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Unter der Uniform geht’s weiter

Die Größe des Berufs besteht vielleicht vor allem darin, daß er Menschen zusammenbringt. Es gibt nur eine wahrhafte Freude: den Umgang mit Menschen. Antoine de Saint-Exupéry

Was bin ich? Diese Frage hat nichts mit dem einstigen Ratespiel von Robert Lembke zu tun? Eine ordinäre Hose, ein Hemdknopf? Die Lederjacke, die mir ständig im Nacken hängt, dass es schmerzt? Ein Staubkorn im Weltall? Das Leben – eine Ehre, ein Schicksal oder eine Bürde? Es ist auf irgendeine Weise unglaublich. Befremdlich, bisweilen zutiefst traurig, kommt es daher. Freud und Leid liegen nicht nur dicht beieinander, sondern über- und untereinander. Verbinden sich zu Chaos, zu Unbeherrschbarkeit, zu Fassungslosigkeit. Mittendrin Menschenkinder zwischen Verpflichtung, Hingabe und Aufgabe. Funktionierend und hoffend. Zwischen Albtraum und Wirklichkeit, zwischen Traum, Wunsch und Liebe.

Hans konnte nicht kommen. Warum, wurde mir später erst klar. Miro war nicht da. Meine Mutter, die kam. Sie traute sich in die Stadt. Sie schwang sich mit ihren über achtzig Jahren aus dem Taxi. Lange hatte ich sie nicht mehr im Kostüm gesehen. Meine Güte, wie schneidig sie aussah. Das dunkle Lila passte wunderbar zu ihrem hellgrauen, fast weißen Haar. Die Ohrclips waren als kleines Detail herausragend. Sie hielt eine schlichte Blume in der Hand, ohne Schnickschnack. Der leichte Wind schüttelte die Blüte sanft hin und her. Vielleicht waren es eigentlich ihre zitternden Hände, die sie bewegten. Die Blume drückte all ihren Stolz aus, ohne dass Worte nötig gewesen wären. Überwundene Ängste drückte sie aus. Sie war lange nicht mehr alleine in der Stadt gewesen. Den Stolz der überwundenen Ängste überreichte sie mir mit einem Lächeln und strahlenden Augen, in denen ich Anspannung über das Geleistete sah. Gerne hätte ich diesen Moment eingefroren.

Eine gewisse Leichtigkeit und Eleganz machten sie um vieles jünger. Natürlich nicht wirklich, doch gefühlt ein paar Jahre. Wie lange wird sie mir erhalten bleiben? Wer weiß, ob es nicht unsere allerletzte Begegnung war? Kaum auszumalen, bei unserem nächsten Treffen an ihrem Grab zu stehen, Erde und Blumen nachzuwerfen und zu weinen. Ich weine nicht gerne. Um meine Mutter eines Tages trauern zu müssen, ist für mich heute unvorstellbar.

Es fallen Tropfen. Wie so oft treffen sie erst in großen Abständen einzeln irgendwohin. Hier bei mir treffen sie auf Blätter und einen Sack Blumenerde hinten in der einen Ecke des Gartens. Aus einzelnen dunklen Wolken ist binnen Minuten eine dicke Wolkendecke geworden. Die Welt geht unter. Wieder einmal. Ich zähle nicht mehr mit, wie sich in diesem Sommer heiße Tage in Unwettern entladen, Straßen überschwemmen, Gullydeckel anheben, Keller volllaufen. Der Mensch und Mutter Erde, seine Mutter Erde. Sie hat begonnen, Grenzen aufzuzeigen.

Die alten Turnschuhe stehen neben mir. Sie stinken vor sich hin. Wütend schmeiße ich sie hinaus auf den Rasen. Das Bier läuft eiskalt meine Kehle hinunter. Ich will nicht nachdenken über die Probleme dieser Welt, schon gar nicht über die meiner kleinen Welt. Die ganzen Toten in Afghanistan, die Hungernden in Somalia, die Hochwasseropfer in China, die Sextouristen in Thailand… Heute Abend denke ich nicht. Die Hosenbeine sind auf halb acht gekrempelt. Ein bisschen kommt mir das Leben leichter vor. Zwischen den Zehen pule ich Relikte der schwarzen Socken hervor. Ich rolle sie zu kleinen Kugeln und weiß nicht, wohin mit ihnen. Ich lasse sie in die leeren Bierflaschen fallen.

Wie damals habe ich mindestens jedes zweite Etikett mit den Fingernägeln mit Fratzen versehen. Meine allerliebste Lieblingsbiermarke verwendet nur noch Papieraufkleber. Die sind für solche Zwecke ungeeignet. Umweltschonender sind sie. Umweltbewusstsein hin oder her. Ich hätte die aus Alupapier trotzdem gerne wieder. Für die Gesichter und den Unmut. Was soll’s? Im Vergleich zum allgemeinen Chaos sind diese Probleme Peanuts. Schlichte Fusseln eben und belanglose Etiketten.

Ausfallerscheinungen tun sich auf. Ich kann kaum geradestehen und wanke über die Holzbohlen der Terrasse. Es ist fantastisch, wie die nachgeben. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das schwankende Gleichgewicht dem Seegang zuschreiben. Es ist der innerliche Seegang durch Alkohol und einen seit Jahren nicht gepflegten Garten.

Die letzten Stufen stolpere ich hinunter. Das geht gerade gut. Barfuß wate ich im Gras hin und her, strecke die Füße in die milde Nachtluft und versuche, auf einem Bein wie ein sterbender Schwan die Balance zu halten. Es muss voll bekloppt aussehen und weil ich mich derart fühle, verfalle ich in ein absurdes Gelächter. Plötzlich habe ich das Gefühl, ich kann nicht aufhören. Ich bekomme Panik. Ich werde tatsächlich bekloppt.

Schließlich falle ich und bleibe total besoffen liegen. Murmele dabei und glaube, dass ich aus voller Kehle singe. Im Gesicht landen die Regentropfen. Auf meinen Füßen sind sie auch.

Es muss früh sein. Oder spät. Zumindest fühle ich mich wie der letzte Regentropfen, der neben mir auf einem Blatt verweilt. Bald verliert er die Konturen unter seinem Gewicht. Das Blatt wird nachgeben. Ich bekomme ihn nicht schärfer gestellt, bevor er runterkullert. Nichts im Garten bekomme ich schärfer vor die Augen. Im Gehirn nicht, dabei ist mir noch nicht einmal richtig schlecht.

Aus dem Wohnzimmer blicke ich zurück ins Chaos. Gerade jetzt besser als zurück ins Leben. Kräuterpflanzen und Obstbäume leuchten mittlerweile viel zu hell in der Sonne. Bierflaschen reflektieren die Sonnenstrahlen und machen das Licht noch gleißender.

„Komm“, rubbelt jemand meine Haare trocken. „Komm her, lass dich festhalten.“

Die Fürsorge habe ich nicht verdient. Ich habe Mundgeruch ohne Ende. Ich träume. Ich stinke wie – na ja, den Vergleich würde ich mir eigentlich lieber ersparen – eine Kuhherde aus dem Allerwertesten. Mir hilft jemand aus dem nassen Hemd. Zärtlich und einfühlsam, ohne zu schimpfen. Jemand wischt den Regen aus meinem Gesicht. Ich weiß nicht, ob es geregnet hat.

Wer ist der nackte Mensch in der Fensterscheibe? Ich habe ihn nie zuvor gesehen. Er ist kurz vorm Hinschlagen. Ich stecke in einem Bademantel. Der Fremde macht mir Höllenangst. Es riecht nach Frühling. Plötzlich stülpt sich eine Kapuze über meinen Kopf. Auf einen Schlag ist es zappenduster. Mir wird schlecht.

Schließlich finde ich mich in fremden Armen wieder. Irgendwo zwischen Nirgendwo und Sofa. Ich sehe Wassertropfen auf dem Parkett vor einer nicht enden wollenden Dunkelheit der Nacht. Die Tropfen, sie verdunsten langsam in einem Déjà-vu. Nie mehr will ich von hier weg. Nichts mehr leisten müssen, vor allem nie wieder saufen. Das große Glück wartet auf mich. Ich muss es nur noch finden. Finden fängt mit einer Suche an.

EIN TAG

EINS

Eine x-beliebige Nacht von Sonntag auf Montag. Ein warmes, arbeitsreiches Wochenende im Ausklang. Die ersehnte Ruhe kehrt langsam ein. Das Wenige, was wir sehen, kennen wir schon. Wilfried, den Zeitungsausträger, seit Jahren ohne Licht mit seinem schwer beladenen Fahrrad durch die Straßen gondelnd, von Zeitungsröhre zu Briefkasten zu Zeitungsröhre. Das, was wir sehen, ist normal. Hans ist im Begriff eher Schluss zu machen. Er schleppt seinen Aktenordner zum Schrank. Er sieht müde aus, fünfzehn Minuten hinter seinem Zeitplan.

Zwei Stunden noch. Zwei Kollegen schieben sich im Büro unüberhörbar Stühle zusammen. Der eine schnarcht bald, der andere ruht. Vier Beine hoch. Ein anderer sitzt am Computer und das Klackern seiner Finger auf der Tastatur ist monoton. Klick, klick, klick, klack. Thilo arbeitet, schreibt einen Bericht zu einem Diebstahl aus Spind Nr. 119 im Freibad zu Dienstbeginn.

Ich plumpse auf den alten Drehstuhl direkt neben dem Funkpult. Andreas sitzt am Arbeitsplatz mir gegenüber und guckt in eine der Zeitungen, die Wilfried gerade eben mit seinem ,Moin, Jungs‘ wie jeden Tag seit zwanzig Jahren zielsicher vor die Tür warf. Sein Salut ist bedenklich dicht an den dunklen Seiten der deutschen Geschichte. Andreas fällt ständig der Kopf auf die Brust. Was machte ich eigentlich? Ich erinnere mich an mühsames Öffnen schwerer Panzerglasfenster früher in der Nacht. Aber genau in jenem Moment? Die Tageszeitung. Der Stadtkurier. Stille beim Lesen. Eine herrliche Ruhe, die ich während der Streifenfahrt zutiefst genoss. Diese Ruhe, die Wohligkeit des baldigen Schichtendes. Die erlaubte Träumerei vom Bett, vom Schlafen, vom Liegen.

Der Knall. Das Geräusch ruft sich heute problemlos, schnipp, in Erinnerung. Unsicherheit lässt mich erstarren. Die aktuelle Zeitung liegt auf meinen müden Oberschenkeln. Beklemmungen, die weggehen müssen. Sich ruckartig bewegende Striche in Reihen und Kreisen angeordnet, wie Stäbchenbakterien unter dem Mikroskop, in Hellrot. Die umspringenden digitalen Zahlen: 05: 01, 05: 02. Ich muss damals zur Uhr gesehen haben. Das werde ich wohl gemacht haben: zur Uhr gesehen.

Hallend höre ich Gegenstände auf Böden fallen. Ich höre ein Rieseln, ich höre Nachgeräusche. Wir rätseln, bis zwanzig Sekunden später ein Notruf aus der Gemeinde Heuhausen meine, unsere Spekulationen klärt. Zum Teil jedenfalls.

„Das Dorfhotelist in die Luft geflogen!“ spricht er ruhig mit Blick aus dem Schlafzimmerfenster. „Mein Schlafzimmer hat dunkelblaue Vorhänge … Heinrich Heine…“. Ein konfuser Wortschwall.

Heuhausen also. Später maß ich nach. Für die Einordnung der Sinne, für die Überprüfung einer Wahrnehmung, für eine Verarbeitung. Eine der Karten aus dem Internet sagt, zwischen unserer Wache und dem Dorfhotel über Fleete, Wiesen, Ackerland sind fünf Kilometer Luftlinie. Von diesem Fleck Erde ist die Explosion eines Hotels dermaßen geräuschvoll, klingt so intensiv und gewaltig, als würde auf der Hauptstraße vor der Wache ein gewöhnlicher Fahrradreifen explodieren.

„Das Dorfhotel, habe ich richtig verstanden?“

„Mögen Sie Heine? Hören Sie das Schreien?“

Andreas soll sich Thilo schnappen und losfahren. Andreas zögert. Er zögert für die Situation unglaublich lange. Er will nicht alleine zu einem gerade eben explodierten Hotel fahren. Damit hat er keine Erfahrung. Haben wir alle nicht. Ich reiße ihn mit barschen Worten aus seiner Trance. Ich werde fast beleidigend. Während ich mantraähnlich sage und sage und sage ,Du bist nicht allein‘, reißt Thilo ihm die Schlüssel aus der Hand, zerrt ihn wie einen Delinquenten am Oberarm mit sich. Hans rennt durch die Wache, sein Diensthemd halb aus der Hose.

„Was ist das denn jetzt für eine Scheiße?!“ und direkt zu mir: „Du bleibst drin!“

Ich bleibe und registriere im Stillen die Einsamkeit auf der Wache. Alle andren sind draußen. Ich spüre mein Gesäß auf dem Drehstuhl. Nichts dreht sich. Draußen in Heuhausen läuft alles nach Plan. In der Wache geht nichts nach Plan, zumindest nicht nach meinem. Ich bin immer noch alleine. Von null auf hundert, von Träumerei zur Realität strömt die Belastung über mich. Telefon um Telefon klingelt, pausenlos, lärmend, wie ein penetranter Wecker, der sich nicht ausstellen lässt. Lärm, der mich stresst. Eins nach dem anderen, wie sonst auch.

In Heuhausen gucken Andreas und Thilo, Hans und die anderen Kollegen auf ein gespenstisches Bild bei Nacht. Flammenschein und Wärme. Die gesamte rechte Hälfte des alten Hotels, eine Dreißig-Zimmer-Prachtvilla, ist wie ein Kartenhaus aus Kreuzbube und Herzdame, aus Pikass und Karoneun als Spitze, in sich zusammengefallen.

Feuer, Rauch und Staub, freigesetzt aus altem, geschichtsträchtigem Gemäuer. Junge, schlanke Beine unter den Trümmern. Zudem ein Paar alte Beine des ortsansässigen Arztes. Er krabbelt, um zu helfen, unter Trümmerteile. Wenn die ein Stückchen nachrutschen, wird Herr Lampe auch Opfer, seine Knochen zertrümmert. Es wird weiteres Unheil entstehen.

Die erste Zwischenbilanz ist nach einer knappen Stunde traurige Gewissheit. Das Fernsehen ist vor Ort. Vier Menschen geborgen, tot. Drei weitere Menschen Polytraumen. Herrn Lampes schreiender Patient ist einer davon. Herr Lampe überlebt.

Die Ermittlungen formen sich zu einem Bild menschlicher Abgründe. Geisterartige Porträtbilder bei Tag. Es ist ein zierlicher Neunzehnjähriger, der die Verantwortung für den Tod von Menschen übernimmt. Welch Auftrag? Welche Befolgung!? Welche kleine Handbewegung, welch minimale Manipulation an der Gasleitung unten im Keller einer Villa?

Der Hotelbetreiber reist für die Tatzeit, für ein besseres Alibi, nach Asien. Es geht kaum weiter weg. Er manipuliert nicht an Gasleitung, sondern an einem Menschen. Er schraubt an ihm, bis er das tut, was er selber nicht macht. Sollten ihn tatsächlich nur die von der Versicherung erwarteten Gelder motiviert haben? Eine Versicherungssumme, schwindelerregend, für die nicht nur die Polytraumen und Leichen aus dem Hotel nach Asien hätten fliegen können – First-Class und all inclusive. Der geplant überlebende Mensch handelt berechnend, dass er ein Hotel für ausgebucht erklärt, damit wenigstens nicht allzu viele Seinesgleichen ihre Leben lassen. Was geht in solch einem Kopf vor?

Den sieben Gästen, jene, die früh gebucht hatten, vermochte er nicht abzusagen. Zu verdächtig wäre es gewesen. Durchaus. Verdächtig skrupellos gegenüber Leben anderer Menschen. Eine Entscheidung über Leben und Tod. Für Geld oder keines. Lebensbeendend für vier Menschen auf Urlaubsreise in Heuhausen. Aus einem Traumurlaub in Asien geht’s in die deutsche U-Haft.

Heute ist das Gelände des ehemaligen Dorfhotels ein asphaltierter Parkplatz. Der wird später einmal eine Rolle spielen. Vielleicht ist der Fleck Erde einer gewissen Bestimmung unterlegen und ich weiß davon nichts. „Warum bist du wieder so spät, Idiot?“ überschlägt sich die Stimme meiner Tochter, als ich zu Hause eintreffe. Meine Schuhspitze ragt gerade mal ein kleines Stück über die Schwelle hinweg. Das Schlüsselbund baumelt in der Haustür, von außen wohl bemerkt. Immer langsamer das Pendel. Eigentlich bin ich noch gar nicht zu Hause angekommen.

„Ich kann nichts dafür!“, schreie ich. Dabei hatte ich mir vorgenommen, nicht immer sofort loszubrüllen. Nächstes Mal bekomme ich es hin.

„Ich hasse dich, Papa“, legt sie auf dem Weg ins Zimmer nach. In der Lautstärke hat sie mich erheblich übertroffen. Wie eine Furie tobt sie davon.

Dann knallt die Zimmertür. Ein stürmischer Windzug folgt. Ich ahne, dass ich dieses pubertierende, dreizehnjährige Wesen bis heute Abend nicht mehr sehen werde. Hätte mir jemand vorher gesagt, dass Kinder so werden können, ich hätte es gelassen. Sie sind nicht nur süß, schnuckelig, lachend, drollig und lebensfüllend. Meine Tochter ist ein Albtraum meiner schlaflosen Nächte. Und weiß Gott nicht nur das. Sie bringt mich eines Tages um den Verstand. Wenn nicht sie, dann ihr kleiner Bruder.

Brüllen finde ich nicht toll. Im Prinzip verachte ich es. Es ist für mein Lebensalter unreif und dadurch inakzeptabel. Wie überall gibt es jedoch Ausnahmen. Meine Toleranzschwelle hat sich in den letzten Jahren aus verschiedensten Gründen immer wieder um ein bisschen nach unten bewegt. Manchmal erkenne ich mich selbst nicht wieder. Ist es Frust? Ist es Erschöpfung? Ist es das Alter? Ich bin ratlos. Es gibt Ursachen. Das ist mir klar. So wie sie kommen, werden sie wieder verschwinden.

Der Rucksack gleitet von den Schultern. Mit einem Plumps fällt er auf die seit Monaten nicht gewischten Fliesen. Der Kram meiner beiden Kinder, der sich kreuz und quer stapelt, beläuft sich auf benutzte Taschentücher, Brotdosen, Zeitschriften, Schokolade und einiges mehr. Die gewienerten Einsatzstiefel feuere ich zu den Fußballschuhen. Der eine fliegt bis zum Bad. Der andere bleibt an Uromas hässlichem Schirmständer hängen. Zu den ganzen Dingen gesellen sich Rasenreste. Grashalme, die der Kleine jedes Mal nach dem Training mit nach Hause bringt. Es ist grün bei uns in der Butze, wenigstens nicht steril. Es ist ein durchschnittlicher Tag und er ist nicht zu Ende.

Heute ist es später geworden, weil Herr Kulle mit seiner Piper-Alpha eine Sicherheitsaußenlandung auf dem Feld neben der Stadtautobahn hingelegt hat. Den Begriff hatte ich bis zu Herrn Kulles Aktion nie zuvor gehört. Eines der Bonbons in unserem Job, die permanente Wissenserweiterung in sämtlichen Fachrichtungen. Seine Landung war absolut außerplanmäßig. Irgendwie fielen die Instrumente des Flugzeuges aus und er verschwand samt seiner Piper-Alpha vom Radar des nahegelegenen Flughafens.

Herr Kulle hat seinen Namen in dieser Geschichte aufgrund seines Aussehens. Er ist etwa ein Meter und fünfundsiebzig groß und untersetzt. Er trägt keinen Bart und keine Brille. Er ist Mitte sechzig und gilt als erfahrener Pilot. Er trägt Trekkingschuhe, Jeans und ein blaues, langärmeliges Hemd.

Die Leitstelle hatte den Rettungshubschrauber losgeschickt, um nach Herrn Kulle, von dem alle glaubten, er sei längst mit seinem Flieger in Flammen aufgegangen und bis zur Unendlichkeit verkohlt, zu suchen. Als Herr Kulle zur Notlandung ansetzte, waren es über dreißig Grad und das trockene Gras an den Ackerrainen hätte locker anfangen können zu brennen. Doch weder von Feuer dort noch in der Maschine war etwas zu sehen und Herr Kulle bis auf leichte Schocksymptome wohlauf.

Er wollte am liebsten alleine bleiben. Das ging nicht, weil ihn nahezu alle anwesenden Menschen umlagerten und Fragen stellen mussten und wollten. Wir mussten, die Presse wollte. Herr Kulle war verschwitzt und trotz der Hitze blass im Gesicht. Meine Kollegin und ich knallrot. Die Sonne ballerte gnadenlos vom Himmel. Weit und breit kein Schatten, nur unter den Tragflächen von Herrn Kulles Flieger. Da konnte keiner von uns stehen. Ich bin nicht sonderlich groß, aber so klein bin ich wiederum nicht.

Bei den heißen Temperaturen dieses Sommers ist es ein ausgesuchtes Geschenk, vergnüglich in dunkelblauer Uniform und Schutzweste vor sich hin zu schwitzen. Literweise alkoholfreies Flüssiges in sich hineinzuschütten und trotzdem nicht pinkeln zu müssen. Kleine bewaffnete, durch die Revierwelt tingelnde, anatomische Wunder in Uniform.

Die Piper-Alpha startete Herr Kulle zusammen mit seinem Fliegerkumpel, der ihn später auf dem Revier abholte, am selben Tag nach Einholung einer Sonderstarterlaubnis von dort, wo er gelandet war. Den holprigen Start auf dem unwegsamen Acker hätte ich gerne gesehen. Zu dem Zeitpunkt war ich im Feierabend und zu Hause.

Weder diese Geschichte noch das mit dem unangenehmen Schwitzen brauche ich den Kindern zu erklären. Sie sehen die Dienstberichte meistens als Ausreden. All das, was ich mit dem Dienst verbinde, Unannehmlichkeiten und Freude, ist für sie kein Thema. Es interessiert sie kaum. Für sie habe ich einen Job wie jeder andere. Wenn sie bei ihren Freunden Eindruck schinden wollen, prahlen sie allerdings mit meinem Polizistendasein und den spannenden Geschichten.

Im Grunde genommen ist es nicht wahnsinnig verkehrt, wie sie es machen. Es ist tatsächlich ein Job wie jeder andere, nur irgendwie anders mit ein paar Eigenheiten. Wie die Jobs der Notärzte, der Bestatter oder Feuerwehrmenschen und so weiter. Soziale Berufe tendieren generell zu menschlichen Unglaublichkeiten.

Bestatter würde ich zwar nicht unbedingt als sozialen Beruf sehen. Sie kommen jedoch ebenfalls mit menschlichem Elend in Berührung. Mehr als viele andere. Sie tragen es durch die Gegend. Bahren es auf, waschen es und mehr. Sie packen es an. Sie packen den Tod an, schleppen ihn in Säcken und Kisten. Sie sind hautnah am Tod und am Menschen. Sie sehen nackte Körper und erblicken Dinge, die vergessen werden müssen. Damit haben sie etwas mit Polizisten gemein.

„Wir müssen los!“

Das stimmt. Binnen der nächsten Minuten müssen wir zum Training. Ich wünschte, der Rasen wäre dichter an unserem Zuhause. Ich wünschte, er könnte wie zu alten Zeiten mit seinem Freund Felix mit dem Rad fahren. Jonas’ Freunde, die ihm nach dem Umzug zum großen Teil erhalten geblieben sind, sind jetzt keine Nachbarskinder mehr. Mit dem Umzug ist ein Stück Bequemlichkeit verloren gegangen. Dass das so kommen würde, wusste ich vorher. Wie sehr es mich irgendwann nerven würde, ahnte ich. Ich glaubte, ich würde mich daran gewöhnen können.

Soll ich meinen Sohn von seiner Leidenschaft abmelden? Ihm die Freude nehmen, weil es mir gegen den Strich geht und ich lieber auf dem Sofa abhängen würde? Dösend mit einem Halben und guter Mucke. Am liebsten ja. Fair wäre es nicht.

Trotz Stress und meinetwegen gelegentlicher Überforderung ist es unbegreiflich, wie Eltern Kinder misshandeln, sie hungern lassen, ihnen Verbrennungen zufügen, sie einsperren können. Unbegreiflich ist vielleicht das falsche Wort. Ich kapiere durchaus, wie man so handeln kann. Das Alter, die Reife, der freie Wille, die eigene Kraft und Liebe verbieten es, auf kleine Geschöpfe einzuprügeln, sie zu Tode zu schütteln, sie verwahrlosen zu lassen oder ihnen kein Essen mehr zu geben.

Ich gehe davon aus, dass sein Leben mit meinem Samen begann. Er ist durch meinen Akt entstanden, aus meinem Körper, mittels meiner Höhepunkte. Selbst wenn nicht. Er ist zart, jung, wehrlos, unschuldig. Mir gegenüber, dem Leben und der Welt. Seine Begeisterungsfähigkeit ist grenzenlos. Das Leuchten seiner Augen ist eine wahre Freude, die alles andere in den Schatten stellt. Jeder angedachte Schlag, jeder Klaps, jede Ohrfeige wäre ein Angriff auf die Seele. Der erwachsene Verstand hat konsequent die Hand vor jeder Vollendung zu bremsen.

Ebenso wenig begreife ich den sexuellen Missbrauch an Kindern, egal welchen Geschlechts. Ich kann die Lust von Erwachsenen an Kindern rein gedanklich nachvollziehen. Das geben meine Gehirnwindungen her. Es sind erwachsene Menschen, die nicht in der Lage sind, Impulse zu bremsen und zu steuern. Ich schäme mich nicht dafür, dass ich keinen Ekel empfinde wie Kollegen, wenn sie über Pädophile lesen oder von ihnen sprechen. Immerhin reden wir über Menschen, wie wir welche sind.

Sind sie deswegen alle gestört? Sind sie wirklich alle gestört? Sind sie schwach, gleichgültig oder egoistisch? Auf der anderen Seite sehe ich die zarte Haut, das zierliche Geschöpf. Münder, die zu klein sind für erigierte Penisse. Auf der anderen Seite sind Hintern und Scheiden, die nie genug Platz bieten, egal, wie wenig ausgestattet Mann ist. Was geht in den Tätern vor, was in den Opfern? Der Spaß, der Trieb, die Lust als Spiel verkauft? Versprochene Belohnungen für Anfassen und Schmusen? Online-Geschenke für ein bisschen Ausziehen?

Die Augen kann ich vor diesen Taten nicht verschließen. Ich will es nicht. Das, was ich sehen muss, gehört zum Job. Und mein Job gehört zu meinem Leben. Fahndungsbildern widme ich meist flüchtige Blicke. Es gelingt mir selten, in die Augen der Kinder zu sehen, deren Geschlechtsteile verpixelt sind.

Turnusmäßig ziehen diese Bilder per E-Mail an mir und meinem Dienstrechner vorbei und geben Denkanstöße. Die Gedanken gehen in die verschiedensten Richtungen. Sie hangeln sich von Ängsten um meine Kinder zu Gedanken an den Täter Mensch. Sexuelle Lust an Kindern findet sich in allen Schichten und Altersklassen. Erleichtert Reichtum den Zugang, verbessert er die Qualität?

Gedanken gehen auch zu speziellen Täterprogrammen. Der Mensch kann sich melden, bevor er wieder zum Täter wird. Melden sollte er sich, wenn der Druck zu groß wird. Eine gute Idee. Die Bereitschaft, den Lüsten nicht nachzugeben, ist Grundvoraussetzung. Eine schwere, eine große Hürde stellt sie dar. Wer gibt schon gerne zu, Hilfe zu benötigen, um etwas widerstehen zu können, was einfach erscheint? Viel leichter erscheint es, vor sich selbst nachzugeben, sich in den Lüsten treiben zu lassen und das zu rechtfertigen. Warum sich nicht dem Genuss der Befriedigung hingeben, anstatt sich ihm krampfhaft zu widersetzen und nach Alternativen zu suchen?

Wenn es einmal gelingt, gelingt es vielleicht öfter. Wenn die Neigung einen greifbaren Ausdruck bekommt, bekommt sie ein Gesicht. Es sind Gesichter von Menschen, mit denen ich reden würde, um sie besser zu verstehen. Wahrscheinlich müssen sie sich erst einmal selbst verstehen, um zu begreifen. Doch vielleicht tun sie es bereits lange, leben damit, weil sie sich arrangiert haben. Sie haben sich eingerichtet, an Spielplätzen zu stehen oder im Schwimmbad zu gaffen. Die Kinder haben es nicht gewollt. Sie wollten den Lolli, das Spielzeugauto oder den Teddy, aber nicht um diesen Preis.

Ich weiß zu wenig, um alles zu verstehen. Jeder ist anders. Kein Mensch gleicht dem anderen. Kein Pädophiler gleicht dem anderen. Ich weiß zu viel, um loszulassen. Habe zu viel gesehen, um mir keinerlei Gedanken zu machen.

„Papa!“ rüttelt Jonas mich auf.

Er klopft auf eine imaginäre Uhr am Handgelenk und drängelt. Er liebt die Pünktlichkeit. Er ist beinah pedantisch in allem, was er macht. Hat er das von mir? Ich müsste mal meine Mutter fragen. Manchmal denke ich, es wäre längst an der Zeit, meine Mutter nach vielem zu fragen, was ich bisher nicht weiß. Über mich, über unsere Familie, über sie. Ich sollte sie fragen, bevor es eines Tages zu spät ist und ich mit unbeantworteten Fragen alt werde.

Was meine Pünktlichkeit angeht, sehe ich immerhin zu, nicht zu spät zum Dienst zu kommen. Wenigstens nicht allzu oft. Bei Terminen mit meinen Kindern empfinde ich diesen inneren Drang kaum. Es ist einfacher, mich ihnen gegenüber zu rechtfertigen als gegenüber meinem Chef. Die Widerstände bei den Kleinen sind gering. Ich habe das Sagen. Sie sind abhängig. Ihr Ärger verfliegt meist schnell. Ansonsten, ja, ansonsten, es gibt kein ansonsten. Ich habe ansonsten keine Verpflichtungen. Ich spiele nicht im Verein, habe keinen Stammtisch. Ich weiß, dass mir jede andere Verpflichtung spätestens nach einer Woche über den Kopf wachsen würde. Eigentlich will ich meine Ruhe. Will keine anderen Menschen um mich, die mich nerven. Keine Menschen, die mir nach kurzer Zeit derart auf den Keks gehen, dass ich mir wünschte, ich hätte sie nie kennengelernt. Ich bilde mir ein, dass mir auf der Arbeit genug Menschen begegnen. Es sind nicht soziale Kontakte im eigentlichen Sinne. Aber es sind immerhin Kontakte, die mich nicht vereinsamen lassen.

Jonas nölt und nölt. Die Reizschwelle sinkt. Und das nach dem ohnehin bescheidenen Empfang zu Hause. Er schlingt die allerletzten Nudelkissen herunter, hängt dabei fast waagerecht über dem Teller. Seine Nasenspitze muss noch etwa zehn Zentimeter überbrücken, bis sie den Tellerrand berührt. Zu allem Überfluss wischt er sich mit dem Ärmel die Tomatensoße vom Mund. Es ist typisch. Kindlich, normal, sorglos.

„Iss langsam!“

Kaum habe ich die Worte ausgesprochen, komme ich mir dämlich vor. Nicht nur heute bin ich für die Verspätung verantwortlich – wegen der Umstände, Herrn Kulle, der Arbeit, der Kollegen, der Welt und so weiter. Aber auf keinen Fall sind es Jonas und Hannah.

ZWEI

Rolf, einer meiner Brüder, hat es gepackt. Er war Polizist. Als junger, als Frischling, war er im Einsatz bei einer Großdemonstration. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände rumorten lange in ihm. Schließlich hängte er die Uniform an den Nagel und studierte. Entschlossen, wie ich ihn bis dahin nicht kannte, wurschtelte er sich durch das Kündigungsdilemma bei der Polizei, schlug sich von Semester zu Semester durchs Studium. Okay, das Physikum musste er wiederholen. Aber meine Güte, wen interessiert das heute?

Der Weg, den er gegangen ist, bedeutete Mut, Disziplin und ein Festhalten an einem selbst gesteckten Ziel. Heute hat er zusammen mit seinem alten Schulfreund Bertram eine Gemeinschaftspraxis auf dem Land. Wenn sich bis heute nichts geändert hat, läuft sie gut.

Hinter der Anmeldung hängen seine alte Polizeimütze und zwei Schulterklappen. Sie passen da nicht hin. Sie wirken fremd zwischen den Gerüchen von Desinfektionsmittel und Sterilität. Sie wirken dreckig zwischen dem ganzen Weiß. Sie sind Fremdkörper wie Fleischreste zwischen Zähnen, wie Fischgräten im Zahnfleisch.

Er hat mitunter Polizisten als Patienten. Er würde nicht zurückwollen. Er hat eine intakte Familie und die Kohle für ein richtig hübsches Au-Pair. Sie ist nicht meine Altersklasse. Gleichwohl ist sie schneidig und sie ist volljährig. In der Hinsicht stünde nichts zwischen uns. ,‘Ne richtig scharfe Braut‘, würde Thilo sagen. Ich finde sie nicht scharf in diesem gewissen Sinne. Ich finde sie unheimlich weiblich, weich in ihren Formen. Sie hat zauberhaft makellose Haut und einen dunklen Teint.

Ich wäre nicht abgeneigt, für eine Nacht, einen Augenblick, alles fallen lassen. Bedingungslos geliebt zu werden. Es wäre ein Augenblick des vergessenen Glücks.

Auch ich bin gelegentlich Rolfs Patient. Mein Bruder fühlt mir auf den Zahn. Er sieht in meinen Mund. Er sieht direkt ins Innere. Er sieht Dinge, die er als Bruder nicht sehen sollte. Sagen tut er nichts. Ich kann zwischen seinen Fingern und den Werkzeugen im Mund ohnehin nicht sprechen. Er neigt dazu, besonders viel zu fragen, wenn ich nicht reden kann. Das muss entspannend sein: fragen, ohne Antworten hören zu müssen.

Unsere Eltern hätten gerne gesehen, wenn Rolf Polizist geblieben wäre. Sie trauten Rolf das Studium nicht zu. Sie sahen ihn aus der Gesellschaft abrutschen, wollten vermeiden, dass Rolf vom Weg abkommt und das auf sie zurückfällt. Unsere Mutter verliert über ihre Sicht unserer Berufswahlen seit Jahren, eigentlich seitdem Vater tot ist, nicht mehr viele Worte. Sie sagt nur, dass sie stolz auf das ist, was aus uns allen geworden ist. Das und Was bleiben unklar. Das Wort ,nur‘ ist in diesem Zusammenhang eine Herabwürdigung ihrer Liebe, die sie uns schenkt. Sie würde uns lieben, egal welchen Weg wir gewählt hätten. Trotz aller vorherigen Zweifel und Bedenken.

Und ich? Vielleicht hätte ich den Absprung schaffen sollen. Doch dann hänge ich zwischen Frühdienst und Nachtdienst einen Tag lang ab, genieße, dass die Kinder bei ihrer Mutter sind. Ich aale mich im Dasein des Nichtstuns und wüsste, ich wäre viel zu faul gewesen, das durchzuziehen, was Rolf getan hat. Heute ist der Zug abgefahren. Er ist längst angekommen, wo ich nie sein werde.

Mein persönlicher Brokdorfeinsatz war einer von drei Atommülltransporten ins Wendland. Am ersten Tag wurden mir mit Flaschen, Holzlatten und Steinen beworfen. Beschottert wurden wir. An meinen Helm prallten mindestens zwei Steine. Der Helm hatte, als ich ihn damals in der Kleiderkammer zugeteilt bekam, neben den vielen Kratzern eine alte Blutspur rechts oben über dem Visier. Ich ahnte zu dem Zeitpunkt nicht, dass der Helm mit meinem Kopf darunter nochmals derart leiden sollte. Diese Zeiten hielt ich in Deutschland, naiv wie ich war, für vorbei.

Am zweiten Tag regnete es in Strömen. Der Bahndamm war glitschig. Martin und ich mussten, wie die anderen aus unserem Zug, im Zweierteam die Demonstranten von den Gleisen tragen. Von den Gleisen bedeutete zudem den moderigen Bahndamm hoch. Nach dem ersten jungen Menschen, einer, wie wir sie waren, hatte ich die Schnauze schon so was von voll. Der fünfunddreißigste oder wievielte auch immer, wir hatten längst aufgehört zu zählen, war ein Bundestagsabgeordneter der Grünen. Ich schnallte das gar nicht. Mein Hirn hatte ich bei der stupiden Tätigkeit (wir hatten es immerhin mit Menschen zu tun) abgeschaltet. Erst als Martin ihn mit Herr XY anredete, war ich wieder bei dem, was wir taten. Dass Martin noch ein süffisantes ,Sie auch hier?‘ hinterher schob, brachte mir ein Lächeln auf die Lippen.

Ich brachte dem Abgeordneten bei all meinen Mühen etwas Respekt entgegen, ohne es ihm zu sagen. Im Fernsehen, in den Nachrichten, sehe ich die Politiker für gewöhnlich aus den fetten Staatskarossen aussteigen und vom Auto zum Bundestag schlendern. Diese Passage wird gefilmt und gezeigt. Dass dieser hier bei dem schlechten Wetter auf den kalten Schienen saß und demonstrierte, machte ihn beinah sympathisch. Mit dem durchnässten Haar und dem Matsch an den Trekkingschuhen hatte er nichts mit dem Bild aus dem Fernsehen überein. Schwer war er. Nicht schwerer als die anderen, nicht der schwerste, aber schwer.

In der Nacht danach wurden Martin und Helmut krank. Das Fieber stieg binnen Stunden auf knapp vierzig Grad. Sie hatten sich was eingefangen, von dem wir nicht wussten, was es war. Zunächst vermuteten wir wegen der nasskalten Witterung den Ausbruch einer Grippe. Tage später, als immer mehr erkrankten, zeichnet es sich ab, was es war. Es waren Legionellen, die uns krank machten. Die kamen anscheinend aus der Wasserversorgung der bis dahin seit Jahren nicht genutzten, völlig heruntergekommenen Kaserne.

Es zog durch die Fenster. Es klapperte an allen Ecken und Enden. Die alten Spinde fielen fast auseinander. Unsere Zimmertür schloss nicht. Die Matratzen, wenn das, auf dem wir schliefen, dieses Wort verdiente, waren ranzig und klamm, dass wir trotz mitgebrachter Laken durchweg im Einsatzanzug schliefen. Ein paar von uns, darunter auch ich, waren mit dem Uraltmodell eingekleidet worden. Das hatte eine Kapuze. In dem Moment waren wir unendlich dankbar dafür.

Wir stülpten die Kapuzen über den Kopf. In diesem Fall war das der Retter schlechthin. Der Ekel kennt keine Grenzen. Helmut ließ sogar seine Stiefel an. Kann sein, dass er das tat, weil er maßlos erschöpft war. Der Fußboden sah bei unserer Ankunft in Haus C aus, als wäre vor uns ein ganzes Heer durchmarschiert. Während der Zeit, in der wir dort hausten, wurde es, wie man sich unweigerlich vorstellen kann, nicht besser.

In einem anderen Castoreinsatz waren wir in der eigens errichteten Containerstadt, die auf einer Wiese neben dem Zwischenlager protzte, untergebracht. Dass das dort nicht strahlt, habe ich nie geglaubt. Mit fünf Mann waren wir in einem üblichen Container mit Stockbetten eingelagert. Um Hände zu waschen, mussten wir etwa vierhundert Meter über die durchweichte Wiese gehen. Es regnete seit Tagen. Der Container war für fünfmal Schutzausstattung und zusätzlich Privatklamotten für circa zwei Wochen ziemlich eng. Eine Unterbringung dort ist temporär.

Uns sollte jedoch keiner vorwerfen, wir wüssten nichts davon, was es bedeutet, auf diese Weise zu leben. Der Vergleich mag vielleicht hinken, doch sehe ich keine große Problematik darin, Flüchtlinge vorübergehend auf ähnliche Weise unterzubringen. Der Unterschied ist, dass sie nicht zu fünft einkaserniert sind und im Verhältnis zu uns andere Freiheiten haben, andre allerdings auch wieder nicht. Wir waren, wenn wir nicht im Einsatz waren, an das eingezäunte Zwischenlager gebunden. Da wir Zwölfstundenschichten schoben und wenn wir nicht arbeiteten, aßen, schliefen oder uns wuschen, war das Bedürfnis nicht besonders groß, Freiheiten auszuleben. Und wir wurden für das Leben dort bezahlt.

Manchmal hatten wir den Wunsch, in Ruhe die große Notdurft verrichten zu können. Meist waren, wie uns durchnummerierte Container zum Schlafen und Dasein zugewiesen wurden, mobile Toilettenhäuschen zugewiesen. Auch draußen in den Einsatzräumen, auf den Feldern. Dort standen sie allerdings nicht derart zahlreich wie auf dem umzäunten Gelände. Draußen erlaubte sich der eine oder andere Demonstrant, ein Häuschen umzukippen. Ohne Rücksicht darauf, ob sich darin ein Mensch, sei es in Uniform oder nicht, befand. Mit Rücksicht hat ein Castoreinsatz ohnehin nicht viel zu tun. Was ich sagen will, viele Kollegen hatten mit der Verrichtung der Geschäfte in der Enge ein Problem. Nicht wenige schmissen Tabletten ein, damit die Darmtätigkeit möglichst lange zum Erliegen kam. Manche retteten sich über eine Woche damit.

Für die Mädels ist das Ausziehen der Schutzausstattung, um in die Hocke zu kommen, ein Aufwand von mehreren Minuten. Das Anziehen ist ungleich zeitintensiver. Dass sie nicht ihren Lullermann im Wald hervorholen und dezent hinter einem Baum pinkeln können, bringt die Natur mit sich.

Bei Langeweile ersetzt manch ein Kolleginnenhintern die im Wendland zahlreich vorhandenen Tiere. Dass die Frauen in der Hocke wie mit dem Hintern eines Pavians von Kollegen mit ihren privaten Nachtsichtgerät und der einen oder anderen Wärmebildkamera beäugt und gemessen werden, müssen sie aushalten. So, wie wir alle, dass wir manchmal stundenlang nicht auf Toilette gehen können.

Anfangs gewährte man uns in manche Lokalität Einlass, um austreten zu können. Je näher der Castor kam, desto verhärteter wurden die Fronten. Schließlich verschloss man von innen die Ladentüren. Um die Sachbeschädigungen nach den Ausschreitungen aufzunehmen, waren wir wieder gut genug.

Der vierte Tag im Wendland an der Verladestation, ich meine es war der vierte, war besonders. Sechsunddreißig Stunden standen wir beziehungsweise unsere krankheitsbedingt ausgedünnte Hundertschaft auf einem Feld. Auf Sichtweite stand eine Hundertschaft aus Brandenburg. Bei Temperaturen zwischen minus fünf und plus sieben Grad, bei Wechsel zwischen steifem Ostwind und mildem Nordostwind, warteten wir mit freier Sicht von etwa zwei Kilometern auf Demonstranten, die weder kamen noch angekündigt waren. Es war ein beeindruckendes Naturerlebnis, die Sonne zweimal auf und einmal untergehen zu sehen und dabei bezahlt zu werden. Andere bezahlen dafür viel Geld. Die freie Sicht auf Wildgänse, Rehe und Kaninchen bei frischer Luft war beeindruckend.

Ab und zu durften wir in den Mannschaftsbus, um uns aufzuwärmen. Es war einer jener Busse, in denen wir uns in einem der Einsätze zuvor fast eine Vergiftung zugezogen hatten. Wir standen nachts in Hitzacker und bewachten die im Bau befindliche Eisenbahnbrücke. Wir schützen sie vor Demonstranten und Sabotage, obwohl wir aufgrund des unwegsamen Geländes und des vielen Waldes überhaupt nichts sehen konnten. Wie die sechsunddreißig Stunden auf dem Feld war jenes wiederkehrende Bewachen der Bauarbeiten ein Aberwitz, ein Politikum, das uns mit damals Anfang zwanzig bereits nervte.

Weil wir nicht mehr konnten und draußen etwa fünfzehn Grad unter null waren, hatten wir die Standheizung voll aufgedreht und waren alle eingeschlafen. Der Erste wachte nach etwa vier Stunden mit Übelkeit auf und machte die anderen wach. Bis auf Bernd mussten wir uns alle übergeben und hatten tierische Kopfschmerzen. Den Rest der Nacht froren wir, an Schlafen war nicht mehr zu denken.

Die Wiese, das Feld durften wir also in Zweiergruppen verlassen und uns großzügig aufwärmen. Die sechsunddreißig Stunden wurden durch jeweils ein paar Minuten Geselligkeit, die in einer großmaschigen Polizeikette allzu sehr fehlte, unterbrochen. Eine Polizeikette, in der Verständigung selbst ohne Helm und Mundschutz nur mit Schreien möglich gewesen wäre. Allein das Atmen war beschwerlich. Da das Visier permanent beschlug, reduzierten wir das Reden auf ein Minimum. Und das Atmen gleich mit.

In der Situation völlig okay, denn wir waren hauptsächlich nur, ohne zu sein. Wir taten, was uns befohlen, was angeordnet, ohne Widerspruch, wie Marionetten. Zu viele Fragen nach Sinn stören. Sie würden zur Revolte führen, zum Helmabnehmen, zum Hoheitszeichen ablösen, zur Flucht aus der Polizeikette und dem Beamtenstatus, der uns damals Sicherheit versprach.

Wir alle dachten, was für ein Schwachsinn, was für eine Anordnung eines Polizeiführers, der warm und trocken sitzt und selbst vor Ort diesen Unsinn rechtfertigen würde. Wir hofften alle, dass wir Befehl und Gehorsam nie mehr auf diese Weise erleben müssten, dass es eine Ausnahme wäre. Wir wurden eines Besseren belehrt.

Heute nehmen wir Kürzungen und Bedingungen hin, unter denen wir nicht eingestellt wurden. Wir sind in und mit dem Beamtenstatus alt geworden und könnten kaum woanders hin, selbst wenn wir wollten. Arbeitslosigkeit wäre vorprogrammiert, der Abstieg beschlossene Sache. Von Besitzstandswahrung ist nichts zu spüren. Temporär, hieß es, wird das Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. Diese temporäre Phase dauert immerhin gute fünfzehn Jahre. Dafür haben wir den sicheren Arbeitsplatz, der durchaus Vorteile gegenüber einem Beschäftigungsverhältnis in der Wirtschaft hat. Unsere Wochenarbeitszeit wurde stetig angehoben, ebenso das Pensionsalter, gleichzeitig die Pension gekürzt. Das wäre alles nicht weiter schlimm, könnten wir spüren, dass auf der anderen Seite etwas mehr für uns getan würde. Wie warmes Wasser in den Sanitäreinrichtungen, für die bessere Hygiene in unserem schmutzigen Job. Eine Klimaanlage oder zumindest Fenster, die sich öffnen lassen, um im Hochsommer mal unter fünfunddreißig Grad Raumtemperatur arbeiten zu dürfen. Im Gegensatz dazu zieht es im Winter, dass die Vorhänge flattern, ohne dass irgendwo eine Tür offensteht.

Gerne hätten wir eine Garage oder einen Carport für die Streifenwagen, damit wir nicht kratzen müssen, wenn wir schnell losmüssen. Luxus wären ein Hoftor und ein sichere Abstellmöglichkeit für die Privatautos. Damit unterbliebe das lästige Kämpfen um Schadensersatz gegenüber dem Land, wenn mal wieder Radmuttern losgedreht, Scheiben beschmutzt oder die Karosserien zerkratzt werden. Gerne hätten wir eine Reinigungskraft, die nicht täglich drei Geschosse in zwei Stunden putzen muss.

Wo bleibt also das Ersparte? Nicht in den Straßen, nicht in Stellenanhebungen. Etliche Kollegen warten seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten auf eine Beförderung, die ihnen spätestens nach acht Dienstjahren versprochen wurde. Löcher würden irgendwie gestopft, wo diese besagten Löcher sind, mag unsereins nicht erkennen. Vielleicht sind die in den Straßen gemeint? Oder vielleicht meint man die großen Löcher, die die Castortransporte reißen? Es war und ist bizarr, intransparent und wenig verlässlich. Im Gegensatz dazu werden Diäten erhöht. Die aktuellste Erhöhung umfasste fast zehn Prozent. Für jeden einzelnen Abgeordneten entspricht die Erhöhung dem, was Frau S. im Supermarkt verdient. Dazu Dienstwagen für übergewichtige Körper, denen Radfahren durchaus nicht schaden würde oder ein paar Schritte zu Fuß zum Bus oder zur U-Bahn-Haltestelle.

Das klingt nach Meckern, Mosern und Jammern. Das ist es nicht. Es sind Feststellungen und Beobachtungen, die dann besonders Gewicht erhalten, wenn der Dienst besonders unwegsam, die Belastungen besonders hoch werden – wie bei Wochen im Wendland.

Sollten meine Kinder mich beschreiben, würden sie neben meinen ehemaligen Läuferbeinen bei der abgewetzten Boxershorts hängen bleiben. Die mit den Löchern an den Nähten und im Bund. Das Wort ,Polizist‘ folgte bei meinem Sohn. Bei meiner Tochter käme ,Bulle‘ an zweiter Stelle.

Ich nehme mich zurück, investiere in Schulsachen, Kinderklamotten, Geburtstagsgeschenke für sie und ihre Freunde. Sie wachsen schnell. Jonas’ Füße explodieren quasi, vor allem in die Länge. Mit all den Ansprüchen an Kinder auf dem Weg in die Erwachsenenwelt wachsen ihre Ansprüche an und ins Uferlose. Ich selbst habe Bedürfnisse. Sie bleiben meist ungestillt. Manche trocknen mit der Zeit aus und geraten in Vergessenheit. Manche blühen immer mal wieder auf wie Blumen nach einem harten Winter. Es sind Wünsche wie Pflanzen, denen niemand diese Hartnäckigkeit und Vitalität nicht zugetraut hätte, wenn es nicht die eigenen Augen gesehen haben.

Die Welt verändert sich. Deutschland ist im Krieg. Natürlich nicht offiziell und dennoch sendet die Regierung Soldaten in Kriegsgebiete. Waffen liefern wir ohnehin, warum nicht Soldaten, die sie bedienen können? Wenn der Rubel rollt, warum nicht deutsche Wertarbeit in den Nahen Osten oder nach Afrika? Das Know-how durch den deutschen Soldaten gleich dazu. Zugegebenermaßen ist es platt formuliert. Den Kern trifft es eventuell am Rande. Die Einsätze werden manchmal als unterstützende Hilfe für andere EU-Länder deklariert. Damit sind sie an der Front, unsere Soldaten. Wenn sie nicht selbst fallen, töten sie. Im Idealfall töten sie aus der Verteidigung heraus. Gelegentlich werden Unschuldige getroffen. Wer urteilt über Schuld und Unschuld?

Bei zynischer Betrachtung bekommen die Worte ,mit eigenen Waffen geschlagen werden‘ eine ganz andere Bedeutung. Wer kann schon ausschließen, dass die Soldaten nicht durch Waffen getötet oder verwundet werden, die das eigene Land Jahre zuvor dorthin lieferte? Manchmal töten sie Kinder und Frauen, Passanten und Familien. Sie löschen den letzten individuellen familiären Halt in einer unsicheren Region. Sie agieren in Ländern, die der Westen meint, demokratisieren zu müssen. Es sind Länder, in denen Demokratie stets Utopie sein wird.

Der Soldat Mensch wird vergessen. Der starke Uniformierte, der bewaffnete Beschützer bleibt auf der Strecke und wird selbst zum Opfer. Körperlich geht er im schlimmsten Fall zum Tode über. Seelisch wird er zum Krüppel, zum Schatten seiner selbst. Oder beides. Töten tötet die Seele. Nicht selten tötet Töten den eigenen Körper. Als Suizid im fernen Land oder zu Hause im eigenen Wohnzimmer. Es sind Kriege an vielen Fronten, in dem eine gesehen wird: die weit weg von daheim.

Mustafa ist achtundzwanzig. Er hat einen Migrationshintergrund. Er ist türkischstämmig. Er ist stämmig, muskulös und athletisch zugleich. Nachbarn sagen, er ist ausgebildeter Einzelkämpfer. Das glaube ich sofort, wenn ich ihn mustere.

Seine Eltern sind Türken. Seine Mutter spricht kein Deutsch, fassen kann sie nicht, was sie sieht. Nicht das Deutsche, sondern das Geschehen. Sie ist überfordert und von der Rolle. Mustafas Vater spricht laut und Deutsch, mit seinem Sohn lauter und Türkisch. Ob er das Geschehen fassen kann, kann ich nicht sagen. Es gilt, die Situation zu beherrschen. Vielleicht wie damals, vor zwanzig Jahren, als Mustafa klein war und alle nicht glaubten, dass er eines Tages für ein Land in den Krieg zieht, das ihn nicht integriert und in das er sich nicht integrieren kann. Für ihn war es stets einfacher, deutscher Türke zu sein, statt als Deutscher türkisch zu leben.

Mit vierundzwanzig Jahren war er perspektivlos, fand als gelernter Schweißer weder eine richtige Anstellung noch Halt. Er bediente ein deutsches Klischee und jobbte bei einer befreundeten Familie im Gemüseladen.

Stets war Mustafa auf der Suche nach Identität. Mit seinen türkischen Freunden diskutierte er das Fehlen von Wurzeln, die Schwierigkeiten des Sichzurechtfindens. Diese Freunde zogen ihn zurück in die türkische Kultur mitten in Deutschland. Sie sind nicht wie Mustafa hin- und hergerissen. Sie wollen keine Integration beziehungsweise nur zu ihren Bedingungen. Manchmal würde er am liebsten wieder in sein zweites Nichtzuhause in die Türkei. Mit seinen Eltern teilte er das alles nicht. Ihnen half er bei Sprachbarrieren, bei Einkommenssteuererklärungen und bei Behördengängen. Seiner Mutter half er zunehmend mit den Einkäufen. Er beharrte nie auf der Nachfolge als Familienoberhaupt. Dazu war er zu westlich eingestellt. Orientierungslos bewarb er sich beim Bund. Drei Jahre später zog er in den Krieg und kam nach sechs Monaten zurück. Das ist jetzt vier Wochen, zwei Tage und etwa sieben Stunden her.

Zwei Küchenmesser stecken in seinem Bauch. Zwei zu viel. Wie ein wild gewordenes Tier läuft er hin und her. Die Augen sind weit weg, sie rollen und fallen in alle Richtungen. Er ist nicht bei sich. Er ist wieder im Krieg, wie Mr. Miles. Mustafa ist unkontrolliert in seinem Verhalten, er macht einem Angst. Keiner traut sich an ihn heran und dennoch braucht er Hilfe. Sein Körper allem voran. Mustafa schreit, schmeißt den Aschenbecher gegen die Wand und die Stehlampe um.

Jetzt oder nie, wir können nicht warten, auch nicht aufs SEK. Mustafa wird vor den Augen seiner Eltern verbluten, die in der Deckung warten. Nur Mustafas Vater weist ihn schreiend aus der dritten Reihe zurecht. Die türkischen Worte wirken lediglich Sekunden.

Mir rattern alle möglichen Szenarien, die sich in den nächsten Sekunden abspielen könnten, durch den Kopf. Er zieht ein Messer und sticht auf uns. Er zieht ein Messer aus dem Bauch und tötet sich. Er nimmt ein Messer und geht auf seine Eltern zu, die ihn nicht abhielten, zur Bundeswehr zu gehen. Was wirklich passieren wird, ist schwer abzuschätzen. Es passiert.

Wir überrumpeln ihn genau dann. In diesen paar Sekunden, als sein Vater schreit. Mit vier Mann. Unsere Uniformen sehen aus wie nach einem Blutbad. Wobei wir ,Blutbad‘ anders definieren als der kriegserfahrene Mustafa. Wir haben ihn am Boden fixiert. Wir fürchten uns ein wenig, dass er uns wie im Krieg umpumpen wird. Locker könnte er sich mit seiner Ausbildung aus der Fixierung lösen und uns alle töten. Ich glaube ihm aufs Wort. Wäre da nicht sein Vater, der ihn im Sekundenabstand anherrscht. Mustafa erlaubt nicht, jemanden an seinem Seelenleben teilhaben zu lassen. Nur vor seinem Vater zeigt er Trauer und Wut.

„… als Türke für Deutschland getötet.“

Vor Anstrengung ist mir schlecht. Ich sehe Bilder aus der Tagesschau, kleine Puzzlestücke aus großem Leid und weiß, das ist einmal mehr die Spitze vieler Eisberge, die nie schmelzen.

DREI

„Geh nicht weg“, murmelt Jonas im Halbschlaf.

Ich kann seine Fragen nicht alle beantworten. Viele stellt er nicht. Aber ich kenne sie. Warum, Papa? Warum? Und immer wieder: Warum? Dann wirft er sich unruhig hin und her, wacht Minuten später wieder auf und fragt noch einmal ,Warum?‘ Ich weiß nicht, wie ich es richtig machen soll. Worte oder Schweigen? Erklärungsversuche abends um zehn? Er muss am nächsten Tag zur Schule. Er sollte seit zweieinhalb Stunden schlafen.

Es ist eine Zeit, die nie wiederkommen wird. Sie wird nicht aufholbar sein. Sie ist endlich. Es sind Gefühle, wie ich sie von früher kenne. Damals als wir eine mustergültige, eine im Ansatz spießige Familie waren. Ich konnte in die Zimmer gehen, um die Kleinen richtig zuzudecken, um ihnen über den Kopf zu streicheln. Ich wollte mich vergewissern, dass sie schlafen. Ich hoffte, dass sie durchschlafen und keine Albträume bekamen.

Heute sehe ich am Lächeln, ob Jonas zufrieden einschläft. Seine Welt ist für diesen Moment in Ordnung. Sie wird zu einer Welt voll Kinderzorn, wenn mir die Augen eher zufallen als ihm.

Wenn es nach Jonas ginge, würden wir zu jedem Termin mindestens eine halbe Stunde eher aufbrechen. Wir wären auf keinen Fall die letzten beiden Male zu spät zum Training gekommen. Es ist ihm peinlich. Er denkt, die anderen könnten meinen, dass er es ist, der herumtrödelt. Mit jeder Minute, die verstreicht, erhöht sich die Chance, heute wieder um einiges zu spät zu kommen. Damit steigt seine Wut. Ausdrücke können fallen, von denen ich mich frage, woher er sie hat. Was er mir erst gestern alles an den Kopf geworfen hat, will ich an dieser Stelle lieber nicht wiederholen.

Ich bin sowieso der Uncoole, der langweilig daherkommt. Nach seiner ehrlichen Kindermeinung bekomme ich fast nichts auf die Reihe. Er fragt sich und mich, ob alle Bullen so sind. Das fände er echt übel.

Meine beiden Kinder sind sehr verschieden. Bei ihrer Ansicht über mich ziehen sie an einem Strang und entwickeln erstaunliche Energien. Wenn sie genauso die Schule meistern würden, wäre es genial. Das sei was ganz anderes, halten sie mir vor. Ahnung, wie das alles in der Schule abgeht, hätte ich eh nicht.

Habe ich Ahnung, was in der Schule abgeht? Aus der täglichen Einsatzlage unseres Reviers vielleicht im Ansatz. Ist eine Lage eine Wirklichkeit? Eine andere Wirklichkeit, als ich zur Schule ging und wenn ich nicht ging, schwänzte? Dass der eine dem anderen eine zimmert und alles angezeigt wird? Jede Beleidigung, jedes Gerangel, jede Schubserei? Dass die Polizei Schulschwänzer einsammelt? Dass kleine, harmlose Schülerstreiche als fulminantes Mobbing einer ganzen Klasse gelten?

Handyverbot in der Grundschule. Abzocken zum Wichtigmachen. Dicke Hose für ein paar Euros. Markenklamotten als Muss. Engagement und Leistung werden als Streben abgetan. Wie damals. Heute ist einmal raus, immer raus. Keine Chancen, wieder dazuzugehören. Andersartigkeit als Makel. Individualismus ist verpönt. Facebook ist geil, alles wird gepostet. Spatzen können von Drosseln nicht unterschieden werden. Buche und Eiche sind Fremdwörter. Sonnenblume und Rose werden zur Herausforderung.

Schule, Eltern, Bürger sind der Tummelplatz für ,Melden macht frei‘ und dem Fallenlassen jeglicher Verantwortungsübernahme. Immer die anderen, nie bei mir und erst recht nicht ich. Eltern, sie sind zunehmend fordernd, immer dagegen. Nein, mein Kind tut das nicht, hat es noch nie getan. Nie würde es so etwas tun, denn es will nur spielen. Ein Miteinander, ein miteinander Reden, ist Fehlanzeige.

Dem Lehrer die Luft aus einem Reifen lassen? Ich kenne mein Kind. Es sicherlich nicht. Was fällt Ihnen ein, das zu denken, Herr Polizist? Wie ist Ihr Name? Ich werde mich über Sie beschweren.

Wenn die wüssten, wo wir ihre Kinder antreffen, wenn sie sie in der Schule wähnen. Wir treffen sie in Ladenbüros im Supermarkt, mit unbezahlten Spielzeugautos in der Tasche und dem Detektiv im Nacken. Und das sind auch Kinder, deren Eltern einen Swimmingpool im Garten haben. Wir sehen sie beim Abhängen im Stadtpark, hinter der alten Freilichtbühne, wie sie sich ihre Zigarette drehen. Nicht alle tun es, aber einige. Vor allem die, von denen die Eltern genau das nicht glauben oder nicht glauben wollen. Ihre Kinder würden genau das nicht machen.

Ich kenne meine Kinder nicht bis ins letzte Detail. Selbst Jonas mit seinen neun Jahren erzählt, dass manche Eltern von Mitschülern den ganzen Tag nicht zu Hause sind. Sie arbeiten. Manche hängen irgendwo ab, spielen in einer der aus dem Boden gestampften Spielotheken. Sie suchen Frieden und Ruhe, um zu vergessen. Dabei blenden sie ihre Kinder und die Verantwortung für sie aus. Dann gibt es all die Kinder, die ich sehe, wenn ich mal wieder in fremden Wohnungen bin. Dort, wohin die Polizei als vermeintlicher Retter in der Not gerufen wird.

Kinder, die soeben sitzen können, hocken vor riesigen Flachbildfernsehern, die sie um einiges in der Größe überragen. Sie starren auf ein Bild, das sie mit ihren wenig ausgebildeten Sinnen nicht in der Lage sind zu erfassen. Ihre Windeln sind zum Bersten gefüllt. Sie zeigen keine Regung. Sie nehmen nicht wahr, dass Menschen neben ihnen stehen. Sie fühlen nicht den Fremden hinter sich.

Was soll daraus werden? Wie sollen sie begreifen? Wie sollen sie lernen, was Verantwortlichkeit ist? Dass sie in der Schule lernen müssen, um eine passable Zukunft zu haben? Sie werden kaum eine Chance fürs und im Leben bekommen. Nicht einmal als Verkäufer im Elektronikfachmarkt oder Ungelernter im Handyverkauf. Was zählt, sind nicht der große Fernseher, nicht das Feierabendbier, das Spielcasino oder die Eckkneipe und Geld. Das ist es sicherlich auch, aber es ist nicht alles. Es sind das Vogelgezwitscher und eine unverhoffte Sternschnuppe. Es sind die Jahreszeiten. Es ist ein Wind, eine Arbeit. Es sind neben Menschenkenntnis und Gefühlen Freunde, Familie und eine Würde für sich selbst. Es sind Stärke und Selbstbewusstsein, ebenso Vertrauen und Misstrauen. Es sind geballte Fähigkeiten, mit dem Leben wenigstens einigermaßen klar zu kommen.

Hannah schleife ich zu jedem Termin hin.

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