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Unter Räubern

ÜBER DEN AUTOR

Andreas Venzke wurde 1961 in Berlin geboren und lebt heute in Freiburg im Breisgau. Seit seinem Studienabschluss arbeitet er als freiberuflicher Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. Er übersetzt Bücher, schreibt für Zeitschriften und Rundfunk und verfasst Geschichten für Literaturmagazine. Besonders gern schreibt er für junge Leser und hat sich mit seinen Biografien über Personen der Zeitgeschichte wie zum Beispiel Alexander von Humboldt, Friedrich Schiller oder Johann Wolfgang von Goethe einen Namen gemacht. Seine Kinder- und Jugendbücher wurden mehrfach ausgezeichnet. »Unter Räubern« ist sein erster Jugendroman.

www.andreas-venzke.de

DIE FLUCHT

er Holzmeier war ein Arschloch! Sebastian tat alles weh. So lange hatten sie noch nie exerziert: Vorwärts! Und links! Und geradeaus, zwei drei! Rechts schwenk, drei vier! Und halt! Sie waren eingespannt wie Kutschpferde und mussten sinnlos Runden drehen. Und Oberst Holzmeier machte es jeden Tag noch schlimmer. Immer stärker zog er als Aufseher an der Stuttgarter Carlsschule die Zügel an, der »Hohen Carlsschule«, wie sie seit einigen Jahren hieß.

Sebastian kam es so vor, als könnte er gar nicht mehr den Kopf drehen. Bei jeder Bewegung, ob nur leicht hierhin oder dorthin, tat’s irgendwo weh. Der Holzmeier konnte ihn nicht leiden, so viel war klar. Oder der konnte es einfach nicht leiden, dass Sebastian versuchte, selbst zu denken, wie Lehrer Abel das wollte – oder dass er gern las und Bücher mochte, so was Weibisches! Vielleicht war das wie eine Bedrohung für Holzmeier.

Sebastian war trotzdem nicht müde. Es war zwar schon halb zehn und also eine halbe Stunde nach Schlafenszeit, aber es würde noch eine Stunde hell sein, noch eine lange Stunde. Da konnten die Aufseher in dem langen Schlafsaal mit seinen fünfzig Betten alle Vorhänge zuziehen – es fiel doch noch genügend Licht in die einzelnen Abteile. Wann hatte man schon so viel Zeit für sich, außer im Schlaf? Es gab Freiheit, wenigstens im Kopf, dachte Sebastian, und auf dem Papier – wenn man schreiben konnte –, wenn man was zu schreiben hatte –, wenn man was zu sagen hatte!

Und wenn man aufpasste und geschickt war, konnte man sich auch bei anderen Gelegenheiten seine kleinen Freiheiten verschaffen: Johann war hergeschlichen und saß nun bei ihm auf dem Bett. Sebastian hatte das niedrige Gitter zu seinem Abteil geschlossen. So hatten sie immerhin das Gefühl, für sich zu sein. Auch in anderen Betten wurde noch geflüstert. Wenigstens das ließen die wachhabenden Offiziere zu, auch wenn sie von ihren Schlafplätzen am Ende des langen Saals immer mal wieder riefen: »Silentium! Schlafen! Ruhe jetzt!«

Sebastian lächelte Johann an und griff vorsichtig in seine Matratze, wo das Laub inzwischen zu Staub zerbröselte. Erst im Herbst würden sie die Matratze neu füllen. Er fingerte darin herum wie ein Wiesel, das in ein Mäuseloch kroch. Endlich bekam er das Papier zu fassen. Das würde er nie in der Kommode verstecken, die jeder in seinem Schafabteil hatte. Die wurde immer mal wieder durchsucht, auch heimlich, das wusste jeder. Sebastian zog das Papier hervor und hielt es sich vor die Augen wie eine Schatzkarte. Es war ein Schattenriss seiner Mutter. Viel mehr hatte er nicht von ihr.

»Sebastian, hör mal auf damit!«, sagte Johann. »Sie kann dir auch nicht helfen!«

»Ob sie an mich denkt?«

»Klar! Ich geh jetzt noch was trinken.«

»Wenn sie wüsste, was der Holzmeier, dieses Arschloch, und der Herzog … was das für welche sind!«

»Das weiß sie. Aber sie will nur dein Bestes! Und jetzt muss ich mal …«

»Wenn ich plötzlich bei ihr vor der Tür stände!«, flüsterte Sebastian. »Sie würde Augen machen!«

»Sie würde sich vielleicht eher vor Angst in die Hosen machen – vor Angst um dich! Sie würden dich nämlich als Erstes bei ihr suchen – und dann gehst du direkt in den Karzer!«

»Trotzdem abhauen!«, flüsterte Sebastian mit der Hand vor dem Mund. »Das hätte schon einen Sinn, so wie der Schiller.«

»Ach, hör auf zu träumen!«, sagte Johann ziemlich laut, als plötzlich ein Geräusch vor dem Gitter zu hören war. Sofort steckte Sebastian den Schattenriss in die Matratze.

Beide hielten den Atem an und lauschten. Es war im Saal ziemlich still geworden. Sie konnten nie sicher sein, ob nicht ein Aufseher gerade umherschlich und nach dem Rechten sah. Sie hatten zwar keine Angst vor ihnen und ertrugen alle Backpfeifen wie eingeschirrte Esel, aber Johann war nicht in seinem Abteil. Das war ein besonders schlimmes Vergehen.

Sie sahen sich lange an, ehe Johann ausatmete und sagte: »Ist nichts! Sind wir jetzt wirklich mal leise und gehen schlafen! Ich muss aber vorher unbedingt noch …«

Als Sebastian wieder nach dem Scherenschnitt fingerte, verdrehte Johann die Augen und stand leise auf. Wer nachts noch mal rausmusste, um zu pinkeln oder auch nur um was zu trinken, wollte keinen unnötig stören, vor allem keinen Aufseher. Es konnte sein, dass die einen nicht gehen ließen, gerade wie es ihnen gefiel – oder dass man sich deswegen erst rechtfertigen musste.

Sebastian sah müde zu, wie Johann die paar Schritte zum Gitter machte, es aufzog und mit Schwung den Vorhang zur Seite schlug. Da stand Carl Eugen vor ihm, der Herzog höchstselbst.

»Was machen Sie denn …?«, fragte Johann und schwieg sofort.

Carl Eugen stand im Nachthemd vor ihm. Darüber hatte er seinen Uniformrock gezogen. Johann lachte los. Sebastian grinste und grinste immer mehr: Der Herzog sah aus wie ein vertrottelter Alter, der in der Nacht herumirrte und nicht mehr nach Hause fand.

»Was erlaubt Er sich?«, schrie Carl Eugen, als er die Fassung wiedergefunden hatte.

Sofort erschien einer der Aufseher, ausgerechnet Oberst Holzmeier, und haute Johann links und rechts eine runter. Sogar Sebastian spürte, wie weh das tat. Im Saal wurde es unruhig. Johann ballte die Fäuste und presste sie sich an den Körper.

»Welch ein Benehmen!«, schrie der Herzog, und Johann sagte leise: »Ich muss trinken. Ich verdurste.«

»Verdursten!«, schrie der Herzog weiter. »Welchen Vokabulars bemächtigt Er sich im Angesicht Seines Vaters?«

»Ein Bedürfnis, Sire, ein starkes Flüssigkeitsbedürfnis!«

Carl Eugen stand da mit hochrotem Gesicht und redete plötzlich ganz wirr: »Verdursten! Hier bei uns? Wo alle versorgt sind, für alle gesorgt, keine Sorgen, nichts als Sorgen, immer Sorgen …«

Da stellte sich Oberst Holzmeier neben ihn, griff ihn unter den Arm und führte ihn ganz sachte einige Schritte weiter, und noch einige Schritte. Im Saal war es mucksmäuschenstill.

Johann schlüpfte schnell in sein Schlafabteil. Sebastian hielt sich den Mund vor Lachen. Es dauerte nicht lange, bis im Saal einige Jungen zu flüstern wagten, dann zu reden, dann sogar Rufe auszustoßen: »So ein Spion!«

»Unser Vater!«

»Unterdrücker!«

Alle erkannten, dass der Herzog nicht mehr im Raum war, aber auch die Aufseher nicht. Die Geräusche im Saal schwollen an wie ein sich mächtig aufbauendes Gewitter. Dann donnerte es und es war die Stimme von Holzmeier: »Silentium! Noch ein Laut von einem von euch, und derjenige bekommt die Rute!«

Augenblicklich schwiegen fünfzig Jungen so sehr, dass von draußen das Plätschern des Brunnens zu hören war.

Sebastian lag weiter wach und lauschte. Er horchte, ob nicht ein Eleve auf dem Weg zu ihm war. Davor hatte er Angst. Gegen manche konnte er sich allein nicht wehren. Zwei oder drei gab es, denen machte es mindestens so viel Spaß wie dem Holzmeier, ihn zu demütigen.

Bald hörte er, dass alle fest schliefen, jedenfalls die allermeisten, auch die Aufseher. Bei denen wusste man eigentlich immer am sichersten, dass sie schliefen, weil sie fast alle schnarchten. Aber gerade dann waren einige Jungen in ihren Abteilen hellwach. Manchmal schlichen sich bestimmte Jungen sogar in andere Betten. Alle wussten, was die machten. Sebastian war das aber nicht geheuer. Einmal war auch zu ihm ein Junge gekommen, aber er hatte ihm eine geknallt. Zum Glück! Seitdem wurde er in Ruhe gelassen.

Als die Uhr zwölf schlug, horchte er besonders aufmerksam. Den Schlag der Glockenuhr am querstehenden Mitteltrakt der Schule, dem Corps de Logis, konnte man besonders gut ausnutzen. Und tatsächlich hörte er in ihrem Klang ein anderes Geräusch, ein schleichendes. Er ging zum Vorhang und lugte hindurch: Es war Johann, der hinausging, um Wasser zu trinken. Erst als nichts anderes mehr als das ferne Schnarchen der Aufseher und das Plätschern des Brunnens zu hören war, schlief Sebastian ein.

Nach dem Frühstück stand Unterricht an, wie es der Zufall wollte, bei Holzmeier. Alle saßen kerzengerade auf den Bänken, die ohne Lehne waren, damit die Eleven auch auf diese Weise genug Spannung hatten, um den Ausführungen der Lehrer zu folgen. Eleven mussten sich die Jungen zwischen zwölf und achtzehn nennen lassen. Eleven, das waren die Musterschüler von Carl Eugen, junges Menschenmaterial, das er nach seinem Willen formte. Das war der Sinn der Carlsschule, das hatte Sebastian längst verstanden.

Es wunderte ihn an diesem Morgen gar nicht, dass Holzmeier sofort ihn drannahm, um ihn bloßzustellen. Aber da war er an den Falschen geraten. Zwar plusterte sich Holzmeier vor ihm wie ein Gockel auf und schlug sich mit der Rute in die Hand, aber das schreckte Sebastian nicht. Er hatte die Vokabeln und die Formen intus. Er wusste, dass ihm Holzmeier deswegen nichts konnte.

Sebastian hatte seine Freude daran, Holzmeier auflaufen zu lassen. Hochkonzentriert stand er vor dem Lehrer. Er kannte den Ablauf.

»Wollen!«, sagte Holzmeier, als wäre es ein Befehl zum Strammstehen. »Indikativ Präsens!«

»Von wo?«, fragte Sebastian unschuldig.

»Von wo was? Ich will! Los! Marsch!«

»Sie wollen, Sire? Was bitte?«

Holzmeier starrte Sebastian zuerst ungläubig an, ehe er plötzlich mit den Armen fuchtelte und rief: »Ich will! Ich will die Konjugation von wollen, und zwar Indikativ Präsens Singular!«

»Volo, vis, vult«, antwortete Sebastian und nahm sich Zeit, zwischen den Wörtern eine Pause zu machen, als müsste er überlegen. Aber er kannte die Formen, obwohl sie unregelmäßig waren.

»Plural!«, sagte Holzmeier und klopfte mit dem Stock auf den Tisch. »Schneller!«

Sebastian sprach die Worte schneller aus, machte aber weiter Pausen, als müsste er überlegen.

Holzmeier drehte sich kurz von ihm weg, als würde er ihn in Ruhe lassen, machte aber plötzlich einen Schritt auf ihn zu und schrie fast: »Konjunktiv Präsens Singular!«

Sebastian konnte nichts passieren. Er spielte nun sein Spiel weiter und fragte: »Wovon?«

»Davon! Von … äh … von wollen. Ich würde wollen! Weiter! Zack, zack!«

»Du würdest wollen!«

Holzmeier hob drohend den Stock. »Will Er mich zum Besten halten? Latein! Los!«

Sebastian sagte ruhig und ziemlich schnell: »Velim, velis, velit.«

Der Lehrer sah ihn von unten aus schmalen Augenschlitzen an und rief dann: »Plural!«, wobei er sich aber plötzlich umdrehte und den Eleven Gottfried ansprach. Der stand sofort auf, starrte aber wortlos zur Tafel.

So tobte er sich dann an dem aus, der zu denen zählte, die es immer abbekamen, wenn einer wie Oberst Holzmeier seine Wut ableiten musste. Gottfried fielen nicht mal die Pluralformen von sein ein. Bei manchen schaltete allerdings das Denken aus, wenn sie fürchten mussten, bestraft zu werden. Der Eleve bekam dann »seine Tatzen«, wie Holzmeier das nannte: mit der Rute zehn Schläge auf die Finger, die er vor sich auf die Bank halten musste.

Bei Gottfried tat Sebastian das aber nicht leid. Der war nicht nur dumm, sondern auch noch hinterhältig – einer von den Eleven, denen nicht zu trauen war! Manchen Eleven wollte man ja gern helfen und eingreifen, aber … Nein, dachte Sebastian, auch das wollte man nicht mehr. Sie waren einfach schon zu abgestumpft.

Johann blieb seltsamerweise verschont. Vielleicht hatte Holzmeier keine Lust auf eine Auseinandersetzung mit Johann. Der machte es ihm nämlich schwer. Johann würde die Vokabeln vielleicht sogar wissen und die dann mit Absicht ganz langsam sprechen. Sebastian hatte das ja von ihm gelernt. Nur blieb Johann meistens auf halbem Weg stecken. Trotzdem kam er immer noch ein bisschen weiter und es war schwer, den richtigen Moment der Strafe zu erwischen, zumal die nichts bewirkte: Johann ertrug die Schläge, als gehörten sie zum Vokabelabfragen dazu. Er war als Eleve inzwischen schon zu erwachsen. Holzmeier verunsicherte das: Es passte nicht mehr zum Verhältnis von Lehrer und Schüler. Johann hätte man eigentlich zum Duell herausfordern müssen, dachte Sebastian.

Alle Eleven waren müde, auch weil es in dem Klassenraum warm und stickig war.

Holzmeier musste sich aber in seiner Autorität wohl noch einmal spüren. Er stellte sich vor die Klasse wie ein kleiner König. Er wippte auf den Zehenspitzen auf und ab, wie um noch größer zu erscheinen. Er wippte so lange, bis sich niemand auch nur noch räusperte.

»Würzen wir zum Abschluss unser Latein ein wenig mit Geografie: Acceperunt multae urbes provinciae et populi singularia epitheta. Martin! Übersetzen!«

Holzmeier wollte anscheinend keinen Ärger mehr. Deswegen nahm er Martin dran, seinen besten Schüler.

Trotzdem fragte Martin nach: »Bitte noch einmal den Satz!«

Holzmeier verdrehte die Augen und wiederholte den Satz so langsam, dass schon das wie eine Quälerei schien.

Martin übersetzte, ohne zu stocken: »Es haben viele Städte, Landschaften und Völker besondere Beiwörter angenommen.«

Holzmeier atmete durch, wahrscheinlich weil der schwierigste Teil der Übung geschafft war. Nun musste er nur noch das einfachste Schülerwissen abfragen. Er drehte sich mit dem Rücken zur Klasse und rief in den Raum: »Beginnen wir mit den Städten, als da wären: Rom, die heilige!«

»Roma sancta!«, murmelten fast alle aufstöhnend.

»Florenz, die schöne!«

»Florentia pulchra!«

»Mailand, die große!«

»Mediolanum magnum!«

»Kommen wir nun zu den Landschaften, als da wären: Das glückliche Arabien!«

Holzmeier drehte den Rücken zur Klasse und blieb so stehen. Es schien, als wollte er sich selbst beweisen, wie sehr er seine Eleven unter Kontrolle hatte. Sebastian kam er vor wie ein Schäfer, der seinen Hund abrichtete.

Viele Schüler fingen aber sofort an, Grimassen zu schneiden, während sie die Antworten in den Raum riefen.

»Arabia felix!«

»Das trockene Mauretanien!«

»Mauritania sicca!«

»Die bergige Schweiz!«

»Helvetia montosa!«

Immer mehr Schüler gähnten oder legten sogar den Kopf auf den Tisch, während die übrigen umso lauter riefen, als müssten sie die anderen in ihrer Müdigkeit oder ihrem Übermut schützen.

»Kommen wir nun zu den Völkern: Die abergläubigen Perser!«

»Persae superstitiosi!«

»Die Menschenfleisch fressenden Hottentotten!«

»Haha! Hottentottae carnem humanam devorantes. Haha!«

Alle kannten Holzmeiers Witze.

»Die eitlen Franzosen!«

»Galli vani!«

»Die dummen Badenser!«

»Badensi stulti!«

Holzmeier drehte sich mit einem Lachen um. Das aber erfror ihm sofort im Gesicht, als er sah, wie seine Eleven herumlümmelten. Alle schreckten augenblicklich hoch, doch ausgerechnet Martin nicht, der übergeschnappt in die Klasse rief: »Suebi avari!«1

Da erst sah er, dass Holzmeier sich umgedreht hatte, und fuhr zusammen.

Der sagte zu ihm, als hätte sein bester Schüler ihm persönlich die Ehre abgegraben: »Auch du, Martinus? Das gibt ein Billett!«

Seine Stimme zitterte. Er war nicht nur enttäuscht, sondern auch offensichtlich müde und erschöpft.

Holzmeier ließ aber noch eine Stelle aus Cäsars Bellum Gallicum vortragen, aus dem Exkurs über die Germanen, was er mit Vorliebe tat. Zwei andere, gute Schüler mussten abwechselnd vorlesen und übersetzen: »Ihr ganzes Leben besteht aus der Jagd und der Beschäftigung mit dem Krieg. Von Kindheit an gewöhnen sie sich daran, sich anzustrengen und abzuhärten. Diejenigen, die am längsten ohne geschlechtlichen Verkehr bleiben, werden am meisten gelobt. Denn sie glauben, dass dadurch der Wuchs gefördert und die Kräfte und Muskeln gestärkt werden. Dagegen zählt es zu den schändlichsten Dingen, vor dem zwanzigsten Lebensjahr Bekanntschaft mit einer Frau zu haben. Es gibt auch keine Möglichkeit, diese Sache zu verbergen. Sie baden nämlich gemeinsam in den Flüssen und sind sonst fast nackt, weil sie als Kleidung nur Pelze oder kleine Fellstücke benützen.«

Doch während Holzmeier diese Passage sonst eigenartig auskostete, sich die Hände rieb und sich mit der Zunge immer wieder über die Lippen fuhr, blieb er diesmal ganz ruhig.

Es fiel auch kein Wort zum Abend vorher. Der Rest des Vormittags ging überraschend friedlich vorüber.

Zur Mittagszeit heizte die Sonne mit aller Kraft ein. Höher hätte sie nicht stehen können, weder an diesem Tag noch zu dieser Jahreszeit. Unter ihr standen Sebastian und alle Eleven, schon seit einer halben Stunde, und zwar auf dem großen staubigen Mittelhof der Carlsschule. Im Hof gab es keinen Schatten.

Sebastian zitterten die Knie. Er konnte sich in der Hitze kaum noch auf den Beinen halten, und er war hundemüde. Außerdem hatte er Angst vor Carl Eugen. Es war Mittagsappell, und der Herzog höchstselbst würde wieder aus seinem angrenzenden Schloss kommen und sehen, ob sie alle so stramm standen, wie er das wollte. Und er würde wissen, vor welchem Abteil sie ihn am Abend zuvor als Spion erwischt hatten.

Den Kopf voller Gedanken stand Sebastian da allein in seinem blauen Uniformrock mit der weißen Hose, dazu den schlackernden Stulpenstiefeln, in denen sich gerade der Schweiß sammelte wie in einem Waschtrog, auf dem Kopf einen Zweispitz mit Federbusch wie ein Fasan. Das Schlimmste aber waren der aufgepflanzte Zopf und die Schläfenlocken, nicht einmal die muffige Perücke. Die hatte man sowieso immer zu tragen und konnte sie vielleicht noch mögen. Am meisten machten ihm aber diese verkleisterten Löckchen zu schaffen. Die baumelten am Hals herum wie Staubwedel. In was für lächerlichen Klamotten sie doch steckten! Wenn ihn einer aus dem richtigen Leben so gesehen hätte … Aber hier sah sie niemand, sie waren auf der Carlsschule eingesperrt wie in einem Gefängnis. Immer wieder dachte Sebastian an seine Eltern. Seine Mutter hatte geweint, als sie ihn dem Herzog in die Hand gaben. Sie hatte auch schon geweint, als der Vater angekündigt hatte, dass es für Sebastian das Beste sei, auf die Carlsschule zu wechseln.

»Es gibt keine bessere Ausbildung als diese Eliteschule«, hatte er gesagt und mit der Hand über seinen dicken Bauch gestrichen. »Da wird er Buchhalter oder Jurist, dann kann uns nichts mehr passieren. Die Buchhalter verwalten das Geld, und die Juristen die Gesetze. Die sind immer fein raus.«

Die Mutter hatte aber gestöhnt: »Aber wir sehen ihn dann gar nicht mehr!«

Doch das hatte die Mutter nur einmal gesagt, danach nie wieder, vielleicht aus Rücksicht auf ihren Sohn. Ob es seinen Eltern wirklich bewusst war, fragte er sich, dass sie ihn während der gesamten Schulzeit nicht mehr zu Gesicht kriegen würden? Ein Schwesterchen mit dem Namen Christine war in der Zwischenzeit zur Welt gekommen, aber wie sie aussah, wusste er nicht. Der Vater sollte mittlerweile ziemlich graue Haare haben. Eigentlich erlaubte der Herzog seinen Eleven nur, die Eltern zu sehen, wenn einer von ihnen starb – und vielleicht noch nicht mal das. Denn dem Klaus hatte er nicht erlaubt, seinen Vater zu sehen, obwohl der im Sterben lag. »Tröst Er sich«, hatte er zu ihm gesagt, »ich bin Sein Vater!«

Was für ein abgehobener, selbstgefälliger, seelenloser Mensch, dachte Sebastian. Er hatte nur Verachtung für den Herzog übrig, diesen Zyniker! Diesen Ausdruck hatte er an der Carlsschule nicht erst im Philosophieunterricht gelernt.

Trotzdem hatte er es vielleicht noch gut. Er wusste wenigstens, dass er seine Eltern sehen würde, wenn er aus dieser Erziehungsanstalt heraus wäre. Darauf hatte er sich immer gefreut, eigentlich vom ersten Tag an. Inzwischen wusste er aber auch, dass sich seine Eltern nicht freuen würden, wenn er die Carlsschule verließ. Denn er würde die Carlsschule nicht auf normalem Weg verlassen.

Andere Jungen hatten es vielleicht noch schwerer, so wie Johann. Seine Eltern lebten nicht mehr. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Und als seine Mutter ihn dem Herzog auf der Carlsschule überlassen musste, weil der das einfach befahl, war sie ein Jahr später gestorben. Johann redete eigentlich nie davon. Vielleicht war es für ihn deswegen sogar leichter. Schließlich wartete niemand auf seine Rückkehr, niemand freute sich auf ihn. So war Johann hart gegen sich selbst geworden und er hatte gelernt, sich durchzusetzen.

Sebastian hatte Durst. Er hatte schon seit einer halben Stunde Durst, seit sie auf dem Hof standen, in Reih und Glied. Er sah Flecken vor sich, die hin- und hersprangen. Seine Zunge hing ihm im Mund wie ein altes Stück Leder. Mit seinem Blick versuchte er dem Monument in der Mitte des Hofes auszuweichen, was aber ein aussichtsloser Kampf war. Unübersehbar hatte sich Carl Eugen darauf als Statue abbilden lassen, unter sich verschiedene Darstellungen von Tugenden, eine davon die Dankbarkeit.

Endlich kam er selbst, höchstpersönlich. Und er kam tatsächlich vorgefahren, vielleicht von der Rückreise von irgendeinem Lustschlösschen. Man hörte das Klappern der Pferdehufe auf dem Pflaster vor der riesigen Schule. Wenn der Herzog nicht zu Fuß von seinem Schloss herüberkam, beschirmt von zwei Günstlingen, kam er stets in einer seiner Kutschen angefahren. Angeblich besaß er Dutzende davon, manche davon mit vergoldeten Nymphen und Grazien geschmückt. Die Kutschen waren immer sechsspännig, am besten achtspännig. Was für ein Anblick!

An besonderen Tagen, wenn Gäste die Errungenschaften seiner Schule bewundern sollten, fuhr er direkt in den Hof. Vor seiner Karosse ritten dann Trompeter vorweg, die es schafften, gleichzeitig mit aller Kraft zu blasen, ohne dass die Pferde scheuten. Dazu dröhnten das Hufgeklapper und das Drehen der eisenbeschlagenen Räder von Mauer zu Mauer. Das war ein Spektakel! Man machte fast unwillkürlich »Oh!« und »Ah!«. Die Eleven hatten dann die Gebäudeseite wie eingepflanzte Bäume zu säumen. Wenn die Kutsche hielt, dauerte es immer noch eine ganze Weile, ehe sich die Wagentür öffnete, dass man sich fragte, ob etwas nicht stimmte. Stieg der Herzog dann aus, machte keiner einen Mucks, auch nicht die geladenen Gäste.

Endlich, dachte Sebastian, als er ihn kommen sah: Endlich ließ er sich blicken, der falsche Vater, der mit seinen Kindern machen konnte, was er wollte. Der Herzog bewegte sich so langsam, als müsste er sich bei jedem Schritt überlegen, wie er den Fuß zu setzen hatte. Neben ihm gingen zwei Offiziere, einer davon Holzmeier, der auf ihn einredete.

Carl Eugen war alt geworden, alt und aufgedunsen, obwohl er versuchte, sich mit seiner feinen Kleidung in Form zu halten. Unter dem Uniformrock trug er eine breite Schärpe, die sich stramm über seinem dicken Bauch spannte. Der Herzog ging langsam, wie um noch besonders zu betonen, dass ein Herrscher Eile nicht nötig hatte. Er ließ sich zuerst von allen Offizieren der Schule begrüßen, mit Handkuss. Holzmeier, der befehlshabende Oberst, forderte dann die Kompanie der Soldatenschüler auf, strammzustehen.

Carl Eugen ergriff das Wort. Alle schwiegen, aber keiner hörte zu. Sie hatten das schon hundertmal gehört:

Es ging um Elite, Auswahl, Anstand, Pflicht, Gehorsam und um die Besten, und das lautete immer geschraubt wie: »… nachdem es seiner regierenden herzoglichen Durchlaucht gnädigst gefällig gewesen …«, oder: »… dass ein Eleve sich gänzlich den Diensten des herzoglichen württembergischen Hauses widme …«, oder: »… dass allen Gesetzen und Anordnungen des Instituts auf das Genaueste nachzuleben geflissen sei …«

Sebastian sah wieder die Flecken vor sich, die wie Kühe über eine Wiese zogen. Carl Eugen redete so lange, dass immer mehr Kühe zu sehen waren. Sebastian achtete auf seine Knie, dass sie nicht zusammenklappten. Manchmal machten sie eine seltsame Bewegung, als würde ihm jemand von hinten in die Beine treten. Er riss sich zusammen und die Knie wurden wieder steif. Dann schmerzten sie aber erst recht.

Endlich kam der letzte Akt der Inszenierung: Carl Eugen schritt die Reihe der Eleven ab. Immer wieder machte er halt und sprach auf einen Jungen ein. Keiner antwortete mit mehr Worten als »Jawohl!«, »Zu Befehl!« und »Ganz wie Sie wünschen!«.

Als die Reihe an Martin war, kamen dem die Tränen. Holzmeier selbst redete aber schnell auf den Herzog ein. Der lachte dann und schlug Martin wie aufmunternd auf die Schulter.

Sebastian sah Carl Eugen auf sich zukommen wie eine Schlange, die witternd ihre Zunge ausfährt. Er wünschte sich, dass sie an ihm vorbeikriechen würde. Das tat sie aber nicht.

Dem Herzog zitterten die Lippen vor Anspannung, als er zu Sebastian sagte: »Habe ich Ihn nicht schon einmal ermahnt, dass Er seine Schläfenlocken ordnungsgemäß befestige?«

»Jawohl!«

»Und warum befolgt Er meine Mahnung nicht?«

»Zu Befehl, Sire!«

»Ich habe Ihn etwas gefragt!«

»Wie Sie meinen, Sire!«

Plötzlich hatte Sebastian das Gefühl, alle Kühe auf der Weide würden sich niederlegen. Sie knickten alle in den Knien ein.

Sebastian kam wieder zu sich, als ihm Holzmeier einen Eimer Wasser ins Gesicht schüttete. Er sah sich verwirrt um und dachte an seine Schläfenlocken. Aber Carl Eugen war schon gegangen.

»Was erlaubt Er sich?«, schrie ihn Holzmeier an. »Kann Er sich nicht zusammenreißen? So muss Er ja wohl nicht in die Knie gehen, wenn Ihn unser Landesvater anspricht!«

Sebastian hörte, wie die anderen Eleven lachten. Er hörte auch Johann ein wenig lachen, aber so, wie sie das im Unterricht bei einem Witz von Holzmeier taten: Haha!

Johann sagte immer, er würde sich auf seine Art gegen den Herzog wehren. Er ließ sich einfach nicht unterkriegen. Man musste seine Drohungen und Strafen einfach von sich abprallen lassen.

Aber Sebastian konnte das nicht. Es traf ihn tief im Inneren, wenn ihn der Herzog, ein Aufseher oder einer der Jungen mal wieder öffentlich bloßstellte. Das Gefühl, sich nicht wehren zu können, machte ihn ganz krank. Es fraß ihm von innen die Eingeweide auf. Er müsste einen anderen Weg finden, damit man ihn nicht mehr so behandeln würde. Darüber dachte Sebastian wieder nach, während er sich das Wasser aus dem Gesicht wischte und zur Kleiderkammer ging. Die nasse Perücke mit den klebrigen Schläfenlocken hielt er in der Hand wie ein vollgesogenes Aufwischtuch.

Er gab sie dem Oberst Brandstetter, der für die Kleiderkammer zuständig war. Der verzog keine Miene, als Sebastian auch seine verschmutzte Hose ablegte. Die hatte er eigentlich selber zu reinigen, aber Brandstetter händigte ihm eine andere, frisch gewaschene Hose aus und murmelte nur, dass er die so schnell wie möglich, und sauber, zurückgeben müsse.

Als Sebastian »Danke!« sagte und die Hacken zusammenschlug, lächelte Brandstetter auf einmal und fügte hinzu: »Nachdenken, das ist wichtig!«

Oberst Brandstetter war anders als Holzmeier, der dem Herzog mit Haut und Haaren ergeben war. Brandstetter hatte manchmal Verständnis für die Schüler. Sebastian tat das gut.

Nun stand wenigstens der Höhepunkt des Tages an: das Mittagessen. Doch vorher musste Sebastian noch einen Umweg zur Toilette machen, die in einem der Seitenflügel untergebracht war. Sie bestand aus einem großen Balken mit zwei Löchern und darunter, in einer tiefen Grube, die Reste der menschlichen Verdauung. Alle versuchten so schnell wie möglich, ihr Geschäft zu machen, um dann wieder an die frische Luft zu kommen.

Als Sebastian mit hängendem Kopf die Toilette betrat, saßen dort Peter und Gottfried auf dem Balken. Sebastian wollte draußen warten.

»Nicht so schnell!«, rief Peter, sprang auf und packte Sebastian, ohne sich abgeputzt zu haben. »Warte mal, Freundchen!«

Sebastian wollte Peters Griff abschütteln, aber der hielt ihn nur noch fester. Peter war einer der stärksten Jungen.

»Was gibt’s?«, fragte Sebastian schnell.

»Was es gibt?«, sagte Peter und nun stand auch Gottfried auf und stellte sich vor ihn. »Du hast uns beim Scheißen gestört, das gibt’s.«

»Lasst mich in Ruhe!«, rief Sebastian.

Da schlug ihm Gottfried so in den Bauch, dass ihm die Luft wegblieb und ihm schlecht wurde.

»Musst du uns vor unserem gütigen, herzenslieben, anständigen Vater so blamieren!«, zischte Gottfried und schlug ihm wieder in den Bauch.

»Das kostet dich vierzig Kreuzer!«, flüsterte ihm Peter ins Ohr.

Sebastian dachte daran, dass es bei Strafe verboten war, Geld zu besitzen.

»Ich habe kein Geld«, keuchte er und versuchte sich aus Peters Griff zu befreien.

Wieder wollte Gottfried zuschlagen, als ihm Peter jedoch die Hand festhielt. Gottfried ließ los.

»Bis morgen Abend kriegen wir von dir vierzig Kreuzer!«, sagte Peter ruhig und kam ganz nah an sein Gesicht, »sonst …«

Da flog die Tür auf und Johann stampfte herein.

»Sebastian, wo bist du?«, rief er und blieb sofort stehen und atmete tief ein und zog die Schultern zurück. »Was ist hier los?«

Johann schaute vom einen zum anderen, ehe er Gottfried in die Augen sah.

»Nichts!«, sagte der und grinste und rief dann mit Blick auf Peter: »Wir gehen jetzt!«

»Ihr bleibt!«, sagte Johann und stellte sich vor Sebastian. Er griff sich an den Oberarm, wie um da seine Muskeln zu bändigen.

»Was gibt’s?«, fragte Gottfried.

»Was es gibt?«, sagte Johann. »Gleich gibt’s was auf die Ohren. Was habt ihr mit dem da gemacht?«

»Nichts!«, antwortete Peter schnell, als ihm Johann sofort eine knallte.

Peter wich zurück wie ein geprügelter Hund.

»Was wollten die von dir?«, fragte Johann Sebastian. »Komm, sag’s mir!«

»Vierzig Kreuzer«, antwortete Sebastian.

Sofort knallte Johann Peter noch eine. Er drehte sich zu Gottfried, und der wich zurück.

Johann blieb stehen und tat und sagte gar nichts mehr. Dann zog er sich plötzlich die Hose herunter und setzte sich auf den Balken. Dabei sprach er nur ab und zu etwas und machte immer wieder übertriebene Geräusche der Anstrengung.

»Ich warne euch! … Lasst den in Ruhe! … Ah! … Der hat es schwer genug … Uh! Ah! … Und jetzt geht und lasst mich in Ruhe scheißen!«

Während Gottfried und Peter die Flucht ergriffen, zögerte Sebastian noch.

»Danke!«, sagte er zu Johann.

Der aber entgegnete: »Und jetzt geh auch!«

Draußen sah Sebastian, wie in der Ferne Holzmeier mit Gottfried und Peter redete. Die beiden waren bekannt dafür, für Unfrieden zu sorgen. Sie hatten schon in der Arrestzelle gesessen.

Als Sebastian auf dem Weg zum Speisesaal an Holzmeier vorbeigehen musste, sah der ihn nur abschätzig an, ließ sich grüßen und sagte nichts. Sebastian hätte gerade heulen können.

Zum Mittag gab es Mehlsuppe wie schon zum Frühstück, aber immerhin mit einem zwei Finger dicken Stück Käse. Danach endlich Ausgang, ehe das Exerzieren folgen würde.

Der Spazierweg führte aus dem Schulgebäude hinaus, am herrschaftlichen Holzgarten entlang und weiter durch die herrschaftlichen Talwiesen. Die Hitze schien alles zu lähmen, aber für Sebastian war es die Zeit für ein wenig Freiheit. Er ging neben Johann und sie redeten leise, wie das alle taten.

»Kann es sein, dass es immer nur uns erwischt, immer uns beide?«, fragte Sebastian auf einmal.

Johann sah sich vorsichtig um. Erst nach einer Weile sagte er: »Das Gras steht hoch. Es hält den Boden feucht.«

»Ist dir das noch nicht aufgefallen, wie oft wir ein Billett zugesteckt kriegen, und immer von Holzmeier?«, fragte Sebastian weiter, der sich in der Natur nicht auskannte. Er kannte eigentlich nur die Carlsschule. »Der kann uns doch auf den Tod nicht ausstehen. Was haben wir dem nur getan?«

Johann antwortete wieder nicht. Da fasste sich Sebastian in seine Uniform und zog einen Zettel hervor.

»Wieder der Scherenschnitt?«, fragte Johann.

»Nein, Schiller«, antwortete Sebastian und sah sich nun auch um wie ein Dieb.

»Soll dieses Blatt echt von Schiller sein?«, fragte Johann und gähnte.

»Ja, das hat mir der Oberst Brandstetter so gesagt«, antwortete Sebastian leise und schaute auf das Papier in seiner Hand, als wäre es etwas Magisches. »Der Brandstetter, der hält zu uns – glaube ich zumindest –, er hat es in einem Haufen Papier gefunden, sagt er, als im Sekretariat mal wieder ausgemistet wurde. Für den war das bestimmt auch was Besonderes, sonst hätte er es nicht da rausgezogen. Das mit dem Schiller wird die Schule wahrscheinlich für immer verfolgen. Wo der sich jetzt wohl rumtreibt?«

»Ach, wahrscheinlich doktert der jetzt an irgendwelchen neuen Dramen herum, so was wie Die Räuber«, sagte Johann und fing an, an einem Stück Brot herumzunagen. »Mann, hier hat man immer Hunger! Was sollte denn das für eine Suppe sein? Lehmiges Waschwasser! Auf jeden Fall ist der Schiller wohl aus Württemberg raus. Aber wie soll er woanders unterkommen? In Deutschland sitzt doch noch in jedem kleinen Flecken Land so ein Fürst und lässt den Leuten ins Hirn kacken, dass sie nicht richtig denken können.«

Sebastian strich über den Zettel, wie man eine Katze streichelt. Er las leise und mit Ehrfurcht, als hätte er die Bibel vor sich: »Nein, ich mag nicht daran denken! Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetz. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus. Sie verpalisadieren sich ins Bauchfell eines Tyrannen, hofieren der Laune seines Magens und lassen sich klemmen von seinen Winden. – ›Verpalisadieren‹ – Was heißt das denn?«

»Keine Ahnung! Kommt vielleicht von Palisade, also von Schanze oder Verschanzung. Verschanzen! Das heißt das.«

»Sich ins Bauchfell eines Tyrannen verschanzen? Häh? Die Kriecher und Streber verstecken sich bei einem Tyrannen, muss das wohl heißen. Ob der Schiller das später noch geändert hat?«

»Mann, ist das gestelzt!«, sagte Johann laut, obwohl sie leise zu sprechen hatten. »Das versteht ja keine Sau. Der schreibt überhaupt so gestelzt: ›Die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus!‹ Na ja, klingt vielleicht gut, doch. Das würde ich dem Herzog auch gern sagen.«

Sebastian sah sich vorsichtig um und steckte das Blatt wieder in die Uniform. Johann sah ihn an, lachte kurz und schaute sich wieder um. Sie gingen schweigend weiter.

Doch plötzlich blieb Johann stehen und nickte zu einer Eiche am Wegesrand.

»Schau mal! Nein, ich glaub es nicht: Sieht aus wie Kaiserlinge, drei Stück, vier!« Johann starrte zum Boden unter der Eiche, als läge dort ein schönes Mädchen im Gras. »Kaiserlinge, das sind die besten!«

»Wovon redest du?«, fragte Sebastian.

Er sah ebenfalls zu dem Baum und sah in seinem Umriss plötzlich Holzmeier mit dem Hals so breit wie der Kopf, den dürren Ärmchen und einem Bauch wie ein Fass.

»Pilze!«, sagte Johann laut. »Kaiserlinge! Du kennst dich wirklich nicht aus. Neulich lagen die beim Koch. Ich hab’s genau gesehen. Aber der hat die wohl selbst gegessen.«

»Der Koch hat mir auch schon eine Standpauke gehalten, nur weil ich mal in seiner Gegenwart an einem harten Stück Brot kaute«, murmelte Sebastian.

Johann sah ihn verstohlen an. Plötzlich lächelte er und sagte: »Vielleicht hast du recht: In letzter Zeit hast du oft einen drangekriegt, ich wohl auch, aber nicht so oft. Aber andere auch – andere kriegen auch ständig einen dran. So ist das hier, leider!«

Sebastian dachte daran, dass Johann eine Bestrafung oft wie eine Mutprobe hinnahm. Er würde das auch gerne so können wie sein Freund, aber er litt einfach unter seinem Gerechtigkeitssinn. Über jede Strafe machte er sich wer weiß wie viele Gedanken, und er konnte sich nicht gut wehren.

Wer auf der Carlsschule gegen die Regeln verstieß, der bekam ein Billett. Und Regeln gab es so viele wie Tage im Jahr: Beim Wecken sofort aus dem Bett, nicht singen, keine Lieder pfeifen, keine Bücher lesen, schon gar keine Romane, nicht lärmen, beim Essen nicht reden, keine Privatgeschäfte machen, alle Medizin ohne Murren nehmen, im Unterricht klar und deutlich sprechen, nicht mit der Feder klecksen – auf alles hatte man zu achten.

Ein Vergehen wurde auf einen Zettel geschrieben und dieses Billett musste der Eleve beim Appell im Knopfloch tragen. Der Herzog kam, sah es, las es und bestimmte dann die Strafe.

Johann sprang schnell zu dem Baum und hatte flugs vier schöne Kaiserlinge vom Boden gelöst. Sebastian wusste, was Johann damit vorhatte: Sie in der Küche gegen eine Tasse Milch tauschen. Johann machte manchmal solche kleinen Geschäfte.

Sebastian sah die Pilze fast nur wie Steine. Er dachte an das Stück von Schiller: Die Räuber. Mit zwei anderen Jungen redete er manchmal darüber, denn ihnen hatte Schiller immer wieder davon erzählt. »Die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus«, murmelte er leise. Für ihn brütete sie eigentlich nur die Flucht aus.

Als sie schnell weitergingen, flüsterte er Johann zu: »Das ist ein Menschenschinder, der Holzmeier, fast noch mehr als der Herzog. Das ist seine Natur.«

»Ich habe noch ein halbes Jahr«, sagte Johann plötzlich wieder ziemlich laut. »Noch ein halbes Jahr, dann habe ich es hinter mir. Dann kann der mich mal, der …«

In diesem Moment sprach Holzmeier sie laut von hinten an.

»Stehen bleiben, ihr beiden! Was ist in einem halben Jahr, Eleve Johann? Was hat Er dann hinter sich?«

»Die Anstalt, Herr Oberst!«

»Will Er frech werden?«, schrie Holzmeier mit rotem Gesicht. »Will Er sich beschweren? Passt Ihm etwas nicht?«

»Nein, Herr Oberst!«, sagte Johann.

»Ihm passt also etwas nicht? Was denn?«

»Nein, Herr Oberst! Ja, Herr Oberst!«

»Was denn also?«

»Alles, alles passt …«

»Das kann Er ja dann morgen seinem Vater erklären!«, schrie Holzmeier. »Und warum ist Er überhaupt vom Weg abgekommen? Was hat Er da?«

»Kaiserlinge, Herr Oberst!«

»Kaiser- was?«

»Kaiserlinge! Pilze!«

»Das sehe ich selber. Soso, Kaiserlinge! Fürstlinge sind Ihm wohl eine Nummer zu klein? Haha! Gib Er sie mir!«

Holzmeier nahm die Pilze mit spitzen Fingern und sah sie sich genau an.

»Was will Er damit?«, fragte er plötzlich.

Johann starrte Holzmeier nur an. Sein Gesicht zeigte, dass er kurz davor war loszuprusten.

»Was will Er damit?«, fragte Holzmeier schärfer.

Johann lächelte und sagte: »Essen, Herr Oberst!«

Holzmeier sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an und rief dann: »Und jetzt: Weitergehen! Das Billett gibt es beim Abendessen.«

Wieder sah Holzmeier auf die Pilze in seiner Hand. Plötzlich schüttelte er den Kopf und warf sie in die Wiese.

Johann mahlte mit den Zähnen. Auch Sebastian hatte das Gefühl, vor Wut zu platzen. Sein Vater!, wiederholte er innerlich. So musste man den Herzog anreden. Lächerlich! Allerdings war Carl Eugen tatsächlich der Vater von einigen Schülern. Das war allgemein bekannt. Er bestellte auf seinen Festen junge Frauen zu sich, zum Vergnügen. Und diesen Jungen erzählte man nie von ihrem Vater. Die hatten es eigentlich am schwersten. Sie wurden von den anderen geschnitten.

Die Wut der beiden baute sich erst ab, als wieder exerziert wurde, wie jeden Nachmittag. Da blieb kein Platz für schwere Gedanken und Gefühle. Man musste aufpassen wie ein Schießhund, ja alle Befehle richtig auszuführen. Sonst gab es wieder Strafe. Es hieß: zehn Schritt vor, rechts schwenk, traben, halt, schwenk links, strammstehen – jawohl, Herr Oberst!

Es gab keinen Ausweg. Jeder Tag hielt die Schüler gefangen. Sebastian fühlte sich inzwischen so, als ob jede Stunde mit den Ketten rasselte, jede Minute.

Am nächsten Tag nahm wieder der Herzog persönlich den Mittagsappell ab. Johann hätte Angst davor haben müssen, aber er sagte: »Der soll spüren, dass er mir nichts kann. Ich habe nichts Böses getan.«

»Sei vorsichtig, Johann«, ermahnte ihn Sebastian. »Sei bloß vorsichtig!«

»Bin ich! Bin ich immer. Ich riskiere hier nichts mehr. Trotzdem: Kriechen werde ich vor dem nicht.«

Wieder strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel wie ein Ofen. Johann konnte aber die Hitze gut vertragen, bestimmt besser als der fette Herzog, dachte Sebastian. Vor allem stand er mit ihm am Ende der Reihe und noch zwei andere Eleven trugen ein Billett im Knopfloch. Das konnte dauern. Da wäre der Herzog am Ende vielleicht zu erschöpft für einen weiteren seiner gefürchteten Ausbrüche.

Carl Eugen gab sich offensichtlich wieder große Mühe, an jedem seiner Eleven etwas auszusetzen. Es war auch fast unmöglich, an den Stiefeln nicht irgendwo Staub zu haben, auf der Hose einen Fleck, an der Hutfeder einen Riss.

Dem ersten Billettschüler haute er nur eine runter. Er ersparte sich eine weitere Bestrafung, obwohl der Schüler den Werther von Goethe besaß und heimlich weitergegeben hatte.

Der zweite Eleve erhielt vier Stockschläge. Carl Eugen selbst führte sie aus. Das war für die Übrigen immer eine große Belustigung, obwohl keiner auch nur grinsen durfte. Der Herzog ließ sich dazu von dem Oberst Holzmeier seine Reitgerte bringen. Der Schüler musste die Hose herunterlassen und bekam die Gerte übergezogen. Holzmeier schien das selbst zu gefallen. Er verzog bei jedem Schlag das Gesicht, als würde er in ein Zuckerstück beißen. Auch Sebastian und Johann hatten diese Strafe schon erlebt. Es tat eigentlich nicht so sehr weh, und der Schmerz verging schnell. Sebastian hatte das sogar schon Spaß gemacht. Er dachte, so konnte man dem Herzog und auch dem Holzmeier mal den Arsch zeigen.

Es verging viel Zeit, bis Carl Eugen mit einem Gesicht voller Schweißperlen Johann das Billett aus dem Knopfloch zog.

»Pilze! – Was lese ich hier?«, sagte der Herzog erstaunt.

Plötzlich stand Holzmeier neben ihm und flüsterte ihm zu.

»Er hat Pilze mitgenommen, Kerl!«, fuhr er Johann an. »Will Er unsere Eleven vergiften?«

Johann schwieg. Sebastian wusste, dass er sich nicht einschüchtern ließ. Aber auf diesen Vorwurf war er wohl nicht gefasst.

»Weiß Er nicht, wie gefährlich Pilze sind?«, fragte der Herzog und wischte sich den Schweiß mit den Rüschen an seinem Ärmel ab.

Johann starrte den Herzog an, dann Holzmeier. Der hob auf einmal den Finger und zeigte auf Sebastian.

»Und der da!«, sagte er laut. »Der hätte mitgemacht!«

»Das ist ja unglaublich«, rief Carl Eugen und schüttelte sich, sodass der Schweiß aus seinem Gesicht auf den Boden tropfte. »So etwas geht hier vor, gegen alle Vorschriften, wo doch für Essen gesorgt ist, wo Wir doch für alles sorgen, wo Wir doch als euer Vater alles für euch tun, wo Wir Uns Tag und Nacht für euch aufopfern, damit etwas Ordentliches aus euch wird, damit ihr Kerle von echtem Schrot und Korn werdet, damit ihr ein Quäntchen von Wissen unter eure hohle Schädeldecke bekommt, damit ihr nicht Hunger leiden müsst und der Faulheit frönt wie all das Gesindel da draußen! Er da, weiß Er etwa nicht, was es mit Pilzen auf sich hat!«

»Doch«, stammelte Johann, »ich weiß …«

»Aha, Er weiß und gibt es auch noch zu! Und der Knabe neben Ihm, der war doch gestern schon auffällig.«

Carl Eugen wischte sich nun mit dem ganzen Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht. Einige Zeit lang schwieg er und klopfte sich nur mit der Gerte in die Hand.

Dann sagte er kurzatmig, aber laut zu Holzmeier: »Die beiden mit Essensentzug für drei Tage in die Arrestzelle, ab sofort!«

Holzmeier ging zuerst zu Sebastian und zog ihn am Arm aus der Reihe, als müsste er einen Ast vom Baum abbrechen.

»Komm Er!«, rief er, als hätte er einen Dieb in flagranti geschnappt.

Auch Johann zog er so aus der Reihe. Bei ihm musste er richtig fest ziehen, denn Johann war stark wie ein Bär.

Holzmeier trieb die beiden vor sich her zur Kleiderablage und sagte die ganze Zeit kein Wort. Sebastian ballte die Fäuste. Was hatte er denn getan?

Als er wie Johann die Uniform abgelegt hatte und in einfacher Kluft steckte, führte Holzmeier sie wie Verbrecher wieder über den großen Hof hin zur Arrestzelle. Und als sie an Carl Eugen vorbeigingen, rief er immer wieder: »Nun los! Bewegt euch schon! Das habt ihr davon. So geht’s einem!« Und genau neben Carl Eugen setzte er scharf hinzu: »Mit Essensentzug!«

Holzmeier schloss die schwere Tür des Karzers ab und rief noch: »Hier hilft euch keiner, auch der Brandstetter nicht oder der Abel, der den Schiller angestiftet hat.«

Der Schlüssel drehte sich knarrend im Schloss, und Sebastian spürte, wie es in seinem Mund nach Tränen schmeckte.

Johann sagte jedoch: »Es ist nicht so schlimm. Drei Tage. Das schlafen wir doch am Stück runter!«

Sebastian antwortete nicht. Er hätte schluchzen müssen, aber das wollte er nicht.

»Was sollte denn das mit dem Brandstetter und dem Abel?«, fragte Johann.

Sebastian konnte vor Wut nicht sprechen. Er dachte an Abel, Jakob Friedrich Abel. Der war der beliebteste Lehrer unter den Eleven, ein kleiner Mann mit ganz großem Geist. Abel wollte, dass die Menschen sich zum Besseren entwickelten, und zwar jeder einzelne, und das sollte möglichst aus eigenem Antrieb geschehen. Dazu musste man denken. Eigenständig denken – und das ausgerechnet an der Carlsschule! Aber Carl Eugen wollte nun mal auch die fähigsten Erzieher an seiner Schule. Das war die Konsequenz. Abel stand nicht vorn am Pult und paukte den Lehrstoff runter. Er ging durch die Reihen und verwickelte die Schüler in Streitfragen. Da musste man sich wegducken, wenn man nicht selbst denken wollte. Aber genau das wollte Abel: dass sie den eigenen Verstand einschalteten und selbst zu Erkenntnissen kamen! Dass sie selbst dafür sorgten, als Mensch immer besser zu werden! Sebastian hatte Abel sogar einmal nach Schiller gefragt, und der war bei der Frage nicht zusammengezuckt, sondern hatte laut gesagt: »Ich hoffe, er wird seinen Weg finden.«

»Eifersüchtig«, sagte Sebastian, als er sich wieder gefasst hatte. »So einer wie Holzmeier kann dem Abel einfach nicht das Wasser reichen. Deswegen!«

»Stimmt!«, sagte Johann nur, fasste sich in seine Jacke und hielt grinsend ein Stück Brot in der Hand. Er brach sich etwas davon ab und hielt es auch Sebastian hin. Der winkte ab. Johann hatte immer seine Essensverstecke. Er hatte eigentlich ständig Hunger, mehr als andere. Jedoch war er auch stärker als die meisten anderen. Er hatte Muskeln wie ein Stier. Er brauchte mehr Futter. Sebastian hingegen hatte manchmal das Gefühl, er könnte nur von Luft leben.

Es war wirklich nicht so schlimm, dachte Sebastian bald, in der Zelle zu sitzen und immer wieder die Augen zu schließen. Der Karzer als Strafe war immer ein Thema: Im Sommer war es darin ganz angenehm kühl. Nur in der Nacht hörte man immer irgendwelche kratzenden und nagenden Geräusche, manchmal sogar unter der Pritsche. Im Winter dagegen war es in der Zelle wirklich schlimm. Da war die Kälte die größte Strafe.

Die beiden verstanden nicht, was wirklich passiert war. Johann versuchte immer wieder zu erklären, dass er Kaiserlinge genau kannte, dass das Blätterpilze waren, die man überhaupt nicht verwechseln konnte, wenn man sie einmal kennengelernt hatte. Mit dem leuchtenden gelbroten Hut, feucht wie Holzmeiers Arsch, wie Johann sagte, und der Holzkopf hatte sie bestimmt mit dem Fliegenpilz verwechselt, wobei sie doch eine Delikatesse waren, und so selten, mit einem köstlichen Geschmack, mit dem kein Steinpilz mithalten konnte.

Sebastian hatte davon keinen blassen Schimmer. Er dachte nur immer wieder daran, dass er den Holzmeier nicht mehr ertragen konnte, dass er die ganze Carlsschule nicht mehr ertragen konnte.

Dann wurden sie ruhig und sagten sich, dass es ihnen gar nicht so schlecht ging. Endlich hatten sie mal Zeit, über alles zu reden, über das Leben, die Zukunft … und über die Flucht. Irgendwann war dieses Wort aufgekommen: Flucht! Alle Jungen dachten daran, wegen ihres Elends und schon wegen Friedrich Schiller. Seine Flucht gehörte zur Carlsschule wie Holz zum Feuer.

Sebastian sagte: »Der Schiller ist geflohen. Der hat es richtig gemacht.«

Johann zog den rechten Ärmel seiner Jacke hoch und spannte am Oberarm die Muskeln an. Sebastian wusste, wie sehr es ihm gefiel, stark zu sein.

Johann erwiderte: »Was hat er nun davon? Wo muss er sich jetzt rumtreiben? Bei fremden Leuten, ohne Familie, ohne Geld, ohne Heimat, ohne Freunde, ohne …«

»Aber in Freiheit!«

»Aber was kann er sich dafür kaufen? Er ist doch nur abgehauen, weil sein Stück … wie hieß das noch, Die Räuber … weil das in Mannheim am Theater Erfolg hatte und weil ihm dann der Herzog das Schreiben verboten hat. Dabei war er doch Mediziner und hatte sein Auskommen.«

»Mediziner? Feldscher war er, Militärarzt, unterste Stufe. Zu mehr hat seine ganze Ausbildung hier nicht geführt. Da kann ich schon verstehen, dass ihm die Literatur heilig war.«

Johann schob auch am anderen Arm den Ärmel hoch und ließ die Muskeln spielen. In dem wenigen Licht sah er von einem Arm zum anderen und sagte: »Nur saß er doch stundenlang in den schummrigsten Kaschemmen und hat dieses Kartenspiel gespielt, Manille, und hat gesoffen und geraucht. Dagegen war dann seine Flucht wirklich was Besonderes.«

»Wie hat er das toll organisiert! Während Carl Eugen ein Riesenfest gibt, in unvorstellbarer Pracht, mit Dutzenden Opern- und Ballettaufführungen für Hunderte von Adeligen, mit Tausenden Hirschen für die Jagd, Zehntausenden Lampen auf Schloss Solitude, nimmt Schiller Reißaus!«

»Mach dir nichts vor, Sebastian! Er ließ sich aus der Stadt kutschieren! Das hätten wir auch gekonnt. Er war ja nicht mehr an der Carlsschule und hatte in Stuttgart eine eigene Wohnung. Er musste doch nur zusehen, dass er möglichst seinen ganzen Krempel aus der Stadt rauskriegt. Es ging für ihn und seinen Freund, den Andreas Streicher, ja nur darum, frech zu sein, nämlich in eine Kutsche zu steigen und am Stadttor die Wache zu übertölpeln. Für uns wäre das viel gefährlicher.«

»Aber das schaffen wir auch!«, rief Sebastian plötzlich.

»Hör auf!«, sagte Johann schnell und krempelte seine Ärmel wieder herunter.

Die beiden schwiegen.

Sebastian ließ der Gedanke an die Flucht des bekannten Mitschülers nicht los: Ein Jahr war das her und wirkte immer noch nach. Der Name »Schiller« existierte an der Carlsschule offiziell nicht mehr. Trotzdem war es damit wie mit einer starken Glut, die man mit dicken grünen Zweigen abzudecken versuchte. Für Sebastian brannte das immer wieder neu. Zwar wollte Johann davon nichts wissen, weil er nur noch ein halbes Jahr vor sich hatte. Sebastian aber war erst siebzehn. Er konnte das alles nicht länger ertragen. Diese Schule würde ihn zugrunde richten!

»Sie sind schneller als du«, sagte Johann. »Sie haben Pferde.«

»Ich besorge mir auch eins«, erwiderte Sebastian.

»Du kannst aber nicht reiten.«

Sebastian starrte an die Zellenwand, als könnten sich die Steine unter seinem Blick auflösen.

Der ganze nächste Tag zog sich wie endlos hin. Aber am frühen Abend während der Essenszeit drehte sich plötzlich der Schlüssel im Schloss. Niemand sprach. Dann stand Holzmeier in der Zelle. Er sagte kein Wort und leuchtete nur mit der Laterne alles aus. Er sah Sebastian an, der mit dem Blick auswich – dann Johann, der viel größer war als der Lehrer. Johann kniff die Augen zusammen und starrte in dem fahlen Licht zurück, ohne einen Muskel zu bewegen. Holzmeier wartete wohl nur darauf, bei einer falschen Bewegung oder einem falschen Wort zuzuschlagen.

Als er und Johann sich wie Kampfhunde fixierten, räusperte sich Sebastian.

Da drehte sich Holzmeier plötzlich zur Tür und sagte, ehe er ging: »Von mir aus könntet ihr noch länger brummen!«

Johann und Sebastian sahen sich an und grinsten. Sebastian kam es so vor, als hätten sie einen Sieg über Holzmeier errungen, als hätten sie ihm die Möglichkeit genommen, sie noch weiter zu schikanieren.

»Der hat es echt auf uns abgesehen«, sagte Sebastian seltsam fröhlich. »Mann, setzt der uns unter Druck! Aber jetzt hast du’s dem gegeben!«

»Das wird sich noch rächen, fürchte ich«, sagte Johann und grinste gar nicht mehr.

Früh am nächsten Morgen drehte sich wieder der Schlüssel im Schloss. Sebastian und Johann hatten schlecht geschlafen. Ihr Magen knurrte nun abwechselnd, so laut wie draußen noch der Kauz schrie.

Wieder trat Holzmeier ein, an seiner Seite ein Aufseher mit einer Laterne in der Hand.

»Man weiß ja nie«, sagte Holzmeier zu dem Aufseher.

Sebastian sprang auf und trat zur Seite. Johann tat das auch, aber lächelnd.

»Hüte Er sich, mein Lieber!«, schrie ihn Holzmeier an. »Und jetzt mal auf die Seite mit euch beiden! Dahin! Und sonst keinen Schritt!«

Als die beiden sich vor die Wand stellten, sagte Holzmeier laut zu dem Aufseher: »Was stehen Sie hier herum? Leuchten Sie!«

Der Aufseher wusste nicht, was er machen sollte. Er hielt die Laterne mal hierhin, mal dorthin. Sebastian und Johann sahen sich fragend an. Auch der Aufseher runzelte die Stirn.

Holzmeier suchte in jeder Ecke der Zelle, fand aber nichts. Plötzlich fasste er sich an die Stirn, als hätte er die Lösung zu einer schweren Aufgabe gefunden. Er griff sich Johanns Jacke von der Pritsche. Zufrieden schnaufend suchte er die Taschen durch und zog dann ein Stück Brot hervor.

»Hah!«, rief er laut. »Was haben wir denn hier? Wem gehört die Jacke?«

»Mir«, sagte Johann.

»Und was haben wir da?« Er hielt das Stück Brot in der Hand wie eine Goldmünze und lachte dabei so, als hätte er einen Schatz gefunden.

Als Johann schwieg, sagte plötzlich der Aufseher: »Das ist eine Kruste Brot, Herr Oberst.«

»Halten Sie sich da raus!«, blaffte Holzmeier ihn an. »Das wollte ich von ihm hören, von dem ungezogenen Kerl hier. Gibt es denn keinen Respekt mehr? Keinen Anstand? Kein Benehmen? – Nun, dann schauen wir doch mal bei seinem Freund!«

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