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Unter der Flagge der Freiheit

Über den Autor

Frank Adam ist das Pseudonym von Prof. Dr. Karlheinz Ingenkamp. Er hat Geschichte und Psychologie studiert und als Erziehungswissenschaftler ein bekanntes Forschungsinstitut geleitet. Im Ruhestand wandte er sich seinem Hobby, der Geschichte der britischen Flotte, zu. Außer den seehistorischen Romanen hat er marinegeschichtliche Aufsätze und Bücher geschrieben, darunter auch das 1998 erschienene deutschsprachige Standardwerk über die britische Flotte mit dem Titel »Herrscherin der Meere«.

Frank Adam

UNTER DER FLAGGE
DER FREIHEIT

Die Abenteuer Sven Larssons zu Beginn
der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung

Inhalt

Vorwort

Personenverzeichnis

Hinweise für marinehistorisch orientierte Leser

Verzeichnis der Abbildungen

Das Kommando (Dezember 1776 bis Februar 1777)

Vor Amerikas Küsten (März bis Mai 1777)

In der Weite des Atlantiks (Mai bis September 1777)

Vor dem Kampf um die Heimat (September bis Oktober 1777)

Die Schlacht um den Delaware (Oktober bis November 1777)

Neue Befehle (Dezember 1777 bis Februar 1778)

Zu fremden Küsten (März bis Mai 1778)

Der neue Verbündete (Mai bis Juni 1778)

Glossar

Vorwort

Die erste Frank-Adam-Serie um die Erlebnisse David Winters in der britischen Flotte hat viele interessierte Leser gefunden. Diese Serie ist mit dem vierzehnten Band »Sieg und Frieden« beendet worden, der bei Bertelsmann 2004 und bei Bastei 2006 erschien.

Ich lege nun den ersten Band der »Sven-Larsson-Serie« vor, der die Abenteuer eines jungen Deutsch-Schweden auf amerikanischen Schiffen schildert, als die Kolonien um ihre Unabhängigkeit rangen. Die Anfänge der amerikanischen Flotte sind vielfältiger, ungeregelter und komplexer als die Strukturen der britischen Flotte zur gleichen Zeit.

Die dreizehn Kolonien selbst waren ja völlig uneinheitlich. Von den älteren Siedlungen an der Atlantikküste, die an Einwohnerzahl, Struktur und Handelsverflechtung dem Mutterland recht ähnlich waren, bis zu gerade errichteten Hütten mit frisch gepflügten Äckern im Landesinneren gab es eine Vielzahl von Entwicklungsstadien.

Natürlich hatte dieser staatliche Embryo keine eigene Flotte, als er den Weg in die Unabhängigkeit antrat. Es ist eine faszinierende Geschichte, wie aus dem Nichts heraus der Kampf mit der größten und kriegserfahrensten Flotte der Welt aufgenommen wurde. Ich erzähle die Geschichte des Sven Larsson, wie ich es bei David Winter versucht habe: möglichst historisch genau, anschaulich und ohne literarische Profilierungsversuche.

Mir hat die Arbeit am Roman viel Freude gemacht. Für mich ist die Geschichte der Schifffahrt in dieser Zeit so ereignisreich, farbig und fesselnd, dass ich mir kaum ein interessanteres Feld für das eigene Studium denken kann. Ich habe wieder Herrn Rainer Delfs, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitätsbibliothek in Landau, Herrn Dr. Sauer, Leiter der Bibliothek des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven, und Herrn Professor Dr. John B. Hattendorf vom Naval War College in Newport, Rhode Island, für Rat und Hilfe zu danken.

Ich hoffe, dass ich die Leser wieder gut unterhalten und informieren kann.

Frank Adam

Personenverzeichnis

Familie

Sven Larsson

Sabrina Larsson, geb. Wilbur, Svens Ehefrau

Lilian Astrid, beider Tochter, geb. 10.12.1776

Einar Edgar, beider Sohn, geb. 19.10.1777

Astrid Wilbur, verw. Larsson, Svens Mutter

Dr. Edgar Wilbur, Svens Stiefvater und Sabrinas Vater

Ingrid Kellaghan, geb. Larsson, Svens Schwester

Dr. Henry Kellaghan, Svens Schwager

Personal

Martha, Köchin

Hanna, Putzfrau

Henrietta, Amme

John, Hausdiener

William, Gärtner

Freunde

Mr Talbot, Charleston

Mr Richard Bradwick, Reeder

Mr Jonathan Smith, Mitglied des Marinekomitees

Besatzung der Sloop Enterprise

Sven Larsson, Kapitän

Karl Bauer, Erster Leutnant

Joseph Pendleton, Zweiter Leutnant

Alfred Trumbull, Leutnant der Seesoldaten

William Adams, Master

Tim Bolder, Schiffsarzt

Joshua Petrus, Bootsmann

Martin, Svens Bursche

Billy Walton, Schiffsjunge

Ingmar Borgsson, Schiffsjunge

Ariel Rocho, Maat

Walter Berg, Midshipman †

Heinrich Bergson, Midshipman

Ernst Salvatore, Midshipman

Robert Blair, Midshipman

Samuel Root, Matrose

Erste Galeerenflottille

Mark Willis, Kapitän

Robert Merkes, Kapitän

Walter Prospe, Kapitän

Arthur Faller, Leutnant der Marinesoldaten

Besatzung der Fregatte Liberty

Sven Larsson, Kapitän

William Harvy, Erster Leutnant

Michael Flinders, Zweiter Leutnant

Heinrich Bergson, Dritter Leutnant

Abraham Will, Leutnant der Seesoldaten

Dr. Albert Bader, Schiffsarzt

George White, Master

Joshua Petrus, Bootsmann

Ben Albus, Bootsmannsmaat

Samuel Root, Masters Maat

Nathaniel Zander, Svens Schreiber

Martin, Svens Bursche

Tony Food, Svens Koch

Tom Potter, Senior der Midshipmen

Frank Waller, Midshipman

Bill Albert, Midshipman

Achilles Grieve, Midshipman

Besatzung der Brigg Philadelphia

William Harvy, Kapitän Heinrich Bergson, Erster Leutnant Ben Albus, Bootsmann

Hinweise für
marinehistorisch
interessierte Leser

Zur Information über Schiffe, Waffen und Besatzungen der britischen und anderen Flotten dieser Zeit verweise ich auf mein Buch mit zahlreichen Abbildungen und Literaturangaben:

Adam, F.: Herrscherin der Meere. Die britische Flotte zur Zeit Nelsons. Hamburg: Koehler 1998

Über die britischen Kolonien in Amerika und ihr Ringen um Unabhängigkeit findet der Leser unserer Zeit viele Hinweise im Internet.

In der gedruckten Literatur verweise ich auf folgende Einführungen:

Earle, Alice Morse: Home Life in Colonial Days. Stockbridge, Mass.: Berkshire Traveller Press 1974

Gipson, Lawrence Henry: The Coming of the Revolution, 1763–1775. New York: Harper and Row 1962

Zum maritimen Aspekt nenne ich aus der Fülle nur folgende Werke:

Das Standardwerk:

William Bell Clark et al. (Hrsg.): Naval Documents of the American Revolution. Naval Historical Center, Department of the Navy, Washington 1986 ff.

Zum Einstieg in das Thema kann man sich informieren bei:

Coggins, Jack: Ships and Seamen of the American Revolution. Harrisburg: Promotory Press 1969
Gardiner, Robert (Hrsg).: Navies and the American Revolution 1775–1783. London: Chatham Publishing 1996

Viele Details führt folgende Dissertation an:

Paulin, Charles Oscar: The Navy of the American Revolution. New York: Haskell House 1971

Über die Besetzung Philadelphias und den Kampf um den Delaware orientieren:

Jackson, John W.: With the British Army in Philadelphia. San Rafael, California und London, England: Presidio Press

Smith, Samuel S.: Fight for the Delaware 1777. Monmouth: Freneau Press 1970

Verzeichnis der
Abbildungen

Die dreizehn Kolonien

Die Karibik

Die Schlacht um den Delaware

Küste und Hinterland von New Jersey

Das Kommando
(Dezember 1776 bis Februar 1777)

Die Amme, ein junge, dralle Bauersfrau mit einer Haube, wie sie Holländerinnen gerne trugen, kam mit dem Baby ins Wohnzimmer. »Die kleine Lilian hat getrunken, Frau Larsson. Sie muss noch Bäuerchen machen.«

Sabrina Larsson, jung, hübsch, elegant gekleidet, war beim Eintritt der Amme von ihrem Sekretär aufgestanden und streckte die Hände nach dem kleinen Bündel aus, aus dem oben ein winziger, aber schon behaarter Kopf herauslugte. »Da bist du ja, meine liebe Lilian. Hast du fein getrunken? Komm, jetzt gehen wir ein wenig auf und ab und du machst dein Bäuerchen.«

Zur Amme sagte sie: »Ist gut, Henrietta. Ich lege sie dann in ihre Krippe. Bring doch bitte die Liste dort vom Tisch zu John. Er soll sie durchschauen, ob ihm noch jemand einfällt, den wir zur Taufe einladen müssten.«

Die Amme nahm die Liste und sagte: »Wie schön, dass der Herr Kapitän rechtzeitig zur Taufe eingelaufen ist, Mrs Larsson.«

Sabrina Larsson nickte und sprach halb zur Amme, halb zum Baby: »Ja, der Papa ist zurück. Bald kommt er zu uns und bewundert seine Prinzessin.« Dann wandte sie sich ganz der Amme zu: »Der Billy soll schauen und mich gleich rufen, wenn mein Mann den Garten betritt.«

Aber Billy musste schon auf seinem Posten gewesen sein, denn wie aufs Stichwort rief er durchs Haus: »Der Kapitän! Er ist da!«

Sabrina stand einen Augenblick still, schloss die Augen, drückte ihr Kind an sich und flüsterte: »Jetzt ist dein Papa da, Lilian. Was bin ich glücklich.«

Sie ging zur Haustür, öffnete sie mit der freien Hand und schaute zu dem Mann, der den Gartenweg entlang zur Haustür schritt. Arme, Beine, alles unversehrt, registrierte sie schnell in Gedanken und dachte noch: Gut sieht er aus in seinem dunklen Jackett, gebräunt von der karibischen Sonne. Und er lacht so befreit und glücklich.

»Sven, wir freuen uns so, deine Tochter und ich«, sprudelte sie ihm entgegen und strahlte ihn an.

Er nahm den Hut ab und beugte sich zu ihr, um sie zu küssen. »Ich bin so glücklich, Liebste, und so froh, dass du und unsere Tochter gesund seid. Nun lass sie mich einmal sehen!«

Aber erst wurde er ins Haus geleitet. Der Dezemberwind am Delaware wäre heute für das Baby zu frisch. Doch schon im Flur wiederholte er seinen Wunsch und wurde mit dem Kind ins Wohnzimmer bugsiert. Und nun nahm die Mutter das weiße Laken etwas auseinander. »Schau sie dir an, unsere Lilian Astrid. Ist sie nicht ein süßes Mädchen?«

Ihr Mann schaute erwartungsvoll zu dem kleinen Bündel, das ihm entgegengestreckt wurde, und sah den kleinen verschrumpelten Säuglingskopf mit dem schwarzen Haarflaum, den zusammengepressten Augen und den schmalen Lippen. Zwei kleine Ärmchen zuckten hin und her. Sein Blick wurde skeptisch.

»Die Schönheit ihrer Mutter hat sie aber nicht geerbt, Sabrina«, murmelte er schließlich und sah seine Frau unsicher an.

»Männer!«, stieß die nur hervor und blickte zur Decke. »Sven, kleine Babys haben noch keine glatte Haut und keine Löckchen. Sie strahlen dich noch nicht an. Hast du nie Hunde oder Katzen nach der Geburt gesehen? Die sind auch noch nicht kuschelig. Wahrscheinlich können nur Frauen jetzt schon sehen, dass das einmal ein hübsches und kluges Mädchen wird.«

In Sven stieg die Erinnerung an die Jahre der Kindheit in der Wildnis auf. Da hatten ihm seine Eltern manchmal frisch geborene Tiere gezeigt, hilflos, verschleimt und ohne einen Hinweis auf die spätere grazile Schönheit. Nun ja, in diesen Dingen war er wohl sehr unerfahren. Aber dann streckte er seinen Finger aus, strich der Kleinen über die Wange und krabbelte auf ihrer Brust. Jetzt sah sie schon viel gefälliger aus.

Er fasste seine Frau um. »Ich bin so glücklich, dass du alles gesund überstanden hast. Du musst mir viel erzählen.«

Aber hinter ihnen räusperte sich jemand. Es war ein großer Neger, Joshua Petrus, Maat auf seinem Schiff und Gefährte vieler Jahre. »John und das Personal warten auf der Diele, Sir«, meldete er.

Die erste Begegnung mit seiner kleinen Tochter und der Begrüßungskuss seiner Frau sollten die letzten ruhigen Momente an diesem Tag für Sven bleiben.

Jetzt wollte das Gesinde ihn begrüßen. John, der Hausdiener, William, Gärtner und Mann für alles, Martha, Köchin und auch ein wenig Schneiderin, Hanna, die Putzfrau, und nun Henrietta, die Amme. Es war noch vom Stiefvater, Dr. Wilbur her ein wenig viel Personal, aber außer Sabrina, seiner Frau, bewohnte ja auch seine Schwester Ingrid das Haus nach dem Wegzug der Wilburs nach Kanada.

Und da rief sie schon von Weitem seinen Namen. »Sven! Sven! Bist du wieder daheim? Die Leute sagen, du wärst mit einer ganzen Flotte von Prisenschiffen eingelaufen.«

Sven musste schmunzeln, begrüßte aber erst noch das Personal und dankte ihm, dass es Frau und Schwester so gut während seiner Abwesenheit versorgt hätte. Und er hatte für jeden auch ein Geldpräsent bereit. Sven war eigentlich der Meinung, dass diese Zeremonie eher in britische Landhäuser als in einen kolonialen Haushalt passe, aber das Personal hatte es darin gern ein wenig britisch. Nun ja, sein Stiefvater hielt ja auch loyal zur britischen Krone.

Doch da hörte er schon aus dem Salon die Stimme seiner Schwester: »Wo steckt er denn nur?« Er nickte den Bediensteten zu, lächelte und ging in den Salon.

Seine Schwester Ingrid erwartete ihn mit offenen Armen. »Bruderherz! Nun lass dich endlich umarmen. Deine Frau hat es ja kaum noch ausgehalten vor Sehnsucht. Und eure Tochter wollte sie dir präsentieren, obwohl du sicher gar nichts mit einem so kleinen Wesen anfangen kannst, ungeschickt, wie Männer nun einmal sind.«

Sven fasste seine Schwester um. »Du lässt ja andere Menschen immer noch nicht zu Wort kommen. Aber gut siehst du aus. Und bald bist du so hübsch wie ich.«

»O Gott!«, stöhnte Ingrid. »Das soll mir aber erst nach der Hochzeit widerfahren, wenn mein Henry nicht mehr abspringen kann. Und du kannst ja nun auch Brautführer sein. Das ist mir lieber als Onkel Björn.«

»Langsam!«, wehrte Sven ab. »Von einer Hochzeit hat mir noch niemand etwas gesagt.«

Seine Frau Sabrina mischte sich ein. »Wo ihr beiden Larssons zusammentrefft, ist auch immer Trubel und Unruhe. Jetzt setzt ihr euch beide erst einmal hin und trinkt ein Tässchen Kaffee. Martha wird ihn gleich servieren. Und dann erzählen wir der Reihe nach. Zuerst berichte ich von der Geburt. Das ist ja wohl das Wichtigste!«

Und Sabrina berichtete, dass die kleine Lilian zwei Wochen eher als erwartet auf diese Welt drängte, dass sie daher noch nicht in Philadelphia war, wo sie beim alten Studienfreund ihres Vaters die Geburt erwarten wollte. Aber nun habe es die Hebamme aus Gloucester auch getan. Und für den Notfall sei auch Dr. Kellaghan, Ingrids Henry, in der Nähe gewesen.

Sven drückte Sabrina noch einmal an sich. Eine vorzeitige Geburt! Wenn er dort gewesen wäre, hätte ihn vor Unruhe der Schlag getroffen. Er atmete aus. »Was bin ich froh, dass alles gut gegangen ist. Hattest du große Schmerzen?«

»Überhaupt nicht«, lachte Sabrina. »Die Hebamme meinte, wenn es alle Frauen so leicht hätten, würde niemand mehr sie holen. Und unsere Lilian ist gesund. Henry hat sie gleich untersucht.«

Sven schüttelte den Kopf, zwinkerte Sabrina zu und fragte, ob hier inzwischen alle guten Sitten abhanden gekommen seien. Er höre immer von Ingrids Henry. Ihm als dem älteren Bruder habe sich noch niemand vorgestellt.

»Du segelst ja auch in der Welt umher und amüsierst dich«, verteidigte sich seine Schwester. »Henry hat unseren Eltern ausführlich geschrieben, sein Studium und alles geschildert und um meine Hand angehalten. Und da unser Vater Arzt ist, konnte er auch von Kollegen positive Informationen über Henry einholen und hat der Heirat zugestimmt.«

»Und wann soll die sein?«

»Am Goldenen Sonntag vor Weihnachten. Am Weihnachtsfeiertag taufen wir eure Tochter, und zu Neujahr soll mein Henry seine neue Praxis eröffnen.«

Jetzt war auch Sabrina überrascht. Davon sei überhaupt noch nicht die Rede gewesen. Wo denn das sei?

Ingrid gab zu, dass Henry sie gebeten habe zu schweigen, da alles so unsicher war. »Gestern erhielt er die Zusage. Der Rat von Norristown, vierzig Kilometer den Schuylkill-Fluss aufwärts, richtet eine Praxis mit einem kleinen Hospital ein. Der Ort wächst sehr, und in den Werkstätten gibt es auch immer wieder Unfälle. Es sei nicht mehr zumutbar, dann auf Ärzte aus Philadelphia zu warten. Die Gemeinde stellt ein Wohnhaus zu einem sehr günstigen Preis. Das Land ist frei. Henry kann die Chance nicht ausschlagen.«

»Aber dann wäre doch Sabrina allein hier in dem großen Haus«, wandte Sven ein.

»Aber nur, wenn ich die vielen Dienstboten rauswerfe«, entgegnete Sabrina. »Ich habe keine Angst, Sven. Und John und William würden mich schon beschützen, von der resoluten Martha ganz zu schweigen. Wichtiger ist die Frage, ob du nun deinen Anteil am Haus ausgezahlt haben willst, liebe Ingrid.«

Sven winkte ab. »Der Anteil war doch tausendeinhundert Golddollar, nicht wahr?« Ingrid nickte und Sven fuhr fort: »Das können wir aufbringen. Ich hatte Prisenglück. Aber wenn ihr dann so weit weg seid?«

Ingrid schaute ihn verwundert an. War das der tatkräftige Kapitän? »Sven, das sind drei Stunden flussaufwärts und flussabwärts die Hälfte. Da können wir uns doch oft sehen und außerdem ...«

Vor der Tür zum Salon kam Unruhe auf. Der sonst so beherrschte John steckte aufgeregt den Kopf zur Tür herein. »Meine Damen, Sir! Draußen laufen Leute vorbei und rufen, die Briten kämen. Was sollen wir tun?«

Sabrina fasste sich zuerst und sagte: »Erst einmal gar nichts! Schließen Sie die Türen und beobachten Sie, was sich draußen tut! Wir kommen gleich.«

Sie nickte John zu und blickte Sven an. Der war erstaunt, wie schnell seine Frau reagiert hatte. Nun ja, sie musste ja auch sonst ohne ihn entscheiden.

»Wo standen die Briten denn zuletzt?«, fragte er seine Schwester.

»General Howe war von New York aus an den Oberlauf des Delaware bei Trenton vorgestoßen. Vor wenigen Wochen gab es große Unruhe in der Stadt, weil es hieß, er marschiere mit seinen Truppen auf Philadelphia. Die Loyalisten haben offen gejubelt. Einige Patrioten sind dagegen aus der Stadt geflohen, aber am nächsten Tag gestanden sich alle ein, dass sie übereilt auf Gerüchte hereingefallen waren. Darum wollte ich auch erst einmal Zeit gewinnen.«

Sie ergänzte: »Nach den letzten Nachrichten haben die hessischen Brigaden von General Howe bei Trenton Winterquartier bezogen. Warum sollten sie jetzt wieder marschieren, wo das Eis jeden Tag den Fluss blockieren kann?«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre Diskussion. »Dr. Kellaghan möchte Mr Larsson und die Damen sprechen«, meldete John.

»Herein mit ihm!«, entschied Sven und erhob sich.

Ein junger, schlanker, schwarzhaariger Mann trat lächelnd ein, begrüßte Ingrid mit einem Kuss, verneigte sich vor Sabrina und schüttelte ihr die Hand und trat auf Sven zu. »Lerne ich nun endlich meinen Schwager persönlich kennen. Ich freue mich. Ich bin Henry.«

Sven lachte ihn an. »Und ich bin Sven und habe noch nicht einmal ein Glas Champagner bereit, um auf die neue Verwandtschaft anzustoßen.« Sie schüttelten sich die Hände und musterten sich.

Henry war schlanker als Sven und blasser. Er wirkte intelligent und zuverlässig. Er war Sven vom ersten Moment an sympathisch. Und das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Aber jetzt unterbrach er die Sekunden der gegenseitigen Musterung.

»John sagte mir, dass ihr durch das Gerücht über den Anmarsch der Briten aufgeschreckt wurdet. Es ist wirklich ein Gerücht, das Loyalisten aufgebracht haben und gegen Bezahlung verbreiten ließen. Ich kannte einen der Gerüchtestreuer aus der Praxis und habe es ihm auf den Kopf zugesagt. Die Briten lagern nach wie vor bei Trenton.«

John hatte Champagner und Gläser gebracht. »Dann können wir ja auf das junge Paar und die neue Verwandtschaft trinken«, schlug Sven vor.

»Und auf unsere Tochter!«, mahnte Sabrina.

»Auf uns alle!«, toastete Henry und hob sein Glas. Sie stießen an und tranken.

Sie hatten kaum getrunken, als Sven seine Besorgnis aussprach. »Jetzt mag es ein Gerücht sein, aber was macht ihr, wenn die Briten wirklich kommen?«

Sabrina mochte das Thema nicht. »Sven, mein Vater war ein bei den meisten sehr geschätzter Arzt. Er ist als Loyalist nach Kanada gezogen, weil er hier nicht in solche Konflikte geraten wollte, wie sie möglicherweise kommen könnten. Aber er ist hier noch bei den Loyalisten angesehen. Die Briten würden uns nichts tun. Und für die Patrioten können wir auf dich verweisen. Wir haben uns in der Öffentlichkeit politisch zurückgehalten und müssen keine Racheakte fürchten. Ich glaube, dass keine Seite Krieg gegen Frauen und Kinder führt.«

»Ich wünschte, ich könnte da so sicher sein wie du«, sagte Sven. »In jeder Truppe gibt es Rohlinge und Plünderer. Auch ich könnte für meine Matrosen nicht garantieren, wenn sie an Alkohol herankommen. Aber wenn die Briten von New York aus anmarschieren, liegt ihr hier in Gloucester ein wenig seitab.«

Henry mischte sich ein. »Wenn es hier gefährlich wird, kann Sabrina auch jederzeit zu uns nach Norristown kommen. Wir würden ja auch zu euch flüchten, wenn wir in Gefahr wären. Aber bei Ärzten sind auch marodierende Soldaten meist vorsichtig, weil sie nicht wissen, ob sie den Arzt nicht noch brauchen.«

Nun mischte sich Sabrina ein. »Jetzt habt ihr aber genug über die Gefahren gesprochen. Wir möchten doch auch etwas über die neue Praxis in Norristown wissen. Sven hat Ingrid schon zugesichert, dass wir ihren Anteil auszahlen können.«

»Das ist wunderbar!«, bedankte sich Henry. »Es ist ein schön gelegener Besitz, den die Gemeinde günstig anbietet, um einen Arzt an sich zu binden. Wir sind in der Natur und doch in ein paar Stunden in Philadelphia. Die Bevölkerung hat schon einen gewissen Wohlstand, um einen Arzt auch zu bezahlen.« Er lachte und kam Svens Spott zuvor. »Das Gebäude, das ich als Hospital einrichten soll, hat einen Raum für Untersuchungen, einen für Operationen und je ein Krankenzimmer für Männer und Frauen und natürlich die Nebenräume. Ich kann das mietfrei nutzen und doch Honorare erheben.«

»Das hört sich sehr günstig an. Wirst du noch als Lehrerin arbeiten, Ingrid?«, fragte Sven.

Ingrid schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. In der ersten Zeit ist viel mit der Einrichtung zu tun, und dann möchte ich ja auch nicht zu sehr hinter Sabrina zurückstehen.« Sie lächelte Henry an.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Die Amme streckte den Kopf herein. »Frau Larsson, die Kleine ist wach. Was soll ich ihr anziehen? Wollen Sie mit ihr noch ein wenig an die frische Luft gehen?«

Sabrina schaute Sven an. »Ich müsste mich umziehen und ein wenig frisch machen«, sagte der. »Unser junges Glück hier dürfen wir ja ein wenig allein lassen.«

Als er mit Sabrina allein im Flur vor dem Kinderzimmer stand, sagte sie zu ihm: »Sven, du hast doch etwas, was dich bedrückt.«

Er sah sie an und rang um Fassung. »Mein alter, treuer Freund Adam ist vor wenigen Tagen gefallen.«

Sie schlug erschrocken die Hand vor den Mund. »Der Adam, mit dem du seit deinem ersten Tag auf See beisammen warst? Der liebe,

gute Kerl! O Sven, du Armer!« Und sie fasste ihn liebevoll um. »Wie ist das geschehen?«

»Wir trafen vor wenigen Tagen auf einen britischen Konvoi, der von einem Kutter begleitet wurde. Nachdem wir ihn niedergekämpft hatten, ergaben sich auch die vier Handelsschiffe bald. Adam sollte eine Schnau in Besitz nehmen. In einer Kabine saß ein Bote mit viel Geld. Der hat ihn erschossen, als Adam die Tür öffnete. Aber Adam hat ihn auch tödlich getroffen.«

»Musste er Schmerzen erleiden?«

»Nein, sicher nicht. Er ist bald darauf gestorben und ließ mir noch Glück wünschen.« Sven stiegen die Tränen in die Augen.

»So ein treuer und erfahrener Gefährte. Wenn er bei dir war, hatte ich keine Angst. Aber warum saß da ein Bote mit Geld?«

Sven atmete tief. »Reiche britische Adlige finanzieren Loyalisten-Regimenter, die sie dann auch – manchmal nur nominell – kommandieren. Zwei Handelsschiffe hatten Waffen und Uniformen für das Regiment und auch zwanzigtausend Dollar, um Sold und alles andere zu bezahlen.«

Sabrina fasste ihn um. »Wie hätten wir uns über das Geld gefreut, wenn er noch am Leben wäre. Aber nun muss ich erst zu Lilian. Willst du dich inzwischen hier frisch machen und umziehen?«

»Nein, Liebste. Ich will mit zu unserer Tochter. Sie soll ihren Vater kennen lernen.«

»Wenn du nicht erwartest, dass sie morgen schon deinen Namen ausspricht, dann ist das ganz in Ordnung.«

Als sie alle am Abendbrottisch saßen, musste Sven noch erzählen, wie es zur Eroberung des britischen Kutters und der vier Handelsschiffe gekommen war.

Aber danach sprachen sie wieder über den Auszug Ingrids und die Sicherheit in diesen Zeiten. Ingrid wollte erst im Frühjahr umziehen, würde aber schon jetzt die Ausstattung des Hauses und des Hospitals überwachen. »Diese Innenarbeiten können ja auch im Winter vorgenommen werden. Und ich würde gern William mitnehmen. Du hast ein wenig viel Personal, und William wäre für Arbeiten im Haus und für den großen Garten der richtige Mann. Du hast ja jetzt auch erst einmal den starken Joshua und Billy mit im Haus, liebe Sabrina.«

Sven schaute skeptisch, aber Sabrina sah keinen Hinderungsgrund. »Du musst ihn fragen, ob er will. Es wäre schön für dich, dann hättest du jemanden im Personal, dem du vertrauen kannst.«

Ingrid drückte ihr die Hand. »Lieb von dir, Schwesterherz. Aber weil wir vom Vertrauen ins Personal sprachen. Ich kenne Joshua und seine Geschichte. Doch von Billy, der ja auch schon mit Sven hier war, weiß ich wenig. Er ist doch sehr jung.«

Sven berichtete, wie sie den damals zwölfjährigen Billy im Laderaum einer gekaperten Brigg entdeckt hätten, wo er sich im hintersten Winkel versteckt hatte, als die Kanonen krachten. Der Junge erzählte, dass er aus Gloucester wäre. Da haben sie ihn zu mir geschickt. Seine Mutter hat nach dem Tod seines Vaters wieder geheiratet, und der Stiefvater will ihn nicht im Haus haben. Auf dem Schiff ist er Pulverjunge und hilft meinem Diener. Wenn wir im Hafen liegen, wohnt er bei uns.

»Er ist ein lieber, anstelliger Kerl. Und mir tut er leid, so wie ihn seine Familie aufgibt«, ergänzte Sabrina.

Sven und Sabrina hatten sich wohl schon während des Essens mehrmals sehnsüchtig in die Augen geblickt, jedenfalls bemerkte Ingrid bald nach dem Essen, dass sie nun das junge Paar endlich seinem trauten Glück überlassen werde. Und Henry müsse auch heim, da er noch manches für den künftigen Tag richten müsse.

Sven lächelte seine Schwester an. So burschikos sie auch wirkte, sie hatte doch immer ein sicheres Gefühl für die Wünsche ihrer Mitmenschen. Sie trennten sich mit herzlichen Worten.

Sabrina drückte Sven an sich. »Endlich allein! Ich habe schon solche Sehnsucht.«

Sven küsste sie, löste sich aber von ihr und sagte: »Ich sehne mich auch so sehr nach dir, aber wir können doch so kurz nach der Geburt nicht miteinander schlafen.«

»Was redest du da, Liebster? Es war eine normale und leichte Geburt. Natürlich können wir nach einer Woche miteinander schlafen, oder hast du nun auf einer der karibischen Inseln eine Geliebte, die auf dich wartet?«

»Eine?«, griff er den Scherz auf. »Einen ganzen Harem. Und ich kann dir gleich zeigen, was ich dort alles gelernt habe.«

Sie fielen sich lachend in die Arme, entkleideten sich gegenseitig, küssten sich immer wieder voll Verlangen und liebten sich wieder und wieder innig und leidenschaftlich.

»Wäre das schön, wenn wir jetzt wieder in das Sommerhaus fahren könnten wie nach unserer Hochzeit. Hier muss man sich ja immer sorgen, ob einen jemand hört«, flüsterte Sabrina, als sich beide endlich zum Schlafen trennten.

»Aber Sabrina! So etwas darf eine ehrbare Ehefrau doch nicht sagen! Du redest ja wie ein leichtes Mädchen«, ermahnte sie Sven lächelnd.

»Du musst es ja wissen«, erwiderte sie. »Schlaf gut, Liebster, damit du morgen Früh wieder die Gelüste eines leichten Mädchens befriedigen kannst.«

Sie waren am Vormittag allein daheim, denn Ingrid unterrichtete in der Schule. Sven schaute zu, wie seine Tochter gewickelt wurde, und staunte über die kleinen Finger und Zehen. Dann trug er sie stolz durch die Zimmer und fand sie viel hübscher als am Vortag.

Sabrina forderte aber danach seine Aufmerksamkeit und wollte wissen, ob er nun wieder so kurzfristig auslaufen müsse wie nach ihrer Hochzeit.

»Nein, Liebste. Was wird, ist völlig offen. Mein Schoner Freedom braucht zwei Wochen, ehe er wieder segelfertig ist und die Mannschaft ihren Urlaub hatte. Und dann bleibt noch fraglich, ob der Eisgang auf dem Delaware ein Auslaufen gestattet. Aber ich weiß gar nicht, ob ich das Kommando wieder übernehmen soll.«

»Willst du an Land bleiben? Das hältst du doch nicht aus bei dem Salz, das du im Blut hast«, neckte ihn Sabrina.

Sven lächelte und schüttelte den Kopf. »Das Marine-Komitee bietet mir eine ehemalige französische Korvette als Kommandant an und appelliert an meine patriotische Verantwortung. Ich gelte nun als erfolgreicher Kapitän.«

»Das bist du ja wohl auch!«, bekräftigte Sabrina. »Aber du warst doch mit der Freedom sehr zufrieden. Warum bieten sie dir nun ein neues Schiff an?«

»Die Freedom ist ein Kaperschiff. Die Korvette oder Sloop ist ein Schiff der Kontinentalen Flotte. Als Kapitän eines Kaperschiffs soll ich Prisen erbeuten, aber nicht mit britischen Kriegsschiffen kämpfen.«

»Aber du hast doch gerade den britischen Kutter besiegt«, warf Sabrina ein.

»Ja«, bestätigte Sven. »Doch ich habe ihn nur angegriffen, um die vier Handelsschiffe, die er beschützte, als Prisen zu gewinnen. Hätten wir den Kutter nicht erobert, hätte man mir nie wieder ein Kaperschiff anvertraut. Alle hätten gesagt, dass ich leichtfertig Kriegsschiffe angreife, wo ich doch Prisen machen soll.«

»Aber die Schiffe der Kontinentalen Flotte erobern doch auch Prisen. Ich lese es doch immer wieder in den Gazetten«, wandte Sabrina ein.

Sven nickte und lächelte. »Wer verschmäht schon das Geld, das eine Prise einbringt? Aber wenn die Schiffe der Flotte auf ein gleichwertiges oder gar unterlegenes britisches Kriegsschiff treffen, dann dürfen sie nicht davonsegeln, um das eigene Schiff zu schonen, sondern müssen den Feind bekämpfen. Mitunter suchen sie auch gezielt britische Schiffe, um sie zu vernichten, wenn die zum Beispiel einen unserer Häfen blockieren.«

»Dann hättest du öfter Kämpfe vor dir, Sven. Warum solltest du das tun? Denk an mich und deine Tochter!«

»Mr Smith meint, ich solle an die Unabhängigkeit der Kolonien denken. Es sei meine patriotische Pflicht, in der Flotte zu dienen, und nicht nur dem Gewinn hinterherzujagen. Und wenn unsere Freiheit nun so bedroht wird, wenn unsere engere Heimat in Gefahr ist, muss ich dann nicht dem Ruf der Flotte folgen?«

Sabrina schwieg und blickte vor sich hin. Schließlich antwortete sie: »Sven, niemand kann von mir verlangen, dass ich für den geliebten Mann ein Leben in größerer Gefahr befürworte. Ich sehe ein, dass wir auch für unsere Freiheit Opfer bringen müssen, obwohl ich bei denen, die am lautesten von Freiheit schreien, wenig davon bemerke. Du willst ehrenhaft handeln. Ich werde das respektieren. Aber bitte, denke bei deinen Entscheidungen auch an uns!«

»Du machst es mir nicht leichter, Sabrina. Aber sicher hast du recht, wenn du mir deutlich machst, dass ich allein die Entscheidung treffen und verantworten muss. Ich weiß noch nicht, wie ich mich entscheiden werde. Aber wir müssen uns noch über etwas klar werden. Mein Anteil an den Prisen der letzten Reise beträgt mindestens 5.000 Dollar. Wenn wir Ingrids Anteil am Haus auszahlen, bleiben rund 4.000. Soll ich davon für 3.000 Dollar Anteile an einem Kaperschiff erwerben? Das kann guten Gewinn bringen, denn Herr Bradwick hat sicher an dieser Reise mehr verdient als ich.«

Seine Frau blickte ihn nachdenklich an. »Einfach sind deine Fragen aber nicht, lieber Sven. Wenn der Gewinn groß ist, wird wohl auch das Risiko groß sein.«

Sven nickte. »Einer von vier Kapern geht verloren, einer findet keine Prise, einer bringt durchschnittliche Beute und einer schafft den gro- ßen Gewinn, wie wir diesmal.«

»Ich bin nicht so risikofreudig wie du, Sven. Bitte steck nicht mehr als die Hälfte des Geldes in ein solches Geschäft. Leg die andere Hälfte auf die Bank, wo sie kleinen, aber sicheren Gewinn bringt.«

Sven war einverstanden und wollte noch darüber sprechen, wie sich Sabrina und das Kind besser vor den Kriegswirren schützen sollten, aber Sabrina protestierte. »Sag einmal, können wir nicht über etwas anderes reden oder vielleicht sogar etwas anderes tun? Du bist ein junger Ehemann, der nach langer Abwesenheit wieder bei seiner geliebten Frau ist. Und dann redest du nur über so belastende Entscheidungen? Morgen musst du auch schon wieder für einen halben Tag zur Reederei. Was bleibt denn da für mich?«

Sven nahm sie in die Arme und bewies ihr mit seinen Küssen seine Liebe. »Es ist doch unsere Zukunft. Und wenn man liebt, dann sorgt man sich auch um den anderen.«

»Das musst du mir nicht sagen, Sven. Das habe ich in den letzten Monaten sehr genau erfahren. Ich muss jetzt zu unserer Tochter.«

Sven merkte, wie enttäuscht sie war, und folgte ihr schuldbewusst.

»Ja«, bestätigte Ingrid. »Sven will immer in die Zukunft planen und alles absichern. Unsere Mutter sagte, da komme er nach seinem Vater. Manchmal war ich froh darüber, aber mitunter hat es mich sehr genervt. Nur die Einsicht, dass er es gut meinte, hat mich dann gehindert, ihm alles an den Kopf zu werfen.«

Henry lachte. »Da habe ich ja einiges zu erwarten. Jeder vernünftige Mann plant doch voraus. Und der alte Einwand, es komme ja doch anders, ist doch lächerlich. Wenn man nichts plant, kommt alles anders. Wenn man gut plant, braucht man nur einen Teil des Planes anzupassen. Wenn man richtig plant, hat man auch für diese Änderungen Alternativen zur Hand. Einfach nur in den Tag hinein zu leben, kann doch nicht die Devise eines denkenden Menschen sein.«

Sabrina sah ihn skeptisch an. »Das ist die Logik, lieber Henry. Aber es gibt noch mehr. Ob ein Plan akzeptiert wird, hängt doch auch sehr davon ab, in welcher Situation und wie er vorgetragen wird. Wenn eine junge Ehefrau, deren Mann gerade heimgekehrt ist, einen Plan zu den Modalitäten seiner neuen Abreise beurteilen soll, dann ist sie voreingenommen. Das ist wohl verständlich.«

Alle schauten auf Sven. Der seufzte. »Ja, ich beachte die emotionale Seite wohl zu wenig. Aber ich quäle mich schon einige Zeit damit herum und hoffe doch nur auf Beistand.«

»Nun sagt doch einmal dem Doktor, worum es eigentlich geht«, bat Henry.

Sven berichtete kurz und klar über die Erwartung von Mr Smith.

»Ist denn seine Erwartung überhaupt realistisch, lieber Schwager? Ich höre doch überall, dass die Kontinentale Flotte keine Besatzungen für ihre Schiffe anwerben kann, dass die Seeleute lieber auf den Kaperschiffen dienen.«

Sven bestätigte das und ergänzte: »In diesem Fall vertraut man wohl darauf, dass eine so schnittige Korvette oder Sloop auch viele Prisen fangen kann und dass mein Name für solche Erfolge bürgt. Außerdem hat der Kongress jetzt gerade die Heuer erhöht. Ein Seemann erhält nun acht Dollar im Monat. Und wenn ein britisches Kriegsschiff versenkt oder erbeutet wird, werden zwanzig Dollar für jede Kanone und acht Dollar für jedes Besatzungsmitglied als Prisengeld verteilt. Dadurch hofft man, wieder attraktiver zu sein.«

»Was ist das für ein Schiff, das man dir anbietet, und wie viel Mann brauchst du dafür?«

»Das ist eine ehemalige französische Korvette, etwa 33 Meter lang, 440 Tonnen Wasserverdrängung, 18 Kanonen und eine Besatzung von 130 Seeleuten und 30 Marinesoldaten.«

»Würden nicht viele deiner jetzigen Besatzung mit dir wechseln?«, fragte Ingrid.

Sven zuckte mit den Schultern. »Ich konnte noch mit keinem darüber sprechen. Aber wenn die Hälfte mitkäme, hätte ich knapp 25 Mann. Die Marinesoldaten stehen bereit, und wie viele Matrosen jetzt auf dem Schiff sind, weiß ich nicht. Ich habe es ja noch nicht einmal gesehen.«

»Das wird etwa eine kleine Fregatte sein, schätze ich als Laie«, fügte Henry hinzu. »Ich will mich auch nicht an das Thema klammern, denn ich sehe den Damen an, dass sie es langsam langweilig finden. Nur eine Frage: Hätte dieses Schiff die Stelle eines Schiffarztes?«

Sven bestätigte es.

»Dann hätte ich einen Kandidaten für den Posten. In meinem College war ein Student einige Semester unter mir. Er war in allen Übungen ein begnadeter Chirurg. Es gibt Menschen, die können mit ihrer Fingerfertigkeit beim Spiel der Violine oder des Klaviers ihre Zuhörer begeistern. Er versetzt Mediziner mit der Schnelligkeit und Präzision seiner Schnitte in Bewunderung. Für uns ist Schnelligkeit bei einer Operation so wichtig, weil wir mit Laudanum und Alkohol nur notdürftig betäuben können. Ich möchte ihn für unser Hospital in Norristown anwerben, aber das kann ich erst in Jahresfrist, wenn ich mir einen Namen gemacht und dem Hospital einen Patientenkreis geschaffen habe. Der junge Mann ist jetzt examinierter Arzt, aber er hat kein Geld, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Bevor er irgendwo als Zuarbeiter in einer Praxis versauert, sollte er etwas von der Welt sehen und Erfahrungen sammeln. Aber in einem Jahr müsstest du ihn für mich freigeben, Sven!«

»Eine Menge ›Wenns‹, lieber Schwager. Doch ein guter Schiffsarzt ist viel wert. Sobald ich mich für das Schiff entscheide, werde ich mit ihm sprechen.«

»Können wir nun endlich einmal über unsere Hochzeit reden?«, fragte Ingrid ein wenig pikiert.

Mr Bradwick empfing Sven am nächsten Morgen sehr freundlich. Er teilte ihm mit, dass für die Ladung der Prisen noch höhere Preise zu erzielen wären, als sie zunächst angenommen hätten. »Auch für die Schiffe haben wir Interessenten, die gut zahlen wollen.«

Sven bedankte sich für die gute Nachricht und erwähnte, dass er mit seiner Frau darüber nachgedacht habe, ob sie sich nicht mit 2.000 Dollar an einem Kaperschiff beteiligen sollten.

»Sie sind mir als stiller Teilhaber jederzeit willkommen, Mr Larsson. Sind Sie besonders an einem Kaperschiff interessiert, oder würden sie auch Anteile an einem Frachtschiff erwerben wollen?«

»Bei einem Frachtschiff stehen dem Verlustrisiko aber nur geringe Gewinnaussichten gegenüber, nicht wahr, Mr Bradwick?«

Das wollte Mr Bradwick nicht so bestätigen, vor allem nicht, da man die Schiffe jetzt häufiger im Konvoi segeln und durch die Freedom beschützen lassen wolle.

»Darf ich Bedenken äußern, Mr Bradwick?«, fragte Sven und wartete die Zustimmung Bradwicks kaum ab, ehe er fortfuhr: »Die Freedom ist so auf Schnelligkeit und Wendigkeit gebaut, dass sie als Geleitschiff weit unter ihren Möglichkeiten eingesetzt wäre. Andererseits ist sie mit ihren acht Kanonen auch dafür etwas schwach bewaffnet. Eine Brigantine mit zehn bis vierzehn Kanonen wäre schnell genug und besser bewaffnet für diesen Zweck. Unter den letzten Prisen war eine Brigantine, die man so bewaffnen könnte.«

Mr Bradwick strich sich gedankenvoll über das Kinn. »Warum nehmen wir Ihren Anteil nicht für den Ankauf und die Ausrüstung der Brigantine?«

»Das wäre ganz im Sinne meiner Frau, die das Risiko besser verteilen will. Die Brigantine könnte selbst auch Waren transportieren. Also: Wir sind einverstanden, Sir.«

Mr Bradwick schüttelte zur Bekräftigung Svens Hand. »Wo Sie jetzt stiller Teilhaber in der Reederei sind, will ich Ihnen gleich sagen, dass ich in Erwartung eines britischen Angriffs auf Philadelphia unseren Hauptsitz nach Boston verlegen werde. Heimathäfen für meine Schiffe sind dann Boston und Charleston. Hier bleibt nur ein Statthalter der Firma.«

Sven war betroffen. »Dann rechnen Sie mit der Besetzung dieser Stadt?«

Mr Bradwick nickte, und Sven sagte: »Soll ich meine Familie auch evakuieren?«

»Das kann ich beim besten Willen nicht entscheiden. Sie haben keine Reederei zu führen. Ihr Wohnort liegt ein wenig seitab. Sie sind keine ortsbekannten Patrioten. Andererseits ist das Verhalten von Soldaten aller Seiten nie vorauszusagen. Plündern sie? Morden sie? Ich weiß nicht, was ich tun würde. Auf jeden Fall würde ich geheime Kellerräume oder Speicher anlegen, damit Ihre Angehörigen sich eventuell verstecken können und damit Vorräte gelagert werden.«

»Ich werde darüber nachdenken, Mr Bradwick. Aber jetzt lassen Sie uns bitte erledigen, was ich zur Abrechnung der Prisen und zur Versorgung der Freedom noch tun muss. Sonst komme ich zu spät heim.«

Als er ging, zeigte ihm Mr Bradwick noch, wo die Sloop Enterprise lag. »Das musste ich Mr Smith versprechen.«

Sven sah sich die ehemalige Korvette an. Das war ein schnittiges Schiff. Bestimmt ein guter Segler! Sie war gut gepflegt und schien auch eine starke Mannschaft an Bord zu haben. Er seufzte.

Sabrina war erstaunt, dass Bradwick mit der Reederei umziehen wolle.

»Seine Schiffe segeln nur gegen Englands Interessen. Entweder müsste er die Lieferungen einstellen oder Englands Zölle zahlen. Dann wäre er ruiniert. Aber wenn die Engländer abziehen, kommt er wieder«, erläuterte Sven.

Sabrina schwieg ein Weilchen. »Ich habe auch über die Risiken einer Besetzung nachgedacht. Unsere Nachbarn sind alles recht wohlhabende Leute. Bei ihnen könnte genauso geplündert werden wie bei uns. Einige neigen politisch zum britischen König, andere zur Unabhängigkeit, von noch anderen weiß ich es nicht. Mit allen verstehen wir uns gut und würden uns innerhalb gewisser Grenzen füreinander einsetzen. Von keinem ist mir bekannt, dass er evakuieren will. Alle glauben wohl wie ich, dass ihnen nicht viel passieren würde. Sollten wir Kampfgebiet werden, sieht das natürlich anders aus.«

»Mr Bradwick hat mir geraten, geheime Kellerräume und Speicher für Nahrungsmittel anzulegen. Ich werde zwei Maate von der Freedom holen und das einmal mit ihnen durchsprechen. Aber nun wollen wir über Ingrids und Henrys Hochzeit reden. Mir ist eingefallen, dass ich noch gar nicht weiß, was du anziehst und was ich anziehen soll.«

Und so lenkte die Vorbereitung auf die Familienfeiern beide von den Planungen für eine kriegerische Zukunft ab.

Die Hochzeit von Ingrid und Henry war ein gesellschaftliches Ereignis in Gloucester. Henry war als Arzt vielen Menschen bekannt, Ingrid kaum weniger als Lehrerin. Und die Familien der Larssons und Wilburs waren seit Langem hier ansässig.

So standen die Menschen in Scharen vor der Kirche und jubelten den Brautleuten zu. Ingrid sah in ihrem weißen Brautkleid hinreißend aus. Auch Sven, dessen brüderlichem Blick die Schönheit bisher nicht so aufgefallen war, schien beeindruckt. Henry, in schwarzem Anzug mit weißen Strümpfen, wirkte elegant und lächelte allen fröhlich zu.

Sabrina und Sven genossen die Feier. Sven sah seinen Onkel und seine Cousine erstmals nach längerer Zeit wieder. Sie waren freundlich miteinander, aber Sven wusste, es würde bei der Verschiedenheit der Interessen keine enge Bindung werden. Der Onkel schien auch einen Einmarsch der Briten herbeizusehnen.

Sven und Sabrina amüsierten sich mehr beim Tanz mit Freunden und Bekannten. Als sie am frühen Morgen wieder in ihrem Haus waren, meinte Sven, dass in drei Tagen bei ihnen Taufe gefeiert werde. »Die vielen Feste sind ja auch nicht weniger anstrengend als der ständige Segel- und Kanonendrill auf den Schiffen.«

Sabrina lächelte. »Und wen fasst du beim Kanonendrill so liebevoll um wie die Elisabeth vorhin beim Tanz?«

Er lachte laut. »Ich habe gewartet, dass du das Thema anschneidest. Du hast so streng und genau geguckt. Elisabeth meinte, ich solle sie fester drücken. Sie wolle ihre Freundin ein wenig ärgern.«

»So etwas habe ich mir schon gedacht«, lachte nun auch Sabrina. »Echte Chancen hättest du bei Elisabeth sowieso nicht. Dazu liebt sie ihren William viel zu sehr.«

So sehr erfreut schien Sven über diese Mitteilung nicht zu sein.

Drei Tage später, am Weihnachtsfeiertag, blieb nicht viel Zeit für die Bescherung. Sabrina und Sven überreichten sich ihre Geschenke gleich nach dem Erwachen, und Sven freute sich, dass er auf Martinique diese ebenso hübsche wie wertvolle Brosche gefunden hatte, die Sabrina nun so schön fand. Er war auch von dem Taschenteleskop angetan, das Sabrina für ihn hatte. Danach bescherten sie noch das Personal, und dann wurde es Zeit für ein kurzes Frühstück und den Gang zur Kirche.

Hier wurde die kleine Lilian Astrid getauft. Sie sah süß aus in ihrem Taufkissen und krähte erwartungsgemäß, als sie mit dem Weihwasser beträufelt wurde. Alle Gäste – die meisten hatten sich schon vor drei Tagen getroffen – waren sich einig, dass es jammerschade sei, dass Dr. Wilbur und seine Frau Astrid nicht mit ihrem Enkelkind feiern konnten.

»Sie werden den ganzen Tag im fernen Kanada nur an die Taufe ihrer Enkelin denken«, versicherte eine ältere Nachbarin Sven und Sabrina. »Was macht die Politik nur aus den Menschen? Die beiden hätten doch auch hierbleiben können. Jeder mochte sie doch!«

Sven nahm die Glückwünsche mit Stolz, manchmal auch mit einer gewissen Verlegenheit entgegen, wenn er die Gäste kaum kannte, weil sie zum Freundeskreis seiner Schwester und seiner Frau gehörten. Jetzt allerdings gratulierte ihm ein junges und anscheinend recht vermögendes Paar, bei dem die Frau von hinreißender Schönheit war. Da war er schon aufmerksam.

Und ausgerechnet jetzt wurde die Tür aufgerissen, ein Mann stürmte herein und rief: »Sieg! Sieg!«

»Gregor!«, sagte die schöne Gratulantin zu ihrem Mann. »Das ist doch unser Lagerverwalter. Hat der sich etwa betrunken?«

»Ich werde sehen«, antwortete dieser knapp und eilte zu dem Überraschungsboten. Er sprach mit ihm, stellte sich dann auf einen Stuhl und informierte die ganze Gesellschaft:

»Meine Damen und Herren! Soeben ist die Meldung eingetroffen, dass General Washington in der vergangenen Nacht die hessische Brigade des Obersten Rahl in Trenton überfallen hat. Colonel Rahl fiel. Der Großteil seiner Männer wurde gefangen, andere flohen. General Washington hat sie weit nach Jersey verfolgt. Es ist ein großartiger Sieg, der unserem Täufling in die Wiege gelegt wurde.«

Und nun wurde gejubelt, getrunken und gelacht. »Wollen Sie Ihre Tochter nicht noch in ›Victoria‹ umtaufen, Herr Kapitän?«, fragte die schöne Gratulantin.

»Du kennst meinen Mann noch nicht gut, liebe Aurelia. Dazu müsste er erst prüfen, ob die Nachricht stimmt, ob der Sieg die erhofften Konsequenzen hat oder doch nur ein Pyrrhussieg war«, mischte sich Sabrina ein, die zu ihnen getreten war. »Sven, Aurelia ist meine liebste Freundin aus dem Lehrerstudium. Sie ist ein so lieber Mensch, dass auch Frauen ihre Schönheit neidlos anerkennen können. Sie hat einen Rechtsanwalt geheiratet, der die neue Verwaltung von Pennsylvania berät und in Kürze wissen wird, was dieser Sieg bedeutet.«

Doch der Rechtsanwalt war schon auf dem Weg zu ihnen, umarmte Sabrina zur Begrüßung und berichtete dann: »Die Nachricht wurde bestätigt. Washington hat die Sitte der Hessen, das Fest am Heiligen Abend zu feiern, ausgenutzt, hat den Delaware in Booten überquert, die betrunkene Feierrunde völlig überrascht und zum größten Teil gefangen genommen. Das schwächt General Howes Stellung in New Jersey entscheidend. Darauf müssen wir trinken!«

»Und wer überrascht uns, wenn wir getrunken haben?«, fragte Sabrina.

»Wir haben ja unsere Frauen bei uns«, gab der Rechtsanwalt zurück. »Und die bleiben immer etwas nüchtern.«

»Gut, dass du das auch einmal anerkennend siehst, lieber Gregor!«, bemerkte die schöne Frau. Sie lachten herzlich, und Sven freute sich über so angenehme und kluge Freunde.

Der Rechtsanwalt hatte Sven noch zugeraunt, dass er sich gern mit ihm einmal über seine Ansicht von der Flottenpolitik unterhalten würde, und Sven hatte zugesagt.

»Heute will ich aber keinen Fremden sehen, Liebste, und keinen Termin wahrnehmen. Heute möchte ich nur mit dir und unserer Lilian den Tag verbummeln.«

»Aber ein wenig an die Luft müssen wir schon, Sven. Heute scheint die Sonne! In diesem kalten Winter ist das eine solche Wohltat. Da muss man nicht nur im Zimmer den Kamingeruch ertragen.«

Sven spielte mit der kleinen Lilian, wenn sie wach war. Er griff nach den kleinen Händchen, ließ die winzigen Finger sich um seinen Finger krümmen, kommentierte jede Grimasse als Lächeln und hätte die Kleine am liebsten dauernd gekitzelt.

»In einem Jahr kannst du viel mehr mit deiner Tochter anfangen, Sven, und in fünfzehn Jahren wirst du sie wahrscheinlich nicht mehr verstehen, weil sie alle möglichen Flausen im Kopf hat, wie das bei jungen Mädchen nun einmal so ist.«

»Unsere Tochter wird nicht so unvernünftig sein. Dazu ist sie zu klug. Das merkt man jetzt schon«, behauptete er mit Überzeugung.

»Ach, lieber Sven. Deine Schwester Ingrid und ich sind auch nicht dumm. Aber wir haben unsere lieben Eltern oft an den Rand der Verzweiflung getrieben. Das gehört zum Erwachsenwerden!«

»Wer sagt denn, dass ich sie erwachsen haben will?«

»Mein Gott, du bist ja ein ganz närrischer Vater!«

Sie sollten an diesem Tag nicht so ungestört bleiben, wie sie es gewünscht hatten. Ingrid erschien am Nachmittag mit ihrem Henry.

»Wir wollten euch beide zu einem Bummel in Philadelphia abholen. Der Delaware ist so fest zugefroren, dass ihn auch Kutschen überqueren können. Die Sonne scheint. Die Geschäfte haben schon wieder offen. Da können wir uns doch ein wenig umsehen und einen Kaffee trinken.«

Sabrina sah Sven an, doch der sagte nach kurzem Zögern zu. Ingrid und Henry versprachen ja auch angenehme Unterhaltung.

Sie hatten ihre Kutsche in der Nähe der St. Pauls Kirche verlassen und bummelten nun die Second Street entlang. Immer wenn Sven ein paar Monate hier nicht entlanggegangen war, glaubte er, dass die Geschäfte noch zahlreicher und überladener geworden seien.

»Ja, es ist erstaunlich, Sven, wie viele Waren ins Land kommen. Vieles ist etwas teurer geworden, aber sonst merkt man keinen Effekt der britischen Handelsblockade.«

»Sie haben zu wenige Schiffe hier an unserer Küste, um wirklich blockieren zu können. Ich weiß auch nicht, warum sie so viele ihrer Schiffe in Europa belassen. Sie trauen dem Frieden mit Frankreich wohl ganz und gar nicht.«

Aber sie konnten ihr Gespräch nicht fortsetzen. Ingrid und Sabrina zogen sie zu einem Geschäft, das eine Wintermode anbot, die man einfach gesehen haben musste. Und während sich Sven Mühe gab, die Pelzmützen und Muffs angemessen zu bewundern, erscholl aus Richtung der High Market Street Trommelklang.

»Die gefangenen Hessen!«, riefen Menschen vorn an der Straße, und andere gaben die Nachricht weiter. Henry war auf eine Haustreppe gestiegen, blickte über die Menschen hinweg und informierte: »Vorn marschieren unsere Pfeifer und Trommler und dann kommt eine endlose Kolonne.«

Soldaten räumten die Straße, wiesen Wagen zurück und drängten Passanten zur Seite. Dann kam ein Soldat, der die Fahne der Kolonien trug. Neben ihm marschierte ein Offizier. Und nach den Pfeifern und Trommlern schlurften die Gefangenen heran.

Sie gingen nicht im gleichen Schritt, sie lachten nicht in die Menge wie Washingtons Trommler, sie schienen müde, deprimiert und hungrig. Sie schauten nach unten und blickten nur verstohlen zu den hohen Häusern und den Menschenmengen. Viele trugen Bandagen. Manche hatten statt der Stiefel Lappen um die Füße gewickelt.

»Sven, warum schickt man die Menschen im Winter ohne Schuhe in den Kampf?«, rief Sabrina.

»Sie werden ihnen die Stiefel gestohlen haben«, antwortete Sven.

»Unsere Soldaten?«, fragte Sabrina ungläubig.

»Jeder will die besten Stiefel haben«, mischte sich Henry ein. »Wenn der Gefangene bessere Stiefel hat, muss er sie hergeben. Das ist bei allen Armeen gleich.«

Zuerst hatten die Passanten überrascht und schweigend auf die Gefangenen geschaut. Aber als die ersten Reihen vorbei waren, zeigten sich verschiedene Reaktionen. Manche blickten betreten. Andere ließen Mitleid erkennen, brachten sogar Brot und Becher mit Getränken und reichten sie in die Reihen.

Andere ärgerten sich darüber und schimpften auf die »Britenknechte«. Und es gab auch welche, die beschimpften die Hessen und drohten mit den Fäusten. Ein junger Kerl neben Sven trat vor auf die Straße und wollte mit einem Stock auf die Hessen einschlagen.

Sven griff seinen Arm.»Halt! Gefangene Feinde misshandelt man nicht. Wer kämpfen will, meldet sich zur Armee.«

Der junge Kerl riss sich los und brüllte. »Halts Maul, du Königsdiener!«, und wollte wieder die Gefangenen angreifen. Aber da kam ein Posten mit aufgepflanztem Bajonett auf ihn zu und befahl: »Ruhe!«

Der junge Bursche verdrückte sich und rief Sven zu: »Dir zahle ich es heim, du Angeber!«

Die Gefangenen hatten kaum darauf geachtet, was da um sie herum vorging.

»Sie haben ja überwiegend blaue Jacken, Sven. Die Leute reden doch immer von Rotröcken.«

»Rote Röcke hat die britische Infanterie. Das sind hier hessische Söldnertruppen. Ich kenne ihre Uniformen auch nicht genau. Hier gibt es blaue Röcke mit gelbem oder rotem Besatz.«

Die Reihen nahmen kein Ende. Das mussten ja über tausend Gefangene sein.

»Sven«, bat Sabrina. »Können wir nicht durch die Chestnut Straße zurück zur Kutsche gehen? Mir ist beim Anblick dieser Elendsgestalten jede Lust zum Bummeln vergangen.«

»Und ich muss meinen Medizinkoffer holen und sehen, wo die Gefangenen hingeführt werden«, sagte Henry. »Dort können sie Ärzte gebrauchen.«

Ingrid wollte auch nicht mehr zuschauen. »Das ist nun unser Sieg, aber ich kann mich gar nicht freuen. Ich muss immer daran denken, dass auch unsere Soldaten so vorbeigetrieben werden könnten und vielleicht noch unsere Männer dazu.«

»Mich werfen sie in eine dunkle, stinkende Kabelkammer, wenn sie mich gefangen nehmen«, äußerte Sven. »Vielleicht wäre ich dann froh, wenn ich an der Luft marschieren könnte.«

»Ihr Seeleute könnt doch gar nicht marschieren, Sven«, warf Sabrina ein. »Aber wenn wir noch einmal in die Stadt gehen, müssen wir Joshua mitnehmen. Der schreckt mit seiner Körperkraft solche Rowdys wie den jungen Burschen vorhin ab.«

Mr Bradwicks Büroleiter meldete Mr Smith an. Bradwick kam ihm mit ausgestreckter Hand und frohem Lachen entgegen. »Nun, lieber Mr Smith, Washington hat mit seinen gefangenen Hessen für Aufmunterung in Philadelphia gesorgt. War es nicht gute Propaganda, sie durch die Stadt marschieren zu lassen?«

Mr Smith ließ sich nach dem Händedruck etwas resigniert in einen Sessel sinken. »Ja, mein Lieber, gute Propaganda war es schon. Aber im Augenblick können wir uns über nichts recht freuen. Die Gefangenen müssen verpflegt werden, und in Georgia und den Karolinas werden im Hinterland schon die Lebensmittel knapp.«

»Haben Sie neue Nachrichten über Howes Armee in New York?«, unterbrach Bradwick.

»Er sammelt Transportschiffe. Warum, weiß der Teufel. Wenn Strategie einen Sinn macht, dann müsste er nach Norden vorstoßen und sich mit Burgoynes Armee vereinigen, der von den Großen Seen in Richtung New York zu marschieren droht. Die beiden könnten unser Gebiet mitten entzweischneiden und den Norden vom Süden trennen.«

»Mir macht es mehr Sorge, wenn er Philadelphia besetzt«, antwortete Bradwick. »Ich habe den Umzug der Reederei nach Boston schon vorbereitet.«

Mr Smith hob den Finger. »Philadelphia ist der Sitz unseres Kongresses, und seine Besetzung wäre ein Imageschaden. Aber vom Standpunkt der Strategie wäre die Trennung der nördlichen von den südlichen Kolonien viel schädlicher für unsere Sache. Es steht nicht gut um uns. Die Franzosen helfen nur heimlich, treten aber nicht offen auf unsere Seite, weil sie fürchten, einen morschen Baum zu stützen. Unsere Armee braucht aber jede Form der Hilfe, von der Ausbildung über Kleidung, Munition, Verpflegung, Sanitätsmaterial, einfach alles. Für unsere Schiffe haben wir keine Seeleute. Unser Kommodore Hopkins war ziemlich erfolglos und hat keine Ausstrahlung. In den südlichen Kolonien gewinnen die Königstreuen wieder an Boden. Wir brauchen Erfolge, Mr Bradwick, sonst bricht die Revolution zusammen.«

»Unsere Kaperschiffe fügen den Briten aber viel Schaden zu und bringen Munition und wertvolle Fracht in unsere Häfen.«

»Von der vor allem die Schiffseigner profitieren«, warf Smith ein. »Wir brauchen nicht mehr Beute, Mr Bradwick. Wir brauchen Siege, die unsere Anhänger begeistern und die Feinde demoralisieren.«

Bradwick lächelte säuerlich. »Wenn Sie so reden, dann kommen Sie bald wieder darauf, dass Sie unseren Kapitän Larsson für Ihre Sloop brauchen. Was kann eine Sloop schon ändern?«

Smith hob die Hände. »Mein Gott! Eine Sloop ändert nur wenig. Aber was meinen Sie, um wie viele kleine Schritte meine Kollegen und ich kämpfen. Viele kleine Schritte bringen den Erfolg. Wenn wir nicht um jeden Schritt kämpfen, geht ihn keiner in dieser verdammt egoistischen Gesellschaft.«

»Jetzt tun Sie uns aber Unrecht. Viele tun viel fürs Allgemeinwohl. Und wenn Kapitän Larsson will, soll er die Sloop von mir aus übernehmen. Aber er ist kein Übermensch, nur ein guter Kapitän.«

»Danke! Und vergessen Sie nicht, der Larsson hatte immer Glück. Und das können wir brauchen.«

Sven stand mit den Maaten Harald Berg und James McNeill im Keller seines Hauses.

»Nun wollen wir uns einmal umsehen, wo wir Geheimräume einbauen können. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.«

Und sie wanderten durch die Räume, hielten die Lampen an die Wände und klopften dagegen. An der Schmalseite des Kellers maßen die beiden, steckten die Köpfe zusammen und riefen schließlich Sven.

»Hier, Sir, können wir einen Raum vorbauen, ohne dass es auffällt. Er wäre dann anderthalb Meter breit und vier Meter lang.«

»Ein bisschen schmal«, wandte Sven ein.

»Wenn wir ihn breiter bauen, fällt es auf, Mr Larsson. Wer oben die Maße kennt und dann in den Keller kommt, könnte sich wundern, warum das Seitenteil hier schmaler ist. Und anderthalb mal vier Meter sind viel Raum zum Verstecken, Sir«, erwiderte Harald Berg, der Maat für alle Handwerksarbeiten auf der Freedom. Und James McNeill, der Schmied des Schiffes, nickte.

»Nun gut. Dann erklären Sie mir bitte, wie Sie es machen wollen.«

Und die beiden zeigten ihm, wo die neue Wand verlaufen solle, wie sie genau so einzufärben wäre wie die alte und wo die kleine Schwingtür – natürlich auch aus Mauersteinen! – anzubringen wäre. »Den Luftzugang müssen wir nach außen führen und dort tarnen. Einen Fluchtgang nach außen kann man aber erst im Frühjahr anlegen, sofern man es will.«

Sie verabredeten, wie Steine und Mörtel unauffällig zum Haus gebracht werden könnten und wo Mr McNeill das Gestell für die Tür fertigen könnte. Auf die absolute Verschwiegenheit des Stammpersonals konnte sich Sven verlassen. Wie man die Hebamme während der paar Tage fernhalten könne, musste Sven mit Sabrina besprechen.

»Nun lassen Sie uns schauen, wo wir draußen Vorratslager anlegen können«, fügte Sven hinzu.

»Sir«, wandte Mr Berg ein, »Maurerarbeiten sind bei diesen Temperaturen nicht möglich, und in den Boden kommen wir auch nicht ohne Sprengungen, und das wäre ein bisschen sehr auffällig.«

»Dann lassen Sie uns mal in die Stallungen schauen. Sie sind von meinem Stiefvater her recht groß. Er brauchte als Arzt praktisch immer eine Kutsche fahrbereit.«

Sie fanden auch dort eine Seitenwand, die man relativ unauffällig verkürzen konnte, um einen Raum von zwei mal drei Metern einzubauen.

»Wir brauchen drei Tage, Sir, wenn wir alles gut vorbereitet haben. Aber dann müssen Sie noch eine Woche rechnen, in der man riecht, dass hier etwas gemauert wurde. Wer es nicht wissen soll, darf nicht in den Keller.«

»Oder jemand kippt ungeschickterweise etwas um, was furchtbar stinkt«, meinte Sven sinnend.

»Dann stinken aber auch all Ihre schönen Vorräte hier, Mr Larsson«, lächelte Mr Berg.

»Kannst du den beiden so vertrauen, dass sie nichts verraten?«, fragte Sabrina, als Sven ihr seine Pläne erzählt hatte.

»Unbedingt! Es sind gute Männer, die ich seit Jahren kenne und die ich vor einem spanischen Gefängnis bewahrt habe, als sie sich im Hafen in eine Prügelei eingelassen hatten.«

»Nun gut! Dann werde ich mit Henrietta für drei Tage zu meiner Freundin Aurelia fahren. Dann ist sie aus dem Haus.«

»Da komme ich dich besuchen. Aurelias Mann wollte sich ja noch mit mir unterhalten.«

Sabrina sah ihn mit gespielter Strenge an. »Du hast also nicht vergessen, dass Aurelia die außergewöhnlich schöne Frau war. Mach dir keine Hoffnungen! Sie ist mindestens so zuverlässig wie deine beiden Schiffshandwerker.«

Am nächsten Tag früh kam ein Bote mit einem Billett von Mr Bradwick, ob er am Nachmittag zu einem kurzen Besuch mit Mr Smith vorbeischauen dürfe.

»Nun wollen sie dich wieder wegholen«, sagte Sabrina und wandte sich ab.

»Sie wollen mir zumindest etwas anbieten«, antwortete Sven. »Aber die Entscheidung liegt bei uns.«

Sabrina schüttelte den Kopf. »Du weißt, dass ich keine Wahl habe.«

Die beiden erschienen pünktlich mit ihrer Kutsche. Für Sabrina hatten sie einen kleinen Karton ausgewählter Pralinen aus Philadelphia mitgebracht. Sie bewunderten die kleine Lilian, machten Sabrina Komplimente zu ihrem Aussehen und dem gepflegten Haushalt und lobten auch Kaffee und Kuchen.

»Sie sind sehr freundlich, meine Herren. Aber ich kann Ihre Komplimente nicht so sehr genießen, da ich weiß, dass Sie mir meinen Mann wegholen wollen.«

»Sie strafen die Boten für die Nachricht, Mrs Larsson. Nicht wir sind es, die Ihren Gatten holen wollen. Es ist unsere Nation, die ihn braucht«, entgegnete Mr Smith, und er wiederholte, was er Mr Bradwick über die verzweifelte Lage der Revolution vor wenigen Tagen gesagt hatte.

Sabrina schwieg, nachdem er an das patriotische Gewissen der Larssons appelliert hatte. »Sie wissen, Mr Smith, dass mein Vater nach Kanada gezogen ist, weil er dem, was er an Königstreue in seiner Jugend gelernt und gelebt hatte, nicht untreu werden wollte. Er ist kein fanatischer Tory und wir sind keine radikalen Whigs. Warum sollte sich mein Mann dieser größeren Gefahr beim Kommando einer Sloop aussetzen?«

»Er ist Patriot, Mrs Larsson. Er hat Glück als Kapitän, und wir brauchen Erfolge zur See, damit Frankreich sieht, dass es nicht auf eine verlorene Sache setzt, wenn es offen auf unserer Seite kämpft, wofür Mr Franklin und unsere anderen Gesandten in Frankreich werben. Und, Mrs Larsson, es ist doch nicht nur Ihr Mann, der in Gefahr und in Gottes Hand ist. Mein Sohn ist Hauptmann bei der Kontinentalarmee. Er kämpft jetzt in Georgia und Südkarolina. Sie kämpfen gegen britische Ranger und gegen Indianer, die die Briten kaufen, um unsere Anhänger zu überfallen und abzuschlachten. Dagegen leben wir hier im Himmelreich, und der Krieg auf See ist gegen diese Metzelei ein ritterlicher Kampf. Ich bete auch täglich für meinen Sohn, Mrs Larsson. Aber soll ich sagen: Komm heim! Lass die anderen kämpfen! Er muss seinen Teil beitragen, und ich kann nur beten.«

Sabrina sah, dass dieser erfahrene Politiker wirklich ergriffen war. Sie nahm Svens Hand und sagte: »Ich danke Ihnen, dass Sie so offen zu uns sprachen, Mr Smith. Ich werde jede Entscheidung meines Mannes akzeptieren und lasse Sie jetzt für Ihre Verhandlungen allein.«

»Sie haben eine außergewöhnliche Frau, Mr Larsson«, sagte Mr Bradwick. »Sie erinnert mich an die menschliche Größe ihres Vaters, mit dem ich politisch nicht übereinstimmte. Bitte sagen Sie ihr, dass sie in jeder Notlage auf uns zählen kann. Aber nun wird Ihnen Mr Smith erläutern, was Ihnen das Marine-Komitee anbietet.«

Mr Smith gab einen Überblick über die Sloop mit ihren 440 Tonnen und 33 Metern Länge. Er schilderte die Bewaffnung mit zwei langen Neunpfündern an Bug und Heck und 16 Sechspfündern, dazu Drehbassen auf Vor- und Achterdeck. »Die Sloop ist vollständig überholt und braucht eine Besatzung von hundertdreißig Matrosen und dreißig Seesoldaten. Die Seesoldaten warten in Baracken. Von den Seeleuten haben wir erst achtzig. Mr Bradwick ist einverstanden, dass Sie von der Freedom begleiten kann, wer will. Für die anderen müssen Sie eine Werbung veranstalten, für die wir acht Dollar Handgeld und 100 Dollar für die Werbeausgaben zur Verfügung stellen.«

»Papierdollar?«, fragte Sven und spielte auf die wertlose Papierwährung des Kongresses an.

»Nein! Natürlich Golddollar. Als Kapitän erhalten Sie 48 Dollar monatlich, ihre Offiziere 20 Dollar und die Matrosen acht.«

Sven unterbrach ihn. »Wo sind die Mannschaften jetzt untergebracht, Mr Smith, und welche Offiziere haben Sie bereits?«

»Die Mannschaften sind in einem Lagerhaus, sofern sie nicht auf Urlaub bei ihren Familien oder auf Hafenwache sind. Wir haben einen zweiten Leutnant und einen Master. Natürlich auch einige Maate. Sie können den Ersten Leutnant wählen und die anderen Stellen besetzen. Wir lassen Ihnen viel freie Hand. Aber Ende Februar müssen Sie auslaufen, wenn das Eis es gestattet.«

»Und wie lautet der Auftrag?«, fragte Sven.

»Kampf gegen britische Kaperschiffe, gegen Kriegsschiffe und gegen den Nachschub für die britische Armee zwischen Gibraltar, den Bahamas und Antigua.«

»Erlaubt London jetzt das Kapern unserer Schiffe?«, fragte Sven erstaunt.

»Nach zuverlässigen Meldungen unserer Agenten wird London im Februar die Kaperei gegen Schiffe der Kolonien freigeben. Dann rechnen wir mit erheblichen Schwierigkeiten für unseren Handel, denn die wenigen britischen Kriegsschiffe waren noch keine große Gefahr«, erklärte Mr Smith hart.

Mr Bradwick nickte. »Ich sagte Ihnen schon, dass wir an Begleitschutz für unsere Konvois denken. Aber wenn Sie mit dem Angebot einverstanden sind, werden Sie bald mit der Werbung und der Schulung der Mannschaft beginnen müssen. Ich hoffe nur, dass Sie noch etwas Zeit erübrigen können, um uns bei der Bewaffnung Ihrer Brigg und der Bemannung der Freedom zu helfen.«

Sabrina nahm seine Entscheidung gefasst entgegen. Etwas beruhigte sie, dass das neue Schiff in seiner Kombination von Schnelligkeit und Schusskraft eigentlich nur feindliche Fregatten zu fürchten hatte, und davon waren nicht viele in amerikanischen Gewässern. »Und wenn die Franzosen offen auf unsere Seite treten und eine Flotte schicken, dann haben die Briten ganz andere Sorgen.«

»Ein wenig viel ›wenn‹, Liebster. Ich werde viel beten. Warum leben wir nur in einer so unruhigen Zeit? Ich werde jetzt für drei Tage zu Aurelia fahren, um mich abzulenken und um euch Zeit für die Arbeiten zu geben.«

William half den beiden Schiffshandwerkern kräftig bei den Mauerarbeiten. Von außen war kein Zeichen ihrer geschäftigen Tätigkeit zu entdecken, aber im Keller arbeiteten sie mit aller Kraft und waren fertig, bevor Sven seine Frau zurückholte.

Als sie dann beide das Ergebnis der Arbeiten besichtigten, war Sabrina überrascht, dass man von außen überhaupt nichts von den geheimen Räumen sah. »Das sind ja wirklich die Zauberer, von denen du immer sprichst.«

Sven nickte stolz. »Schau! Wenn du hier drückst, gibt die Mauer nach, und eine kleine Tür schwingt herum. Dahinter ist der Raum, den wir noch mit Matratzen, Vorräten, Nachtgeschirr und allem anderen ausstatten müssen. Der Raum ist natürlich nur für den vorübergehenden Aufenthalt. Hier ist der Luftschacht, und im Frühjahr sollten wir noch einen Fluchtschacht anlegen.«

Sabrina schaute etwas skeptisch. »Nun ja, für den Notfall mag es ja genügen. Der Riegel hier verschließt wohl die Schwingtür, wenn man drinnen ist. Und wer soll draußen bleiben?«

»John. Ihm würde man am wenigsten tun. Er ist zu alt, um als Kämpfer zu gelten. Er ist sehr defensiv in seinem Verhalten, wirkt friedlich und ist dir treu ergeben. Natürlich muss er etwas Geld, Schmuck und Essen im Haus haben, das er aushändigen kann, sonst erregt es Verdacht.«

»Ich höre Rufe von oben«, unterbrach Sabrina ihren Mann.

»Dann lass uns später weiter über dieses Thema sprechen. Mal sehen, wer oben ist.«

Es war Ingrid, Svens Schwester. »Ich fahre morgen zu meinem Henry nach Norristown. Es ist nun alles für mich bereit. William fährt mit mir und bleibt dann bei uns.«

»Dann wird es hier aber leer«, meinte Sabrina. »Sven ist jetzt auch täglich in Philadelphia, um sein Schiff in Dienst zu stellen. Nun muss unsere kleine Lilian ganz schnell sprechen lernen, um sich mit mir unterhalten zu können.«

Sven besichtigte mit den wichtigsten Maaten das neue Schiff. Nun ja, im Vergleich zur britischen Fregatte Zeus, auf der er gedient hatte, war die Sloop deutlich kleiner, aber wenn man sie neben dem Schoner Freedom sah, dann war sie schon sehr groß. Drei Masten mit Rahsegeln! 18 Kanonen! 160 Mann an Bord! Und die Kajüten für den Kommandanten! Sven musste sich zusammennehmen, um sich seinen Stolz nicht anmerken zu lassen.

Aber als er dann in der Eiseskälte dieses Januartages 1777 mit den Maaten an Deck herumkroch, wurde er schon auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Gewiss, man hatte die Sloop Enterprise überholt, aber dabei war sehr gespart worden. Immer wieder stieß Sven auf Holzteile, die ersetzt, Taue, die neu eingezogen werden mussten, Farbanstriche, die nichts mehr abhielten.

Als er dann mit den Maaten in seiner Tageskajüte saß, die mit Kohlenglut in Eiseneimern ein wenig aufgewärmt war, als er mit dem heißen Grog anstieß, da war er alles andere als euphorisch. Gewiss, die Maate und der Zweite Leutnant machten einen erfahrenen und zuverlässigen Eindruck, aber es fehlte doch so viel zu einem kampfkräftigen Schiff.

Er sprach mit ihnen über die Besatzung. Er würde Werbeplakate drucken lassen und hörte ihren Rat, wo sie aufzuhängen wären. Mr Pendleton, der Zweite Leutnant, hatte gute Vorschläge und brachte auch die Idee auf, an drei oder vier zentralen Orten einen Freibierabend zu veranstalten.

»Sir, die Leute schwatzen gern mit anderen Seeleuten, und wenn Sie dann mit Ihren Prisen locken, werden wir Freiwillige kriegen. Und das Bier ist nicht teuer.«

Sven dankte dem Leutnant und wollte die Idee verfolgen. Aber als ein Maat vorschlug, man sollte in den Gefängnissen werben, lehnte er sofort ab.

Doch der Maat war hartnäckig. »Verzeihen Sie, Sir, ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich denke nicht an Räuber und Diebe. Ich denke an die, die raffiniert in eine Schuldenfalle gelockt wurden, nicht mehr bezahlen konnten und nun hinter Gittern sitzen. Ich kenne allein drei alte Salzbuckel, denen es so geht. Und dann denke ich an die, die weggesperrt wurden, weil die Tochter eines reichen Mannes sich in den Habenichts verliebt und der Vater die Macht hatte, den Burschen hinter den Mauern verschwinden zu lassen. Verzeihen Sie, Sir, aber es gibt für die Armen eine Menge Unrecht in diesem Land. Wenn ein kluger Mann mit den Leuten spricht, kann er die Spreu vom Weizen trennen. Ich kenne einen Pfarrer, Sir.«

»Der Gedanke hat etwas für sich«, sagte Sven. »Nennen Sie mir bitte den Namen des Pfarrers, damit ich mit ihm reden kann.«

So wurde der eine oder andere Vorschlag vorgebracht, und Sven hatte den Eindruck, dass er eine Stammbesatzung vorfand, mit der man ein gutes Schiff formen konnte.

Mr Pendleton, der Zweite Leutnant, bat ihn zum Schluss noch um ein paar Worte unter vier Augen. »Sir«, wandte er sich etwas verlegen an Sven. »Sie haben erkennen lassen, dass Sie Mr Petrus zum Bootsmann machen wollen. Bitte erlauben Sie mir den Hinweis, dass wir Seeleute aus südlichen Kolonien haben, denen es sehr schwerfallen wird, von einem Neger Befehle anzunehmen.«

Sven sah ihm fest in die Augen. »Mr Pendleton, Joshua Petrus segelt seit Jahren mit mir. Er ist ein ausgezeichneter Bootsmann, ein einmaliger Scharfschütze mit der Rifle und mit Kanonen, ein ungewöhnlich kräftiger Mann, zuverlässig und treu. Er wird jeden so oder so überzeugen. Ich lasse nichts auf ihn kommen. Aber vielen Dank für den Hinweis.«

Sven schaute sich die Quartiere der Männer an, die nicht auf Urlaub waren. Es war eine Lagerhalle, die von großen Eisenöfen geheizt wurde. Die Matratzen, die Tische, die Holzregale, auf denen sie ihre Habe stapelten – alles sah recht ordentlich aus.

Viel Platz war noch frei, denn die Bedrohung Philadelphias wirkte sich schon auf den Warenumschlag aus.

Sven wandte sich zu Mr Pendleton: »Hier könnten wir doch die neuen Leute an Handwaffen drillen und sogar eine Kanone hineinstellen, um die Handgriffe einzuüben. Sonst müssten wir warten, bis wir in wärmere Gewässer kommen, und dann kann es zu spät sein.«

Pendleton stimmte dem Vorschlag begeistert zu und wollte schon in den nächsten Tagen für den Aufbau einer Kanone sorgen.

Auf dem Heimweg unterbreitete Joshua noch einen Vorschlag. Es gäbe doch im nahe gelegenen Virginia manche Plantage, die von ihren königstreuen Besitzern verlassen sei. Wenn man den Sklaven bei Dienst in der Flotte die Freilassung verspreche, könne man sicher gute Leute aussuchen.

»Die müssten wir aber völlig neu anlernen, Joshua. Das bringt viel Arbeit.«

»Sicher, Sir. Aber wenn wir nur kräftige und geschickte Leute nehmen, wäre das besser, als die Plätze unbesetzt zu lassen. Ich kenne zwei Schwarze, die die Dialekte sprechen und bei der Auswahl helfen könnten.«

»Gut! Ich werde das mit der Verwaltung besprechen und einen Offizier und einen Maat mitschicken. Dann könnt ihr euch auf den Weg machen und bis zu fünfzehn Freiwillige aussuchen.«

Daheim in Gloucester begrüßte sie lautes Hundegebell. Zwei kräftige Schäferhunde liefen drohend auf sie zu, als sie sich dem Gartentor näherten.

»Was ist denn da los?«, fragte Sven.

Aber schon ertönte ein Pfiff vom Haus. Die Hunde hörten sofort auf zu bellen und liefen zum Haus. Als Sven mit Joshua und Billy ausstieg, saßen sie brav neben einem jungen Burschen und sahen ihnen entgegen.

Sven blickte misstrauisch auf die großen Gebisse, als die Haustür geöffnet wurde und Henry heraustrat. »Keine Angst, ihr tapferen Krieger. Die parieren aufs Wort. Kommt nur herein, dann werde ich alles erklären. Das ist übrigens Jonny, der mich mit den Hunden aus Norristown begleitet hat.«

»Was machst du hier, Henry? Ist Ingrid mit dir gekommen?«, fragte Sven, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten.

»Nein, sie ist in unserem Haus. Ich bin nur für einen Tag gekommen, weil in der Ausstattung des Hospitals einige Instrumente und Arzneien fehlen. Die besorge ich hier und eile zurück.«

»Und was ist mit den Hunden?«

Henry lächelte. »Einer meiner ersten Patienten war ein Deutscher, ein Hundezüchter. Eine belanglose Wunde am Arm hatte sich bös entzündet. Er fürchtete um seinen Arm. Ich habe den richtigen Schnitt angesetzt, die richtige Medizin gewählt, mich um ihn gekümmert. In einer Woche war alles geheilt, und der glückliche Patient hat mir aus seiner Zucht einen Schäferhund geschenkt. Ingrid erzählte, ihr hättet in eurer Jugend auch so einen Hund gehabt, damals in Einars Tal. Ihr Kinder hättet ihn sehr geliebt. Als wir merkten, wie gut der Hund dressiert war, haben wir zwei andere Rüden aus dem Wurf gekauft. Sie können Sabrina im Haus und dich auf dem Schiff beschützen. Sie sind wunderbare Wächter.«

»Lucky hieß unser Hund«, sagte Sven verträumt. »Ich habe so gern mit ihm gekuschelt. Aber was soll ein Hund auf dem Schiff?«

Henry lachte. »Der deutsche Züchter hat einen Schwager, der Kaperkapitän ist. Der schwört auf seinen Hund. Nachts oder im Nebel lässt er ihn an der Bordwand schnuppern. Wenn ein Schiff in der Nähe ist, merkt das der Hund vor jedem Ausguck. Einmal allerdings hat sich der Schwager an eine Delphinschule angepirscht, weil der Hund die als Bedrohung gemeldet hatte. Aber lern die Hunde erst einmal kennen. Jonny wird sie euch vorführen, wenn ich morgen die Sachen besorge. Er kann auch noch zwei oder drei Tage hierbleiben.«

Die beiden Rüden waren mit ihren anderthalb Jahren schon große, kräftige Tiere mit schwarzer Decke auf Rücken und Kopf und gelblich-braunem Fell. Sie hießen Ricky und Rocky, wie ihnen Jonny erzählte, aber sie würden sich auch noch an andere Namen gewöhnen.

»Sind sie wirklich ein Schutz für das Haus?«, fragte Sven. »Jeder Fremde kann sie doch mit einem vergifteten Stück Fleisch ausschalten.«

Jonny schüttelte lächelnd den Kopf. »Sie sind so dressiert, Sir, dass sie nur aus dem Napf fressen, den ich Ihnen mitgebracht habe. Aus der Hand fressen sie nur dem, den wir dann als Herren bestimmen, Sie oder Ihre Gattin. Jetzt kann nur ich ihnen einen Leckerbissen geben, sonst keiner. Versuchen Sie es doch einmal mit dem Stück Wurst!«

Sven reichte dem Hund, der ihm am nächsten war, das Stück Wurst hin, aber der drehte nur den Kopf weg und knurrte. »Donnerwetter!«, sagte Sven. »Das habe ich noch nicht gesehen. Und wie sollen die Hunde nun an uns gewöhnt werden?«

»Das schaffen wir in zwei Tagen, Sir. Ich schlage vor, dass Sie und Ihre Gattin sich jeder einen Hund aussuchen, dass jeder von Ihnen auch noch einen anderen Menschen bestimmt, auf den der Hund auch hört, falls einer von Ihnen verhindert ist.«

Sven wählte für sich den Rocky, der ihn besonders beschnuppert hatte. Sabrina war mit Ricky einverstanden. Sven nahm Joshua als Vertreter, Sabrina die Köchin Martha. Und dann ließen sie die Hunde an ihren Kleidern schnuppern und übten mit ihnen.

»Ich komme mir vor, als wäre ich noch einmal der Junge in Einars Tal«, schwärmte Sven.

Es blieb wenig Zeit, sich so um die Hunde zu kümmern, wie es Sven gewünscht hätte. Die Anwerbung von Seeleuten lief an. Ein gutes Dutzend hatte sich auf die Plakate hin gemeldet, und nun mussten sie überprüft und untersucht werden.

Tim Bolder, der junge Schiffsarzt, war sehr gründlich und hatte auch viel an den Bedingungen in der Lagerhalle auszusetzen. Hier musste das Stroh ausgewechselt, dort alles mit Essigwasser gewischt werden. Aber die Seeleute gingen willig auf seine Vorschläge ein, nachdem er einem den Furunkel geöffnet, zweien die Hühneraugen entfernt und einem anderen die Schmerzen im Kreuz durch einen kraftvollen Ruck genommen hatte. »Das ist kein Saufkopf. Der kann was und gibt sich Mühe!«, war die vorherrschende Meinung.

Und sie fanden auch acht Leute aus dem Gefängnis, an denen sogar Sven nichts auszusetzen hatte. Voller Überraschung erzählte er Sabrina, dass sein Vertrauen in die Rechtsprechung erschüttert sei. »Wenn du arm und ungebildet bist, kann dich ein einflussreicher Feind leicht hinter Gitter bringen. Wir würden uns sofort einen Anwalt nehmen. Aber das trauen sich diese einfachen Leute gar nicht, weil sie ganz falsche Vorstellungen über die Honorare haben.«

Joshua konnte 14 freigelassene Sklaven anbieten, von denen acht schon auf Schiffen gesegelt waren. Auch hier fanden Tim Bolder und Sven keine Einwände.

»Nun müssen wir noch 18 Männer auf den Bierveranstaltungen finden, dann haben wir unsere Sollstärke. Aber mir graust davor, dass ich in Kneipen mich und das Schiff anpreisen soll«, klagte Sven seiner Sabrina.

»Dann kümmerst du dich am nächsten Morgen eine Stunde um Rocky und du fühlst dich wieder wohl.«

Sie hatte recht. Die Hunde hatten sich nach wenigen Tagen an sie gewöhnt, merkten die Zuneigung, die ihnen entgegengebracht wurde, und erwiderten sie auf ihre Art.

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