer. Hernandez sah sich um, konnte den Leichnam jedoch nicht entdecken. Sein Blick glitt wieder zum Safe, als Sanchez zum Fenster deutete.

»Dort liegt er, hinter dem Schreibtisch.«

Hernandez trat an den großen Schreibtisch und reckte sich ein bißchen. Zuerst entdeckte er die Beine des Mannes und dann die geronnenen Blutflecken auf dem grauen Teppich. Graugelbe Hirnmasse klebte an den Wänden und Vorhängen und sprenkelte den Boden. Der Kopf des Mannes war mit einem blutigen weißen Taschentuch zugedeckt. Hernandez unterdrückte das Ekelgefühl und kniete sich hin, um den Toten genauer zu untersuchen.

»He!«

Er drehte sich um. Sanchez stand neben ihm und zündete sich eine weitere Zigarette an.

»Darf ich ihn mir ansehen?« fragte Hernandez.

»Kein angenehmer Anblick. Er hat sich durch den Mund geschossen.«

Hernandez nickte und wandte sich wieder dem Leichnam zu. Das Taschentuch war klebrig von dem geronnenen Blut. Als er es wegzog, fühlte er, wie sich eine Kruste geronnenen Blutes vom Gesicht des Toten löste. Hernandez unterdrückte mit Mühe den aufsteigenden Brechreiz. Die Schädeldecke des Toten war weggesprengt, dort befand sich nun ein Loch in der Größe einer Faust. Überall klebte Hirnmasse, und breite Rinnsale angedickten Blutes quollen dem alten Mann über Kinn und Hals.

Oberhalb des Mundes ließ sich das Gesicht kaum noch erkennen. Der zerschmetterte Kiefer war zu einer letzten, verzerrten Grimasse verzogen, als hätte Tscharkin unmittelbar vor dem Abfeuern der Waffe noch Furcht empfunden. Das Projektil hatte den Gaumen durchdrungen und die Schädeldecke zerschmettert. Die runzlige Hand des Alten ragte gekrümmt in die Luft, wie zu einem letzten, makabren Lebewohl.

Hernandez ließ das blutige Taschentuch wieder zurückfallen und stand auf. Dann sah er die Waffe. Sie lag groß, furchteinflößend und bläulich schimmernd etwa einen Meter von ihm entfernt auf dem grauen Teppich.

Sanchez warf ihm einen Blick zu. »Geht’s dir gut?«

Hernandez schluckte. »Sicher.«

»Es muß schnell gegangen sein. Schmerzlos. Nicht die schlechteste Art, diese Welt zu verlassen, mein Freund.«

»Laut Aussagen der Diener war er nicht verheiratet.«

»Was hat er gemacht?«

Sanchez setzte sich in einen bequemen Ledersessel neben dem Couchtisch. »Er war ein Geschäftsmann, der sich zur Ruhe gesetzt hatte. Anscheinend hat er früher einmal einige Firmen in Paraguay besessen. Vorwiegend Im- und Export.«

»War er ein Immigrant?«

»Mit einem Namen wie Tscharkin ist es ja wohl eher unwahrscheinlich, daß er ein Maca-Indio war, oder?«

Hernandez kritzelte Einzelheiten in sein Notizbuch. »Wie alt?«

»Ende Siebzig. Genau kann ich das nicht sagen.« Sanchez zog an seiner Zigarette und hustete wieder. »Er hat ein langes Leben hinter sich. Hoffentlich hab’ ich genausoviel Glück.«

»Du sagtest was von einer Krankheit?«

Sanchez schnippte die Asche von seiner Zigarette in einen Kristallaschenbecher. »Einer der Diener erklärte, Tscharkin sei in den letzten sechs Monaten häufig ins Krankenhaus gegangen. Außerdem hatte er heute morgen einen Termin in einem Privatkrankenhaus. Er war ziemlich krank. Krebs, sagte der Diener. Er hatte abgenommen und sah längst nicht mehr so blühend aus.« Sanchez warf einen Blick auf den Leichnam. »Na ja, jetzt sieht er noch viel schlimmer aus.«

»Woher wußte der Diener, daß sein Brötchengeber Krebs hatte?«

»Er hat einen Bericht gelesen, den der alte Mann irgendwo hat rumliegen lassen. Ich habe einen meiner Leute ins Krankenhaus geschickt, das er aufgesucht hatte. Das San Ignatio.«

Hernandez warf einen Blick auf den Toten und spürte das Ekelgefühl wieder hochsteigen. Dann machte er ein paar Schritte in Richtung des offenen Wandsafes.

»Ist da was drin?«

Sanchez schüttelte den Kopf. »Nichts.« Er deutete mit seiner Zigarette auf den Kamin. »Aber da drin ist ein großer Haufen Asche. Sieht aus, als hätte er viele Unterlagen verbrannt.«

Hernandez trat an den Kamin. Er hatte gehofft, etwas zu finden, irgend etwas, aber der alte Mann schien es darauf angelegt zu haben, seine Geheimnisse mit ins Grab zu nehmen.

»Kein einziger Schnipsel Papier ist übrig. Nichts als Asche.«

Sanchez starrte nachdenklich auf den Kaminrost. »Ich frage mich, was der alte Mann wohl so dringend verbrennen mußte?«

»Na, ich auch«, pflichtete Hernandez ihm bei.

Sanchez schaute auf, musterte ihn abschätzend und wandte schließlich den Blick ab. »Was soll’s – es ist alles vorbei. Der Fall ist abgeschlossen.«

»Hast du schon vorher mal was von Tscharkin gehört?« Hernandez sah wieder auf den Leichnam, kritzelte einige bedeutungslose Notizen in sein Buch und versuchte, nicht zu interessiert zu klingen.

»Nein. Warum fragst du?«

Hernandez zuckte mit den Schultern. »Ein wohlhabender Mann … Ich dachte einfach, du hättest vielleicht schon mal von ihm gehört.«

»Noch nie. Und du?«

Hernandez drehte sich um und sah, daß Sanchez ihn aufmerksam beobachtete. »Nein, noch nie.«

Ob Sanchez ihm glaubte? Wahrscheinlich nicht, aber er hatte sich Mühe gegeben, aufrichtig zu klingen. Er lächelte. »Schließlich ist Asunción ein Platz voller Geheimnisse, mein Freund, voller anonymer reicher Leute.«

Sanchez betrachtete ihn einige Sekunden. Der Blick seiner halb geschlossenen, undurchdringlichen Augen war aufmerksam, forschend. Er fragt sich, ob ich ihm die Wahrheit erzähle, dachte Hernandez. Sanchez entging nichts.

»Da magst du recht haben«, erwiderte der dicke Capitán schließlich. Er sah zur Seite und stemmte sich mühsam aus dem Sessel hoch. Dann zog er wieder das Taschentuch heraus und tupfte sich die Stirn ab. »Diese Hitze bringt mich um. Willst du ein Bier? Der Kühlschrank ist voll. Importware. Deutsches Bier, holländisches Bier, was du willst.«

»Na klar. Ein Bier wäre jetzt genau das richtige.«

Sanchez wandte sich ab. »Ich bin in fünf Minuten wieder da. Rühr nichts an.«

Hernandez nickte. Der dicke Kriminalpolizist ging zur Tür und verschwand.

Hernandez blieb mitten im Arbeitszimmer stehen und dachte krampfhaft nach. Sein Blick glitt von dem blutigen Leichnam auf dem Boden zu dem offenen Wandsafe und dann zum Kamin. Warum? Warum hatte der alte Mann sich umgebracht? War es tatsächlich die Krankheit? Oder wegen der Leute, von denen Rodriguez ihm, Hernandez, erzählt hatte? Vielleicht hatte man den Alten auch ermordet und es nur als Suizid kaschiert.

Der Journalist ging zu dem großen, rußgeschwärzten Kamin, blieb davor stehen und starrte auf das Rost. Behutsam nahm er einen Schürhaken von dem Gestell daneben und stocherte in der Asche herum. Sanchez hatte recht gehabt: Nicht ein Schnipsel Papier war übrig. Nur Ruß und Asche. Was waren das für Unterlagen gewesen?

Er hängte den Schürhaken zurück und trat schnell an den offenen Safe. Er bemühte sich, leise aufzutreten und horchte gleichzeitig, ob Sanchez wiederkam. Ein flüchtiger Blick genügte: Wie Sanchez gesagt hatte, war der Safe leer. Hernandez trat hinter den Schreibtisch und bemühte sich geflissentlich, den Toten zu seinen Füßen nicht anzusehen.

Die Unterlage und die polierte Oberfläche des Schreibtisches waren mit Blutspritzern übersät. Es waren dicke, geronnene Blutflecken, zwischen denen einzelne Stückchen graugelber Hirnmasse schimmerten. Hernandez verspürte wieder den Ekel. Er schluckte und wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn.

Auf der linken Seite des Schreibtisches befanden sich drei Schubladen. Er probierte erst die oberste Schublade. Sie war unverschlossen und glitt lautlos auf. Drinnen lagen eine Schere, ein Brieföffner aus Quebraco-Holz, wie sie von den Maca-Indios hergestellt und auf den Straßen verkauft wurden, und einige schlichte, weiße Bogen Papier.

Hernandez blätterte sie kurz durch. Sie waren alle unbeschrieben. Er schob die Schublade wieder zu und versuchte die nächste: Leer und offensichtlich unbenutzt. Der Duft des Apfelholzes stach dem Journalisten in die Nase. Er schloß die Schublade und zog die letzte auf. Hier lagen noch mehr Bogen Papier, die Banderole noch ungeöffnet, Gummibänder und eine Schachtel mit Büroklammern. Hernandez schloß die letzte Schublade und betrachtete das getrockente Blut, das scheinbar überall war, musterte den steifen Leichnam mit der gehobenen Hand, die ihren makabren Gruß winkte. Leben Sie wohl, Señor Tscharkin.

Ein Schweißtropfen von seiner Stirn fiel auf das polierte Holz. Er wischte sich die Stirn ab und lauschte auf Sanchez’ Schritte. Jedoch war nichts zu hören außer seinem eigenen schweren Atmen.

Der alte Mann war vorsichtig gewesen. Sehr vorsichtig. Vielleicht hatte er ja irgendwo anders weitere Informationen aufbewahrt. Etwas, das Hernandez einen Fingerzeig lieferte, eine Tür öffnete, damit er endlich wußte, worum es überhaupt ging. Später würde er nie mehr so einfach Zugang zu diesem Arbeitszimmer erhalten, vielleicht überhaupt keinen mehr. Das hier war seine einzige Chance. Er trat an die Bücherregale.

Da standen dicke Wälzer über die Geschichte Paraguays, die Chaco-Kriege, eine López-Biographie, aber auch Bücher über Gärtnerei, über Firmen- und Wirtschaftsrecht, schwere Bände über Import- und Exportbestimmungen. Außerdem eine wunderschöne, ledergebundene, zweibändige Ausgabe von Vasquales’ Werk über paraguayische Geschichte und Kultur. Der Rest waren teure, gebundene Ausgaben von Romanen.

Hernandez zog willkürlich einen Band heraus. Ein Roman in spanischer Sprache, offenkundig ungelesen. Er stellte das Buch zurück und nahm ein anderes heraus, dann immer mehr. Mit demselben Ergebnis: Keines davon hatte Eselsohren, und alle rochen noch ganz neu. Der Alte war wohl kein besonders leidenschaftlicher Leser gewesen. Abgesehen von der Fachliteratur über Wirtschaftsfragen bildeten diese Bücher nur eine Kulisse. Sie gehörten zu dem Image, das der Wohlstand mit sich bringt.

Als er das Buch, das er gerade in der Hand hielt, zurückstellte, klingelte das Telefon.

Hernandez erstarrte, und ihm blieb fast das Herz stehen. Das schrille Geräusch tönte in dem stillen Arbeitszimmer besonders laut. Es klingelte mehrmals, während Hernandez lauschte, wartete, daß Sanchez wieder zurückkam. Aber nichts passierte, nur das Telefon klingelte unaufhörlich. Er trat schnell an den Schreibtisch und nahm den Hörer ab.

»Si?«

»Señor Tscharkin, bitte.« Die Stimme des Mannes am anderen Ende klang ein bißchen weichlich, und im Hintergrund spielte leise Musik. Hernandez glaubte, Ravels ›Bolero‹ zu erkennen. Er warf einen Blick auf den Leichnam des alten Mannes am Boden und dachte einen Moment nach. Es könnte ein Verwandter sein, und es war nicht seine, Hernandez’ Aufgabe, die traurige Nachricht zu übermitteln.

»Worum geht es?« fragte Hernandez, lauter diesmal.

»Señor Tscharkin, ich habe Ihre Stimme gar nicht erkannt!«

Hernandez wollte das gerade richtigstellen, aber der Mann sprach gleich weiter.

»Ich bin der Reservierungsmanager des Excelsior und wollte nur Ihre Buchung bestätigen. Die Vorstandssuite, die Sie für Freitag abend reserviert haben, ist Suite einhundertundzwanzig. Ich stehe Ihnen zur Verfügung und hoffe, daß Ihre Gäste alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit vorfinden.«

»Ja, davon bin ich überzeugt.« Hernandez sagte die Worte, ohne nachzudenken und fühlte, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte. Er sah zur Tür des Arbeitszimmers, weil er dachte, er hätte Schritte gehört. Kam Sanchez zurück?

»Allerdings haben wir ein winziges Problem, Señor«, fuhr der Mann fort. Er klang jetzt gestelzter, formeller. »Morgen am späten Abend kommen einige Stammgäste mit dem Flugzeug nach Asunción. Sie brauchen mehrere Suiten, und wir sind fast ausgebucht. Sie sagten, daß Sie die Suite nur von neunzehn bis einundzwanzig Uhr brauchten. Könnten Sie uns das bestätigen, damit wir unsere anderen Gäste unterbringen können?« Es gab eine kleine Pause. »Können Sie das bestätigen, Señor?«

»Ja, bis neun.« Hernandez schluckte. Das Blut rauschte in seinen Ohren, und jetzt hörte er draußen Schritte.

»Wunderbar!« rief der Mann. »Vielen Dank, Señor. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen noch.«

»Buenas tardes

Hernandez legte den Hörer wieder auf und blickte den Leichnam von Nikolas Tscharkin an. Nein, von einem guten Tag konnte wahrhaft nicht die Rede sein. Als er wieder aufsah, stand Sanchez in der Tür. Er hielt zwei Dosen Bier in der Hand.

»Wer war das?« wollte er wissen und kam ins Zimmer.

»Mein Büro«, log Hernandez.

Sanchez musterte ihn einen Moment, reichte ihm dann das Bier und sah zu, wie Hernandez die eisgekühlte Dose öffnete.

Der Journalist trank einen Schluck des köstlichen kalten Biers. Es war deutsches Bier, aber die Marke erkannte er nicht. Bitter und erfrischend schmeckte es. Er sah Sanchez an. »Gutes Gesöff.«

Sanchez nickte. »Was wollte das Büro von dir?«

»Sie wollten wissen, ob ich hier schon fertig bin.«

Sanchez setzte die Dose an die Lippen und trank. Die Hitze war einfach schrecklich, und nicht der kleinste Lufthauch drang durch das offene Fenster des Arbeitszimmers. Dem Capitán lief der Schweiß in kleinen Rinnsalen über das Gesicht. Er wischte sich mit dem Handrücken die Stirn trocken.

»Und? Bist du fertig?«

»Ich denke schon.«

»Trink dein Bier aus. Dann kümmern wir uns mal um deinen Wagen. Wenn ich ein gewissenhafter Polizist wäre, hätte ich dich schon längst festgenommen, wegen Verkehrsgefährdung.«

Hernandez lächelte. Er trank das Bier in einem Zug leer, verstaute sein Notizbuch in der Gesäßtasche und schob den Stift hinterher.

»Der Kuli gehört mir, Amigo«, erklärte Sanchez.

Hernandez gab ihm grinsend den Stift zurück. »Danke.«

Der Polizist stellte die leere Bierdose ab und deutete mit einem Nicken zur Tür. »Nichts wie raus hier. Bei Leichen wird mir immer unheimlich.«

Hernandez warf noch einen letzten Blick auf den Leichnam des alten Mannes. Dann drehte er sich um und folgte Sanchez ins Freie.

Rudi Hernandez fuhr über die staubigen, glühendheißen Straßen zurück in die Stadt und parkte vor dem Büro der La Trada. Der Motor des betagten Wagens schnurrte wie ein Kätzchen, und Hernandez nahm sich vor, ihn endlich zu reparieren, sobald er Zeit hatte.

Er eilte die Treppe zur Nachrichtenredaktion hinauf, begrüßte seine Kollegen, setzte sich an seinen Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Es dauerte eine knappe Viertelstunde, und er hatte einen kurzen Artikel über den Selbstmord des alten Mannes zusammen. Nur die nackten Fakten: Name, Adresse und die Hintergrundinformationen, die Sanchez ihm gegeben hatte. Er wußte alles noch auswendig und brauchte nicht in sein Notizbuch schauen, das auf dem Schreibtisch vor ihm lag.

Es war fast vier Uhr nachmittags, als er seinen Artikel abspeicherte, um ihn dem Nachrichtenredakteur zu geben. Zeit, Feierabend zu machen. Er sah sich nach Mendoza um, konnte ihn jedoch nicht entdecken. Auch gut. Der Redakteur würde sicher ein Bier trinken wollen, Hernandez hingegen hatte ganz andere Dinge im Kopf. Er nahm sein Notizbuch heraus, schlug es auf und las, was er sich aufgeschrieben hatte, nachdem er Tscharkins Haus verließ: Freitag, 19 bis 21 Uhr, Suite einhundertzwanzig, Hotel Excelsior.

Noch zwei Tage. Die Frage war nur: Was sollte dort geschehen? Warum hatte Tscharkin den Raum nur für zwei Stunden angemietet? Eine Konferenz? Es mußte sich um eine Konferenz handeln.

Wenn dem so war, dann brauchte er, Hernandez, einen Plan, um in die Suite zu gelangen, damit er hörte, was dort besprochen wurde. Er räumte seinen Schreibtisch auf, ging hinunter in die Tiefgarage und fuhr zum Hotel Excelsior an der Calle Chile.

In der Lobby herrschte reger Betrieb. Das Excelsior war ein luxuriöser Palast mit Orientteppichen und dunklem Holz, das beste Hotel in der Stadt. Er hatte dort schon einmal eine Nacht verbracht, mit der hübschen Journalistin einer amerikanischen Zeitung, deren Sympathie er geweckt hatte, indem er ihr im Auftrag seiner Zeitung bei einem Sonderbericht half. Nachdem sie ihre Recherchen abgeschlossen hatte, nahm sie Hernandez mit auf ihr Zimmer. Sie hatten eine aufregende Nacht und einen schönen Tag miteinander verbracht und sich zwischen ihren Liebesspielen vom Zimmerservice Champagner und Essen bringen lassen. Glücklicherweise hatte sich die Zeitung der jungen Frau sehr großzügig gezeigt, was die Spesen anging.

Jetzt fuhr Hernandez mit dem Lift in den ersten Stock und fand die Suite ohne Schwierigkeiten. Er merkte sich die Zimmernummern der benachbarten Suiten und die Lage der Zimmer im ersten Stock, bevor er wieder zur Lobby hinunter und auf den Parkplatz zu seinem alten, roten Buick hinausging. Dabei prägte er sich den Weg genau ein.

Es war noch immer heiß, und während der Fahrt zu seiner Wohnung ließ er die Scheiben heruntergekurbelt. Er rauchte eine Zigarette und versuchte, sich einen Plan zurechtzulegen. Der Schlüssel zu allem war Tscharkin. Nur leider war der jetzt tot. Und der alte Mann war Hernandez’ einzige Spur gewesen.

Als er zwanzig Minuten später in seine Wohnung kam, hörte er das leise Summen der Klimaanlage im Fenster. Er hatte am Morgen vergessen, sie auszustellen, so daß es nun angenehm kühl war.

Von seiner Wohnung aus besaß er eine großartige Sicht über die Stadt und den Fluß südlich von Asunción. Rudi liebte diese typische Junggesellenwohnung mit einem Schlafzimmer und einer Couch im Wohnzimmer, auf der er geschlafen hatte, solange Erika zu Besuch gewesen war. Er ging in die Küche, schenkte sich einen großzügigen Scotch ein, fügte ein bißchen zerstoßenes Eis hinzu und setzte sich an das offene Fenster. Gedankenverloren betrachtete er die Boote, die den Rio Paraguay stromauf- und abwärts glitten.

Manchmal haßte er Asunción, und manchmal liebte er diese Stadt.

Unwillkürlich schweifte sein Blick zu dem Foto seiner Eltern auf dem Bücherregal in der Ecke des Wohnzimmers. Warum war seine Mutter ausgerechnet in eine so gottverlassene Stadt wie Asunción gezogen? Trotzdem, hier war seine Heimat, und er paßte eher hierher als in die Heimat seiner Mutter. Er verabscheute die Armut, die Korruption der paraguayischen Hauptstadt; er liebte die Mädchen, die Sonne, die lockeren Mestizen.

Dann leerte er das Glas und stellte es auf den Tisch. Im Raum schwebte immer noch der Duft von Erikas Parfüm.

Erneut betrachtete er das Foto auf dem Regal. Sein Vater: dunkel, gutaussehend und lachend. Seine Mutter war blond und hübsch, aber ihr nordisches Gesicht zeigte ein gespanntes Lächeln. Sie hätte ruhig ein bißchen mehr lächeln können, seine alte Dame. Aber sie hatte wohl gerade keinen Grund zum Lächeln gefunden. Das war einer der Vorteile, die er seinem Mestizenblut verdankte: den Hang zur Fröhlichkeit.

Er lächelte auch jetzt, als er an die Suite im Hotel Excelsior dachte. Unvermittelt kam ihm ein Plan in den Sinn, einfach so, und er schien ihm perfekt zu sein. Hernandez griff zum Telefon und wählte die Nummer. Seine Hände zitterten vor Aufregung und vor Angst.

Vielleicht hatte die alte Indiofrau an der Calle Estrella ja recht gehabt: Möglicherweise brachte Erika ihm tatsächlich Glück.

Das hoffte er jedenfalls.

Im anderen Fall konnte es durchaus möglich sein, daß man auch ihn irgendwo tot auffand.

5. KAPITEL

Richmond, Surrey, England.
24. November.

Auf der ruhigen Straße mit den roten, viktorianischen Ziegelhäusern spazierten keine Fußgänger. Und auch der kleine Park gegenüber war an diesem Wintertag menschenleer.

Das schwarze Taxi hielt vor dem Haus Nummer einundzwanzig. Volkmann zahlte und stieg aus. Der Tag war kalt und bewölkt, und es sah nach Schnee aus. Joe ging über den schmalen Fußweg zur Haustür. Der Garten war verwildert, und Unkraut wucherte zwischen den kahlen Rosensträuchern.

Als Volkmann die Tür aufschloß und eintrat, hörte er schwach die Musik aus dem hinteren Teil des Hauses und lächelte. Cole Porter sang ›Night and Day‹.

Er ließ seine Reisetasche an der Tür stehen und schritt an dem kleinen Salon vorbei. Durch die geöffnete Tür sah er die silbergerahmten Fotografien auf dem Kaminsims und der Anrichte aus Walnußholz und den Krimskrams, den die alte Frau in über vierzig Jahren angesammelt hatte.

In der Küche verbreitete der große Eisenherd wohlige Wärme. Die Tür am anderen Ende stand offen, und die Musik wurde lauter, als Joe hindurchging.

Sie saß am Fenster des Musikzimmers, und ihr graues Haar berührte fast den Konzertflügel. Der Gehstock mit dem silbernen Griff lag auf dem hochglanzpolierten Steinway. Sie blickte auf, als er um die Ecke kam, und lächelte. Dann setzte sie die Brille ab.

»Ich habe schon befürchtet, du würdest gar nicht mehr kommen.«

Er lächelte liebevoll, trat neben sie und küßte sie auf die Wange.

»Bedauerlicherweise habe ich nur zwei Tage Zeit. Samstag muß ich wieder zurück.«

Sie legte ihm die Hand auf die Wange. »Das spielt keine Rolle. Schön, dich zu sehen, Joseph. Wie war dein Flug?«

»Wir hatten zwei Stunden Verspätung. Warum gehen wir nicht in die Küche? Dort ist es wärmer.«

Er reichte ihr den Gehstock und stützte sie am Arm, während sie zur Tür humpelte.

»Ich habe zwei Karten für das Barbican heute abend ergattert. Glaubst du, daß du es schaffst?«

»Heute? Das ist ja herrlich, Joseph.«

»Peer Carinni gastiert. Er spielt die drei ›großen‹ Sonaten von Beethoven.« Er lächelte die alte Frau an. »Und wie geht es unserer Patientin?«

»Viel besser, jetzt, wo du da bist. Komm, wir trinken einen Tee, und du erzählst mir dabei von Straßburg.«

Das Haus veränderte sich nie. Jedesmal, wenn er hierher zurückkam, fand er es so vor, wie er es in Erinnerung hatte. Dieselben vertrauten Gerüche, dieselbe friedfertige Ruhe, die ihn wie ein warmer Kokon einhüllte, und immer spielte irgendwo im Hintergrund Musik. Im Augenblick drang aus dem Radio leise eine Bach-Kantate.

Sie saßen in der Küche und tranken Tee. Mutter hatte ihm einen Teller mit Keksen neben die Tasse gestellt, aber er rührte das Gebäck nicht an. Wieder beschlich ihn das alte Schuldgefühl: Die Vorstellung, wie sie in diesem großen, alten Haus allein auf ihren Gehstock mit dem Silberknauf gestützt umherschlurfte.

Ihr nächster Geburtstag war ihr fünfundsechzigster. Sein Blick streifte die Fotos an der Wand über dem Herd. Sie zeigten seine Eltern, aufgenommen worden waren sie vor dreißig Jahren. Mutter fiel darauf das dunkle Haar ins Gesicht, während sie in die Kamera lächelte. Daneben er selbst, als kleiner Junge auf ihren Knien vor dem Strandhaus in Cornwall.

»Erzähl mir von Straßburg«, forderte sie ihn wieder auf.

Volkmann setzte die Teetasse aus Chinaporzellan ab. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir haben noch so viel zu tun. Die meiste Zeit der letzten achtzehn Monate habe ich damit verbracht, die ganze Geschichte überhaupt in Gang zu setzen. Überall herrscht Mißtrauen. Die Franzosen trauen uns Engländern nicht, und umgekehrt ist es das gleiche.« Er lächelte sie an. »Und die Italiener trauen natürlich gar keinem. So sieht es aus mit der gegenseitigen Zusammenarbeit in Fragen der Sicherheit.«

»Und Anna? Hast du von ihr gehört?«

»Sie ruft mich ab und zu an. Offenbar hat sie jemanden kennengelernt. Einen Stabsoffizier vom Militärcollege.«

»Kennst du ihn?«

»Nein. Er hat vier Jahre nach mir den Abschluß gemacht.«

Volkmann stand auf, legte ihr die Hand auf die Schulter und lächelte seiner Mutter in das runzlige Gesicht.

»Komm, ich möchte, daß du für mich spielst. Wir haben noch Zeit bis zum Konzert. Ich bestelle uns ein Taxi für sieben Uhr.«

Während sie mit dem Taxi in die Stadt fuhren, begann es zu schneien, zuerst nur leicht, doch bald wirbelte ein dichter Vorhang aus dicken Flocken vor ihnen her. Als der Wagen vor dem Barbican anhielt, waren die Straßen mit Schnee bedeckt, doch der rege Londoner Verkehr verwandelte das jungfräuliche Weiß rasch in ein schmutziges Matschgrau.

Einige Leute im Foyer erkannten Mrs. Volkmann und kamen zu ihr, um sie zu begrüßen. Nach dem Konzert gingen sie und ihr Sohn noch mit ein paar Freunden in ein italienisches Restaurant. Mrs. Volkmann hatte die Leute früher kennengelernt, als sie noch auf Konzerttourneen ganz Europa bereiste. Einer von ihnen war ein italienischer Diplomat, dem Volkmann noch nie zuvor begegnet war, und Mutter erzählte, daß sie seine Frau und ihn bei einem Konzert in Ravenna kennengelernt habe.

Der Italiener war Ende Fünfzig, grauhaarig und ziemlich groß. Er wirkte sehr distinguiert, hatte jedoch ein theatralisches Wesen, und Volkmann fand, daß der Mann auf den Brettern einer Bühne besser aufgehoben gewesen wäre als auf dem Parkett der Diplomatie. Der Diplomat hatte Volkmanns Mutter acht Jahre lang nicht mehr gesehen, erinnerte sich aber sehr liebevoll an sie.

»Sie hätten wesentlich besser gespielt als der Künstler, den wir heute abend gehört haben, bella Signora. Sie müssen unbedingt nach Rom kommen. Ich werde es arrangieren.«

Er übertrieb maßlos, aber es heiterte sie trotzdem auf.

Beim Dessert kam das Gespräch auf Politik.

»Natürlich machen sich alle Sorgen. Es gibt soviel Instabilität.« Der italienische Diplomat zuckte mit den Schultern. »Wir können nur hoffen. Meine eigene Regierung hat eine neue Kreditvereinbarung für Wirtschaftsunternehmen ratifiziert, die in Schwierigkeiten geraten sind. Aber die Banken, na ja, die Banken behaupten, es wäre kein Geld da. Wo soll das alles enden?« Der Diplomat zuckte noch einmal theatralisch mit den Schultern und widmete sich dann wieder seinem Dessert.

Der wird auch weiterhin in den besten Restaurants essen, dachte Volkmann, und die erlesensten Weine trinken. Was bei ihm zu Hause vorging, traf ihn nicht im geringsten. Aber bei den Worten des Mannes mußte Volkmann an Sally Thorntons Bemerkungen denken.

Es war schon nach eins, als das Taxi wieder in ihre Straße einbog. Es hatte aufgehört zu schneien, und als sie an dem Park vorbeikamen, bat die alte Frau den Fahrer anzuhalten. Den Rest des Weges wolle sie zu Fuß zurücklegen, die Bewegung, so sagte sie, bekomme ihr gut. Volkmann half ihr beim Aussteigen und hielt ihren Arm. Der Schnee war weich unter ihren Füßen, und seine Mutter ignorierte seine Proteste. Sie fühle sich jetzt schon viel besser, erklärte sie ihm, der Abend habe ihr gutgetan.

Sie gingen durch das Tor in den Park. Die Bäume waren gespenstisch weiß, und der Schnee ließ die Umrisse ihrer Äste und Zweige deutlicher hervortreten. Die Lücken dazwischen wirkten wie graue Löcher.

Auf dem Weg zum Haus hinkte Mutter nicht mehr. Einem Künstler, der krank geworden war, solle der Arzt eine Runde Applaus verschreiben, keine Pillen, hatte Volkmanns Vater einmal gesagt, und er mußte unwillkürlich lächeln, als ihm die Bemerkung wieder einfiel.

Seine Mutter sah ihn an. »War Carinni nicht einfach göttlich?«

Sie waren am Ausgang des Parks angekommen, und Volkmann sah auf sie hinunter.

»Dich habe ich schon besser spielen hören.«

Sie lächelte. »Du bist ein Schmeichler, Joseph. Aber du weißt, wie man das Herz einer alten Frau gewinnt.«

Sie blieb stehen, um wieder zu Atem zu kommen, und während sie den verschneiten Park musterte, beobachtete er sie. Nach einer Weile ging sie weiter und trat durch die offenen Gittertüren. Er blieb dicht hinter ihr.

»Das erinnert mich an etwas …« sagte sie.

»An was?« fragte Volkmann.

»An meine Kinderzeit. Als ich noch ein kleines Mädchen war. An Weihnachten. In Budapest hat es im Winter immer geschneit.« Sie sah ihn an, und er konnte undeutlich ihr Gesicht erkennen. »Aber das ist schon so lange her. Lange, bevor ich deinen Vater kennenlernte.«

»Erzähl’s mir noch einmal.«

Er hatte es schon gehört, sehr oft, und die Worte hatten für ihn etwas Beruhigendes an sich, wie eine vertraute Litanei. Die Jahreszeit des Überflusses in Budapest und die Vorfreude auf Weihnachten. Wenn die blaue Fahne über dem gefrorenen See am Oktogon-Platz wehte und bekanntgab, daß das Eis dick genug war, um Schlittschuhlaufen zu können; wenn rote Kerzen behaglich in den Fenstern der Häuser flackerten und das Gefühl der Wärme vermittelten; der Duft der Öllampen und die großen, dicken Rauchwolken der Kohlenfeuer, die in die kalte Luft aufstiegen. Das war das Budapest aus alter Zeit, die Stadt ihrer Kindheit.

Doch die alte Frau schwieg. Volkmann sah sie an und bemerkte, daß sie sich Tränen aus den Augen wischte. Er berührte sie sanft am Arm.

»Komm, sonst erkältest du dich noch.«

Da drehte sie den Kopf und ließ ihren Blick erneut über den weißen Park schweifen. Volkmann nahm ihren dünnen Arm, bevor die Melancholie sie überwältigte. Als er ihr Gesicht betrachtete, erinnerte er sich wieder an die junge Frau am Strand von Cornwall vor all den Jahren.

Sie blickte ihn an, und er bemerkte die Trauer in ihren feuchten, braunen Augen. »Ich vermisse ihn, Joseph. Ich vermisse ihn so sehr.«

Volkmann beugte sich zu ihr, nahm ihr runzliges Gesicht in beide Hände und küßte sie auf die Stirn.

»Wir vermissen ihn beide.«

6. KAPITEL

Asunción.
Freitag, 25. November.

Die große Boeing 747 der Iberia Airlines drehte eine letzte Schleife und setzte dann zur Landung auf dem Flughafen Campo Grande an.

Keiner der Passagiere an Bord des vollbesetzten Jumbo-Jets war an diesem Spätnachmittag so müde wie der etwa vierzigjährige Mann in dem zerknitterten blauen Anzug, der ruhig auf seinem Platz in Reihe dreiundzwanzig saß.

Der Flug von München nach Madrid war ja noch erträglich gewesen, aber die lange Reise von Madrid nach Asunción hatte ihren Preis gefordert. Sein Körper fühlte sich ausgetrocknet an und schmerzte.

Vor fast drei Monaten hatte er Paraguay zuletzt besucht. Damals konnte er Land und Leuten nichts abgewinnen, und es war eher unwahrscheinlich, daß es diesmal anders sein würde. Die Moskitos. Die Hitze. Die temperamentvollen Einheimischen. Wenigstens würde dieser Aufenthalt nur vierundzwanzig Stunden dauern, und dafür war er dankbar.

Der Mann in dem dunkelblauen Anzug legte sich den ledernen Aktenkoffer auf den Schoß und ließ die Schlösser aufschnappen. Sorgfältig untersuchte er den Inhalt und überzeugte sich, daß alles in Ordnung war.

Eine hübsche Stewardeß schritt den Gang entlang und überprüfte ein letztes Mal die Sicherheitsgurte. Der Mann blickte auf und betrachtete die braungebrannten Beine und die schmalen, wiegenden Hüften. Die junge Frau blieb neben ihm stehen, feuerte eine Salve spanischer Worte auf ihn ab und deutete auf den Aktenkoffer, bevor sie weiterging. Der Mann schloß den Koffer wieder, verstaute ihn umsichtig unter dem Sitz vor sich und stellte den Sitz zurück.

Durch das Fenster sah er auf die ausgedehnten schmuddeligen Vororte von Asunción, die flachen weißen und gelben Ziegelhäuschen und die Wellblechhütten in den Barrios. Die Maschine erbebte, und er hörte, wie die Klappen surrend ausgefahren wurden. Mit einem dumpfen Geräusch rastete das Fahrwerk ein.

Fünf Minuten später sah er die beruhigenden gelben Lichter der Rollbahn vor sich und spürte das Rumpeln der Räder auf dem Beton, als der Jumbo eine perfekte Landung hinlegte.

Der Mann – er hieß Meyer – hatte seinen Koffer vom Laufband genommen, und zwanzig Minuten später passierte er anstandslos den Zoll.

In der Menschenmenge der Ankunfthalle wartete bereits ein großer, blonder junger Mann mit einer kleinen Tafel. Pieter de Baers stand darauf. Meyer trat vor. Der junge Mann nahm ihm den Koffer ab und bedeutete ihm mitzukommen.

Ein schwarzer, schmuddeliger Mercedes parkte in der Nähe. Meyer sah die drei Insassen an, die auf ihn warteten. Schmidt saß unbeweglich wie ein Felsbrocken auf dem Vordersitz, und zwei andere Männer hatten es sich auf der Rückbank gemütlich gemacht.

Beide trugen makellose Anzüge und lächelten, als sie Meyer sahen.

Der eine war jünger, Mitte Dreißig, und trug einen hellgrauen Anzug. Er war untersetzt, und sein dunkles Haar glänzte von Gel. Man konnte ihn zwar nicht direkt als gutaussehend bezeichnen, aber er wirkte verwegen, und sein breites Gesicht war von vielen Jahren unter der Sonne braungebrannt.

Der zweite mußte Anfang Sechzig sein, sah jedoch erheblich jünger aus. Er war groß, schlank und sehr anziehend, sein silbergraues Haar mehr silbrig als grau, und er hatte es sich aus dem gebräunten Gesicht zurückgekämmt. Der Mann erweckte den Eindruck eines selbstsicheren Diplomaten und trug einen anthrazitfarbenen Anzug mit einem weißen Hemd und einer roten Seidenkrawatte. Seine freundlichen blauen Augen strahlten zuversichtlich. Ganz eindeutig besaß der Mann Charisma. Er hob die Hand und lächelte, als Meyer sich näherte.

Der blonde Fahrer verstaute Meyers Koffer im Heck des Wagens, und Schmidt stieg aus, um ihm die Hintertür zu öffnen.

Als Meyer auf den Rücksitz glitt, schüttelten ihm die beiden anderen Mitfahrer nacheinander die Hand.

»Hattest du einen guten Flug, Johannes?« fragte der silberhaarige Mann.

»Ja, danke«, erwiderte Meyer auf deutsch.

Er zog ein Taschentuch aus der Brusttasche und tupfte sich die Stirn ab. Trotz der Klimaanlage war die Hitze in dem Mercedes beinahe unerträglich. Meyer fühlte sich nach dem langen Flug erschöpft und ausgelaugt und hoffte, daß die Konferenz nicht lange dauerte. Nein, sie kann nicht lange gehen, dachte er. Alles ist in bester Ordnung, da bin ich mir ganz sicher.

Dann wandte er sich an den jungen, dunkelhaarigen Mann. »Irgendwelche Probleme?«

Krüger sah ihn kühl an und schüttelte den Kopf. »Nein, aber es gibt schlechte Nachrichten.«

»Aha?« fragte Meyer unbehaglich. Hatte es mit dem Projekt zu tun? Das kann nicht sein, sagte er sich. Damit war bestimmt alles in Ordnung.

»Wir reden unterwegs darüber, Johannes«, erklärte Krüger und klopfte dem Fahrer auf die Schulter.

»Zum Hotel, Karl.«

Als der Wagen anfuhr, ließ Meyer sich zurücksinken, tupfte sich weiter die Stirn ab und versuchte sich auszumalen, was das wohl für schlechte Nachrichten sein mochten.

Rudi Hernandez war müde. Er hatte bis morgens um drei wachgelegen, immer wieder seinen Plan durchdacht und die Ausrüstung überprüft, die Ricardo Torres ihm am Abend zuvor geliehen hatte.

»Sorg dafür, daß die Sachen heil zurückkommen«, hatte Torres ihn ermahnt. »Sonst tritt mir mein Boß in den Arsch, und ich kann vor dem Zoo Nüsse verkaufen gehen, comprende

Na klar. Hernandez hatte ihn verstanden.

Die Ausrüstung war teuer. Torres hatte ihm die einzelnen Gegenstände erklärt und ihn dann ein zweites Mal gefragt, was Hernandez damit vorhatte. Vorher hatte er die Frage gestellt, als Rudi ihn anrief, um ihn um die Ausrüstung zu bitten.

Hernandez hatte nur geheimnisvoll gelächelt. »Undercover-Arbeit.«

Torres hatte ihn skeptisch angesehen. »Na gut, aber wenn was kaputtgeht, bezahlst du, si? Vergiß das nicht, Rudi.«

Hernandez hatte es ihm hoch und heilig versprochen. Aber was sollte schon schiefgehen? Er brauchte das Zeug nur einen Abend und würde es natürlich heil zurückgeben.

Am nächsten Morgen war er sehr früh zur La Tarda gefahren, hatte um fünfzehn Uhr Feierabend gemacht und war direkt in seine Wohnung zurückgefahren. Vorbereitet hatte er zwar schon alles, aber er überprüfte es trotzdem noch einmal. Nur kein Risiko eingehen, nur keine Pannen riskieren.

Anschließend spielte er kurz mit dem Gedanken, sich einen Drink zu genehmigen, entschied sich jedoch dagegen. Er mußte einen klaren Kopf behalten und nüchtern bleiben. Es wäre dumm, seinen Plan unnötig zu gefährden. Dafür stand zuviel auf dem Spiel. Er überlegte, ob er Erika anrufen sollte. Einfach nur, um Hallo zu sagen, um ihre Stimme zu hören, weil er jetzt so aufgedreht war, nervös und beunruhigt. Er konnte nur hoffen, daß alles klarging. Wenn alles wie geplant funktionierte, kam er vielleicht mit heiler Haut davon.

Falls der Plan funktionierte.

Wenn nicht, dann saß Rudi ziemlich tief in der Patsche, es sei denn, er könnte schnellstens aus dem Hotel fliehen. Er rief sich die Lage des Notausgangs auf dem ersten Stock ins Gedächtnis, der zur Rückseite des Hotels führte. Das war sein Schlupfloch. Vielleicht würde er es benötigen.

Er stand da und ging in die Küche, schenkte sich eine lauwarme Cola ein, fügte ein paar Eiswürfel dazu und setzte sich wieder ins Wohnzimmer. Er nippte an seinem Glas, zündete sich eine Zigarette an, dachte an seinen Plan, versuchte die Haken zu finden. Es gab keine, befand er schließlich. Nur Risiken.

Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und stand auf. Seine rastlose Unruhe ging ihm auf die Nerven. Er holte den Koffer aus dem Schlafzimmer, der bereits mit allem gepackt war, was er sonst noch brauchte, und schlurfte zurück ins Wohnzimmer.

Er legte den Koffer auf die Couch, öffnete die Schlösser und vergewisserte sich, daß er nichts vergessen hatte. Erneut überprüfte er die Ausrüstung auf dem Couchtisch, die Torres ihm geliehen hatte.

Er nahm sich jedes Stück einzeln vor und verstaute es sorgfältig zwischen den Kleidungsstücken im Koffer. Er sorgte dafür, daß nichts klapperte, und rief sich Torres’ Warnung ins Gedächtnis, wie empfindlich die Geräte seien. Nachdem er ein weiteres Mal alles kontrolliert hatte, schloß er den Koffer und stellte am Zahlenschloß eine neue Nummer ein.

Ein Anflug von Angst ließ ihn erbeben. Er sah auf seine Hände. Sie waren feucht und zitterten. Ihm kam es so vor, als würden sie schon seit achtundvierzig Stunden zittern. Ihm war heiß, trotz der Klimaanlage. Er holte tief Luft und atmete dann allmählich aus.

Entspann dich, mein Freund, dachte er. Bleib ruhig. Ansonsten bist du tot, noch bevor du angefangen hast.

Er sah auf die Uhr. Halb sechs.

Die Zeit reichte gerade noch, sich umzuziehen. Dann mußte er gehen.

Der große, schwarze Mercedes glitt ruhig durch den abendlichen Verkehr in Richtung Stadt. Die Glastrennscheibe zwischen Fahrer und Passagieren war geschlossen und gestattete den Insassen des Fonds eine ungestörte Unterhaltung.

Meyer blickte durch die getönten Scheiben auf die Lichter, von denen in der aufkommenden Dämmerung immer mehr funkelten. Er betrachtete die kleineren Wagen, die rechts und links auf der dreispurigen Straße an ihnen vorbeihuschten. Bald waren sie in der Stadt, bei ihrem letzten Treffen in diesem schrecklichen Land.

Ein verrosteter, alter gelber Pickup schob sich langsam an ihnen vorbei. Ein Indio mit einem Cowboyhut saß hinter dem Steuer, und seine fette Frau thronte mit einem schreienden Baby auf dem Schoß neben ihm. Die Fenster waren heruntergekurbelt, und aus dem Autoradio drang in voller Lautstärke paraguayische Volksmusik. Auf der Ladefläche des Pickups tummelte sich ein halbes Dutzend braungesichtiger, schmutziger Kinder wie die Äffchen. Ein kleiner Junge schnitt eine Grimasse, zog seine Hose herunter und zeigte ihnen den blanken Hintern, während der Kleinlaster an dem Mercedes vorbeifuhr.

Schmutzige, dumme Latinos, dachte Meyer und drehte angewidert den Kopf zur Seite. Wie hielten seine Leute es hier bloß aus? Meyer sah Krüger an. Er konnte die Spannung nicht mehr ertragen.

»Was sind das für Neuigkeiten?« fragte er langsam.

»Tscharkin hat sich vor zwei Tagen erschossen.«

Meyer sah den anderen überrascht an. »Er ist tot?«

Krüger nickte. »Es war wohl sowieso nur eine Frage von Stunden. Krebs. Also hat er sich lieber auf die schnelle Weise verabschiedet. Vorher hat er Franz noch einen Brief geschickt. Die Schmerzen seien einfach zu stark, schrieb er, und er wünschte uns Glück. Er bedauerte, daß er es nicht geschafft hat.«

Meyer nickte verständnisvoll. Er erinnerte sich schwach daran, daß Franz schon früher einmal Besorgnis über Tscharkins Gesundheitszustand geäußert hatte.

»Ein schwerer Verlust«, meinte Meyer. Ein anderer Gedanke schoß ihm plötzlich durch den Kopf. Ein furchtbarer Gedanke. »Seine Unterlagen …«

Besorgt blickte er den silberhaarigen Mann ihm gegenüber an.

Der lächelte. »Kein Grund zur Beunruhigung, Johannes. Tscharkin hat alle Papiere verbrannt. Alles. Es gibt nichts mehr, was uns verraten könnte. Absolut nichts.«

»Haben unsere Leute das überprüft?«

»Franz hat angerufen, nachdem die Polizei verschwunden war«, antwortete Krüger nun. »Es gibt wirklich überhaupt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Franz hat es zusammen mit den Dienern überprüft. Die Polizei hält es für einen eindeutigen Selbstmord.«

»Hat er auch Tscharkins Büro und alle Akten durchsucht?«

»Es gab nur noch ein paar alte Fotoalben. Er hat sie mitgenommen.«

»Und der Banksafe?«

»Den hat Tscharkin selbst geleert. Er hat alles verbrannt, bevor er den Abzug gedrückt hat.« Er sah Meyer an. »Ich bin sicher, daß Franz sehr gründlich war.«

Meyer nickte. »Und was ist mit den Arrangements für das Treffen?«

»Tscharkin hat Franz mitgeteilt, daß das Hotel wie immer organisiert sei. Der hat es natürlich trotzdem überprüft, nur um sicherzugehen. Alles war in Ordnung.« Krüger hielt inne und lächelte. »Er war sehr vorsichtig, der alte Nikolas. Im Tode so sehr wie im Leben.«

Krüger drehte den Kopf zum Fenster. Der silberhaarige Mann lehnte sich noch weiter in seinen Sitz zurück.

Meyer seufzte erleichtert und entspannte sich ebenfalls.

Hernandez kam zehn Minuten vor sechs am Excelsior an und parkte seinen Buick zwanzig Meter von dem Notausgang entfernt, der auf den Parkplatz führte.

Er kontrollierte, daß niemand auf dem Parkplatz war, dann ging er zu den Türen, legte seine Hände gegen das Metall und drückte kräftig. Sie waren mit Riegeln verschlossen, die nur von innen geöffnet werden konnten. Er hatte bereits überprüft, ob sie wirklich funktionierten. Sie taten es anstandslos. Obwohl er hoffte, er würde die Tür nicht benutzen müssen, wollte er kein Risiko eingehen: Das Aufschwingen der Türen nach außen durfte durch nichts behindert werden.

In der Nähe standen zwar Mülleimer für die Küchenabfälle, aber sie versperrten die Tür nicht. Zufrieden kehrte Hernandez zu seinem Wagen zurück, holte die Reisetasche heraus und ließ die Fahrertür unverschlossen. Dann ging er um das Hotel herum zum Haupteingang.

Er trug eine dunkle Sonnenbrille und einen grauen Anzug, den er seit Jahren nicht mehr angezogen hatte. Der Anzug war zwar ein wenig unmodisch und zwickte zudem leicht unter den Armen, aber mit dem sauberen weißen Hemd und der blauen Seidenkrawatte wirkte Rudi respektabel genug. Als er sich nach der Dusche angezogen hatte, hätte er sich im Spiegel fast nicht wiedererkannt. Seinen Pony hatte er mit Gel nach hinten gekämmt; dadurch wirkte sein Haar dunkler und dichter.

Durch die hell erleuchtete Lobby steuerte er geradewegs auf die Rezeption zu, hinter der ein fetter Mann in einem dunklen Anzug stand und in seinen Unterlagen blätterte.

Er blickte hoch, als sich Hernandez näherte. »Señor?«

»Ich habe ein Zimmer reserviert. Auf den Namen Ferres.«

»Einen Augenblick, Señor.« Der fette Mann drehte sich zu dem Computer um und tippte mit seinen Wurstfingern den Namen ein. »Señor Ferres«, sagte er, ohne aufzublicken. »Zimmer einhundertvier. Erster Stock.« Jetzt sah er hoch und lächelte. Ein gekünsteltes Lächeln, unecht wie aus Plastik. »Unser letztes freies Zimmer. Sie hatten Glück.«

Das hoffe ich, dachte Hernandez. Erst vorgestern hatte er das Hotel angerufen, um die Reservierung vornehmen zu lassen. Dem Angestellten hatte er gesagt, daß er schon einmal im ersten Stockwerk übernachtet hätte und ihm die Aussicht besonders gut gefiel. Gespannt hatte er gewartet, während der Mann nachsah, und erleichtert aufgeatmet, als er erfuhr, daß noch ein Zimmer frei war. Allerdings nur ein Doppelzimmer. Hernandez hatte sich auch damit einverstanden erklärt.

»Begleichen Sie die Rechnung in bar oder mit Kreditkarte?« fragte der Hotelangestellte jetzt.

»In bar«, antwortete Hernandez. »Und ich würde gern jetzt schon bezahlen. Ich muß morgen früh aufbrechen.«

»Aber gewiß doch.«

»Außerdem kommen bald einige Freunde vorbei. Schicken Sie mir bitte eine Flasche Champagner und ein paar Cocktailhäppchen aufs Zimmer.«

»Selbstverständlich, Señor. Ich veranlasse das sofort.« Der fette Mann nahm den Hörer ab und rief den Zimmerservice an. Nachdem er Hernandez’ Zimmernummer und die Bestellung aufgegeben hatte, legte er auf und schenkte Hernandez ein weiteres künstliches Lächeln.

»Einen Augenblick noch, Señor. Ich mache Ihnen sofort die Rechnung fertig. Und dann lasse ich Ihnen das Gepäck auf Ihr Zimmer bringen.«

Drei Minuten später hatte Hernandez bezahlt und trat in der ersten Etage aus dem Lift.

Der Page ging mit dem Koffer voraus zu Hernandez’ Zimmer, das am Ende des Korridors, fünf Zimmer von Tscharkins Suite entfernt, auf der anderen Seite des Flurs lag. Für Rudi war es enorm wichtig gewesen, ein Zimmer auf derselben Etage zu bekommen. Und daß er das letzte freie Zimmer ergattert hatte, war sicherlich ein gutes Omen. Nach der Reservierung des Zimmers war er noch am gleichen Abend wieder ins Excelsior gegangen, um sich den Korridor genau anzusehen. Das Zimmer, das man ihm zugewiesen hatte, war ideal: nicht zu dicht dran und nicht zu weit weg.

Hernandez folgte dem Pagen in das Zimmer. Der Junge schaltete die Lichter ein, stellte den Koffer auf das dafür vorgesehene Regal und wartete auf sein Trinkgeld. Hernandez drückte ihm die Münzen in die Hand. Der Page lächelte, wünschte einen guten Abend und entfernte sich.

Hernandez ging ans Fenster und starrte hinaus. Die ersten Lichter flammten überall auf, während sich die Dunkelheit rasend schnell über die Stadt senkte. Das verstärkte seine Besorgnis und seine Unsicherheit über seinen Plan noch.

Jetzt hatte er wirklich Angst. Er schluckte und sah auf die Uhr. Sechs. Wer auch immer das Zimmer am anderen Ende des Flurs gemietet hatte, würde bald kommen. Es klopfte laut an der Tür, und Hernandez blieb fast das Herz stehen. Dann erinnerte er sich an seine Bestellung.

Er ließ den Kellner in dem weißen Jackett herein und sah zu, wie er den Servierwagen mit dem Champagner und den Appetithäppchen vor sich herschob. Der Mann lächelte und plauderte belangloses Zeug, und Hernandez hörte ihm geistesabwesend zu.

Umständlich baute der Kellner den Servierwagen in der Mitte des Zimmers auf. Hernandez bat ihn, den Wagen im Zimmer zu lassen und die Flasche Champagner nicht zu öffnen.

»Selbstverständlich, Señor.« Der Kellner verbeugte sich und tat, als wollte er gehen, was er aber keinesfalls tat. Ein einstudierter Kniff.

Hernandez zog einige Geldscheine aus dem Bündel in seiner Hosentasche. »Hervorragender Service. Wie heißen Sie?«

»Mario, Señor. Mario Ricardes.«

»Danke, Mario.« Hernandez reichte dem Mann das Geld, und nach einer tiefen Verbeugung entfernte sich der Kellner.

Hernandez betrachtete den Champagner und das Essen. Die Geschichte hatte ihn bereits ein kleines Vermögen gekostet, und er konnte nur hoffen, daß sich die Investition auszahlte. Es war französischer Champagner, eine teure Marke. Die funkelnden Gläser zierten ordentlich aufgereiht den Kühler. Die Kanapees sahen äußerst appetitlich aus. Ordentlich geschnittene, knusprige Dreiecke aus frischem getoastetem Weißbrot mit geräuchertem Lachs, Anchovis, verschiedenen Käsesorten und Fleischpastete, sehr großzügig auf einem Silbertablett angerichtet. Aber Hernandez war nicht hungrig. Die Angst hielt seinen Magen wie mit einer Faust umklammert, und er schwitzte aus allen Poren. Aber er versuchte jeden Gedanken an das, was ihn erwartete, zu verdrängen.

Er setzte sich auf das Bett, klappte den Deckel des Koffers auf, nahm heraus, was er brauchte, und stapelte die Gerätschaften ordentlich auf dem Bett.

Er beeilte sich mit dem Aufbau, ohne es an Sorgfalt mangeln zu lassen. Zehn Minuten später war er fertig, zündete sich eine Zigarette an und wählte auf dem Haustelefon die Nummer von Zimmer einhundertzwanzig. Niemand hob ab.

Wer auch immer die Suite bestellt hatte, war glücklicherweise nicht zu früh eingetroffen. Hätte jemand geantwortet, so hätte Hernandez sich damit entschuldigt, die falsche Nummer gewählt zu haben, und wieder aufgelegt.

Er sah wieder auf die Uhr. Zehn nach sechs. Er drückte seine Zigarette in dem Glasaschenbecher aus und stand nervös auf.

Es wurde Zeit, seinen Posten in der Lobby zu beziehen.

Schon wieder ein anderes Hotel, dachte Meyer, als der Mercedes vor dem Excelsior hielt. Aber sie hatten es schon früher benutzt, oft sogar, Winter und er. Doch niemals zusammen. Sie hatten die Treffen, bei denen sie die Berichte vorgestellt hatten, abwechselnd anberaumt.

Dieses Hotel auszuwählen war Tscharkins Idee gewesen. Die Unterkünfte waren jedesmal andere, um das Risiko zu verringern, daß man abgehört wurde. Es war sicher ein besserer Treffpunkt als das Haus von Tscharkin oder Franz, wo neugierige Diener und noch neugierigere Nachbarn die Sicherheit beeinträchtigten.

Das Haus im Chaco wäre natürlich ideal gewesen, aber es war zu abgelegen, und außerdem waren die Straßen in der Regenzeit oft unpassierbar. Hotels waren besser, weil unverdächtiger. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen von Geschäftsleuten und Touristen, und niemand achtete auf einzelne Personen.

Schmidt und der Fahrer stiegen aus und öffneten die Türen. Krüger und Schmidt stapften voraus, Meyer ging neben dem silberhaarigen Mann.

Sie warteten, während Krüger zur Rezeption voranschritt. Er hielt seine Brieftasche in der Hand. Meyer betrachtete die luxuriöse Umgebung. Es war ruhig in der Lobby. Zwei junge, hübsche Mädchen in engen Röcken saßen auf den Ledersesseln der Sitzgruppe in der Nähe der Rezeption. Ein junger Mann in einem engen grauen Anzug saß daneben und las eine Zeitung. Ihr Zuhälter? Die Mädchen sahen sehr sexy aus, wirklich heiß. Vielleicht konnten sich Franz und er anschließend ein bißchen mit ihnen vergnügen. So wie er Franz kannte, hatte der etwas Entsprechendes organisiert.

Krüger kam von der Rezeption zurück. »Welche Suite?« fragte Meyer auf deutsch.

»Hundertzwanzig«, erwiderte Krüger.

Sie folgten ihm zum Aufzug.

Viertel nach sechs.

Hernandez hatte eine Zeitung erstanden und sich auf einem freien Sessel niedergelassen, von dem aus er die Rezeption im Auge behalten konnte.

Leise Musik plätscherte im Hintergrund vor sich hin, aber Hernandez hatte einen perfekten Beobachtungspunkt gefunden, und wenn er sich anstrengte, verstand er jedes Wort, das an der Rezeption gesprochen wurde.

Einige Plätze weiter saßen zwei todschick herausgeputzte Mädchen: Enge Röcke, hochhackige Pumps und perfektes Make-up. Sie waren eindeutig Professionelle, die ihre Runden in den Hotels der Stadt machten. Eines der Mädchen lächelte ihn an. Er ignorierte das Lächeln, was ihm ziemlich schwerfiel, schlug die Zeitung auf und tat, als lese er. Den Eingang des Hotels ließ er nicht aus den Augen.

Zehn Minuten später sah Hernandez die Männer. Sein Blick glitt unwillkürlich zum Eingang, als er sie kommen hörte. Sie waren zu viert, alle in Anzügen, und alle sahen europäisch aus. Hernandez wurde sofort mißtrauisch. Die vier hatten kein Gepäck dabei, und nur zwei von ihnen trugen Aktenkoffer. Sie hätten zwar auch einfach von einer geschäftlichen Besprechung in der Stadt zurückkehren können, aber sein Instinkt verriet ihm etwas anderes.

Einer der Männer ging voraus, offensichtlich ein Leibwächter: ein riesenhafter Kerl, an dem der helle Leinenanzug recht deplaziert wirkte. Er hatte breite Schultern und kurzgeschorenes blondes Haar. Sein Gang war schwankend und irgendwie unbeholfen, und er sah aus, als bestände er aus blankem Granit. Nicht der Typ, mit dem man sich anlegen sollte, dachte Hernandez, es sei denn, man hat eine ganze Armee im Rücken.

Der zweite war Mitte Dreißig, hatte markante Gesichtszüge und dunkles, glänzendes Haar. Er trug einen Aktenkoffer und sah aus wie ein Manager. Der dritte war mittelalt, klein und übergewichtig und steckte in einem blauen, zerknitterten Anzug. Er hatte sich die Aktentasche unter den Arm geklemmt und sah müde aus. Sein fleischiges Gesicht wirkte erschöpft, als hätte er getrunken oder eine lange Reise hinter sich.

Der Auffälligste der kleinen Gruppe jedoch war der vierte Mann, ein großer, schlanker Gentleman, der sein silbergraues Haar nach hinten gekämmt trug.

Der Dunkelhaarige trat an die Rezeption, während die anderen in der Nähe warteten. Hernandez lauschte und versuchte, die Stimmen über die leise aus den Lautsprechern rieselnde Musik zu verstehen, aber der Mann sprach viel zu leise.

»Si, Señor …«, gab ihm der Angestellte zur Antwort, dann folgten einige gemurmelte Worte, die Rudi nicht verstehen konnte. Plötzlich wurde die Hintergrundmusik lauter und übertönte die Stimmen beinahe. Scheiße, dachte Hernandez, sprich lauter, mein Freund. Lauter!

»Es ist alles für Sie bereit, Señor …« Die Stimme ging in den Geräuschen unter. Mist! Hernandez hatte die Zimmernummer nicht verstanden. Er wollte aufstehen und näher an die Rezeption herangehen. Doch dann sah er, daß einer der Männer, der Müde in dem zerknitterten blauen Anzug, erst die Mädchen und dann Hernandez musterte. Er rutschte auf seinem Stuhl herum und sah umständlich auf die Uhr. Der Mann sollte sich sein Gesicht nicht zu genau einprägen können. Während er die Zeitung zusammenfaltete, hörte er, wie jemand deutsch redete. Deutsch – die Sprache seiner Mutter, seiner Kindheit. Der Mann in dem stahlblauen Anzug hatte den Dunkelhaarigen etwas gefragt, und zwar im gleichen Augenblick, als sie an Hernandez vorbei zum Lift gingen.

»Welches Zimmer?«

»Zimmer einhundertzwanzig.«

Einhundertzwanzig? Hernandez lief vor Aufregung ein Schauer über den Rücken. Unmittelbar darauf schüttelte ihn eine furchtbare Angst wie mit einer Faust.

Das waren die Männer.

Er beobachtete sie, wie sie zum Aufzug gingen. Der älteste, der mit dem silbergrauen Haar, bildete den Mittelpunkt der Gruppe. Er machte eine Bemerkung, und die anderen grinsten und lachten. Hernandez konnte nicht hören, was sie sagten, weil sie schon zu weit weg waren.

Die Lifttür glitt auf, und die Männer stiegen ein. Hernandez erhob sich und beobachtete, daß die Leuchtziffern des Aufzugs im ersten Stock stoppten.

Er wartete eine Minute, bevor er zum zweiten Lift ging, und erreichte ihn in dem Moment, als die Türen aufglitten. Vor Angst schmerzte ihm der Magen. Dann trat er ein und drückte den Knopf für die erste Etage.

Nachdem sie den Aufzug verlassen hatten, ging Schmidt zur Suite voraus, steckte seine Karte in den Schlitz und betrat als erster den Raum. Sein streichholzkurzer blonder Haarschopf berührte fast den Türsturz. Er schaltete das Licht ein, sah sich kurz um und zog die Vorhänge zu. Trotz seiner immensen Körpergröße bewegte er sich erstaunlich schnell.

Krüger trat nach ihm ein, gefolgt von den anderen. Als Meyer die Tür hinter sich schloß, war Krüger bereits dabei, seinen Aktenkoffer aufzuschließen. Er nahm den rechteckigen elektronischen Detektor heraus, hielt ihn in Brusthöhe und drehte sich einmal im Kreis um seine Achse. Dabei beobachtete er das kleine Lichtsignal am oberen Ende des Geräts und achtete auf den Alarmanzeiger, aber es passierte nichts. Noch nie war es anders gewesen; dennoch hatte diese Vorsichtsmaßnahme ihren Sinn.

Krüger legte das Gerät wieder in den Aktenkoffer. »Alles sauber.«

Schmidt bezog Stellung auf einem Stuhl neben der verschlossenen Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. Dadurch wurden die beiden Beulen unter seinem Jackett sichtbar, in denen sich, wie Meyer wußte, die Pistole und das große Messer mit der gezackten Schneide verbargen. Der Mann wußte mit beiden Waffen gleichermaßen geschickt umzugehen und schüchterte durch seine unglaubliche Ruhe ein. Seine Gegenwart bei den Treffen beruhigte Meyer. Niemand würde es überleben, wenn er sich mit Schmidt anlegte. Schon ein Blick auf die furchteinflößende Gestalt des Mannes mußte abschreckend wirken.

Die drei Männer gruppierten sich um den Tisch am Ende des Zimmers, das leise Brummen der Klimaanlage war zu hören, doch trotz ihrer unermüdlichen Arbeit blieb es schwül.

Meyer tupfte sich die Stirn ab, öffnete seinen Aktenkoffer und holte die Unterlagen heraus. Er ordnete sie penibel vor sich auf dem Tisch, bevor er die beiden Männer ansah, die schweigend darauf warteten, daß er endlich anfing.

»Der Bericht über Brandenburg zuerst, nehme ich an?«

Der distinguierte silberhaarige Mann legte die gepflegten Hände mit den manikürten, schlanken Fingern auf dem Tisch übereinander und nickte. Seine freundlich wirkenden Augen funkelten.

»Wenn du so nett wärst, Johannes. Ich weiß, daß du erschöpft sein mußt, also sollten wir so schnell wie möglich zur Sache kommen.«

Meyer nickte und betupfte sich erneut die Stirn. Er blickte auf seine Unterlagen und fing an zu sprechen.

7. KAPITEL

Asunción.

Hernandez stand vor dem Badezimmerspiegel und schwitzte. Den grauen Anzug und die getönte Sonnenbrille hatte er abgelegt. Nur das weiße Hemd trug er noch, diesmal jedoch mit einer schwarzen Krawatte. Statt des Anzugs hatte er die weiße Jacke, die schwarze Hose und die schwarzen Schuhe eines Kellners angezogen. Die Garderobe hatte er sich tags zuvor in einem kleinen Bekleidungsladen auf der Calle Palma gekauft. Ohne die Sonnenbrille und mit dem glattgekämmten Haar sah er anders aus, entschieden anders. Er berührte die Narbe an seiner rechten Wange. Die ließ sich so leicht nicht kaschieren.

Er wußte, daß sein Plan nicht perfekt war. Es gab nur wenige wirklich perfekte Pläne, und er hatte sich diesen in großer Eile ausdenken müssen.

Wenn diese Männer Profis waren, und als solche schätzte Hernandez sie ein, würden sie die Suite sehr sorgfältig nach Abhörgeräten absuchen. Deshalb wollte er ihnen etwas Zeit geben. Falls sein Plan funktionierte, konnte er zwar auch nicht ihr ganzes Gespräch aufzeichnen, aber sicherlich das meiste.

Falls dein Plan funktioniert.

Er ging ins Schlafzimmer und nahm das Blatt mit dem Briefkopf des Hotels, das er von dem Block auf dem Schreibtisch im Schlafzimmer abgerissen hatte. Ein letztes Mal überflog er den hingekritzelten Text. Champagner und Kanapees. Suite einhundertundzwanzig.

Er kniete sich neben den Servierwagen und hob das weiße Leinentuch an, das über den Rand hinunterhing. Darunter befand sich das winzige Mikrophon, das er vorher mit Klebeband daran befestigt hatte. Vorsichtig zog er daran und prüfte, ob es auch hielt.

Zufrieden ließ er das Tuch wieder zurückfallen und kümmerte sich um den zweiten Teil der Ausrüstung, der auf dem Bett lag. Es war ein japanisches Aufnahmegerät, kaum größer als ein Buch. Hernandez hatte die Übertragungseinheit schon ausprobiert und wußte, daß sie genauso funktionierte, wie Torres ihm versichert hatte.

Der Empfänger lief über Batterie, und Hernandez hatte eins der beiden Minibänder eingelegt, die ihm persönlich gehörten. Alles war bereit. Ein weiteres Zweistundenband lag auf dem Bett, für den Notfall. Er stand auf und sah auf die Uhr. Zwanzig Minuten vor sieben. Die Männer waren seit einer Viertelstunde in der Suite. Hernandez hoffte, daß die Zeit reichte.

Er fühlte, wie ihm der Schweiß in die Achselhöhlen lief und die Brust hinabrann. Selbst seine Stirn war schweißnaß. Er nahm das Kellnerhandtuch – auf die Details kam es an –, und tupfte sich über die Stirn. Dann legte er es über seinen linken Arm.

Er war soweit.

Einige Sekunden zögerte er und dachte an Rodriguez, an den schrecklich zugerichteten Leichnam des Mannes, und kalte Furcht durchströmte ihn.

Gewaltsam unterdrückte er die Erinnerung, ging entschlossen zur Tür, öffnete sie und spähte in den Korridor.

Niemand war zu sehen.

Hernandez zog den Servierwagen hinter sich her, tastete nach der Codekarte für die Zimmertür, die sicher in seiner Gesäßtasche verstaut war, und schloß die Tür hinter sich.

Er lauschte einen Augenblick, ob jemand die Treppe heraufkam.

Nichts.

Hernandez atmete einmal hastig und tief durch, und machte sich dann mit seinem Servierwagen auf in Richtung Suite Einhundertzwanzig.

Meyer brauchte zwölf Minuten, um den Bericht vorzulesen. Er hielt sich an das Wesentliche, ohne jedoch darauf zu verzichten, seine Leistung und seinen persönlichen Beitrag hervorzuheben, die harte Arbeit, den wachen Sinn für das Detail, worauf er sehr stolz war.

Als er fertig war, bemerkte er die Schweißtropfen auf dem Schreibtisch. Er schwitzte. Jetzt kamen die Fragen. Mit dem Taschentuch aus seiner Brusttasche tupfte er sich die Stirn und dann den Tisch ab. Er hatte sich auf die Fakten und ihre Darstellung konzentriert, hatte erklärt, wie entscheidend diese Phase des Plans war. Jetzt erkannte Meyer, daß er in einer Art Trance gewesen sein mußte. Er blickte auf.

Der gutaussehende, silberhaarige Mann ihm gegenüber lächelte und nickte anerkennend.

In dem Moment hörten sie das Klopfen an der Tür und drehten wie auf Kommando die Köpfe. Meyer sah, daß Schmidt bereits seine Waffe aus der Tasche gezogen hatte und sie gegen die Flanke seines Körpers hielt. Erneut klopfte jemand, lauter diesmal. Krüger stand rasch auf und ging zur Tür. »Wer ist da?« fragte Schmidt auf spanisch.

Krüger schob den Brocken von einem Mann beiseite und legte lauschend das Ohr an die Tür.

»Zimmerservice, Señor.«

Die Antwort war deutlich zu hören.

Krüger nickte Schmidt zu, und der Leibwächter trat zurück. Die Pistole hielt er schußbereit hinter dem Rücken.

Krüger öffnete die Tür einen Spalt, hielt aber die Schulter fest dagegen gedrückt. Er sah den Kellner vom Zimmerservice draußen stehen. Der Mann lächelte einfältig.

»Wir haben nichts bestellt«, fertigte Krüger ihn barsch ab. »Sie müssen sich im Zimmer geirrt haben.«

»Wirklich, Señor? Oh … Das tut mir leid …«

Der Kellner blickte auf den Zettel in seiner Hand und dann auf die Zimmernummer. »Nein, Señor … Suite einhundertzwanzig. Champagner und Appetithäppchen. Eine Empfehlung des Hotels.«

Krüger öffnete die Tür. Er sah den Champagner in seinem Eiskübel, die ordentlich angerichteten Kanapees, und blickte wieder fragend den Kellner an.

Der Mann zeigte ihm den Auftrag, der auf einem Zettel mit dem Briefkopf des Hotels notiert war. »Sehen Sie, Señor, hier steht es. Suite einhundertzwanzig. Champagner und Kanapees.«

Krüger nahm den Zettel, musterte ihn sorgfältig und gab ihn dann dem Mann zurück.

Der Kellner zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie es nicht wollen, Señor, dann nehme ich es wieder mit. Kein Problem.« Er lächelte liebenswürdig. »Ein neu eingeführter Willkommensservice für unsere geschätzten Gäste in den Suiten.«

Krüger sah wieder auf den Servierwagen. Er hatte Durst, und in der Suite war es schwül. Der eisgekühlte Champagner und die Häppchen sahen sehr verlockend aus.

»Na gut, kommen Sie herein.«

Krüger trat zur Seite, und der Kellner rollte den Servierwagen langsam in die Mitte des Zimmers, dicht an den Tisch, an dem die anderen saßen. Aber er hielt sich in gebührendem Abstand.

Er fing an, den Verschluß der Champagnerflasche zu öffnen. »Lassen Sie das«, winkte der Mann mit dem dunklen, öligen Haar ab. »Das machen wir selbst.«

Der Kellner nickte, offenbar erleichtert. »Wie Sie wünschen, Señor. Kann ich noch etwas für Sie tun, Señor?«

»Nein.«

Der Kellner glättete das leinene Tischtuch, stellte umständlich zwei Champagnergläser um und hüstelte dezent.

Krüger begriff, zog ungeduldig die Brieftasche heraus und reichte dem Kellner eine Banknote.

»Muchas gracias.«

Krüger starrte ihn an und bemerkte die Narbe auf der Wange des jungen Mannes.

»Wie heißen Sie?«

»Ricardes, Señor. Mario Ricardes.«

»Sorgen Sie dafür, daß wir nicht mehr gestört werden, Mario.«

»Ja, Señor. Selbstverständlich. Sollten Sie noch etwas benötigen, so rufen Sie bitte den Zimmerservice.«

Krüger nickte ungeduldig.

Hernandez wandte sich von dem silberhaarigen Mann ab und sah sich jetzt dem großen, blonden Brocken gegenüber, der neben der offenen Tür stand und eine Hand hinter dem Rücken hielt. Als Hernandez an ihm vorbei mußte, hätte er fast nach Luft geschnappt, weil die Angst ihm die Kehle zuschnürte.

Der Journalist rang seine Angst nieder, drehte sich noch einmal um und ließ den Blick unauffällig, wie er hoffte, durch die Suite schweifen, während er lächelte.

»Buenos tardes, Señores.«

Seine Hand ruhte schon auf dem Türknauf, als er noch einmal den Mann am Tisch ansah, den müden Kerl in dem zerknitterten blauen Anzug, den mit den silbergrauen Haaren. Dann zog er die Tür hinter sich zu, machte drei, vier Schritte und stieß seufzend die Luft aus.

Er fühlte den Schweiß auf seinem Rücken, an seinem Hals, auf seiner Stirn.

Jesus, Maria …

Rasch ging er zu seiner Suite zurück.

Die drei Männer saßen wieder am Tisch. Meyer war erleichtert. Die Unterbrechung durch den Kellner hatte sich als willkommene Pause entpuppt. Seine Kehle war von der Schwüle in dem Zimmer ausgetrocknet, und er spürte schon die Effekte der Dehydrierung nach dem langen Flug. Der eisgekühlte Champagner sah sehr verlockend aus, aber er würde noch warten müssen. Meyer leckte sich die trockenen Lippen. Es wurde Zeit, ein paar Fragen zu beantworten.

Der silberhaarige Mann beugte sich vor und sah ihn forschend an. Nüchtern fragte er: »Die Lieferung?«

Meyer nickte. »Die Ladung wird wie vereinbart in Genua abgeholt.«

»Und der Italiener?«

»Er wird beseitigt, aber ich möchte sichergehen, daß wir mit der Fracht keinen Verdacht erregen. Es wäre klug zu warten, bis Brandenburg einsatzbereit ist. Dann wird mit ihm genauso verfahren wie mit den anderen.«

Der silberhaarige Mann nickte zustimmend und sah dann Meyer eindringlich in die Augen.

»Diejenigen, die uns ihre Loyalität versprochen haben … wir müssen uns ihrer absolut sicher sein.«

»Ich habe sie genau überprüft«, erwiderte Meyer unbeeindruckt. »Ihre Abstammung steht außerhalb jeder Diskussion.«

Krüger rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, während er Meyer anblickte. »Was ist mit dem Türken?«

»Da sehe ich keine Probleme.«

»Und das Mädchen?« fuhr Krüger fort. »Sind Sie absolut sicher, daß wir uns auf sie verlassen können?«

»Sie wird uns nicht enttäuschen, das versichere ich Ihnen.« Meyer richtete den Blick auf den alten Mann. »Es gibt keine weiteren Änderungen auf der Namensliste?«

Der Silberhaarige schüttelte bestimmt den Kopf. »Sie werden alle getötet.«

»Und Ihre Reisevorbereitungen?« wollte Meyer wissen. »Ist alles organisiert?«

»Wir verlassen Paraguay am Sechsten.«

Meyer sah die beiden Männer an. »Vielleicht sollten wir den Terminplan noch einmal durchgehen.«

Beide nickten.

Meyer fuhr sich mit dem Finger unter den Kragen. Trotz der Klimaanlage war die Hitze beinahe unerträglich. Die Luftfeuchtigkeit betrug mindestens neunzig Prozent. Sie erstickte ihn fast und ließ ihn wünschen, das Treffen ginge bald zu Ende. Der Rest konnte innerhalb von höchstens zehn Minuten erledigt werden, davon war er überzeugt. Krüger würde sicherlich die wichtigsten Punkte noch einmal durchsprechen. Meyer leckte sich die Lippen und blickte auf den Servierwagen, den der Kellner gebracht hatte. Der Hals der Champagnerflasche ragte über den Rand des Eiskübels hinaus. Ein Glas eisgekühlten, perlenden Champagners wäre jetzt genau das richtige, um seinen Durst zu stillen. Meyer drehte sich wieder zu Krüger um.

»Es ist ziemlich heiß hier. Kann ich ein Glas Wasser bekommen?«

Krüger nickte.

Meyer erhob sich und ging zu einer Anrichte, auf der auf einem Silbertablett eine Wasserkaraffe mit einigen Gläsern stand. Er schenkte sich eins mit der lauwarmen Flüssigkeit ein und blickte sehnlich auf den Servierwagen mit dem Champagner, während er trank. Meine Güte, wäre das jetzt angenehm. Und die Appetithäppchen sahen so verführerisch aus. Im Flugzeug hatte er kaum etwas gegessen. Dieser verdammte Servierwagen fing an, ihn abzulenken. Meyer leerte das Glas und schenkte sich noch eins ein. Er mußte den Servierwagen wegschieben, damit er ihn nicht mehr sehen konnte. Der Anblick der köstlichen Häppchen und des kühlen Schampus in einem Nest aus Eis setzte ihm zu.

Er beugte sich vor und schob den Wagen behutsam von sich weg. Überrascht stellte er fest, wie leicht er sich bewegte, sah ihm nach, wie er lautlos über den Teppich glitt und gegen den Schreibtisch stieß. Die Tischlampe schwankte und wäre beinahe umgefallen.

Meyer drehte sich um und sah, daß Krüger ihn beobachtete. Er kehrte an seinen Platz zurück und wünschte sich erneut, daß die Konferenz bald enden möge.

Alles lief wie geschmiert, bis Hernandez das Klicken im Kopfhörer wahrnahm.

Er saß auf dem Bett und rauchte nervös eine Zigarette. Das japanische Bandgerät lag vor ihm auf dem Bett, und die beiden Spulen drehten sich noch. Die Männer sprachen Deutsch, Hernandez’ Muttersprache. Während die Maschine das Gespräch aus Suite Einhundertzwanzig aufzeichnete, konnte er klar und deutlich verstehen, was gesprochen wurde.

In seiner Kindheit hatte seine Mutter sowohl spanisch als auch deutsch mit ihm geredet, manchmal auch Guarani, diese ausdrucksstarke indio-spanische Mischform, die die gewöhnlichen Paraguayer bevorzugten. Aber das Deutsche war ihm eine zweite Natur. Trotz der Abneigung, die Rudis paraguayischer Vater dieser Sprache entgegenbrachte, hatte seine Mutter darauf bestanden, daß er ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Unternehmen Brandenburg" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen