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Unter den Segeln der Liebe

1. KAPITEL

Marigold klickte sich durch die Aufnahmen, die sie in den letzten Stunden mit ihrer Digitalkamera gemacht hatte, und schämte sich in Grund und Boden. Für ihre Schwester Rosa hatte sie schon allerhand fotografische Schandtaten begangen, aber was sie sich eben geleistet hatte, übertraf alles Bisherige.

Die Bilder von dem Zwergdackel des Reinigungsbesitzers, eingezwängt in einen Prinzessinnen-Pullover, mochten ja noch angehen. Sogar die von dem Pekinesen der Friseurin in einem fluffigen Jäckchen. Aber die von dem Foxterrier des Anzeigenverkäufers waren wirklich die Höhe. Die Hündin posierte in einem Strickmantel, in den mit Goldfäden der Name Lola gestickt worden war.

„Genial. Die sind super geworden.“ Rosa zog Mari am Mantelärmel und stieß einen so lauten Begeisterungsschrei aus, dass zwei ältere Damen sich erschrocken umschauten. Mari lächelte, winkte, um Entwarnung zu geben, und versuchte gleichzeitig, sich von ihrer Schwester nicht die Kamera entreißen zu lassen.

„Lola sieht echt Spitze aus. Genau so hab ich mir das vorgestellt. Nun hab ich endlich Bilder für die Website, die du mir eingerichtet hast. Für diese Kollektion musste ich ganz schön ackern. Das kannst du mir glauben.“

Mari schnaubte und brachte ihre Kamera in Sicherheit. „Mag sein, aber heute hast du mich ackern lassen. Hundefotografie ist nicht gerade mein Spezialgebiet.“

„So schlimm kann es nicht gewesen sein. Ich hab dir doch assistiert. Zu meinem Vergnügen habe ich jedenfalls nicht mit den Tieren gespielt und sie mit Hundekuchen bestochen. Irgendjemand musste sie doch bei Laune halten. Es sind ja keine echten Hunde-Models, sondern Amateure und überhaupt nicht gewohnt, in Kleidung fotografiert zu werden. Immerhin hast du nun Erfahrungen als Modefotografin gesammelt. Wer weiß, wozu das mal gut ist. Du könntest es bei Bewerbungen …“

„Blödsinn.“ Mari schüttelte unwillig den Kopf. „Ich hätte dir nicht erzählen sollen, dass mein Arbeitgeber technisches Personal entlässt. Vielleicht gibt es Hardware-Spezialisten, die sich davon ins Bockshorn jagen lassen und umsatteln. Ich nicht. Ich liebe meinen Beruf und werde anderswo einen Job finden. Darauf kannst du dich verlassen.“

„Hast du deshalb heute Morgen im Internet nach IT-Jobs hier in der Nähe gesucht?“

„He.“ Mari puffte Rosa in die Seite. „Spionierst du mir etwa nach, Schwesterchen? Du brauchst gar nicht so unschuldig zu gucken. Ich sehe dir an, dass du neugierig bist.“ Einen Augenblick überlegte sie und entschloss sich dann, nur die Halbwahrheit zu sagen. „Ich habe die Honorare für Freiberufler verglichen. Die in Kalifornien mit denen hier in Dorset. Nur so aus Neugier.“ Sie lächelte und zuckte die Schultern. „Schließlich ist die Welt auch hier nicht stehen geblieben, seit ich in die Staaten gegangen bin. WLAN im Jachtklub von Swanhaven. Wer hätte das einmal gedacht?“

Sobald die Worte draußen waren, packte Mari das schlechte Gewissen. Doch noch durfte sie ihr Geheimnis nicht preisgeben, auch wenn sie sich auf diesen Augenblick freute. Rosa würde Augen machen, wenn sie erfuhr, dass sie bald wieder gemeinsam in ihrem Elternhaus wohnen würden.

Wie untröstlich war ihre kleine Schwester gewesen, als sie ihr Zuhause verloren. Das Haus, in dem sie damals, als die Familie noch beisammenlebte, so glücklich gewesen waren. Rosas sehnlichster Wunsch war, wieder dort einzuziehen.

Erst wenn alles sicher unter Dach und Fach war, wollte Mari sie einweihen. Rosa war sensibel. Sie spürt sogar, wie sehr ich mich um meine berufliche Zukunft sorge, dachte Mari. Zu Recht. Denn seit ihrem sechzehnten Lebensjahr, als der Vater fortgegangen war und seine vor Kummer und Verzweiflung hilflose Frau sowie seine Töchter im Stich gelassen hatte, war sie zur Ernährerin geworden. Sie hatte ihre Träume von einem Studium aufgegeben und angefangen zu arbeiten, um Rosa und die Mutter durchzubringen. Seit deren Tod fühlte Mari sich umso verantwortlicher für die jüngere Schwester. Und deshalb mussten sie leider vorerst weiterhin getrennt leben. Nur in den Staaten verdiente sie in ihrem Beruf genug, um Rosa unterstützen und für den Rückkauf des Elternhauses sparen zu können. Ihrer Schwester sollte es gut gehen. Viel mehr verlangte Mari nicht vom Leben.

Obwohl Mari ihr bedingungslos vertraute, durfte sie ihr doch nicht alles anvertrauen. Jedenfalls nicht die eigenen Zukunftsängste und auch nicht die Zukunftspläne. Alles wollte sie mit Rosa teilen, nur nicht ihre Sorgen und Hoffnungen. Die kleine Schwester sollte unbeschwert und ohne Enttäuschungen leben.

Im Moment zog ein niedlicher Spaniel Rosas Aufmerksamkeit auf sich, dem die Kälte offenbar nichts ausmachte, obwohl er keine von ihren Kreationen trug. „Dem würde der Froschkönigspaletot gut stehen“, flüsterte sie. „Ich werde mal mit seinem Frauchen sprechen. Wir treffen uns später. Danke für die Fotos.“ Dann stürmte sie davon und kramte in ihrer Tasche nach Hundekuchen, um über das Tier seine Halterin für einen ihrer verrückten Entwürfe zu gewinnen. Kurz darauf hatte sie die ältere Dame schon in ein Gespräch verwickelt.

Mari beobachtete das nicht ohne Bewunderung. Sie selbst hätte so etwas nie fertiggebracht. Warum, wusste sie selbst nicht genau. Jedenfalls verspürte sie keinerlei Neigung, sich in den Vordergrund zu spielen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das hatte sie schon immer der jüngeren Schwester und Kit, dem älteren Bruder, überlassen. Sie sorgte lieber für den passenden Rahmen und beobachtete, wie andere sich auf der Bühne bewegten. Wenn sie Feste und Zusammenkünfte organisierte, alle sich wohlfühlten und es ihnen an nichts mangelte, dann empfand sie Zufriedenheit. Arbeit und Mühe machten ihr nichts aus. Doch an die schlimme Zeit, als ihre Welt zusammengebrochen war, erinnerte sie sich nur ungern. Damals hatte es nichts anderes als Mühsal für sie gegeben.

Fröstelnd wickelte sie den Mantel enger um sich, bog um die Ecke und marschierte eine schmale, mit Kopfstein gepflasterte abschüssige Straße hinunter, bis die Bucht von Swanhaven vor ihr lag.

Die Farbe der See war taubengrau. Der scharfe Wind trieb weiße Schaumkronen vor sich her. An diesem Anblick würde sie sich wohl nie sattsehen können. Mari lächelte.

Den Hafen hatte man zum Schutz gegen die heftigen Wellen des Ärmelkanals mit Granitblöcken befestigt. Inzwischen lagen an den Stegen hinter den Molen längst mehr Sport- als Fischerboote. Selbst an diesem kalten Tag zog der Anblick der Jachten viele Besucher an.

Doch diesmal war der Hafen nicht ihr Ziel. Bevor die Dunkelheit einbrach, wollte sie den Ort besucht haben, der einmal ihr Lebensmittelpunkt gewesen war und der Rosa und ihr alles bedeutete. Obwohl sie Zeit genug hatte, beschleunigte sie ihre Schritte, um ihr altes Zuhause endlich wiederzusehen. Auch das kalte windige Wetter, nichts und niemand, konnte sie noch davon abhalten.

„Du kennst doch deinen Vater. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann ihn nichts mehr bremsen.“ Seine Mutter lachte.

Ethan Chandler presste das Handy ans Ohr. Die Verbindung von einem Kontinent zum anderen war schlecht.

„Im Moment beschäftigt er sich draußen im Garten, obwohl es dort schrecklich heiß ist. Und wie ist das Wetter bei dir in Swanhaven?“

Ethan griff mit der freien Hand nach der Ruderpinne und legte von dem Privatsteg ab, um das kleine Boot, das er von der Segelschule in Swanhaven geliehen hatte, aufs offene Wasser zu steuern. Weil ihm Gischt ins Gesicht spritzte, sprach er direkt ins Mikrofon und schützte das Telefon mit dem hochgeschlagenen Jackenkragen.

„Grau, feucht, stürmisch“, sagte er. „Und kalt für die Jahreszeit. Eine ziemliche Umstellung für euch, wenn ihr nächste Woche aus Florida kommt.“

Seine Mutter seufzte. „Ja, ich erinnere mich. Aber mach dir keine Gedanken. Dein Vater und ich freuen uns trotzdem darauf, unser neues Ferienhaus zu besichtigen. Kommst du mit allem gut zurecht, Ethan?“

Wollte seine Mutter das wirklich wissen?

Außer zu seinem alten Lehrer aus dem Jachtklub und ein paar Jugendlichen, denen er ihm zuliebe Segelunterricht erteilte, pflegte er keine Kontakte, sondern zog sich ins Haus zurück. Als Ausrede dafür dienten ihm die vielen Arbeiten, die dort noch zu verrichten waren. In Wirklichkeit fürchtete er das gute Gedächtnis der Menschen in einer so kleinen Stadt wie Swanhaven. Auch nach zehn Jahren war hier nichts vergessen. Besonders Kits Verwandte erinnerten sich gewiss noch an den tödlichen Unfall. Und auch ihm selbst machte dieses Unglück hier von Tag zu Tag mehr zu schaffen.

Nein, richtig heimisch wollte und konnte er hier nicht mehr werden. Sobald seine Eltern sich im neuen Haus eingerichtet hatten, würde er zurück nach Florida fliegen.

Seine Mutter brach das Schweigen. „Gibt es Probleme am Bau?“

Ethan schaute zurück. Das an einen bewaldeten Hügel geschmiegte Gebäude war wirklich ein architektonisches Meisterstück und seine Lage mit Blick auf eine kleine Bucht einfach fantastisch. Ruhig und abgelegen, aber in nur zehn Minuten mit dem Auto von Swanhaven aus zu erreichen. Mit dem Boot ging es sogar noch schneller.

„Nein, alles klappt perfekt. Die Handwerker arbeiten gut und zuverlässig, auch wenn ich mal unterwegs bin. Es wird zum verabredeten Zeitpunkt fertig.“

Zumindest hoffte er das.

„Das beruhigt mich. Doch um dich mache ich mir Gedanken. Du wirkst in den letzten Monaten so verschlossen. Geradezu bedrückt. Hoffentlich nicht, weil du dich von deinem Vater unter Druck gesetzt fühlst. Er ist zwar genauso froh und dankbar wie ich, weil du auch noch die Bauleitung übernommen hast, aber seine Kontrollanrufe kann er trotzdem nicht ganz lassen. Obwohl er sich ein bisschen gebessert hat, finde ich. Wer weiß, vielleicht lernt er, allmählich kürzerzutreten. Es wird Zeit, das Ende seines Berufslebens vorzubereiten.“

Ethan wollte ihr beipflichten, doch er fand keine passenden Worte.

Jahre hatte es gedauert, bis seine Eltern akzeptiert hatten, dass er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten und das Architekturbüro in vierter Generation übernehmen wollte. „Chandler und Chandler“ war immer in den Händen von Vater und Sohn gewesen. Er hatte zwar Architektur studiert, aber sich nicht dazu durchringen können, die meiste Zeit seines Lebens in klimatisierten Räumen zu verbringen und den Ozean nur durch die Fensterscheibe zu betrachten. Er wollte seine Wellen unter den Planken eines Schiffes spüren und sich hinauswagen aufs offene Meer, um den Kampf mit den Elementen aufzunehmen. Inzwischen hatte auch sein Vater begriffen, dass sein Sohn sein eigenes Leben führen musste. Seitdem herrschte wieder Eintracht in der Familie.

Deshalb empfand er es nur als recht und billig, sozusagen als Gesellenstück, um zu zeigen, dass sein Studium nicht umsonst gewesen war, das Feriendomizil und den zukünftigen Alterssitz seiner Eltern zu entwerfen und den Bau zu beaufsichtigen. Ausgerechnet Swanhaven hatte seine Mutter dazu ausgewählt. Sie war hier aufgewachsen. Hier hatte sie später mit ihrem Mann und ihrem Sohn glückliche Sommerferien verbracht. Bis zu dem Jahr, als der Unfall ihrer aller Leben verändert hatte. Sein eigenes am stärksten.

Sie hatten in den vergangenen Jahren viel über Swanhaven gesprochen. Und obwohl seine Mutter an ihrer Heimatstadt sehr hing, hatten sie alle drei beschlossen, wegen des Unfalls nicht mehr herzukommen.

Doch das Leben ging weiter. Der Hausbau in Swanhaven war ein Symbol dafür.

Wenn seine Eltern hier wieder die Ferien und später ihren Lebensabend verbringen wollten, dann musste er sich damit abfinden. Aber vergessen konnte er nicht. Wollte allerdings seine Eltern nicht damit belasten.

„Du wirst es schon schaffen, Dad dazu zu bewegen, Mom. Wenn er auf irgendjemanden hört, dann auf dich.“

„Jetzt muss ich auf ihn hören. Er ruft nach mir. Wahrscheinlich braucht er eine helfende Hand, um eine Pflanze hochzubinden. Pass auf dich auf, Ethan! Wir sehen uns ja bald. Pass auf dich auf.“

Das sagte sie jedes Mal, wenn sie sich verabschiedeten. Und besonders eindringlich, bevor er in See stach. Es waren immer ihre letzten Worte. Vor einem Jahr hatte sie sie unter Tränen ausgesprochen, als er zum Green Globe aufgebrochen war, eine Regatta rund um die Welt. Eben hatten ihre Worte eher beiläufig geklungen.

Das Leben hatte sich wirklich verändert. Auch seines. Jetzt war er nur auf dem Wasser, um in der nächsten Bucht festzumachen und Lebensmittel einzukaufen. In ein paar Minuten würde er sein Ziel erreicht haben. Damals hatte er Monate allein mit den heimtückischsten Gewässern der Erde gekämpft. Über Stunden, ja sogar Tage nicht einmal über Funkkontakt mit dem Festland verbunden. Jeder kleine Fehler hätte ihn das Schiff, das Leben oder beides kosten können.

Für seine Mutter musste es erlösend sein, ihn jetzt jederzeit anrufen zu können und zu wissen, wo er sich befand. In den vergangenen sechs Monaten hatte sie keine Ängste um ihn ausstehen müssen. Wenn er nicht mit dem Haus beschäftigt war, dann gab er im internationalen Jachthafen von Swanhaven ein paar Jugendlichen aus allen Teilen des Landes Segelunterricht. Dabei konnte ihm nicht viel passieren.

Allerdings wusste sie nicht, dass er sein komfortables Auto in der Stadt abgestellt hatte und ein Segelboot als Verkehrsmittel benutzte. Ein besonders kleines, damit er wenigstens den Hauch von Abenteuer verspürte, wenn er sich damit bei jedem Wetter von Bucht zu Bucht bewegte. Es war den Wellen, dem Wind und der Gischt besonders ausgesetzt und deshalb nicht ganz einfach zu handhaben. Das machte den Reiz aus.

Die Gewässer hier kannte er wie seine eigene Westentasche. Kit hatte ihm jede Strömung, jede seichte Stelle gezeigt. Von woher die Winde einfielen. Hier hatten sie gemeinsam geübte, das Segel optimal zu nutzen.

Ethan musste lächeln und regulierte das Ruder. Wenn er diese Strecke segelte, überfielen ihn schöne Erinnerungen, aber auch quälende. Hier hatte er früher mit Kit Chance jeden Tag seiner Sommerferien verbracht. Es waren die schönsten Zeiten seines Lebens gewesen. Er vermisste den Freund noch immer.

In den letzten zwei Jahren hatte seine Mutter ihn zunehmend offener gefragt, wann er aufhören wolle, immer gefährlichere Regatten zu segeln. Er hatte gelacht und die Risiken verharmlost. Aber inzwischen fragte er sich, ob sie nicht doch recht hatte und auch für ihn das Leben mehr bereithielt als Segelwettbewerbe. Er hatte Pläne, doch noch waren sie nicht ganz ausgereift. Seit Monaten saß er nun schon hier in Swanhaven fest. Die Beaufsichtigung des Hausbaus machte ihm nichts aus, das Unterrichten der Teenager sogar Freude, und trotzdem war sein Verlangen, bei jedem Wetter auf dem Wasser zu sein, ein Ruder in der Hand zu halten, die Grenzen des Bootes auszutesten, so schnell wie möglich zu segeln, kein bisschen kleiner geworden. Aber immerhin sammelte er neue Erfahrungen mit dem Landleben.

Wenn Kit wenigstens hier wäre. Doch Kit war tot. Gestorben bei einem seltsamen Unfall, den niemand hatte vorhersehen noch verhindern können. Er selbst hatte überlebt. Das empfand er als Schuld, die er seitdem als Bürde trug. Besonders hier in der Stadt, wo Kit aufgewachsen war, lastete sie schwer auf ihm. Deshalb versuchte er, den Menschen aus dem Weg zu gehen und sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Ethan schüttelte sich, als könnte er den Druck loswerden, unter dem er litt.

In sieben Tagen wollten seine Eltern hier sein. Danach würde er sein altes Leben nicht mehr aufnehmen und weiter bis an die physisch mögliche Grenze segeln, wie er es bisher Kit zu Ehren getan hatte. Er wollte weiter Kinder und Jugendliche unterrichten, schwierige, unterprivilegierte Kinder und Jugendliche, damit sie lernten, ihr Potenzial auszuschöpfen und mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. So, wie Kit es gewesen war.

Mit ein wenig Glück würden die Eltern seine Arbeit hier wertschätzen, obwohl er sich die Freiheit genommen hatte, ohne Absprache einige Änderungen an den Bauplänen vorzunehmen. Statt des großen Parkplatzes hatte er eine solide Garage mit Werkstatt, ein Bootshaus und einen Anleger bauen lassen und die Handwerker dafür aus eigener Tasche bezahlt. Das waren Geschenke vor allem für seinen Vater.

Vielleicht bekämen seine Eltern Lust, sich wieder ein Boot zu kaufen. Dann könnten sie im Juli, wenn er wie versprochen zu Besuch kam, um die Swanhaven Regatta zu eröffnen, zusammen segeln gehen, so wie früher.

Das war doch immerhin schon etwas.

Marigold vergrub die Hände in den Taschen ihres langen dicken Steppmantels, beugte sich gegen den stürmischen Wind und näherte sich, den Hafen links liegen lassend, mit langen schnellen Schritten einem wilden Teil der Küste von Dorset.

Es dauerte eine Weile, ehe sie die mit Gras bewachsene Böschung oberhalb des Strandes erreicht hatte, von der ein Weg zum Strand führte. Kurz blieb sie stehen, schloss für einen Moment die Augen und schaute dann doch zum Strand hinunter.

Wo die Wellen ständig aufschlugen, waren die Kiesel zu feinem Puder zerrieben worden. Dort sammelten sich Treibholz und allerhand anderes Strandgut, das die See des viel befahrenen Ärmelkanals angeschwemmt hatte. Wo das Wasser nur bei starken Stürmen hinaufleckte, lagen Steine, darunter sogar recht beachtliche Felsen.

Mari kuschelte sich in ihren Mantel und zog den Wind und Wasser abweisenden Hut über die Ohren. Hier am Meer fiel endlich der berufliche Druck von ihr ab, und sie spürte, wie erschöpft sie war.

Als Spezialistin für Computersysteme wurde sie angefordert, wenn in Firmen und Unternehmen gar nichts mehr ging. Sie arbeitete immer unter Zeitdruck, präzise und überlegt. Noch ein paar Jahre musste sie den Stress in Amerika aushalten. Dann wollte sie sich als Netzberaterin selbstständig machen und von zu Hause aus arbeiten. Dank der neuen Technologien war es schließlich egal, wo es sich befand. Der Weg für eine Rückkehr nach Swanhaven war also frei. In diesem kleinen Küstenort, den sie vor mehreren Jahren verlassen hatte, wollte sie sich eine sichere Zukunft aufbauen und ein warmes schönes Zuhause mit Rosa. Eines, das ihnen nie wieder jemand nehmen konnte.

Über ihr kreischten Möwen. Die Wellen rauschten. Tollende Hunde bellten unten am Strand. Boote und Jachten schlugen an die Hafenanleger, Takelagen knarrten. Das war der Soundtrack ihrer Kindheit. Sie konnte ihn jederzeit und überall aus ihrem Gedächtnis abrufen. Aber ihn live zu hören, dabei Salzwasser zu riechen und auf die vertraute Gegend zu schauen, wirkte geradezu befreiend.

Wie herrlich war es, den zermürbenden Missklängen von Autos, Flugzeugen, Klimaanlagen und schrillenden Telefonen entronnen zu sein. Heute Nacht musste sie nicht fürchten, dass jemand sie weckte, weil ein Server zusammengebrochen war. Normalerweise trug sie drei Smartphones und zwei Handys bei sich. Heute nur ein einziges Gerät, und das hatte sie abgeschaltet. Schließlich befand sie sich im Urlaub.

Ihre Atmung passte sich allmählich dem Rhythmus des Meeres an. Wie die Wellen, die anrollten und sich zurückzogen, atmete sie gleichmäßig und tief ein und aus und fühlte sich wie damals als Mädchen. Als hätte sie Swanhaven nie verlassen.

Dieses Meer. Wie sehr sie es liebte. Von Kindheit an wusste sie auch um seine Gefahren und seine Grausamkeit. Und hatte doch nicht damit gerechnet, dass es einmal ihre Familie zerstören würde. Trotzdem konnte sie nicht aufhören, es zu lieben und hatte keinen besseren Ort für sich finden können als Swanhaven. Kit wäre es an ihrer Stelle genauso ergangen.

Mari kehrte dem Wind den Rücken zu und holte aus ihrer Umhängetasche ein Foto hervor. Sie musste es sich jetzt und hier wieder anschauen. Es war mehr als einmal um die Welt gereist. Nicht gesegelt wie Kits bester Freund Ethan Chandler, sondern geflogen. Es hatte Hotelzimmer gesehen, Restaurants, Büros und Serverstationen, weil sie es immer bei sich trug.

Ihre Mutter schaute sie darauf lachend an. Sie war eine große schlanke hübsche Frau mit lustigen Sommersprossen gewesen. Ihr Arm lag um Rosas Schultern. Die kleine Schwester musste damals vierzehn Jahre alt gewesen sein, ein übermütiger Wildfang. Die beiden amüsierten sich über Kit. Er hatte eigentlich ständig Quatsch gemacht und oft den Clown gespielt, ihr charmanter, temperamentvoller, hübscher und beliebter Bruder. Um Mutter und Schwestern zu belustigen, hatte er wie verrückt Luftgitarre gespielt. Auf dem Schnappschuss stand Kit in komischer Verrenkung wie eingefroren da. Gerade achtzehn war er damals gewesen.

Wenn sie das Foto anschaute, dann fühlte Mari wieder die Aprilsonne auf ihrer Haut und den Wind in den Haaren. Wie unbeschwert und ausgelassen sie diesen ungewöhnlich warmen Frühlingsmorgen genossen hatten. Das Bild zeigte ein Familienglück, das bald zerbrach. Sie hatte es nur wenige Monate vor der jährlichen Swanhaven Regatta aufgenommen, bei der Kit verunglückte. Sein Tod zerriss das Netz von Sicherheit und Liebe, in dessen Schutz sie aufgewachsen war.

Den Verlust von Kit, dem geliebten einzigen Sohn und Bruder, hatte niemand verwinden können.

„Oh, Kit.“ Mari vermisste ihn noch immer. Auch wenn sie mit den Jahren gelernt hatte, den Schmerz in den Hintergrund zu schieben, um sich dem Alltag und der Arbeit stellen zu können. Seit sie zu Besuch in Swanhaven war, trat er wieder öfter hervor, aber hier fand sie wenigstens Trost durch schöne Erinnerungen und Rosas Nähe.

Es tat gut zu wissen, dass sie einmal eine glückliche Familie gewesen waren.

Mit der Fingerkuppe strich sie über das Gesicht ihrer Mutter. Ein Windstoß entriss ihr fast das Foto. Schnell steckte sie es ein.

Es war der Traum ihrer Mutter gewesen, das Haus eines Tages zurückzukaufen. Doch sie war gestorben, ehe ihre ältere Tochter in der Lage gewesen war, ihn ihr zu erfüllen. Manchmal kam es Mari vor, als hätte sie ihre Mutter im Stich gelassen.

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