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Unter uns Pastorentöchtern

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kein Mädchen wie jedes andere
  8. 1. Ein Nest im Paradies
  9. 2. Das Kind muss mehr essen
  10. 3. Kirchenbüro im Frühstückszimmer
  11. 4. Phänomen Pastorenfrau
  12. 5. Versteckspiel in der Sakristei
  13. 6. Eine Flasche Cordon rouge, bitte!
  14. 7. Ihr dürft Heide nicht reizen
  15. 8. Besucher von einem anderen Stern
  16. 9. Es gibt keinen Gott
  17. 10. Hochwürden greift durch
  18. 11. Mit Griechisch … das war wohl nichts
  19. 12. Auf nach Sibirien
  20. 13. Psst … Papa schreibt die Predigt
  21. 14. Wer rangeht, schmiert!
  22. 15. Die wilden Pastorentöchter
  23. 16. »Bild« statt Bibel
  24. 17. Marx & Moses
  25. 18. Pastor oder Fantast?
  26. 19. Wenn es drunter und drüber geht
  27. 20. Ein Elternhaus wie ein Wärmeofen
  28. 21. Berühmte Pastorentöchter
  29. Epilog
  30. Danke

Über dieses Buch

Blühender Flieder klettert ins Fenster hinein. Die Zugehfrau verteilt großzügig Klosterfrau Melissengeist an die Kinder. Und der Pfarrer vergisst eine Hochzeit in seiner Kirche. Atmosphärisch dicht beschreibt Claudia Hagge ihre Kindheit in einem norddeutschen Pfarrhaus. Früh steht sie im Fokus der Dorfgemeinschaft, ist Projektionsfläche für Neid und Spott. Gleichzeitig bestimmen Werte wie Toleranz, Konfliktfähigkeit und innere Freiheit ihren Alltag. Ein faszinierendes Memoir, das zeigt, warum Pastorentöchter wie Angela Merkel, Jane Austen oder Katy Perry so oft Erfolgskinder sind.

Über die Autorin

Claudia Hagge ist seit 33 Jahren als Journalistin, Autorin und Medienberaterin tätig. Sie hat für alle großen Zeitungsverlage in Deutschland gearbeitet. Sie war Reporterin, Autorin und Ressortleiterin bei BILD. Sie schrieb für das People-Magazin BUNTE. Sie war Chefredakteurin der ersten Zeitschrift für Frauen 50plus, die sie entwickelt und erfolgreich auf den Markt gebracht hat. Heute arbeitet sie selbständig als Journalistin und schreibt Bücher. Sie lebt in der Nähe von Hamburg.

Claudia Hagge

UNTER UNS

PASTOREN

TÖCHTERN

Aufwachsen an einem Ort,
der stark und mutig macht

LÜBBE

 

Für Brigitte und Rolf

KEIN MÄDCHEN WIE JEDES ANDERE

Den Hype um den Beruf meines Vaters habe ich nie verstanden. Was sollte das sein: eine PASTOREN-Tochter? Mit dieser Bezeichnung konnte ich nichts anfangen. War ich doch ein Mädchen wie jedes andere auch, mit den gleichen Träumen, Wünschen, Kümmernissen. Oder war ich es etwa nicht? Es verstörte mich, dass ich ständig im Fokus eines ganzen Dorfes stand – nur weil Papa der Pastor war. Das war offenbar etwas sehr Besonderes, und zwar auch schon lange vor meiner Geburt.

Es ist bereits zweihundert Jahre her, da gingen sie als »christliche Genies« in die Literaturgeschichte ein. Die Rede ist von den englischen Schriftstellerinnen Jane Austen und den Brontë-Schwestern Charlotte, Emily und Anne. Sie waren mutig. Sie machten sich frei von Konventionen. Sie konnten schreiben. Und: Sie waren Pastorentöchter. Wenn es um ihre Romane und Schriften geht, wird ihr Wirken bis heute auch in ihrer Herkunft gespiegelt. Ihre Kunst erweckte Aufsehen, nicht nur, aber auch, weil ihr Vater ein Kirchenmann war. Und in dieser Konstellation wird nie ganz klar, was ihren Erfolg zum Erfolg machte: die besondere Erziehung und das dadurch vermittelte Können – oder das Phänomen, dass von einem »frommen« Mädchen so viel emanzipierte Leistung nicht zu erwarten war.

Nun ist es aber tatsächlich so, dass Pastorentöchter häufig recht erfolgreich sind. Ich habe lange überlegt, warum dies so ist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir nie nur Kinder waren. Von Beginn unseres Lebens an sind wir in eine bestimmte Form von Beobachtung und Verantwortung und Erwartung gepresst. Das macht sehr früh sehr selbstständig. Wir schwimmen nicht mit dem Strom. Wir stehen für Überzeugungen ein. Wir können uns gut durchsetzen. Ja, ich wage zu sagen, wir sind weibliche Alphatiere. Doch damit schafft man sich nicht nur Freunde. Schnell ist man auch Projektionsfläche für Neid, Spott und Häme. Fällt man besonders auf – durch beruflichen Erfolg oder eine missliebige Äußerung –, wird sofort der heilige Hintergrund aus der Kiste geholt.

Nichts macht den »wilden Popstar« Katy Perry noch wilder und attraktiver als die Tatsache, dass ihr Vater ein Prediger war und sie im Gospelchor sang. Der Sex-Appeal von Elke Sommer, dem ersten »deutschen Fräuleinwunder«, das in Hollywood reüssierte, war heißer als der aller anderen blonden Frauen, weil »fränkische Pastorentochter!« Ganz zu schweigen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, von der nicht alle gleich wissen, dass sie Physikerin ist. Nur fragt man die Leute, was ihr Vater gemacht habe, kommt es wie aus der Pistole geschossen, dass er in der früheren DDR Pastor gewesen sei. Gern wird dies der Politikerin unter die Nase gehalten, immer gerade so, wie es im Kontext passt.

Gleiches gilt für die ehemalige britische Premierministerin Theresa May. Als sie mit einer wichtigen Abstimmung zum Brexit-Deal im englischen Parlament unterliegt, muss gleich wieder die Pastorentochter-Herkunft herhalten. Sie sei »so brav wie das Amen in der Kirche ihres Vaters …« wurde gespöttelt. Ach Gottchen, glaubt man das wirklich? Aber damit nicht genug. Auch die grausamen Straftaten der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin scheinen noch einen Tick gruseliger zu werden, wenn der Zusatz »schwäbische Pfarrerstochter« hinzugefügt wird. Geschenkt. An das Klischee, dass Pastorentöchtern fast alles zuzutrauen ist, habe ich mich gewöhnen müssen. Aber ich gebe zu, dass es mich stört, wenn man hochnäsig auf meine Provenienz schaut. Wenn in dem Blick auf das Pfarrhaus unausrottbare Vorurteile mitschwingen, wie solche, dass man nur »artig« und überhaupt fern von Gut und Böse sei. Ebenso unerträglich ist für mich die häufig verbreitete Annahme, dass ein christliches Haus von blinder Sozialromantik getrieben und deshalb politisch nicht urteilsfähig sei, weil biblisch verblendet.

Jedenfalls waren auch solche Stereotypen für mich Anlass, noch einmal auf meine Kindheit und Jugend in meinem Pastorenelternhaus zu sehen. Und ja, der Job meines Vaters – besser: das gemeinsame Berufsleben meiner Eltern – war schon ungewöhnlich. Was nicht bedeutet, dass wir nur betend am Tisch saßen und immer friedlich und umgänglich gewesen wären. Nein, wir lebten nicht wie Heilige, die jedem mit milder und immer nachsichtiger Haltung begegneten. Auch eine christlich geprägte Philanthropie ist kein Fass ohne Boden. Sie hat Grenzen, welche die Realitäten setzen. Und wie erschütternd und oft auch komisch diese Wirklichkeit im Wirkungskreis eines Geistlichen sein kann, davon vermag der von außen urteilende Betrachter nur zu träumen.

Ein Pfarrhaus ist kein Streichelzoo. Was ich erleben konnte, war wild, verrückt, völlig aus dem üblichen Rahmen gefallen und dennoch ganz nah am Leben. Diesen Spirit verliert man nicht. Er bleibt. Und er macht stark und zuweilen auch sexy – aber keineswegs blöd, und naiv nun schon gar nicht. Gern erzähle ich davon. Natürlich nur »unter uns Pastorentöchtern …«

1. EIN NEST IM PARADIES

Ich bin vierzehn. Und es ist mein Tag. Die Glocken im Kirchturm schlagen so laut, dass ich mein eigenes Wort nicht verstehe. Ihr Klang ist ein wenig hart und metallisch. Und die Wucht des Geläuts legt sich unerklärlich schwer auf meine Brust.

Es ist wie immer, wenn ich den Arbeitsplatz meines Vaters betrete und die vielen unbekannten Menschen wahrnehme, die ihn und uns als Familie genau beäugen. Mich überfällt Unbehagen. Ich bin in der Pubertät. Ich mag nicht beglotzt werden. »Guckt doch nicht so …« – aber nein, so etwas Unhöfliches würde mir nie über die Lippen kommen, wenn ich es auch einige Male schon gedacht habe. Ich werde die Contenance wahren. Darauf bin ich als Pastorentochter geeicht. Und natürlich an diesem Sonntag in ganz besonderem Maße.

Es ist der 7. Mai 1972, und ich feiere Konfirmation. Ich weiß, dass dies ein Fest ist, das nach einem ganz festen Reglement über die Bühne geht. Aber ich habe mir vorgenommen, es so zu zelebrieren, wie ich es mir vorstelle. Zumindest, was meine äußere Erscheinung betrifft. Auf keinen Fall möchte ich ein so spießiges schwarzes Kostüm tragen, wie es zu diesem Anlass üblich ist. Es verwandelt junge Mädchen urplötzlich in eine »Madame«. Nein, das will ich nicht. Ich würde mich verkleidet fühlen und in eine Rolle gedrängt, die ich nicht ausfüllen möchte. Zu brav, zu ordentlich, zu alt, zu sehr in eine Norm gepresst.

Es hat zu Hause Diskussionen gegeben. Papa sagte: »Dein Kleid muss würdig sein.« Mama meinte: »Wir fahren nach Hamburg und lassen uns inspirieren. Ich möchte, dass du dich wohlfühlst und ein gut gemachtes Teil findest.« Ich habe mich für ein knöchellanges graues Leinenkleid mit bunt bestickten Ornamenten entschieden. Für einen Edel-Hippie-Look sozusagen, wie es zu dieser Zeit gerade en vogue ist. Nur die Loafers aus schwarzem Lackleder, sehr schmal und elegant, sind mein Zugeständnis an die ungeschriebene Kleidervorschrift und an den lieben Gott. Beides haben wir am Jungfernstieg gefunden, in einem Modegeschäft mit einem südlich klingenden Namen und in dem angesagtesten Schuhgeschäft der Stadt, nur eine Autostunde von unserem Zuhause in Kiel entfernt.

An einem langen schwarzen Samtband baumelt ein Kreuz, das Mama schon zu ihrer Verlobung trug. Ich sähe »fein« aus, sagt meine Großmutter Martha mit anerkennendem Blick. Das ist ihr viel wichtiger als »hübsch« oder »schön«, wenn auch diese Attribute keineswegs ohne Bedeutung für sie sind. Aber »fein« ist ein Wort, das für höchstes Lob in unserer Familie steht. Mein schulterlanges Haar hingegen, frisch gefönt, weht ziemlich »unfein« durcheinander im kühlen Frühlingswind. Das ärgert mich. Und ich friere, doch ich verdränge es, weil ich kichernd mit meinen Mitkonfirmanden in die Kirche einziehe.

An der Spitze voran schreitet mein Vater, wie immer mit beschwingtem Schritt im wallenden schwarzen Talar. Auf seinem Gesicht liegt ein feierlich-freudiger Ernst, den Pastoren wohl kraft ihres Berufes bei jeder amtlichen Gelegenheit spazieren tragen. Aber er spiegelt natürlich auch den Respekt dieses Augenblicks wider: Wir Teenies sollen heute in die Gemeinde der erwachsenen evangelischen Christen aufgenommen werden. Wie eine Nobilitierung kommt es mir vor, als uns Papa vorbei an unzähligen Reihen von Gläubigen führt und mit einer galanten Handbewegung dazu auffordert, in den ersten beiden Reihen ganz vorn vor dem Altar Platz zu nehmen.

Das Wispern auf den Kirchenbänken kriecht förmlich in mich hinein. Wie so oft starrt die Gemeinde auf mich, natürlich diesmal, weil mein Outfit vollkommen aus dem Rahmen fällt. Gott sei Dank sehe ich die neugierigen Blicke nicht. Wir gackern jetzt etwas leiser – oder bekommen wir etwa schon feuchte Augen, weil mit voller Macht das einsetzende Orgelspiel wie ein brachialer Gewitterregen über uns niedergeht? Der klirrende Schall aus den Kupferpfeifen oben auf der Empore hat eine fast tyrannische Gewalt über meinen noch unfertigen und wankelmütigen Empfindungs-Zyklus. Ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn der Organist loslegt. Nur wenn er aus Versehen die falschen Register zieht, löst dies bei mir einen Lachanfall aus. Aber diesen Gefallen tut er mir in dieser Sekunde nicht.

Eng gedrängt mit den anderen Mädchen, die Jungs haben eine eigene Reihe, sitze ich auf der harten Holzbank in meinem dünnen Tuch und zittere. So fühlt es sich also an, wenn man nicht mehr zu den Kleinen, sondern zu den Großen zählt. Ich schaue auf meine sehr kalten blassen Hände, die ein Büchlein halten, darüber Stiele von Maiglöckchen. Sie duften schön und vertraut in dem sonst so kerzenschweren stickig-geistlichen Dunst. Immer wieder schnuppere ich daran, wenn ich von dem laut vorgetragenen Predigttext mal wieder wegtauche.

Durch den fast zweistündigen Gottesdienst trägt mich die Vorfreude auf mein schönstes Geschenk an diesem Tag: ein Fläschchen Diorissimo, mein erstes Eau de Toilette. Es riecht nach Maiglöckchen. Es ist die Lieblingsblume des Modeschöpfers Christian Dior – und meiner Mutter. Gleich am Nachmittag nach dem Festessen will ich mir ein wenig davon hinter die Ohren und aufs Handgelenk tupfen. Mami hat es mir auf den reich bestückten Gabentisch gelegt. Es ist ihr Signal an mich, dass ich jetzt »dazugehöre«. Ich darf ihren Duft benutzen, um den ich sie schon lange beneide. Wir lieben beide eine milde Frische, die wir uns in allen Variationen fast süchtig in die Nase ziehen. Aber es ist noch viel mehr als nur der Spaß an einem tollen Duft. Und dies wird mir ausgerechnet an diesem Vormittag bewusst: Diorissimo ist mein Synonym für meine Herkunft. Ein gesprühter Tropfen genügt, und ich bin wieder dort, woher ich komme, wo ich geboren bin und meine ersten Schritte gemacht habe.

An diesen Platz wandern meine Gedanken in dem Moment, als mein Vater dazu ansetzt, meinen Konfirmationsspruch vorzulesen, und ich mich bibbernd vor Aufregung und Kälte an meinen »Maieresli« festhalte …

*

In einem kleinen Dorf siebenundzwanzig Kilometer südlich von Flensburg wachse ich auf. Es ist ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase »Gute Nacht« sagen. Eine Oase des Nichts. Nur siebenhundert Einwohner. Ein Fluss, die Treene. Und da ist auch noch ein kleiner Bach, in dem ich Stichlinge fange, wo ich Löwenzahn zupfe und Pusteblumen küsse. Wie willkürlich dahingeworfene Farbkleckse liegen die Bauernhöfe auf Äckern bis zum Horizont verstreut. Im Ortskern eine Schule, ein kleiner Bahnhof. Zwei Gaststätten. Ein Kaufmann. Ein Arzt. Eine kleine Apotheke in einem winzigen Ladenraum mit knarzender Registrierkasse und einer schrillen Glocke, die jeden Kunden anmeldet, sobald er eintritt.

Ein überschaubares Gemeinwesen ist dieser schleswig-holsteinische Fleck in den Fünfzigerjahren, den niemand auf der Agenda hat. Es ist tiefste Provinz, die sich mein Vater als erste Pfarrstelle ausgesucht hat. So weit abgelegen von den pulsierenden Stätten des beginnenden Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. Und in meiner Wahrnehmung vollkommen unberührt von Gefahren oder Geschehnissen, die man Schicksal nennt. Hier darf ich Kind sein. Und mein Refugium ist so schön wie das biblische Eden. Ich fühle mich sehr beschützt, und ich lebe in der Gewissheit, unverwundbar zu sein.

Ich bin ein glückliches Mädchen auf diesem platten einsamen Land, denn ich darf in einem wahren Paradies aufwachsen. Trete ich vor die Tür, schenkt mir jede Jahreszeit ein anderes Parfum. Versprüht der Teppich aus Schneeglöckchen im Januar ein grünes Aroma, so kündigt ein Hauch von Vanille aus dem Nektar der Märzenbecher den nahenden Frühling an. Und wenn lila Veilchen im samtweichen Moosbett eine feine Süße verströmen, dann ist der Frühsommer zum Greifen nah. Wenn Natur verführen kann, ist sie hier auf unserem Pastorats-Grundstück ein Casanova. An der Hand meines Vaters streife ich vorbei an wildem Jasmin und nicht frisiertem Immergrün. Mit dem Spazierstock pflückt Papa baumhohe Zweige vom Fliederwall, nicht ohne sich dabei eine weiße Blüte ans Revers zu heften.

Die prägendste Erinnerung an meine ersten zwölf Lebensjahre ist der Zauber verwunschener Gärten. Auf einem Gobelin aus Tausendschönchen halte ich Picknick mit meinen Freundinnen und spreche mit meinen Puppen. Ich atme eine Luft, die schwanger ist mit sattgrünem frisch gemähten Gras. Birken und Buchen halten die Schaukeln, mit denen ich und meine vier jüngeren Geschwister hoch und immer höher fliegen. Unter einer rosafarbenen Blüten-Kirsche lerne ich Lesen und Schreiben. Und beim Malen an Papas selbst gezimmertem Holztisch neben Himbeer- und Stachelbeersträuchern finde ich Trost nach einem Sturz mit meinem Fahrrad. Auf dem weißen Kiespfad im japanischen Rundgarten, den meine Eltern kurz nach ihrer Hochzeit angelegt haben, führe ich wackelig auf Mamas hohen Pumps ein langes Spitzenkleid vor und spiele Braut. Ich bin noch zu klein, um zu wissen, was Romantik und Freiheit und Geborgenheit bedeuten, aber von allem bin ich beschenkt im Übermaß.

Mein lebenslanges Sinnbild für Behütetsein ist das sandfarbene Backsteinhaus mit seinen dunkelgrünen Fensterläden, in dem wir eine liebende Familie sind. Es ist ein Zuhause, so großzügig und gemütlich wie Skandinaviens Gutsherren-Domizile, die sich ganz in unserer Nähe in die weiten jütländischen Dünenlandschaften schmiegen. Die Räume erzählen von Menschen, die ich nie kennengelernt habe. Aber die Geschichten der Vorbewohner scheine ich zu fühlen. Wenn es auf dem Holzfußboden knackt oder ohne Grund die Tür zur Abstellkammer aufspringt, sehe ich Geister und rede mit ihnen. Besonders nah sind sie mir nachts, wenn ein hell schimmernder Mond in mein Kinderzimmer lugt und draußen Hasen und Marder von seinem Schein geblendet in den schützenden Schatten dicker Büsche huschen. Dann stehe ich auf und wandele mit geschlossenen Augen bis ans andere Ende des Hauses zu meinen schlafenden Eltern und wecke sie. Und mitten in der Nacht hocke ich auf ihrem Bettrand und berichte, wen ich auf dem Weg zu ihnen gesehen habe.

Das Haus, 1816 erbaut, steht auf heiligem Boden. Denn da, wo ich später irgendwann »Räuber und Gendarm« spielen und Höhlen bauen darf, hat schon vorher ein Pfarrhaus gestanden. Nur ist es bei einem Feuer im Sommer 1815 abgebrannt.

Den unfassbaren Moment hat der Pastor Detlev Nikolaus Kraft in seinem Tagebuch festgehalten. »Nachmittags um zwei Uhr den 28. Juli brach Feuer in meinem Hause aus. Ich saß zu der Zeit im Pastoratsgarten zu lesen. Meine Frau rief ängstlich nach mir. Ich fragte sie, was ihr fehle, sie antwortete: ›Es ist Feuer im Hause.‹ Ich ging in unsere Küche und sah in den Schornstein. Meine Frau zeigte nach dem Boden. Ich stieg die Treppe hinauf, wo ich dann sah, dass die Funken unter dem Strohdach herumflogen. Kurz vorher hatte unser Hirtenknabe gerade an dem Platze in dem Heu geschlafen, wo es brannte.«

Vergeblich versuchte der Pfarrer, das Haus zu retten, und zog sich dabei Brandwunden an Kopf und Händen zu. Er verlor alles, was er besaß; sein Schaden belief sich auf zweitausend Reichstaler. Auch gelang es nicht, die alten Kirchenbücher aus den Flammen zu bergen. Diese Tragödie drohte, die Existenz des Pastors zu vernichten. Das Gebäude war versichert, aber nicht sein Hab und Gut. Die Gemeinde unterstützte ihn. Sie gab ihm Bettzeug im Wert von hundert Reichsmark. Und seine Amtsbrüder spendeten, was sie als erste Hilfe hergeben konnten. So gelang es, ein Jahr später in ein neu geschaffenes Pastorat einzuziehen. Am Gedenktag für den Heiligen Erzengel Michael war es fertig – mein Heim.

Meine ersten Schritte werde ich in einem hundertfünfzig Jahre alten Neubau machen. Verwöhnt von einem intakten Biotop werde ich gefühlt wie eine Prinzessin groß. Eine kleine Allee aus Kastanien und Linden führt zum Pastorat. Sie endet vor dem Rondell am Eingang. Wenn ich auf unserem Grundstück hinaus zum Spielen gehe, kann ich wählen zwischen vier Gärten, drei Wiesen und einer großen Scheune voller Geheimnisse. Zehn Zimmer hat das Pfarrhaus. Über dreihundert Quadratmeter. Plus Nebenräume mit einem Alkoven und kühlenden kleinen Kellern. Und einen Dachboden, unser späterer Abenteuerspielplatz. Auf den ersten Blick purer Luxus im Oktober 1957, als ich geboren werde. Alles wirkt groß und generös. Ein Steinflur lädt zum Tanzen ein. Die Küche hat Platz für eine lange Tafel und mehrere Feuerstellen. Eine weiß lackierte Schiebetür teilt den geräumigen Wohn- und Essbereich. Und über ein weiß gestrichenes, bodentiefes Verandafenster geht es hinaus in einen kleinen Park.

Mit einer barocken roséfarbenen Vintage-Tapete haben meine Eltern noch schnell die große Stube herrichten lassen. Und doch kann diese Verschönerungsmaßnahme nicht darüber hinwegtäuschen, dass mein Schloss bei genauem Hinsehen leider eine Bruchbude ist. Durch die dünnen Holzfenster, die sich nur mit einem Häkchen schließen lassen, kriecht die Kälte nicht enden wollender Winter. Und an ein gekacheltes Bad mit Dusche ist lange nicht zu denken. Schwere Stürme im Herbst reißen immer neue Löcher ins strapazierte Strohdach hinein. Bei jedem Gewitter herrscht Lebensgefahr.

So jedenfalls sieht es mein Vater, weil es noch keinen Blitzableiter gibt und in seinen Augen bei jedem noch so leisen Wetterleuchten erneut eine Feuersbrunst droht. Zu viele Bauernhäuser hat Papa als Kind auf dem Land bis auf die Grundmauern abbrennen gesehen. Es bleibt sein Trauma, mit dem er die ganze Familie in Atem hält. Die Tasche mit den wichtigsten Papieren und Wertgegenständen wird immer rechtzeitig ins Auto geschafft. Vollständig angezogen müssen wir bei Kerzenschein im Wohnzimmer sitzen, um für den Fall, dass die Hütte brennt, gerüstet zur Flucht zu sein. Nie wird etwas passieren, aber jede durchwachte himmelsgrollende Nacht ist für uns Kinder schöner und spannender als alle noch so finsteren Gruselmärchen.

Die Ausstattung unseres Pfarrhauses ist primitiv – und auch sonst nicht ganz ungefährlich. Der Verbrühungsgefahr beim Kochen der täglichen Wäsche auf dem Herd versucht meine Mutter mithilfe einer sehr routinierten Haushaltshilfe zu widerstehen. Nicht immer gelingt es, zum Beispiel, wenn sie allein ist und das dampfende Wasser im viel zu schweren Kessel beim Abkippen auf schmerzhafte Weise auf ihre zarten Hände schwappt. Und ganz allein gehört uns das heimelige Obdach sowieso nicht. Durch Risse und Löcher im Mauerwerk marschiert eine ganze Armee von Mäusen und Ratten zu uns herein. Sie sind allerdings nicht die einzigen fremden Wesen, die meine Eltern stören werden. Mein Idyll hat enorme Schönheitsfehler, über die man nicht so einfach hinwegsehen kann.

*

Wenn sich auch das große Anwesen in diesem bescheidenen Kaff kurz vor der dänischen Grenze wie ein großes Privileg ausnimmt, ist es in Wahrheit eine Zumutung. Die Verhältnisse, die meine Eltern zu Beginn ihrer Berufsjahre vorfinden, sind zum Davonlaufen. Aber es ist eine andere Zeit, als sie Mitte der Fünfzigerjahre sehr verliebt und frisch verlobt an ihrer ersten Wirkungsstätte stranden. Man beschwert sich nicht. Niemand hat es perfekt. Das Wort Mängelanzeige gibt es nicht – oder man kennt es hier nicht.

Ich bin noch nicht auf der Welt, und die Umstände ihres Anfangs dort kenne ich nur aus Erzählungen und Briefen, die sie mir und meinen Geschwistern hinterlassen haben.

Die Zeiten damals sind schaurig und schön zugleich. Die meisten im Land sind bitterarm. Was nicht gerade neu hergestellt ist, hat Fehler oder ist Flickwerk. Die Bundesrepublik ist gerade sechs Jahre alt, als meine Eltern dünn wie zwei Strichmännchen in unserem Dorf aus dem Zug aussteigen. Meine Mutter ist vierundzwanzig, mein Vater fünf Jahre älter. Sie sind mit einem Koffer angereist. Auf dem Bahnsteig empfängt sie ein unbekannter junger Mann. Er ist der Sohn der Zugehfrau im Pfarrhaus. Der Bursche soll ihnen den Haustürschlüssel überreichen. Als Taxi im eisigen Januar 1955 dient sein Fahrrad. Er hievt den Koffer auf den Gepäckträger und bindet ihn mit einem alten dünnen Seil fest.

Die mageren Zeiten lassen sich nur aushalten, indem man zusammenhält und sich hilft und teilt. Die ersten zwei Jahre überstehen meine Eltern nur mit Carepaketen: belgische Schokolade, Kaffeebohnen, türkische Zigaretten, Schweizer Tee, Christstollen, eine Dose Thunfisch, eine Leinentischdecke und Servietten schicken meine Großeltern aus Münster. Sie bezahlen die Ladung Briketts für die Heizöfen. Sie weisen Geld an für eine Strickjacke, Mützen, Mäntel, Kostüme und Anzüge. Und wenn meine Eltern eine offizielle Einladung zum Essen vergeben, schickt Omi Martha ein Paket mit ihrem Tafelsilber, leihweise versteht sich, bis finanziell ein eigenes für uns drin ist. Und auch die Eltern meines Vaters schicken immer wieder selbst gebackene Sandkuchen mit kleinen rettenden Scheinchen. Für die abendliche Zerstreuung auf dem dunklen stillen Land legen sie noch ein Mikado-Spiel, ein Flohspiel und für ihren Sohn ein »Fernlenkauto« hinzu.

Eine Zuwendung mit einem Augenzwinkern. »Ich muss Auto fahren lernen«, hatte mein Vater auf einer Karte notiert, als er seine Gemeinde zum ersten Mal erkundete. Nicht nur das Dorf, sondern auch umliegende Ortschaften gehören zu seinem Revier. Aber solange er keinen Führerschein und kein Auto besitzt, ist er wie der Priester aus »Don Camillo und Peppone« mit einem alten Moped unterwegs. Viele Kilometer durch Stürme, Regenschauer, frostige Kälte. Völlig durchnässt kommt er immer wieder heim und zieht sich schwere Erkältungen zu. Und immer wieder sind seine Hände steif gefroren. Sein Geburtstagwunsch sind wärmende »Müffchen«, die Mama ihm strickt – aus einer Restwolle, die ihre Mutter noch gerade erübrigen kann.

Wie beschwerlich die Überlandpartien für meinen Vater sind, schildert Mami in einem ihrer unzähligen Briefe so: »Es ist zum Teil ein Sturm bei uns, man geht nicht gern raus. Aber er hat erst Ruhe, wenn er auf seiner Maschine durch die Dörfer braust. Meistens sieht er aus wie ein Schwein, wenn er wieder bei mir ankommt, Lehm bis an den Hintern und die Hände voller Schmiere von den diversen Pannen.« Aber so schnell wird sich nichts daran ändern, dass ein Theologe auch sein eigener Mechaniker ist. Und dies nimmt mein Vater gelassen hin mit seinem nie versiegenden Humor. »Der Pastor muss seine Gemeinde mit dem Stock durchwandern, nicht mit dem Auto …«, zitiert er oft lachend seinen alten Vikaren-Vater, der sich allerdings selbst nicht an dieses Gelübde hielt und am liebsten zu Hause saß.

Was alle Pfarrer damals tröstet, ist der Umstand, dass sie alle gleich arm sind. Der Kollege der Nachbargemeinde ist schon vierundvierzig Jahre alt und ein »Baum von einem Kerl«, wie meine Mutter schwärmt. Aber auch ihn quälen Existenzsorgen, die zu einem Nervenzusammenbruch führen. Er hat sechs kleine Kinder und kann sein Pastorat nicht heizen, weil er die Kohlen nicht bezahlen kann. Das tut meinem Vater unendlich leid, und oft wird er seinen Kollegen besuchen.

Aber nicht eine Sekunde zweifelt er an seiner Mission: nämlich Tag und Nacht für seine Schäfchen da zu sein. Trotz vieler Entbehrungen und so mancher Härte empfindet mein Vater seine Arbeit als eine Ehre. Und so macht ihn auch die Einladung des Bischofs in Schleswig stolz, der ihn hochoffiziell in sein Amt als Pastor – natürlich zur Maiglöckchen-Blüte – einführen wird und der ihn schriftlich zu sich nach Hause zu »einem einfachen Mittagessen mit Ihrer Fräulein Braut« einlädt. Bei so viel Wertschätzung von so hoher Stelle wird man sich doch jetzt nicht aufregen, weil es zieht und die Mäuse auf den Tischen tanzen …

*

Der Mangel lenkt den Fokus meiner Eltern auf jeden noch so kleinen Lichtblick. Und das Weihnachtsfest 1955 zeigt, dass sich ihre Lage in ganz kleinen Schritten verbessert. Außerdem haben sie ein noch größeres Gefühl von Verantwortung füreinander bekommen: Sie haben im Juli geheiratet. Und Schritt für Schritt erhält ihr Zusammenleben nun eine bürgerliche Struktur.

So leistet sich das junge Ehepaar zum Fest seinen ersten Tannenbaum. Er ist zwei Meter hoch. Frisch geschlagen, leuchtet er blaugrün und ist ebenmäßig und prächtig gewachsen. Meine Mutter turnt über eine kleine Tretleiter, um den selbst gebastelten Baumschmuck und die Schokoladenkringel mit Zuckerperlen und verdrahtete Ingwerstäbchen an den Ästen anzubringen. Süßigkeiten, auf die der junge Pastor den allergrößten Wert legt. »Er will einen Baum, wie er ihn als kleines Kind gehabt hat …«, mokiert Mami sich, aber natürlich wird sie ihm in über dreißig Ehejahren diesen Wunsch erfüllen.

Im Flur leuchtet schon seit Wochen der Adventsstern der Herrnhuter Brüdergemeinde, den mein Vater wie später alle Jahre wieder bei einem gemütlichen Glas Bier und klassischer Hintergrundmusik zusammengesteckt hat. Das strahlende Gebilde mit seinen fünfundzwanzig Zacken hat eine bestimmte geometrische Anordnung und symbolisiert das Licht von Bethlehem. Für mich verkörpert es später die fröhliche Gemütlichkeit, wie ich sie nur hier auf dem Land mit meinen Eltern erfahren werde. »Wir wollen uns sonst nichts schenken, weil wir uns ja das Radio gekauft haben«, schreibt Mama an ihre Eltern, während mein Vater mit seinem Moped die Gans von einem Bauernhof im Nachbardorf abholt. Mithilfe eines großen Bräters auf dem Feuerofen muss nun die fünfundzwanzigjährige frischgebackene Pastoren-Ehefrau ihre Premiere als Magierin des Weihnachtsessens bestehen. Bei einigen »R-Gesprächen« mit ihrer Mutter hat sie es sich erklären lassen. Auch die Tipps der Haushaltshilfe hat sie beherzigt. Und der wunderbare Duft der Gerichte nistet sich für viele Tage im gesamten Haus bis hoch unter das Dach zu den Fledermäusen ein.

Und auch Silvester geht es nicht mehr wie bei Studenten rund. Erst ist Gottesdienst um achtzehn Uhr. Danach geht es ins Altenheim – auf Einladung der amtierenden Oberschwester. Dort finden sich meine Eltern zwischen dankbaren Greisen und Greisinnen wieder und ziehen das ganze Programm für die Ältesten im Dorf mit durch.

Das neue Jahr 1956 bringt Veränderungen mit sich. Schnell ist wieder Mai, und es steht Großes bevor. Ein Jahr nach der Ordination startet mein Vater die nächste Etappe, die ihn einige Nerven kosten wird. Er kämpft um seinen Job. Nach einer Probezeit muss die Gemeinde entscheiden, ob sie ihn als festen Pastor haben will. Es gibt Signale, dass das Kirchenamt abweichende Pläne hat und einen anderen Kandidaten statt meines Vaters in Erwägung zieht. Dem Propst missfällt, dass mein Vater etwas nachlässig auf den bürokratischen Schriftverkehr reagiert. Außerdem hat er sich erlaubt, einige offizielle Anträge auf mehr Geld für den Unterhalt des hinfälligen Pastorats zu stellen. Das gilt in diesen Zeiten als höchst unschicklich. Aber mit der Solidarität der Landbevölkerung haben die Verwaltungsoberen in der Stadt nicht gerechnet. Kirchenvorstand und Gläubige sprechen sich nahezu einstimmig für Papa aus. Seine Predigt zu diesem Wahlsonntag sei sehr gut gewesen, meint meine Mutter. Vierhundert Leute sitzen in der Kirche. »Die hörten zu wie bei einem Kriminalroman …«

Dieser Triumph entspannt die ökonomische Situation meiner Eltern enorm. Sie bekommen etwas mehr Unterstützung – statt hundertfünfzig D-Mark im Jahr gibt es jetzt sechshundert D-Mark für Licht, Heizung und Reinigung des großen Pastorats. So lässt es sich leben. Meine Mutter kann jetzt planen: »Wir sind glücklich und zufrieden und sind nun hier für die nächsten zwanzig Jahre fest. Unser Garten wird jeden Tag schöner, die Sonne tut dem Körper so wohl nach diesem langen Winter.«

Ein kleiner Erfolg reiht sich an den nächsten. Meine Mutter, eigentlich eine Stadtpflanze, entdeckt die Liebe zum Gärtnern, wenn auch die Arbeit in der Natur für sie einem »Fass ohne Boden« gleicht. Aber sie ist unermüdlich wie in allen anderen Bereichen, die sie zu ihrer Aufgabe erklärt. Sie sät Bohnen und Gurken und legt Frühkartoffeln. Sie setzt Triebe für Erdbeeren. Die Radieschen zeigen schon erste grüne Spitzen. Sehr früh erntet sie Rhabarber. Und bald heißt es: »Wir essen zur Zeit nur Spinat aus unserem eigenen Gemüsefeld.«

Mein Vater wiederum schafft die Führerscheinprüfung ohne Probleme. Wenig später steht sein erster VW-Käfer vor der Tür – polarsilber! Und dann kommt auch noch der bestellte Elektroherd per Bahnfracht an, den Papa höchstpersönlich vor die Haustür chauffiert. Der Hochsommer macht das Glück meiner Eltern vollkommen: Sie schleppen ihre hellen Rattanstühle in den Garten, schmausen selbst gebackenen Obstkuchen. Und immer wieder greift meine Mutter zu Block und Bleistift und hält das Glück auf vergilbtem Briefpapier fest: »Mein Schatz liegt auf Decken auf dem Rasen und tobt mit Nelly. Die anderen Hunde, Nellys Kinder, liegen faul herum. Ich sitze am Gartentisch, direkt am Rosenbeet, und genieße es zu schreiben. Wir freuen uns jede Minute, wie reich wir sind.«

2. DAS KIND MUSS MEHR ESSEN

Etwas mehr als zwei Jahre nach der Hochzeit ist meine Mutter schwanger. In einer Privatklinik in Flensburg bringt sie mich zur Welt. Fernab von jedem Trubel werde ich groß. Im Pfarrhaus hält man sich streng an die wundersamen Erziehungsregeln anno 1957. Mit der Zeit werden sie sich überholen, aber so weit ist es noch nicht, als ich geboren werde: Nur alle vier Stunden schaut man nach mir. Nicht eine Sekunde zwischendurch vergewissert man sich, ob es mir gut geht oder ob ich überhaupt noch atme. »Da bin ich eisern«, schreibt Mami an ihre Mutter, von der sie diese fragwürdige Empfehlung hat. Meine Eltern sind stolz darauf, dass ihr Sonnenschein meistens schläft, nie schreit, immer lächelt, sich mit Kauring und Hund und Esel von Steiff selbst vergnügt.

Natürlich ist die Dorfgemeinschaft neugierig auf den ersten Nachwuchs des Pastors. »Aber ich führe niemanden mehr zu Claudia hinein«, sagt meine Mutter nach dem Ansturm von unzähligen »Kindskieks«. So nennt man dies im hohen Norden, wenn ein Baby in Augenschein genommen wird. Sie ist nicht deshalb so konsequent, weil sie mich nicht aufwecken will, sondern vielmehr um selbst ihre Ruhe zu haben. Denn die Begrüßung von Neugeborenen ist hier nicht mit einem kurzen Blick erledigt. Ein Säugling von gerade mal ein oder zwei Wochen wird auf dem Land von Arm zu Arm gereicht. Und die Mütter müssen kurz nach der Entbindung viele Kuchen backen, literweise Kaffee kochen und eine hübsche Tafel decken. Bei Pastors potenziert sich der Besucherstrom, weil alle sehen wollen, wie ein christliches Vorbild die Aufgabe mit einem Kind im Hause bewältigt. Schließlich haben sie lange auf diesen Moment hingefiebert, und manche von ihnen haben sich schon Sorgen gemacht und gefragt, warum die Pastorenfrau nicht schon sehr viel früher etwas »ünner de Schört hett«.

Nun, natürlich entgeht niemandem, dass bei uns einiges anders ist als bei anderen Leuten. Meine Mutter stemmt ihren Haushalt und die verschiedenen Gärten nicht allein. So bescheiden die Verhältnisse auch sein mögen, sie bekommt viel Hilfe. Die wichtigste Frau im Haus ist Tante Wally. Sie ist die heimliche Königin im Pastorat. Ohne sie geht nichts.

Und wie selbstverständlich wächst sie neben den Aufgaben für Haushalt und Küche nun in eine vollkommen neue Rolle hinein. Mit meiner Ankunft bekommt sie eine Stellung, mit der sie das größte Vertrauen genießt, das jemand, der nicht zur Familie gehört, erlangen kann. Sie darf mich betreuen. Und mit ihr bekomme ich eine Kinderfrau, die mich abgöttisch liebt. Wenn sie da ist, hat meine Mutter nichts mehr zu melden.

Tante Wally ist eine energische knapp eins fünfzig kleine Person. Das Stakkato ihrer Absätze auf unseren nackten Holz- und Steinböden verrät viel über ihren Gemütszustand. Je zackiger ihre Schritte durchs Haus hallen, desto lauter schrillen bei meinen Eltern die Alarmglocken. Unterschwellig wirkt Tante Wally immer leicht zornig, und ihr Gesicht ist dabei leicht gerötet. Sie kann grantig werden, wenn ihr etwas nicht passt. Sehr kurz angebunden ist sie dann. Oder sie verstummt total, presst die Lippen aufeinander und zieht sich in die höchste Form des Beleidigtseins zurück, aus der sie höchstens mein Vater wieder zurückholen kann. Wenn er etwas forscher auftritt, was er bei Tante Wally oft gar nicht wagt, besteht die Chance, dass sie sich wieder einkriegt. Sagt aber meine Mutter etwas, dann ist es, als würde sie gegen eine Wand sprechen. Ja, ungeniert zeigt Tante Wally den Groll, den sie gegen ihre Chefin hegt: Die junge Pastorenfrau kann sie einfach nicht ernst nehmen.

»Das Kind muss mehr essen«, herrscht sie meine Mutter an. Und ihre Stimme, leicht gefärbt von pommerscher Mundart, hebt sich gefährlich, je häufiger sie freundlich ermahnt wird: »Claudia wird zu dick, nicht so viele Kartoffeln und bitte viel weniger Butter, Frau Wally.« Mein Köpfchen ist da schon ziemlich rund, und um meinen Bauch ziehen sich die ersten Speckringe. Auch der Dorfarzt mahnt, dass die Gewichtszunahme ungewöhnlich sei und unbedingt gedrosselt werden müsse. Und weil ich als Baby nicht nur immer dicker werde, sondern auch kaum Haare habe, nennen meine Eltern mich manchmal »Chruschtschow«, und dabei schütten sie sich aus vor Lachen … Keine Frage, dass diese Art von Humor bei Tante Wally gar nicht gut ankommt. Haben doch »die Russen«, wie sie immer wütend klagt, ihr die Heimat genommen und sie mit Kind und Kegel vertrieben. Sie ist eine der vielen Flüchtlingsfrauen aus dem Osten, die das Kriegsschicksal hierher verschlagen hat.

Tante Wally ist bienenfleißig und stark. Sie hat sich ein Siedlerhäuschen erkämpft. Ihr Garten sichert die Ernährung für sich und ihren einzigen Sohn. Sie ist Witwe. Sie putzt. Sie näht. Sie hat ihre ganz klaren Vorstellungen davon, wie ein Haushalt geführt und wie ein Kind großgezogen werden muss. Bei uns soll es eins zu eins wie bei ihr zu Hause zugehen. Kein Tag, an dem sie nicht nachweisen kann, dass meine Mutter nichts von alledem versteht. Allein, wie perfekt sie ihre weiße Schürze zu Beginn ihres Arbeitstages bindet, ist eine einzige Anklage: Die Schleife über ihrem Po hat nicht eine einzige Knitterfalte! So muss es sein, wenn es nach Tante Wally geht. Und wenn sie sich vor dem Flurspiegel noch schnell etwas glättende Frisiercreme in ihr kurzes krauses Haar kämmt und mit erhobenem Kinn an meinen Eltern vorbeirauscht, heißt das: »Benehmt euch! Ohne mich seid ihr aufgeschmissen.« Und: Sie hat recht.

Tante Wally stellt ihr ganzes Können und ihre zuweilen anstrengende Leidenschaft für alle Haushalts- und Gartenfragen in den Dienst des Pfarrhauses. Meine Mutter aß wie ein Spatz, als sie heiratete. Sie konnte lediglich eine Tütensuppe kochen. Aber von Tante Wally wird sie in die Geheimnisse der nordischen Kochkunst eingeweiht. Zumindest so weit, wie es möglich ist. Eine Ente oder eine Gans ausnehmen – das hat meine Mutter zeit ihres ganzen Lebens nicht fertiggebracht, geschweige denn dem Vogel den Hals umzudrehen und das Gefieder zu rupfen. Das ist immer die Stunde, die Tante Wally ganz allein gehört.

Aber was eine richtige Landtorte ist, das schaut Mama sich schon bei ihr ab. Niemand streicht so liebevoll wie kunstgerecht die papiersteif geschlagene Sahne gleich pfundweise über mehrere Lagen Biskuitboden. Ganz zu schweigen von ihrem Herrschaftswissen, was die Gemüse- und Obstverarbeitung auf unserem Grundstück angeht. Gurken in allen Variationen einmachen, ebenso Bohnen, Erbsen, Möhren. Oder Marmeladen und Gelees aus den reichen Früchtevorkommen zaubern. Das Regiment über den gesamten Wintervorrat führt Tante Wally, und Mami steht wie eine Statistin daneben. Zumindest bildet sich Tante Wally das ein, wenn Mama still ist und ihre Lehrmeisterin einfach mal machen lässt. Eine ganze Armada von Einweckgläsern verstellt die Speisekammer, sodass bei unvorsichtiger Haltung schon mal etwas kaputtgehen kann. Wehe, wenn der selbst ernannte Hausvorstand das mitkriegt.

Und klar ist auch, dass so viel Kompetenz nach immer mehr Einfluss schreit. Schon vor meiner Geburt entwirft Tante Wally das Design für meine Wiege. Streng verweist sie darauf, dass Himmel und Umrandung für den Stubenwagen aus feinstem weißen Batist-Tuch mit Spitze zu sein haben. Am besten natürlich mit Seide. Jedes Detail gibt sie vor, denn sie muss ja auch alles nähen. Als meine Mutter laut von einem gelb-rosa-weiß gestreiften Kissenüberzug der Marke »Irisetta« für ihr Baby träumt, wirft Tante Wally den Kopf nach hinten und zischt: »Nicht mit mir!« Sagt’s, prescht davon und lässt mit einem Wumms die Tür ins Schloss fallen.

Es dauert jedoch nicht lange, bis sie sich wieder für den Pastor an die Nähmaschine setzt. Es müssen neue Gardinen her. Meine Mutter hat sich im Vorwege beim örtlichen Kaufhaus beraten lassen. Aber das sei »Unsinn«, was man ihr dort erzählt habe, so Tante Wally. Viel mehr Stoff brauche sie, damit er sich an der Stange am Fenster schön »rüschen« lasse.

Unser »Feldwebel« hat in jeder Frage die Nase vorn. Und sie genießt es, diese Karte auszuspielen. Allein, wie die Holzfußböden gespänt, gescheuert und gebohnert werden, führt sie immer einen Tick schneller als nötig vor. Sie ist ziemlich außer Atem dabei. Und dies soll meiner Mutter signalisieren, dass sie bei ihrer schwachen Konstitution, weil zu jung und zu dünn oder gerade schwanger, dazu sowieso nie in der Lage wäre. Tante Wally lässt keine Gelegenheit aus, meine Eltern daran zu erinnern, wie abhängig sie beide von ihr sind.

*

Häufig sind sie ratlos. Sie wissen nicht, wie sie umgehen sollen mit diesem kleinen Haustyrannen, der alles besser weiß und seinen Stimmungen freien Lauf lässt. Gehört jemand, der immer wieder unnötige Kraftproben heraufbeschwört, nicht besser vor die Tür gesetzt? Es gibt Tage, da liegen die Nerven blank. An seiner ersten Pfarrstelle erlebt mein Vater, wie wenig hilfreich ein Theologiestudium im praktischen Alltag sein kann. Das Thema seines letzten Referats in der Ausbildung hieß: »Die Seelsorge des Pastors an seinen Mitarbeitern.« Schon da beklagte Papa, dass es dazu einfach keine wissenschaftlichen Bücher gebe und er gar nicht wisse, was er schreiben solle.

Auch wenn Tante Wally keine kirchliche Mitarbeiterin in dem Sinne ist, so wirkt sie ja doch unter dem Dach eines Geistlichen. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob sie glaubt, göttliche Narrenfreiheit zu haben. Im Ergebnis ist es so, dass niemand sie so richtig zur Räson bringen kann. In jedem privaten Haushalt wären solche schwelenden Kämpfe natürlich sofort vom Tisch. Aber nicht in einem Pfarrhaus. Das Prinzip »Hire and fire«, weil jemand nicht so funktioniert oder gar anmaßend auftritt, gibt es hier nicht – und zwar nicht nur aus Erwägungen der Nächstenliebe heraus. In diesem Punkt ist die Grenze für meine Eltern schon lange erreicht. Aber bei allem, was sie tun oder lassen und sagen oder nicht sagen, schaut und hört ein ganzes Dorf zu! Diese Tatsache erfordert eine präzise Abwägung in allem, was man unternimmt oder lässt und was davon aus dem Pastorat nach außen dringt oder auch nicht. Trotzdem lässt sich nur wenig kontrollieren.

Mein märchenhaftes Dorf hat manchmal auch ein ganz anderes Gesicht. Die Frauen hier trauen meiner zauberhaften jungen Mutter am Anfang wenig zu. Sie ist einfach keine von ihnen. Sie ist keine Schleswig-Holsteinerin. Das ist schon mal das schlimmste Manko. Nicht nur deshalb, weil sie noch kein Plattdeutsch spricht, was sich allerdings ziemlich schnell ändern wird. Aber sie ist auch keine Bäuerin, keine Bäckerin, keine Fleischerfrau. Auch Hausfrau will sie nicht sein. Hier auf dem Land ist sie eine Fremde. Sie hat Abitur, und sie hat studiert. Sie ist sehr belesen. Sie schreibt wunderbar. Sie spricht Russisch und Französisch. Sie übersetzt aus dem Griechischen, Hebräischen und Lateinischen. Sie liebt Paris, Parfum und richtig schicke Pumps. Das kommt den Landfrauen spanisch vor. »De Preestersfru trägt Stöckelschuh«, flüstern sie hämisch im Dorf.

Mit dem Tag ihres Einzugs ins Pastorat ist es mit ihrer Freiheit vorbei. Sie »gehört« jetzt der Gemeinde, die alles von ihr wissen will. Selbst wenn meine Eltern sich in Schweigen hüllen, vor allem, wenn es um ihre Familienplanung geht, wissen sich die freundlichen Klatschmäuler gut zu helfen. Auf dem Weg zum Kaufmann wird Mami mehrfach angehalten und direkt gefragt: »Na, wann is dat denn nun so wiet mit de Kinners. Köönt ehr dat nich?« Auf dem Land versteht man nicht, dass sich nicht pünktlich zehn Monate nach der Hochzeit der Nachwuchs einstellt. Und als es endlich so weit ist, sieht sich meine Mutter einer Frage ausgesetzt, die sie zuerst gar nicht versteht. Während ihr die Frau des Konditors die Tüte Brötchen reicht, fragt sie ganz ungeniert und laut: »Hepp Se Boss, Fru Paster?« Bitte was? Mit verschlagenem Blick richtet die Bäckerin den Zeigefinger auf den Busen meiner Mutter. Sie will wissen, ob die Pastorenfrau auch Milch habe und stillen könne.

Am liebsten möchte Mami ihr den Vogel zeigen und sagen: »Wat geit di dat ann?«, als so unverschämt empfindet sie diese Frage. Aber hinter ihr steht eine ganze Schlange weiterer Tratschtanten, die hören wollen, ob sie ihrem Kind auch wirklich die Brust geben könne. Das gehört hier zur höchsten Kür und steht in der Rangfolge von Anerkennung noch weit vor einer gelungenen Geburt. Je länger man stillt, desto besser und respektierter die Frau. Mit offenem Mund warten sie die Antwort ab. Sie vernehmen ein leises »Ja« und schauen meiner Mutter ungläubig hinterher. Hätte sie mit »Nein« antworten müssen, wären alle Vorurteile bestätigt gewesen, die ein gewisser weiblicher Teil im Dorf gegen Mami hegt.

Die Landfrauen sind sehr stolz auf sich und ihre Fähigkeiten als »Mudder«, Köchin und »Fru«. Das muss man erst mal nachweisen können, wenn man von weit her zuzieht und sich Respekt verschaffen will. Nicht selten stößt das Benehmen der Dörflerinnen, mit der sie ihre Fertigkeiten zur Schau tragen, an eine Form von Überheblichkeit, die für einen gebildeten Menschen unerträglich ist. Beim Small Talk über den Gartenzaun hagelt es Tipps, wie eine Mehlschwitze korrekt anzurühren ist, ohne dass Mami je darum gebeten hätte. Irgendwann steht ihr das oberste Gesetz einer richtigen Landküche sonst wo: »Und immer guuuute Butterrrr zu allem, Fru Paster, nicht vergessen!« Wie man dauerhaft auf diese unerbetenen Empfehlungen reagieren will, bleibt so ungelöst wie die Frage zum richtigen Umgang im täglichen Kampf mit Tante Wally.

Meine Eltern entscheiden sich, die Dinge so hinzunehmen. Ihre Erziehung, die sie von zu Hause mitbringen, sagt ihnen, dass man Achtung vor der Erfahrung und den Älteren hat. Und überhaupt bleibt man höflich, selbst wenn einem weniger Höfliches widerfährt. Mit dieser Haltung, die sie später an mich und meine vier Geschwister weitergeben werden, wandeln sie aber zuweilen auf einem schmalen Grat. Sie sind hin- und hergerissen zwischen dem, was man dulden darf oder lieber nicht dulden sollte. Ihnen ist bewusst, dass jeder, auch Tante Wally, es im Prinzip nur gut mit ihnen meint. Da zieht man nicht so schnell Grenzen, die andere Menschen verletzen können.

Meine Eltern beschließen, sich nicht mehr darüber aufzuregen, und nehmen sehr viel mit Humor. Außerdem macht sich das Dorf ernsthafte Sorgen um seinen Pastor, auch und vor allem, weil er eine Frau an seiner Seite hat, an der offenbar Zweifel angebracht sind. Kann eine so zarte Frau überhaupt kochen? Weiß sie, wie die Vorhänge weiß bleiben und Hemden gestärkt werden? Kann sie eigentlich Fenster putzen? Der Gemeinde ist nicht entgangen, wie karg es bei den jungen Leuten zugeht. Sie lassen ihnen – meistens anonym – einige Wohltaten zukommen. Da liegt unerwartet und zum Monatsende höchst willkommen ein Paket vor der Tür. Darin Schätze zum Sattwerden. Ein küchenfertiges Suppenhuhn, eine Wurst, ein Laib Brot, ein Stück Speck, ein Glas Fett, eine Tüte Reis und Suppengewürz, alles gebrauchsfertig zubereitet. Dazu ein Zettelchen mit krakelig geschriebenen Zeilen: »Herr Pastor, Sie müssen mehr essen, sonst ist das Pfarrhaus bald verwaist!« Zu Weihnachten alle Jahre wieder kommen weitere Kartons mit unbekanntem Absender, die so manche Leckerei enthalten und handschriftliche Wünsche wie diese: »Unserem lieben Pastor mit seiner Frau ein fröhliches Fest.« Schöne Gaben, die sehr lieb gemeint sind.

Aber darf man das annehmen in einem öffentlichen Amt? Meine Eltern tun es einfach, sie können es ja nicht an einen Absender zurückgeben. Nie würden sie eine freundliche Geste zurückweisen wollen. Und auch ist die Zeit eine andere, in der vor allem »Essen« und »Hunger« eine ganz andere Bedeutung haben und damit auch so manche ungeschriebene Verhaltensregel.

So ist nachzuvollziehen, dass meine Mutter auch auf diese ungewöhnliche Begegnung ein freundliches »Danke« haucht: Beim Einkaufen kommt ein älterer Herr auf sie zu. Feierlich überreicht er eine Tafel Schokolade und ein Fläschchen »Kölnisch Wasser«. Meine Mutter errötet vor Scham, aber er legt die Hand auf ihre Schulter und sagt: »Für Sie, Fru Paster, weil Sie immer so freundlich zu mir sind.« Meine Mutter wird später zu Hause sagen: »Das war mir sehr peinlich, der Laden stand voller Leute und guckte und hörte alles mit. Aber ich konnte den armen Mann ja nicht vor den Kopf stoßen.« Erst sehr viel später wird mein Vater den Zuwendungen Grenzen setzen. Da gibt es eine Diskussion um eine wichtige Neuregelung, die heiß auf Kirchenvorstandssitzungen und in der Gemeinde diskutiert wird: Es steht eine wichtige Entscheidung an, deren Ausgang wesentlich von der Haltung des Pastors abhängt. Vor allem ein Schlachter aus dem angrenzenden Dorf ist daran interessiert. Für den Fall, dass mein Vater für seine Interessen stimme, verspricht er ihm feierlich: »Wenn Sie das für mich tun, Herr Pastor, dann wird Ihnen für immer Ihr Sonntagsbraten sicher sein.« Das sei vollkommen ausgeschlossen, antwortet mein Vater ihm. Es ist ein Schock für ihn, der immer nur eines sein will: ein guter Seelsorger. Aber er wird erfahren, dass er sich mit dieser Haltung nicht nur Freunde macht.

3. KIRCHENBÜRO IM FRÜHSTÜCKSZIMMER

Sehr früh erfahre ich, dass mein Pfarrhaus ein Tollhaus ist. Ewiges Läuten. Tür auf, Tür zu. Wir sind nie allein. Ich bin noch sehr klein, und es prägen sich mir Bilder ein, die ich auf meiner kindlichen Sichthöhe wahrnehmen kann. Da ist der Moment, wenn es zu Hause unter meinen Schuhsohlen knirscht. Dann tobe ich über Kieselsteinchen im Flur und über feine graubraune Sandkörner, die ich zu größeren Haufen mit meinem Kinderbesen zusammenkehren kann. Tante Wally hat angeregt, dass ich lernen solle, wie man ein Haus sauber hält. Meine Eltern stimmen ihr zu. Froh darüber, dass nichts Dramatisches mit Tante Wally zu diskutieren ist. Und so entdecke ich unter ihrer strengen Anleitung meine Leidenschaft fürs Fegen. Manchmal, wenn es regnet, funktioniert dies jedoch nicht. Wenn sich der Erdstaub mit Nässe mischt, setzt sich Schlamm in den Borsten fest. Dann steigen wir um auf Wasser und Wischlappen und Schrubber.

Einmal in der Woche wird so viel Schmutz zu uns hereingetragen, dass Tante Wally nur empört den Kopf schütteln kann. Das ist der Tag, an dem ganze Horden von Fremden in unser Pfarrhaus einfallen. Die Haustür steht sperrangelweit offen. Und bestimmt achtzig junge Leute stürmen die Bude. »Könnt ihr nicht die Füße abtreten«, schimpft Tante Wally sehr oft. Besonders fuchsig macht sie, wenn sie auch noch unzählige Zigarettenstummel auf dem frisch geharkten Vorplatz entdeckt. Ich habe kein Problem damit und schaue gern auf die Großen. Wie lässig sie den Rauch in die Luft blasen, die Kippe zwischen Daumen und Mittelfinger fast platt gedrückt. Viele Jungs tragen ihren Pony zur Elvis-Tolle frisiert. Und einige Mädchen kommen im Petticoat.

Der Eingang zu unserem Pfarrhaus ist so spannend wie ein roter Teppich zur Oscarverleihung für mich. Ich verstehe aber noch nicht, was dieser Auflauf an Menschen bei uns zu bedeuten hat. Ich sehe die Mädchen kichern und sich gegenseitig etwas ins Ohr flüstern. Und die halbstarken Burschen kauen Kaugummi und schweigen dazu. Ganz selten zwinkert mir mal einer zu oder knufft mich. Aber meistens bin ich für diese Besucher unsichtbar. Zusammen verschwinden sie hinter einer Glastür mit Spitzengardine, die natürlich auch ein Werk unserer Interieur-Chefin Tante Wally ist. In kleinen Gruppen trampeln sie die Holztreppe hoch in das größte Zimmer im ersten Stock – den »Konfirmandensaal«. Um fünfzehn Uhr ist der erste Jahrgang dran, danach die Fortgeschrittenen. Wenn mein Vater mit dem Unterricht beginnt, schleiche ich strumpfsockig hinterher, spähe durch das Schlüsselloch und sehe gelangweilte Gesichter. Ganz selten brechen die jungen Leute in schallendes Gelächter aus. Aber nur dann, wenn Papa seinen Lieblingswitz zum Besten gegeben hat. Jede Woche wiederholt sich das Schauspiel. Und ich werde nicht müde, bewundernd zu den Konfirmanden hochzuschauen, die sich lustlos an mir vorbei hin zu ihrer Bibellektion bewegen.

Abends tagt dort der Kirchenvorstand oder ein anderes wichtiges Gremium. Dann sehe ich Männer in derben grünen Jägerjacken oder im Anorak, den sie über einem viel zu knappen Anzug über dicken Bäuchen tragen. Auf ihren Köpfen kleine Hüte, die sie höflich anheben, sobald sie meine Mutter erspähen. Für siebzehn Leute serviert sie Kaffee und Kuchen und manchmal auch Schnittchen, als wären sie nicht wohlgenährt und rotgesichtig genug. Aber sie sind »fründliche Lüüt«, wie man hier auf dem Lande sagt. Die meisten sind Bauern. Sie fahren in den größten Autos vor, Diesel versteht sich. Sie sind die Reichsten hier. Und ihr Wort hat Gewicht. Sie lieben meinen Vater, sie haben ihm ihre Stimme gegeben, und sie vertrauen ihm. Aber jede Entscheidung, die man für die Kirche trifft, muss von ihnen abgesegnet werden. Das bedeutet, dass Papa für seine Planungen werben und die Gemeindeältesten auf seine Seite ziehen muss. Nur ist das ist mit den »Sturköppen« auf dem Land nicht immer so einfach.

Ich bin schon im Schlafanzug und will nur noch »Gute Nacht« sagen. Schnell werde ich zu den Herrschaften hineingeführt, bevor die Beratungen losgehen. Ich bringe kein Wort heraus, so mächtig wirken dort die großen schweren Opas auf mich. »Wo geiht di dat, Claudia?«, fragen sie mich. »Gut«, antworte ich leise. Und weil sie jetzt zu weiterem Kindergeplänkel keine Lust haben oder vielleicht auch nicht fähig dazu sind, retten sie sich schnell in den Schlussakkord: »Nun ward dat aber tied, min deern, dat du to Bett kümmst.« Ich winke noch einmal freundlich in die Runde, Papa kriegt einen Kuss, und ich verschwinde. Mir ist überhaupt nicht bewusst, wie sehr ich meinem Vater gerade geholfen habe. Mit mir haben meine Eltern eine entspannte Atmosphäre geschaffen, in der die Sitzung nun beginnen kann. Ob Absicht dahintersteckt, weiß ich nicht. Aber das kirchliche Dorf-Parlament ist milde gestimmt und den Vorhaben ihres Pastors sehr viel mehr als bei der vorigen Sitzung gewogen.

*

Es vergeht kein Tag, an dem nicht wildfremde Menschen durch unsere Räume wuseln. Ganz bewusst wird es mir, als ich einmal sehr krank bin. Ich habe hohes Fieber und muss das Bett hüten. Immer wieder legt meine Mutter kühlende Wickel um meine Brust und um meine dünnen Beine. Eine willkommene Abwechslung, die ich herbeisehne. Viele Stunden liege ich allein, und ich langweile mich. Im Nebenzimmer wird laut gesprochen. Eigentlich ist dieser Raum unser »Frühstückszimmer«. Aber gerade wurde es zum offiziellen Amtsbüro meines Vaters umfunktioniert.

Erst höre ich laut die Hausklingel schellen, dann öffnen sich Türen, danach höre ich Fragen, die im herrischen Tonfall gestellt werden: »Was wollen Sie?«, »Muss das jetzt sein? Ich habe noch anderes zu erledigen!« oder: »Der Pastor hat keine Zeit.« Leise schüchterne Entgegnungen folgen, die ich nicht verstehen kann.

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