Logo weiterlesen.de
Unter tausend Sternen

image

1. KAPITEL

Es war zwei Uhr nachmittags, und Marie hatte das Gefühl, im Himmel auf Erden zu sein.

Erst seit wenigen Tagen war sie auf dem Kreuzfahrtschiff, aber schon jetzt genoss sie diese wundervolle, entspannte Stimmung, die sich unter wärmender Sonne, blauem Himmel und bei herrlichem Essen einstellte. Und wenn man vom Meer umgeben war. Von schimmerndem, türkisblauem Meer.

Sie stand an Deck, in ihrer Arbeitskleidung aus gelben Bermudashorts und grauem T-Shirt mit den dezent gestickten Initialen GH auf der Brusttasche, und schaute mit halb gegen die Sonne zusammengekniffenen Augen auf das glitzernde Meer und die weiße Schaumspur, die sich hinter dem Kreuzfahrtschiff herzog. Sie hatte das Meer schon immer geliebt. Marie war an der Küste von Cornwall aufgewachsen, bis ihre Eltern starben. Danach hatte eine entfernte Verwandte sie zu sich nach London genommen. Das war jetzt sieben Jahre her.

Marie konnte ihr Glück immer noch nicht fassen, dass sie diesen Job auf der „Greystone H.“, ergattert hatte. Sie war London leid, ganz zu schweigen von ihrer Tante, die ihr niemals das Gefühl gegeben hatte, willkommen zu sein in ihrem sauberen kleinen Reihenhaus. So war in Marie der Entschluss gereift, sich sobald wie möglich einen Job zu suchen.

Sie wusste immer noch nicht, wie es ihr gelungen war, die private Vermittlungsagentur zu überzeugen, dass sie genau die Richtige für die Stellung auf dem Kreuzfahrtschiff war. Sie hatte keinerlei Erfahrung im Kellnern und noch weniger Erfahrung darin, auf hoher See zu arbeiten. Mit ihren einundzwanzig Jahren war sie überhaupt noch reichlich unerfahren. So war sie ziemlich erstaunt gewesen, als man ihr dann mitteilte, dass sie die Stellung bekommen hatte. Erst während des Vorstellungsgesprächs war ihr nämlich klar geworden, dass sie durchaus schrecklich seekrank werden konnte, sobald das Schiff auch nur den Hafen verlassen hatte. Glücklicherweise war es nicht dazu gekommen.

Sie verbrachte noch eine halbe Stunde an Deck und unterhielt sich mit einem der Gäste. Die meisten von ihnen kannten sie bereits. Dann begab sie sich zurück unter Deck.

Was die luxuriöse Ausstattung betraf, war das Kreuzfahrtschiff auf den neuesten Stand gebracht worden. Es hatte einer kurz vor der Pleite stehenden Reederei gehört und war vor wenigen Monaten von einem vermögenden Spekulanten gekauft und von Grund auf renoviert worden. Marie hatte all diese Informationen von Besatzungsmitgliedern, die schon vorher auf dem Schiff gearbeitet hatten und froh und dankbar waren, dass der neue Besitzer sie davor bewahrt hatte, sich in die Schlange der Arbeitslosen einzureihen.

Im Esssaal waren die Tische nur zur Hälfte besetzt. Viele der Passagiere machten in ihren Kabinen ein Schläfchen, und der Rest verteilte sich über das ganze Schiff. Einige genossen auf Liegestühlen neben dem Swimmingpool die Sonne, andere schlenderten auf Deck herum, spielten Karten oder lasen in dem gemütlichen Aufenthaltsbereich des Schiffes, der ihnen das Gefühl vermitteln sollte, sich wie zu Haus zu fühlen. Ein sehr teures und schickes Zuhause.

In der Küche herrschte rege Betriebsamkeit. Die Köche bereiteten das Abendessen vor, während ein erlesenes Büfett mit Kuchen und Tee schon auf die Gäste wartete.

Jessica, eine junge Kollegin in Maries Alter, verzog das Gesicht und stieß sich mit dem Zeigefinger in den Bauch.

„Was glaubst du, was das hier ist?“, fragte sie.

Marie betrachtete sie gedankenvoll. „Nun, ich war zwar nie sonderlich gut in Biologie, aber ich denke, es handelt sich um deinen Bauch“, antwortete sie dann mit gespieltem Ernst.

„Haha! Es ist nicht nur schlicht mein Bauch, sondern es ist mein Fettbauch, ein Bauch, der all diesen Verlockungen nicht widerstehen kann, ein Bauch, der seinen eigenen Willen besitzt!“

Sie reichte Marie ein Tablett mit Kuchen, damit sie es zum Büfett brachte.

„Wie soll ich nur jemals mit meinem eigenen Partyservice zurechtkommen, wenn ich das ganze Essen selbst vertilge?“, jammerte Jessica, und Marie lachte.

„Das packst du schon“, sagte sie. „Fett, aber außerordentlich tüchtig, wirst du die beste Reklame für dein Geschäft sein!“

Die beiden kicherten und trugen dann ihre Tabletts hinaus. Jessica schnatterte weiter, und Marie hörte zu und machte ab und an eine Bemerkung. Eigentlich war sie in Gesellschaft eher ein reservierter, scheuer Mensch, aber hier auf dem Schiff blieb kein Raum für Scheuheit. Sie war von ihren Kolleginnen und Kollegen freundschaftlich aufgenommen worden, mit der Offenheit, wie sie Menschen zu eigen ist, die vierundzwanzig Stunden am Tag zusammen sind. Es herrschte ein Teamgeist, wie Marie ihn vorher noch nie erlebt hatte. Als einziges Kind schon älterer Eltern hatte sie eine zwar glückliche, aber auch sehr behütete Kindheit gehabt und zumeist allein gespielt. Und das dann folgende Leben mit ihrer Tante hatte in dieser Hinsicht keinen Wechsel gebracht. Sicherlich hatte sie ihre Schulfreundinnen gehabt und später auf der Universität auch Freundschaften geschlossen, aber die Erfahrungen in ihrer Kindheit hatten dazu geführt, dass sie sich ein gewisses Maß an Selbstkontrolle angeeignet hatte, das nun ihre Persönlichkeit prägte. Marie verließ sich am liebsten auf sich selbst. Als ihre Freundinnen damals ihre Puppen gegen Jungen und später gegen junge Männer eingetauscht hatten, war sie immer nur Zuschauerin gewesen und hatte sich nicht in das Abenteuer gestürzt, ihre eigene Sexualität zu entdecken.

All das wird schon zur rechten Zeit kommen, dachte sie dabei. Mit ihren weizenblonden Haaren, den großen braunen Augen und dem gut geschnittenen Gesicht hatte sie eine ganze Reihe von jungen Männern angezogen, aber sie hatte es nicht eilig gehabt, dieses Spiel von Verabredungen mitzumachen, trotz des Drängens ihrer Freundinnen.

Auch auf der Universität war niemand gewesen, der tiefer gehende Gefühle in ihr hatte auslösen können. Wenn die Liebe sie treffen würde, musste es etwas ganz Wundervolles, Berauschendes sein, ein Feuerwerk von Gefühlen. Warum sollte sie sich für weniger hergeben?

Der Esssaal hatte sich inzwischen gefüllt, und die Passagiere beluden sich ihre Teller mit den angebotenen Leckereien. Am Ende der dreiwöchigen Kreuzfahrt würden die meisten der Passagiere etliche Kilo schwerer nach Haus zurückkehren, aber im Augenblick dachte wohl keiner von ihnen daran.

Marie trat an die Tische, die ihrer Betreuung unterlagen, sprach hier und da ein paar Worte mit den Passagieren und nahm Bestellungen für Tee oder Kaffee entgegen. Am Anfang war es ihr schwergefallen, die einzelnen Wünsche zu behalten und nicht durcheinanderzubringen, aber inzwischen hatte sie damit keinerlei Probleme mehr. Dieselben Gäste saßen immer an denselben Tischen und bestellten zumeist jedes Mal das Gleiche.

„Soll ich es diesmal für Sie interessanter machen und zur Abwechslung einmal einen Gin-Tonic bestellen?“, hörte sie eine Stimme hinter sich. Es war eine tiefe, männliche Stimme, und leichte Amüsiertheit schwang darin mit. Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, und fuhr herum, aber ihr blieben die Worte im Hals stecken, als hätte sie auf einmal eine Lähmung befallen.

Sie starrte den attraktivsten Mann an, der ihr je vor die Augen gekommen war. Er hatte graublaue Augen mit dichten dunklen Wimpern und volles schwarzes Haar. Das Gesicht war zu kantig geschnitten, als dass man es als schön bezeichnen könnte. Aber seine gesamte Erscheinung strahlte Macht und Autorität aus. Obwohl Marie keine Erfahrungen mit Männern hatte, konnte sie es instinktiv deutlich spüren. Er war der Typ Mann, dem Frauen mit offenem Mund und verträumtem Blick nachschauten.

Marie war sich bewusst, dass sie ihn immer noch anstarrte, und schloss abrupt ihren Mund.

„Verzeihen Sie, aber wir bevorzugen es, wenn unsere Gäste alkoholische Getränke an der Bar einnehmen, die in Kürze öffnen wird“, entgegnete sie freundlich, aber bestimmt.

„Tatsächlich?“ Wieder schwang diese Belustigung mit, und er blickte sie immer noch unverwandt an.

„Wir bieten eine Reihe verschiedener Teesorten an“, fuhr sie nervös fort. „Dazu Kaffee, Fruchtsäfte …“

„Wirklich? Und ist das alles, was Sie anzubieten haben?“

Flirtete er mit ihr? Marie brannten die Wangen, und sie versuchte sich zu erinnern, was man ihr geraten hatte, falls männliche Gäste Annäherungsversuche unternehmen sollten.

„Wenn Sie so freundlich sein wollen, mir Ihren Tisch zu nennen, bringe ich Ihnen gern eine Karte“, sagte sie.

„Wie aufmerksam von Ihnen.“ Er lächelte sie an, und plötzlich begann ihr Puls zu rasen.

Noch nie hatte sie auf einen Mann so reagiert, und ein Gefühl warnte sie, dass es sich um einen für sie gefährlichen Mann handelte. Und doch empfand sie zugleich ein Gefühl seltsamer Aufregung.

Er ging hinüber zu einem nahen Tisch, mit faszinierenden, federnden Schritten, setzte sich und bedeutete ihr, zu ihm zu kommen.

„Ich möchte eine Kanne Tee“, sagte er. „Mit zwei Tassen.“

„Ja, sofort.“ Sie senkte die Augen. Merkwürdigerweise empfand sie ein Gefühl schmerzlicher Enttäuschung. Er war also mit jemandem hier. Aber wie sollte es auch anders sein? Ein Mann wie er würde wohl kaum allein reisen. Und an weiblicher Gesellschaft würde es ihm bestimmt auch nicht fehlen.

„Sie haben ein sehr offenes Gesicht“, meinte er und sah sie scharf mit diesen unglaublich graublauen Augen an. „Ich kann jeden Gedanken ablesen, der Ihnen durch den Kopf geht. Wie alt sind Sie? Siebzehn, achtzehn?“

„Einundzwanzig. Und ich kann leider nicht hier herumstehen und mich mit Ihnen unterhalten.“ Sie schaute über die Schulter und entdeckte, dass Jessica ihr einen bedeutungsvollen Blick zuwarf.

„Einundzwanzig? Seltsam.“

„Was ist daran seltsam?“

„Die meisten Frauen in diesem Alter sind ziemlich blasiert, nicht selten bis hin zum Zynismus, aber Sie sind ein unbeschriebenes Blatt, das darauf wartet, beschrieben zu werden. Habe ich recht?“

Sie errötete noch tiefer. Dies war eine Art Unterhaltung, die über ihren normalen Erfahrungshorizont ging. Sie kam sich vor wie eine Maus in den Fängen einer Katze, die zum Vergnügen mit ihr spielte.

„Darüber habe ich noch nicht viel nachgedacht“, gab sie steif zurück. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen …“ Sie drehte sich herum und ging zurück in die Küchenräume, während ihr genau bewusst war, dass er ihr nachschaute.

Kaum war sie durch die Schwingtüren, wurde sie von Jessica abgefangen.

„Wer ist das? Gestern Abend habe ich ihn hier nicht gesehen. Er wäre mir bestimmt aufgefallen“, drängte sie neugierig.

„Ich habe keine Ahnung, wer er ist.“ Marie versuchte die Verwirrung zu ignorieren, die sie sogleich befiel, als sie an das kantige, amüsierte Gesicht dachte.

„Hat er es dir nicht gesagt? Ihr beide habt euch doch eine ganze Weile unterhalten. Er muss dir doch seinen Namen genannt haben.“

„Nein.“ Sie riss sich zusammen und ging wieder hinaus, um Bestellungen aufzunehmen. Jessica folgte ihr, immer noch voller Neugier.

„Der Mann ohne Namen“, murmelte sie verträumt dabei. „Wie romantisch.“

„Er ist ein Gast“, erinnerte sie Marie. „Und ein Gast mit Anhang.“

„Aha, dann habt ihr beide euch doch schon besser bekannt gemacht!“ Jessica zuckte mit den Schultern. „Nun, viel Glück, wer auch immer ihn sich geschnappt hat.“

Er saß noch immer am Tisch, und Marie musste ihren ganzen Willen aufbieten, um nicht hinüberzustarren. In seiner Nähe kam sie sich linkisch vor. Dieser Mann verunsicherte sie, ohne dass er es groß darauf anlegte, und das fand sie ziemlich beunruhigend. So war es in gewisser Weise beruhigend, dass er nicht allein hier war, dass er Gast war und sie auf diesem Schiff zum Personal gehörte, mit strikten Anweisungen für den Umgang mit Gästen.

Sie nahm Bestellungen auf, und als sie in den Speisesaal zurückkehrte, sah sie völlig überrascht, dass die Begleiterin des Mannes keine hochgewachsene Blondine war, wie sie erwartet hatte, sondern eine rundliche Frau, bestimmt schon Ende fünfzig, mit aristokratischem Aussehen und von gepflegter Eleganz.

Er fing ihren Blick auf und lächelte ihr kurz zu, aber sie tat so, als hätte sie es nicht bemerkt.

Als sie dann den Tee brachte, konnte sie ihm nicht in die Augen sehen.

„Ich glaube, Ihren Namen kenne ich nicht“, sagte er, als sie die Kanne und die Tassen abstellte.

„Marie Stephens, Sir.“ Noch immer sah sie ihn nicht direkt an, und ihr Lächeln war rein höflich.

„Marie Stephens Sir“, wiederholte er gedankenvoll. „Ein ungewöhnlicher Name.“

Sie mied weiterhin seinen Blick, ärgerte sich aber über seine ironische Art, besonders in Gegenwart der Frau, die sie nun mit kühler Freundlichkeit anblickte.

„Darling, lass das Kind zufrieden“, sagte diese dann und legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich bezweifle, dass sie mit deiner Art Humor umgehen kann.“

Ihr Gesicht trug dabei den gelangweilten, überheblichen Ausdruck, den reiche Leute oft für ihre nicht so gut betuchten Mitmenschen übrig hatten. Sie war noch immer attraktiv, früher einmal musste sie eine Schönheit gewesen sein. Ihr blondes Haar war etwas ausgeblichen, aber immer noch perfekt frisiert und voll. Sie hatte scharfe blaue Augen und ein klassisch geschnittenes Gesicht.

„Ich bin sicher, ich kann es“, gab Marie zurück und bemühte sich, ihre Verstimmtheit nicht zu zeigen. „Schließlich werde ich dafür bezahlt, unter anderem auch mit einer Art Humor zurechtzukommen, die ich vielleicht nicht sonderlich spaßig finde.“

„Ich muss gestehen, mir gefällt dieser Ton nicht sonderlich, mein Kind“, erwiderte die Frau ruhig, fast wie nebenbei.

Marie zwang sich, einen reumütigen Ausdruck aufzusetzen. Es gab noch etwas, was man ihr beigebracht hatte, als sie ihren Job antrat: Der Kunde hat immer recht, selbst wenn er unrecht hat.

„Es tut mir leid“, sagte sie leise. Dabei sah sie den Mann neben sich nicht an, aber sie wusste, er beobachtete sie. Sie konnte es fühlen. Es war wie eine Berührung.

Die Frau entließ sie mit einer Handbewegung, als würde sie erwarten, dass so etwas nicht noch einmal vorkäme. Marie atmete insgeheim erleichtert auf. Diese Stellung war wichtig für sie, und sie wollte sie nicht gefährden, nur weil einer der Passagiere spontan Abneigung gegen sie empfand.

„Möchten Sie vielleicht sonst noch etwas bestellen?“, fragte sie höflich die Frau, und diese wandte sich an den Mann.

„Holden, ist das alles?“

Holden. Ein ungewöhnlicher Name. Der Mann saß entspannt auf seinem Stuhl, die Fingerspitzen aneinandergelegt. Er hatte lange, schlanke Finger und kräftige Arme, die von feinen dunklen Härchen bedeckt waren, wie sie am Handgelenk sehen konnte. Er sah beide Frauen mit leicht amüsiertem Blick an, als wäre er Zuschauer bei einer Kabarettvorstellung, die nur für ihn allein aufgeführt wurde.

„Oh ja, im Augenblick ist das alles“, sagte er dann, fügte dann aber nach einem Seitenblick auf Marie hinzu: „Gehen Sie nicht zu weit weg …“

Nicht zu weit? Marie lächelte ihn zwar höflich an, war aber entschlossen, genau das Gegenteil zu tun.

Sie hielt sich für die nächste Zeit weit von seinem Tisch entfernt, bis die Passagiere nach und nach den Raum verließen und auch seine Begleiterin sich erhob und davonschritt.

Was mag er in ihr sehen? fragte sich Marie. Er sah aus wie ein Mann, der alle Frauen haben konnte. Vielleicht war es ihr Geld. Geld konnte eine mächtige Anziehung ausüben. Und mit Geld konnte man auch Menschen kaufen.

Er saß immer noch am Tisch, als schließlich alle anderen Passagiere gegangen waren. Marie warf ihm unter gesenkten Lidern einen schnellen Blick zu, und wieder überlief sie dummerweise ein Prickeln. Wer war er? Wie war seine Beziehung zu dieser Frau? Sie verachtete sich dafür, dass sie solche Spekulationen anstellte, und es war auch das erste Mal, dass sie es auf diesem Schiff tat, obwohl es hier eine Menge Leute gab, deren Reichtum wohl der gesamten Besatzung für ein Leben ohne Sorgen gereicht hätte.

Nun aber musste sie sich eingestehen, fürchterlich neugierig wegen eines völlig Fremden zu sein, der sie verwirrte. Jessica hätte keine Probleme gehabt, mit dem Mann fertigzuwerden, aber sie selbst war mit ihren einundzwanzig Jahren noch unschuldig wie der frisch gefallene Schnee. Zu viele Bücher und zu wenig Erfahrung hatte einmal ein abgeblitzter Kommilitone gehässig erklärt. Es hatte so geklungen, als wäre sie nicht ganz normal, aber das war ihr immer noch lieber, als einen Mann im Bett zu haben, den sie nicht liebte.

Der Mann winkte sie heran. So holte sie tief Luft und erinnerte sich rasch daran, wie viel ihr dieser Job bedeutete. Mehr als das flüchtige Interesse eines fremden Passagiers an ihr, mit dem eine Beziehung sowieso verboten war.

„Ja?“, fragte sie kurz angebunden, als sie vor ihm stand. Doch dann zwang sie sich zu einem freundlichen Lächeln. „Was kann ich für Sie tun?“

Er musterte sie lange und abschätzend und verzog dann den Mund zu einem umwerfenden Lächeln. „Es ist hart, nicht wahr?“, murmelte er.

Sie verstand nicht. „Wie bitte?“

„Nun, zu jemandem höflich zu sein, dessen Humor einen anödet und den man in keinster Weise spaßig findet.“ Er sagte es, als würde es ihm nicht das Geringste ausmachen, eher amüsieren.

„Es tut mir leid, wenn Sie diesen Eindruck erhalten haben sollten.“ Die Entschuldigung fiel Marie schwer. Sie war verwirrt und verschränkte ihre Hände miteinander.

„Setzen Sie sich.“

„Es tut mir leid, aber das geht leider nicht. Wir sind angehalten, uns nicht auf private Gespräche mit den Passagieren einzulassen“, sagte sie steif.

„Von wem?“

„Von den Leuten, die mich eingestellt haben.“

„In dem Fall sollen sie sich an mich wenden, wenn es ihnen nicht gefällt.“

Er war ein Mann, der erwartete, dass seine Befehle ausgeführt wurden. Stimme und Miene drückten dies deutlich aus.

Marie zögerte und setzte sich, warf jedoch einen nervösen Blick hinüber zu Henry, ihrem Vorgesetzten.

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen“, sagte Holden locker. „Es wird Ihnen nichts geschehen, wenn Sie sich für eine Viertelstunde zu mir setzen. Sind Sie immer so nervös?“

„Und Sie so bestimmend?“, gab sie zurück, und er grinste.

„Immer.“

„In diesem Fall tun mir die Menschen leid, die für Sie arbeiten müssen.“ Sie hatte keine Ahnung, warum sie dies sagte, denn sie hatte ja keine Ahnung, wovon der Mann seinen Lebensunterhalt bestritt.

„Wie gut, dass meine Tischdame nicht mehr hier ist“, knurrte er. „Sicherlich hätte ihr diese Antwort nicht gefallen.“

„Und ich nehme an, Sie hören auf alles, was sie sagt?“, hörte Marie sich zu ihrem eigenen Entsetzen sagen. Was war nur an diesem Mann, dass sie sich so völlig untypisch benahm?

„Ich versuche es“, murmelte er und betrachtete sie dabei aufmerksam. „Es gibt nur wenige Menschen, auf deren Wort ich etwas gebe, und sie gehört zu ihnen.“

Weil sie Ihre Rechnungen bezahlt? hätte sie gern gefragt. Hält sie Sie aus? Dieser Gedanke war für sie so abscheulich, dass sie zur Seite schaute.

„Ich verstehe“, sagte sie stattdessen.

„Du lieber Himmel, Sie halten mich für einen Gigolo, und das gefällt Ihnen ganz und gar nicht“, murmelte er. „Aber warum denn nicht? Die Welt ist voller Frauen, die ohne die geringsten Skrupel fein vom Einkommen ihres Mannes leben. Warum sollte es nicht auch einmal andersherum sein?“

Sein Blick wirkte hypnotisierend, und sie hatte das Gefühl, in seinen Augen zu versinken.

„Es ist etwas anderes, weil … weil es anders ist.“

„Welch bezwingende Logik.“

Sie erhob sich mit rotem Kopf. „Ich sehe, es macht Ihnen einen Heidenspaß, sich auf meine Kosten zu amüsieren. Aber ich bin nicht bereit, dies noch länger mitzumachen. Sie sind zwar Passagier auf diesem Schiff, aber das gibt Ihnen nicht das Recht, mich zu beleidigen.“

„Bitte setzen Sie sich doch wieder. Niemand beleidigt Sie.“ Wieder dieses amüsierte Lächeln.

„Ich muss sowieso jetzt in der Küche helfen“, sagte Marie, blieb aber unentschlossen stehen, als er sie ungeduldig betrachtete.

„Glauben Sie mir, Sie bekommen bestimmt keinen Ärger, weil Sie hier mit mir sitzen.“

„Nicht einmal von Ihrer Begleiterin?“, fragte sie mit honigsüßer Stimme und setzte sich wieder, wenngleich auch mit einem unguten Gefühl.

„Oh ja, von ihr vielleicht“, antwortete er ernst. „Doch bestimmt. Meine Mutter hat sehr feste Vorstellungen, welche Frauen zu mir passen und welche nicht.“

„Ihre Mutter?“

Er hob eine Augenbraue, als überraschte es ihn, dass sie etwas anderes gedacht haben könnte. Aber in seiner Stimme lag ein Hauch von Spott.

„Natürlich, wer sollte sie denn sonst sein? Ach ja, ich vergaß ganz, dass Sie die Möglichkeit in Betracht zogen, ich könnte ihr Gigolo sein.“

Marie wurde knallrot. Dieser Mann verwirrte sie völlig. Ihre Selbstbeherrschung, auf die sie so stolz gewesen war, hatte er innerhalb weniger Minuten weggefegt.

„Ich habe so etwas überhaupt nicht gedacht“, log sie, senkte aber schnell den Blick.

„Nein, natürlich haben Sie das nicht“, meinte er nachdenklich. „Was machen Sie heute Abend?“, erkundigte er sich dann überraschend.

„Wie bitte?“

„Heute Abend. Ich nehme an, nach dem Abendessen werden Sie noch in der Küche helfen, aber was machen Sie danach?“

„Danach? Nichts nehme ich an. Vielleicht sehe ich mir die Kabarettvorstellung an. Der Kabarettist soll sehr gut sein.“

„Wollen Sie mir nicht auf Deck Gesellschaft leisten?“

„Ich glaube nicht.“ Alarmsignale schrillten nun in ihrem Kopf. Marie hatte nichts gegen eine Beziehung mit einem Mann, aber dieser hier war nicht ganz ihre Klasse. Das hatte er deutlich genug ausgedrückt, als er sagte, seine Mutter würde sie nicht annehmbar finden. Dennoch, eine leise Erregung überflutete sie, und ein neues und seltsames Gefühl ließ ihren Puls auf einmal rasen.

„Warum nicht? Ich verspreche auch, meine Hände von Ihnen zu lassen.“

Sie errötete noch mehr und wusste nichts zu antworten.

„Es geht einfach nicht“, stammelte sie. „Ich könnte meine Stellung verlieren …“

„Ich spreche von einer unschuldigen Unterhaltung auf Deck, nicht von Sex.“

„Ja, ich weiß.“ Sie räusperte sich und versuchte beherrschter zu wirken, als sie war. „Es ist nur …“

„Ich weiß, ich weiß. Wenn Sie wollen, betrachten Sie es einfach als Auftrag Ihres Chefs.“

„Wovon reden Sie?“ Verwundert sah sie ihn an.

„Ich bin Ihr Chef“, erklärte er ihr geduldig. „Ich bin Holden Greystone, und mir gehört dies hier alles.“

„Sind Sie es tatsächlich?“, fragte sie schwach, und er nickte. „Warum kennt Sie dann niemand?“

„Warum sollte mich jemand kennen? Es ist das erste Mal, dass sie mich sehen, und der Kapitän hat den Auftrag, meine Identität geheim zu halten. Ich möchte sehen, wie der Laden läuft, und es könnte das Bild verfälschen, wenn die Leute wissen, wer ich bin.“

„Aber das ist nicht fair!“, protestierte sie.

Er sah sie ironisch an. „Wenn es ums Geschäft geht, ist es fair. Die meisten Angestellten haben die ärgerliche Eigenschaft, ihr Verhalten zu ändern, wenn sie wissen, dass sie von ihrem Chef beobachtet werden. Deswegen will ich nicht, dass Sie überall herumerzählen, was ich Ihnen gerade gesagt habe. Ich bin in der Nacht mit meiner Mutter im Hubschrauber hergeflogen, und was die Mannschaft betrifft, nur ein verspäteter Passagier, der wegen einer ernsthaften Erkrankung in der Familie erst jetzt kommen konnte. Auf diese Art erfahre ich aus erster Hand, wie tüchtig die Mannschaft ist.“

„Aber warum erzählen Sie mir dies alles?“, wunderte sie sich perplex.

„Weil …“ Er sprach mit gesenkter Stimme. Sie klang rau. „… ich Sie mag. Ich möchte Sie besser kennenlernen, und das geht nur, wenn Sie nicht ständig Ärger befürchten, wenn ich auch nur in Ihre Richtung schaue.“

„Aber Ihre Mutter …“

„Was Frauen betrifft, glaubt meine Mutter, sie könnte bestimmen, aber natürlich kann sie das nicht.“ Er lächelte, aber sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte.

Marie empfand diese ganze Unterhaltung, Holden Greystone inbegriffen, als so unwirklich, dass sie das Gefühl hatte, jeden Moment aufzuwachen und erkennen zu müssen, dass alles nur ein Traum gewesen war. Sie hatte gewusst, dass sie fürchterlich unerfahren war, was Männer betraf, aber sie hatte nicht gewusst, wie viel Erfahrung ihr eigentlich fehlte. Bis jetzt.

Später stand Marie an Deck, das verlassen dalag, weil die Passagiere samt und sonders unten waren und sich dort von dem Kabarettisten mit ausgesprochen gewagten Witzen unterhalten ließen, und es dämmerte ihr, dass sie sich auf sehr gefährlichem Boden bewegte. Im Augenblick gefiel ihr alles ausnehmend gut, aber wenn sie nicht aufpasste, würde sie in Treibsand geraten und untergehen, ohne dass sie sich irgendwo festhalten konnte.

Holden Greystone war beängstigend attraktiv, selbstbewusst und clever.

Sie schaute ihn verstohlen von der Seite an. Sein Profil zeichnete sich gegen den sternenfunkelnden samtschwarzen Nachthimmel ab, und genau in diesem Augenblick drehte er sich zu ihr herum. Ihre Blicke trafen sich. Maries Herz begann zu hämmern. Seine Augen verrieten ihr nicht, was er dachte, und sie stellte panisch fest, sie konnte den Blick nicht von ihm lösen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Unter tausend Sternen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen