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Unter ihrer Haut

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Tag 1
  5. Tag 2
  6. Tag 3
  7. Tag 4
  8. Tag 5
  9. Tag 6
  10. Tag 7
  11. Tag 8
  12. Tag 9
  13. Tag 10
  14. Tag 11
  15. Tag 12
  16. Tag 13
  17. Tag 14
  18. Tag 15
  19. Tag 16
  20. Tag 17
  21. Tag 18
  22. Tag 19
  23. Tag 20
  24. Tag 21
  25. Tag 22
  26. Tag 23
  27. Tag 24
  28. Tag 25

Tag 1

Sie rennt den Gang entlang. Seit heute Morgen der Brief gekommen ist, rennt sie. Läuft, läuft, läuft, läuft auf Adrenalin.

Sie hat versucht, in der Bibliothek zu lesen. In der hier und in der im Haus ihrer Eltern, aber sie war so verdammt zapplig, dass die Wörter auf den Seiten der Bücher, die sie lesen wollte, einfach nicht stillhalten mochten.

Aber das ist auch egal. Sie braucht sich jetzt nicht über Vampire zu informieren. Über diese Monster wusste sie schon Bescheid, bevor sie sprechen konnte.

Sie muss um sechs im Schloss sein. Die Zeit wird knapp. Sie fällt praktisch durch die Tür des Krankenzimmers in der Cobalt-Stiftung.

Ihre Mutter schaut verschlafen auf, als wäre sie auf ihrem Stuhl eingenickt, und wirkt zerknittert, was für sie ungewöhnlich ist. Ihre normalerweise feste, exakte Hochsteckfrisur hängt auf Halbmast, und graubraune Strähnchen, die daraus entwischt sind, stehen um ihr Gesicht. Ihre Augen sind rot. Sie hat geweint. Ob sie sich in den Schlaf geweint hat?

»Merle!«, sagt ihre Mutter und steht auf. Müdigkeit schwingt in ihrem schroffen Oberschichtakzent.

»Wie geht es ihm?«

»Er ist … Er …« Ein paar Mal versagt ihrer Mutter die Stimme, dass ihr fast das Herz bricht, und schließlich muss sie sich zusammennehmen, um das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. »Es geht ihm unverändert. Er hat keine Schmerzen, aber sein Zustand ist kritisch.«

Es ist soweit. Merle wünscht sich nur, sie könnte sich jetzt wie betäubt fühlen, leer. Doch so ist es nicht. Sie fühlt sich, als würde ihr übel. Sie sieht ihren Vater in dem Bett an, das zusammen mit den ganzen Maschinen, die es umgeben, den größten Teil des Zimmers einnimmt. Er scheint nur noch aus einer Masse von Schläuchen, Leitungen, Haut und Bettlaken zu bestehen. Nicht wirklich ein Mensch, nur ein Körper. Die piependen, blitzenden Maschinen, die die Arbeit seiner geschädigten Organe übernehmen, wirken lebendiger als er.

Sie durchquert das Zimmer, bis sie ihm nahe genug ist, um die blasse Haut auf der schlaffen Hand ihres Vaters zu berühren. Neben seinen wirken ihre Fingerspritzen so rosig. Vor Blut. Aber sie möchte nicht anfangen, an so etwas zu denken. An Blut. Ihr Blut. Ihr Blut und daran, wer es vielleicht will. »Es gibt keine Chance, dass wir selbst ein Gegenmittel finden, oder?«, sagt sie, obwohl sie die Antwort kennt. Sie weiß nicht, was sie sonst sagen soll.

Ihre Mutter schüttelt den Kopf. »Ich bin mir nicht einmal sicher, was in dem Gift ist. Ein Cocktail aus Magie und Wissenschaft. Klassische Vampirarbeit, schreit geradezu ›Clan des Schwarzen Smaragds‹. Es ist mir gelungen, einige der Bestandteile zu identifizieren, aber nicht annähernd alle.« Sie weist auf die Flaschen mit misslungenen Tränken auf der Fensterbank. Jede enthält eine perlende Flüssigkeit. Einige sind rostfarben oder rot. Die meisten sind golden und glitzern – zerstobene Hoffnungen.

Merle sieht ihren Vater an. »Schon gut.«

Merles Mutter hat diese gewisse Miene aufgesetzt. Dieses Gesicht, das besagt »das ist mein letztes Wort«. In dieses Gesicht sieht Merle jetzt. »Ich lasse trotzdem nicht zu, dass du Coles Angebot annimmst. Dies ist nicht dein Kampf.« Merle hat diesem »letztes Wort«-Gesicht noch nie getrotzt. Aber sie hat auch noch nie so stark gespürt, dass ihre Mutter will, dass sie sich ihr widersetzt. Sie befiehlt Merle, Coles Angebot nicht anzunehmen – natürlich tut sie das, sie ist schließlich ihre Mutter. Was soll sie sonst sagen?

Das heißt nicht, dass das wirklich ihr Wunsch ist.

»Aber es ist mein Kampf«, sagt Merle. »Jetzt schon.«

Merles Mutter wendet sich ab und nimmt Darius Coles Brief, der auf dem Nachttisch liegt. Er ist so etwas von typisch vampirisch. Dickes Pergament, Siegelwachs und Worte, die dazu gedacht sind, den Empfänger niederzuschmettern. Merles Mutter sieht ihn an, als suche sie darin nach einem Schlupfloch.

Merle weiß, dass sie keines findet. »Es ist die einzige Möglichkeit«, sagt sie, tritt dicht hinter ihre Mutter und berührt ihre Schulter.

»Sieh mal, Merle.« Merles Mutter dreht sich um, und die beiden stehen eng beieinander. Merle kann ihr teures, altmodisches, schweres Parfüm riechen, das den Duft ihres Kummers überdeckt. »Dein Vater und ich … Wir wollten dich nie in so etwas hineinziehen. In unsere Arbeit. Aber die Sache mit Darius Cole, nun ja, mit Vampiren im Allgemeinen ist, dass sie Spielchen treiben. Sie können Menschen übertölpeln. Sie machen sich einen Spaß daraus, sie hinters Licht zu führen. Was in diesem Brief steht … also, so einfach wird das nicht werden.«

»In dem Brief steht, dass Dad sterben wird, wenn ich nicht fünfundzwanzig Tage mit Cole verbringe.«

Merles Mutter sieht sie nur an. Merle erkennt es mit einem Mal, und es bereitet ihr Übelkeit. Ihre Mutter muss sich entscheiden. Zwischen ihrer Tochter und ihrem Mann wählen, und natürlich weiß ihre Mutter, dass sie sich für Merle entscheiden sollte, aber es schmerzt. Während Merle das denkt, schüttelt ihre Mutter den Kopf und wendet sich ab.

»Du möchtest, dass ich gehe, oder?«, sagt Merle zu ihrem Rücken. »Ein Teil von dir jedenfalls, tief drinnen.«

Merles Mutter antwortet mit sehr leiser Stimme. »Er stirbt«, erklärt sie. »Wir müssen etwas tun.« Doch als sie sich wieder zu Merle umdreht, ist ihre Miene streng und vertraut. »Aber nicht das. Charles würde mir nie verzeihen, wenn ich dich auch nur in die Nähe dieser bösartigen, untoten Kreatur ließe.«

Ihre Mutter hat es kaum ausgesprochen, als Merles Vater sich im Bett aufbäumt und zu krampfen beginnt. Vor Schmerzen schreit er laut und beginnt um sich zu schlagen. Das Laken rutscht weg, und Merle sieht seinen halbnackten Körper, der blassgrau und schweißbedeckt ist. Der Anblick trifft sie wie ein Schlag, der ihr die Luft aus den Lungen treibt. Mein Vater. Mein Dad. Daddy. Gebrochen und leidend. Sterbend. Schockiert tritt Merle einen Schritt zurück.

Merles Mutter hat bereits eine Spritze von einem Schiebewagen mit medizinischer Ausrüstung genommen. Sie läuft um das Bett, schreit Merle zu, dass sie zurücktreten soll, und sticht die Nadel in den Infusionsschlauch. Rasch beruhigt sich Merles Vater.

Merles Mutter wendet sich vom Bett ab. Sie ist außer Atem, und ihre Schultern heben und senken sich. »Er hat schon so viel Morphium im Körper, dass ich immer denke, die nächste Dosis bringt ihn um. Und vielleicht wäre das gnädiger.« Sie sieht aus, als werde sie gleich in Tränen ausbrechen.

»Also«, sagt Merle. »Schau ihn dir doch an. Du kannst mir nicht sagen, dass ich nicht gehen soll. Wie soll ich das fertigbringen?«

Merles Mutter gibt keine Antwort.

»Ich muss um sechs im Schloss sein«, erklärt sie und ist sich jetzt ganz sicher, dass sie es tun muss. Alle Zweifel sind verflogen. Falls ein Teil von ihr noch gehofft hatte, ihre Mutter werde es ihr ausdrücklich verbieten …

Merle macht einen Schritt auf die Tür zu. Dann bleibt sie stehen und wirft einen Blick zurück zu ihrer Mutter, die wie angewurzelt neben dem Bett steht. Was soll sie noch sagen?

Merle sieht ihr eindringlich in die Augen. »Und wenn ich das Gegenmittel habe, werde ich tun, was ihr schon vor Jahren hättet tun sollen. Diesem Bastard einen Pflock durch sein stillstehendes Herz treiben.«

Mit U-Bahn, Zug und Taxi braucht sie etwas über eine Stunde, um zu Coles Schloss zu gelangen. Merle nutzt die Zeit, um sich Mut zuzusprechen. Jetzt passiert es wirklich. Nichts und niemand hat sie in letzter Minute gerettet.

Als Tochter zweier der berühmtesten Vampirjäger der Welt – und der Begründer von Cobalt – weiß Merle mehr über die Untoten als die meisten Menschen. Vor allem weiß sie, dass es sie gibt. Sie weiß auch, dass sie abscheuliche, verfaulende Wesen sind, und dass das einzig Gute, was sie je getan haben, ihr Jahrhunderte zurückliegender Entschluss war, sich vollkommen von der menschlichen Gesellschaft fernzuhalten. Darius Cole war ein Vampir, der nicht mit der Vorstellung des Clanrats zur Segregation einverstanden war. Er wollte die Menschheit unterwerfen. Sie als Futterquelle versklaven. Um Cole zu vernichten, war die Cobalt-Stiftung überhaupt gegründet worden. In ihr arbeiteten zum ersten Mal seit Hunderten von Jahren, vielleicht überhaupt zum ersten Mal, Menschen und Vampire zusammen – und alles wegen Darius Cole. Und sie hatten Erfolg gehabt. Vor dreißig Jahren war Cole gefangen genommen worden, und Cobalt hatte ihn an den Clan des Schwarzen Smaragds ausgeliefert, damit er nach dessen Gesetzen abgeurteilt wurde.

In Merles Jugend war Darius Cole für sie so etwas wie ihr persönlicher Schwarzer Mann. Seit jeher hasste sie ihn mehr als alles andere. Und das schon, bevor er entkommen war, die Schwarzen Smaragde getötet oder versklavt und angefangen hatte, Merles Familienmitglieder zu vergiften.

Eines der gefährlichsten Dinge an Cole ist, dass er sogar für einen Vampir enorm hoch entwickelte übersinnliche Kräfte besitzt. Cole kann die Gedanken anderer kontrollieren wie kein anderer Vampir seit Beginn der Aufzeichnungen: Telepathie, Suggestion, Beeinflussung, Hypnose. Merle weiß, dass er in fünfundzwanzig Tagen wahrscheinlich alles mit ihr machen kann. Sie komplett um den Verstand bringen.

Aber sie weiß auch, dass vampirische Gedankenkräfte nicht unwiderstehlich sind. Es kommt nur darauf an, ihre Emotionen in Zaum zu halten.

Wie Merles Mutter zu sagen pflegt, ist vieles von dem, was man sich über Vampire erzählt, nicht wirklich wahr. Aber eine der Legenden stimmt ganz eindeutig. Man muss sie einladen.

Wie alle Vampirbehausungen ist das Schloss des Clans des Schwarzen Smaragds durch schwere Zauber geschützt, unsichtbar und nicht zu entdecken. Merle lässt den Taxifahrer an einer Stelle anhalten, die wie irgendwo im Nirgendwo aussieht, und wirft die kleine Eisenkugel, die dem Brief beigelegen hat, zwischen die Bäume. Die Realität reißt auf wie zerbrochenes Glas, und mit einem Mal ist das gewaltige, herrschaftliche Schloss vor ihr so real, dass man sich nicht vorstellen kann, wie diese Landschaft vor einer Sekunde ohne das Gebäude ausgesehen hat.

Sie geht die mit knirschendem Kies bestreute Auffahrt hoch, bleibt vor dem Tor stehen und wartet auf Punkt sechs Uhr. Als ihre Uhr »5.59« anzeigt, streckt sie die Hand aus und will den gewaltigen Türklopfer betätigen, aber bevor sie ihn berühren kann, öffnet sich die Tür knarrend.

Die Frau, die um den Türrahmen späht und darauf achtgibt, nicht von den letzten Sonnenstrahlen berührt zu werden, ist eindeutig ein Vampir – und außerdem ein Bild purer Dekadenz. Die blonde Vogelnestfigur sitzt ihr schief auf dem Kopf. Ihre Brüste, Hüften und Lippen sind üppig und voll, und sie trägt ein weißes Spitzenkleid, das ihren Körper stärker zu enthüllen scheint, als wäre sie vollkommen nackt. Sie wirkt wie Marilyn Monroe in einer pornografischen Version des Lebens der Marie Antoinette. Nur dass sie aussieht, als hätte sie deren sprichwörtlichen Kuchen komplett selbst gegessen.

Sie trägt Fangzähne im Mund und an ihrer Unterlippe klebt etwas getrocknetes Blut.

Verglichen mit ihr fühlt sich Merle mit ihrem kurzen, glatten Haar und ihrem nicht besonders hochgewachsenen, geraden Körper vollkommen geschlechtslos. Sie trägt einfache Bluejeans, ein dunkelblaues T-Shirt und eine schlammbraune Cordjacke. Sie hatte nicht aussehen wollen, als hätte sie sich extra fein gemacht. Aber die Frau an der Tür lässt sie wünschen, sie hätte sich etwas aufregender gekleidet.

Die Frau strahlt nicht nur Sex aus, sondern vermittelt Merle das Gefühl, es sei die einzig akzeptable Möglichkeit der Existenz, Sex auszustrahlen. Sie stellt fest, dass sie die Schultern hochzieht, weil sie hofft, dass die Frau nicht bemerkt, dass sie im Vergleich zu ihr weder Busen noch Hüften besitzt. Sie holt tief Luft. »Ich bin Merle Cobalt.«

»Ich weiß, wer Sie sind, meine Liebe«, sagt die Frau, dreht sich um und geht voran, ins Schloss hinein. Sie wirkt wie ein Schiff unter Segeln und rollt, wirbelt und bläht sich mit jedem ihrer geschmeidigen Schritte.

Merle trottet hinter ihr her. Hinter der beeindruckenden Tür liegt eine riesige Eingangshalle, die fünfmal so groß ist wie der Rezeptionsbereich bei Cobalt. Sie ist prachtvoll, ganz alte Vampirschule – rund und kalt und mit hallenden Steinplatten ausgelegt.

»Lassen Sie Ihren Koffer hier«, sagt die Frau, ohne sich umzusehen. »Sie werden mir ins Verlies folgen.«

»Ins Verlies?« Die Härchen in ihrem Nacken prickeln. Ihr Magen überschlägt sich. Aber sie ist schon so lange mit den Nerven am Ende, dass es ihr fast normal vorkommt.

Die Frau geht bereits auf eine kleine Holztür zu, die mit schweren Riegeln gesichert ist. Sie zieht sie zurück, und dahinter kommt eine dunkle Treppe zum Vorschein, die in den Bereich unterhalb des Schlosses führt. Dann wirft die Frau Merle über die Schulter einen stahlharten Blick zu und beginnt hinunterzugehen.

Merle schluckt heftig und folgt ihr.

Die Stufen setzen sich endlos fort und führen tiefer und tiefer. Es wird dunkler, kälter und feuchter. Die reale Welt entfernt sich. Das einzige Licht stammt von ein paar kläglichen Kerzen, die in kleinen Wandnischen flackern. Wenn dieser lange Abstieg in den Kerker den unglücklichen Gefangenen einschüchtern soll, dann funktioniert es wirklich gut.

Am Fuß der Treppe entspringt ein schmaler Gang, von dem in regelmäßigen Abständen vier kleine Holztüren mit Gitterfenstern abgehen. Zellen.

Merle gräbt die Fingernägel in die Handflächen, während sie der Frau den Gang entlang und zu der vierten und letzten Tür folgt.

Die Frau dreht sich um und schenkt Merle ein kaltes Lächeln. »Wahrscheinlich kennen Sie die Geschichte«, sagt sie düster. »Nachdem Ihre Eltern Darius Cole gefangen genommen hatten, überstellten sie ihn an den Rat des Vampirclans. Man befand ihn des Verrats für schuldig und verurteilte ihn zum Leben. Hier. In der Obhut des Clans des Schwarzen Smaragds.« Sie reißt die Tür auf, die in ihren Angeln quietscht, als sei sie seit Jahrhunderten nicht benutzt worden. Merle erhascht einen Blick auf einen winzigen dunklen Raum. Ein schleimig feuchter Boden. Schwarze Steinwände. Eine Holzbank am hinteren Ende. »In genau dieser Kerkerzelle ist er fünfundzwanzig Jahre lang verrottet. Wir werden sehen, wie gut Sie fünfundzwanzig Tage durchstehen.«

Merle holt tief Luft, reckt das Kinn vor und geht hinein.

Erst als sie hört, wie die Riegel vorgeschoben werden, spürt sie, wie ihr Hals von der Anstrengung schmerzt, die es bedeutet, nicht zu weinen.

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