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Unter dem Messer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Ein Jahr später
    1. RITA
    2. SPENCER
    3. RITA
    4. SPENCER
    5. RITA
    6. FINNEY
    7. SEBASTIAN
    8. RITA
    9. RITA
    10. RITA
    11. SEBASTIAN
    12. RITA
    13. SPENCER
    14. SEBASTIAN
    15. RITA
    16. FINNEY
    17. RITA
    18. FINNEY
    19. RITA
    20. SPENCER
    21. SEBASTIAN
    22. RITA
    23. SPENCER
    24. FINNEY
    25. SEBASTIAN
    26. RITA
    27. SEBASTIAN
    28. SPENCER
    29. RITA
    30. SEBASTIAN
    31. SPENCER
    32. SEBASTIAN
    33. FINNEY
    34. RITA
    35. SEBASTIAN
    36. RITA
    37. SEBASTIAN
    38. RITA
    39. SEBASTIAN
    40. RITA
    41. SPENCER
    42. RITA
    43. FINNEY
    44. RITA
    45. SEBASTIAN
    46. SPENCER
    47. SEBASTIAN
    48. FINNEY
    49. RITA
    50. SPENCER
    51. RITA
    52. SEBASTIAN
    53. FINNEY
    54. RITA
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    56. RITA
    57. SEBASTIAN
    58. SPENCER
    59. RITA
    60. SPENCER
    61. RITA
    62. SPENCER
    63. FINNEY
    64. RITA
    65. SEBASTIAN
    66. RITA
    67. SEBASTIAN
    68. FINNEY
    69. SPENCER
    70. SEBASTIAN
    71. SPENCER
    72. SEBASTIAN
    73. RITA
    74. SPENCER
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    77. SEBASTIAN
    78. RITA
    79. SPENCER
    80. SEBASTIAN
    81. SPENCER
    82. RITA
    83. SEBASTIAN
    84. RITA
    85. FINNEY
    86. RITA
    87. SEBASTIAN
    88. RITA
    89. RITA
    90. RITA
    91. SEBASTIAN
    92. SPENCER
    93. SEBASTIAN
    94. SPENCER
    95. RITA
    96. SPENCER
    97. SEBASTIAN
    98. RITA
    99. SPENCER
    100. SEBASTIAN
    101. FINNEY
    102. RITA
    103. SEBASTIAN
    104. RITA
    105. SEBASTIAN
    106. RITA
    107. SEBASTIAN
    108. RITA
    109. SEBASTIAN
    110. RITA
    111. SEBASTIAN
    112. RITA
    113. SEBASTIAN
    114. RITA
    115. FINNEY
    116. RITA
    117. FINNEY
    118. SEBASTIAN
    119. FINNEY
    120. RITA
    121. FINNEY
    122. RITA
    123. FINNEY
    124. SEBASTIAN
    125. RITA
    126. SEBASTIAN
    127. SPENCER
  9. Danksagung

Über dieses Buch

Es ist der große Tag von Dr. Rita Wu. Die renommierte Chirurgin des Turner Hospitals soll vor Fachpublikum die erste vollständig robotergesteuerte Operation vorführen. Doch kurz vor der OP hört sie in ihrem Kopf die Stimme eines Mannes, den sie nur zu gut kennt: Morgan Finney, Leiter eines Biotechnologiekonzerns. Er teilt Rita mit, dass ihr ein Nano-Implantat injiziert wurde, wodurch er mit ihr sprechen und ihr Verhalten beeinflussen kann. Und er hat mit Rita noch eine Rechnung offen, denn er macht sie für den Tod seiner Frau verantwortlich ...

Über den Autor

Kelly Parsons ist Urologe mit Abschlüssen an der Stanford University, der University of Pennsylvania und der Johns Hopkins University of Baltimore. Er lehrt an der Universität von San Diego und lebt mit seiner Familie in Südkalifornien. »Auf ewig dein« ist sein in den USA viel beachteter Debütroman.

KELLY PARSONS

UNTER DEM
MESSER

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch von
Michael Krug

Für meine Familie: immer geduldig, großzügig und
eine Stütze bei der Ausübung meiner zwei Karrieren

Prolog

Der Mann stand allein da, die Hände in den Taschen seines dunklen Anzugs, und blickte hinab in den Schlund aus Erde, der gerade seine Frau verschluckt hatte.

Er war ein großer Mann mit leicht hängenden Schultern. Schlank, schmale Nase, abstehende Ohren, dünne Lippen. Er besaß feines Haar in der Farbe von trockenem Sand, die er in einem präzisen, strengen Seitenscheitel trug, durch den er wesentlich jünger als um die vierzig wirkte, wie ein fürs Klassenfoto herausgeputzter Schuljunge. Sein Haar flatterte leicht in der warmen Brise. Das Gras, auf dem er stand, war gleichmäßig gemäht und grün. Um ihn herum ragten silbrige und weiße Grabsteine aus der Erde. Mit zusammengekniffenen Augen schaute er zum strahlenden Himmel auf.

Sollte es nicht eigentlich regnen?

In Filmen und Fernsehserien schien es bei Beerdigungen immer zu regnen. Heute jedoch wirkten Sonne, Himmel, Wolken und sanfte Brise zusammen und schufen einen atemberaubenden Tag, selbst für südkalifornische Verhältnisse.

Ich wünschte, das Wetter wäre am Tag der Hochzeit meiner Tochter so schön gewesen, hatte er unmittelbar vor dem Beginn der kurzen Zeremonie eine der Trauergäste zu ihrer Begleitung flüstern hören. Eine von Jennys Freundinnen, die Vorstandsvorsitzende eines Start-ups in der Biotechnologiebranche. Ein überaus vielversprechendes Unternehmen. Er spielte sogar mit dem Gedanken, einen stillen Mehrheitsanteil daran zu erwerben. Die Frau war leidenschaftliche Triathletin mit braunen, sehnigen Armen, verspiegelter Sonnenbrille und winzigen Brüsten.

Sie war eine gewitzte Geschäftsfrau, das musste er zugeben. Er hielt es für unwahrscheinlich, dass sich ihre erste Begegnung mit Jenny in einem hiesigen Fitnesscenter, bei dem es zu einem Missverständnis wegen einer Yogamatte gekommen war, rein zufällig ergeben hatte. Zweifellos hatte die Triathletin eine Beziehung zu seiner Gemahlin aufgebaut, um die Pläne ihrer Firma mit ihm voranzutreiben. Schon kurz nach dem Beginn der Freundschaft hatte er diesen Verdacht Jenny gegenüber geäußert.

Doch Jenny, für die ein Glas nie halb leer gewesen war, hatte über seine Anschuldigung gelacht und gemeint, er solle sich entspannen, so wichtig sei er nun auch wieder nicht, und es drehe sich nicht immer alles nur um ihn. Dann hatte sie mit dem Zeigefinger erst ihre Lippen berührt, sich auf die Zehenspitzen aufgerichtet und den Zeigefinger anschließend auf seine Lippen gedrückt, wie sie es häufig tat, um ihm zu zeigen, dass die Diskussion über ein bestimmtes Thema beendet war. Damit hatte es sich gehabt. Die Debatte war abgeschlossen gewesen, und er hatte die Motive der Triathletin nie wieder infrage gestellt, jedenfalls nicht laut.

Ihr Finger an meinen Lippen.

Wie sehr er diese simple Geste geliebt hatte. Die Erinnerung daran, das taktile Echo  – der zarte Druck auf seiner Haut, die winzigen Unebenheiten von Jennys Fingerspitze, die sich leicht an seiner Unterlippe verfingen, wenn sie den Finger zurückzog  – genügte fast, um ihn zum Lächeln zu bringen.

Fast.

Er konnte die Triathletin nicht ausstehen. Was nichts mit ihrem Geschlecht zu tun hatte. Beruflich hatte er ständig mit Frauen zu tun. Bis zu einem gewissen Grad zog er den geschäftlichen Umgang mit Frauen dem mit Männern sogar vor. Zumindest widerstrebte er ihm weniger. Ihm gefiel, dass die meisten Frauen nicht auf irgendeinen dämlichen, gerade angesagten Alphamännchen-Trend fixiert waren. Wie Kitesurfen. Oder Klettern. Oder Golf. Sogar die Fetten spielten Golf und brüsteten sich damit, als wäre es eine sagenhafte sportliche Leistung. Was für eine unfassbare Zeitverschwendung.

Seine Abneigung gegen die Triathletin ging daher nicht darauf zurück, dass sie eine Frau war. Er mochte sie einfach nicht. Was wenig zu bedeuten hatte. Es gab haufenweise Menschen, die er nicht leiden konnte. Und dann noch diese Äußerung von heute, keine drei Meter von dort entfernt, wo Jenny lag  …

Tja.

Er hatte sich auf die Unterlippe gebissen und sie ignoriert. Für Jenny.

Sie war sehr beliebt gewesen. Die meisten ihrer Freunde  – und davon gab es eine ganze Menge  – waren zur Zeremonie gekommen, hatten ihn mit einem Händeschütteln begrüßt und ihm mitfühlend auf die Schulter geklopft, in einigen Fällen auch steif umarmt.

Wie kommst du zurecht? Was für eine Tragödie. Viel zu früh aus dem Leben gerissen. Sie war so beliebt. In der kurzen Zeit, die sie hatte, hat sie so viele berührt. Wir werden sie schmerzlich vermissen.

All die Beileidsbekundungen hatte er seiner Ansicht nach ziemlich duldsam über sich ergehen lassen. Während der Zeremonie jedoch hatte er Abstand gehalten und war mehrere Meter von der Hauptgruppe entfernt allein gestanden. Er wollte mit ihnen allen nichts mehr zu schaffen haben. Sie waren Jennys Freunde gewesen, nicht seine. Am Begräbnis nahmen sie ihretwegen teil, mit Sicherheit nicht aus irgendeiner Anteilnahme heraus, die sie ihm gegenüber empfanden. Ihre Beziehungen zu ihm waren brüchig, flüchtig, durch Jenny entstanden und von ihr aufrechterhalten. Dasselbe galt für Jennys Eltern und Bruder, zu denen er zwar ein herzliches Verhältnis gehabt hatte, die aber nie recht wussten, was sie von ihm halten sollten. Und nun war Jenny nicht mehr da.

Er selbst hatte nicht viele Freunde. Jedenfalls keine engen. Eine Tatsache, die ihn nicht im Geringsten störte. Er betrachtete diesen Umstand mit der Objektivität eines Wissenschaftlers, der eine sich windende Mikrobe im Labor unter einem Mikroskop beobachtet.

Schließlich zog er die Hände aus den Hosentaschen und lenkte seine Aufmerksamkeit vom Himmel zurück zu Jennys Grab  – ein schwarzes Loch, dessen Finsternis dem hellen Tageslicht zu trotzen schien und den Sonnenschein ringsum förmlich verschlang. Oder ihn vielleicht abstieß. Eindringlich starrte er in die Öffnung, spähte in die Düsternis. Ansatzweise konnte er den Sarg seiner Frau ausmachen, der im stumpfen Silber einer Gewehrkugel schimmerte.

Plötzlich überkam ihn der wilde Drang, sich in das Loch zu werfen und den Sarg zu packen, mit den Fäusten auf die kalte, unnachgiebige Hülle zu hämmern und sich die Kehle wund zu schreien, die Arme um das Holz zu schlingen, seine Brust daran zu pressen und zu warten, bis die gleichgültige Erde sie beide unter sich begrub.

Was sonst spielt denn jetzt noch irgendeine Rolle?

Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Ein dicker, kahler, kleiner Mann näherte sich verhalten von einem glänzenden schwarzen Lincoln Town Car, der in einer nahen Straße parkte. Der Mann räusperte sich.

»Mr. Finney?«

Obwohl seine Stimme näselnd klang, sprach der Dicke klar und deutlich. Mittlerweile waren die beiden die einzigen lebenden Seelen in diesem Abschnitt des Friedhofs. Er hob das Kinn und neigte den Kopf zur Seite.

Der Dicke hüstelte. »Mr. Finney. Sie, äh, haben diese Besprechung. In fünfundvierzig Minuten. Im Salk.« Er tippte auf seine Armbanduhr. »Wollte Sie nur, äh, daran erinnern.«

Finney drehte sich weder um, noch sprach er ein Wort. Er ließ den Kopf schief gelegt, als befände er sich im Gang eines Supermarkts, hielte eine Cornflakes-Packung hoch und überprüfe die Liste der Inhaltsstoffe.

Der Mann stinkt nach Zigaretten, dachte er. Dabei ist er ausdrücklich darauf hingewiesen worden, dass ich Zigaretten hasse.

Er beobachtete den Dicken aus dem Augenwinkel. Die Sekunden verstrichen. Schweiß sammelte sich auf dem kahlen Schädel des anderen und glänzte in der Sonne. Der Mann räusperte sich, als wolle er abermals etwas sagen, dann jedoch schien er es sich anders zu überlegen. Mit keuchenden Atemgeräuschen zog er sich zum Auto zurück.

Finney richtete den Kopf wieder auf, bis sich das Kinn in einer Linie mit dem Hals befand. Obwohl er nicht zu Wutausbrüchen oder überstürzten Reaktionen neigte, hatte Jennys Tod eine emotionale Brüchigkeit in ihm ausgelöst, verschlimmert durch die hoffnungslose Unfähigkeit, das Wechselbad der Gefühle zu verarbeiten, die tief in seiner Psyche schwelten, seit sie ihm genommen worden war. Wut, so roh und qualvoll wie eine offene Wunde, breitete sich in ihm aus und drohte ihn zu überwältigen.

Er holte tief Luft und unterdrückte seine Wut.

Finney hielt nichts von Klischees. Er hasste Klischees. Deshalb überraschte ihn, dass ihm, als der Dicke davonwatschelte, als erster zusammenhängender Gedanke in den Sinn kam: Ich bringe ihn um. Eine Empfindung, die natürlich einem Klischee entsprach. Er zwang sich, die Luft aus der Lunge zu pressen, und hielt den Gedanken fest. Drehte ihn hin und her. Betrachtete ihn aus diesem und jenem Blickwinkel, überlegte, wie viel Substanz er hatte.

Ich bringe ihn um.

Von einem Moment auf den nächsten schlug sein Zorn über die unfassbare Idiotie des Dicken in Neugier um.

Ihn umbringen?

Die Menschen gaben diesen Satz ständig von sich, wenngleich gedankenlos und ohne Überzeugung. Zum Beispiel: Wenn er wieder zu spät zur Arbeit aufkreuzt, bringe ich ihn um. Eine gängige Redensart in Sitcoms, eine geläufige Floskel für billige Schurken in Sommerfilmen. Bedeutungslos. Keinerlei Substanz. Nur Klischee.

Aber traf das auch jetzt zu? Für ihn?

Mit der absoluten Gewissheit eines Mannes, der durch die absolute Gewissheit über verschiedenste Dinge reich geworden war, wusste Finney, dass er den dicken Mann in diesem Moment wirklich töten wollte. Die Erkenntnis faszinierte ihn. Immerhin war er ein gesetzestreuer Bürger. Nun, zumindest größtenteils gesetzestreu. Und er neigte definitiv nicht zu Gedanken an vorsätzlichen Mord. Welchem dunklen Winkel seines Geistes mochte dieser Drang entsprungen sein?

Die Eindringlichkeit seiner Überzeugung, ihre Klarheit und Kraft fand er zutiefst interessant. Finney glaubte nicht an die Existenz von Gott. Aber hätte er es getan, so hätte er Gott in diesem Augenblick zum Zeugen dessen aufgerufen, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als die Hände um den Hals des fetten Kerls zu legen und zuzudrücken, richtig zuzudrücken, bis seine Finger in den Hautfalten verschwänden wie in fleischigem Treibsand, bis er spürte, wie die Luftröhre kollabierte, und bis er das befriedigende, hohe Japsen des letzten fauligen Atemzugs des Dicken hörte.

Es war ein eigenartiges Gefühl. Keine schlichte Wut mehr, auch keine Empörung über die himmelschreiende Respektlosigkeit des Dicken Jenny gegenüber, die kurz davorstand, für immer unter der Erde zu verschwinden.

Nein. Es kam Finney wie etwas Größeres, etwas Folgenschwereres vor  – als hätte die bloße Existenz dieser plumpen, nikotinsüchtigen Kreatur irgendwie das Universum aus dem Gleichgewicht gebracht und als wäre es Finneys Mission  – nein, seine Bürde  –, die Ordnung wiederherzustellen.

Er hatte seine Emotionen schon immer aus der Ferne erlebt, als wären sie Fische in einem Aquarium, die er von der anderen Seite einer dicken Glasscheibe betrachtete. Deshalb schien er eher dabei zuzusehen als tatsächlich zu fühlen, wie die Mordlust zurückwich und in den trüben Tiefen seines Unterbewusstseins abtauchte. Der Vorgang vollzog sich langsam, als löse die Emotion nur widerwillig ihren Griff um ihn.

Er seufzte.

Ordnung. Oder das Fehlen von Ordnung.

Vielleicht war es das, was ihm während der vergangenen Woche ununterbrochen, Tag und Nacht, so zugesetzt, an ihm genagt, ihn innerlich zerfressen hatte. Er hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen und war erschöpft. Jennys Tod hatte die natürliche Ordnung der Dinge durcheinandergebracht, und er spürte die Unausgewogenheit des Universums um sich herum. Das dritte newtonsche Gesetz: Ihr Tod war die Aktion, das kosmische Ungleichgewicht die Reaktion.

Finney würde sich damit begnügen müssen, den Dicken, der erst seit Kurzem für ihn arbeitete, zu feuern und dafür zu sorgen, dass er nie wieder einen besseren Job als den eines Hausmeisters in der Nachtschicht bekommen würde. Im Grunde genommen war der Mann die mentale Mühe nicht wert. Er rechtfertigte nicht einen einzigen zusätzlichen elektrischen Impuls in einem einzigen Neuron von Finneys Gehirn. Doch abgesehen davon: So sehr der Dicke Finney anwidern mochte, er war nicht verantwortlich für Jennys Tod. Diese Schuld fiel jemand anderem zu.

Was sonst spielt denn jetzt noch irgendeine Rolle?

Ohne Vorwarnung brach der Kummer über ihn herein. Es war, als wäre sein Gram eine dichte, giftige Flüssigkeit, in der er zu ertrinken drohte und in der er hilflos und krank herumgewirbelt wurde. Das vertraute Gefühl, das verhasste Gefühl stieg ihm in die Kehle.

Er würde weinen.

Finney schloss die Augen, ballte die Hände zu Fäusten, kämpfte gegen die Tränen an, wie er es seit Jennys Tod wiederholt getan hatte. Und dennoch spürte er, wie sie sich an seinen Augenwinkeln sammelten. Bald würde er hier im hellen Sonnenschein vor dem Dicken und aller Welt schluchzen wie ein jämmerliches Kind. Das konnte er nicht, würde er nicht zulassen. Er presste die Lider zu und ballte die Hände noch krampfhafter zu Fäusten.

Morgan.

Er rührte sich.

Es war Jenny. Ihre Stimme klang so klar und deutlich, als stünde sie unmittelbar neben ihm. Jenny teilte ihm mit, dass es in Ordnung wäre zu weinen. Er wusste, das gehörte zu den Dingen, zu denen sie ihn im Leben ermutigt hätte. Aus dem Mund geringerer Frauen hätte sich ein solcher Rat abgedroschen angehört  – das schnöde Psychogebrabbel von Talkshow-Moderatorinnen und banalen Selbsthilfebüchern. Aber nicht von Jenny. Von ihr niemals.

Es ist in Ordnung, flüsterte sie.

Finney dachte darüber nach. Sollte er weinen? Sollte er tun, wozu sie ihn ermuntert hatte, als sie noch am Leben gewesen war? Sollte er sich all seine Emotionen eingestehen, die schlechten ebenso wie die guten? Wie Jenny es mit Sicherheit gewollt hätte, wenn sie nun an seiner Seite stünde?

Aber Jenny war nicht hier. Nicht in Wirklichkeit. Und so sehr er sie liebte  – geliebt hatte, korrigierte er sich in Gedanken  –, er war fertig mit diesen törichten Empfindungen. Endgültig. Er würde sich nicht länger gestatten, sich in Selbstmitleid zu aalen wie ein Schwein, das sich im widerlichen Dreck seines Pferchs suhlte.

Nein. Er musste damit fertig sein. Denn Emotionen kamen Schwäche gleich. Sie sich einzugestehen, bedeutete, dass er nie dem sengenden Schmerz ihres Verlusts entkommen würde. Er musste sich von seiner lächerlichen Sentimentalität reinwaschen.

Seine Fingernägel waren während der Zeit der Ablenkung und des Kummers in den letzten Wochen, während ihrer Krankheit und dem qualvollen Endstadium lang und fest geworden  – sie bohrten sich in die weiche Haut seiner Handflächen. Was wehtat. Sehr sogar.

Gut.

Er bewegte die Finger leicht hin und her, um die Nägel tiefer in die Haut zu schneiden, die Handflächen zum Bluten zu bringen, und er konzentrierte sich auf den physischen Schmerz, um sich von seinen seelischen Qualen abzulenken.

Morgan.

Mittlerweile klang sie weiter entfernt.

In gewisser Weise sollte es unkompliziert sein. Wie der Abschluss seiner geschäftlichen Transaktion oder das Lösen eines technischen Problems. Er brauchte nur analytisch an die Dinge heranzugehen, sie mit der Präzision und Eleganz einer mathematischen Gleichung zu durchdenken. Er würde seine Energien neu ausrichten, diese irritierenden Emotionen in bedeutungsvollere, produktivere Unterfangen umleiten. Aber welcher Art?

Kratz, kratz, kratz. Seine Fingernägel sanken tiefer in die nachgiebige Haut. Seine geballten Fäuste zitterten. Er konnte fühlen, wie seine Handflächen glitschig von Blut wurden, und stellte sich vor, wie es durch die Lücken zwischen seinen Fingern auf den Boden unter ihm troff. Rote Tautropfen auf grünem Gras.

Die Erkenntnis ereilte ihn in einem Moment plötzlicher, vollkommener Klarheit.

Natürlich.

Die Antwort war einfach. Der Kummer legte sich, humpelte davon wie ein verwundetes Tier. Finney öffnete die Fäuste, entspannte die Finger und schlug die Augen auf. Der Drang zu weinen war verschwunden. Gleichgültig untersuchte er die vier roten Schlieren auf jeder seiner Handflächen, die acht durch seine Fingernägel verursachten Stigmata, aus denen sich winzige rote Rinnsale ergossen. Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche, wischte sich das Blut von den Händen und ließ das Tuch auf den Boden fallen, wusste nicht und scherte sich nicht darum, wer es aufheben würde.

Er lauschte auf Jenny. Nichts.

Was sonst spielt denn jetzt noch irgendeine Rolle?

Eine Sache gab es da schon. Eine einzigartige Aufgabe, die seiner Aufmerksamkeit bedurfte. Eine Aufgabe, der er jede Faser seiner Psyche widmen würde, bis sie erledigt wäre.

Er holte ein kleines Notizbuch aus der Tasche seines Anzugjacketts hervor. Es war alt und besaß eine abgegriffene Hülle aus schwarzem Leder. Die meisten Seiten füllte seine Handschrift aus. Einige waren mit Klebeband geflickt worden, um sie beisammenzuhalten. Finney blätterte nach hinten zur ersten leeren Seite und zog aus derselben Tasche einen Druckbleistift hervor. Er klickte dreimal darauf, um die dünne Bleimine über den Rand der Spitze nach vorn zu schieben. Dann begann er zu schreiben.

Er drückte fest auf. Zweimal brach die Mine ab. Zweimal ersetzte er die vordere Kante mit einem scharfen Dreifachdruck auf den Stift  – klick, klick, klick. Dann schrieb er langsam und in penibler Schönschrift. Als er fertig war, betrachtete er eingehend den Namen, den er zu Papier gebracht hatte.

Dr. Rita Wu.

Finney starrte noch einen weiteren Moment darauf, bevor er neben den Namen ein leeres Kästchen zeichnete, als wäre die Frau ein Eintrag auf einer To-do-Liste. Danach schloss er das Notizbuch und verstaute es zusammen mit dem Druckbleistift wieder in der Jacketttasche.

Ich werde sie umbringen.

Und er wusste mit absoluter Sicherheit, dass er es tun würde. Aber zuerst würde er sie leiden lassen.

So, wie Jenny gelitten hat.

Und er würde sie etwas berauben, das kostbar für sie war.

So, wie ich etwas beraubt worden bin, das kostbar für mich war.

Anschließend würde sich im Universum wieder das Gleichgewicht einstellen.

Finney wandte sich ab und ging zum Auto, neben dem der dicke Mann wartete. Er schaute nicht zurück.

Ein Jahr später

RITA

Es herrschte Dunkelheit. Und dann ertönte ihr Name.

»Dr. Wu?«

Eine Stimme drang forschend durch das Dunkel, durchschnitt es wie ein Suchscheinwerfer. Die Dunkelheit fühlte sich vertraut und wegen dieser Vertrautheit beruhigend an  – die störende, misstönende Stimme nicht. Rita wandte sich davon ab und umklammerte die Dunkelheit, als wäre sie ein kleines Mädchen, das sich ans Bein der Mutter presst. Aber die Stimme ließ nicht locker.

»Dr. Wu?«

Es handelte sich um eine Frau.

Immer noch Finsternis, aber nach und nach stellten sich aus dem Nichts Empfindungen ein.

»Soll ich Hilfe holen?« Eine zweite Stimme, ebenfalls weiblich. Rauchiger. Heiserer.

»Nein. Sie atmet. Und sie ist warm. Sie schläft nur. Aber du könntest Decken holen, ja?«

»Okay.«

Sich entfernende Schritte. Ein knappes, mechanisches Klicken, als hätte jemand die Verriegelung eines Kühlschranks geöffnet. Ein warmer Lufthauch.

…  klingt wie ein Deckenwärmer in einem Operationssaal  …

Sich nähernde Schritte. »Hab welche.«

»Dr. Wu?«

Eine Hand an ihrer Schulter, eine Hand, die sie auf das Bewusstsein zuschubste. In ihrem Mund herrschte ein durchdringender Kupfergeschmack vor, als hätte sie Münzen gelutscht, und in ihrem Kopf tobten Schmerzen, die ihre linke Schläfe umhüllten und sich zum linken Ohr schlängelten. Ohne die Augen zu öffnen, nahm sie wahr, dass sie auf einer gepolsterten Fläche flach auf dem Rücken lag. Ihre Arme ruhten an ihren Seiten.

»Dr. Wu?« Die Hand, die ihre Schulter schüttelte, übte mehr Druck aus.

Rita öffnete die Augen. Die Dunkelheit kapitulierte vor blendendem Licht. Die Schmerzen in ihrem Kopf wuchsen sich zu Höllenqualen aus  – zu einem Eispickel, der sich einen Weg durch ihr linkes Auge bahnte, bis er hinten durch den Schädel wieder austrat.

Scharf sog Rita die Luft ein. Gott, diese Schmerzen. Die Helligkeit glich einem tollwütigen Hund, der sich in ihre Augen krallte. Sie presste die Lider fest zu und stöhnte. Ihr Magen drehte sich um, als hätte das Licht durch ihre Augenhöhlen weiter durch ihre Kehle gefasst und ihren Eingeweiden einen kräftigen Ruck versetzt.

Oh Gott.

»Dr. Wu?« Die erste Stimme, die eine düstere Nische ihres umwölkten Hirns als vertraut registrierte, klang besorgt, zugleich jedoch eindringlich. »Alles in Ordnung?« Pause. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

Die Schmerzen gestalteten es schwierig, sich zu konzentrieren. Nein, nicht nur die Schmerzen. Auch etwas anderes. Ihr Gehirn glich einem aufgewühlten Schlammbad von eingehenden und ausgehenden Empfindungen, so verworren, dass Pein allein keine Erklärung dafür bot, als wären all ihre Gedankengänge in einen Mixer geworfen worden, der auf höchster Stufe arbeitete.

Warum?, fragte ein Teil ihres Verstands.

Wen interessiert’s?, antwortete ein anderer Teil. Sie gestattete sich, zurück in die angenehme Leere zu sinken.

»Dr. Wu.« Wieder die erste Stimme  – mittlerweile fordernder, lauter.

So verlockend sich das Unterbewusstsein anfühlte, es schied als Option aus. Rita öffnete die Lider und stöhnte, kniff die Augen angesichts des grellen Lichts wieder zusammen.

»Wendy«, sagte die erste Stimme. »Schwenk das Licht aus ihrem Gesicht.«

»Klar«, erwiderte die Frau mit der rauchigen Stimme.

Das Licht ließ nach und mit ihm die Schmerzen im Kopf. Rita blinzelte und blickte in ein angespanntes Gesicht empor, das über ihr schwebte. In einem geistesgegenwärtigeren Zustand wäre sie vermutlich überrascht gewesen. Vielleicht sogar verblüfft. So jedoch konnte sie nur ein vages Gefühl von Verwirrung aufbringen.

Die erste Stimme und die Hand, die beruhigend auf Ritas Schulter lag, gehörten Lisa Rodriguez, einer ihrer OP-Pflegerinnen. Lisa gehörte natürlich nicht im engsten Sinn des Wortes ihr. Aber so wie viele Chirurgen benutzte Rita gern Possessivpronomen, um Menschen und Gegenstände im Operationssaal zu beschreiben. Ihre Pflegerinnen. Ihre Patienten. Ihre chirurgischen Instrumente.

Lisa stand neben ihr. Oder vielmehr über ihr, als wäre Rita eine ihrer eigenen Patientinnen, die ausgestreckt auf einem Tisch im Operationssaal lag, über dem Lisa und sie an den meisten Arbeitstagen Skalpelle und Klatsch austauschten.

Was ist hier los?

Lisas stumpfe Züge, umrahmt von einer hellblauen Operationshaube, die ihr lockiges schwarzes Haar verdeckte, verrieten zu gleichen Teilen Erstaunen und Besorgnis. Hinter ihr und etwas seitlich stand eine weitere Frau, ebenfalls eine OP-Pflegerin  …

Wendy

…  eine dürre junge Frau mit einem länglichen Gesicht. Ein blondes Haarbüschel, das vor Peroxid schimmerte, lugte unter der blauen Operationshaube hervor und hing der Frau halb in die Stirn. Mit der bauschigen Kopfbedeckung und dem viel zu mageren Körper sah Wendy aus wie ein aufgestellter Mob. Unter ihren Arm hatte sie einige weiße Decken geklemmt. Sie wirkte so verblüfft wie Lisa, aber nicht annähernd so besorgt. Tatsächlich schien etwas ziemlich Unschickliches hinter Wendys Augen aufzuflackern  – Freude? Schadenfreude?  –, die so blau wie die Operationshaube waren und von türkisfarbenem Lidschatten umrahmt wurden. Beide Frauen trugen dunkelblaue Kittel.

Genau wie die Kittel, die wir im Operationssaal tragen.

»Lisa?« Gott, sie konnte das Wort kaum richtig bilden. Ihre Zunge fühlte sich an wie Beton.

Wo bin ich?

Ohne sich aufzusetzen, drehte Rita den Kopf zur Seite und erblickte dunkle Bodenfliesen ungefähr einen Meter unter sich. Als sie den Kopf zur anderen Seite schwenkte, sah sie das Gleiche. Benommen folgerte sie, dass sie auf einer gepolsterten Fläche ungefähr hüfthoch über dem Boden lag. Sie setzte dazu an, sich aufzurichten, doch irgendetwas umschloss ihre Brust, etwas Flaches und Breites, das sie erfasste und zurück nach unten drückte.

»Hey.« Ihr Hinterkopf plumpste schwer auf die gepolsterte Unterlage.

Autsch! Der Aufprall verschlimmerte ihre Kopfschmerzen. Sie bewegte die Hände, um sich die pochende Stirn zu halten. Oder versuchte es zumindest. Aber es gelang ihr nicht. Denn ihre Arme wurden an den Seiten niedergedrückt.

»Hey!«

Eine neue Emotion. Keine Panik  – ihre Sinne schienen noch zu stumpf zu sein, um echte Panik hervorzubringen  –, aber Rita verspürte ein abruptes Unbehagen, das sie eine Stufe über ihr Halbbewusstsein erhob, und zum ersten Mal wurde ihr klar, dass sie keinerlei Kontrolle über ihre aktuelle Lage hatte. Und Rita hasste es, keine Kontrolle zu haben. Immer. Krampfhaft versuchte sie, die Arme zu befreien.

»Warten Sie«, sagte Lisa. »Lassen Sie mich Ihnen helfen, Dr. Wu.«

Rita beobachtete, wie Lisa mit einer fließenden Bewegung nach unten griff und die Hand um eine glänzende Schnalle aus Metall legte, durch die ein schwarzer Riemen verlief, der aussah wie ein breiter Sitzgurt. Lisa hob die Schnalle an und löste das schwarze Band, das Ritas Rumpf und Arme auf die weiche Unterlage drückte, auf der sie lag.

Komisch, dachte Rita, als Lisa den Gurt aus der Schnalle zog und sie von der Unterlage befreite. Sieht genau aus wie die Halteriemen, die wir benutzen, um Patienten auf unseren Operationstischen zu fixieren.

Ein weiterer Zufall. Wie die blauen Kittel.

Gleich darauf löste Lisa den zweiten schwarzen Gurt, der Ritas Oberschenkel fesselte. Mit einem unangenehmen Wirbel aus Emotionen wurde Rita klar, dass es sich tatsächlich um einen der Riemen eines Operationstisches handelte. Des Tisches, auf dem sie gerade lag.

»Was?« Rita hob den Kopf, neigte das Kinn an die Brust und starrte zu ihren Füßen. Dabei stellte sie fest, dass sie keinerlei Kleidung trug.

Dr. Rita Wu, Assistenzprofessorin für Chirurgie an der Universität von Kalifornien, befand sich festgeschnallt auf einem Operationstisch. Nackt wie an dem Tag, an dem sie geboren wurde  – und ohne die geringste Ahnung, wie sie in diese Lage geraten war.

SPENCER

Spencer Cameron trat hinaus, schloss die Eingangstür und atmete die frühmorgendliche Luft eines späten Novembers im Küstengebiet von San Diego ein. Es war zwar noch dunkel, doch hinter den Bergen im Osten leckte bereits rot-orangefarbene Glut über den Himmel.

Die Temperatur vor dem Morgengrauen erwies sich als kühl. Spencer trug eine schwarze, lange Radlerhose mit neongelben Reflektoren an den Seiten und ein leichtes, schwarzes Jogginghemd mit ähnlichen Reflektoren an den langen Ärmeln. Der eng anliegende Stoff spannte sich über seine kräftige Brust, über die muskulösen Schultern und Oberschenkel, ebenso über die Gliedmaßen und den Rumpf. Er steckte sich Ohrstöpsel in die Ohren, stellte NPR auf seinem iPod ein und rückte die Strickmütze auf seinem dunkelbraunen Haar so zurecht, dass sie die freien Teile seiner Ohren und seiner Kopfhaut gegen den leichten Frost schützte. Dann setzte er sich in lockerem Lauf in Bewegung.

Eine stämmige Frau, die mit einem braunen Hund unbestimmter Rasse spazieren ging, tauchte in entgegengesetzter Richtung auf. Sie schrak zurück und erstarrte, als Spencer schwerfällig auf sie zugelaufen kam. Der Hund hingegen schien zu dem Schluss zu gelangen, dass die beste Verteidigung ein guter Angriff sei: Obwohl das Tier kaum größer als ein Kaninchen war, sprang es ihn an, bis sich die Leine straff spannte, und kläffte im hohen, schrillen Ton kleiner Hunde.

Spencer verkniff sich einen finsteren Blick  – er hatte nicht viel für Hunde übrig, am wenigsten für Winzlinge, die den Frieden seiner frühmorgendlichen Läufe störten  – und winkte wacker.

Siehst du? Ich bin freundlich!

Er kannte weder die Frau noch den Hund, was nicht unerwartet kam. Obwohl er seit Jahren in der Gegend wohnte, gab es immer noch reichlich Leute im Viertel, die er dank seiner mörderischen Arbeitszeiten  – Beginn früh am Morgen, Ende spätabends, dazwischen lange Tage  – nie kennengelernt hatte.

»Guten Morgen!«, rief er und ließ ein fröhliches Lächeln aufblitzen.

Die Frau, die in einem voluminösen grauen Sweatshirt mit aufgesticktem Logo der University of Southern California steckte, reagierte mit einem knappen Nicken, rührte sich jedoch nicht von der Stelle und sah ihn schief an, als er sie passierte, während sie ihren Hund zurückhielt. Das Tier tobte entlang der Reichweite seiner Leine, knurrte trotzig und versuchte vergeblich Spencer anzufallen.

Als freundschaftliche Abschiedsgeste beschrieb Spencer einen besonders weiten Bogen um die Frau und ihren Hund, lächelte und winkte ein letztes Mal, bevor er sich wieder auf seinen Lauf konzentrierte. Er machte der Frau  – und ihrer besseren Ratte  – keinen Vorwurf. Selbst am helllichten Tag sorgte sein gewaltiger Körperbau regelmäßig für neugierig starrende Blicke, und er malte sich aus, wie er aus dem Blickwinkel der Frau und ihres Hundes gewirkt haben musste: ein Mann, groß genug für einen Linebacker in der NFL, schwarz gekleidet und mit Strickmütze, der auf einer ansonsten verwaisten Straße aus den frühmorgendlichen Schatten auf sie zugelaufen kam.

Abgesehen von der Frau mit dem Hund herrschte in der Umgebung Stille, und er war allein. Als sich seine Muskeln allmählich erwärmten, steigerte er die Geschwindigkeit zu einem flotten Trab. Das musste er. Obwohl er noch einigermaßen anständig in Form war, hatte er sich nicht leicht damit getan, die Wampe in Schach zu halten, schon damals in den guten alten Tagen nicht, und nun, da er auf die vierzig zuging, wurde es umso schwerer.

Er schwenkte nach links, um einer Reihe Mülltonnen am Randstein auszuweichen, wechselte die Richtung, indem er sich mit dem rechten Bein stärker abstieß. Sein Knie protestierte mit einem unangenehmen Ziehen, das knapp an echten Schmerz grenzte. Jenes Knie hatte in letzter Zeit immer wieder mal auf sich aufmerksam gemacht.

Sollte ich wahrscheinlich bei Gelegenheit ansehen lassen. Eine schlaffe Mittellinie und knarrende Gelenke. Die Problemchen alternder Männer.

In seinen Ohrstöpseln fasste ein Nachrichtensprecher die Schlagzeilen des Morgens zusammen: schale Wiederholungen derjenigen vom Vortag mit geringer bis gar keiner Bedeutung für Spencers Leben. Die Stimme des Nachrichtensprechers verkam zu einem Hintergrundbrummen. Seine Gedanken wanderten.

Vierzig Jahre alt.

Hatte sich das Alter wirklich so schnell an ihn herangepirscht? Das war das Problem daran, wenn man Arzt werden wollte: Bis man sich durch die Ausbildung und Praxisschulung gekämpft und endlich einen richtigen Job gefunden hatte, war es beinahe schon Zeit für den Ruhestand. Insgesamt hatte seine eigene Ausbildung wie lange gedauert  … zwölf Jahre? Aber er liebte die Neurochirurgie. Schon als Kind wollte er Gehirnchirurg werden, sodass er die Opfer immer als irrelevant empfunden hatte. Er betrachtete sie nicht einmal als Opfer. Es waren vielmehr Entscheidungen gewesen, seine Entscheidungen, und er bereute sie nicht. An nachträgliche Zweifel glaubte er nicht. Spätere Analysen begangener Fehler oder Irrtümer betrachtete er als wertlos.

Und dennoch  …

In letzter Zeit hatte sich eine subtile Skepsis in seinen Kopf eingeschlichen, die an seiner Psyche nagte und ihn mahnte, über einige seiner irrationalen Lebensentscheidungen noch einmal nachzudenken. Über diejenigen, die er in Hinblick auf sein Liebesleben getroffen hatte. Diejenigen, die Rita betrafen.

Andererseits: Was an Liebe war nicht irrational?

Mittlerweile lag es fast ein Jahr zurück  – ein Jahr, seit sie ihm das Herz aus der Brust gerissen hatte, und das anscheinend aus keinem anderen Grund als dem, dass sie es konnte. Es hieß, die Zeit heile alle Wunden. Was für ein Schwachsinn. Die Zeit heilte gar nichts. Aber reichte ein Jahr überhaupt, um zumindest zu akzeptieren, wie die Dinge standen, wenn schon nicht, um irgendetwas zu heilen? Um sich damit abzufinden, dass Rita wirklich fertig mit ihm war und er nach vorn schauen sollte?

Rita.

Spencer konnte sich nicht dagegen wehren, dass er seine Freunde darum beneidete, wie nahtlos sie in ihre nächsten Lebensphasen übergingen. Manchmal, nach ein paar Bieren, sah er sich spätabends auf seinem Smartphone Bilder der jungen Familien seiner Freunde bei Facebook an. Darunter befanden sich immer erstmalige Ereignisse. Jede Menge davon. Ein erstes Lächeln. Erste Schritte. Der erste Tag beim Ballettunterricht. Der erste Tag beim Fußball. Der erste Schultag.

Spencer, alleinstehend, traurig und loyal, scrollte und versah jedes einzelne davon mit einem »Gefällt mir«.

Rita.

Aber halt mal. Immerhin hatte er seine Freiheit. Richtig? Er konnte tun, was immer er wollte und wann immer er es wollte. Er war ungebunden, hatte keine feste Freundin. Ihm stand alles offen. Er lebte den Traum. Richtig? Entsprach das nicht dem, was alle Männer angeblich wollten? Immerhin steuerten andere Kerle, die häuslich geworden waren, mit vierzig auf die Midlife-Crisis zu. Rebellierten gegen Konformität. Servierten Frau und Kinder ab. Fingen ein Techtelmechtel mit einem hübschen, gerade mal volljährigen jungen Ding an. Kauften sich ein echt cooles Auto. Trugen hautenge Jeans.

Spencer mochte Konformität. Er sehnte sich nach Normalität. Sonntags ging er zur Kirche. Jeden April bezahlte er seine Steuern. Zu Thanksgiving, zu Weihnachten und zu Ostern besuchte er seine Eltern in ihrer Kleinstadt im Bundesstaat Washington. Einmal im Jahr kaufte er Kekse von den Pfadfinderinnen, die sich vor dem Supermarkt aufreihten, anschließend kaufte er weitere von ihren Müttern, die das Gebäck bei der Arbeit verkauften. Diese Dinge machten ihn glücklich. Er gehörte nicht zu den Männern, die je eine Familie sitzen lassen würden. Vielmehr wäre er dankbar gewesen, überhaupt eine Familie zu haben. Was hätte er nicht dafür gegeben, selbst Bilder seiner lächelnden, laufenden, tanzenden, Fußball spielenden Kinder auf Facebook posten zu können?

Vermutlich könnte er sich ohne Weiteres auf eine attraktive junge Frau einlassen. Er war ein gut aussehender Kerl  – nicht, dass er sich etwas darauf einbildete, aber es bot gewisse Vorteile, die er nicht ignorieren wollte. Er wohnte und arbeitete in der Nähe des hiesigen Colleges, daher liefen reichlich sexy Studentinnen in seiner Nähe herum. Eine schlanke, kokette Barista aus der Starbucks-Filiale in seinem Viertel, die herrliche kaffeebraune Augen und glänzendes, schokobraunes Haar besaß, hatte ihre Absichten sogar ziemlich deutlich gemacht. Allerdings sah sie aus, als hätte sie ihre Teenagerjahre noch kaum hinter sich. Zu ihr gehörte ein Bursche in ihrem Alter.

Und das echt coole Auto? Tja, das wäre schlichtweg unverantwortlich. Wozu so viel Geld verschleudern? Spencer war rundum zufrieden mit seinem hübschen, praktischen, umweltverträglichen Toyota Prius, herzlichen Dank auch. Trendige Skinny Jeans kamen für ihn ebenfalls nicht infrage. Selbst wenn er geneigt gewesen wäre zu versuchen, sich in ein Paar hineinzuzwängen  – was er definitiv nicht war  –, so hatten seine Oberschenkel immer noch den ungefähren Umfang von Baumstämmen.

Das ist ja alles toll, Spencer. Schön für dich. Aber verrate mir doch ein kleines Geheimnis, Mr. Saubermann: Wenn du so ein langweiliger, aufrechter Bürger bist, wieso zum Teufel stalkst du dann deine Exfreundin? Diejenige, die dir unmissverständlich gesagt hat, dass sie nichts mehr mit dir zu tun haben will?

Spencer knirschte mit den Zähnen. Das ist kein Stalking, antwortete er sich selbst. Nicht wirklich.

Oder doch?

Mittlerweile schwitzte er, und seine Kopfhaut juckte unter der Strickmütze. Seine Brust und seine Beine brannten, aber es war ein angenehmes Brennen. Von der Küste her wehte eine leichte Brise, satt und feucht, und in ihr lag der Geruch des knapp einen Kilometer entfernten Pazifiks. Spencer sog die Luft tief ein, genoss sie und stieß sie mit der kontrollierten Atmung seines Laufs wieder aus.

Vor ihm bog ein Auto auf die Straße. Der Wagen beschleunigte von ihm weg und steuerte von einer Fahrbahnseite zur anderen hin und her, während das Fenster auf der Beifahrerseite Zeitungen ausspie. Der Fahrer zeichnete sich nur als dunkle Silhouette ab.

Spencer, der es vorzog, die Nachrichten auf seinem Smartphone zu lesen, konnte nicht verstehen, was so ansprechend an gedruckten Zeitungen war, die eigentlich längst der Vergangenheit angehören sollten. Es verblüffte ihn, wie viele seiner Nachbarn nach wie vor daran festhielten, sich täglich ein Exemplar zustellen zu lassen. Die letzte Lieferung, die kurz vor einer Kreuzung hinausgeworfen wurde, an der das Auto scharf nach links bog, bevor es davonraste, verfehlte die Einfahrt und landete im Rinnstein.

Bei dem Gebäude handelte es sich um einen gepflegten Bungalow in mediterranem Stil mit für Südkalifornien typischer Gartengestaltung und ansprechendem rotem Ziegeldach. Bei seinen morgendlichen Läufen kam Spencer immer daran vorbei. An Tagen, an denen er nicht joggte, änderte er seinen Fahrweg so, dass er diese Straße passierte, um daran vorbeizurollen, obwohl andere Strecken schneller wären.

Es handelte sich um Ritas Haus.

Er seufzte. Vielleicht war es doch Stalking. In gewisser Weise. Spencer runzelte die Stirn. Irgendetwas an Ritas Haus fühlte sich an diesem Morgen falsch an.

RITA

»Lisa«, krächzte Rita.

Sie schlang die Arme um ihren Körper und versuchte sich aufzusetzen. Dabei spürte sie etwas Kleines, Kaltes und Metallisches, das von einer Kette um ihren Hals baumelte und gegen ihre nackte Brust klatschte. Die Erkennungsmarken ihres Vaters. Also war sie doch nicht vollkommen nackt.

Rita schlingerte zur Seite und kippte beinah vom Tisch.

»Vorsicht.« Lisa packte sie am Arm und half ihr in eine sitzende Position. »He, Wendy.« Die blonde Pflegerin stand einige Schritte entfernt, hielt immer noch die gefalteten Decken und glotzte Rita an. »Wendy.«

»Was?«, fragte Wendy abwesend.

Ritas Zähne begannen zu klappern.

»Die Decken, Wendy.«

»Oh. Richtig. Die Decken.« Sie reichte Lisa beide und schien den finsteren Blick ihrer Kollegin dabei nicht zu bemerken.

Mit einem geübten Schnippen aus dem Handgelenk schüttelte Lisa nacheinander beide Decken auf, dann schlang sie eine um Ritas Schultern und Brust, die andere um ihre Mitte.

»Danke.« Rita wickelte sich in den Stoff, dankbar für die Wärme. Ihr Zittern ließ nach, hörte schließlich auf. Sie presste sich eine Hand gegen den schmerzenden Schädel, massierte sich mit den Fingern die Schläfen und versuchte, ihre Gedanken zusammenzukratzen, die sich wie im Wind wirbelndes Laub anfühlten.

»Was ist hier los?«, fragte sie.

»Ich  … Na ja, dieselbe Frage wollte ich gerade Ihnen stellen, Dr. Wu. Geht es Ihnen gut?«

Ich weiß es nicht. Tut es das?

»Ich  … Wo bin ich?«

Lisa und Wendy wechselten einen Blick.

»Raum zehn«, antwortete Lisa.

»Raum zehn. Raum  … zehn. Sie meinen  … im Operationssaal? Meinem Operationssaal? Bei Turner?«

»Ja.«

»Was mache ich hier?«

Wendy sah Lisa an, Lisa sah Rita an.

»Keine  … Ich meine, wir haben Sie gerade gefunden, Dr. Wu. Die Lichter waren ausgeschaltet. Vorhin, als wir zur Arbeit gekommen sind. Hat mir einen Heidenschreck eingejagt.« Lisa verstummte kurz. »Wie lange sind Sie schon hier?«

»Wie spät ist es?«

»Kurz nach sechs Uhr morgens.«

»Welcher  …« Rita leckte sich über die Lippen. Sie fühlten sich trocken an und kratzig wie Sandpapier. »Welcher  … äh, Tag?«

Wendy gab einen gurgelnden Laut von sich, der einem Japsen ähnelte. Lisa schürzte die Lippen. »Montag. Es ist Montag, Dr. Wu. Der 27. November. Wann sind Sie hergekommen? Haben Sie  … hier geschlafen?«

Fragmente von Ritas Erinnerung fügten sich zusammen, kleine Teile, die nach und nach ein Bild ergaben. Ich erinnere mich, dass ich gestern Abend hierhergekommen bin, am Sonntag, dem 26. Ich bin hergekommen, um nach dem Auto-Chirurgen zu sehen.

»Dr. Wu.« Lisa beugte sich näher. Rita konnte ihr Shampoo riechen oder ihre Haarspülung oder was immer es sein mochte, irgendein Blumenduft. »Alles in Ordnung?«

Rita schmeckte Galle am Ansatz ihrer Kehle und schluckte sie hinunter. »Es geht mir gut.«

Nein, tat es nicht. In Wirklichkeit ging es ihr alles andere als gut. Sie sah sich um und versuchte, ein besseres Gefühl für die Lage zu bekommen und zu verarbeiten, was genau vor sich ging. Allerdings fühlten sich ihre Gedanken verschwommen und substanzlos wie Zuckerwatte an. Sie fühlte sich  …

Verkatert, ja, ich fühle mich verkatert, nur ist das UNMÖGLICH, ich kann nicht verkatert sein, weil ich nicht trinke, weil ich seit über einem Jahr keinen Drink mehr angerührt habe.

…  als müsste sie sich jeden Moment übergeben.

Wie sollte sie das alles verarbeiten? So viele verschiedene Dinge gleichzeitig: Surrealität, Wahnsinn, Erniedrigung. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Ein Teil von ihr  – na schön, der Großteil von ihr  – wäre am liebsten schreiend aus dem Raum geflüchtet. Zwei Pflegerinnen hatten sie soeben besinnungslos auf ihrem eigenen Operationstisch gefunden, splitternackt, und sie konnte sich ums Verrecken nicht erinnern, wie sie hierher gelangt war.

Situationsbewusstsein. Sie brauchte Situationsbewusstsein. So hätte ihr Vater es bezeichnet.

Ihr Vater. Sie hob die Hand und berührte seine Erkennungsmarken, die um ihren Hals baumelten. Er war Pilot gewesen, hatte eine P-3  Orion für die US Navy über den gesamten Pazifik geflogen und Jagd auf russische und chinesische U-Boote gemacht. Ihr Vater hatte viel über Situationsbewusstsein gesprochen, vor allem mit seinen Pilotenfreunden im Garten der Familie, wo sie in der kühlen südkalifornischen Dämmerung Geschichten ausgetauscht und gegrillt hatten, manchmal noch in ihren einteiligen, olivgrünen Fliegeranzügen.

Im Geiste konnte sie immer noch den Rauch des Grills riechen, der durch ihren winzigen Garten trieb, angereichert mit den Aromen von Hamburgersaft und Hopfen vom Bier. Situationsbewusstsein. Rita hatte ihren Vater und seine Freunde so oft über den Begriff plaudern gehört, dass sie ihn letztlich eines Tages, als sie noch in der Unterstufe gewesen war, in einem der Fachbücher über Luftfahrt im Arbeitszimmer ihres Vaters nachgeschlagen hatte. Nicht allzu lang, bevor er gestorben war.

Situationsbewusstsein: die Fähigkeit, ein dynamisches, gefährliches Umfeld ruhig einzuschätzen und geeignete Reaktionen zu bestimmen, um eine Katastrophe abzuwenden.

Das hatte ihr gefallen. Damals hatte sie es nicht verstanden, nicht auf Anhieb, aber es hatte ihr so sehr gefallen, dass sie es auf einen kleinen Zettel schrieb, den sie mit sich herumtrug. Gelegentlich hatte sie ihn aus der Tasche hervorgezogen und durchgelesen. Mit der Zeit prägte sie sich die Worte ein und glaubte, sie allmählich zu verstehen, und sie wandte sie auf die verschiedensten Dinge an. Bei Crossläufen. Beim Autofahren. Wenn sie spätabends allein von ihrer Studentenunterkunft zur Universitätsbibliothek und wieder zurück ging. Und letzten Endes auch auf dem Gebiet der Chirurgie.

Die Fähigkeit, ein dynamisches, gefährliches Umfeld ruhig einzuschätzen und geeignete Reaktionen zu bestimmen, um eine Katastrophe abzuwenden.

Im Operationssaal betrachtete Rita das als die Kunst, zu verhindern, dass brenzlige Kacke zu dampfen begann. Sie wusste, dass sie gut darin war. Sehr gut sogar. Darauf war sie stolz, eine Fähigkeit, die ihr im Verlauf der Jahre schon durch so manch heikle Situation im OP geholfen hatte. Sie glaubte mit Herz und Seele daran.

Und dennoch hatte Situationsbewusstsein ihrem Vater nicht viel geholfen, als sein Flugzeug gegen jenen Berg gekracht war.

Was ist ihm durch den Kopf gegangen, als er einen Moment vor der Auslöschung mit ansehen musste, wie der Berghang die Windschutzscheibe im Cockpit ausfüllte? Ist ihm genug Zeit geblieben, um das Umfeld ruhig einzuschätzen?

Sie hoffte nicht. Ria zog es vor zu glauben, dass er keine Zeit gehabt hatte, es kommen zu sehen, denn dann wäre ihm auch keine Zeit geblieben, Angst zu empfinden oder sich um die Töchter zu sorgen, die er zurücklassen würde.

Und die Situation, in der sie sich gerade befand: Handelte es sich um ihren Gebirgshang, der die Windschutzscheibe ihres Cockpits ausfüllte? Sie zitterte wieder, allerdings nicht vor Kälte, und sie rieb über die Gänsehaut, die sich trotz der Decken an ihren Unteramen bildete.

Panik  – sie fühlte sich wie eine unheilvolle Kletterpflanze an, die sich in Ritas Bauch entfaltete und ihre feuchten, dicker werdenden Ranken in alle Richtungen entsandte. Rita wusste, wenn sie nichts unternahm, um die Panik aufzuhalten, würde sie ihr in wenigen Sekunden die Fähigkeit rauben, vernünftig zu denken und in ihr nur den Drang zurücklassen, schreiend aus dem Raum zu flüchten.

Sie atmete tief durch, schloss die Augen, hob erneut die Hand und legte sie um die Erkennungsmarken ihres Vaters.

Keine Panik. Nicht jetzt. Niemals.

Ihre Instinkte riefen ihr zu, brüllten ihr praktisch ins Gesicht, dass etwas Gewaltiges auf dem Spiel stand, teilten ihr mit: Machst du jetzt einen falschen Schritt, bist du erst so richtig im Arsch, bezaubernde Rita.

Schwächere Frauen  – oder Männer  – knickten ein. Verloren vollkommen die Kontrolle. Fingen vielleicht zu weinen an oder verfielen in einen katatonischen Zustand. Aber nicht sie. Rita war nicht schwach, war nie schwach gewesen.

Keine Schwäche.

Sie klammerte sich an dem Gedanken fest.

Keine Schwäche.

SPENCER

Spencer spähte mit zusammengekniffenen Augen ins Zwielicht.

Das Auto.

Es stand immer noch da. Dieser schäbige weiße Ford Fiesta, der direkt vor Ritas Haus parkte. Derselbe Wagen, der vergangene Woche zum ersten Mal aufgetaucht war.

Wessen Auto ist das?

Spencer hatte das letzte Jahr gleichsam über ihr Haus gewacht. Er kannte jedes Auto in ihrer Straße, hatte sich die An- und Abwesenheiten der Fahrzeuge eingeprägt und wusste, zu welchen Nachbarhäusern sie gehörten. Dieses Auto hatte er nie zuvor gesehen, bis es vor fünf Tagen zum ersten Mal aufgekreuzt war. Noch nie. Wem also gehörte es?

Wahrscheinlich war nichts weiter dran. Vielleicht der Wagen von jemandem, der einen Nachbarn besuchte. Und dennoch ließ etwas Undefinierbares an dem heruntergekommenen Wagen Spencer keine Ruhe. Warum? Vermutlich, weil in dieser gehobenen Gegend mit noblen ausländischen Autos ein schäbiger Fiesta  – genau genommen alles Schäbige  – hervorstach wie ein bunter Hund. Oder vielleicht auch, weil der Fiesta ausgerechnet vor ihrem Haus parkte, obwohl es reichlich freie Parkplätze vor den anderen Anwesen gab.

Spencer verlangsamte seine Schritte und hielt an, als er Ritas Haus erreichte, in dem keine Lichter brannten. Er hob die Zeitung vom Rinnstein auf und warf sie in die Einfahrt, in der normalerweise Ritas schnittiger BMW parkte. Im Augenblick jedoch präsentierte sich die Einfahrt leer.

Sie muss wohl schon im Krankenhaus sein.

Rita brach gern früh zur Arbeit auf  – selbst für die Begriffe einer Chirurgin, und Chirurgen begannen ihre Tage, während die meisten anderen Menschen noch im Bett lagen. Es war Montag, und Spencer wusste, dass Rita an Montagen operierte. Und wenn Rita operierte, traf sie spätestens um sechs Uhr im Krankenhaus ein  – eine Gewohnheit, die ihr dabei half, sich vor Eingriffen konzentriert und ruhig zu fühlen, wie er wusste.

Auch heute hatte Rita einen großen Eingriff vor sich, und zwar einen, über den alle redeten  – mit dem neuen, automatisierten Operationssystem. Sie hatte sich jahrelang die Finger daran wund geschuftet. Wahrscheinlich befand sie sich bereits bei der Arbeit, um sich in das zu stürzen, was einer der bedeutendsten Tage ihrer Laufbahn werden würde.

Im Gebüsch neben der Haustür raschelte es, und eine fette graue Katze schlüpfte durch die Zweige. Nein, keine Katze: ein Opossum. Ein großes Exemplar, das den langen, rattenähnlichen Schwanz hinter sich herzog, als es auf den Bürgersteig watschelte und über den Boden schnüffelte.

Spencer begegnete diesen Tieren immer wieder in der Gegend, vorwiegend nachts. Er war zwar nicht zimperlich, konnte sie wegen ihrer großen schwarzen Augen und ihrer gruseligen Schwänze aber trotzdem nicht leiden. Das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen: Kaum nahm ihn das Opossum wahr, zischte es ihn an, bleckte seine scharfen Zähne und trottete zurück ins Gebüsch.

Spencer betrachtete den Fiesta noch einige Augenblicke, bevor er weiterrannte. Er wollte nicht so wirken, als lungere er herum, ebenso wenig wollte er Aufmerksamkeit auf sich lenken, indem er sich in der Dunkelheit vor Ritas Haus herumdrückte. Die Nachbarn redeten. Außerdem hatte er vermutlich gerade bloß einen Anflug von Paranoia.

Hatte er?

Er drehte den Kopf für einen letzten Blick zurück, bevor er um die nächste Ecke bog. Vergiss es.

Es gelang ihm nicht. Der Fiesta hatte sich in seinen Gedanken festgebissen wie eine Zecke.

Knapp einen Kilometer später krümmte sich die Straße leicht nach rechts. Die Häuser auf der linken Seite wichen einer leeren Böschung, die steil abfiel, und die Küstenbrise wehte steifer. Er hatte das Meer erreicht.

Weiter vorn befand sich einer der örtlichen Surfplätze. Hier begrüßten Sand und Fels in wilden Begegnungen aus Gischt und tosendem Rauschen den Pazifik. Gewaltige Wellen brandeten heran, und der Sprecher der Lokalnachrichten in Spencers Ohren meldete einen vor der Küste tobenden Sturm, der später am Tag auf San Diego treffen sollte.

Offensichtlich hatten auch die Surfer von dem nahenden Unwetter und den Monsterwellen gehört, die seine Ankunft ankündigten. Eine ganze Schar von Enthusiasten tummelte sich auf der Meeresseite der Straße  – Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, von geschmeidigen Teenagern, die sich vor der Schule einen schnellen Ritt gönnten, bis hin zu ledrigen und schlanken Leuten mittleren Alters. Viele zwängten sich gerade in schwarze Neoprenanzüge und hievten Surfbretter von den Ladeflächen ihrer Pick-ups oder speziellen, auf den Dächern ihrer Autos montierten Halterungen. Andere trafen mit Skateboards und Fahrrädern ein, die Bretter unter die Arme geklemmt. Diejenigen, die nicht bereits hinaus in die donnergleiche Brandung paddelten, sammelten sich in erwartungsvollen Grüppchen an einem erhöhten Aussichtspunkt in einem kleinen Park am Strand, hielten Becher mit dampfendem Kaffee in den Händen und starrten mit großen Augen auf den aufgewühlten Ozean hinaus. Gelegentlich zeigte einer auf eine besonders deftige Welle, und die anderen johlten.

Spencer hatte den Reiz des Surfens nie verstanden, auch wenn sich viele Bewohner San Diegos mit geradezu religiösem Eifer in die Wellen stürzten. Ihm kam es wie ein Kult vor. Ein paarmal hatte er es selbst versucht. Schon möglich, dass es Spaß machte, aber der Hype war ihm ein Rätsel geblieben. Sehr wohl jedoch erkannte er, dass es sich heute um verflucht große Wellen handelte, und er wusste, dass in Kalifornien verflucht große Wellen oft verflucht heftigen Stürmen vorausgingen. Bestätigung: Der Nachrichtensprecher warnte gerade vor einer möglichen Springflut und Erdrutschen.

Wird ein guter Abend, um zu Hause zu bleiben.

Spencer ließ die Surfer hinter sich. Das Tosen der brechenden Wellen ebbte ab, als er seiner Route entlang der Küste nach Norden folgte, dann nach Osten zurück in Richtung seines bescheidenen Häuschens, das gute anderthalb Kilometer im Landesinneren lag. Mittlerweile zwackte sein rechtes Knie nicht nur, es tat weh  – bei jedem dritten oder vierten Schritt zuckten handfeste Schmerzen sein Bein hoch. Das war neu. Woher kam das?

Vierzig. Daher kommt es, du Idiot. Du wirst allmählich alt, Spencer.

Und was verursachte die Schmerzen? Vielleicht eine Schleimbeutelentzündung? Eine Innenbandzerrung? Ein Spannungsriss?

Ich muss das untersuchen lassen.

Er sah auf die Armbanduhr. Später hatte er eine Operation im Turner, und er wollte noch ein bisschen mit freien Gewichten trainieren und Liegestützen einschieben, bevor er duschte und sich für die Arbeit anzog. Er ignorierte die Schmerzen im Knie  – und das Bild des Ford Fiesta vor Ritas Haus in seinem Kopf  – und rannte schneller.

RITA

Ritas erste Reanimation  – nicht die erste, die sie selbst durchgeführt hatte, sondern die erste, bei der sie Zeugin gewesen war  – hatte sich tief in ihr Gehirn eingebrannt, ein unauslöschliches Erlebnis. Damals war ihr zum ersten Mal klargeworden, dass sie Chirurgin werden wollte.

Nun klammerte sie sich so verbissen an jene Erinnerung, dass sie dabei unwillkürlich an einen Film denken musste, den sie einmal gesehen hatte, und in dem es um Fischer ging  – einer davon George Clooney  –, die in einem Monstersturm auf hoher See festsaßen. Als wäre sie einer jener über Bord gespülten Männer, zappelte sie in den haushohen Wellen, und die Erinnerung glich einem vom Schiff geworfenen Rettungsring, dem einzigen kleinen Ding im Universum, mit dem sich verhindern ließ, dass sich ihre Lunge mit eisigem Wasser füllte und sie auf den Grund des Nordatlantiks sank.

Als die Erinnerung allmählich Form annahm, verdrängte sie die Panik und erfüllte Ritas Geist mit den Eindrücken und Geräuschen jenes einzigartigen Geschehnisses in ihrem Leben. Sie war damals Medizinstudentin im dritten Jahr gewesen, frisch aus dem Hörsaal und zu Tode verängstigt angesichts der Aussicht, richtige, waschechte Patienten zu behandeln. Sie steckte inmitten einer Vierundzwanzig-Stunden-Schicht, übernachtete zum ersten Mal in einem Krankenhaus, und es war spätnachts gewesen. Oder vielleicht früh am Morgen: Wer konnte das noch so genau sagen, nachdem man über sechzehn Stunden lang von einer verwirrenden Aufgabe zur nächsten gehetzt war, von einem abgelegenen Winkel des Krankenhauses zum anderen, ohne auch nur Zeit für eine Pinkelpause gehabt zu haben? Ohne Übertreibung. Sie hatte tatsächlich Mühe gehabt, sechzig Sekunden für eine biologische Routinefunktion abzuzweigen, die sie immer für selbstverständlich gehalten hatte.

Wer hat schon keine Zeit zum Pinkeln?

Sie war von einer brillanten, aber furchterregenden Kardiologie-Professorin angebrüllt worden, die der Meinung war, Rita sei zu verdammt zaghaft, und sie hatte Rita gefragt, ob das ein Asiatinnen-Ding oder so sei. Beim Versuch, einem halb bewusstlosen Säufer einen Blasenkatheter zu legen, wurde sie angepinkelt. Ein neunzigjähriger, bettlägeriger Troll, der Demenz vortäuschte  – davon war sie überzeugt  –, begrapschte sie. Und von einer Praktikantin, die mit einer Kanüle so dick wie ein Besenstiel herumfuchtelte, wäre sie um ein Haar gepfählt worden.

Und dann, als sie sich letztlich ein paar Minuten erschlich, um sich aufs Ohr zu legen, verirrte sie sich auf der Suche nach dem Schlafraum für Studenten. Gott, war sie müde gewesen. Damals fing sie an zu verstehen, warum Schlafentzug als Foltermethode eingesetzt wurde. Ihr war durch den Kopf gegangen, dass sogar Waterboarding harmloser sein musste als das. Sie war ausgelaugt gewesen, emotional ausgewrungen, so sehr, dass sie sich sogar gefragt hatte, ob ihre Karriereentscheidung richtig gewesen war  …

Und so irrte sie mitten in einer schier endlosen Nacht  – oder auch bereits in den frühen Morgenstunden  – auf der Suche nach einem Bett wie ein Zombie auf der Jagd nach Menschenfleisch durch das Krankenhaus, als sie es plötzlich hörte.

Geschrei.

Aus einem Korridor, den zu beiden Seiten Patientenzimmer säumten. Laut und verzweifelt, wobei eine Stimme die anderen übertönte, gellend und schrill vor Schmerzen.

Unwillkürlich blieb sie stehen und blickte den Gang hinunter. Ihre Muskeln und Gelenke, jeder Teil ihrer Selbst ächzte vor Erschöpfung. Aber sie war neugierig. Was konnte so ein Gebrüll auslösen? Die Neugier obsiegte. Rita bog ab und folgte dem Lärm zu einem Patientenzimmer weiter unten im Flur. Sie spähte hinein, und die Erschöpfung verpuffte.

Der Raum war brechend voll mit einem Dutzend Grünschnäbeln  – junge Assistenzärzte und Praktikanten. Neue Pflegerinnen, die noch kaum die Ausbildung abgeschlossen hatten. Medizinstudenten wie Rita. Kein erfahrener Arzt in Sicht  – kaum überraschend, denn wer bei klarem Verstand, der es bereits zu einem gewissen Rang gebracht hatte, arbeitete um diese Zeit?

Alle scharten sich dicht gedrängt um ein Patientenbett. Durch das Dickicht der Körper erhaschte Rita flüchtige Blicke auf einen kleinen, braunen Mann mit schneeweißem Haar. Um die fünfzig? Schwer zu sagen. Er wirkte wie ein jüngerer Mann, der wesentlich älter aussah.

Seine Augen.

An sie erinnerte sich Rita am deutlichsten. Ihr Weiß hatte sich zu einem schmutzigen Gelb verfärbt  …

Gelbsucht, schoss es ihr durch den Kopf, das ist Gelbsucht, ein Symptom von Leberinsuffizienz.

…  und sie waren vor Entsetzten weit aufgerissen. Die gellenden Schreie jenes Mannes waren es gewesen, die Rita den Gang hinunter gehört hatte.

Er lag im Bett, wand sich hin und her und brüllte in einer Fremdsprache, während mehrere behandschuhte Händepaare versuchten ihn festzuhalten. Sein dünnes Krankenhaushemd rutschte ihm von den Schultern, und zum Vorschein kamen ein auf die Größe eines Basketballs angeschwollener Bauch und eine saubere, vertikale Linie aus Metallklammern, die sich wie ein Reißverschluss von seinem Brustbein zum Nabel erstreckte und einen unlängst erfolgten chirurgischen Eingriff kennzeichnete.

Der Mann unterbrach sein Geheul gerade lang genug, um hellrotes Blut zu erbrechen, das auf seine Brust spritzte. Das Muster, das es bildete, erinnerte Rita an die Fingermalereien, die in der Eingangshalle der Kinderklinik nebenan ausgestellt waren.

Abgestoßen wandte sie den Blick ab, bevor sie sich doch in das Zimmer hinein drängte, neugierig wie ein Autofahrer, der bremst, um einen Blick auf einen Verkehrsunfall zu erhaschen. Durchdringende Gerüche stachen ihr in die Nase: Schweiß, Urin, Fäkalien, Ammoniak. Ein junger Doktor, den sie für den Assistenzarzt für innere Medizin hielt, stand am Kopfende des Bettes und erteilte den Praktikanten und Pflegerinnen mit schriller Stimme Anweisungen. Er wirkte verängstigter als der Patient. An seinem Kinn prangte der Bartflaum eines Teenagers, auf seinen Wangen spross Akne, als hätte sich ein Kindergartenkind mit rotem Wachsmalstift darauf ausgetobt.

Die Praktikanten und Pflegerinnen gaben ihr Bestes, um Dr. Aknes Anweisungen zu befolgen. Von den meisten Dingen, die um sie herum geschahen, hatte Rita keine Ahnung, doch nichts davon sah gut aus: Nadeln wurden in Venen gestochen, Drähte wurden an Elektroden angeschlossen, Infusionsbeutel mit Lösungen wurden aufgehängt. Die Medizinstudenten standen da und glotzten hin. Rita spürte, dass es Dr. Akne und die Praktikanten zwar gut meinten, dass aber auch sie keine Ahnung hatten. Es war die zweite Juliwoche, unmittelbar nach den Abschlussprüfungen der medizinischen Fakultät, und sie wusste, dass die Situation für die meisten hier genauso neu war wie für sie.

Plötzlich stieß der Patient einen langen, kläglichen, heulenden Laut aus und brach bewusstlos nach vorn zusammen. Ein dünnes Rinnsal von Blut troff von einem Mundwinkel.

Dr. Akne erstarrte mit offenem Mund und glotzte auf seinen regungslosen Fall hinab. Alles stand still, alle hielten den Atem an, als ihnen die aktuelle Lage klarwurde: komatöser Patient und fassungsloser Chef. In Erwartung weiterer Anweisungen hefteten sich alle Blicke auf Dr. Akne. Es kamen keine.

Und dann brach im Zimmer blankes Chaos aus, als alle taten, was sie für hilfreich hielten, und ihre Ideen mit Geschrei und fuchtelnden Armen umzusetzen versuchten.

Rita wurde von der Masse der Leiber zur Seite gedrängt und gegen die Wand gepresst. Sie erinnerte sich daran, dass sie gedacht hatte, die Anwesenden glichen einem Schwarm Ameisen, der ziellos ein garstiges Kind verfolgte, das seinen Hügel zertreten hatte  – nur hektische Bewegung ohne Sinn dahinter.

Bis ein anderer Arzt ins Zimmer stürmte und alles veränderte. Unter anderem Ritas Leben.

Als Erstes fiel ihr an dem Mann auf, dass er nicht groß war  – vielleicht eins achtundsechzig und somit kleiner als Rita. Durch das Gedränge der Leute konnte sie kaum seinen Kopf erkennen. In ihrem Gedächtnis glich er dennoch einem Giganten, einem hoch aufragenden griechischen Halbgott mit braunem Haar, das ihm dicht und gewellt auf die Schultern fiel. Er strahlte eine unantastbare Selbstsicherheit aus. Ab dem Moment, in dem er das Zimmer betreten hatte, gehörte der Raum ihm.

Er kündigte sich als für den Patienten zuständiger Facharzt für Chirurgie an, teilte die Menge wie Moses das Rote Meer und bahnte sich durch das Getümmel den Weg zum Bett des Patienten. Mit einer fließenden Bewegung und einem Bodycheck rempelte er Dr. Akne beiseite, der mit erleichterter Miene zwischen die Umstehenden wankte.

Der Chirurg verschränkte die Arme vor der Brust, sah sich mit nüchternem Blick um und hatte innerhalb von Sekunden die ungeteilte Aufmerksamkeit jeder Person im Raum, in dem auf einmal Totenstille herrschte, abgesehen von den unregelmäßigen, rasselnden Atemgeräuschen des besinnungslosen Patienten. Nachdem er sich die Aufmerksamkeit aller gesichert hatte, begann er, Anordnungen zu erteilen  – mit ruhigem Tonfall in einem britischen Akzent, durch den er für Ritas schlichte amerikanische Ohren unheimlich kultiviert klang. Und unheimlich cool.

Im Raum brach wieder reges Treiben aus, nun jedoch planvoll und flüssig. Rita beobachtete, wie der Chirurg Ordnung aus Chaos formte. Die Jungärzte und Pflegerinnen agierten wie synchronisierte Verlängerungen seines Willens. Unter seinem Befehl wirkten sie, als gingen sie ihren Tätigkeiten schon seit Jahren nach  – ein erfahrenes Orchester von Weltruf, das auf einen berühmten Dirigenten reagierte.

Rita liebte jeden Moment davon  – wie gebannt starrte sie den Mann an und studierte eingehend jedes Wort, jede Geste, jede Bewegung seines Körpers. Dabei wurde ihr nach und nach klar, dass sie eines Tages so wie jener Chirurg diejenige sein wollte, die das Sagen hatte. Sie wollte wie er sein  – die Person, zu der alle aufschauten. Unerschütterlich. Unbeirrbar.

Darum, wurde ihr klar, ging es, wenn man Arzt war. Sie konnte all den anderen Mist  – engstirnige Professorinnen, notgeile alte Säcke und Erschöpfung  – ertragen, wenn es bedeutete, dass sie eines Tages das tun würde, was dieser Chirurg gerade tat.

Leider verschlechterte sich der Zustand des Patienten ungeachtet des neuen Elans seiner Behandlung weiter, und nach wenigen Minuten hörte er zu atmen auf. Mit geschickten Handgriffen führte ihm der Chirurg einen Atemschlauch in den Hals ein. Kurz danach setzte der Herzschlag des Patienten aus.

Unter dem Druck der Herzdruckmassage platzten die Nähte des Schnitts am Bauch, die Klammern sprangen mit einer Reihe von knackenden Lauten heraus, der Schnitt teilte sich, und die Eingeweide ergossen sich auf den Unterleib des Patienten. Glänzend und glatt, eingeweicht in eine rosa Flüssigkeit  – Peritonealflüssigkeit, ging es Rita mit einem Anflug von Übelkeit durch den Kopf. Unregelmäßige, peristaltische Zuckungen durchliefen die Gedärme, wodurch sie wie riesige Albinowürmer wirkten. Der Chirurg blaffte einen Befehl, und jemand bedeckte die Innereien mit einem großen, sterilen, mit Salzlösung befeuchteten Verband.

Es reichte. Sie war zäh. An jenem Punkt ihrer Karriere waren menschliche Eingeweide jedoch schlichtweg zu viel für sie. Hastig schlug sie sich eine Hand auf den Mund und wankte zur Tür hinaus. Draußen im Gang lehnte sie sich an die Wand, beugte sich vornüber, stützte die Hände auf die Knie und atmete schwer, bis sich die Übelkeit legte. Als sie sich aufrichtete und umsah, stellte sie fest, dass sie allein war. Alle anderen befanden sich noch im Zimmer, wo die Wiederbelebungsversuche im Gange waren.

Deshalb war sie die Einzige, die sah, wie der Chirurg herauskam. Er schritt zu einem nahen Waschbecken, blickte über die Schulter und übergab sich dann seelenruhig hinein. Mehrfach. In mächtigen, kraftvollen Schwallen.

Fasziniert beobachtete Rita das Geschehen. Es war eine beeindruckende Menge Erbrochenes. Aber noch beeindruckender fand sie, dass es dem Chirurgen gelang, vollkommen ruhig dabei zu bleiben. Sie hätte nicht für möglich gehalten, dass jemand seinen Magen so heftig und gleichzeitig so leise entleeren konnte.

Als er nach einer Weile fertig war, wusch er sich die Hände, spritzte sich Wasser ins Gesicht, trank aus dem Hahn und drehte sich schließlich um. Sein Blick begegnete dem von Rita. Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund und grinste. Er besaß perfekte Zähne, zwei Reihen aus strahlend weißem Schmelz. Der Mann wirkte nicht im Geringsten verlegen. Oder aufgewühlt. Er erkundigte sich nach ihrem Namen und in welchem Jahr des Studiums sie sei.

Beschämt fragte sich Rita, woher er wusste, dass sie Medizinstudentin war. Sah man es ihr so offensichtlich an? Kam sie so ahnungslos rüber? So dumm? Verlegen fuhr sie mit den Händen ihre Seiten hinab.

Ach ja, richtig, dachte sie. Der kurze weiße Kittel. Nur Medizinstudenten trugen kurze weiße Kittel. Sie teilte ihm ihren Namen mit.

»Rita. Bezaubernd. Genau wie in dem Song der Beatles.«

Sie spürte, wie ihr Hitze in die Wangen schoss. Genau das hatte ihr Vater immer gesagt. Lovely Rita, meter maid  – die bezaubernde Politesse Rita. Der intensive bläulich-grüne Farbton seiner Augen erinnerte an Bilder vom Mittelmeer, und es war dem Chirurgen irgendwie gelungen, kein Erbrochenes ins Haar zu bekommen, das frisiert war, allerdings nicht zu sehr frisiert. Wie ein Rockstar. Ein echt cooler Rockstar.

»Nun, Rita, Sie und ich verpassen hier draußen nichts«, meinte er. »Denn der arme Mann kommt mit Sicherheit nicht durch. Trotzdem habe ich ihnen aufgetragen, noch eine Weile weiterzumachen. Es zu versuchen. Ist eine gute Übung.« Er deutete zu dem Spülbecken, in das er sich gerade übergeben hatte. »Ein leichter Fall von Grippe«, erklärte er. »Ich weiß, ich weiß.« Mit einer abwinkenden Geste schwenkte er eine Hand durch die Luft. »Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein. Ich sollte zu Hause im Bett liegen. Oder zumindest eine verflixte Maske tragen. Nur würde das auf die Fußsoldaten nicht gerade vertrauenserweckend wirken, oder?« Mit dem Kinn, in dem ein perfektes Grübchen prangte, deutete er in Richtung des Patientenzimmers. »Es geht einfach nicht, dass der Arzt die ganze verfluchte Meute anführt und dabei aussieht, als gehöre er in der Tuberkulosestation isoliert.« Er zog ein Papierhandtuch aus dem Kasten über dem Spülbecken und wischte sich ein weiteres Mal den Mund ab. »Wissen Sie, Rita, wenn wir Chirurgen krank werden, legen wir uns nicht ins Bett und winseln wie kleine Kinder. Wir erledigen unsere Arbeit trotzdem.« Er grinste, eine Geste mit immenser Strahlungskraft, die Ritas Wangen schillernd zum Lodern brachte. »Wissen Sie, was ich jetzt mache?«

Rita schüttelte den Kopf.

»Ich werde mir aus dem Vorratsraum eine Kanüle stibitzen  – eine große, vierzehn oder sechzehn G  – und sie mir in den Arm stechen.« Er zeigte auf die Beuge seines Ellbogens.

Dort befindet sich die Ellenbeugenvene, erinnerte sich Rita. Wir benutzen sie, um Infusionen zu verabreichen.

»Dann flöße ich mir einen Liter RLL ein.« RLL. Ringer-Laktat-Lösung. Eine Rehydratationslösung. »Vielleicht auch zwei«, fuhr der Chirurg fort. »Der sicherste Weg, um Flüssigkeiten zu ersetzen und Dehydrierung zu verhindern. Finden Sie nicht auch?«

Darauf wusste Rita keine Antwort.

Er steckte die Hände in die Taschen und lehnte sich an die Wand. »Interessieren Sie sich für Chirurgie, Rita?«

Sie antwortete, dass sie sich in der Tat dafür interessiere, obwohl sie noch keinen Kurs in Chirurgie belegt und eigentlich auch noch nie mit dem Gedanken gespielt hatte. Aber einer ihrer Mitstudenten hatte ihr einmal in leisem, verschwörerischem Ton geraten, immer zu bejahen, wenn ein Assistenzarzt oder Oberarzt fragte, ob man sich für sein jeweiliges Fachgebiet interessiere. Das half bei den Zensuren.

Er nickte. »Denken Sie, dass Sie das Zeug dazu haben? Chirurgin zu werden?«

Rita legte sich bei Wettkämpfen immer mächtig  – manch einer, der sie kannte, würde sogar sagen verbissen  – ins Zeug, und am College war sie Crossläuferin der Landesliste für ein Team der Division I gewesen. Damals war es keine große Sache gewesen, sich nach einem wichtigen Rennen zu übergeben. Sie vermutete, dass hier derselbe Grundsatz galt. Also bejahte sie.

Er musterte sie eine Weile, dann nickte er. »Hervorragend. Dann verrate ich Ihnen jetzt ein Geheimnis. Wissen Sie, was der Trick dabei ist? Ein Chirurg zu sein? Ein wahrhaft guter Chirurg?«

Sie antwortete, dass sie es nicht wüsste.

»Niemals schwach wirken. Das ist alles.« Er deutete auf die Tür zum Patientenzimmer, aus dem nach und nach Dr. Akne und einige andere hervorkamen. »Wenn sie Schwäche wittern, fällt alles auseinander.«

Dr. Akne entdeckte den Chirurgen und steuerte auf ihn zu. Der lächelte sie noch einmal strahlend an.

»Wirken Sie niemals schwach, Rita.«

Sie konnte nicht anders: Unwillkürlich kicherte sie und erwiderte das Lächeln wie ein idiotisches Teenie-Girl. Die Feministin in ihr musste es entgeistert zur Kenntnis nehmen. Sie kicherte sonst nie. Schon gar nicht für einen Vertreter des männlichen Geschlechts.

»Nun denn. Eine gute Nacht noch, Rita.«

Sie beobachtete, wie der Chirurg dem überforderten Dr. Akne letzte Anweisungen erteilte  – irgendetwas über die Bekanntgabe des Todeszeitpunkts und den Totenschein  –, bevor er davonschlenderte.

Rita hatte nie seinen Namen erfahren und ihn nie wiedergesehen. Als sie sich ein paar Monate später zu ihrem ersten Kurs in Chirurgie angemeldet hatte, war er nicht mehr da gewesen. Aber als er damals um eine Ecke des Korridors verschwand, hatte sie bereits beschlossen, Chirurgin zu werden. Sie wollte es mehr als alles andere, was sie je gewollt hatte. Und seither hatte sie nie zurückgeschaut.

Niemals schwach wirken.

Mit jedem verstreichenden Jahr und jeder prekären Lage, in die Rita geriet, wuchs ihre Wertschätzung dieser essenziellen Wahrheit. Niemals schwach wirken, das bedeutete, unter allen Umständen die Fassung zu bewahren, ganz gleich, welche verrückte, gefährliche Situation einen überrumpelte, weil sich alle  – andere Ärzte, Krankenpflegerinnen, Patienten  – darauf verließen, dass man ruhig blieb.

Niemals schwach wirken.

Das konnte man nicht lehren und nicht lernen. Entweder konnte man es, oder man konnte es nicht. Und Rita konnte es definitiv. Was sie zurück zu ihrer gegenwärtigen Notlage führte. Die Lösung dafür lief auf jene drei Worte hinaus, die sie mitten in jener Nacht erfahren hatte, nachdem sie dem Assistenzarzt für Chirurgie dabei zugesehen hatte, wie er sich nach dem Versuch, einen Patienten von der Schwelle des Todes zurückzuholen, die Seele aus dem Leib kotzte.

Niemals schwach wirken.

Ja. So einfach war das. Rita war Chirurgin. Sie musste überwinden, was immer vor sich ging, das Kommando an sich reißen und in die Offensive gehen. Sie war nicht so weit gekommen und so erfolgreich geworden, weil sie schwach war oder, Gott bewahre, gegenüber den Menschen in ihrem Umfeld Schwäche zeigte. Niemals. Ihre Instinkte setzten Verwundbarkeit mit Versagen gleich.

Niemals schwach wirken.

Sie musste sich eine Erklärung für ihre heikle Lage einfallen lassen. Etwas, das einigermaßen glaubwürdig klang. Orientierungslos, krank und nackt hin oder her. Sofort.

FINNEY

Wäre Finney ein geringerer Mann gewesen, hätte er sich vielleicht die Befriedigung eines Lächelns gestattet. Eines verhaltenen Lächelns, um den Moment auszukosten und die Vorfreude auf die Umsetzung von Plänen zu genießen, die ein Jahr der Vorbereitung bedurft hatten, und auf den Lohn, der ihn erwartete, wenn er endlich sein Ziel erreichte. Aber er war kein geringerer Mann.

Gesten der Selbstbeweihräucherung waren unter seiner Würde. Seine schmalen Lippen bewahrten die geometrische Reinheit einer geraden Linie, als er in das am Kragen seines Hemds befestigte winzige Mikrofon sprach.

»Sebastian.«

Die Antwort in seinem Ohrstöpsel kam sofort. »Hier, Boss.«

»Ich muss Sie vorübergehend wegschalten.«

Ein Herzschlag verstrich. »Warum?«

Finney mochte Sebastian, soweit er in der Lage war, einen Mann wie ihn zu mögen. Sebastian war gut. Sebastian war ihm von diskreten Personen mit höchsten Empfehlungen ans Herz gelegt worden und hatte es noch nie versäumt, ihn zu beeindrucken. Allerdings konnte Sebastian manchmal auch eine rechte Nervensäge sein. Er neigte nämlich dazu, die ärgerlichsten Fragen zu stellen und seinen Platz zu vergessen. So wie jetzt. Warum sollte es Sebastian interessieren, aus welchem Grund ihn Finney aus der Übertragung aussperrte?

»Weil ich es will, Sebastian.« Ich will mit ihr allein sein.

»Sind Sie sicher, Boss?«

»Ja.«

»Wie lange?«

»Nicht lange. Nur, bis sie für die Einbettung vorbereitet ist.«

Eine Pause. »Ich halte das für keine gute Idee, Mr. Finney. Wir sollten nicht vom Plan abweichen.«

»Wir haben uns darauf geeinigt, dass ich sie auf die Einbettung vorbereite. Dafür müssen wir nicht beide dabei sein.«

»Technisch gesehen ist das richtig. Aber Redundanz ist immer gut, Boss. Was, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert? Ich finde, wir sollten uns an den ursprünglichen Plan halten.«

»Zur Kenntnis genommen, Sebastian.«

Finney hielt ein Tablet in den Händen. Er berührte ein Symbol auf dem Bildschirm. Ich will Zeit mit ihr allein, Sebastian. Vorläufig würde traute Zweisamkeit zwischen ihm und der guten Dr. Wu herrschen. Das würde er genießen. Dennoch lächelte er immer noch nicht.

SEBASTIAN

»Boss? Boss?« Keine Antwort.

Arschloch. Finney hatte seine Audioübertragung abgeschaltet. Arschloch!

Was trieb er für ein Spiel? Warum wollte er nicht, dass Sebastian erfuhr, was er zu der Chirurgin sagte?

Da er sich bereits in Position befand, wartete Sebastian, wo er war. Er hatte keine andere Wahl.

RITA

Rita schlug die Augen auf und ließ die Erkennungsmarken ihres Vaters los. Das Pochen in ihrem Schädel dauerte nach wie vor an, die Panik hingegen war verschwunden. Sie richtete sich auf und straffte die Züge auf eine Weise, die autoritär wirkte, wie sie glaubte  – und hoffte  –, als führe sie gerade eine komplexe Operation durch, statt sich wie ein vom Roten Kreuz betreutes Opfer einer Katastrophe in Decken zu hüllen.

»Es geht mir gut. Bin nur ein wenig müde. Ich muss eingedöst sein.«

»Eingedöst?« Lisa klang verwirrt. »Aber  … was haben Sie hier gemacht?«

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