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Unter feindlicher Flagge

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1793
  7. Kapitel eins
  8. Kapitel zwei
  9. Kapitel drei
  10. Kapitel vier
  11. Kapitel fünf
  12. Kapitel sechs
  13. Kapitel sieben
  14. Kapitel acht
  15. Kapitel neun
  16. Kapitel zehn
  17. Kapitel elf
  18. Kapitel zwölf
  19. Kapitel dreizehn
  20. Kapitel vierzehn
  21. Kapitel fünfzehn
  22. Kapitel sechzehn
  23. Kapitel siebzehn
  24. Kapitel achtzehn
  25. Kapitel neunzehn
  26. Kapitel zwanzig
  27. Kapitel einundzwanzig
  28. Kapitel zweiundzwanzig
  29. Kapitel dreiundzwanzig
  30. Kapitel vierundzwanzig
  31. Kapitel fünfundzwanzig
  32. Kapitel sechsundzwanzig
  33. Kapitel siebenundzwanzig
  34. Geschichte und Fiktion
  35. Danksagung
  36. Glossar der nautischen Begriffe

Über den Autor

Sean Thomas Russell wurde 1952 im kanadischen Toronto geboren und ist mit Herz und Seele Autor, Segel- und Geschichts-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf Vancouver Island, nur zwei Minuten von der Küste entfernt.

Weitere Informationen finden Sie auf www.sthomasrussell.com

KAPITEL EINS

Bei Einbruch der Dämmerung blies ein heftiger Sturm vom Atlantik her aus West-Südwest und wühlte die See auf. Die gesamte erste Wache hindurch tauchten bleiche Schaumkronen aus der Dunkelheit auf, hochgedrückt von geisterhaft zischenden Wogen, die gegen das Vorderdeck schlugen und das Schiff erschütterten.

Unmittelbar nach acht Glasen kam ein dünner, hagerer Mann aus dem Niedergang aufs Quarterdeck, bewegte sich vorsichtig und in geduckter Haltung über die rutschigen Planken und schaute sich ängstlich um. Als er sah, dass sich ein Brecher über das Deck ergoss, eilte er taumelnd luvseits zu den Wanten, doch da umspülte das Wasser bereits seine Knie. Die schlingernde Fregatte krängte stark zur Leeseite, und ein Windstoß wehte dem Mann, Griffiths, Gischtfetzen ins Gesicht.

»Sind Sie das, Doktor?«, war eine Stimme in dem Wind zu hören.

Ein Blitz beleuchtete den Master, der keine zwei Fuß von Griffiths entfernt stand, mit blassem, tropfnassem Gesicht. Den Hut hatte er sich bis zu den Augenbrauen gezogen und mit einem blauen Band aus Baumwolle unter dem Kinn festgezurrt.

»Ich brauche mehr Männer an Deck!«, schrie der Master dem Doktor fast ins Ohr.

»Ich habe Ihnen alle Männer geschickt, die gehen können, Mr Barthe«, antwortete der Schiffsarzt und legte dabei die Hände wie einen Trichter an den Mund. »Die anderen sind zu krank, um sich auf den Beinen zu halten.«

»Dann ist es wohl das Gelbfieber, wie? So sagen jedenfalls die Männer.«

»Nein, Mr Barthe. Es muss an verdorbenen Nahrungsmitteln liegen - vermutlich am Schweinefleisch, das die Männer heute gegessen haben. Aber so schlimm habe ich es noch nie erlebt. Die Männer können nicht mehr stehen und müssen sich dauernd übergeben. Das hält keiner lange aus. Ich hatte gehofft, Sie könnten noch ein paar Matrosen entbehren, die mir zur Hand gehen …«

»Das geht nicht, Doktor. Ich musste schon die Schiffsjungen und Reffer bis ganz nach oben schicken, die dort gar nicht hingehören. Ich kann keinen Mann mehr entbehren.«

Das Schiff geriet wieder ins Schlingern. Wasserfluten ergossen sich über Deck und spülten die Männer beinahe fort. Der Doktor spürte, wie Mr Barthe ihn an den Schultern festhielt, damit er nicht fortgerissen würde. Da sagte der Master wieder etwas, doch eine kräftige Böe riss ihm die Worte von den Lippen.

In der Ferne schlugen Blitze fächerartig ins Meer und beleuchteten für einen Moment die tosende See und die Takelage. Vier Mann rangen mit dem Steuerrad. Ihre Augen wirkten eingefallen, ihre Gesichter schimmerten schwach bläulich.

Ein Junge kämpfte mühsam gegen den Wind an und zog sich, Hand um Hand, an den Manntauen entlang. Als ein weiterer Blitz über den Himmel zuckte, glitt der Junge aus und fiel hin, doch er zog sich an dem gespannten Tau wieder auf die Beine. Atemlos und erschrocken erreichte er die beiden Männer.

»Mr Barthe!«, rief er. »Wir haben Penrith verloren!«

»Was, zum Teufel, meinst du mit ›Wir haben ihn verloren‹?«

»Er ist mit uns nach oben geklettert, aber niemand hat ihn wieder nach unten kommen sehen. Wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist.«

»Habt ihr denn nicht durchzählen lassen, als ihr wieder an Deck kamt?«

Der Junge zögerte. »Nein, Sir.«

Der Master fluchte. »Ist er vielleicht auch krank geworden und hat sich unten gemeldet?«

»Williams hat überall nach ihm gesucht. Wir fürchten, er ist unbemerkt über Bord gegangen.«

»Verflucht sei diese Nacht! Schick Mr Archer hinunter zu Kapitän Hart!« Der Master wollte fort und stemmte sich gegen den Sturm, wandte sich aber noch einmal an den Schiffsarzt. »Gehen Sie wieder nach unten, Doktor. Hier können Sie nichts machen. Mir wäre es lieber, Sie wären bei so einem Wetter unter Deck.«

Griffiths nickte zustimmend und trat den Rückweg zum Niedergang an. Ein letztes Mal sah er zu Barthe und einigen anderen Matrosen in der Kuhl des Mittelschiffs, die zu den Rahen hinaufblickten. Auf der schmalen Stiege im Niedergang musste er sich festhalten, da die Stufen beim Rollen und Stampfen des Schiffes zu springen schienen. Kaum hatte er das Zwischendeck erreicht, da musste er bereits den paar Männern Platz machen, die nach oben stapften, um die Wache zu übernehmen. Als auch der letzte Matrose fluchend in die heulende Nacht gegangen war, kamen die anderen Männer unter Deck. Sie rutschten auf den nassen Stufen aus, eingehüllt von sprühenden Gischtfetzen, die in dem schmutzigen Lichtkreis einer angelaufenen Laterne schillerten.

Die Männer stiegen noch tiefer unter Deck zu ihren Hängematten. Und während sie die Stufen nahmen, kam es irgendwo am Fuße der Stiege zu einem Gerangel, woraufhin einer der Männer das letzte Stück nach unten stürzte. Wütende Stimmen drangen nach oben.

»He, Leute!«, rief Griffiths warnend nach unten. »Muss ich Mr Landry rufen?«

Ein mehrstimmiges »Nein, Sir!«, hallte nach oben, und das Geschubse und Fluchen hörte auf. Die Matrosen murmelten weiter vor sich hin, während Griffiths nach unten stieg.

»Die haben Penrith erledigt«, schnappte der Schiffsarzt von irgendwo her auf. »Die verfluchten Lumpen. Ausgerechnet Penrith!«

KAPITEL ZWEI

Philip Stephens war seit dreißig Jahren Erster Sekretär der Admiralität. Davor war er Zweiter Sekretär gewesen. Durch seine zierlichen Hände ging die Korrespondenz von Admirälen und Kapitänen, von Mitgliedern des Oberhauses, Ministern und Spionen. Leutnant Charles Hayden wusste genau, dass in den Büroräumen der Admiralität niemand besser mit den Einzelheiten der Navy und ihren in fernen Gewässern segelnden Flotten vertraut war als dieser kleine Mann, der vor ihm saß, halb verdeckt von einem Schreibpult. Dass der Erste Sekretär jedoch überhaupt von der Existenz eines Leutnant Charles Saunders Hayden wusste, war so etwas wie eine Überraschung.

Als Stephens sich über ein Schreiben beugte, brach sich das Londoner Sonnenlicht, das matt durch das Fenster fiel, in den Brillengläsern des Mannes und zeichnete sich in Regenbogenfarben auf seiner Wange ab. Die auffälligsten Details in Stephens Gesicht waren die roten Äderchen, die sich über seine Knollennase zogen. Von dort schlängelten sie sich über seine Wangen und breiteten sich unter dem Farbenspiel, das seine Augengläser erzeugten, fächerförmig aus. Hayden meinte, nicht ein Gesicht zu betrachten, sondern eine wahre Landschaft.

»Kapitän Bourne hat eine hohe Meinung von Ihnen«, krächzte Stephens mit kehliger, belegter Stimme.

»Ich möchte mich bemühen, diese Ehre zu verdienen.«

Stephens schien das überhört zu haben, legte den Brief auf seinen aufgeräumten Tisch, nahm seine Brille ab und musterte Hayden. Der Leutnant, für den diese Begutachtung etwas zu schnell kam, spürte, wie ihm Hitze ins Gesicht schoss. Doch es gab keinen Grund, gekränkt zu sein. Dass ihn im Admiralitätsgebäude überhaupt jemand wahrgenommen hatte, war eine Gelegenheit, die er sich nicht entgehen lassen durfte.

Hayden stellte sich die Admiralität wie einen Königshof vor. Der Erste Lord war der Herrscher, die Kommissare der Lords seine Minister, alles ranghohe Personen. Unter dem Lord standen, dem Rang entsprechend, die Admiräle, dann die Vizeadmiräle und Konteradmiräle sowie die Kommandanten. Weit unterhalb dieser einflussreichen Personen warteten die rangniedrigen Leutnants, die alle verzweifelt hofften, zum Kommandanten jenes kleinen Außenpostens des britischen Empires ernannt zu werden, der unter der Bezeichnung Kriegsschiff bekannt war. Diejenigen, die über einflussreiche Familienbeziehungen verfügten und die Gewandtheit eines Höflings beherrschten, hatten die besten Aufstiegschancen. Gewiss benötigte die Admiralität stets einige wenige begabte Funktionäre wie Philip Stephens, damit alles reibungslos lief. Dazu eine Hand voll beherzte, kampfbereite Kapitäne, auch einen oder zwei Admiräle, die in der Lage waren, eine Flotte zu befehligen. Die Höflinge aber saßen mit gesenktem Haupt da, lächelten charmant, wenn sie wahrgenommen wurden, und hofften, einen Gönner zu finden, der womöglich ein gutes Wort für sie einlegte. Hayden war von Natur aus kein Höfling, aber er tat sein Bestes, um dennoch aufmerksam und freundlich zu erscheinen.

Stephens schien das nicht aufzufallen. »Ich habe einen guten Posten für Sie, Leutnant.«

Hayden holte tief Luft und atmete langsam in dem kleinen Raum aus. »Ich werde für immer in Ihrer Schuld …«

Der Erste Sekretär ließ ihn den Satz nicht zu Ende bringen. »Wir reden hier nicht von einem Posten, bei dem Sie für immer in jemand anderes Schuld stehen. Kapitän Josiah Hart braucht einen Ersten Leutnant.« Ein kleines, grimmiges Lächeln huschte über seine blassen Lippen. »Ich sehe es Ihnen an, dass Sie sich ein Kommando erhofft hatten …«

Hayden zog eine taktvolle Antwort in Betracht, ergab sich dann aber in sein Gefühl von Wut, in das sich auch Enttäuschung mischte. »Diesmal hatte ich in der Tat gehofft, man würde mich berücksichtigen und mir nicht bloß den Posten eines Ersten Leutnants geben - aber ich werde nicht ablehnen«, fügte er rasch hinzu.

Der kleine Mann gab ein leises Brummen von sich, holte ein Taschentuch hervor und begann, die Gläser seiner Brille akribisch zu putzen. »Kapitän Hart befehligt eine neue Fregatte, mit der er seither vor der französischen Küste kreuzt - leider mit wenig Erfolg.«

Hayden horchte auf.

»Vor fünf Wochen verlor er einen Matrosen in einem Sturm«, fuhr Stephens fort und ließ das weiche Tuch mit schnellen Handbewegungen über die Gläser gleiten. »Ein Mann stürzte in der Nacht von der Großrah. Wurde nie gefunden. Zugegeben, ein nicht ganz ungewöhnlicher Vorfall auf hoher See. Aber am folgenden Morgen, als man den Kurs setzte, fiel dies hier vom Mittelteil der Rah.« Der Sekretär griff hinter sich und holte ein Glasgefäß hervor, das mit Wachs zugepfropft war. In einer trüben, bernsteinfarbenen Flüssigkeit schwappte ein dicker Wurm vor und zurück. Erst dann erkannte Hayden einen Fingernagel.

»Das ist ja ein Finger!«, entfuhr es dem Leutnant.

»Sauber abgetrennt von einer Klinge - so sagt es jedenfalls der Schiffsarzt. Er sah, wie der Finger von oben herunterfiel, daher halte ich mich an die Einschätzung des Doktors. Da jeder an Bord die volle Anzahl Finger besaß, abgesehen von drei Matrosen, die früher einmal einen Finger eingebüßt hatten, vermutete man, dass der Mittelfinger dem Vermissten gehörte.« Stephens Blick wanderte zu Hayden, als erwarte der Erste Sekretär eine Antwort.

»Aber abgetrennt von einer Klinge, Sir …«

»Ja, wohl kaum ein Missgeschick. An jenem Tag hatte der unglückselige Mann einen Streit mit einer Landratte an Bord, einem Mann, der für sein aufbrausendes Wesen bekannt war. In der Hängematte des Mannes fand man ein Messer in einer blutigen Scheide. Natürlich streitet der Neuling alles ab. Er sagt, er habe Federvieh geschlachtet, der arme Teufel. Jetzt sitzt er in Plymouth und wird vor ein Kriegsgericht gestellt.«

»Aber bei dieser Beweislage wird man ihn doch nicht schuldig sprechen?«

Stephens zuckte mit den Schultern. Das Schicksal jenes Matrosen schien ihn nicht allzu sehr zu interessieren.

»Und was hatte ein Neuling an Bord dort oben zu suchen, wenn ich fragen darf?«

»Die halbe Mannschaft lag krank unter Deck - verdorbenes Schweinefleisch, wie der Schiffsarzt vermutet. In jener Nacht schickten sie auch die Jungen und Midshipmen nach oben.« Stephens gab Hayden mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er das Gespräch nicht weiter in diese Richtung zu führen gedachte. »Kennen Sie Kapitän Hart überhaupt?«

»Ich hatte noch nicht die Ehre.«

Der Erste Sekretär wippte leicht mit dem Kopf vor und zurück. »Er ist - wie soll ich es ausdrücken …? - ein Mann, der durch die Familie seiner Frau an Einfluss gewonnen hat.«

Jetzt war es an dem Leutnant, zu nicken. Familienbeziehungen war ein Punkt, den er sehr gut verstand - da er selbst über keine verfügte. Wenn man eine Frau hatte, die mit einem »Minister« verwandt war, zählte das »am Hofe« der Admiralität genauso viel wie erfolgreich bestrittene Seegefechte.

»Man ist etwas beunruhigt wegen dieses Vorfalls auf der Themis. Der Erste Leutnant schied nach der Fahrt aus. Er behauptet, nichts von dieser Angelegenheit zu wissen, und wir hoffen, dass dem so ist.«

Hayden richtete sich ein wenig auf seinem Stuhl auf. »Wenn es Unzufriedene an Bord von Harts Schiff gibt, warum tauscht man diese Männer nicht aus?«

Penibel richtete Stephens einen Stoß Papier auf seinem Tisch aus. »Und nehmen wir an, Kapitän Hart hat seine Mannschaft nicht im Griff? Ich glaube nicht, dass das in diesem Fall zutrifft«, er sah Hayden wieder an, »aber Sie haben doch bereits zuvor mit einer unzufriedenen Besatzung zu tun gehabt - und waren recht tüchtig, wie man mir zu verstehen gab.«

Offensichtlich kannte der Erste Sekretär Haydens Dienstakte sehr genau. »Als ich stellvertretender Kommandant an Bord der Wren …«

Stephens nickte kurz, doch dann zeichnete sich eine steile Falte zwischen seinen spärlichen Brauen ab. »Sind Sie sicher, Leutnant, dass Sie nichts über Kapitän Hart wissen? Sie sind doch nicht etwa unaufrichtig zu mir?«

»Ich habe seinen Namen hier zum ersten Mal gehört.«

Erneut musterte Stephens ihn einen Moment, als wäge er den Wahrheitsgehalt dieser Antwort ab. »Harts Verbindungen innerhalb der Admiralität reichen bis ganz nach oben. Daher mag es vielleicht nicht überraschen, dass ich gebeten wurde, einen Leutnant auf Kapitän Harts Schiff zu versetzen, der den Bodenkontakt nicht verloren hat. Schließlich braucht selbst der fähigste Kommandant ab und an einen solchen Offizier. Würden Sie mir da zustimmen?«

»Welcher Kommandant würde sich gegen kompetente Offiziere aussprechen?«

Der Erste Sekretär gönnte sich ein schmales, grimmiges Lächeln. »In der Tat, welcher Kommandant würde das tun? Ich beabsichtige, einen solchen Offizier zu finden, der auf der Themis dient, aber dieser Mann muss noch andere Voraussetzungen erfüllen. Was ich Ihnen nun erzähle, ist streng vertraulich, Mr Hayden. Verstehen Sie?«

Hayden nickte, merkte aber, dass ihm diese Unterredung immer weniger behagte.

»Ich brauche einen Mann, der sehr genau Buch führt über Harts Taten. Ich bin mir sicher, es liegt an der Bescheidenheit des guten Kommandanten, dass ein ehrlicher Bericht über seine Anstrengungen nie bis in dieses Haus gelangte.«

Hayden beugte sich leicht auf seinem Stuhl vor. »Ich werde diesen Posten nicht annehmen, Mr Stephens«, sagte er mit fester Stimme, fügte aber sogleich hinzu: »obwohl mich das Angebot ehrt.«

»Aber Sie haben schon zugesagt. Habe ich da etwas überhört?«

Hayden bemühte sich, den Zorn aus seiner Stimme zu halten, allerdings mit geringem Erfolg. »Da wusste ich noch nicht, dass Sie mich zu einem Informanten machen wollen. Unter diesen Umständen fühle ich mich nicht der Ehre verpflichtet.«

Beide Männer schwiegen einen Moment lang. Hayden fürchtete, dass er sich seinen Unmut zu sehr hatte anmerken lassen. Philip Stephens' Miene veränderte sich kaum merklich.

»Erlauben Sie mir, dass ich offen spreche, Leutnant Hayden.« Der Erste Sekretär lehnte sich in seinem Stuhl zurück und presste die Fingerspitzen aneinander. »Ihnen ist keine große Zukunft in der Royal Navy beschieden.«

Bei diesen Worten konnte Hayden seine Verblüffung nicht unterdrücken - nicht, weil er dies für eine glatte Lüge hielt, sondern weil er die Aussage unverschämt fand.

»Ihr Freund …«, sagte Stephens und ging einige Papiere durch, »… der ehrenwerte Robert Hertle, ist im Begriff, seinen Posten anzutreten. Das hätten auch Sie tun können, wenn Sie über halb so viele Beziehungen verfügten. Trotz Ihrer offenkundigen Fähigkeiten - und ich bin mir sicher, dass Kapitän Bourne zu klug ist, als dass er Sie falsch einschätzt - haben Sie unter den gegebenen Umständen wenig Hoffnung auf Beförderung. Es hilft Ihnen auch nicht, dass wir uns im Krieg mit Frankreich befinden und dass Sie zur Hälfte Franzose sind.«

»Ich bin Engländer, Sir. Meine Mutter ist Französin.«

Stephens machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Beruhigen Sie sich, Leutnant. Ich habe kürzlich betont, dass Ihre Herkunft für Sie spricht, denn wie ich hörte, haben Sie etliche Jahre auf französischem Boden gelebt und sprechen die Landessprache fließend …«

Hayden nickte.

»Sie müssen verstehen, Mr Hayden, dass ich Ihr Fürsprecher bin. Aber die Vorurteile anderer sind nicht leicht aus dem Weg zu räumen. Und deshalb kann ich Ihnen nur den Posten eines Ersten Leutnants anbieten - zu diesem Zeitpunkt. Es stimmt, dass ich Sie bitte, einen Bericht über Ihre Fahrt zu schreiben, aber Sie würden doch gewiss ohnehin Tagebuch führen, oder etwa nicht?«

»Das ist etwas anderes, Mr Stephens, wie Sie sehr wohl wissen.«

»Das wäre es nicht, wenn Sie dies als ein und dasselbe betrachten würden. Glauben Sie mir, ich bewundere die Loyalität, die Sie dem Kommandanten gegenüber bezeugen, dem ich Sie zuzuteilen gedenke. Aber bisweilen ist es kein Verbrechen, wenn man seiner eigenen Sache treu bleibt. Kapitän Hart, das sollten Sie wissen, hat diesen feinen Unterschied verinnerlicht.« Er legte einen kleinen, rechteckigen Zettel auf den Tisch. »Dies ist die Adresse eines gewissen Thomas F. Banks, Esquire. In Ihren Briefen sollte mein Name nie auftauchen, aber ich werde sie natürlich alle erhalten.«

Hayden beäugte das Stück Papier geringschätzig, machte indes keine Anstalten, es an sich zu nehmen.

»Diese Adresse liegt nicht ohne Grund auf meinem Schreibtisch, Leutnant. Sie sollten sich lieber vor Augen führen, dass der Name, der hier steht, Ihre Zukunft in der Navy darstellt. Sie können die Adresse an sich nehmen - oder sie liegen lassen. Ich gebe Ihnen bis zum Abend Zeit, das Angebot zu überdenken. Aber bis morgen Mittag erwarte ich eine Antwort von Ihnen. Denn sonst wird der Posten anderweitig vergeben.« Er beugte sich vor und schob den Zettel weiter zu Hayden. »Falls Sie sich für eine Karriere in der Navy entscheiden sollten.«

Hayden erhob sich, ohne das Stück Papier an sich zu nehmen. Dann zögerte er jedoch und blickte auf den kleinen, rechteckigen Zettel, auf dem der Name in schmaler Schrift stand. Eins war ihm bewusst: Wenn er diesen Raum ohne den Zettel verließ, dann konnte er seine Uniform gleich an den Nagel hängen. Seine Karriere in der Navy wäre zu Ende - und eine solche Entscheidung durfte er nicht überhastet treffen. Er streckte die linke Hand aus, nahm den Zettel an sich und ließ ihn schnell in seiner Tasche verschwinden. Philip Stephens hatte sich derweil wieder seinen Papieren zugewandt und schien nichts gesehen zu haben.

KAPITEL DREI

Leutnant Hayden stand mit dem Rücken vor dem wärmenden Kamin. Seiner durchnässten Hose entstieg ein nebelartiger Dampf. Der kleine Salon - Mrs Hertles »Chinese Room« - schien an diesem Abend ein Quell von Wärme und guter Laune zu sein. Draußen schlug ein heftiger Sommerregen gegen die Scheiben. Wind rüttelte an den Fenstern. Hayden achtete auf die antike Vase, ehe er sich mit den Ellbogen auf dem Kaminsims abstützte, wo der feuchte Uniformstoff eine kleine Lache hinterließ.

»Das wird dich aufmuntern, Charles.« Robert Hertle reichte seinem Freund ein dampfendes Glas. Der scharfe Geruch von Brandy erfüllte die Luft. »Ich schaue nach, ob ich eine trockene Hose für dich habe.«

»Nein, lass nur, Robert, bitte keine Umstände. Das Feuer trocknet die Sachen schon.«

Robert schien davon nicht überzeugt zu sein, drängte seinen Freund aber nicht weiter. Die beiden Männer kannten sich schon aus Kindertagen, da ihre Väter eng befreundet gewesen waren. In diesem Fall war es keine Übertreibung, wenn man sagte, die beiden waren wie Brüder, obwohl sie unterschiedlicher nicht hätten aussehen können: Hayden hatte dunkle Haare, Hertle war hellblond.

Hayden erhob sein Glas. »Wir sollten einen Toast aussprechen. Auf den Vollkapitän Robert Hertle.«

Der Gastgeber lächelte bescheiden und freute sich sichtlich über die freundlichen Worte seines Freundes. Eine wohlige Wärme durchströmte ihn. »Das war unverdient, wie du genau weißt.«

»Nein, das hast du dir wirklich verdient. Denk doch nur an all die Nichtsnutze, die den Posten vor dir hatten - auch wenn die Kommissare der Lords sie aufs Quarterdeck stellen und nicht unter das Heck, wo Totholz hingehört.«

Robert lachte. »Ich wollte eigentlich damit sagen, dass du den Posten mehr verdient hättest als ich.«

»Ach, hör auf damit«, erwiderte Hayden und versuchte, seine Verbitterung und Enttäuschung zu verbergen. Seinem Freund zuliebe.

»Das wirst du aber, fürchte ich, noch öfter zu hören bekommen.« Robert deutete auf einen Stuhl. »Bitte, Charles, mach es dir bequem.«

»Sobald die Sachen trocken sind.«

Robert betätigte eine kleine silberne Glocke, woraufhin ein Dienstmädchen in den Salon eilte. »Anne, bring uns eine Decke, die wir über den Stuhl legen können. Leutnant Hayden ist in einen wahren Wolkenbruch geraten.« Er stellte den Cognacschwenker auf dem Kaminsims ab und half seinem Freund aus der nassen Jacke. »Die muss ordentlich trocknen«, mahnte er. »Ich hole dir derweil einen Gehrock fürs Abendessen.«

Anne nahm die tropfnasse Jacke mit und brachte Augenblicke später eine dicke Decke, die über die Sitzfläche des Stuhls gelegt wurde. Charles setzte sich und unterdrückte einen Schauer.

»Du musst mir alles genau erzählen«, sagte er. »Was für ein Schiff hat man dir gegeben?«

»Vorerst eine kleine Brigg, bis eine Fregatte vom Stapel läuft. Dann erhalte ich mein Offizierspatent.« Er war darum bemüht, sich seine Freude nicht zu sehr anmerken zu lassen, wie Charles sehr wohl merkte. Gewiss aus Rücksichtnahme.

»Und du«, sagte Robert und nahm gegenüber von Charles Platz, »erzähl mir von deinem Besuch bei der Admiralität.«

»Woher, um alles in der Welt, weißt du davon?«

Robert lächelte und kostete diesen kleinen Triumph aus. »Sie wurden beobachtet, Sir«, scherzte er. »Wie du zu den Räumen des Ersten Lords hinaufgingst. Ich bin schon den ganzen Nachmittag gespannt, was du mir Gutes berichten kannst.« Robert machte eine kleine Pause. »Nun, lass mich nicht im Ungewissen«, meinte er, als Hayden keine Anstalten machte, etwas zu erwidern. »Hat man dir ein Schiff gegeben?«

»Nein, nichts dergleichen. Nur den Posten eines Ersten Leutnants an Bord einer Fregatte.«

Robert schloss kurz die Augen, und sein Gesicht wurde blass vor Entrüstung. »Warum behandeln die dich so? Du hast doch bereits ein kleineres Kriegsschiff befehligt!«

Hayden stand auf und schritt vor dem Kamin auf und ab. »Ja, schon, offensichtlich gibt es jede Menge Job-Kapitäne, die in Whitehall Street nicht allzu sehr geschätzt werden.«

»Selbst wenn, so ist es ungerecht. Du hättest schon vor längerer Zeit Master und Commander werden müssen. Erzähl mir, was der Erste Lord sagte.«

»Der Erste Lord? Ich habe nur mit dem Ersten Sekretär gesprochen.«

»Mit diesem Stephens?«

»Mit keinem sonst.«

Robert wirkte überrascht und beugte sich in seinem Stuhl vor. Eine Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen. »Was hat er dir genau gesagt?«

Hayden nippte an seinem Brandy, um nicht gleich antworten zu müssen. Zorn und Unmut wallten wieder in ihm hoch, doch er bezwang seine Emotionen. Schließlich wollte er den Rat seines Freundes. Doch in Wahrheit schämte er sich für das, was sich zugetragen hatte - für das, was Stephens von ihm verlangte. Und dieses Gefühl von Scham befeuerte einen brodelnden Groll.

»Hast du schon einmal von der Themis gehört, einer Fregatte mit zweiunddreißig Geschützen?«, fragte er und zwang sich, möglichst ruhig und gefasst zu sprechen.

Robert lehnte sich ruckartig in seinem Stuhl zurück. »Doch nicht etwa Harts Schiff?«

»Genau das.« Hayden blickte seinen Freund an, beunruhigt von dessen Reaktion. »Ich soll Kapitän Harts Erster Leutnant werden. Kennst du den Mann?«

Robert schaute sich einmal in dem Salon um, als seien ihm die eigenen vier Wände plötzlich nicht mehr vertraut. »Ich bin ihm ein- oder zweimal begegnet, aber sein Ruf eilt ihm voraus. Ich bin erstaunt, dass du davon nichts weißt. Unter seinen Kritikern ist er bekannt als ›Zaghafter Hart‹. Der gute Kommandant hat sein Kommando nur dank seiner Gattin erhalten, deren Stammbaum gleich über mehrere Zweige in die Admiralität reicht. Es ist noch recht freundlich formuliert, wenn ich sage, dass er von den anderen Kommandanten nicht sonderlich geschätzt wird.«

Hayden fluchte leise. »Du hast bessere Verbindungen zur Admiralität als ich, Robert. Hast du je mitbekommen, ob es vielleicht einen Grund gibt, warum Mr Stephens diesen Kapitän Hart nicht mag?«

»Nein, nie, aber bei Hart habe ich den Eindruck, dass er all diejenigen links liegen lässt, die seiner eigenen Sache nicht dienlich sind. Stephens ist ein Mann mit großen Fähigkeiten, und daher kann man sich leicht vorstellen, dass er einem Offizier, der als ›Zaghafter‹ Hart bekannt ist, mit Geringschätzung begegnet. Männer wie Stephens halten sich nicht mit Stümpern auf. Hat der Erste Sekretär sich dir gegenüber anmerken lassen, dass er eine Abneigung gegen Kapitän Hart hegt?«

»Ich hatte den Eindruck, dass jemand in der Admiralität nicht gerade ein Freund von Hart ist.«

Robert verdrehte die Augen. »Du hast doch nicht etwa zugesagt?«

Hayden sog die Luft ein und atmete verstimmt aus. »Blieb mir eine andere Wahl, Robert?«, fragte er und konnte seinen aufwallenden Zorn kaum überspielen. »Mr Stephens betonte meine französische Abstammung und gab mir zu verstehen, dass innerhalb der Admiralität niemand sonst meinen Namen kennt.«

Bei diesen Worten wirkte Robert wirklich erschrocken. »Glaubst du, er weiß von deinen - Angelegenheiten in Frankreich?«

»Wenn ja, so war er zu taktvoll, um darauf einzugehen.«

Robert schien das nicht zu beruhigen. Jetzt war auch er aufgestanden, durchquerte hastig den Salon und trat ans Fenster. »Du hast also niemandem je erzählt, was du mir anvertraut hast?«

»Niemandem, aber viele Leute wissen, dass ich in jenem Jahr in Frankreich war, sogar in Paris. Daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht.«

Ein bitteres Lächeln huschte über Roberts Lippen. »Dann ist deine revolutionäre Vergangenheit wahrscheinlich nicht bekannt geworden.«

Hayden wehrte sich gegen den unterschwelligen Scherz seines Freundes. »Es waren nur ein paar Tage. Ich war, wie jeder andere auch, von den Ereignissen überrascht worden. Nachdem ich Zeuge geworden war, wie sich der Mob in den Straßen austobte, kam ich wieder zu Verstand. Robert, du kannst nicht ermessen, wie sehr ich meine Taten jener Tage bereue. Und dabei habe ich mir so gut wie nichts zuschulden kommen lassen.«

»Ich weiß, dass du dir das trotzdem selbst nie verziehen hast.«

Wann immer dieses Thema angeschnitten wurde, verspürte Hayden eine ihm vertraute Verzweiflung. »Bisweilen ist es wichtig, dass man sich etwas nicht verzeiht«, sagte er leise.

Ein Ausdruck von Unbehagen huschte über das Gesicht seines Freundes. Unangenehmes Schweigen senkte sich herab, ehe Robert sagte: »Vermutlich hat Stephens nicht erwähnt, ob Hart jemand anderen als Ersten Leutnant haben möchte?«

»Nein, davon weiß ich nichts.« Hayden war froh, nicht weiter über seinen Aufenthalt in Paris sprechen zu müssen.

»Hoffen wir, dass Hart niemanden sonst vorgeschlagen hat. Stell dir vor, wie du dich fühlen würdest, wenn es so wäre! Charles, mir gefällt das Ganze nicht. Ich glaube, es wäre besser, wenn du das Angebot ablehnst.«

»Dann brauchst du mir meinen Uniformrock nicht zurückzugeben, wenn er trocken ist.«

Robert lehnte sich an den Kaminsims. Seine Miene war angespannt. »Hat Stephens dir irgendetwas in Aussicht gestellt, wenn du den Posten antrittst? Ein Schiff, eine Beförderung?«

»Nichts. Er schien anzudeuten, er werde sich vielleicht bemühen, mir in Zukunft eine bessere Position zu verschaffen. Aber es war auch klar, dass ich bei meinem Auftrag zuerst Erfolge vorweisen muss.«

Robert fluchte leise. »Es ist unverzeihlich, dass er dir eine Stellung anbietet, die deinen Fähigkeiten nicht gerecht wird, und dir nichts als Gegenleistung verspricht.«

»Das ist ja nicht einmal das Schlimmste. Offenbar ist es in Harts Besatzung zu Unruhen gekommen. Und Mr Stephens scheint zu glauben, dass ich das regeln werde.«

»Zur Hölle mit ihm! Wenn Hart erfährt, dass du als sein Kindermädchen geschickt wurdest, wirst du alles andere als willkommen sein.«

»Hoffen wir, dass er nicht dahinterkommt.« Hayden zuckte mit den Schultern und stützte sich wieder mit dem Ellbogen auf dem Sims ab. »So steht es um meine Karriere, Robert. Wenn ich absage, ist sie zu Ende. Also werde ich auf die Themis gehen. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Vielleicht helfen mir ein paar erfolgreiche Aktionen, dass es mir bald besser geht.«

Doch Robert machte keine Anstalten, den Worten seines Freundes zuzustimmen.

»Nie begibt sie sich auf ihr Zimmer, ganz gleich wie spät es ist, sondern wandelt durchs Haus, ihre Hunde im Schlepptau. Zwischendurch schläft sie immer mal zwei Stunden auf einem Sofa oder einer Ottomane, oder sonst irgendwo, wo es ihr gerade gefällt. Die Bediensteten, die früh morgens kommen, um in den Zimmern sauber zu machen, können ihre Verwunderung kaum verbergen. Wenn sie die Gräfin schlafend vorfinden, müssen sie den Raum auf Zehenspitzen wieder verlassen und die ganze Unordnung so lassen.« Miss Henrietta Carthew lachte. Ein bezauberndes, perlendes Lachen, dachte Hayden, wie Wasser in einem Sturzbach. »Ich selbst habe sie schon einmal so vorgefunden, gegen zwei Uhr in der Frühe. Sie war umgeben von unzähligen Kerzen und hatte das Gesicht in ein Buch vergraben. Ihre Füße ruhten auf dem Rücken eines schlafenden Hundes, den sie Boswell getauft hatte.« Sie lachten alle.

Mrs Hertle schaute zu Hayden hinüber, der daraufhin rasch den Blick von der hübschen Sprecherin wandte. Sie saßen alle am Tisch im Speisesaal der Hertles. Ab und an drang von der verhältnismäßig ruhigen Straße der Hufschlag von Pferden herauf. Das geschäftige Treiben Londons war wie ein Summen in der Ferne und wurde von niemandem bei Tisch als störend empfunden.

Hayden hatte schon viel über die zauberhafte Miss Henrietta Carthew gehört, war nun jedoch überrascht, wie sehr er auf ihre Gegenwart ansprach. Wenn man ehrlich war, konnte man die Dame nicht schön im herkömmlichen Sinne nennen. Vielleicht kam man der Wahrheit näher, wenn man sagte, dass Henrietta zu den Frauen gehörte, bei denen die Beschreibungen »schön« und »eigenartig« fließend ineinander übergingen. Im Einzelnen betrachtet war an ihren Gesichtszügen nichts auszusetzen, aber wollte man ihr Antlitz als Ganzes beschreiben, so schien etwas zu fehlen, als wären die einzelnen Partien ungleich und disharmonisch. Ihre Nase war zwar gerade und schön geformt, schien aber eher für ein anderes Gesicht geschaffen worden zu sein. Die Augen - braun, tiefgründig und mit bernsteinfarbenen Einsprengseln - standen ein wenig zu weit auseinander. Doch wenn die Dame lächelte, dann verschwand all das, was eben noch unsymmetrisch gewirkt hatte, und Hayden begriff, warum Miss Henrietta als hübsch galt. Die Ausstrahlung dieser Dame war für ihn neu, und so bemühte er sich, Henrietta nicht anzustarren.

»Ich verstehe nicht, warum du dieses Irrenhaus besuchst«, bemerkte Robert und riss Hayden aus seinen Träumereien.

Henrietta gab sich überrascht. »Aber dieser Ort ist einzigartig«, sagte sie. »Die Schönheit der Landschaft sucht ihresgleichen, und von morgens bis mittags kann man tun, was man möchte. Für Lady Endsmere muss es tagsüber kein Unterhaltungsprogramm geben. Allein deswegen ist es dort einfach himmlisch …«

Es war der Klang ihrer Stimme, der Hayden dazu verführte, die junge Frau wieder anzuschauen. Er sah ihre glatte Haut, ihr Haar, das die Farbe von Mahagoni hatte und noch so viele andere Nuancen aufwies: kastanienbraun, kupferfarben, bronzefarben …

»… und gegen Abend fällt die gleiche Missachtung der Konventionen auf. Am Tisch spricht man über Politik und Kunst, über Naturphilosophie und Dichtkunst. Lady Endsmere ermuntert alle anwesenden Damen, frei ihre Meinung zu irgendeinem Thema zu äußern. In England gibt es, glaube ich, kein offeneres Haus. Und nur die bedeutendsten Gentlemen und Damen kommen zu Besuch. Am Tisch herrscht nicht diese frivole Schöngeisterei, die man in London so schätzt …«

»An unserem Tisch gibt es wenig Esprit«, unterbrach Mrs Hertle sie. »Sind wir auf der Höhe der Zeit?«

»Das seid ihr ganz gewiss, meine Liebe«, versicherte Henrietta ihr mit einem Lächeln, dem Wärme innewohnte.

Als Hayden spürte, dass Mrs Hertle erneut zu ihm herübersah, fragte er sich, ob die Dame des Hauses ahnte, wie sehr Henriettas Stimme ihm unter die Haut ging. Wie hätte es auch anders sein können? Ihre Stimme hatte eine angenehme Färbung. Henrietta sprach betont und sicher und war in der Lage, ihren Worten Ausdruck zu verleihen, Gefühle offenzulegen oder sie ganz zu verheimlichen.

In ihrer Gegenwart hatte er das Gefühl, auf einer Klippe zu stehen. Bei der Höhe verschlug es ihm schier den Atem, ihm wurde schwindelig. Eine unsichtbare Kraft zog ihn in ihren Bann.

Henrietta führte die Gabel zu ihrem schön geschwungenen Mund. »Das schmeckt köstlich. Habt ihr eine neue Köchin?«

»Habe ich das noch nicht erzählt? Charles hat eine französische Köchin für uns gefunden, die in einem adligen Haus gearbeitet hat, ehe all die Unruhen in jenem Land ihren Lauf nahmen.«

»Ich bewundere Ihren Geschmack, Leutnant Hayden«, betonte Henrietta.

»Charles ist auf vielen Gebieten sehr bewandert«, warf Robert ein. »Was hältst du zum Beispiel von diesem Rotwein, Charles? Er stammt aus Spanien, wie man mir sagte …«

»Er kommt nicht aus Spanien, wie du weißt«, erwiderte Hayden und sah, dass sein Freund ein Lächeln unterdrückte.

»Woher kommt er denn?«, fragte Robert mit Unschuldsmiene.

»Das ist ein sauber geschmuggelter Wein aus den französischen Pyrenäen«, erklärte Hayden. Er wandte sich an den anderen Gast. »Besitzt Ihre Familie ein Haus in London, Miss Henrietta?«

»Nicht mehr, aber mein Vater besaß dort viele Jahre eines. Wir wohnen so nah an der Stadt, da lohnt es sich nicht, ein ganzes Haus zu unterhalten. Verzeihen Sie, wenn ich das Thema wechsle, Mr Hayden, aber woher wissen Sie, dass dieser Rotwein aus den französischen Pyrenäen und nicht aus Spanien stammt? Die beiden Staaten teilen sich doch in diesem Gebirge die Grenze, nicht wahr?«

Roberts eben noch unterdrücktes Lächeln entfaltete sich nun ganz. Er empfand eine diebische Freude, seinen Freund aufzufordern, aus sich herauszukommen.

Hayden hob resigniert sein Glas. »Es liegt hauptsächlich am Stil. Franzosen und Spanier sind bei Weinen unterschiedlicher Auffassung. Und schließlich hat jede Rebsorte ihre ganz eigene Farbe.« Hayden kostete den Wein. »Dies ist eine gelungene Mischung aus Carignane - Teret noir, vielleicht mit einem kleinen Anteil Picpoule. Aber ich bin kein echter Weinkenner. Meine Onkel konnten genau bestimmen, wer den Wein kelterte und wo die Trauben reiften. Schier endlos konnten sie sich über die Bodenbeschaffenheit auslassen und schüttelten dann den Kopf, was für rückständige Anbaumethoden doch die ländlichen Winzer hatten.« Er hielt das Glas gegen das Licht. »Dort, wo diese Traubensorten gekeltert werden, ist die Erdschicht über dem Felsgestein oft so dünn, dass der Winzer ein Setzholz benutzen muss. Und zwar eine Eisenstange, um eine Vertiefung in dem Gestein zu schaffen, in die der Wein dann gepflanzt wird. Dann lässt man den Wein über den Boden wachsen und bindet ihn nicht an Stöcke. Die Winzer zerquetschen die Trauben noch mit den Füßen und weigern sich, eine Presse zu benutzen. Wissenschaftliche Methoden sind noch nicht bis zu ihnen vorgedrungen.«

Henrietta schaute ihre Cousine an, ein Blick, den Hayden nicht zu deuten vermochte.

»Wenn der törichte Krieg vorüber ist«, sagte Mrs Hertle, »hat Charles versprochen, uns einmal auf eine Rundreise durch Frankreich mitzunehmen. Bis dahin müssen wir uns, fürchte ich, damit zufriedengeben, jene Teile Englands zu besuchen, die wir noch nicht kennen. Obwohl ich nicht weiß, wie wir das schaffen wollen, wenn die tägliche Pflicht an die Tür klopft.«

»Du musst diesen Sommer mitkommen und Lady Endsmere einen Besuch abstatten, Eliza«, drängte Henrietta und kam auf das ursprüngliche Thema zurück. »Kapitän Hertle wird dann sein Schiff befehligen, und du wirst nicht enttäuscht sein vom Landleben.«

»Ja«, meinte Robert, »diese Gelegenheit solltest du dir nicht entgehen lassen. Ich bin schon gespannt, was du zu erzählen hast.«

»Siehst du«, sagte Henrietta, »du wirst die Menagerie, wie alle es nennen, kennenlernen, denn auf dem Anwesen befinden sich Affen und exotische Vögel und vieles mehr. Lord Uffington sagte einmal, der einzige Unterschied zwischen den Tieren und den Menschen bestehe darin, dass sich die Tiere nur zum Essen kleideten, wenn sie Lust dazu hätten - denn einmal saß ein Affe fast die ganze Mahlzeit über auf Lady Endsmeres Schoß, wie ein verzogenes Kind, und aß vom Teller, was er mochte.«

»Jetzt wissen wir, dass du übertreibst, Henri!« Mrs Hertle lachte.

»Komm diesen Sommer mit und überzeuge dich selbst davon. In nur vierzehn Tagen erlebst du dort Sachen, von denen du dann ein ganzes Jahr erzählen kannst.«

Plötzlich schwand das Lächeln auf Mrs Hertles Gesicht. »Aber ich werde mich um Kapitän Hertle sorgen«, sagte sie leise.

Aufmunternd tätschelte Henrietta die Hand ihrer Cousine. »Wir werden beten, dass der Krieg bald vorüber ist und die Radikalen das Schicksal erleiden, das sie so eilfertig anderen zugedacht haben.«

»Was meinst du, Charles?«, fragte Mrs Hertle, und ihre Haut warf in den Augenwinkeln Fältchen. »Du kennst dich besser mit Frankreich aus als alle anderen hier am Tisch. Dieser Krieg wird doch gewiss nicht so lange dauern wie der letzte?«

Charles nahm noch einen Schluck Rotwein. Kaum hatte er das Glas auf den Tisch gestellt, da beugte sich der Diener stumm vor und füllte das Glas erneut. »Wir wollen es hoffen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit der Einschätzung über die Dauer eines Krieges oft falsch liegt.«

»Aber so viele Offiziere aus der französischen Armee und der Marine haben ihr Kommando niedergelegt«, sagte Mrs Hertle. »Wie wollen sie ohne Offiziere kämpfen?«

»Die jüngsten Erfahrungen zeigen uns, dass sie sehr gut zurechtkommen«, sagte Hayden. »Zumindest was die Armee anbelangt. Bei der Marine werden wir es erst noch sehen.«

Robert winkte ab. »Charles, du lässt dich von deinen Sympathien blenden, denke ich. Einen ganzen Offizierscorps kann man bestimmt nicht durch schlecht ausgebildete Handwerker und Landarbeiter ersetzen und dann noch auf Erfolg hoffen.«

Charles fühlte sich plötzlich in die Defensive gedrängt. »Aber stell dir eine Kriegsmarine vor, in der man nicht aufgrund von Familienbeziehungen befördert wird, sondern weil man es sich verdient hat. Wäre dann unser Dienst nicht auch besser?«

»Gewiss, aber wenn wir den Offiziersstand beseitigen und die einfachen Matrosen befördern, was für eine Art Kriegsmarine hätten wir dann?«

Darauf wusste Hayden auch keine Antwort, und als er nichts erwiderte, sagte Mrs Hertle leise: »Dann wird es eben ein kurzer Krieg …«

»Das trifft gewiss zu«, bot Hayden an und war bemüht, zuversichtlich zu klingen.

»Man sollte mir nur Milch und Wasser geben«, sagte Hayden mit Nachdruck. »Bei Wein werde ich immer zu direkt. Ich muss mich entschuldigen, Robert, es war nicht meine Absicht, Elizabeth zu ängstigen.«

Robert füllte zwei Gläser aus einer Karaffe. Die Herren hatten sich nach dem Abendessen in die Bibliothek zurückgezogen, um sich bei einem Glas Wein zu unterhalten. Bald würden sie sich wieder zu den Damen im Salon gesellen.

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Meine Frau ist es gewohnt, die Wahrheit zu hören, mag diese auch noch so abscheulich sein. Und du weißt, dass ich lieber die Wahrheit höre, als mir Honig um den Bart schmieren zu lassen.« Robert drückte seinem Freund ein Glas in die Hand. Dann nahm er einen Schürhaken aus dem Ständer, bückte sich und stocherte damit in der Glut des Kamins herum. »Du glaubst also nicht, dass dieser Konflikt nur von kurzer Dauer sein wird?«

»Ich habe keine besondere Gabe, in die Zukunft zu schauen, Robert, aber in der Vergangenheit haben sich solche Mutmaßungen oft als erschreckend optimistisch erwiesen.«

Robert schob die Kohlen weiter zusammen, stand dann wieder auf und lehnte am Kaminsims. »Was hältst du nun von der Situation jenseits des Kanals?«

Charles ging ein paar Schritte, machte kehrt und betrachtete seinen Freund, der von einem leichten Anflug von Traurigkeit erfasst worden war. »Es wird von Tag zu Tag beängstigender. So sehe ich das. Die Girondisten standen für einen moderateren Ton, aber seitdem sie fort sind, fürchte ich mich vor den nächsten Ereignissen. Du hast die Berichte über die Gefängnismassaker letzten Herbst gelesen. Der Groll des Pariser Mobs kann leicht wieder entfacht werden. Diese Leute haben noch üble Dinge vor, auch wenn Marat sie nicht mehr provozieren wird. Ich sage nur so viel, Robert: Ich danke Gott für meinen englischen gesunden Menschenverstand, denn sonst wäre ich vielleicht auch heute in diesem Mob.«

»Ich bin auch dankbar für deine englische Hälfte«, sagte Robert. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ohne deine Freundschaft hätte aufwachsen sollen.«

Die beiden Männer erhoben ihre Gläser - ein schweigender Toast auf das Band ihrer Freundschaft.

»Vielleicht sollten wir uns beide etwas Mäßigung auferlegen«, sagte Robert. »Ein bisschen Wein, und du wirst unangenehm direkt, und ich lasse mich von meinen Gefühlen überwältigen.«

Charles lächelte. Er wusste, was in seinem Freund vorging, aber keiner von beiden würde jetzt darüber sprechen. Männer zogen in den Krieg, und nicht alle kehrten zurück. Charles' Vater war auf See geblieben, als sein Sohn noch ein kleiner Junge war.

Als seien seine Gedanken in dieselbe Richtung gegangen, fragte Robert: »Wie geht es deiner Mutter?«

»Oh, sehr gut, als sie mir zuletzt schrieb. Das Leben in Boston scheint angenehm zu sein, und ihr Mann verehrt sie. Man könnte meinen, Amerika sei allein für sie geschaffen worden, so sehr scheint dieses Land zu ihrem Temperament zu passen.«

»Das freut mich zu hören. Sie hat es verdient, glücklich zu sein. Gott weiß, dass sie genug Sorgen hatte.«

Charles ging darauf nicht ein. Die Wahrheit schien an diesem Abend allgegenwärtig zu sein. In jenem Sommer war das in London nicht oft der Fall.

»Und eine französische Mutter«, stellte Henrietta fest. »Das erklärt manches.«

Mrs Hertle war nicht entgangen, wie schnell ihre Cousine das Gespräch auf den Jugendfreund des Hausherrn gelenkt hatte, auf Charles Hayden.

»Da ist etwas in seinen Zügen …« Eine Falte erschien auf Henriettas Stirn, wenn sie ihre nachdenkliche Miene aufsetzte.

»Charles betont immer, er habe die gallische Nase seines Großvaters geerbt«, antwortete die Dame des Hauses. »Seine unvorteilhafte Nase, wie er sich ausdrückt.«

»Aber von seinem ganzen Verhalten wirkt er eher englisch auf mich«, sagte Henrietta.

»In der Tat, aber ich habe den Eindruck, dass er doch französischer ist, als man vermuten würde. Bei diesen Männern von der Kriegsmarine muss man aufpassen, Henri, sie sind nicht immer so, wie sie scheinen. Sowohl Robert als auch Charles sind in ihrem Leben viel auf See gewesen - beide schon mit dreizehn Jahren - und haben zusammen als Midshipmen angefangen. Von Beginn an haben sie gelernt, Entschlossenheit zu zeigen. Denn man setzt das Leben vieler Matrosen an Bord aufs Spiel, wenn man in einem ungünstigen Augenblick zögert. Einige Männer der Navy nehmen diese Entschiedenheit mit an Land, obwohl sie sich dann nicht mehr so gut mit allem auskennen wie auf See. Die Nachteile dieses Benehmens habe ich schon oft mit eigenen Augen gesehen. Was für ein Glück, dass Robert nicht unter dieser Charakterschwäche leidet. Man braucht Zeit, wenn man diese Marineleute verstehen will, wie ich festgestellt habe.«

Henrietta nickte. Ihre Aufmerksamkeit schien offenbar einer Falte im Rock ihres Kleides zu gelten, die sie nun glatt strich. Sie hatten auf Stühlen im Salon Platz genommen und sprachen leise miteinander.

Mrs Hertle war früher schon einmal aufgefallen, dass Frauen sich nie neutral zu Charles Hayden äußerten: Entweder empfanden sie sein allzu ernstes Gemüt als störend, oder sie konnten nicht aufhören, von ihm zu sprechen. Mrs Hertle konnte sich kaum noch erinnern, was sie selbst gedacht hatte, als sie den Freund ihres Mannes vor nunmehr vier Jahren kennenlernte. Seine äußere Erscheinung hatte sie als angenehm empfunden. Er hatte ein nettes, ansprechendes Gesicht mit ausgeprägten Zügen. Das tiefschwarze Haar hatte er zu einem kleinen Zopf zusammengebunden. Die Nase war ebenmäßig - wohl geformt und ansehnlich, aber ein wenig zu groß geraten. Die Lippen waren voll und wie geschaffen für ein Lächeln. Seine Stirn jedoch war sehr ausgeprägt und verlieh seinem Blick eine gewisse strenge Intensität, die noch durch den Umstand gesteigert wurde, dass ein Auge blau war, während das andere leicht ins Grünliche spielte.

»Die Lords in der Admiralität sind sich seiner Herkunft gewiss bewusst?«, vermutete Henrietta.

Mrs Hertle nickte.

»Ein Wunder, dass er überhaupt ein Offizierspatent hat.«

»Ich fürchte, da hast du recht, Henrietta. Robert will das nicht wahrhaben. In seinen Augen kann Charles nichts falsch machen. Obwohl ich sicher bin, dass er ein guter Seemann und Offizier ist. So etwas sieht Robert sofort.«

»Ich frage mich, was aus ihm wird«, sagte Henrietta und widmete sich nun mit großer Hingabe einem ihrer Fingernägel.

»Ich glaube, seine Zukunft liegt in Amerika. Sein Stiefvater ist ein sehr wohlhabender Bostoner Kaufmann und hat Charles das Kommando auf einem seiner Schiffe angeboten. Noch so ein paar Enttäuschungen, und ich denke, der arme Charles wird dieses Angebot mit anderen Augen sehen.«

»Aber das wäre so erniedrigend - vom Offizier der Royal Navy zum Kapitän eines Kaufmanns abzusteigen, eines amerikanischen Kaufmanns.«

»Das stimmt, aber in Amerika würde man ihn akzeptieren, denke ich. Sein Stiefvater ist ein recht einflussreicher Mann.«

»Also, ich möchte nicht in Boston leben. Du etwa?«

»Wer hat dich gefragt, ob du in Boston leben möchtest, meine liebe Henrietta?«, fragte Mrs Hertle rasch.

»Natürlich niemand«, protestierte sie. »Und ich habe das nicht so gemeint, wie du sehr wohl weißt!«

Mrs Hertle lachte leise über die Reaktion ihrer Cousine. »Rufen wir die Herren zum Tee. Es wird schon spät.«

Ihre Arme und Beine sind lang, ihr Oberkörper schmal, dachte Hayden, und doch saß sie stets in eleganter Haltung auf ihrem Stuhl, ein Ausdruck von Zufriedenheit auf ihrem Gesicht. Hayden verglich die junge Dame unweigerlich mit einer bezaubernden Wassernymphe. Henrietta hielt sich gerade und den Sitten entsprechend, und doch lag etwas Sinnliches in ihren Bewegungen. Für Hayden passte Henriettas ausgeprägte Erscheinung perfekt zu ihrem eher unkonventionellen Benehmen.

Die Carthews, das wusste er, waren eine wohl situierte Familie und entfernte Verwandte von den Hertles. Henriettas Vater, ein bemittelter Gentleman, hatte vorteilhaft geheiratet und widmete sein Leben seinem Steckenpferd, und zwar der Bildung im Allgemeinen und der Bildung der Frauen im Besonderen. Als Vater von sechs Töchtern war Mr Carthews Beschäftigung mit diesem Thema nur allzu verständlich. Seine Töchter hatten sich im Zuge ihrer schulischen Unterweisung manch einem Experiment unterziehen müssen, obwohl den jungen Damen genau das den unverdienten Ruf eines »Blaustrumpfes« eingetragen hatte.

Mrs Hertle neckte ihre Cousine gerade diesbezüglich, als Hayden seine Teetasse hob.

»Wie viele Sprachen sprichst du, meine liebe Henri? Komm schon, sei nicht so bescheiden.«

»Fließend?«, fragte Henrietta. Offenbar hatten die beiden dieses Spielchen schon des Öfteren gespielt.

»Wir beginnen mit den Sprachen, die du fließend beherrschst, und gehen dann zu den anderen über. Waren es nun fünf oder sechs?«

»Du kennst dich besser damit aus als ich«, entgegnete Henrietta.

»Das Englische zählen wir nicht dazu«, meinte Mrs Hertle. »Französisch natürlich.« Mrs Hertle begann, an ihrer schlanken Hand abzuzählen, und suchte kurz Charles' Blick, ehe sie wieder ihre Cousine ansah. »Italienisch, Spanisch, Hochdeutsch, oder war es Niederdeutsch?«

»Beides«, gab Henrietta zu.

»Griechisch und Lateinisch …«

»Die zählen nicht dazu, da ich sie nur lese.«

»Niederländisch«, fuhr Mrs Hertle fort. »Gibt es da auch eine Hoch- und eine Niedersprache?«

»Hm …«, machte ihr Opfer und tat so, als wüsste sie es nicht.

Die Hausherrin ging zur anderen Hand über. »Sechs, oder waren wir schon bei sieben? Und dann war da noch Dänisch oder Schwedisch, das weiß ich nicht mehr so genau.«

»Dänisch, aber das beherrsche ich wirklich nicht fließend.« Eine zarte Röte war Henrietta in die Wangen gestiegen, was offensichtlich an Mrs Hertles Verhör lag, wie Hayden vermutete.

»Doch, das Dänische zählen wir dazu«, sagte die Hausherrin, »denn du bist immer so bescheiden. Für mich sind das dann acht, oder sieben, wenn du darauf bestehst, aber wir dürfen das Russische nicht vergessen.«

»Nein, Russisch auf keinen Fall«, protestierte sie. »Ich komme in einer normalen Unterhaltung nicht über ein paar Floskeln hinaus.«

Mrs Hertle lachte. »Sieben, und Russisch zählt nur zur Hälfte. Bestimmt habe ich noch die eine oder andere Mundart vergessen. Das ist schon eine beachtliche Liste, findest du nicht, Charles?«

»Sehr beeindruckend. Offensichtlich waren Mr Carthews pädagogische Methoden erfolgreich.«

»Ich denke, dass die gute Henrietta eine außerordentliche Begabung für Sprachen hat.«

»So wie ich«, erklärte Robert, und als seine Frau die Augen verdrehte, mussten die anderen lachen. Roberts stümperhafte Annäherungen an das Französische oder Spanische hatten am Tisch schon des Öfteren für Heiterkeit gesorgt.

»Er hat wirklich ganz verblüffende Erfolge mit seinen begabten Töchtern erzielt«, sagte Mrs Hertle und schaute ihre Cousine ganz unbefangen an.

»Charles spricht auch eine Reihe Sprachen«, stellte Robert fest. »Französisch spricht er wie ein Franzose, da er die ersten Jahre dort aufgewachsen ist. Er beherrscht aber auch den Jargon von Cheapside. Erst kürzlich sagte er zu mir im Scherz: Du hast deine Rotzfahne fallen lassen, Robert. Und ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte.«

»Was bedeutet das denn, wenn ich fragen darf?«, wollte Henrietta gern wissen. »Oder sollte eine Dame eher nicht danach fragen?«

»Taschentuch«, erklärte Robert trocken. »Aber heutzutage bedienen sich ja sogar viele modebewusste Herren dieses Jargons.«

»Mir war nicht bewusst, dass Sie sich nach der Mode richten, Leutnant«, stellte Miss Henrietta fest. Ihr Tonfall war ein wenig neckend, wie Hayden glaubte.

»Nein, ich bin kein modebewusster Mann. Eine Zeitlang hatte ich einmal einen Diener an Bord meines Schiffes, der einst ein ›Angler‹ war, also ein Dieb. Er setzte einen Stock mit einer Schlinge ein, um sich Gegenstände aus Schaufenstern zu angeln. Wenn der sich mit einigen anderen an Bord in der Gaunersprache unterhielt, hatte ich immer den Eindruck, eine fremde Sprache zu hören. Ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie fand ich diesen Jargon faszinierend. Ich begann sogar, ein Wörterbuch anzulegen. ›Balderdash‹, zum Beispiel, ist mit Wasser versetzter Wein.«

»Erzähl uns, was Junggesellenkost ist …«, drängte Robert ihn.

»Brot, Käse und Küsse.«

Die Damen gaben sich schockiert, aber schließlich wurde Henrietta ernst.

»Vermissen Sie es?«, fragte sie fast besorgt. »Frankreich, meine ich.«

Hayden wusste nicht recht, wie er darauf antworten sollte. »Manchmal schon, denn ich bin ein Mann, der innerlich gespalten ist. Als Engländer wuchs ich mit französischem Essen und Wein auf und lernte die Vielfalt der französischen Konversation kennen. Gleichzeitig bin ich ein Franzose, der die englische Ordnung, die Regierung und den Sinn für Vernunft bevorzugt. Die Franzosen neigen dazu, zu leidenschaftlich und stolz zu sein. Oft lassen sie sich allein von ihrem Gefühl zu Entscheidungen hinreißen, was mich dazu veranlasst, meine englische Seite umso mehr zu mögen.«

»Aber wenn all die Krankheiten von Frankreich morgen geheilt würden und die Ordnung wiederhergestellt wäre, in welchem Land möchten Sie dann am liebsten leben?« Henrietta sah ihn gespannt an, als sei die Antwort auf diese Frage von allergrößter Wichtigkeit.

Wie viele andere junge Männer auch legte Hayden nicht allzu viel Wert auf Selbstbeobachtung. Und wenn er bisweilen kurz in sich hineinhorchte, gab ihm das oft auch keinen großen Aufschluss. Als er jetzt so direkt gefragt wurde und die Dame mit seiner Antwort beeindrucken wollte, war sein Kopf plötzlich leer. »Um die Wahrheit zu sagen, wenn ich in Frankreich bin, dann fühle ich mich als Engländer, der sich als Franzose verkleidet hat. Und wenn ich hier bin, fühle ich mich wie ein Franzose, der vorgibt, englisch zu sein.«

»Dann sind Sie in keinem der Länder richtig zu Hause«, stellte Henrietta leise fest.

Hayden wollte gerade darauf eingehen, als Robert das Wort ergriff.

»Er ist eben auf einem Schiff zu Hause, vorzugsweise in der Mitte des Ärmelkanals, zwischen beiden Ländern.«

Doch Henrietta konnte bei diesem kleinen Scherz nicht lächeln. Sie sah Hayden einen Moment sehr ernst an, ehe sie rasch den Blick abwendete.

»Henrietta schreibt einen Roman, wusstest du das schon?«, fragte Mrs Hertle, als gebe sie flüsternd ein Geheimnis preis.

»Komm, Elizabeth, es gibt doch noch so etwas wie Stillschweigen«, schalt Henrietta ihre Cousine, aber Hayden glaubte, aus dem Tonfall herauszuhören, dass die junge Frau nicht sehr empört darüber war, dass dieses Thema ans Licht kam.

»Darin geht es um zwei Frauen«, fuhr Mrs Hertle mit diebischem Vergnügen fort. »Die eine ist eine gebildete Frau wie Henrietta, die andere hat keine nennenswerte Bildung genossen, steht aber gesellschaftlich gut da. Wie kommst du voran, Henri?«

»Ich mühe mich redlich, aber von Vorankommen kann eigentlich keine Rede sein.«

»Du musst weitermachen. Kunst entsteht nicht ohne Widrigkeiten.« Mrs Hertle wandte sich an Hayden. »Ich durfte schon einige Seiten lesen und kann mich für die Fähigkeiten der Verfasserin verbürgen. Sie hat wirklich Talent.« Sie lächelte und steckte die Männer damit an. »Es gibt da aber eine Sache, bei der sich die Verfasserin nicht entscheiden kann. Sehr zu meinem Verdruss scheine ich nicht Gehör zu finden. Nun, ihr Herren, was ist eure Meinung? Sollte nicht der gebildeten Frau das glücklichere Ende beschieden sein? Genau darüber diskutieren wir seit Monaten.«

»Diese Herren sind nicht an Romanen interessiert!«, warf Henrietta ein.

»Zufällig weiß ich, dass Leutnant Hayden Rousseaus Emile gelesen hat«, wisperte Mrs Hertle hinter vorgehaltener Hand, »und Kapitän Hertle genoss einmal einen Briefroman von Richardson.«

»Wem soll Ihrer Meinung nach das glücklichere Ende beschieden sein, Miss Henrietta?«, fragte Hayden.

Sie schüttelte den Kopf und sah tatsächlich ein wenig verzweifelt aus. »Mal denke ich, es müsste die eine Hauptfigur sein, dann tendiere ich wieder zu der anderen.«

»Natürlich sollte die gebildete Frau letzten Endes ihr Lebensglück finden«, beharrte Mrs Hertle. »Und der anderen Frau widerfährt Unglück, aber vielleicht kann sie nichts dafür. Kein tragischer Fall in dem Sinne, sondern eine späte Selbsteinsicht. Was kann man auch von jemandem erwarten, der nie über die Zeit nachgedacht hat, die uns auf Erden vergönnt ist?«

»Aber du betonst das persönliche Glück immer so«, erwiderte Henrietta. »Ich weiß ja, dass die Amerikaner dieses Wort in ihrer Unabhängigkeitserklärung verewigt haben, aber ich bin mir nicht sicher, ob das Streben nach Glück die größte Bestimmung der Menschheit ist. Was denkst du, Robert?«

»Ach, die brauchst du nicht zu fragen«, unterbrach Mrs Hertle sie. »Männer der Navy müssen auf diese Frage immer antworten, die Pflicht sei die größte Bestimmung.«

Robert Hertle schienen die Worte seiner Frau nicht zu beunruhigen. »Ich gebe nicht vor, eine Antwort zu wissen, wenn sich bereits klügere Köpfe dieser Frage annahmen und versagten.«

»Gewiss haben sich weniger kluge Köpfe als du schon zu diesem Thema geäußert«, antwortete Henrietta. »Komm schon, du hältst doch sonst nicht mit deiner Meinung hinterm Berg …«

Robert lachte fast ein wenig verlegen. »Glück ist selbstverständlich sehr wichtig für mich, aber ich setze mein Glück aufs Spiel, wenn ich meine Frau zurücklasse und in den Krieg ziehe. Daher muss ich wohl einer dieser Marineleute sein, die tagein, tagaus von Pflicht sprechen.«

Henrietta Carthew dachte einen Moment über diese Worte nach, ehe sie sich an Hayden wandte. »Stimmen Sie Ihrem Freund zu, Leutnant?«

»Ich fürchte, gerade die Leute, die in keiner Weise Anspruch auf Glück oder Zufriedenheit erheben, haben sehr viel erreicht. Ich vertrete diesbezüglich zwei Ansichten. Wie Mrs Hertle wünsche auch ich mir nichts sehnlicher, als glücklich und zufrieden zu sein, und doch frage ich mich, ob ich dann nicht zu wenig im Leben erreiche. Ich denke, die gebildeten Frauen führen womöglich nicht das glücklichste Leben, machen aber mehr daraus.«

Henrietta suchte ganz kurz Haydens Blick, schaute dann aber wieder weg. »Und ich fürchte, Sie haben recht. Wer einmal von dem Baum der Erkenntnis gegessen hat, muss den Garten verlassen und die harte Welt betreten.«

»Du siehst«, stellte Mrs Hertle fest, »dort sitzt unser nachdenklicher Leutnant Hayden, der seine wahre Natur verborgen hält. Wusstest du übrigens, Henri, dass Mr Hayden ein emsiger Leser ist …« Doch in diesem Augenblick musste Mrs Hertle den Tisch verlassen und sich um eine Angelegenheit des Haushalts kümmern. Auch Robert entschuldigte sich für einen Moment und verließ den Raum, sodass Hayden plötzlich mit Henrietta allein am Tisch saß. Zunächst schwiegen sie beide, aber bevor Hayden etwas sagen konnte, brach Henrietta das unangenehme Schweigen.

»Wer ist Ihr Lieblingsautor, Leutnant? Mögen Sie Rousseau? Elizabeth erwähnte vorhin, dass Sie den Emile gelesen haben.«

»Ich denke, wenn ich nur ein Buch mit auf See nehmen dürfte, dann wäre das Sterne«, erwiderte Hayden.

Er glaubte, dass Henrietta überrascht war, aber zustimmte.

»Welches denn?«, wollte sie wissen. »Shandy oder die Sentimental Journey?«

»Auf jeden Fall Tristram Shandy. Kennen Sie das?«

»Ja, ein Lieblingsbuch meines Vaters. Er kannte Sterne ein wenig, aber da war er ja nicht der Einzige. Er war über viele Jahre ein ständiger Gast beim Abendessen.«

»Ich hätte ihn auch gern einmal getroffen. Und Sie, Miss Henrietta, wenn ich fragen darf: Was ist Ihr Lieblingsbuch?«

»Jetzt dringen Sie bis in meine privaten Geheimnisse vor, Sir. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen einen Einblick gestatten sollte …« Sie unterbrach sich, doch das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, zeigte Hayden, dass sie ihn nur necken wollte. »Don Quichotte ist ein großartiger Roman, denke ich. Leider nicht von einem Engländer geschrieben. Haben Sie ihn gelesen?«

»Dafür reicht mein Spanisch nicht.«

»Motteux hat eine akzeptable Übersetzung gemacht.«

»Davon habe ich gehört, aber in meinem begrenzten Wissen sind alle Übersetzungen in der ein oder anderen Hinsicht unzulänglich.«

»Das mag stimmen, aber selbst ein zweitrangiger englischsprachiger Cervantes ist immer noch besser als überhaupt kein Cervantes, oder nicht?«

»Das ist wie bei Schiffen«, sagte Hayden, »ein Schiff 5. Klasse ist besser als kein Schiff.«

»Er hat dich schon so weit, dass ihr über Schiffe redet!«, sagte Mrs Hertle, als sie wieder ins Zimmer rauschte.

»Keineswegs. Wir sprachen über Vorzüge und Nachteile bei Cervantes«, antwortete Henrietta.

»Aha, der Familienpatron der Carthews.« Die Hausherrin nahm wieder Platz. »Wusstest du, dass sich alle in Henriettas Familie gegenseitig Namen der Figuren aus Don Quichotte gaben? Das war so etwas wie ein Spiel bei euch, nicht wahr, Henri? Alle mussten überlegen, welcher Name am besten zu einer der Schwestern und dem Vater passte. Welchen Namen würdest du für Leutnant Hayden aussuchen?«

»Don Quichotte del Mar«, antwortete Henrietta ohne zu zögern.

Mrs Hertle entfuhr ein heiteres Lachen. »Da hast du es, Charles. Du hast die Hauptrolle. Eine Ehre.«

Er nahm Henriettas Lächeln wahr, die sich vielleicht ein wenig auf seine Kosten amüsierte.

Nach dem Abendessen überließ Robert seinem Freund die Kutsche. Hier und da wurde das Rattern der Räder auf dem Kopfsteinpflaster von dem zischenden Geräusch von Wasser unterbrochen, wenn der Wagen durch große Pfützen fuhr und sich ein wenig auf die Seite legte wie ein Boot, das auf Grund läuft. Dunkle Straßen, trübe im Sprühregen. Bei diesem Wetter waren nur Fackelträger und Liebhaber unterwegs.

Als der Kutscher die Pferde an einer Ecke aufnahm, drang der Schein schwankender Fackeln durch die neblige Straße, verzerrt durch die Scheibe der Wagentür. Aus einer Seitengasse kamen Leute, die Gesichter halb beleuchtet, die Hände erhoben. Man fand sich zu einem zwielichtigen Treffen ein. Hayden drückte sich in seinen Sitz, als wolle er sich verstecken, und dann drängte die Gruppe in die Straße - Mitglieder einer Gilde, die breit grinsend durch die Straßen zogen, die Wangen rot vom Gin.

»Merde«, flüsterte Hayden, denn der Anblick war ihm allzu vertraut und weckte böse Erinnerungen an einen anderen Ort - an die Straßen von Paris vor einigen Jahren.

Plötzlich stand ihm wieder jener unglückselige Mann vor Augen, dieser Doué, der trotz der Verbrechen, die man ihm vorgehalten hatte, unschuldig gewesen war, soweit Hayden wusste. Hatte denn irgendjemand auch nur den kleinsten Beweis gehabt, dass jener Doué am Kornmarkt spekulierte oder dass er wirklich gesagt haben sollte, den Hungernden solle man Heu zum Fressen vorwerfen? Die aufgebrachte Meute scherte sich nicht um diese Fragen, als sie ihn zu fassen bekam.

Hayden musste mit ansehen, wie der Mann durch die Straße zur nächsten Laterne geschleift wurde. Ein Kranz aus Nesseln hatte man ihm um den Hals gehängt, und die johlenden Sansculottes drückten ihm einen Strauß Disteln in die Hand. Man stopfte ihm Heu in den Mund, bis Doué würgte, und schließlich hängten sie ihn an dem Laternenpfahl auf.

Hayden presste die Hände vors Gesicht. Den Ausdruck von Entsetzen in den Augen des Mannes würde er nie vergessen können. Als Doué durch die Straße getrieben wurde, vorbei an Hayden, hatte Hayden geglaubt, der Mann habe ihn angesehen - ihn, den l'Anglais in seinem französischen Mantel - und ihn um Hilfe angefleht. Und doch hatte Hayden seine eigene Stimme gehört, die da rief, der Mann solle gehängt werden.

Doués Schwiegersohn, der einen Posten in Paris innehatte - vielleicht war er ein Verwalter -, war es nicht anders ergangen. Schließlich schlug man ihnen die Köpfe ab, steckte sie auf Piken und zog damit durch die Gassen. Immer wieder drückte der Mob die schlaffen Gesichter der Toten aneinander und schrie: »Küss Papa, küss Papa!«, als sei dies ein furchtbar lustiges Spiel. Drei Tage später war Hayden wieder in England, beschämt über das, was er getan hatte, entsetzt von der Tatsache, dass selbst er in den Sog eines tobenden Mobs geraten war.

KAPITEL VIER

Hayden konnte sich nicht erinnern, dass im Hafen von Plymouth je ein so lautes und hektisches Treiben geherrscht hatte. Die Kutsche, mit der er in die Stadt gekommen war, war mehr als eine Stunde von einer Viehherde aufgehalten worden, die zum Victualing Yard getrieben wurde. Und jetzt, da er am Kai stand, schien um ihn herum nichts als emsige Bewegung zu sein. Der große Hafen war überfüllt mit kleinen Booten, die im Zuge der Kriegsvorbereitungen zwischen den stattlichen Schiffen der Royal Navy hin und her pendelten.

Von außer Dienst gestellten Schiffen wurde das Schanzkleid entfernt, und Hulks mit Kranaufbauten kamen längsseits und richteten pikenförmige Masten auf, damit die Takler ihr Handwerk ausüben konnten. Barkassen mit Pulver fuhren ihre Runden und riefen den Matrosen zu, das offene Feuer an Bord zu löschen. Alle Bootssteuerer machten freiwillig einen großen Bogen um die Pulverschiffe.

»Mr Hayden, Sir …«

Hayden blickte nach unten und entdeckte den jungen Leutnant, der ihm winkte. Augenblicke zuvor war der junge Mann verschwunden, hatte aber versprochen, Hayden zu seinem neuen Schiff zu bringen. Kurz darauf kletterten mehrere Matrosen über einen betriebsamen Lugger auf den Kai, um Haydens Gepäck in Empfang zu nehmen. Hayden folgte den Männern zurück über das niedrige Deck des Fischerbootes und stieg hinab ins Heck der Pinasse, wo er sich auf einer Sitzbank niederließ. Lange Riemen senkten sich ins Wasser, und das Boot mischte sich unter all die anderen Boote. Der Bootssteuerer, stets wachsam in so einem Gedränge, reckte sich, um über die Köpfe der Rudergasten hinweg sehen zu können.

»War gar nicht so einfach, Sie zu finden, Mr Janes«, sagte Hayden zu dem jungen Mann, der noch nicht lange Gebrauch von Rasierklingen machte, da war Hayden sich sicher. »Und meinen Glückwunsch. Haben Sie Ihre Epauletten schon lange?«

»Ich habe mein Examen im März bestanden, Mr Hayden.«

»Nun, Sie haben mich eingeholt, Leutnant, dabei erinnere ich mich noch, wie Sie zum ersten Mal ein Schiff betraten.«

Janes errötete leicht. »Ich habe vielleicht vom Rang her mit Ihnen gleichgezogen, Mr Hayden, aber nicht im Können.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, entgegnete Hayden und warf dann einen Blick auf die Mündung des Hamoaze. »Und Sie sind sicher, dass die Themis noch dort ist?«

»Sie kann nirgendwo hin, Sir. Als ich heute früh an ihr vorbeifuhr, hatte sie nur einen Mast aufrecht stehen.« Janes schwieg einen Moment und fühlte sich in Gegenwart seines ehemaligen Vorgesetzten, zu dem er vom Rang her aufgeschlossen hatte, etwas unwohl. Auch Hayden fühlte sich etwas gehemmt. »Waren Sie schon an Bord, Mr Hayden?«

»Ich habe die Themis noch nie gesehen. Zweiunddreißig Geschütze, Achtzehnpfünder, wie ich hörte - sicherlich recht ungewöhnlich.«

»Es gibt noch einige Schiffe dieser Bauart, Sir. Eins liegt in Woolwich, Pallas wird sie heißen, und wird wohl noch vor Jahresende vom Stapel laufen. Die Themis ist dennoch ein hübsches, kleines Schiff, Sir. Manche meinen, sie ist ein bisschen zu klein für ein ganzes Deck mit Achtzehnpfündern, aber ich höre, dass sie gut im Wind liegt und absolut nicht überladen ist.«

»Kommt mir vor wie ein Plan der Admiralität, um ein wenig Geld einzusparen. Eine Fregatte mit sechsunddreißig oder achtunddreißig Kanonen würde sich besser behaupten gegenüber den Fregatten, die in Frankreich gebaut werden.«

»Ich würde einer Fregatte mit zweiunddreißig Geschützen und englischer Besatzung den Vorzug geben gegenüber einem Achtunddreißiger der Franz …« Der frisch examinierte Leutnant unterbrach sich und lief feuerrot an, da er sich in diesem Moment erinnerte, dass Hayden französischer Abstammung war.

Sie näherten sich nun der Marinewerft, und Hayden suchte unter all den vertäuten Schiffen nach seiner neuen Fregatte.

Janes zeigte in eine Richtung. »Dort, Mr Hayden, vor dem Vierundsiebziger, der gerade ausläuft.«

Tatsächlich, dort lag sie. Gut 135 Fuß mochte das Deck messen, wie Hayden schätzte. Größer als ein Schiff mit achtundzwanzig Geschützen, aber immer noch eine kleine Fregatte 5. Klasse. Janes hatte recht: Die Themis war ein hübsches, kleines Schiff, auch wenn zwei der Masten fehlten. Doch für ein Schiff, das erst kürzlich in Dienst gestellt worden war, sah sie schon recht mitgenommen aus. Hayden hoffte, dass dieser Zustand auf die vielen harten Einsätze und einige heftige Gefechte zurückzuführen war.

»Sie sieht so aus, als habe sie den ein oder anderen Kampf erlebt«, stellte Hayden fest.

Janes nickte steif und schaute zum Ufer hinüber, sodass Hayden nicht das Gesicht des jungen Leutnants sehen konnte.

An Bord des Schiffes Seiner Majestät Themis wurde Hayden ohne Zeremoniell empfangen und von einem einzelnen Offizier begrüßt.

»Zweiter Leutnant Herald Landry, Sir, zu Diensten.« Leutnant Landry war von kleiner Statur und von der Erscheinung her eher unauffällig, wenn man einmal von den vielen Sommersprossen und dem verschwindend kleinen Kinn absah. Er tippte an den Hut, der im Vergleich zum Kopf etwas zu groß geraten wirkte. »Sie sind der neue Erste, wie ich vermute - Leutnant Hayden?«

»Charles Hayden. Nett, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr Landry.«

»Ich werde Sie den anderen Offizieren vorstellen, Mr Hayden, und Ihnen dann Ihre Kabine zeigen.«

»Ich würde gern mit Kapitän Hart sprechen. Sobald es ihm recht ist, natürlich.«

»Der Kommandant ist an Land, Sir. Wir rechnen damit, dass er erst zurückkommt, wenn wir ablegen.«

»Verstehe.« Hayden schaute sich an Deck um. Für ein Schiff, das kürzlich nicht unter feindlichen Beschuss geraten war, befand sich das Deck in einem beklagenswerten Zustand. So etwas hatte er noch nicht gesehen. Die Planken waren verdreckt und starrten vor Tabaksflecken und Möwenkot. Nur der Fockmast stand. Die beiden anderen, offenbar neu, lagen wie gefällte Riesen an Deck. Männer lungerten hier und dort herum und beäugten ihn, den Neuankömmling, mit argwöhnischen Blicken. Unten im Kanonendeck hörte er jemanden auf einer Geige fiedeln und kichernde Frauenstimmen.

»Welchen Befehl hat der Kommandant Ihnen erteilt, Mr Landry?«

»Das Schiff klar zum Ablegen zu machen, Sir.«

»Nun, dann haben wir ja noch einiges zu tun. Rufen Sie die Offiziere, die jungen Gentlemen und Deckoffiziere auf dem Quarterdeck zusammen. Und sagen Sie dem Leutnant der Seesoldaten, er soll seine Männer antreten lassen.«

»Aye, Sir.« Landry eilte davon, sichtlich erschrocken.

Ein korpulenter Mann bahnte sich seinen Weg durch all das Durcheinander an Bord und zwängte sich vorbei an den herumlungernden Matrosen. »Ich heiße Barthe, Mr Hayden, und bin hier der Master. Willkommen an Bord der Themis, Sir.«

»Danke, Mr Barthe.«

Der Master, der keine Kopfbedeckung trug, hatte hochrote Wangen und musste erst zu Atem kommen, als sei er über das ganze Deck gelaufen. Sein Alter war schwer zu bestimmen. In das Rot seiner Haare, das an die Farbe frisch gebrannter Ziegel erinnerte, mischten sich schon graue Strähnen.

»Ich muss mich für den Zustand des Schiffs entschuldigen, Sir«, fuhr der korpulente Mann fort, »aber wenn sowohl der Kommandant wie auch der Erste Leutnant fort sind …« Er führte den Satz nicht zu Ende und zuckte verlegen mit den Schultern.

Allmählich kamen mehr Männer über die Gangways an Deck oder stiegen aus der Kuhl, wo das fröhliche Musizieren jedoch ungebrochen weiterging. Hayden folgte dem Master auf das Quarterdeck. Da tauchte auch Leutnant Landry wieder auf, in Begleitung eines anderen Mannes, der ebenfalls die Uniform eines Leutnants trug. Der junge Offizier hatte sichtlich Mühe, sich wach zu halten.

»Dritter Leutnant Benjamin Archer, Mr Hayden«, stellte Landry den müden Mann vor, der wahrlich nicht vorzeigbar war. »Mr Barthe haben Sie ja schon kennengelernt, wie ich sehe. Und - wo ist Mr Hawthorne?«

»Schon auf dem Weg, Sir. Mrs Barber bedurfte seiner Aufmerksamkeit.«

»Das ist unsere Ziege«, erklärte Barthe rasch, als er den verblüfften Ausdruck auf Haydens Gesicht sah. »Mr Hawthorne versteht sich auf Tierhaltung, müssen Sie wissen. Mrs Barber ist krank geworden.«

»Ah, Mr Hawthorne - darf ich vorstellen? Unser neuer Erster, Mr Hayden.«

Mit seiner schmutzigen Seemannshose sah Hawthorne keinesfalls wie ein höherer Offizier der Königlichen Navy aus. Trotz der heruntergekommenen Kleidung machte er eine elegante Verbeugung und nahm seine Kopfbedeckung ab, die wohl einen Hut darstellen sollte. »Zu Ihren Diensten, Sir. Meine Kompanie steht zur Begutachtung bereit, wenn es Ihnen gefällt, Mr Hayden.« Er schien sich nicht im Mindesten seines schmutzigen Aufzugs zu schämen - in Gegenwart des neuen Leutnants, der einen tadellosen Uniformrock mit Epauletten trug.

»Die Midshipmen«, fuhr Landry fort. »Lord Arthur Wickham, Mr Hayden.« Ein junger Bursche mit Grübchen tippte an seinen Hut und wirkte wie ein unbefangener Schuljunge. »James Hobson und Freddy Madison. Wir haben noch zwei andere Midshipmen, Sir, die mit Erlaubnis des Kommandanten an Land sind und ihre Familien besuchen.«

»Wo sind die Bootsmänner und der Schiffszimmermann?«, erkundigte sich Hayden und bemühte sich, ruhig zu sprechen.

»Kommen jeden Augenblick«, vertröstete ihn der Master.

Ein kräftiger Mann mit gebrochener Nase brachte noch einen Kameraden mit aufs Quarterdeck und wurde Hayden als Bootsmann vorgestellt. Der Zimmermann war ein alter Seebär, der selbst ganz aus Holz zu bestehen schien. Die Kleidung hing ihm schlaff am Körper hinab, wie Segel bei Windstille. Landry stellte die beiden Männer als Franks und Chettle vor.

»Wie spät ist es, Mr Landry?«, fragte Hayden.

»Gegen halb zwei, denke ich.«

»Dann ist der Tag ja noch jung. Schickt alle Frauen an Land. Tagsüber wünsche ich keine Frauen an Bord, und des Nachts nur, wenn ich mit der Arbeit der Mannschaft zufrieden bin.«

Der Leutnant zögerte. »Das wird bei den Männern aber keinen Anklang finden, Mr Hayden«, sagte er leise.

»Es ist nicht meine Art, bei meinen Entscheidungen darauf zu achten, ob sie bei den Männern Anklang finden. Hat Kapitän Hart verlauten lassen, wann genau er zurück sein wird? Wann wir in See stechen? Auf welche Pflicht bereiten wir uns vor?«

An Deck herrschte ein verlegenes Schweigen. »Kapitän Hart zieht uns für gewöhnlich nicht ins Vertrauen, Mr Hayden«, bekannte Landry.

»Aber er hat Ihnen doch mitgeteilt, dass wir uns mit Frankreich im Krieg befinden, oder nicht, Mr Landry?«, hakte Hayden nach und musste an sich halten, nicht zu erregt zu sprechen.

Der kleine Zweite Leutnant errötete. »Sir, das wissen wir alle.«

»Gut. Wie lange liegen die Masten dann hier schon so an Deck?«

»Etwa eine Woche, Sir.«

»Und wo bleibt die Hulk?«

»Der Bootsmann der Hulk meinte, er werde bald kommen.«

»Sehr aufmerksam von ihm. Fehlt Ihnen das für die Arbeit nötige Material?«

Die beiden Leutnants schauten den Bootsmann an, der zögerte.

»Alle Blicke sind auf Sie gerichtet, Mr Franks«, stellte Hayden trocken fest.

Der Mann verzog den Mund halb zu einem Grinsen, wobei eine Lücke in der oberen gelben Zahnreihe sichtbar wurde. »Wir haben alle Blöcke und das Tauwerk, Mr Hayden, aber ich weiß nicht, wie der Kommandant es haben will«, gab der Bootsmann zu.

»Wenn während seiner Abwesenheit keine besonderen Befehle vorliegen, wird die Arbeit nach gängigem Muster der Navy erledigt, Mr Franks.«

Wieder ein unangenehmes Schweigen.

»Was Mr Franks eigentlich sagen möchte, wenn ich das erklären darf«, bot Lord Arthur an, »ist, dass Kapitän Hart alles Mögliche bemängeln wird, ganz gleich, wie die Arbeit gemacht wurde, Mr Hayden.«

»Danke, Mr Wickham«, sagte Hayden, »aber ich gehe davon aus, dass mir das Mr Franks selber erklären kann.«

Der Bootsmann senkte den Blick und schaute auf die Planken. »Ich habe die Arbeit - hinausgezögert, Mr Hayden, aus Angst vor dem Missfallen des Kommandanten.«

»Wird es sein Missfallen nicht noch mehr erregen, wenn die Masten einfach so an Deck liegen bleiben? Wir werden mit dem Besanmast beginnen. Haben Sie Spiere, die wir als Bock benutzen können?«

»Habe ich, Sir.«

»Dann rufen Sie Ihre Männer und beginnen mit den Vorbereitungen. Mr Landry, wir brauchen eine Mannschaft, die den Bock bedient.«

Landry sah den Bootsmann an, der eine Grimasse schnitt, als er sagte: »Die meisten der Männer sind nicht - ansprechbar, Mr Hayden«, erklärte er entschuldigend.

»Betrunken, wollen Sie sagen? Sobald Sie die Frauen von Bord geschafft und in die Boote gesetzt haben, bringen Sie die Betrunkenen in die Kuhl. Dort sollen die Kanoniere sie abspritzen, sofern wir Leute finden, die nüchtern genug sind, um die Pumpen zu bedienen. Jeden Vollmatrosen, der ohne Hilfe gerade über eine Deckplanke laufen kann, schicken sie nach achtern zu Mr Franks. Alle anderen werden das Schiff sauber machen.« Hayden schaute sich an Deck um. »Dieses Deck ist eine Schande, Mr Landry.«

»Ja, Sir, ich werde es unverzüglich schrubben lassen.«

»Nein, das Quarterdeck muss trocken bleiben, damit wir hier arbeiten können. Fegen Sie es grob ab und verstauen Sie alles ordentlich. Ich möchte, dass die Beine des Bocks vor Einbruch der Dunkelheit stehen.« Er wandte sich an den Dritten Leutnant. »Lassen Sie uns einen Blick auf die Besanspur werfen, Mr Archer.«

Der Dritte Leutnant und zwei der Midshipmen führten Hayden unter Deck, hinab in die Dunkelheit. Der Holzblock für den Besanmast erwies sich als solide, was zu erwarten war bei einem Schiff, das erst kürzlich in Dienst gestellt worden war. Dennoch war Hayden überrascht, wenn er daran dachte, wie vernachlässigt die Fregatte insgesamt war. Die Themis war ursprünglich gewissenhaft gebaut worden. Glücklicherweise waren die beiden anderen Mastfüße und Verankerungen ebenfalls frei von morschem Holz.

Eine unschöne Szene erwartete Hayden, als er mit den anderen wieder an Deck stieg. Betrunkene Matrosen setzten sich gegen die Seesoldaten zur Wehr, die ihnen die Frauen aus den Armen rissen. Das Gerangel zog sich ungebührlich lange hin, bis die Frauen endlich in den Booten saßen und die Fockmastmatrosen zur Ruhe gebracht waren, was nicht ohne harte Schläge ging. An einem Punkt hatte Hayden geglaubt, die ganze Auseinandersetzung würde ausarten. Daher war er kurz davor gewesen, dem Waffenmeister aufzutragen, Pistolen für die Offiziere und Deckoffiziere zu holen.

Es dauerte eine Weile, bis auch der Letzte sich beruhigt hatte. Hayden verdonnerte alle zum Saubermachen oder Aufräumen. Nachdem der Schiffsarzt seinen Tisch freigeräumt hatte, konnten die Verletzten zu ihm gebracht werden, von denen viele so betrunken waren, dass sie ihre Wunden nicht spürten und sich hinterher wunderten, dass jemand ihre geschundene Haut zusammengeflickt hatte.

Hayden verfolgte aufmerksam das Anheben des Bocks und merkte bald, dass Mr Franks eine schlechte Wahl für einen Bootsmann war. Seine Männer waren genauso ungeschickt wie er. Es sprach nicht gerade für Hart, dass er nicht in der Lage war, gute Männer zu finden, die bereit waren, auf seinem Schiff zu dienen. Was der junge Lord Arthur Wickham an Bord zu suchen hatte, war Hayden ein Rätsel, denn er stammte aus einer guten und einflussreichen Familie.

»Sie brauchen einen Block für ein stabiles Tau, Mr Franks«, sagte Hayden, als der Bootsmann stumm auf den liegenden Besanmast stierte und sich mit einem schwieligen Finger hinterm Ohr kratzte. »Taljen müssen hinten und vorne am Bock befestigt werden, und die Beine müssen auf stabilen Planken ruhen, die mindestens drei Balken überspannen. Vorzugsweise vier Stützbalken. Sichert die Balken von unten. Dann muss ein Block so angebracht werden, damit wir ein Tau nach vorn zum Gangspill ziehen können.« Er wandte sich an Landry, der alles mit großen Augen verfolgte und unsicher von einem Bein aufs andere trat. »In etwa vier Stunden brauchen wir Matrosen an den Spaken des Gangspills, Mr Landry. Werden bis dahin genügend Männer nüchtern sein?«

»Ganz sicher, Sir.«

»Wie geht es mit dem Säubern des Decks voran?«

»Ich kümmere mich darum, Mr Hayden.« Der Leutnant begab sich nach vorn und achtete darauf, niemandem in die Quere zu kommen.

Hayden musterte die Männer bei der Arbeit. Ein Vollmatrose namens Aldrich war der einzige Mann, der überhaupt Initiative ergriff. Bestimmt war dieser Aldrich schon so lange zur See gefahren, dass er sein Handwerk gelernt und schon einmal einen Mast aufgestellt hatte. Der junge Wickham schien überall zugleich zu sein, schaute aufmerksam zu. Mal hielt er ein Tau, mal holte er einen Block.

Schon lange hatte Hayden es sich zur Aufgabe gemacht, die Besatzungen der einzelnen Schiffe zu beobachten. Das lag zum einen daran, dass ihn Menschen im Allgemeinen faszinierten, zum anderen aber daran, dass die Mannschaft das Werkzeug war, mit dem ein Offizier die Aufgaben erfüllen konnte, die ihm von den Kommissaren der Lords aufgetragen wurden. Hayden hatte schon beides erlebt: gute und schlechte Mannschaften. Und er hatte lange darüber nachgedacht, woran es liegen mochte, dass die eine Mannschaft funktionierte, die andere jedoch nicht. Er hatte erlebt, wie sich schlechte Mannschaften unter der Führung guter Offiziere zum Besseren wandelten, aber er war auch Zeuge geworden, wie eine offensichtlich arbeitswillige Mannschaft wegen eines einzigen Fockmastmatrosen mürrisch und eigensinnig wurde. Für Hayden war eine Besatzung wie Schießpulver, das bei der richtigen Mischung die gewünschte Wirkung erzielte, aber unbrauchbar war, wenn die Bestandteile nicht im exakten Verhältnis zueinander standen. Je mehr erfahrene Matrosen an Bord waren, insbesondere Männer, die schon an einigen Gefechten teilgenommen hatten, desto besser. Denn zu diesen Männern schauten die jüngeren und weniger erfahrenen Matrosen auf und eiferten ihnen nach. Leider entdeckte Hayden von dieser Sorte nur wenige an Bord der Themis, und das bereitete ihm Sorge.

»Verflucht sei dein wertloser Balg, Manning«, hörte Hayden einen der Matrosen schimpfen, »zieh endlich an dem Tau. Los, beweg deinen Arsch.«

Zu Haydens großem Erstaunen kam es unter den Männern zu einem Gerangel, worauf Franks, der Bootsmann, seinen Rohrstock nahm und für Ordnung sorgte. Doch das Fluchen und unzufriedene Gemurmel ging weiter.

Hayden bat einen Bediensteten um Wasser, trat einen Schritt zurück und beobachtete, wie schleppend die Mannschaft sich an die Arbeit machte. Diesen Männern fehlte nicht nur der Wille, vernünftig zusammen anzupacken, vielmehr schienen die Matrosen darauf aus zu sein, sich gegenseitig Steine in den Weg zu legen. Wenn sich einer abmühte, behinderte der andere ihn in seiner Arbeit. Rief ein Mann beispielsweise nach einem Marlspieker, warf der andere den gewünschten Gegenstand absichtlich zu weit, sodass der Mann den Spieker nicht auffangen konnte. Andere standen träge an Deck, sahen zwar, dass eine bestimmte Aufgabe mehr Matrosen erforderte, sprangen aber nicht hinzu, um zu helfen, wie es bei einer arbeitswilligen Mannschaft der Fall gewesen wäre. Zudem sah Hayden Männer, die sich mit einer schweren Arbeit abmühten, aber niemanden um Hilfe baten - da sie offenbar ahnten, dass ihnen keiner beispringen würde. Überall nur finstere Blicke, gemurmelte Flüche und Drohungen. Eine solche Besatzung war ihm noch nicht untergekommen, und allmählich fragte er sich, ob Philip Stephens eine Vorstellung davon hatte, wie es an Bord dieses unglückseligen Schiffs aussah.

Aldrich schien seine Gehilfen zu haben - Männer, die sich ihm fügten und sich fast schützend um ihn scharten -, und doch gewann Hayden den Eindruck, dass Aldrich nicht in diese Rolle gedrängt werden wollte. Auf seine stille Art wehrte er alle Versuche ab, ihn auf eine besondere Stufe zu stellen - ein seltsames Phänomen in den Augen des Ersten Leutnants, der selbst stets Verantwortung übernommen und nach Anerkennung gestrebt hatte.

Schließlich rief er sich in Erinnerung, dass sich unter den Männern mindestens ein Mörder befand. Und da Hayden mittlerweile selbst erlebt hatte, was für Feindseligkeiten zwischen den Matrosen bestanden, überraschte ihn der Umstand nicht im Mindesten.

Die Befehle der Offiziere wurden mit möglichst geringem Aufwand befolgt - beim kleinsten Anzeichen von Respektlosigkeit und Nachlässigkeit wären die Matrosen ausgepeitscht worden. Aber da die Männer längst herausgefunden hatten, welches Maß an Dreistigkeit die Offiziere noch durchgehen ließen, hatte sich die Mannschaft eine gewisse Trägheit angewöhnt.

Hayden legte Uniformrock und Hut ab und überlegte, ob er versuchen sollte, Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen. Für gewöhnlich genoss er Herausforderungen dieser Art, aber bei dieser Mannschaft und der mit Händen greifbaren Feindseligkeit war ihm unbehaglich zumute. In der Vergangenheit hatte er des Öfteren erlebt, dass sein Enthusiasmus auf andere übersprang, aber diese Männer schienen dafür unempfänglich zu sein und begegneten Hayden mit Argwohn, wenn nicht gar Feindschaft.

Hayden hatte einen großen Matrosen abkommandiert, um den Bock oben zu laschen, erkannte jedoch bald, dass weder die Fähigkeiten des Mannes noch seine Einstellung zur Arbeit für diese Aufgabe ausreichten.

»Wie heißen Sie?«, wandte sich Hayden an den Mann.

Der Matrose schaute mit seinem breiten, pockennarbigen Gesicht auf, das von einer großen Nase und einer wuchtigen Stirn beherrscht wurde. »Stuckey, Sir. Bill Stuckey.«

Hayden schätzte das Gewicht des Mannes auf knapp hundertachtzig Pfund und sah, dass Stuckey ihn noch um einige Zoll überragte. Die schlecht sitzende, verschwitzte Jacke klebte an seinem Oberkörper, und an den Enden der Ärmel lugten große Fäuste hervor.

»Ich helfe Ihnen beim Laschen, Stuckey, denn ich sehe, dass die Aufgabe neu für Sie ist.«

Der Mann erhob sich und trat einen Schritt zurück. Die anderen Matrosen in unmittelbarer Nähe hielten in ihrer Arbeit inne. »Ich bin ein Neuling an Bord«, sagte der große Mann gedehnt. »Man holte mich von meiner Arbeit und zwang mich an Bord dieses verfluchten Schiffs.« Stuckey sah Hayden frech in die Augen. »Die See ist nicht meine Bestimmung, und ich will auch nicht, dass sie es wird, Sir.«

Hayden schaute den großen Kerl unverwandt an, da er sich darüber im Klaren war, dass inzwischen alle anderen zusahen. »Das freut mich zu hören, Stuckey, denn ich bin stets auf der Suche nach einem Mann, der die unzähligen Arbeiten verrichtet, die einem Vollmatrosen nicht zuzumuten sind. Sie werden damit beginnen, die Latrinen am Bugspriet zu reinigen.«

Hayden wandte sich an die übrigen Matrosen, die ihre Arbeit ruhen ließen und stumm zusahen. »Wo ist der Bootsmann?«, rief Hayden.

Der Mann mit der gebrochenen Nase löste sich aus einer Gruppe.

»Mr Franks«, sprach Hayden ruhig, »einer Ihrer Leute wird Mr Stuckey folgen, und zwar mit einem Tampen in der Hand. Wenn Stuckey sich nicht bereitwillig an die Arbeit macht, sollte er dazu angehalten werden, und zwar mit aller gebotenen Härte.«

»Für wie lange, Sir?«, fragte der Bootsmann und schaute Hayden perplex an.

»So lange, wie es dauert, Mr Franks.« Hayden wandte sich wieder dem großen Neuling an Bord zu. »Wenn Sie bereit sind, Ihren neuen Beruf zu erlernen, Stuckey, dann kommen Sie zu mir. Und jetzt an die Arbeit.« Hayden wandte sich ab, als einer der Männer des Bootsmanns kam und einen Knoten in einen Tampen schlang.

Hayden hatte dem Mann nicht nur die wohl härteste Arbeit an Bord des Schiffs aufgehalst, sondern auch die erniedrigendste. Entweder kam Stuckey in zwei Tagen angekrochen und bat Hayden, die Arbeit der Matrosen zu lernen, oder der Mann ließ sich überhaupt nicht disziplinieren und müsste gezüchtigt werden. Aber Hayden hatte der Mannschaft ein Zeichen gesetzt, um die Männer davon zu überzeugen, dass er fair und angemessen handelte, denn es genügte nicht, wenn man Strenge zeigte, zumindest nicht, wenn man sich den Respekt der Mannschaft verdienen wollte - und kein Offizier durfte erwarten, lange ohne Respekt auszukommen.

Hernach machten sich die Männer mit neuer Energie an die Arbeit, und bei Einbruch der Nacht war der Bock aufgestellt und mit Geitauen versehen - wie ein großes, umgedrehtes V auf dem Quarterdeck. Mithilfe der Blöcke, der Takelung und schierer Muskelkraft wurde der Mast an die vorgesehene Stelle gehievt und zum Aufstellen vorbereitet. Hayden war zuversichtlich, den Besanmast im Laufe des kommenden Tages fest verankert zu wissen.

Am ersten Abend aß Hayden in der Offiziersmesse und lud einige Gäste zu sich. Mr Franks war von der Schufterei des Tages so erschöpft, dass ihm am Tisch dauernd der Kopf auf die Brust nickte, sehr zur Erheiterung der anderen Männer.

»Da gab es eine, die konnte es mit jedem an Bord aufnehmen«, lachte Hawthorne, der Leutnant der Seesoldaten. »Fällte Smithers mit einem einzigen Schlag. Ich denke, die hätten wir behalten sollen. Die hätte ein Enterkommando leiten können. Die Franzosen hätten ihr nicht standgehalten!«

Die Männer am Tisch lachten.

»Nehmen Sie nichts von dem Wein, Mr Barthe?«, fragte Hayden, da er sah, dass das Glas des Masters noch leer war.

Das Lachen verstummte, doch der ein oder andere hatte noch ein halbherzig unterdrücktes Grinsen auf den Lippen.

»Ich hoffe, Sie sehen es mir nach, wenn ich nichts trinke, Mr Hayden«, antwortete Mr Barthe ruhig. »Wissen Sie, ich habe mir Mäßigung auferlegt und von diesem Gelübde möchte ich, bei meiner Ehre, nicht abweichen, obwohl das bei einigen meiner Kameraden für Heiterkeit sorgt.« Die Anwesenden unterdrückten ein Grinsen. Barthe fuhr fort: »Machen Sie sich keine Sorgen, Mr Hayden. Ich werde Ihnen keine Mäßigung auferlegen. Das ist einzig und allein eine persönliche Angelegenheit. Ein Makel in meinem Charakter erlaubt es mir nicht, hochprozentigen Alkohol anzurühren, nicht einmal Wein oder Ale, ohne dass es zu desaströsen Folgen kommt. Ich hoffe daher, dass Sie mir vergeben, wenn ich mit Wasser anstoße. Das ist nicht respektlos gemeint.«

»Im Gegenteil, Mr Barthe, sehen Sie es mir nach, dass ich dieses Thema überhaupt anschnitt.«

»Ich sage meinen Kameraden in der Offiziersmesse immer, keiner soll sich um mein Gelübde kümmern. Jeder soll das trinken, was er mag, und sich keine Gedanken machen, wie es mir dabei geht. Wenn die anderen nur noch in meiner Abwesenheit trinken, um mich zu schonen, bringen sie mich um ihre lustige Gesellschaft, und letzten Endes stünde ich noch schlechter da. Denn man muss lernen, den Versuchungen zu widerstehen. Man muss sich selbst drillen, wie es die Männer an den Geschützen tun. Je länger ich widerstehe, desto stärker werde ich.«

Man legte kurz das Besteck zur Seite, erhob die Gläser und prostete sich zu.

»Ist es während der letzten Fahrt zu Gefechten gekommen?«, erkundigte sich Hayden beiläufig und brach das unangenehme Schweigen.

Für einen Moment sah es so aus, als wolle niemand antworten - jeder schien darauf zu hoffen, dass der Tischnachbar das Wort ergriff.

»Nein, Sir, Mr Hayden«, sagte Landry leise. »Wir hatten überhaupt kein Glück.«

»Manchmal ist das eben so«, meinte Hayden. »Sie haben aber einen Mann verloren, wie ich hörte?«

Erneut senkte sich ein beharrliches Schweigen herab.

»Penrith«, sagte Hawthorne dann. »Ein guter Seemann.«

»Das hört man nicht gern. Und hat man den Mann gefunden, der ihn tötete?«

Die Männer tauschten verstohlene Blicke.

»Ein strittiger Punkt, Mr Hayden«, antwortete Lord Arthur.

»Und wie sehen Sie die Sache, Wickham?«

Die Grübchen auf den Wangen des jungen Mannes schwanden, als er die Beweislage abwägte, ernst wie ein Richter. »Ich glaube, dass der Mann, der gehenkt wurde, unschuldig war, Sir.«

Die anderen Männer rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her.

»Und was meinen Sie, Mr Landry?«

»Der Kommandant hielt McBride für den Schuldigen«, erwiderte er, »und Kapitän Hart würde ich nie widersprechen.«

»Nein«, sagte Hawthorne, »das würden Sie bestimmt nicht tun.«

Der Blick, den Landry dem Leutnant der Seesoldaten zuwarf, war alles andere als freundlich.

»Wenn es nun nicht dieser McBride war«, fasste Hayden zusammen und richtete den Blick auf Hawthorne, »wer hat Penrith dann umgebracht?«

»Ich habe keinen Beweis, Mr Hayden, nur einen persönlichen Verdacht. Aber es wäre unfair, jemanden zu belasten, der am Ende doch unschuldig ist.«

»Seien Sie vorsichtig, Mr Hawthorne«, warnte der Master. »Der Kommandant nimmt einem Kritik dieser Art sehr übel.«

»Gewiss würde niemand hier bei Tisch nach außen tragen, was in der Offiziersmesse gesprochen wird …«, sagte Hayden, aber das nachfolgende Schweigen verriet ihm, dass genau das der Fall sein würde.

Nachdem Diener den Tisch abgedeckt hatten, war Hayden kurz allein, da die anderen Offiziere ihren Pflichten nachkommen mussten. Er hoffte, dass er die Offiziere während des Dinners mit seinen Methoden und Ansichten vertraut gemacht hatte. Es gab immer zunächst ein Gefühl von Unsicherheit, wenn ein neuer Erster Offizier an Bord kam, insbesondere auf der Themis, da der Kommandant nicht da war. Sowohl die Besatzung wie auch die Offiziere mussten sich erst einen Überblick über die Standards und Erwartungen des neuen Leutnants machen. Hayden wusste sehr wohl, dass die meisten Matrosen nicht bereit waren, etwas an ihrer Lage zu ändern, so miserabel sie auch sein mochte. Seine Aufgabe würde sich schwierig gestalten, da er die Erwartungen von Kapitän Hart nicht einschätzen konnte. Denn schließlich setzte der Kommandant eines Schiffes die Messlatte an, nicht der Erste Leutnant.

Griffiths kam aus seiner Kabine und nickte dem neuen Offizier zu. Der Schiffsarzt, dürr und mit schmalem Gesicht, überragte Hayden zwar um eine Handspanne, mochte aber etliche Pfunde leichter sein. Hayden schätzte ihn nicht viel älter als dreißig, aber da Griffiths vorzeitig ergraut war, wirkte er immer ernst. Selbst wenn er einen Scherz machte, was nicht selten vorkam, bewahrte er sich sein schulmeisterliches Auftreten.

»Ich komme mir ein wenig töricht vor«, bekannte Hayden offen. »Ich dränge Mr Barthe Wein auf, obwohl er Abstinenzler ist.«

»Machen Sie sich keine Gedanken. Es wäre die Pflicht seiner Kameraden gewesen, Sie darüber in Kenntnis zu setzen, aber da waren wir nachlässig. Mr Barthe lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht beeindrucken. Er ist seit sieben Jahren nüchtern, und nichts in seinem Verhalten deutet darauf hin, dass er wieder in sein früheres Leben voller Ausschweifungen zurückfällt. Ich glaube, Sie werden ihn als tüchtigen und verantwortungsvollen Offizier kennenlernen.«

»Dessen bin ich mir sicher.«

Griffiths betrachtete ihn einen Augenblick. »Den Namen unseres Masters hatten Sie also noch nicht gehört?«

»Nein, ich hörte ihn hier an Bord zum ersten Mal.«

Der Schiffsarzt nahm am Tisch Platz, stützte sich mit den Ellbogen auf der Platte ab und beugte sich vor, als wolle er möglichst leise sprechen. »Mr Barthes Geschichte ist eher traurig, fürchte ich. Wissen Sie, einst war er ein junger Leutnant, der Aussichten in der Royal Navy hatte, aber dann kam er vor ein Kriegsgericht. Sein Schiff lief auf Grund, und obwohl es Beweise für die Inkompetenz des Kommandanten gab, warf man Mr Barthe vor, er habe seine Pflichten vernachlässigt. Und das nur, weil einige an Bord behaupteten, Mr Barthe sei zu dem Zeitpunkt betrunken gewesen. Er aber besteht noch heute darauf, dass die Vorwürfe unhaltbar waren. Leider zog Mr Barthes Neigung zum Alkohol noch ein größeres Übel nach sich, zumindest für seine Familie. Er neigte zum Glücksspiel, gewann jedoch nie. Zum Zeitpunkt des Gerichtsverfahrens hatte er hohe Schulden. Aber nicht alle Freunde ließen ihn im Stich. Auch Mrs Barthe, eine starke Frau, überließ ihren Mann nicht seinen Ausschweifungen, sondern bat ihn immer wieder, seinen Lebenswandel zu ändern. Sie gab ihm eine Gelegenheit nach der anderen, seine Fehler wiedergutzumachen. Und erstaunlicherweise schaffte er es. Ein Kommandant, unter dem er einst gedient hatte, besorgte ihm das Patent eines Masters, und so segelte er sieben Jahre mit diesem Offizier, bis dieser leider am Gelbfieber starb. Das Glück schien sich erneut gegen Barthe zu verschwören, als Hart ihn einstellte, weil er vielleicht keinen anderen fand, der den Posten übernehmen wollte.«

Griffiths wischte sich über den Mund und fuhr nach einer kurzen Pause fort.

»Mrs Barthe hat einen Bruder, der mit seinen Handelsgeschäften sehr erfolgreich war und Mr Barthes Schulden tilgte. Die Summe wird in kleinen Raten und ohne Zinseszins zurückgezahlt, und das tut unser gewissenhafter Master seit Jahren, was natürlich zur Verarmung seiner Familie geführt hat, fürchte ich. Wussten Sie, dass Barthe sechs Töchter hat? Glücklicherweise kommen Sie vom Aussehen her alle nach der Mutter und sind allesamt Schönheiten. Mr Barthe setzt alles daran, unseren guten Leutnant der Seesoldaten von den jungen Damen fernzuhalten.« Griffiths lachte.

»Hat Hawthorne denn einen schlechten Ruf?«

»Das hängt davon ab, wen Sie fragen. Die Mannschaft bewundert ihn. Mr Hawthorne hat eine Schwäche für Frauen, genau wie Mr Barthe früher für Alkohol. Er kann einfach nicht widerstehen. Und, Glück für ihn, die Damen können dem schneidigen Hawthorne nicht widerstehen. Das hat zu Schwierigkeiten geführt. Hawthorne hat schon zwei Duelle ausgetragen, die beide Male tödlich für die andere Partei endeten.«

»Jedes Schiff braucht wohl mindestens einen Draufgänger. Gut zu wissen, dass wir die Quote halten …«

»Hawthorne ist kein böswilliger Mensch, davon bin ich überzeugt, aber wenn es um Frauen geht, hat er sich nicht mehr unter Kontrolle. Das ist wie bei einem Opiumsüchtigen und seiner Pfeife. Ich habe selbst gesehen, wie sehr ihn sein unüberlegtes Verhalten und das Leid, das er verursacht hat, beschäftigt, aber auch das hält ihn nicht lange im Zaum. Ich fürchte, der Herrgott hat ihn mit einem allzu vorteilhaften Aussehen gesegnet, und in seinem ganzen Benehmen fehlt es ihm an nichts. An Bord ist er ein angenehmer Kamerad und ein gern gesehener Mann in der Offiziersmesse, aber wenn es eine Frau gibt, an die Sie Ihr Herz gehängt haben, dann halten Sie sie von Hawthorne fern. Das nur als Warnung.«

»Ich werde Ihre Worte beherzigen, Doktor. Das zarte Geschlecht lässt keine Anzeichen erkennen, dass es nicht in der Lage wäre, meinem Charme zu widerstehen. Ich fürchte, die Damen schaffen das mit geringem Aufwand.«

»In dieser Hinsicht haben Sie viele Leidensgenossen, Mr Hayden.« Die Mundwinkel des Schiffsarztes gingen ein wenig nach unten, als habe er einen bitteren Geschmack auf der Zunge. »Sie werden feststellen, dass diese Mannschaft eine seltsame Ansammlung von Gescheiterten und Versagern ist.«

Hayden war sich nicht sicher, was er darauf erwidern sollte, wusste aber genau, dass Griffiths' Worte ein schlechtes Licht auf den Kommandanten warfen.

»Die Midshipmen scheinen erstklassig zu sein«, stellte Hayden fest.

»Das sind sie wirklich. Wenn Mr Hart nicht im Dienst ist, gibt er sich anders, wie ich hörte. Und durch Mrs Hart hat er einige einflussreiche Freunde.«

»Was die Anwesenheit von Lord Arthur Wickham an Bord erklären dürfte …«

Der Doktor nickte. »Aber nicht alle Leute auf dem Schiff sind aufgrund von Inkompetenz hier gestrandet. Manch einer von uns verfügt einfach über keine Beziehungen.«

Hayden warf einen kurzen Blick auf den Schiffsarzt und fragte sich, ob Griffiths mit dem letzten Satz auf ihn anspielen wollte. Doch schließlich kam er zu dem Schluss, dass der Kommentar gewiss nicht böse gemeint gewesen war. »Ich bin sicher, dass viele tüchtige Leute an Bord sind, Doktor. Man kann nicht die ganze Mannschaft über einen Kamm scheren.«

Griffiths machte eine kleine anerkennende Verbeugung, vielleicht wollte er sich damit auch bedanken. »Ich muss mich dann wieder meinen Aufgaben widmen, wenn Sie erlauben, Mr Hayden.«

»Natürlich, Doktor, lassen Sie sich durch mich nicht aufhalten.«

Mr Landry hatte ihm einen Diener zugewiesen, einen Jungen von zwölf Jahren, der auf den Namen Joshua hörte. Der Bursche hatte bereits dem ehemaligen Leutnant gedient und kannte seine Pflichten daher. Auch ein »Schreiber« wurde Hayden zugeteilt, ein junger Ire mit dem seltsamen Namen Perseverance Gilhooly. An Bord nannten ihn alle Perse.

Als Hayden dabei war, in seiner Kabine Ordnung zu machen - ein Raum von knapp fünfzehn Quadratfuß -, klopfte es an der offenen Tür.

»Ah, Mr Hawthorne«, sagte er. »Kann ich Ihnen helfen?«

Der Leutnant der Seesoldaten zog den Kopf beim Eintreten ein. In einer Hand hatte er ein schweres Buch, das er auf der Hüfte abstützte.

»Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich zuverlässige Männer bei den Booten postiert habe. Heute Nacht kommt keiner an Land, es sei denn, er schwimmt.«

In jener Nacht waren keine Frauen an Bord, und genau dieser Umstand veranlasste einige Männer, darüber nachzudenken, wie weit es bis zur Küste war. Hayden dachte an das, was der Schiffsarzt über Hawthorne gesagt hatte, und überlegte, ob es auch den Leutnant der Seesoldaten nicht mehr an Bord hielt. »Danke, Mr Hawthorne.«

Doch der Mann blieb in der offenen Tür stehen.

»Was lesen Sie da gerade, Mr Hawthorne, wenn ich fragen darf?«

»Eine Abhandlung über experimentelle Landwirtschaft, Mr Hayden, verfasst von Mr Arthur Young.«

»Ein Gebiet, das nicht allzu viel mit der See zu tun hat.«

»Ich hoffe, eines Tages eine Farm mein Eigen zu nennen, Mr Hayden, obwohl das bei meinen Kameraden in der Offiziersmesse Heiterkeit auslöst.« Er zögerte einen Moment und errötete ein wenig. »Vor einem Jahr veröffentlichte ich in den Annalen für Landwirtschaft eine kurze Abhandlung mit dem Titel Beobachtungen zur Praxis, Legehennen auf See zu halten‹.«

Bei diesem überraschenden Bekenntnis, das der Leutnant der Seesoldaten mit unverhohlenem Stolz vorbrachte, musste Hayden unwillkürlich lächeln.

Im selben Augenblick betrat Barthe die Offiziersmesse, tauchte hinter Hawthorne auf und rückte einen Stuhl beiseite, da er an dem Tisch vorbei wollte. »Erzählt er Ihnen gerade von dem großen Anwesen, das er eines schönen Tages besitzen möchte, Mr Hayden? Und wie er die Prinzipien der wissenschaftlichen Landarbeit anwenden wird, um große Erfolge zu erzielen?«

Hawthorne wirkte keineswegs beleidigt, sondern verdrehte die Augen, als übe er sich in Nachsicht. »Die kleinen Eifersüchteleien der Unwissenden sind schon eine schreckliche Bürde, Mr Hayden.«

»Den Preis zahlt man, wenn man seiner Zeit voraus sein will. Die Familie meiner Mutter besitzt große Weinanbauflächen. Daher habe ich die wissenschaftlich betriebene Landwirtschaft aus nächster Nähe erlebt und Vor- und Nachteile kennengelernt.«

Hawthorne musterte Hayden genau. Er wollte zweifelsohne prüfen, ob es stimmte, dass seine Augen unterschiedlich gefärbt waren. »Bestimmt nicht in England, oder?«

Hayden wusste, dass die Wahrheit irgendwann sowieso ans Licht gekommen wäre. Auf Schiffen kochte die Gerüchteküche. »In Frankreich, Mr Hawthorne.«

»Frankreich …«, wiederholte der Leutnant der Seesoldaten und schien verblüfft zu sein.

»Eine große Nation jenseits des Kanals, Mr Hawthorne«, warf Barthe ein, als er seine Kabine betrat. »Dort kam es unlängst zu einer Revolution. Haben Sie nicht davon gehört?« Mit einem durchtriebenen Lächeln drückte der Master die Tür seiner Kabine zu.

Hawthorne lachte etwas unbeholfen, um seine Verlegenheit zu überspielen. »Dann sind Sie zur Hälfte französischer Abstammung, Mr Hayden?«

»Ganz recht, aber in meinem Herzen bin ich Engländer. Mein Vater war Vollkapitän in der Royal Navy.«

»Es war nicht meine Absicht, Ihre Loyalität infrage zu stellen, Mr Hayden. Wenn das so wirkte, bitte ich um Entschuldigung.«

»Keine Ursache, Mr Hawthorne. Ich war es, der das Gefühl hatte, eine Erklärung folgen lassen zu müssen.«

Hawthorne verbeugte sich kurz, blieb jedoch auf der Schwelle von Haydens Kabine stehen und schien nicht recht zu wissen, was er sagen sollte. Vielleicht hatte er ursprünglich die Absicht gehabt, Hayden etwas anzuvertrauen, anstatt den Titel seiner kurzen Abhandlung zu erwähnen.

»Wäre da sonst noch etwas, Mr Hawthorne?«

Der Leutnant der Seesoldaten machte Anstalten, etwas zu erwidern, lächelte dann jedoch bloß. »Nein, nichts, Sir.«

Als Hawthorne endlich in seiner eigenen Kabine verschwand, blieb Hayden nachdenklich stehen. Vielleicht würde Hawthorne sagen, was er auf dem Herzen hatte, wenn er Hayden besser kannte - so hoffte der neue Erste Leutnant jedenfalls.

Einige Zeit später legte sich Hayden in seine Koje, schlief jedoch lange nicht ein und lauschte auf die gurgelnden und platschenden Geräusche des Wassers und die leichte Brise, die in den Wanten wisperte.

KAPITEL FÜNF

Hayden wachte von einem fernen Flüstern auf.

»Doktor? Doktor Griffiths?« Der Nachdruck in der Stimme drang in Haydens Schlaf und zog ihn in die Wirklichkeit. Schließlich setzte er sich in der Koje auf, rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf.

Von der anderen Seite der Offiziersmesse vernahm er Griffiths' Stimme. Der Schiffsarzt schien nicht sonderlich erbaut zu sein, zu dieser Stunde geweckt zu werden. »Was ist denn?«, rief er.

»Es geht um Tawney, Sir. Eine Wache fand ihn im Kabelgatt. Er blutet und rührt sich nicht. Sieht ganz so aus, als sei er verprügelt worden, Sir.«

Hayden stand auf und zog sich Kleidung über.

»Herrgott noch mal …«, grummelte der Schiffsarzt, und Hayden hörte Schritte an Deck.

Der Erste Leutnant und Griffiths kamen zur selben Zeit aus ihren Kabinen und eilten sofort zusammen zum Orlopdeck. Der Soldat, der den Doktor geweckt hatte, lief voraus, eine Laterne in der einen, eine Muskete in der anderen Hand. Rasch nahmen sie die engen Treppenstufen und eilten weiter.

Bald sahen sie zwei schemenhafte Gestalten. Eine stand wegen der niedrigen Decke des Zwischendecks gebückt da und hielt eine Laterne hoch, während die andere halb von der Dunkelheit verschluckt wurde, die zwischen den Windungen der dicken Ankertrosse herrschte. Hayden stieg hinter dem Doktor über die wulstigen Taue und sah, dass Griffiths Augengläser aus der Tasche holte.

Ein Mann lag verdreht auf den dunklen Planken, schlaff wie ein schlafendes Kind. Der Mund war geschwollen.

»Wir haben ihn nicht angerührt, Doktor«, sagte einer der Männer. »Haben ihn so liegen gelassen, wie Sie es immer sagen.«

Griffiths überhörte die letzten Worte und tastete am Hals des Mannes nach dem Puls. Die anderen hielten den Atem an.

»Zumindest ist er noch am Leben. Haltet die Laterne näher heran.«

Die Laternen wurden nach unten gehalten und warfen ihr mattes Licht auf das blutüberströmte Gesicht des Matrosen. Die Haut war stark geschwollen und dunkelblau und rot verfärbt. Die geschwollenen Augen waren zu, der Kiefer seltsam verschoben.

»Wie heißt dieser Mann?«, fragte Hayden.

»Dick Tawney, Sir. Toppgast vom Vorbramsegel.«

»Wer könnte ihm das angetan haben?«

Niemand wusste darauf eine Antwort. Vorsichtig berührte der Schiffsarzt den Kopf des Mannes und drehte den Verletzten dann mit Haydens Hilfe auf die Seite.

»Ein Wunder, dass er nicht an seinem eigenen Blut erstickt ist«, stellte der Doktor fest und ließ sich seinen Zorn anmerken. »Laufen Sie nach achtern, Davidson, und holen Sie eine Liege aus dem Lazarett.«

Tawney stöhnte und regte sich. Griffiths hielt den Mann an der Schulter und der Hüfte fest und stützte ihn. Blut tropfte aus der zerschlagenen Nase und dem schiefen Mund. Augenblicke später kamen der Seesoldat Davidson und Ariss, der Assistent des Schiffsarztes, mit einer Trage zurück. Die Männer befolgten die Anweisungen des Doktors und hievten den Verletzten auf die mit Segeltuch bespannte Trage. Tawney murmelte unverständliches Zeug, bis sein Kopf schlaff zur Seite fiel.

Die Männer konnten unter den Deckenbalken nicht aufrecht stehen, hoben die Trage an und schoben sie über die Ankertrosse. Inzwischen waren Hayden und ein Matrose über die Taue geklettert und hielten die Trage. Tawneys Füße begannen zu zucken.

»Sind das schon die Todeszuckungen, Doktor?«, fragte der Soldat und war sichtlich entsetzt von dem Anblick.

»Nein. Sieht nach einem Anfall aus, von den ...

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