Logo weiterlesen.de
Unter der Sonne der Südsee

1. KAPITEL

Normalerweise gehörte Maisie Wallis nicht zu den Menschen, die so leicht aufgaben, doch an diesem düsteren Tag, kurz nach ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag, war sie nahe daran, es zu tun.

Sie war eine zierliche junge Frau mit roten Haaren und grünen Augen, die unter zwei verschiedenen Namen auftrat und damit zwei verschiedene Persönlichkeiten präsentierte. Ihr offizieller Name war Mairead, doch sie war immer nur Maisie gewesen, so lange sie zurückdenken konnte.

Als unauffällige Maisie Wallis unterrichtete sie Musik an einer Privatschule. Sie besaß noch keine besonders großen Erfahrungen als Lehrerin, doch sie hatte sich der Musik verschrieben, und sie liebte Kinder.

Als Mairead Wallis, mit wallender roter Lockenmähne, Bühnenmake-up und im glitzernden Outfit ging sie an den Wochenenden ihrem zweiten Job als Pianistin einer Band nach, die auf Partys der gehobeneren Gesellschaft spielte.

Im Herzen jedoch war sie immer dieselbe Person. Als einziges, von den Eltern zärtlich verhätscheltes Kind war sie ein zurückhaltender, etwas weltfremder Mensch, auch wenn sie als Mairead Wallis nicht unbedingt diesen Eindruck machte.

Doch vor sechs Monaten hatte sie die geliebten Eltern verloren, nun war sie ganz auf sich allein gestellt. Oder zumindest fast, berichtigte sie sich, als sie in das Taxi stieg. Ihr eigener Wagen war in der Werkstatt, da er plötzlich mysteriöse Klopfgeräusche von sich gegeben hatte.

Der Taxifahrer schien ihre Verzweiflung zu spüren. „Machen Sie nicht so ein Gesicht, junge Frau“, sagte er, als er sie vor ihrem Haus absetzte. „So schlimm kann es doch gar nicht sein.“

Maisie gab ihm das Fahrgeld und wollte gerade erwidern, dass es für sie kaum etwas Schlimmeres geben konnte, da fiel ihr Blick auf einen Mann mit einem weißen Stock und einem Blindenhund. Natürlich gibt es Schlimmeres im Leben, dachte sie beim Aussteigen.

Schluss mit den Tränen!, befahl sie sich dann. Stattdessen sollte sie lieber eine gesunde Wut entwickeln, und zwar auf Rafael Sanderson. Er mochte ein überspannter Multimillionär sein, der sich mit Outsidern nicht abgab, und ihre heutige Suche nach ihm mochte erfolglos verlaufen sein, doch sie hatte es weiß Gott nicht nötig, sich derartig behandeln zu lassen!

Das Haus, das Maisie von ihren Eltern geerbt hatte, war ein hübsches älteres Holzhaus im typischen Queensland-Stil. Es lag in Manly, einem Vorort von Brisbane, direkt am Meer. Lange lebte sie noch nicht hier. Ihr Vater war in der Armee gewesen, und sie waren viel umgezogen.

Während ihr Vater in Puckapunyal stationiert gewesen war, hatte Maisie in Melbourne Musik studiert. Nach seiner Pensionierung hatten ihre Eltern sich einen lang gehegten Traum erfüllt: ins sonnige Queensland ziehen und sich ein Haus und ein Boot kaufen.

Wegen der vielen Umzüge hatte Maisie nie engere Freundschaften schließen können. Auch in Brisbane lebte sie noch nicht lange genug, um wirklich gute Freunde gefunden zu haben, auf die man sich verlassen konnte.

Das Haus war in einem guten Zustand, und Maisie liebte den herrlichen Ausblick auf Moreton Bay und die beiden vorgelagerten Inseln Moreton und North Stradbroke.

Aber vor allem gefiel ihr der Garten, in dem sie stundenlang herumwerkeln konnte. Sie hatte den grünen Daumen ihrer Mutter geerbt, ebenso die Kochleidenschaft ihres Vaters.

Sie bereitete sich einen kleinen Imbiss zu und setzte sich damit auf die Veranda. Eigentlich wollte sie über eine neue Lösung ihres Problems nachdenken, doch dann blieb ihr Blick an den Bootsmasten im Hafen von Manly hängen. Einer dieser Masten gehörte zur „Amelie“, der Jacht ihrer Eltern, die noch immer in der Marina des Royal Queensland Yacht Squadron ankerte.

Verzaubert blickte Maisie auf das Wasser hinaus, auf das die untergehende Sonne ein atemberaubendes Farbenspiel warf. Der Anblick war so wunderschön, dass ihr die Tränen kamen.

Energisch wischte sie sich über die Augen. Was hatte sie sich im Taxi geschworen? Keine Tränen mehr! Irgendwie würde es ihr schon noch gelingen, Rafael Sanderson aufzuspüren.

Als Maisie später am Computer saß, musste sie wieder an ihre grenzenlose Überraschung denken, nachdem sie über das Internet herausgefunden hatte, dass Rafael Sanderson als Firmenchef von Sanderson Minerals und Erbe des Dixon Imperiums einer der reichsten Männer Australiens war.

Es kann sich unmöglich um denselben Mann handeln, war ihr erster Gedanke gewesen. Zwar schien derjenige, nach dem sie suchte, ebenfalls der geschäftlichen Elite anzugehören, und auch der Name Dixon passte, doch Sanderson Minerals war ein gigantisches Unternehmen. Rafaels Geburtsdatum und einige Punkte in seinem Lebenslauf hatten sie dann wieder zu der Überzeugung gebracht, dass er doch der Richtige sein könnte.

Maisie hatte sich gewundert, warum sie noch nie von ihm gehört hatte, bis sie herausfand, dass er sehr zurückgezogen lebte. Sie konnte geschäftliche Berichte über Sanderson Minerals und Dixon Pastoral Inc. finden, aber nichts über sein Privatleben.

Die wenigen Fotos, die von ihm existierten, halfen ihr auch nicht weiter. Eine gewisse Ähnlichkeit war zwar vorhanden, doch es handelte sich um Pressefotos, und er wirkte darauf sehr formell. Der Rafe Sanderson dagegen, den sie kennengelernt hatte, war viel ungezwungener gewesen. War es etwa doch nicht derselbe Mann?

Natürlich stand er nicht im Telefonbuch. So hatte sie bei Sanderson Minerals in Brisbane angerufen und war anschließend persönlich dort erschienen, doch auch damit hatte sie keinen Erfolg gehabt. Solange sie nicht erklären wolle, worum es gehe, würde sie auch keinen Termin mit Mr. Sanderson bekommen. Außerdem sei er im Moment sowieso nicht da, hieß es.

Schließlich war es ihr als letzte Möglichkeit gelungen, seine Adresse über die örtliche Wählerliste herauszufinden. Doch als sie an der Tür des luxuriösen Apartmenthauses am Brisbane River klingelte, teilte man ihr über die Sprechanlage mit, Rafael Sanderson sei zurzeit nicht zu Hause.

Nach diesem Misserfolg beschloss Maisie, ihn über den Namen Dixon ausfindig zu machen. Das war der Mädchenname seiner Mutter, die aus einer sehr alten, wohlhabenden Familie stammte. Im Telefonbuch hatte sie mehrere Dixons gefunden, die in teuren Wohngegenden wie Aston, Clayfield und Hamilton lebten.

Sie hatte alle aufgesucht und schien dann auch die richtigen Dixons gefunden zu haben, doch als sie danach fragte, wie sie mit Rafael Sanderson Kontakt aufnehmen könne, hatte man ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Doch davon ließ sie sich nicht ermutigen. Sie würde weiterhin das Internet durchforsten, bis sie eine Spur gefunden hatte, die zu ihm führte. Glücklicherweise hatten die Schulferien gerade begonnen, und sie konnte ihre ganze Zeit in diese Suche investieren.

In einem Online-Bootsmagazin las sie dann, dass Rafe Sanderson mit seiner Jacht Mary-Lue an einer Segelregatta teilnahm.

Maisie riss die Augen auf. Der Artikel war zwar schon sechs Monate alt, trotzdem gerieten in ihrem Kopf sämtliche Rädchen in Bewegung.

Sie kannte die Mary-Lue. Sie ankerte im Bootshafen am selben Pier wie die Jacht ihrer Eltern. Einmal hatte sie davorgestanden und die schnittige grüne Segeljacht bewundert. Lag sie immer noch da, und handelte es sich um dieselbe Mary-Lue?

An diesem Abend war es schon zu spät, das herauszufinden. Doch gleich am nächsten Tag, nachdem sie ihr Auto aus der Werkstatt geholt hatte, fuhr Maisie zum Bootshafen. Sie wollte ohnehin nach der Amelie sehen und den Motor kurz laufen lassen, wie sie es regelmäßig tat.

Es brach ihr jedes Mal das Herz, wenn sie an die glückliche Zeit erinnert wurde, die sie mit ihren Eltern auf der Jacht verbracht hatte. Bald würde sie sich zu dem Entschluss durchringen müssen, die Amelie entweder zu behalten oder zu verkaufen. Auch eine Menge anderer Entscheidungen kamen auf sie zu.

Als sie mit ihrem Kontrollgang auf der Jacht fertig war, schlenderte sie am Pier entlang und genoss die Sonne.

Die Mary-Lue lag immer noch in ihrer ganzen Pracht und Größe da. Auf dem Pier stand eine Propangasflasche mit einem Zettel daran. ‚An R. Sanderson, Mary-Lue, RQ H29 liefern‘ stand darauf.

Maisies Herz begann heftig zu hämmern. RQ war die Abkürzung für das Royal Queensland Yacht Squadron, und H29 war die Nummer des Ankerplatzes, wie es auf dem Pfosten am Pier stand.

Als wäre ihr das Glück heute besonders hold, kletterte der Bootsjunge, der dem Hafenmanager während der Schulferien zur Hand ging, gerade von der Mary-Lue und begrüßte sie fröhlich.

„Hi, Maisie. Willst du segeln gehen?“

„Nein, Travis. Ich habe auf meinem Boot nur nach dem Rechten gesehen und wollte mich noch ein wenig umschauen. Was gibt’s Neues?“

„Dieses Prunkstück hier läuft morgen in aller Frühe endlich mal wieder aus.“ Travis klopfte der Mary-Lue den glänzenden Rumpf. „Ist eine echte Schande, dass Mr. Sanderson monatelang keine Zeit dazu hatte.“

Maisie wusste, dass Travis’ ganze Leidenschaft den Segelbooten gehörte. Als er die Propangasflasche auf seine Schulter hievte und sich anschickte, damit an Bord zu gehen, rief sie ihm nach: „Willst du mal mit mir segeln gehen, Travis?“

„Du brauchst es nur zu sagen, und ich bin dabei“, rief er zurück. „Bis bald, Maisie.“

Mit einem merkwürdig nervösen Gefühl im Magen kehrte sie zu ihrem Auto zurück. Sie hatte ihn gefunden! Fast fürchtete sie sich jetzt ein wenig davor, Rafe Sanderson in Kürze gegenüberzustehen. Doch sie musste die Sache auf jeden Fall durchziehen.

Es war gerade vier Uhr in der Früh, als Maisie am nächsten Morgen wieder am Pier erschien. Sie trug einen dunkelblauen Jogginganzug, feste Schuhe und eine Mütze. Wolken bedeckten den Himmel und verbargen Mond und Sterne. Es war auch viel kälter, als sie gedacht hatte.

Sie war erleichtert, als sie sah, dass die Mary-Lue noch an ihrem Platz lag. Kein Lichtschein war auf der Jacht zu sehen.

Was sollte sie so lange tun, bis er kam? Zu so früher Stunde und bei dieser Kälte befand sich noch niemand im Hafen.

Entschlossen kletterte Maisie an Bord.

Doch auch im gemütlich mit gepolsterten Sitzen ausgestatteten Cockpit war es eiskalt. Vielleicht hättest du die Sache etwas besser durchdenken sollen, schalt sie sich im Stillen, während sie die Tür, die in die Kajüte hinunterführte, zu öffnen versuchte. Zu ihrer Überraschung gab sie nach.

Maisie zögerte. Sie würde sich strafbar machen, wenn sie hier einfach eindrang, aber was konnte man ihr schon vorwerfen? Unerlaubtes Betreten? Immerhin konnte sie sich mit einer plausiblen Erklärung herausreden. Und hatte der Jachtbesitzer sich ihr gegenüber etwa sehr anständig verhalten – falls es der richtige Rafe Sanderson war?

Der plötzlich einsetzende Regen nahm ihr die Entscheidung ab. Sie stieß die Tür auf und stieg hinab. Ein schwach erleuchteter, wohlig warmer Salon empfing sie, der geschmackvoll und teuer eingerichtet war.

Sie ließ sich auf dem eingebauten Sofa nieder und überlegte, was sie zu Rafe Sanderson sagen wollte, wenn er auftauchte. Krampfhaft versuchte sie dabei, sich wach zu halten, denn vor Nervosität und Aufregung hatte sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Sie gähnte ein paar Mal und merkte dann gar nicht, wie ihr die Augen zufielen.

Es musste daran liegen, dass sie an Bootsgeräusche gewöhnt war. Nur so konnte Maisie sich erklären, dass sie wie ein Baby schlief und erst aufwachte, als die Mary-Lue aus dem Hafen glitt. Sie hätte auch nicht gedacht, dass Rafe Sanderson ablegen würde, ohne zuvor nach unten zu gehen.

Mit heftig pochendem Herzen setzte sie sich auf. Durch das Bullauge fiel fahles Sonnenlicht, und das gleichmäßige Brummen des Motors sagte ihr, dass sie sich bereits auf Fahrt befanden.

Entsetzt schloss Maisie die Augen. Dann sprang sie vom Sofa auf, kletterte nach oben und stürzte durch die Tür ins Cockpit.

Die nächsten Minuten wurden zu einem einzigen Chaos.

Rafe Sanderson hatte seinen Platz am Steuerrad verlassen und den Autopiloten eingeschaltet, um in die Takelage zu klettern und das Hauptsegel zu setzen.

Maisies unerwartetes Auftauchen überrumpelte ihn so sehr, dass er die Segelstange sausen ließ, die ihn schmerzhaft in der Magengrube traf. Er verlor den Halt, und mit einem Aufschrei fiel er über Bord.

Im ersten Moment war Maisie starr vor Schreck, dann kam Bewegung in sie. Rasch sicherte sie die schwingende Segelstange und lief dann zurück ins Cockpit. Nach einem flüchtigen Blick auf das Armaturenbrett schaltete sie den Motor auf Leerlauf.

Fieberhaft schaute sie sich um. Dann entdeckte sie eine orangefarbene Rettungsboje, band sie los und warf sie mit aller Kraft Rafe Sanderson zu.

Zu allem Unglück traf die Boje ihn am Kopf, doch er bekam sie zu fassen. Maisie hatte das Gefühl, einen zusätzlichen Anschlag auf ihn verübt zu haben.

So musste auch Rafe Sanderson empfunden haben, dem wütenden Gesicht nach zu urteilen, mit dem er jetzt aus dem Wasser an Bord kletterte. Mit wenigen Schritten war er bei ihr, packte sie bei den Schultern und demonstrierte ihr unmissverständlich, dass er sie am liebsten bewusstlos geschüttelt hätte.

Vermutlich hätte er das auch getan, wenn sie nicht beide in diesem Moment den Markierungspfosten gesehen hätten, dem die Mary-Lue gefährlich nahe gekommen war. Mit einem Fluch ließ er sie los und packte das Steuerrad, während er gleichzeitig den Autopiloten ausschaltete.

„Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?“, fuhr er sie wütend an. „Wer sind Sie, und wie sind Sie an Bord gekommen?“

„Ich … ich …“, stammelte sie. „Ich musste mit Ihnen reden, aber es war sehr kalt, deshalb bin ich nach unten gegangen, um auf Sie zu warten. Dabei muss ich eingeschlafen sein.“

„Sie sind also einfach in die Kajüte eingebrochen!“, fuhr er sie an.

„Nein. Sie war nicht abgeschlossen, deshalb …“

„Natürlich war sie das!“

„Nein, war sie nicht“, beharrte Maisie. „Sehe ich wie eine Einbrecherin aus?“

Er musterte sie finster. „Sie sehen aus wie sechzehn, aber deshalb können Sie trotzdem auf die schiefe Bahn geraten sein.“

Maisie blickte ihn in gelindem Horror an. Rafe erkannte sie nicht, und jetzt sah sie auch, dass er nicht der Mann sein konnte, den sie suchte. „Wer … wer sind Sie?“

„Was tut das zur Sache?“, gab er schroff zurück. „Ich will wissen, wie Sie hereingekommen sind.“

„Das habe ich doch gerade gesagt.“ Maisie schluckte ein paar Mal, während ihre Gedanken sich überschlugen. „Die Tür war nicht verschlossen. Vielleicht haben Sie etwas geliefert bekommen, und jemand von der Hafenverwaltung hat es gebracht und dann vergessen, die Tür abzuschließen.“

Im Stillen tat sie Travis Abbitte und hoffte, dass er jetzt ihretwegen keinen Ärger bekam.

„Hm …“ Er überlegte kurz. „Ich habe tatsächlich ein Paket und eine neue Propangasflasche geliefert bekommen“, sagte er dann. „Aber das gibt Ihnen trotzdem nicht das Recht, auf mein Boot zu klettern. Hier, nehmen Sie schon das Steuerrad“, fügte er unfreundlich hinzu. „Ihretwegen wäre ich beinahe ertrunken, aber den Gefallen, an einer Lungenentzündung zu sterben, werde ich Ihnen nicht tun. Rot Backbord, grün Steuerbord.“

„Ich weiß“, brachte Maisie zittrig hervor, während sie das Steuerrad übernahm. „Aber sollten wir nicht umkehren?“

„Den Teufel werden wir tun!“, knurrte er noch immer wütend, während er sich den tropfnassen Pullover über den Kopf zog. „Und jetzt schauen Sie mal schön nach vorn.“

Das tat sie auch. Aber natürlich wollte sie wissen, warum, und drehte sich wieder um. Dabei sah sie, dass er seine nasse Kleidung ausgezogen hatte und gerade ein Handtuch aus seiner Sporttasche fischte.

„Oh!“ Mit hochroten Wangen wandte sie nun den Kopf und blickte wieder starr geradeaus. Dieser Fremde hatte einen traumhaften Körper! Eine athletische Figur mit schmalen Hüften, flachem Bauch und langen, muskulösen Beinen – der Traum aller Frauen. Maisie konnte das prickelnde Gefühl nicht verleugnen, das sein nackter Anblick in ihr hervorrief, so verwirrend es auch war.

„Oh?“, echote er.

„Tut mir leid, aber mir war nicht gleich klar, was Sie gemeint hatten“, entschuldigte sie sich.

Er brummte nur etwas Unverständliches vor sich hin. Ein paar Augenblicke später kam er in trockener Kleidung zu ihr herüber und nahm das Steuer wieder selbst in die Hand.

„Wer immer Sie auch sind, werte Dame – ein heißer Kaffee wäre jetzt genau das Richtige“, regte er an.

Maisie zögerte. „Ich möchte wirklich wieder umkehren …“

„Dann hätten Sie sich gar nicht erst an Bord schmuggeln sollen“, versetzte er ungerührt. „Ich habe nämlich vor, zur Horseshoe Bay auf Peel Island zu segeln. Dort habe ich ein paar Freunde von anderen Booten zum Lunch eingeladen, und ich werde meine Pläne auf keinen Fall aufgeben. Nun machen Sie schon den Kaffee.“

Wortlos ging Maisie auf die Tür zu, die nach unten führte. Was hätte sie auch sonst tun sollen?

Unter anderen Umständen wäre es für Maisie ein Vergnügen gewesen, an Bord der Mary-Lue Kaffee zu kochen. Bei Tageslicht kam der Luxus der Innenausstattung noch mehr zur Geltung. Die Wandverkleidungen und Möbel waren aus matt poliertem Rosenholz, auf den dunkelblauen Velourspolstern lagen türkisfarbene Kissen. Die gleichen Türkistöne wies der Teppich auf. Auf der Bar stand eine Messinglampe mit einem Schirm aus Blattgold.

Außerdem entdeckte sie einen eingebauten Kartentisch, ein Radargerät, GPS, Kurvenschreiber und eine Reihe von Funkgeräten. Die Mary-Lue schien bestens ausgerüstet zu sein, die ganze Welt zu umsegeln.

Die Küche war blitzblank und mit allen modernen Raffinessen ausgestattet. Selbstverständlich gab es keine Plastikbecher. Stattdessen fand Maisie Kristallgläser und Tassen aus feinstem chinesischem Porzellan, deren Dekor farblich zur Einrichtung passte.

Allerdings konnte sie nur Pulverkaffee finden. Doch als sie im Kühlschrank nach Milch suchte, fand sie diesen bis obenhin angefüllt mit Patés, internationalen Käsesorten, Räucherlachs und Austern, Erdbeeren, Champagner und vielem mehr.

Maisie bereitete den Kaffee zu und trug das Tablett vorsichtig die Treppe hinauf. Der Mann am Steuerrad nahm eine Tasse entgegen. Sein dichtes Haar fing an zu trocknen, und sie konnte sehen, dass es dunkelblond war. Auch seine Größe – etwa einsneunzig – stimmte, ebenso die grauen Augen. Dennoch war er nicht derselbe Mann.

Der Himmel war noch leicht bewölkt, sodass die Sonne nur teilweise durchkam. Die Wasseroberfläche kräuselte sich in der leichten Brise. Peel Island, das man jetzt in der Ferne erkennen konnte, war flach und grün im Gegensatz zu der bergigen Insel North Stradbroke, die dahinter lag. In diesem Teil der Moreton Bay waren an diesem kühlen Samstagmorgen kaum andere Boote zu sehen.

„Setzen Sie sich“, befahl der Mann. „Ich bin gespannt auf Ihre Erklärungen.“

Maisie hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Das hier war nicht nur eine verwirrende, sondern auch eine höchst peinliche Situation.

Sie bemerkte, dass sie immer noch ihre Mütze aufhatte, und nahm sie ab. Sanft fuhr der Wind in ihre roten Locken, was die Aufmerksamkeit ihres Begleiters auf sich zog. Mit schmalen Augen musterte er sie.

Sie umfasste ihre Kaffeetasse mit beiden Händen, als wollte sie sich daran wärmen. „Würden Sie mir bitte zuerst sagen, wer Sie sind?“, bat sie.

„Rafe Sanderson“, erklärte er knapp. „Und mit wem habe ich die Ehre?“

„Nein, der sind Sie nicht“, entfuhr es ihr statt einer Antwort.

Er bedachte sie mit einem spöttischen Blick. „Ich schwöre Ihnen, dass ich Rafe Sanderson bin.“

„Aber ich weiß, dass Sie es nicht sind!“, widersprach sie.

„Wie können Sie das behaupten? Wir sind uns noch nie im Leben begegnet.“

„Stimmt, aber ich rede auch nicht von Ihnen, sondern von Rafe Sanderson. Ich … ich hatte eine Affäre mit ihm, wenn man es so nennen kann, und nun bin ich schwanger. Aber anscheinend will er nichts mehr mit mir zu tun haben.“

Ihre Worte verschlugen ihm die Sprache. Schließlich legte er den Leerlauf ein, dann den Rückwärtsgang. Sobald die Jacht zum Stillstand kam, warf er per Knopfdruck den Anker aus.

„Ich dachte, ich hätte ihn endlich gefunden“, fuhr Maisie verzweifelt fort. „Jetzt sehe ich natürlich, dass Sie nicht der Mann sind. Aber es ist derselbe Name … Ich bin völlig durcheinander.“

„Manche Frauen sind leicht zu verwirren“, sagte er mit einem seltsam harten Ausdruck in den grauen Augen. „Erzählen Sie weiter.“

„Sie glauben mir ja doch nicht“, erwiderte Maisie resigniert. „Ich kann es ja selbst kaum glauben, dass mir so etwas passiert ist.“

„Hat er Ihnen Gewalt angetan?“

„Nein.“ Plötzlich brach alles aus ihr heraus. „Vor ein paar Monaten habe ich beide Eltern verloren und mich schrecklich einsam und verlassen gefühlt. Als ich dann wieder einmal meinen Mairead-Wallis-Auftritt hatte …“

„Was zum Kuckuck ist das?“

Maisie erzählte ihm von ihrem Namen und der Band, in der sie spielte. „Es war eine Hochzeit, und nach unserem Auftritt kam dieser Mann auf mich zu, stellte sich als Rafael Sanderson vor und fragte mich, ob er mich zu einem Drink einladen dürfe. Nein danke, sagte ich, aber eine Tasse Kaffee wäre jetzt nicht schlecht. Damit hat alles angefangen.“

„Sind Sie mit ihm am selben Abend ins Bett gegangen?“

„Nein, natürlich nicht!“, erwiderte sie empört. Doch sie musste zugeben, dass sie schrecklich naiv gewesen war.

„Er war wirklich sehr nett und charmant, und er sah blendend aus“, fuhr sie fort. „Plötzlich war für mich das Leben nicht mehr ganz so grau und trostlos.“ Sie schwieg einen Moment und seufzte. „Wir verabredeten uns einige Male, und ich machte mich für ihn immer besonders schick zurecht. Dann erklärte er mir, dass er sein Herz an mich verloren hätte und mich heiraten wollte. Ich glaubte ihm. So ist es dann eben passiert. Vielleicht lag es an dem Wein, den ich nicht gewohnt war, weil ich kaum Alkohol trinke …“ Sie blickte auf ihre Hände. „Ich vertraute ihm auch, als er sagte, dass er aufpassen würde.“

„Verhütung?“, warf Rafael ein, und sie nickte.

„Aber darum hat er sich offenbar nicht geschert“, stellte er trocken fest. „Wenn man der Sache Glauben schenken kann, hat sich der Bursche aus dem Staub gemacht. Dann ist es also bei diesem einen Mal geblieben? Aber da werden bei Ihnen sämtliche Alarmglocken geschrillt haben, nehme ich an.“

„Nein, das nicht, aber …“ Verlegen blickte sie wieder auf ihre Hände. „Ich war noch Jungfrau und dachte, die Dinge würden eben ihre Zeit brauchen. Er war auch sehr sanft und rücksichtsvoll. Ich fühlte mich begehrt, geliebt …“ Mit einer vagen Handbewegung brach sie ab.

Bastard!, dachte Rafe grimmig, falls die Geschichte stimmte. „Also nur das eine Mal?“, fragte er skeptisch.

Sie nickte.

„Und als er sich nicht mehr bei Ihnen meldete, fingen Sie mit Ihrer Suche nach Rafael Sanderson an?“

„Ja. Erst machte ich mir Sorgen und fragte mich, ob er einen Unfall gehabt hatte. Dann wurde mir bewusst, dass ich weder Adresse noch Telefonnummer von ihm hatte.“ Sie seufzte und zuckte die Schultern. „Der einzige Rafael Sanderson, den ich in ganz Australien finden konnte, war der Firmenchef von Sanderson Minerals und Erbe des Dixon Imperiums. Das kann er doch nicht sein, dachte ich mir. Dann stellte ich fest, dass ich schwanger bin.“

Er musterte ihre zierliche Figur. „Danach sehen Sie überhaupt nicht aus. Hören Sie, das klingt alles sehr anrührend, aber …“

Maisie fuhr vom Stuhl hoch. „Glauben Sie, ich hätte meine Dummheit nicht längst bereut?“, rief sie hitzig. „Dabei dachte ich immer, ich wäre die Letzte, der so etwas passieren könnte. Aber ich werde mich nicht unterkriegen lassen!“

Sie hielt kurz inne, als sie sah, wie er spöttisch eine Augenbraue hochzog. „Sie können sich über mich lustig machen, so viel Sie wollen, Mister Wer-immer-Sie-auch-sind, ich werde nicht eher ruhen, bis ich diesen Kerl gefunden und ihm meine Meinung gesagt habe!“

„Setzen Sie sich wieder, Mairead …“

„Maisie“, korrigierte sie.

„Sagten Sie nicht …“

„Ja, aber ich bin immer nur Maisie genannt worden. Falls Sie es genau wissen wollen – seit jenem Abend reagiere ich auf Mairead leicht allergisch, denn ich denke, in dieser Rolle habe ich Rafe glauben gemacht, dass ich weltgewandter bin als in Wirklichkeit. Oder besser gesagt, war.“

Ich bin Rafe, nicht er“, betonte er. Er machte dabei den Eindruck, als finge die Sache an, ihn zu amüsieren. „Ich fürchte, Sie haben Ihre Männer gründlich verwechselt, und ich bin nicht einmal sicher, ob Sie das nicht ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Unter der Sonne der Südsee" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen