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Mistelzweig / Zimtküsse

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Weihnachten im verschneiten Irland, dann der College-Abschluss und später eine Traumhochzeit mit Brennan – Jessica hat ihre Zukunft bis ins kleinste Detail geplant. Doch auf ihren weihnachtlichen Überraschungsbesuch bei seiner Familie reagiert Brennan alles andere als begeistert. Jessicas Traum von Spaziergängen im Schnee und Küssen unterm Mistelzweig platzt endgültig, als auch noch Brennans charmante Exfreundin auftaucht. Einziger Lichtblick: der attraktive, tiefgründige Stallhelfer Grady. Und auf einmal muss Jessica sich entscheiden – zwischen ihren langjährigen Plänen und dem, was ihr Herz sagt …

Für Mary McCormack und ihre Familie, die Eigentümer der Donour Lodge in Fanore, Irland, die uns auf unserer Reise letzten Sommer so wunderbar beherbergt (und herumgeführt und bekocht und mit Buchempfehlungen versorgt) haben. Euer Enthusiasmus, euer Humor und eure Schönheit machen dem Burren Konkurrenz.

Euer kleines Stück Irland hat mein Herz erobert.

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Kapitel 1

Das Irland aus meinen Tagträumen ist grün – limettengrün, olivgrün, smaragdgrünes Gras unter einem stürmischen Himmel. Die Wirklichkeit enttäuscht mich: Grau und Weiß, so weit das Auge reicht, ein paar Brauntupfer und eine trübe lilafarbene Schliere an der Steilküste. Vielleicht hatte ich auch zu hohe Erwartungen für Dezember. Es wäre nicht das erste Mal.

Mein Herz schlägt einen Salto nach dem anderen, als wollte es sich für Britain’s Got Talent bewerben, weil der Regen, der über die Windschutzscheibe des kleinsten Mietwagens aller Zeiten strömt, die sowieso schon schwierige Fahrt in einen Albtraum verwandelt. Die Straßen in Westirland winden sich wie Schlangen und sind von hüfthohen Steinmauern gesäumt, die direkt aus der Erde gewachsen zu sein scheinen. Die steilen Hügelhänge sind mit Findlingen übersät, die so groß sind, als hätten Riesen sie dort fallen gelassen, was ich noch seltsamer finde als die Tatsache, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem fremden Land bin.

Ich bin noch nie auf der falschen Seite der Straße gefahren und hinter dem Steuer eines Schaltwagens habe ich zum letzten Mal bei der Führerscheinprüfung gesessen. Meinem amerikanischen Fahrstil sind schon mehr als nur ein paar Äste zum Opfer gefallen, seit ich den Flughafen in Shannon verlassen habe. Die Sintflut, die da vom Himmel stürzt, gepaart mit meinen selbst unter vertrauten Bedingungen eher bescheidenen Fahrkünsten, könnte durchaus dafür sorgen, dass ich Fanore nicht lebend erreiche.

Das würde der Weihnachtsüberraschung für meinen Freund – meinem unangekündigten Besuch im Bed and Breakfast seiner Familie – einen ziemlichen Dämpfer versetzen.

Ich biege ab und versuche, mich zurückzulehnen und den Klammergriff um das Lenkrad ein wenig zu lockern. Bis zu Brennans kleinem Heimatdorf – wiiinzig, wie er es mit seinem irischen Akzent genannt hat – sind es noch fünfzig Kilometer.

Beim Gedanken an die letzten vier Monate mit meinem Freund verziehen sich meine Lippen zu einem Lächeln, das glücklich sein will, sich aber gezwungen anfühlt. Nervös. Der Abend, an dem wir uns kennengelernt haben, spukt mir im Kopf herum und erinnert mich an die Hoffnungen, die ich anfangs hatte.

Und wie sie allmählich schwinden …

Alles war perfekt, wie in einem Film. Als würde mein Leben genau zum geplanten Zeitpunkt die entscheidende Wendung zu »bis dass der Tod uns scheidet« nehmen.

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Die Uni hat vor einer Woche begonnen, aber wir hatten so viel mit dem Anwerben der neuen Gamma Sigmas zu tun, dass wir das noch gar nicht genießen konnten. Für Verbindungsmitglieder startet das Semester immer früh und Partys gibt es erst, wenn die Zusagen verteilt sind und wir den Anwärterinnen bewiesen haben, dass wir uns wie echte Damen benehmen können.

Ich bin jetzt schon total fertig, obwohl die Kurse gerade erst angefangen haben, und will die Party der Lambdas eigentlich am liebsten ausfallen lassen, aber meine Mitbewohnerin Christina akzeptiert mein Nein nicht als Antwort. Wie immer.

»Na los, Jessica. Wir sitzen seit über zwei Wochen in diesem Haus, essen Erdnussbuttersandwiches, starren auf Lebensläufe und lächeln falsch. Wir müssen hier raus. Mal richtig lächeln. Vielleicht sogar lachen.«

»Ich weiß nicht, irgendwie habe ich keine Lust.« Als mein Blick auf mein Ethikbuch fällt, überdenke ich meine Entscheidung noch mal. »Was soll ich überhaupt anziehen?«

»Ist doch egal. Irgendwas. Hauptsache, du kommst endlich in die Gänge.« Sie schiebt meine Beine vom Schreibtisch und stellt sich vor den Spiegel, wo sie Lipgloss aufträgt und sich falsche Wimpern anklebt, während ich ein einfaches dunkelblaues Sommerkleid aus unserem gemeinsamen Schrank hole.

»Das hier?«

»Klar, das betont deine Augen.« Sie betrachtet mein Spiegelbild. »Und du könntest dir die Haare glätten.«

Ich stöhne, aber der Anblick des dunkelbraunen Vogelnests auf meinem Kopf erstickt jeden Protest im Keim.

Keine Stunde später sind wir fertig gestylt und auf dem Weg. Die Verbindungshäuser liegen auf dem Campus und das heißt keine Partys, egal ob wild oder nicht, deswegen feiern wir in der Wohnung eines Lambdas.

Es ist eine ganz normale Party mit ganz normaler Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt, und den ganz normalen roten Plastikbechern, die bis zum Rand mit wässrigem Bier vom Fass gefüllt sind. Chris schnappt sich einen und zerrt mich raus in den Garten. Jeder Zentimeter meines Körpers ist mit Schweiß benetzt und das Haar klebt mir im Nacken. Alle um mich herum schütten verzweifelt ihre Drinks in sich hinein, um möglichst schnell zu vergessen, wie unwohl sie sich fühlen. Aber für mich ist die Vorstellung, die Kontrolle über meinen Mund oder meinen Körper zu verlieren, viel schwerer zu ertragen als die schwüle texanische Augusthitze. Oder irgendetwas anderes.

Ich nippe an meiner Wasserflasche, lache, wenn mir danach ist, aber hauptsächlich halte ich Ausschau nach Jeremy, in den ich verknallt bin, seit er letztes Semester bei unserem Wohltätigkeitsfußballturnier mitgespielt hat.

Stattdessen kreuzt mein Blick immer wieder grasgrüne Augen drüben an der Feuerstelle, eingerahmt von verwuscheltem rotbraunem Haar und einem absurd hübschen Gesicht. Der Typ ist mir noch nie aufgefallen und irgendwie wirkt er auch nicht wie ein superreicher Lambda-Poloshirtträger, also muss er wohl neu sein. Die Uni ist zu groß, um jeden zu kennen, aber klein genug, um alle irgendwann mal gesehen zu haben.

»Gehst du jetzt endlich da rüber?«, lallt Chris. »Ihr starrt euch schon eine halbe Ewigkeit lang an.«

Ich zucke verlegen mit den Achseln. »Ich weiß nicht … ich find’s besser, wenn der Mann den ersten Schritt macht.«

»Wie bitte?« Sie reißt übertrieben die Augen auf und fasst sich an die Brust, die halb aus ihrem hautengen schwarzen Oberteil quillt. »Jessica MacFarlane, Selbst-ist-die-Frau und Feministin vor dem Herrn, glaubt, dass ihr Zehnjahresplan aufgeht, wenn sie darauf wartet, dass ein Mann den ersten Schritt macht? Träum weiter, Schätzchen!«

Ich boxe ihr in den Arm, kann mir allerdings ein Lächeln nicht verkneifen. Chris und ich sind Freundinnen, seit wir im ersten Semester Gamma Sigma beigetreten sind, aber eigentlich sind wir so verschieden wie Tag und Nacht, angefangen mit der Tatsache, dass sie meinen Plan für gequirlte Scheiße hält.

Trotzdem hat sie nicht ganz unrecht. Wenn ich spätestens ein Jahr nach dem Abschluss verlobt sein will, damit ich noch die Welt bereisen und Karriere machen kann, bevor ich das erste von zwei Kindern bekomme, wird es vielleicht allmählich Zeit zu handeln.

Und wer sagt überhaupt, dass der Mann den ersten Schritt machen muss?

Ich streiche mein Kleid glatt, werfe das Haar zurück und bete, dass die Luftfeuchtigkeit mich nicht in einen Pudel verwandelt hat. Dann atme ich tief ein. »Okay, ich geh hin.«

Der Weg durch den kleinen Garten kommt mir kilometerweit vor, vor allem, weil Mr Grüne Augen mich auf halber Strecke bemerkt und mir ein atemberaubendes Lächeln schenkt.

»Ich muss schon sagen, es gefällt mir, dass ausnahmsweise mal jemand auf mich zukommt«, begrüßt er mich mit einem unglaublichen Akzent und schaut mir tief in die Augen. »Ich bin Brennan Donnelly.«

»Jessica MacFarlane«, bringe ich heraus. Meine Finger umklammern die schweißnasse Plastikflasche noch fester. Sie knackt und Brennans Augenbrauen schnellen in die Höhe. Sein ganzes Gesicht grinst.

»Toller Akzent. Kalifornisch?«

Er lacht. Zum Glück hat er kapiert, dass das ein Witz war. Meine Anspannung lässt ein wenig nach. Das hier ist gar nicht so schlimm.

»Leider nein. Irisch.«

»Was hat dich nach Texas verschlagen?«

Und so unterhalten wir uns über ihn und mich und Banalitäten aus unserem Leben, bis er genug aufgetaut ist, um mich nach meiner Nummer zu fragen, und jeder wieder seiner Wege geht. Nach den traditionellen drei Tagen ruft er mich an, wir verabreden uns für die nächste Party und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Alles ganz gewöhnlich, nichts Besonderes, bis auf die Tatsache, dass Brennan jeden Punkt auf meiner Liste zu erfüllen scheint.

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Anders als die meisten hat Brennan nie einen dummen Spruch darüber gemacht, dass ich nicht trinke. Er findet es nicht seltsam, dass ich alles bis ins kleinste Detail planen muss. Er akzeptiert mich so, wie ich bin, und das ist toll.

Oder besser gesagt, das war toll. Ich runzle die Stirn und zwinge mich, in die Gegenwart zurückzukehren, als das Ortsschild von Fanore am Straßenrand auftaucht. Nach vier Monaten Spaß ohne klaren Richtungsweiser für die Zukunft frage ich mich allmählich, ob Brennans Desinteresse für die Art, wie ich Dinge tue, auf einen generellen Mangel an Interesse hinweist.

Ich meine, ich werde schließlich nicht jünger.

Ein Windstoß peitscht gegen das Auto und ich konzentriere mich wieder auf die Straße. Brennan hat mal gesagt, wenn man im falschen Moment blinzelt, würde man Fanore übersehen, und das war anscheinend kein Witz. Von der Hauptstraße gehen vielleicht vier kleinere Straßen ab. Es gibt zwei Pubs, ein Postamt-Schrägstrich-Dorfladen-Ding und noch ein paar andere Geschäfte, die ich durch die Rinnsale auf der beschlagenen Windschutzscheibe nicht erkennen kann.

Das Schild THISTLE FARMHOUSE B&B erscheint wie aus dem Nichts. Die Räder blockieren, als ich voll in die Eisen steige, um die Abzweigung nicht zu verpassen, aber ich schaffe es, den Wagen auf der Straße zu halten. Die tiefen Schlammpfützen auf dem unbefestigten Weg zum Bed and Breakfast der Donnellys lassen meine Zähne klappern und meine Knochen vibrieren. Ich umklammere das Lenkrad so fest, dass meine Finger schon ganz taub sind, und versuche, langsam durch die Nase zu atmen. Ich bin fast da. Vor dem Uniabschluss irgendwo im irischen Nirgendwo zu sterben, ist nicht Teil des Plans.

Kühe und Schafe weiden in aller Seelenruhe neben der Straße, als würden sie den eiskalten Regen gar nicht bemerken, und es scheint auch keine Zäune zu geben, die sie vor meinem Kamikaze-Fahrstil beschützen. Zumindest kann ich keine entdecken. Ein paar andere Bed and Breakfasts schälen sich aus dem Nebel – eins namens White House und die Donour Lodge. Fanore liegt mitten auf dem Land, mit den krachenden Wellen und dem felsigen Strand auf der rechten und nichts als Weiden und vereinzelten Häusern auf der linken Seite. Den Donnellys muss das hübsche weiße Farmhaus am Ende des Wegs gehören.

Ich versuche gerade zu schätzen, wie weit es noch ist, als plötzlich etwas Weißes und Pelziges vor dem Auto auftaucht.

Dieses Mal reagieren die Bremsen auf meine hektischen Tritte und die Reifen geben ihr Bestes, um auf dem rutschigen Matsch Halt zu finden, aber sie können es nicht verhindern. Ein dumpfer Aufprall durchschneidet das Heulen des Winds, gefolgt von einem mitleiderregenden Quieken.

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Kapitel 2

Ich nehme mir nicht einmal die Zeit, mir einen Regenschirm zu schnappen, bevor ich die Wagentür aufstoße. Hier ist Eile geboten, aber was um Himmels willen ich für ein tödlich verwundetes Tier tun soll, weiß der Teufel.

Eine Ziege liegt vor dem Auto, die Beine unter der Stoßstange. Ich sehe kein Blut, allerdings ist die Straße auch so voll Matsch und Wasser, dass das nichts heißen muss.

Die Ziege schaut mich verwirrt an und meckert.

Wenigstens lebt sie noch.

Mit hämmerndem Herzen und einem Riesenknoten im Bauch hocke ich mich in den Schlamm. Innerlich zucke ich zusammen, weil ich meine beste Jeans ruiniere, und hasse mich gleichzeitig dafür.

»Das tut mir so leid! Nicht sterben, okay? Bitte! Das kann ich im Moment echt nicht gebrauchen.«

Meine bewährte Krisenbewältigungsstrategie: sinnloses Geplapper. Mit einer Ziege.

Jetzt reiß dich zusammen, Jessica. Denk nach.

Es könnte gefährlich sein, die Ziege zu bewegen, wie bei einem Menschen, der einen Unfall hatte. Und mein Halbwissen zum Thema Landleben sagt mir, dass querschnittsgelähmte Tiere ziemlich sicher eine Kugel in den Kopf und keinen Elektrorollstuhl bekommen.

Der Regen tropft mir in die Augen und kullert über meine Wangen wie Tränen, aber ich bin viel zu panisch, um mich daran zu stören. Mir wird ganz flau bei dem Gedanken, dass ich gerade eine Ziege getötet habe und, was noch schlimmer ist, dass das mein erster Eindruck bei Brennans Familie sein soll.

Hi, ich bin eure triefende und psychotische zukünftige Schwiegertochter. Wie geht’s?

»Na, das ist ja ein Ding …«

Eine tiefe Stimme dringt aus der Dunkelheit und jetzt quieke ich erschrocken und rutsche fast aus, als ich hochfahre.

»Ich hätte geschworen, die alte Dame würde nie den Löffel abgeben.«

Beim zweiten Versuch schaffe ich es, mich aufzurichten, und stehe schwankend mit wackeligen Knien da, während ich durch den Regen blinzle, um das Gesicht des Fremden zu erkennen. Er ist groß, mindestens zehn Zentimeter größer als Brennan, vielleicht eins fünfundneunzig, aber niemand würde ihn als schlaksig bezeichnen. Sogar mit dem dicken Parka ist unübersehbar, dass er einen beeindruckenden Körper hat. Dunkle Strähnen lugen unter der schief sitzenden Wollmütze hervor und kleben ihm an der Stirn. In seinen strahlend blauen Augen, die mich unverwandt anblicken, liegt Sorge und so etwas wie Verachtung, gemischt mit einem Hauch Belustigung.

Ich schalte sofort auf Verteidigungsmodus, obwohl ich das, dessen er mich beschuldigt, ja wirklich verbrochen habe. »Ich glaube nicht, dass ich sie umgebracht habe.«

Noch nicht.

»Noch nicht«, knurrt er anklagend, als könnte er meine Gedanken lesen, und kauert sich neben die verletzte Ziege.

Ich beiße die Zähne zusammen und versuche angestrengt, nicht loszuheulen. Meine Tränen fließen nicht nur, wenn ich traurig bin, sondern mit Vorliebe, wenn ich wütend werde oder mir etwas peinlich ist – oder einer meiner ausgeklügelten Pläne fehlschlägt. Und es gibt nichts Schlimmeres als Leute, die einem tröstend die Schulter tätscheln, während man ihnen am liebsten eine verpassen würde.

Die Ziege meckert noch einmal. Mein Herz krampft sich zusammen und meine jämmerlichen kleinen Probleme verziehen sich wieder in den Hintergrund. Da gehören sie auch hin, schließlich bin nicht ich von einer winzigen Schrottkiste niedergemäht worden. Aber ich sollte keine Witze über das Ding machen. Wenn ich meinen alten Ford Exploder gefahren hätte, wäre die Ziege jetzt platt.

»Kommt sie wieder in Ordnung?«, frage ich und wage einen Blick über die Schulter des Typen.

Er antwortet nicht, sondern hebt die Ziege vorsichtig an, bis sie sich aufgerappelt hat. Sie schüttelt sich und bespritzt meine Jeans und die olivgrüne Jacke des geheimnisvollen Unbekannten mit Schmutzwasser, bevor sie über die Wiese davonhoppelt.

»Humpelt sie?«

»Wahrscheinlich. Sie ist gerade überfahren worden.« Er steht auf und wischt mit dem Ärmel seines Parkas die teuer aussehende Kamera sauber, die um seinen Hals hängt.

Ich hole tief Luft und zähle bis vier. Fünf wäre auch zu viel gewesen, denn der Typ hat sich schon umgedreht und will gehen. »Hey! Danke. Ich meine … wie heißt du? Ich schulde dir was!«

»Nein, die Ziege schuldet mir was. Ich hab ihr ja nicht dir zuliebe geholfen.« Er schüttelt den Kopf, eindeutig genervt. Vielleicht ist sie seine Lieblingsziege oder so was. »Pass nächstes Mal besser auf. Hier laufen ständig Schafe auf der Straße rum und bei dem Wetter sind die Sichtverhältnisse echt scheiße.«

»Also ideal fürs Fotografieren, was?«, blaffe ich zurück, bevor ich es mir verkneifen kann.

Der Typ – der auch Batman sein könnte, so ein Geheimnis macht er um seine Identität – mustert mich abschätzend, als hätte er soeben wider Erwarten festgestellt, dass sich zwischen meinen Ohren möglicherweise doch ein funktionierendes Gehirn befindet.

»Was treibst du überhaupt hier? Touristen verirren sich eher selten zu uns.«

Ich recke das Kinn. »Nicht, dass es dich was angehen würde, aber ich besuche meinen Freund. Als Überraschung zu Weihnachten.«

»Und da hast du dir gedacht, du schneist einfach so vorbei? Toller Plan. Jungs lieben so was.« Er grinst mich an, als hätte er einen urkomischen Witz gerissen. »Wie heißt dein Freund?«

Ich zögere. Ich weiß nicht einmal, warum ich eigentlich mit diesem Kerl rede. Im Regen. Obwohl er sich gerade über meinen genialen Plan lustig gemacht hat. Aber ihn zu ignorieren, geht gegen meine gute Erziehung.

»Brennan Donnelly. Kennst du ihn?«

Irgendetwas huscht über sein Gesicht – ein Schatten, der wieder verschwindet, bevor er antwortet: »Klar. In diesem Dorf wohnen weniger als zweihundert Leute. Außerdem arbeite ich für die Donnellys.«

Er arbeitet für die Donnellys? Das ist seltsam.

Ich wische mir den Pony aus der Stirn und blinzle. »Ach? Dann läufst du nicht Vollzeit durch die Gegend und fotografierst nächtliche Wolkenbrüche? Das überrascht mich jetzt.«

Ich bin wirklich überrascht. Und wie immer verbeißen meine Gedanken sich sofort in das Rätsel und versuchen, es zu lösen. Warum sollte ein Typ, der ungefähr so alt ist wie ich, auf einer Farm arbeiten, anstatt sich für die Uni oder eine Ausbildung zu entscheiden?

Hör auf! Nicht jeder ist clever genug, um zu erkennen, wie wichtig eine gute Lebensplanung ist.

»Du bist diejenige, die bei diesem Wetter durch die Gegend fährt und zwar mit einem völlig bescheuerten Plan«, schießt er zurück. Dann kneift er die Augen zu, als würde er ebenfalls bis vier zählen, bevor er eine behandschuhte Hand ausstreckt. »Grady Callaghan.«

Wir stehen beide in der Kälte herum und werden klitschnass, also beschließe ich, nicht das zickige Verbindungsmädchen zu spielen, und schüttle sie, ehe ich wieder ins Auto steige und die trockene Wärme genieße, die aus der Lüftung strömt.

Kalte Wassertropfen fliegen von meinem Mantel und landen auf dem Armaturenbrett. Die Ziege ist in der Dunkelheit verschwunden. Durch die regenschlierenüberzogene Windschutzscheibe schaue ich Grady Callaghans Rücken nach und unterdrücke die Sorge, dass er mir einen unvorhergesehenen Strich durch die Rechnung machen könnte.

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Die restlichen zwei Minuten der Fahrt verlaufen ohne Zwischenfälle, aber mein neurotisches Gehirn lässt sich nicht von der Vorstellung abbringen, dass Brennans Familie irgendwie herausfindet, was gerade passiert ist, und mich für immer hasst. Ich kann nur hoffen, dass Grady Callaghan seine heldenhafte Ziegenrettung für sich behält.

In Anbetracht seines Mangels an Benehmen und Freundlichkeit im Allgemeinen sollte ich wohl nicht darauf wetten, und das ist wirklich schade, denn sonst läuft jetzt, wo ich die Anreise endlich hinter mir habe, wieder alles nach Plan.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals etwas Schöneres gesehen zu haben als das weiße, warm erleuchtete Farmhaus vor mir. Mein Herz meldet sich erneut, perfektioniert seine Saltos und kann selbst mit den tiefsten, langsamsten Atemzügen der Welt nicht dazu überredet werden, eine Pause einzulegen. Ein Blick in den Rückspiegel offenbart die nächste Katastrophe: Mein nasses Haar hängt herunter wie schlaffe Linguini, und mit der verschmierten Mascara und dem Schmutz an Stirn und Wangen sehe ich aus wie ein ertrunkener Waschbär. Zusammen mit den Nachwirkungen eines Neunstundenflugs quer über den Atlantik, der mir gerötete Augen und vollkommen zerknitterte Klamotten eingebracht hat, ähnele ich eher einer überarbeiteten Prostituierten, die sich auf Sex im Freien spezialisiert hat, als einer anständigen Freundin. Ein großartiger erster Eindruck!

Aber Brennan freut sich bestimmt trotzdem.

Ich hole ein paar Abschminktücher aus meinem Kulturbeutel auf dem Rücksitz und wische mir den Dreck aus dem Gesicht, dann ziehe ich den schlammbespritzten Mantel aus und binde mir das Haar zu einem tropfenden Pferdeschwanz. Meine Jeans ist zwar immer noch widerlich und nass, aber vorzeigbarer werde ich nicht. Also rufe ich mir lieber in Erinnerung, warum ich hier bin – nämlich um herauszufinden, ob ich alles auf diese Beziehung setzen oder aussteigen soll –, anstatt mich darüber aufzuregen, und sprinte zur Haustür.

Das Bed and Breakfast ist zweistöckig und hat eine schmutzig weiße Verkleidung und schlichte schwarze Fensterläden. Licht fällt durch die Scheiben auf die breite hölzerne Veranda und wärmt meine Wangen, während der kalte Regen und der beißende Wind weiter meinen Rücken malträtieren. Meine Hände zittern, als ich klopfe, aber wie immer verflüchtigt sich meine Angst, sobald die Aufgabe erledigt ist und es kein Zurück mehr gibt.

Eine Frau mittleren Alters öffnet die Tür mit so viel Schwung, dass der hübsche Stechpalmenkranz gegen das Holz knallt. Sie ist mindestens fünf Zentimeter kleiner als ich mit meinen eins siebzig und auch ein wenig rundlicher, aber auf eine hübsche Art. Ihre blauen Augen sind mehr als nur ein bisschen misstrauisch und sie streicht sich eine verirrte Strähne des graumelierten rötlichen Haars aus dem Gesicht.

»Ja bitte?«, fragt sie und mustert mich von oben bis unten mit einem verkniffenen Ausdruck, der die Falten um ihre Lippen offenbart.

Mein Mund ist trocken und meine Zunge klebt am Gaumen. Irgendwie habe ich bei all meinen Plänen und Tagträumen nie bedacht, dass jemand anderes als Brennan aufmachen könnte.

»Ich, ähm …« Ganze Sätze, Jessica. »Ist Brennan da?«

Bei meiner Frage werden ihre Augen größer und Neugier gesellt sich zur Verärgerung. Gäste sind zwei Tage vor Weihnachten anscheinend nicht willkommen, aber Freunde ihres Sohns haben zumindest eine Chance.

»Ja, er ist –«

»Jessica?« Brennans Kopf schiebt sich in die Diele und seine Stimme ist vor Überraschung ein paar Töne höher als sonst. Mein Herz schlägt wie immer schneller, als ich ihn sehe – er ist wirklich irre attraktiv mit dem rotbraunen Haar, dem kantigen Kinn, auf dem im Moment genau die richtige Menge Dreitagebart sprießt, und den breiten Schultern, die jeden Zentimeter seines Flanellhemds ausfüllen.

Sein Erstaunen verwandelt sich erst in Schock, dann in die gleiche Art von Missfallen, die eben auch aus dem Gesicht seiner Mutter gesprochen hat. Schließlich setzt er ein leicht argwöhnisches Lächeln auf. Es dauert mindestens zehn Sekunden, ehe er mich in den Arm nimmt.

Trotz seiner Begrüßung ist mein Innerstes kalt und irgendwie glitschig, doch ich ignoriere das ungute Gefühl und schmiege mich an ihn. Vor lauter Verblüffung hat er einfach noch nicht daran gedacht, wie viel Spaß wir hier in Irland über Weihnachten zusammen haben werden. Wie viel Spaß wir immer zusammen haben.

»Was machst du hier?«, murmelt er. Seine Lippen streifen mein Ohr und mein Rücken fängt an zu kribbeln.

Ich löse mich von ihm, leicht benommen und optimistischer gestimmt dank des glücklichen und beinahe ehrlichen Funkelns in seinen Augen. Er ist nach wie vor so blass, als hätte er einen Geist gesehen – ob ich der Geist der vergangenen Weihnacht oder der Geist der gegenwärtigen mit Option auf die zukünftige bin, bleibt abzuwarten.

»Überraschung!« Ich breite die Arme aus und strahle, wie ich es einstudiert habe. »Ich habe dich vermisst und ich hatte noch keine Pläne für die Feiertage, und du weißt ja, dass ich schon immer mal nach Irland wollte.« Meine Erklärung klingt ziemlich lahm, viel weniger überzeugend als bei den tausend Übungsrunden vor dem Spiegel.

Brennan schüttelt den Kopf. Er ist geplättet – ob positiv oder negativ, kann ich nicht erkennen, aber das ist bei uns nichts Neues, und er erholt sich schnell und schlingt einen Arm um meine Taille. »Mum, das ist meine Freundin Jessica. Jessica, das ist Maeve Donnelly, meine Mutter.«

»Es ist so schön, Sie kennenzulernen«, sage ich überschwänglich und schenke ihr mein bestes Bewerbungsgesprächslächeln.

Sie erwidert es deutlich weniger begeistert und wirft ihrem Sohn einen ungehaltenen Blick zu. »Ja, sehr schön, aber ich muss gestehen, dass das Ganze etwas plötzlich kommt. Wir wussten gar nicht, dass Brennan eine feste Freundin hat.«

Mir rutscht das Herz in Richtung Magen. Er hat seinen Eltern nichts von uns erzählt?

Genau in diesem Moment spaziert ein Mann in die Diele und rettet mich vor der erstickenden Lawine an Betretenheit, die sich auf der Veranda ausbreitet. Wahrscheinlich hat er sich gefragt, woher der kalte Luftzug kommt. Das muss Brennans Vater sein – er sieht seinem Sohn unglaublich ähnlich mit den rotbraunen Haaren, den grasgrünen Augen, den Sommersprossen und dem unbeschwerten Lächeln, das wirkt, als könnte keine Sorge der Welt es trüben. Hinter ihm taucht ein Mädchen im Teenageralter auf, mit verschränkten Armen und neugierigem Gesicht.

»Wir haben einen Gast!«, begrüßt Mr Donnelly mich mit einem ausgeprägten Akzent, der sehr viel schwieriger zu verstehen ist als der seines Sohns, und streckt mir die Hand entgegen. »Colin Donnelly.«

»Jessica.«

»Schön, dich kennenzulernen, Jessie.«

Meine Hand verschwindet in seiner wettergegerbten Pranke. Schwielen, die Geschichten vom Heuernten und Holzmachen erzählen könnten, kratzen über meine Haut. Bestimmt haben sie auch das eine oder andere Junge der Ziege, die ich beinahe umgebracht hätte, auf die Welt geholt.

»Jessica, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Und ebenso.«

»Ich bin Molly«, schaltet sich das Mädchen ein und kneift Brennan so fest in den Arm, dass er zusammenzuckt. »Seine Schwester.«

Als Brennan sich wieder gefasst hat, schaut er mich genauer an und bemerkt auf einmal, dass mein Erscheinungsbild nicht so makellos ist wie sonst immer. »Du siehst ziemlich mitgenommen aus, Chicken.«

»Es regnet.«

»Ja, es schifft schon den ganzen Tag, als wären die Höllenhunde los«, bestätigt Mr Donnelly nickend und schiebt seine Frau ein Stück zur Seite. »Schnell raus aus der Kälte mit dir!«

Licht und Wärme umhüllen und trösten mich. So habe ich mir immer eine mütterliche Umarmung ausgemalt. Meine Laune bessert sich schlagartig, als Mr Donnelly die Tür hinter mir schließt. Nach dem Unwetter draußen fühlt man sich in diesem Haus, als wäre man in Watte gewickelt.

Überall hängen Kreuze und Bildchen der Jungfrau Maria und anderer Heiliger, die meine ungeübten Augen nicht erkennen. Obwohl ich mich tagelang über Irland und seine Geschichte informiert habe, bevor ich losgeflogen bin, weigert sich mein Gehirn, sich an die Probleme des irischen Volks zu erinnern, den Grund für die Kriege, die es entzweit haben, oder auch nur, welches Land zum Vereinigten Königreich gehört. Das Ganze hatte irgendwas mit der Spaltung der katholischen und der protestantischen Kirche zu tun. Glaube ich.

Was nützt meine Hyperorganisiertheit, wenn sie mich im ungünstigsten Moment im Stich lässt?

Auch Familienfotos und Bibelzitate schmücken die Wände, und Erstere zaubern ein Lächeln auf mein Gesicht. Brennan hat sich in den letzten fünfzehn Jahren kaum verändert. Beim unverkrampften Strahlen der Donnellys, der Art, wie sie einander berühren, ohne darüber nachzudenken, durchfährt mich der Neid mit blanker Klinge. Würde ich sie herausziehen und genauer unter die Lupe nehmen, käme der wahre Grund für meinen Plan, mein Kommen zum Vorschein. Aber das Thema ist tabu.

Mrs Donnelly hat sich offenbar vom Schock erholt, den meine Ankunft ihr versetzt hat, und scheucht uns in Richtung Küche. »Herein in die gute Stube. Wir wollten uns vor dem Schlafengehen noch einen kleinen Imbiss gönnen.«

Eine dampfende Kanne Tee mit einem gestrickten Wärmer steht in der Mitte eines alten Eichentischs, und rundherum sind Tassen und Untertassen aus dünnem, kunstvoll bemaltem Porzellan verteilt. Auf einer hübschen, weihnachtlichen Platte liegen Törtchen und Kuchen und Plätzchen.

Das ganze Arrangement sieht aus wie eine Weihnachten-in-Irland-Karte. All der Charme und die Faszination, die mich in Brennans Leben gelockt haben, erfüllen den Raum, machen es sich um mich herum gemütlich und mich überfällt der beinahe schmerzhafte Wunsch, mehr zu wissen, zumindest genug zu verstehen, dass ich so tun kann, als würde ich zu dieser Familie gehören. Ich blinzle die Tränen weg, die sich in meine müden Augen gestohlen haben, und bin mir sicherer denn je, dass das hier genau die richtige Entscheidung für Brennan und mich war.

Komm wieder runter, Jessica. Du bist erst seit fünf Minuten hier. Deine Durchgeknalltheit darfst du frühestens in ein paar Tagen rauslassen.

»Setz dich doch, meine Liebe, und nimm dir ein Plätzchen. Und dann erzählst du uns, warum du so klitschnass bist.« Mrs Donnelly hält sich allerdings nicht an ihren eigenen Rat. Während wir Platz nehmen, eilt sie geschäftig hin und her, um sicherzustellen, dass wir auch alles haben, was wir brauchen. Bei ihrem Herumgerenne – und ihren Fragen – macht sich mein Herz warm für eine weitere Runde Saltos.

Mr Donnelly rettet mich zum zweiten Mal in zehn Minuten. »Bei allen Heiligen, Maeve, jetzt setz dich endlich hin. Du wuselst schon seit vier Uhr morgens durchs Haus, irgendwann kriege ich noch einen Herzinfarkt.«

»Na schön.« Sie verpasst ihm einen Schlag mit dem Geschirrtuch und schiebt sich lächelnd auf den Stuhl rechts neben ihm, links neben mir. »Bitte erzähl uns von dir, Jessica. Brennan ist ein typischer Mann, was das angeht, also hat er uns gründlich im Dunkeln gelassen. Woher kommst du? Wie heißt du mit Nachnamen?«

Ich werfe Brennan einen gereizten Blick zu, den er gar nicht bemerkt, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, selbst gebackene Weihnachtsleckereien auf den Teller vor sich zu stapeln. »Also, ich heiße MacFarlane –«

Molly verschluckt sich an ihrem Tee und versprüht hustend bernsteinfarbene Tröpfchen auf der mit Stechpalmen bestickten Tischdecke. Mrs Donnelly versucht, ihre Bestürzung hinter einem gekünstelten Lächeln zu verbergen, und ich frage mich, was zum Teufel mit meinem Nachnamen nicht stimmt. Brennan klopft seiner Schwester ein bisschen fester als nötig auf den Rücken und sie haut ihm auf den Arm. Ihre Kabbelei lenkt die Aufmerksamkeit – zumindest für den Moment – von mir ab.

»Im Ernst, Kinder? Ihr seid gerade mal seit zwei Minuten im selben Zimmer«, tadelt Mr Donnelly, bevor er sich wieder mir zuwendet. »Sprich weiter, Jessica.«

Irgendwas an der Art, wie er meinen Namen sagt, lässt mich befürchten, dass er meine Abneigung gegen Abkürzungen lächerlich findet, aber in seiner erwartungsvollen Miene liegt nichts als ehrliches Interesse. Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, weil ich jahrelang jeden verbessern musste.

»Ähm, ich komme ursprünglich aus Missouri und studiere Journalismus an der TCU.« Alle Augen sind auf mich gerichtet. Meine Wangen glühen, aber das habe ich mir selbst eingebrockt, so wie ich hier hereingeschneit bin.

»Warum bist du so dreckig?« Molly rümpft die Nase. Ihr Gesicht ist immer noch rosa von ihrem kleinen Erstickungsanfall und ihr Haar ist leicht zerzaust.

Natürlich muss sie unbedingt alle daran erinnern, dass ich Mrs Donnellys erste Frage noch nicht beantwortet habe. Lügen geht gegen meine Prinzipien, aber ich habe auch keine Lust, ihnen zu verraten, dass ich auf dem Weg hierher beinahe ihren Viehbestand verringert hätte. »Ich, ähm, musste aussteigen, um einen Ast von der Straße zu räumen.«

»Wie habt ihr euch kennengelernt, du und Brennan?«, löchert Molly mich zwischen zwei Bissen Cranberryscone weiter.

»Bei einer Verbindungsparty«, brummt Brennan. »Nichts Besonderes.«

Ich warte darauf, dass er noch etwas Nettes hinzufügt, in der Art, dass es sich seitdem zu etwas Besonderem entwickelt hat oder wie gut wir uns von Anfang an verstanden haben, aber er schweigt und Stille senkt sich über das Zimmer, nur unterbrochen vom Kratzen der Gabeln auf dem Porzellan und einer gelegentlichen Bemerkung darüber, ob wir wohl weiße Weihnachten bekommen.

Irgendwann schlägt eine Kuckucksuhr an der Wand und Mrs Donnelly schaut auf und lächelt müde. »Auf jeden Fall ist es sehr schön, dich kennenzulernen, Jessica.«

Sie gähnt herzhaft und steckt mich damit an. Immerhin bin ich seit fast vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Meine Augen brennen und mein Kopf ist völlig leer, bis auf den dringenden Wunsch, dass sie mir endlich mein Zimmer zeigt.

Ich vermute mal, der Katholizismus hat etwas dagegen, dass Brennan und ich uns eins teilen.

Keiner rührt sich und meine Zunge überkommt der verzweifelte Drang, irgendwas zu sagen. »Ich weiß, es ist schrecklich unhöflich von mir, zwei Tage vor Weihnachten uneingeladen aufzutauchen, aber mir ist einfach kein gutes Geschenk für Brennan eingefallen und das hier hat sich richtig angefühlt.« Ich lächle unsicher und ernte viermal synchrones Kopfnicken, als säße ich einer Familie von Wackeldackeln gegenüber. »Na ja, so sind wir Amerikaner: Schrecklich unhöflich ist unser Landesmotto.«

Mein Witz legt eine Bauchlandung hin und Mrs Donnelly tätschelt mir die Hand. »Nicht doch, meine Liebe. Wir haben unseren Jungen furchtbar vermisst und es wird bestimmt erfrischend, von einer Freundin mehr über seine Zeit in den Staaten zu hören. Brennan ist nicht gerade geschwätzig.«

»Allerdings«, antworte ich, ein wenig verschnupft, dass sie mich als eine Freundin bezeichnet hat. Und dass er sie nicht verbessert.

Sie führt mich durch den Flur zu einem Zimmer und zeigt mir das Gästebad, überreicht mir einen Stapel Handtücher und wünscht mir eine erholsame Nacht. Kaum hat sie die Tür hinter sich geschlossen, falle ich aufs Bett und frage mich, wie viel ich wohl in die Tatsache hineininterpretieren sollte, dass ich meinem Freund nicht einmal ordentlich gute Nacht sagen durfte, bevor sie mich hinausgescheucht hat.

Vielleicht schleicht er sich gleich noch zu mir und erzählt mir, wie sehr er sich freut, mich zu sehen, wie froh er darüber ist, dass ich achttausend Kilometer weit geflogen bin, um ihn zu überraschen, und entschuldigt sich für seine kühle Begrüßung.

Ich schlafe ein, ehe ich überhaupt darüber nachdenken kann, mich umzuziehen. Falls Brennan also tatsächlich an meine Tür klopft, stößt er auf taube Ohren. Geister spuken durch meine Träume, doch im Gegensatz zu denen des alten Ebenezer Scrooge kommen meine alle aus der Vergangenheit. Über die Zukunft haben sie nichts Gutes zu verkünden.

Aber das haben sie ja nie.

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Kapitel 3

Die Sonne linst viel zu früh durch die Vorhänge an meinem Fenster, aber zumindest scheint sich das Unwetter von gestern Abend aufgelöst zu haben. Mein Körper schreit nach Kaffee, obwohl er genau weiß, dass es von jetzt an eher Schwarztee geben wird. Na ja, besser als völliger Koffeinentzug.

Ich schlüpfe in frische Unterwäsche, eine saubere Jeans und einen Pulli, bevor ich in den Flur spähe. Es ist so still, dass mir das Quietschen meiner Schuhe auf dem Hartholzboden ohrenbetäubend laut vorkommt, doch ich schaffe es aus der Haustür, ohne jemandem zu begegnen. Draußen hole ich tief Luft und atme die Meeresbrise ein.

Heute begrüßt mich Irland, wie ich es mir ausgemalt hatte. Der dichte Nebel schmiegt sich wie ein Schal an die felsige Küste und die Sonne glitzert auf den schäumenden grauen Wellen. Der Regen hat sich irgendwann in der Nacht in Schnee verwandelt, also ist immer noch kein Grün zu sehen, aber die unberührte weiße Decke über den Hügeln erzeugt die perfekte Atmosphäre für diesen Wintermorgen. Weiße Weihnachten in Irland. Diese Reise kann kein Fehler gewesen sein.

Die Tür hinter mir knarrt und ein verschlafener Brennan tritt neben mich, eine farbenfrohe Häkeldecke um die Schultern geschlungen. Seine Haare stehen in alle Richtungen ab und an seiner Wange prangen rote Kopfkissenabdrücke, doch als er mich anlächelt, ist er für mich der schönste Mensch der Welt.

»Morgen, Chicken.« Sein Akzent wird stärker, wenn er müde ist, aber an den Spitznamen habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Am Anfang fand ich ihn echt seltsam. Für ihn ist er anscheinend normal.

»Morgen.« Ich beuge mich zu ihm, ohne mich daran zu stören, dass sich keiner von uns die Zähne geputzt hat. Mit dieser Formalität halten wir uns nicht mehr auf, seit wir angefangen haben, beieinander zu übernachten. Er verfällt wieder in Schweigen und entfacht meine schwelenden Zweifel neu. »Bist du sauer auf mich?«

»Weil du hergekommen bist?« Er schaut mich nicht an, sondern blinzelt aufs Meer hinaus. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, bis er mit den Achseln zuckt, sich umdreht und einen Arm um meine Schultern legt. »Nee. Ich meine, ich war schon ziemlich überrascht und meine Mutter ist eine Planerin wie du, also kriegt sie wahrscheinlich noch eine Panikattacke, aber es ist schön, dich zu sehen.«

»Na ja, wir sind seit vier Monaten zusammen. Es wurde Zeit, dass ich deine Familie kennenlerne.«

»Also hast du wie immer die Initiative ergriffen.« Er lächelt, um den Vorwurf in seiner Stimme abzumildern, und drückt mir einen Kuss auf die Nasenspitze. »Wie könnte ich sauer auf dich sein, nur weil du du bist?«

Und das war’s. Das ist so typisch für Brennan. Er nimmt alles, wie es kommt, und nichts stört ihn. Nie.

Was mich jedoch langsam stört. Denn was sagt es über seine Einstellung mir gegenüber oder das Potenzial unserer Beziehung aus, dass ihm alles egal ist?

Chris würde jetzt die Augen verdrehen und schimpfen, dass ich die Klappe halten soll. Dass wir neunzehn sind und erst seit vier Monaten zusammen und noch nicht wissen müssen, ob wir irgendwann mal heiraten. Ob es für immer ist.

Ich schaue meinen süßen irischen Freund an, der sich wirklich bemüht, mich zu verstehen, und außerdem zufällig eine Granate im Bett ist, und beschließe, ausnahmsweise auf sie zu hören. Mich zu entspannen und die neue Erfahrung zu genießen.

»Hey, ihr zwei, das Frühstück ist fertig und Mum reißt euch den Kopf ab, wenn ihr nicht gleich reinkommt.« Molly steckt die rotblonden Wuschellocken durch die Tür und beäugt uns. »Uff, seid ihr ekelhaft!«

»Nicht so ekelhaft wie dein Mundgeruch«, schießt Brennan zurück und zwinkert mir zu, bevor er hinter seiner Schwester herjagt.

Ich lasse ein letztes Mal den Blick über die atemberaubende Umgebung schweifen, dann folge ich ihnen ins Esszimmer. Mittlerweile habe ich ein besseres Gefühl bei der ganzen Sache als gestern Abend. Vielleicht sind Brennan und ich noch nicht da, wo ich uns gerne hätte, aber ich glaube, dass Weihnachten mit mir und seiner Familie, in seinem Heimatland, ihm einen Schubs in die richtige Richtung geben wird.

Die Familie versammelt sich um den alten, abgenutzten Eichentisch und ich entdecke ein neues Gesicht. Ein älterer Mann sitzt am Kopfende. Seine mit Altersflecken übersäte Glatze glänzt in der Sonne, die durch das Fenster hereinfällt. Er mustert mich skeptisch durch seine riesige, eulenartige Brille und rümpft die Nase, als wäre ich ein Stück Obst, das irgendwie komisch riecht.

»Ist das die Schottin?«, fragt er.

»Grandpa!« Mollys Wangen färben sich rosa.

Das erklärt zumindest, warum sie gestern so ein Gewese um meinen Nachnamen gemacht haben.

»Ich bin keine Schottin, sondern Amerikanerin. Und mein Vater hat auch nie irgendwelche schottischen Vorfahren erwähnt.« Nicht, dass ich mich an besonders viel aus der Zeit vor meinem neunten Geburtstag erinnere. Bevor er gestorben ist. Aber es erscheint mir als berechtigter Einwand.

»Die Augen und die Statur kannst du nicht verleugnen«, bemerkt Grandpa Donnelly mit einer geringschätzigen Handbewegung. »Und für ’nen Penny ist dir bestimmt auch kein Umweg zu weit.«

»Dad, es reicht.« Mr Donnelly greift nach einer Scheibe Brot, das die Farbe von Haferflocken hat. »Im Ernst, wir sollen doch jetzt so tun, als würden wir die Schotten mögen. Und der Kerl, der dir in der Uni die Freundin ausgespannt hat, ist seit über zehn Jahren tot.«

»Zehn Jahre zu kurz«, knurrt Grandpa Donnelly und beäugt mich weiter, als würde er sich fragen, welche Verbrechen – wirklich oder eingebildet – ich wohl begangen habe. »Aber du bist hübsch, das ist ja schon mal was.«

Brennan wirft mir einen entschuldigenden Blick zu und lässt sich auf den Stuhl neben seinem Großvater fallen. Meine Wangen glühen vor Verlegenheit, obwohl es lächerlich ist, sich für seinen Nachnamen zu schämen. Schließlich habe ich ihn mir nicht ausgesucht und er bedeutet nichts – zumindest dem kläglichen Rest meiner Familie nicht.

Ich strecke die Hand aus. »Ich bin Jessica.«

Der alte Mann schaut darauf hinunter, schüttelt sie allerdings nicht, sondern grinst nur und entblößt seine Zahnlücken. »Michael Donnelly.«

»Können wir jetzt endlich essen?«, fragt Mrs Donnelly und mustert ihre Familie mit hochgezogenen Augenbrauen, die keinen Widerspruch dulden.

Ich nehme mir Joghurt, Müsli, Obst, ein bisschen Rührei und eine Frikadelle. Brennan reicht mir den Korb mit Brot und Scones und deutet auf den dicken haferflockenfarbenen Laib.

»Das ist Sodabrot. Eine irische Spezialität.«

»Danke.« Ich bestreiche eine Scheibe mit Butter und Marmelade und beiße vorsichtig hinein. Es schmeckt richtig gut und hat eine interessante Textur, schon wie Brot, aber irgendwie auch nicht. »Lecker!«

»Natürlich findest du’s lecker. Alles ist besser als Haggis und Haferschleim«, sagt Grandpa Donnelly zwischen zwei Löffeln Joghurt.

»Was ist Haggis?«, frage ich mit meiner überzeugendsten Unschuldsmiene.

»Mum macht das beste Sodabrot in der ganzen Stadt«, verkündet Brennan schnell, bevor sein Großvater antworten kann.

»Das ist ein schönes Bild«, sage ich und nicke zu einem Schwarz-Weiß-Foto an der Wand hinüber. Es zeigt eine Frau am Strand, die mit dem Rücken zur Kamera steht. Der Wind lässt ihr dunkles Haar wehen und zieht den Saum ihres Kleids in Richtung der grauen Wellen. Moosüberwachsene, zerklüftete Felsen rahmen das stürmische Motiv. »Hat das einer von Ihnen geschossen? Oder ein Fotograf aus der Gegend?«

»Unser Farmhelfer Grady. Er knipst alles, was ihm vor die Linse kommt. Er ist ziemlich gut«, erwidert Mrs Donnelly mit einem nachsichtigen Lächeln.

»Ach«, würge ich hervor, während mein Gehirn versucht, den schroffen, unsympathischen Typen von gestern Abend mit dem Künstler zusammenzubringen, der die einzigartige Schönheit in diesem Foto eingefangen hat.

»Habt ihr Oma Ziege heute schon gesehen?«, wechselt Molly das Thema und stochert in ihrem Rührei herum. »Sie humpelt.«

Mein Herz setzt aus. Die plötzliche Stille im Zimmer rauscht mir in den Ohren und alles um mich herum wird langsamer, als wären wir unter Wasser. Scheiße.

»Gestern ging’s ihr noch gut, da war sie temperamentvoll wie eh und je.« Mrs Donnelly schenkt mir nach, obwohl ich erst zwei Schlucke von meinem Tee getrunken habe. »Wollte mich beißen.«

Niemand zwingt mich, es ihnen zu sagen. Solange der blöde Grady Callaghan den Mund hält, werden sie es nie erfahren. Aber vielleicht muss die Ziege zum Tierarzt oder so. Und wenn sie es doch irgendwie herausfinden, wissen sie, dass ich hier gesessen und ihnen praktisch ins Gesicht gelogen habe. Und ich habe nur vier Tage, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, da würde das mehr Schaden anrichten, als meinen Fehler einzuräumen.

»Ich habe sie angefahren«, murmle ich. Alle starren mich mit offenem Mund an, sogar Brennan. »Ich meine, ich weiß nicht genau, ob es Oma Ziege war, aber es war eine Ziege.«

»Was? Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?« Mrs Donnelly durchbohrt mich mit ihrem vorwurfsvollen Blick.

Als sie ihn auf Brennan richtet, füge ich schnell hinzu: »Er hatte keine Ahnung. Ich hab’s ihm nicht erzählt.«

»Du hättest es uns sagen sollen.« Mit den zusammengepressten Lippen wirkt Mr Donnelly längst nicht mehr so gutmütig. »Vielleicht braucht sie einen Tierarzt und zwei Tage vor Weihnachten kriegt man den hier nicht mehr so leicht raus.«

»Ach, so müssen wir wenigstens keinen Truthahn fürs Weihnachtsessen schlachten, Colin«, gluckst Grandpa Donnelly und verschluckt sich fast vor Lachen.

»Oma Ziege ist bald wieder auf dem Damm«, verkündet plötzlich die tiefe Stimme von gestern Abend.

Ich wirble herum. Grady steht in der Tür zur Küche, die Wollmütze in den Bärenpranken, und mustert mich. Ohne das grelle Licht der Scheinwerfer sind seine Augen eher grau als blau. Er sieht aus, als müsste er sich zurückhalten, um mich nicht anzuschnauzen, weil ich den Vorfall bisher verheimlicht habe. Ich unterdrücke den Drang, die Augen zu verdrehen. Immerhin hilft er mir gerade irgendwie.

»Hast du sie dir angeschaut?«, fragt Mrs Donnelly so besorgt, als hätte ich Molly erwischt und keine bissige Ziege.

»Ja, gestern Abend, gleich nachdem es passiert ist. Sie war ein bisschen benommen und hatte eine Prellung am linken Vorderbein, aber sonst war alles in Ordnung.« Er wirft mir noch einen Blick zu und ich bemühe mich, ihn dankbar zu erwidern.

Ich bin wirklich dankbar, dass er sich eingeschaltet hat, denn was den Gesundheitszustand einer Ziege angeht, wird die Familie eher auf seine Meinung vertrauen als auf meine – aber muss er deswegen schon wieder so ätzend und eingebildet sein?

»Ich habe gestern Abend nichts gesagt, weil es mir so peinlich war.« Meine Wangen brennen, was meine Geschichte gleich glaubwürdiger erscheinen lässt. »Und Grady hat gemeint, der Ziege würde nichts fehlen. Aber ich hätte es Ihnen trotzdem erzählen müssen.«

»Hast du schon gefrühstückt, mein Junge?«, fragt Mrs Donnelly Grady und ignoriert meine Entschuldigung.

Ihr Ehemann wendet sich wieder seinem Teller zu, aber sein Dauerlächeln ist einem missbilligenden Ausdruck gewichen. Grandpa Donnelly schnalzt mit der Zunge in meine Richtung und seine Augen funkeln mehr als nur ein bisschen schadenfroh. Und obwohl Brennan unter dem Tisch mein Knie drückt, wirkt er irgendwie durch den Wind, als wüsste er nicht, ob er mich verteidigen soll oder nicht.

»Ja, Maeve, vielen Dank.« Grady schenkt Mrs Donnelly ein honigsüßes Lächeln. »Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich in die Stadt fahre. Brauchst du irgendwas?«

»Nein, danke. Obwohl, vielleicht ein paar Cranberrys? Du isst doch an Weihnachten mit uns, oder?«

»Teufel ja«, antwortet er und stapft wieder davon.

Jemand tätschelt mir die Hand. Grandpa Donnelly grinst mich an und seine wässrigen Augen glitzern verschwörerisch. »Warum holst du dir nicht einen Brandy aus dem Schrank? Du siehst aus, als könntest du einen Schluck vertragen.«

Ich schüttle den Kopf, da schaltet sich Mrs Donnelly ein: »Ich nehme auch einen Schuss in meinen Tee, meine Liebe. Mir will heute nicht so richtig warm werden.«

Na großartig! Gleich das nächste unangenehme Thema. »Ich trinke eigentlich keinen Alkohol.«

Der Satz klingt wie eine Entschuldigung. An der Uni muss ich mich auch andauernd erklären, aber es ist leichter, wenn man das Ganze mit unangemessenen Witzen ins Lächerliche ziehen kann.

»Was?« Grandpa Donnelly verengt die Augen. Ich bin wieder das potenziell faule Stück Obst.

»Sie mag nicht, wie sie sich dann fühlt«, sagt Brennan. Er versucht, mir zu helfen, und das ist wirklich lieb von ihm, aber jetzt wirke ich wie ein anstrengendes, neurotisches Nervenbündel.

»Bist du … wie heißt noch diese eine komische Religion? Mormonin?« Molly starrt mich an, als wäre ich ein Filmstar. »Wie John Travolta?«

Wie sehr ich auch strample, um mich über Wasser zu halten, dieses Gespräch wird mein Untergang. »Er ist bei Scientology. Und nein, ich bin keine Mormonin. Es ist bloß eine Entscheidung, die ich für mich getroffen habe. Ich fühle mich gerne wie ich selbst.«

»Hier geht’s um einen Drink, Mädchen«, unterbricht mich Grandpa Donnelly. »Sogar Jesus hat Wein getrunken.«

»Jesus musste sich auch keine Sorgen um Vergewaltigungsdrogen machen«, erwidere ich scherzhaft und frage mich zu spät, ob Witze über Jesus überhaupt erlaubt sind. Ich persönlich glaube ja, dass der Typ bestimmt Humor hatte, aber die Donnellys scheinen den ganzen Kram ziemlich ernst zu nehmen.

Es sollte mich nicht überraschen, dass das mit dem Alkohol in Irland eine große Sache ist. Brennan trinkt fast immer zum Essen. Nicht so viel, dass es bedenklich wäre. Er ist kein Alkoholiker, es gehört einfach zu seinem Lebensstil.

Meine Abstinenz ist auch an der Uni eine große Sache, aber da will ich die Leute nicht unbedingt beeindrucken.

Statt weiterzureden und alles noch schlimmer zu machen, nehme ich einen Bissen Frikadelle. Meine Zunge schiebt ihn hin und her, überrascht von Konsistenz und Geschmack, die anders sind als bei jeder anderen Frikadelle. Nicht schlecht, obwohl mein Magen sich noch nicht sicher ist, ob er sie bei sich behalten möchte.

»Was für ein Fleisch ist das?«, frage ich, nachdem ich es endlich geschafft habe runterzuschlucken. Jetzt bereue ich es, dass der Bissen so riesig war, aber Frikadelle im Mund ist immer noch besser als Fuß im Fettnäpfchen.

Niemand antwortet mir und als ich aufschaue, mustert Brennan mich mit einer Mischung aus Belustigung und Sorge auf dem hübschen Gesicht.

Grauen vermengt sich mit der geheimnisvollen Fleischmasse und ich fange an zu schwitzen. »Was ist?«

»Das ist kein Fleisch. Das ist Black Pudding.«

»Black Pudding?« Ich stochere mit der Gabel in dem trockenen Klumpen und bemühe mich, nicht allzu sehr wie eine ahnungslose Amerikanerin zu klingen. »Das sieht gar nicht aus wie Pudding.«

»Das liegt daran, dass er nicht aus Milch besteht.« Brennans Finger berühren sanft mein Bein.

»Aus was denn sonst?«

»Na ja … ein bisschen Schweineschmalz.« Er hält inne und wirft seiner Mutter einen schnellen Blick zu, gefolgt von einer Grimasse. »Aber hauptsächlich aus gekochtem Blut.«

Mir bleibt keine Zeit zu antworten. Bevor Brennans Worte überhaupt von meinem Ohr bis zum Gehirn gedrungen sind, schießt mir der Black Pudding schon die Speiseröhre hoch. Ich kann mich nicht einmal mehr entschuldigen oder um eine weniger entsetzte Miene bemühen. Ich weiß nur, dass ich nicht auf Mrs Donnellys Esszimmertisch kotzen darf.

Brennan will aufstehen, aber ich strecke die Hand aus und schüttle den Kopf, so fest ich mich traue. »Nein. Bleib.«

Ich fliehe nach draußen in den frischen Schnee, weil das viel näher ist als das Gästebad. Trotzdem: Kaum habe ich mich auf die Knie fallen lassen, führe ich auch schon mein gesamtes Frühstück wieder Mutter Erde zu. Danach würge ich noch ein paar Minuten, weil mein Gehirn einfach nicht aufhören will, die Worte gekochtes Blut zu wiederholen.

»Und du hast es echt nicht bis zum Donnerhaus geschafft?«

Ich stöhne. Mittlerweile erkenne ich Grady schon an der Stimme. Vor ...

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