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Unter Quarantäne

1. KAPITEL

Konstantin hatte Natascha an beiden Schultern gepackt.

„Hör auf, Doktor Niederbühl zu drohen!“ Er zwang sie, ihn anzusehen. „Das ist absolut daneben.“

„Wieso?!“, erwiderte Natascha vollkommen außer sich. „Er ist kein Chirurg! Und trotzdem will er Marlene operieren!“

„Frau Schweitzer …“ Michael wurde das alles zu viel. „Wenn Sie Ihr Einverständnis nicht geben, werde ich den Eingriff selbstverständlich nicht vornehmen. Ihre Tochter ist eine erwachsene Frau. Sie kann selbst entscheiden, wenn sie wieder aus der Narkose aufwacht.“

„Wenn wir das jetzt nicht durchziehen …“ Konstantin sah Natascha eindringlich an. „Marlene wird nicht noch einmal Ja sagen. Du weißt, wie viel Angst sie vor der OP hat.“

Natascha hielt das Risiko dennoch für zu groß. Dr. Niederbühl fehlte in ihren Augen die nötige Erfahrung für eine solche Operation.

„Ich bin kein junger Assistenzarzt mehr, der sich irgendetwas beweisen muss“, erklärte Michael würdevoll. „Wenn ich wirklich Sorge hätte, dass ich den Eingriff nicht bewältigen könnte, würde ich ihn nicht übernehmen.“ Ihm ging es ausschließlich um Marlene Schweitzers Wohl. „Aber das letzte Wort haben selbstverständlich Sie. Überlegen Sie nur bitte nicht zu lange.“

Hilflos wandte sich Natascha an Konstantin.

„Ich bin sicher, du kannst ihm vertrauen“, sagte der nur.

Schweren Herzens hatte sich Natascha dazu durchgerungen, Michael operieren zu lassen. Und nun wurde sie beim Warten beinahe verrückt vor lauter Nervosität.

„Ich schwöre dir, wenn er die Sache verpfuscht, hat er keine ruhige Minute mehr“, zischte sie. „Und dann sind wir schuld, dass Marlene nie wieder laufen kann.“

„Jetzt bleib ganz ruhig“, sagte Konstantin. „Ich bin sicher: Die OP wird ein Erfolg. Stell dir vor, wie schön das wird – Marlene tanzt durch die Welt … Genauso leicht und spielerisch, wie ihre Finger am Klavier über die Tasten fliegen.“

Alexander und seine Mutter unterhielten sich über Werners bevorstehende Hochzeit. Charlotte fürchtete, dass ihr Exmann schon wieder einen großen Fehler machte – sie hielt Frau van Norden für äußerst skrupellos.

„Und das sagst du nicht aus Eifersucht?“, fragte Alexander.

„Darüber bin ich längst hinweg“, winkte seine Mutter ab. „Ganz ehrlich. Aber diese Dame kann nun mal extrem unangenehm werden, wenn sie nicht bekommt, was sie will.“

„Werner hat einen ganz speziellen Frauengeschmack“, stellte Alexander seufzend fest. „Du warst die rühmliche Ausnahme.“

Die beiden tauschten einen liebevollen Blick. Und dann bat sie ihren Sohn, heute Abend zum Essen ins Restaurant zu kommen. Werner hatte Julius und sie eingeladen. Doris würde auch dabei sein – und Charlotte hätte gern ein bisschen Unterstützung gegen ihre Nachfolgerin gehabt. Selbstverständlich sagte Alexander zu.

Ein Kurier hatte im Fürstenhof einen großen Koffer für Kira König abgegeben. Darin befanden sich einige Dinge aus ihrer Wohnung in München. Sobald Xaver begriff, wem der Koffer gehörte, schleppte er ihn ins Gewächshaus und öffnete ihn. Ganz oben lag ein Umschlag mit Fotos. Interessiert betrachtete er die Bilder.

„Und den Typen wollte sie heiraten?“, murmelte er skeptisch. Das Bild zeigte offenkundig Kiras Verlobten.

„Was machen Sie denn da?!“ Unbemerkt war Julius hereingekommen. Und sah sofort, dass der Koffer seiner Nichte gehörte. Xaver versuchte, sich herauszureden, aber Julius war sich sicher: Er hatte in Kiras Sachen schnüffeln wollen. „Sie packen das jetzt alles ganz schnell wieder ein und bringen ihr den Koffer, verstanden?“ Da fiel auch sein Blick auf das Foto. „Und an so einen Typen verliert Kira ihr Herz?“, fragte er. „Besonders helle schaut der ja nicht aus.“

„Finde ich auch“, rutschte es Xaver heraus.

Julius schmunzelte. „Na, wenigstens hat sie den Kerl nicht geheiratet.“

Kira war zwar froh, ihre Sachen zu bekommen, hatte aber gleichzeitig Angst davor, sich all der Erinnerungen zu stellen, die damit verbunden waren.

„Ich würde eine Frau wie dich niemals sitzen lassen“, sagte Xaver, um sie zu trösten. „Wer so etwas tut, muss ein kompletter Vollidiot sein.“

„Dann bin ich also blöd genug, mich mit einem Vollidioten einzulassen.“ Sie seufzte.

„Er hat so eine tolle Frau wie dich gar nicht verdient“, erklärte Xaver entschieden.

„So toll bin ich nun auch wieder nicht.“ Sie wirkte jetzt zutiefst deprimiert. „Ich hätte viel früher merken müssen, dass Karsten mit seiner Ex noch nicht abgeschlossen hat.“ Aber sie war so sehr in ihn verliebt gewesen.

„Aber vor dem Traualtar zu kneifen, ist alles andere als fair.“ Xaver hielt Karsten weiterhin für einen Vollidioten. Er bot Kira an, ihr beim Kofferauspacken Gesellschaft zu leisten. Dankbar nahm sie sein Angebot an.

„Konstantin?“, flüsterte Marlene, die gerade aus der Narkose erwachte.

„Ich bin’s, Doktor Niederbühl.“ Michael fühlte seiner Patientin nach der überstandenen OP gerade den Puls.

„Entschuldigung“, murmelte sie.

„Kein Grund, sich zu entschuldigen.“ Er hatte gute Nachrichten für sie: Der Eingriff war ohne Komplikationen verlaufen. „Aber wenn Sie mich jetzt fragen, wann Sie wieder laufen können: Da müssen wir uns noch ein bisschen gedulden.“ Zunächst würden die transplantierten Nerven anwachsen müssen. „Und dann müssen sie lernen, die Signale auch umzusetzen.“

„Erst mal bin ich froh, dass ich es hinter mir habe“, sagte sie matt.

„Ich bin überzeugt, Ihr Mut hat sich gelohnt.“ Warm lächelte er sie an.

„Danke. Danke für alles, was Sie für mich getan haben.“ Aber ihr lag noch etwas anderes auf der Seele. „Ich hoffe, ich habe während der Narkose nicht noch mehr Unsinn geredet, so wie eben …“

„Dass Sie Herrn Riedmüller sehr gern haben, muss Ihnen nicht peinlich sein“, meinte Michael. Auch während der OP hatte Marlene mehrfach Konstantins Namen geflüstert. „Aber das fällt unter die ärztliche Schweigepflicht. Und ich muss Ihnen jetzt auch ein Geständnis machen.“ Er erzählte, dass er anstelle von Professor Münchberg operiert hatte. Und dass Konstantin Natascha dazu gedrängt hatte, dem Eingriff auch unter diesen Voraussetzungen zuzustimmen. „Er dachte, wenn Sie aufwachen und hätten es nicht hinter sich, würden Sie den Mut kein zweites Mal aufbringen.“

„Da hatte er recht.“ Versonnen sah Marlene an die Decke ihres Krankenzimmers.

Kurz darauf stand Konstantin dann wirklich an ihrem Bett.

„Du wolltest mir nach der OP verraten, was du bei unserem kleinen Abenteuer im See geträumt hast.“ Freundlich sah er sie an.

„Das ist mir ein bisschen peinlich …“ Sie zögerte. „Ich hatte so etwas wie eine Vision. Als ich dachte, ich müsse sterben.“ Wieder stockte sie. „Du hast meine Hand genommen. Und ich habe geglaubt … Ich habe geglaubt, du sagst, du bist mein Schicksal.“ Nun war es heraus. „Irgendwie stimmt das ja auch“, fuhr sie verlegen fort. „Doktor Niederbühl hat mir erzählt, du hättest darauf gedrängt, dass er mich operiert.“

„Ich war mir nicht sicher, ob du noch mal den Mut aufbringen würdest“, bestätigte er.

„Vermutlich nicht“, gab sie zu. Dann fragte sie nach ihrer Mutter. Natascha hatte noch gar nicht nach ihr gesehen.

„Die ist in München bei einem Produzenten.“ Befremdet verzog Marlene das Gesicht. „Der hat sie mindestens fünfmal angerufen. Und als klar war, dass die OP gut gelaufen ist …“

„… ist sie gefahren“, ergänzte Marlene tapfer. „Was soll sie auch hier rumsitzen?“

Die Stimmung am Tisch im Restaurant war angespannt.

„Danke, dass ihr uns eingeladen habt“, sagte Charlotte demonstrativ zu Werner und Doris.

„Es ist uns ein Vergnügen“, heuchelte Frau van Norden und wandte sich an Alexander. „Vor allem, dass du – ich darf doch Du sagen, wo du ja quasi bald mein Stiefsohn bist?“ Alexander nickte gequält. „Dass du über deinen Schatten gesprungen und nicht nur heute hier bist, sondern auch als Ehrengast bei unserer Hochzeit dabei sein wirst“, fuhr sie fort. „Das ist eine besondere Freude für deinen …“ Im letzten Moment biss sie sich auf die Zunge. „Für Werner.“

„Ich bin froh, mal wieder zu Hause zu sein.“ Alexander ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ich hatte fast vergessen, wie schön es hier ist. Wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, wo meine Eltern und so viele vertraute Menschen wohnen …“

„Wo wir gerade von Eltern sprechen …“, schaltete sich Julius grummelnd ein. „Wäre es nicht angemessen, die Kündigung gegen Alexanders Vater zurückzunehmen.“

„Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, das anzusprechen“, sagte Charlotte mahnend.

„Wieso denn nicht?“, begehrte er auf. „So kurz vor einem Freudentag sollen doch alle glücklich sein …“

„Ich bin mit offenen Armen auf Herrn Sonnbichler zugegangen“, verteidigte sich Doris hastig. „Aber er hat abgelehnt. So ein Friedensangebot auszuschlagen, finde ich im Übrigen indiskutabel.“

„Indiskutabel war wohl eher die Kündigung!“, empörte sich Alexander nun.

„Er hat selbst gekündigt!“, rief Doris, aber die Schlacht war eröffnet, und Julius und Alexander ergriffen selbstverständlich Partei für Alfons.

Werner sah sich gezwungen, sich einzuschalten. „Moment, Moment … Wir alle wären froh, wenn Alfons wieder für uns arbeiten würde. Und wir haben versucht, ihn zurückzugewinnen. Er hat abgelehnt.“

„Für mich ist das eine Frage des Anstands, alles zu tun, dass Alfons wieder Chefportier ist“, knurrte Julius.

„Ein Mann, der seine Tochter alleinlässt, hat mir nichts über Anstand zu sagen“, zischte Doris in seine Richtung.

„Schade“, entgegnete er. „Eine Frau, die ihren Sohn verkauft, sollte bei diesem Thema nämlich besonders aufmerksam zuhören.“

Das hatte gesessen. Doris war blass geworden, am Tisch herrschte nun betretenes Schweigen.

„Schluss jetzt. Das geht entschieden zu weit.“ Werner erhob sich und bot Doris seinen Arm. Sie würden in der Wohnung zu Ende essen. Zu zweit.

Natascha kam abends vollkommen geschafft in die Pianobar. Der Produzent in München hatte ohne Punkt und Komma auf sie eingeredet.

„Es ist allerdings durchaus interessant, was er von mir will.“ Es ging um die Hauptrolle in einem Musical. Konstantin blickte sie mit nach oben gezogenen Augenbrauen an. Sie verstand. „Ich sollte mich natürlich zuerst nach Marlene erkundigen. Wie geht es meinem Töchterchen denn?“ Natascha hatte sie noch nicht einmal angerufen. „Wann hätte ich das denn tun sollen? Dieser Wahnsinnige hat mich so auf Trab gehalten. Ich soll die Titelfigur singen. Zwar nur als Zweitbesetzung, aber mit garantierten Vorstellungen. Und fürstlich bezahlt.“

Konstantin konnte es nicht fassen, dass sie schon wieder nur an ihre Karriere dachte. Jetzt war es jedenfalls zu spät, um Marlene noch anzurufen. Die schlief sicher schon.

Nachdem Natascha in ihre Suite gegangen war, kam Alexander zu Konstantin an die Bar. Er brauchte etwas zu trinken nach dem verunglückten Familienessen.

„Warum waren Sie eigentlich nicht dabei?“, fragte er den Barkeeper. „Sie gehören doch auch dazu.“

„Unser Vater hätte es gern gesehen“, bestätigte Konstantin. Aber er hatte seine Schicht nicht tauschen können.

„Werner ist gar nicht mein Vater …“, wandte Alexander ein.

„Aber fast.“ Konstantin lächelte ihn an. „Und wir beide sind fast Brüder. Die sich nie kennengelernt haben.“ Alexander nickte. „Scheint Tradition zu haben in dieser Familie“, fuhr Konstantin fort. „Meinen Zwillingsbruder Moritz habe ich auch vor gar nicht langer Zeit zum ersten Mal getroffen.“

„Unter ziemlich dramatischen Umständen, wie ich gehört habe“, meinte Alexander.

„Wir hatten es nicht leicht.“ Konstantin nickte gedankenverloren. Er hatte in der Zwischenzeit zwei Mojitos gemixt. „Wenn Sie nichts dagegen haben, trinke ich einen mit.“

Die beiden stießen miteinander an und einigten sich darauf, einander in Zukunft zu duzen.

Marlene konnte nicht schlafen. Sie schämte sich sehr dafür, dass sie während der OP und beim Aufwachen Konstantins Namen gesagt hatte. Aber zum Glück hatte Dr. Niederbühl ja versprochen, nichts zu verraten. Abgesehen davon war es sowieso nicht mehr zu ändern. Und jetzt war nur wichtig, dass die Operation gut gegangen war. Und dass sie vielleicht bald normal würde laufen können …

Kira und Xaver waren, nachdem sie ihre Sachen ausgepackt hatte, noch auf ein Bier ins Bräustüberl gegangen.

„Ich bin wirklich froh, dass ich gerade dir über den Weg gelaufen bin.“ Kira konnte schon wieder lachen. „Und ich werde es genau so machen, wie du es gesagt hast, und morgen die Fotos von Karsten im See versenken. Vielleicht löst sich ja dann auch die Erinnerung im Wasser auf …“

„Wenn du jemanden an deiner Seite haben möchtest …“ Sofort bot sich Xaver als Begleiter an.

Aber sie lehnte ab. Da musste sie allein durch. „Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich auch im Fürstenhof anfange?“, fragte sie dann. Charlotte hatte sie kurzerhand als Gärtnerin eingestellt, es kümmerte sich schon länger niemand richtig um den Park und das Gewächshaus. Und Kira hatte vorher in einem Gartencenter gearbeitet.

„Dann sind wir ja Kollegen“, erwiderte Xaver erfreut. Er würde sie jeden Tag sehen können …

Auch am nächsten Morgen war er noch vollkommen beseelt und schwärmte Martin von seiner „Traumfrau“ vor.

„Sie ist so wunderschön.“ Er lächelte entrückt. „Und unsere Seelen schwingen im gleichen Klange.“

„Dich hat’s ja wirklich schwer erwischt“, stellte Martin fest. „Wenn du jetzt schon poetisch wirst …“

Charlotte entschuldigte sich bei ihrem Exmann für Julius’ Verhalten am gestrigen Abend.

„Er war ja nicht allein“, meinte Werner. „Doris hat schließlich auch nicht gerade versucht, die Wogen zu glätten.“

Überrascht sah Charlotte ihn an. Er kritisierte seine zukünftige Ehefrau? „Ich hätte uns allen wirklich einen harmonischen Abend gewünscht“, sagte sie dann. „Wo Alexander schon mal hier ist …“ Außerdem würde sich Werner jetzt wohl einen neuen Trauzeugen suchen müssen.

Doch der schüttelte den Kopf. „Ich habe Doris klargemacht, dass es zu spät ist für einen Wechsel.“ Und die hatte sich zähneknirschend gefügt. „Sie möchte die Hochzeit ja nicht gefährden.“ Er schmunzelte. „Und es ist schon mal in Ordnung, wenn ihr jemand ab und zu die Meinung sagt.“ Julius’ Schlagfertigkeit gestern Abend hatte ihm durchaus imponiert. „Auch wenn er uns damit den Abend verdorben hat.“

„Nicht er allein – wie du selbst sagst“, entgegnete Charlotte.

„Ja doch …“, stöhnte er. „Ich habe mir mit Doris schon eine etwas spezielle Kandidatin eingehandelt.“

„Du willst es doch gar nicht anders“, sagte Charlotte und grinste. „Sonst wird dir langweilig.“ Und immerhin – diese Gefahr bestand bei Frau van Norden nun wirklich nicht.

Kira war bereits am See und hatte alle Fotos von Karsten in kleine Fetzen gerissen. Nun ging sie bis zu den Waden ins Wasser und warf die Schnipsel in die Wellen.

„Karsten, ich will nicht mehr von dir träumen“, flüsterte sie. „Ich will nicht mehr an dich denken, ich will gar nichts mehr von dir. Du sollst einfach aus meinem Leben verschwinden.“

Martin joggte vorbei. Und als er Kira im Wasser sah, dachte er sofort, er habe es mit einer Selbstmörderin zu tun. Sie wirkte so verzweifelt.

„Tun Sie das nicht!“, rief er. „Es gibt immer einen Ausweg.“

Erschrocken war sie zusammengezuckt. „Gehen Sie weg!“

„Sie dürfen sich nicht umbringen!“ Er rannte zu ihr ins Wasser und packte sie. „Nichts ist so schlimm, dass man sich deswegen das Leben nehmen müsste.“ Erst jetzt begriff sie das Missverständnis und prustete los. „Sie wollten gar nicht?“, fragte er entgeistert.

„Absolut nicht“, kicherte sie. „Wie auch? Hier ist es doch viel zu flach.“

„Da habe ich mich wohl ziemlich lächerlich gemacht“, stellte er fest.

„Überhaupt nicht.“ Sie sah ihn an. Und plötzlich blieb die Zeit stehen. Dieser Mann – Kira hatte sich schlagartig in ihn verliebt.

Gemeinsam gingen sie zurück zum Fürstenhof, und Kira plapperte vor lauter Nervosität wie ein Wasserfall. Sie erzählte ihrem „Lebensretter“ alles von ihrer geplatzten Hochzeit.

„Ich sollte die Vergangenheit abhaken“, sagte sie schließlich. „Und mich auf die Gegenwart konzentrieren.“ Dabei strahlte sie ihn an.

„Das kann schwerer sein, als man denkt“, meinte er und sprach aus eigener Erfahrung.

„Wenn man es nicht versucht, klappt es nie“, entgegnete sie. „Und in dem Sinne könnte Ihre heldenhafte Rettung heute ein echter Anfang sein. So etwas Schräges habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ich wollte ja nicht mich ertränken, sondern meine zerbrochene Liebe. Und das hat bestens geklappt. Dank Ihnen.“

Xaver gestand zur gleichen Zeit Nils, dass er sich ernsthaft in Kira verliebt hatte.

„Das ist eine Frau fürs ganze Leben“, erklärte er leidenschaftlich.

„Weiß die Dame denn schon von ihrem Glück?“, fragte Nils.

„Es ist ganz komisch …“ Xaver war ja sonst nicht gerade schüchtern. „Aber bei ihr traue ich mich einfach nicht.“ Trotzdem war er sich beinahe sicher, dass Kira seine Gefühle erwiderte. „Ich gehe jetzt zu ihr“, beschloss er spontan. „Diese Frau ist so geradeheraus – sie weiß es sicher zu schätzen, wenn ich offen über meine Gefühle für sie rede.“

2. KAPITEL

Natascha besuchte am Vormittag ihre Tochter und leistete sich einen theatralischen Auftritt am Krankenbett. Und natürlich wollte sie wissen, wie es Marlenes Bein gehe.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Marlene unglücklich.

„Wie, du weißt es nicht?!“ Natascha war sofort auf hundertachtzig. „Ich hole jetzt diesen Quacksalber Niederbühl. Der soll sich gefälligst um dich kümmern!“

„Ich habe schon mit ihm gesprochen“, bremste Marlene ihre Mutter. „Er meint, ich müsse Geduld haben. Aber bisher ist er zufrieden.“

„Kannst du dein Bein nun wieder bewegen oder nicht?“ Natascha musterte sie prüfend.

„Das wird sich noch zeigen.“ Michael wollte später untersuchen, ob Marlene wieder Gefühl im Bein hatte. Im Moment war alles noch taub. „Aber zumindest habe ich keine Schmerzen. Und keine Nachwirkungen der Narkose. Das ist doch schon mal was.“

Als Michael kurz darauf Marlenes Reflexe überprüfte, tat sich in ihrem Bein überhaupt nichts. Trotzdem sah der Arzt noch keinen Grund zur Beunruhigung.

„Ich würde so gern ganz normal laufen können. Oder tanzen …“ Marlene war schon wieder vollkommen mutlos. „Nur wer auf nichts mehr hofft, wird nicht enttäuscht.“

„Jetzt warten Sie erst mal ab, bevor Sie die Flinte ins Korn werfen“, meinte er. „Der Heilungsprozess verläuft gut, das heißt, die Chancen, dass das Nervengewebe anwächst, sind hervorragend.“ Man konnte nur nicht sagen, wie lang das alles dauern würde.

Und dann kam Konstantin. Er setzte alles daran, um Marlene wiederaufzubauen.

„Positive Gedanken befördern den Heilungsprozess“, sagte er und lächelte sie an.

„Aber warum spüre ich nichts in meinem Bein?!“, brach es verzweifelt aus ihr heraus. „Hätte ich doch nie in diese blöde Operation eingewilligt! Dann hätte ich mir keine Hoffnungen gemacht.“

Er konnte ihre Verzweiflung ja verstehen. „Aber du darfst nicht aufgeben.“ Beruhigend strich er ihr über das operierte Bein. „Bitte versprich mir das.“ Auf einmal starrte sie ihn fassungslos an. „Was ist?“, fragte er verwundert.

„Mach das bitte noch mal!“, flüsterte sie aufgeregt. „Streich über mein Bein!“ Er tat es. „Ich spüre es! Ich merke ganz deutlich, dass du meinen Fuß anfasst!“ Die Freude überwältigte sie. Und auch Konstantin war überglücklich, als er begriff, dass ihr Bein nicht mehr taub war.

Michael war ebenfalls freudig überrascht. Nun konnte Marlene ihren Fuß sogar schon ein wenig bewegen.

„Das ist wirklich sehr ungewöhnlich, so kurz nach dem Eingriff und der letzten Untersuchung“, stellte er fest.

„Das verdanke ich Konstantin“, sagte sie leise. „Und natürlich Ihnen! Noch mal danke. Für alles.“ Am liebsten wäre sie schon aufgestanden.

Aber Michael hielt sie energisch zurück. „Bitte warten Sie mit jeder Form von Bewegung oder Belastung, bis Sie mit der Physiotherapie anfangen können.“ Und das würde noch eine Weile dauern. „Ihr Bein ist jetzt extrem empfindlich. Eine falsche Bewegung oder Erschütterung, und wir sind wieder bei null.“

„Okay, ich passe auf“, versprach sie einsichtig.

Zurück im Fürstenhof ging Michael als Erstes zu Konstantin.

„Ich hätte eine Bitte an Sie“, meinte er. „Ihre Gegenwart tut Marlene Schweitzer gut. Und damit dem Genesungsprozess insgesamt. Sie beide scheinen ein unkompliziertes Verhältnis zu haben, während ihre Mutter …“ Michael brach ab.

„Man kann über Natascha alles Mögliche sagen.“ Konstantin grinste. „Aber wirklich nicht, sie sei unkompliziert.“

„Welche Frau ist das schon?“, gab Michael schmunzelnd zurück.

„Marlene“, antwortete Konstantin spontan. „Ich habe selten eine Frau erlebt, die so geradeheraus und so wenig zickig ist.“ Natürlich würde er sie besuchen, sooft er konnte, wenn ihr das guttat. „Dafür sind Freunde ja da. Und ich bin froh, wenn ich ihr helfen kann. Immerhin habe ich sie zu der Operation gedrängt.“

Natascha hingegen witterte die Chance für einen großen PR-Coup. Am liebsten hätte sie gleich die Presse zu ihrer Tochter ins Krankenhaus bestellt, damit die Journalisten über die „Wunderheilung“ berichten konnten.

„Außerdem werde ich erklären, dass ich für mein erstes Soloalbum extra einen Song für Marlene schreibe“, erklärte sie eifrig. „Und wenn sie mich dann auch noch begleitet – das Publikum wird weinen vor Glück.“

„Das bezweifle ich nicht“, bemerkte Konstantin trocken. „Aber vielleicht gibst du deiner Tochter noch ein bisschen Zeit, um gesund zu werden.“

„Ich habe mich verliebt.“ Xaver stand vor Kira und hatte all seinen Mut zusammengenommen.

„Was?! Du auch?“ Mit großen Augen sah sie ihn an.

„Du etwa auch?“ Sie nickte. Und natürlich war er sich sicher, dass er gemeint war. „Das ist ja Wahnsinn …“

„Ich hatte ein krasses Erlebnis“, sprudelte sie jetzt heraus. „Ich war am See und habe die Karsten-Bilder entsorgt. Dabei hat mich ein Typ für eine Selbstmörderin gehalten und ist prompt hinter mir hergehüpft. Ich habe mich total in ihn verknallt.“ Xaver fühlte sich, als hätte sie ihm ins Gesicht geschlagen. „Und ich bin dazu bereit, ein neues Leben anzufangen. Mit ihm …“ Ihr Blick wurde schwärmerisch.

„Ein wildfremder Mann springt zu dir in den See, und du willst sofort den Rest deines Lebens mit ihm verbringen?“, fragte Xaver tonlos.

„Wenn das kein Wink des Schicksals ist“, antwortete sie verträumt. „Jetzt muss ich ihn nur wiederfinden.“ Sie hatte nämlich vor lauter Aufregung vergessen, ihren „Retter“ nach seinem Namen zu fragen. „Aber sorry, jetzt quatsche ich dich die ganze Zeit voll. Dabei wolltest du mir doch etwas ganz Ähnliches erzählen.“

„Meine Geschichte ist nicht so spannend.“ Xaver klang bitter. Und er behauptete, er wisse auch nicht, wer die Frau sei, in die er sich angeblich verliebt hatte. „Passiert mir öfter“, erklärte er cool. „Ich sehe eine Frau, sie hat was, das mich total anzieht – und zack, verliebe ich mich in sie.“

Kira runzelte die Stirn.

Xaver schüttete ausgerechnet Martin sein Herz aus.

„Gerade, als ich Kira sagen wollte, wie klasse ich sie finde – erzählt sie mir plötzlich, sie hätte so einen tollen Kerl kennengelernt, der sich mit einem echt üblen Trick an sie rangemacht hat.“

„Wie denn?“, fragte Martin.

„Egal“, knurrte Xaver. „Das interessiert dich doch sowieso nicht. Warum suche ich mir nur ausgerechnet eine aus, die ständig auf irgendwelche Idioten reinfällt?“

„Wenn du sie liebst, kannst du ihr auch ein guter Freund sein“, meinte Martin.

„Du bist echt zum Gutmenschen mutiert“, stöhnte Xaver. „Wenn ich auf eine Frau stehe, dann will ich sie für mich. Nicht als gute Freundin!“

„Und wenn sie sich für jemand anders entscheidet?“, wandte Martin ein.

„Ich bete jetzt dafür, dass der Blödmann, der mir bei meiner Traumfrau dazwischengrätscht, von Außerirdischen entführt wird“, beschloss Xaver in komischer Verzweiflung. „Ganz unblutig natürlich. Er kriegt auf einem anderen Planeten ein Weibchen mit blauem Fell oder so …

Julius war überrascht, dass es seine Nichte so schnell wieder erwischt hatte – Kira machte keinen Hehl daraus, dass sie bis über beide Ohren verliebt war.

„Es war Schicksal“, erklärte sie feierlich. „Dieser Mann ist etwas ganz Besonderes.“ Jetzt musste sie nur noch herausfinden, wer er überhaupt war.

Alexander saß mit Werner zusammen – die beiden sprachen über Alfons. Der Senior wollte Doris und seinen Chefportier so gern miteinander versöhnen.

„Alfons wird sich nicht so einfach mit deiner neuen Geschäftsführerin abfinden“, vermutete Alexander. „Obwohl er den Fürstenhof vermisst. Das merkt man ihm an.“

„Warum eröffnet er dann eine Pension?“, ereiferte sich Werner.

„Befürchtest du ernsthaft, er macht dir Konkurrenz?“, entgegnete Alexander ungläubig.

„Es kommt mir einfach vor wie eine Retourkutsche“, meinte der Senior.

„Dafür brauchen die Sonnbichlers das Geld zu dringend“, hielt Alexander dagegen. „Und sind zu erfolgreich.“

„Sie ahnen, warum ich hier bin?“ Gleich nach seinem Gespräch mit Alexander war Werner zu den Sonnbichlers gegangen. Alfons begrüßte ihn reserviert. „Ohne Sie herrscht Chaos an der Rezeption. Und die Gäste fragen auch dauernd nach Ihnen. Und ich – ich vermisse Sie ebenfalls.“ Hildegard bot dem Senior einen Stuhl an. „Zugegeben, meine Verlobte macht es einem nicht immer leicht“, fuhr Werner fort. „Aber machen Sie bitte keinen Fehler, den Sie sowieso irgendwann bereuen. Kommen Sie zurück.“

„Selbst, wenn ich wollte …“ Alfons straffte die Schultern. „Sie wissen schon, dass ich jetzt mein eigenes Unternehmen habe. Und es hat durchaus Vorteile, endlich sein eigener Herr zu sein.“ Hildegard warf ihrem Mann einen beschwörenden Blick zu. „Außerdem sollte Ihnen klar sein, wie dringend wir das Geld derzeit brauchen. Und die Pension wirft zum Glück schon einiges ab.“

„Wie viele Buchungen haben Sie denn zurzeit?“, fragte Werner provokativ. „Mehr als zwei?“

In der Tat hatten die Sonnbichlers im Moment gar keine Gäste. Aber Alfons wollte das natürlich nicht zugeben. Die Diskussion ging hin und her. Schließlich erklärte sich Alfons dazu bereit, wieder als Chefportier zu arbeiten, wenn er nur einem Menschen gegenüber weisungsgebunden war – Herrn Saalfeld.

„Und nicht Frau van Norden“, beharrte er. „Unter keinen Umständen.“ Außerdem bestand er darauf, dass Hildegard und er in Zukunft nicht parallel Dienst hätten – einer von ihnen musste jeweils zu Hause sein, um sich um die Pension zu kümmern.

„Sie sind ein ganz schön harter Brocken.“ Werner seufzte.

„Ich habe eben im Lauf der Zeit viel von Ihnen gelernt“, konterte Alfons mit einem feinen Lächeln.

Kira hatte Besorgungen für die Gärtnerei gemacht und schob nun ein schwer bepacktes Fahrrad den Waldweg entlang. Und da kam ihr der Mann vom See entgegen. Ihre Augen leuchteten auf, als sie ihn erkannte.

„Ich wusste es!“, rief sie ihm entgegen. „Und behaupten Sie jetzt nicht, so etwas wie Schicksal oder göttliche Fügung gibt es nicht.“

„Nichts läge mir ferner.“ Martin schmunzelte.

„Sagen Sie mir Ihren Namen“, bat sie. „Schließlich haben Sie mir das Leben gerettet.“

„Sie wollten sich doch gar nicht umbringen“, entgegnete er locker.

„Weiß man’s?“ Sie lächelte ihn an.

Doch er begegnete ihr mit Zurückhaltung. Verabreden wollte er sich auch nicht mit ihr. Stattdessen nickte er Kira noch einmal zu und ging dann weiter. Enttäuscht blickte sie ihm nach. Er musste doch auch spüren, dass da etwas ganz Besonderes zwischen ihnen passiert war!

Marlene hatte jetzt Schmerzen in ihrem operierten Bein – und es war angeschwollen und fühlte sich warm an. Michael hielt das für einen normalen Vorgang im Rahmen der Wundheilung. Aber sie sollte das Bein auf gar keinen Fall belasten, das Versprechen nahm er ihr noch einmal ab. Man würde ihr für die Nacht ein Schmerzmittel und ein leichtes Schlafmittel geben.

Natascha war heute bei ihrer Tochter im Krankenhaus gewesen und hatte Marlenes Lieblingsessen mitgebracht: ein indisches Curry. Jetzt saß sie bester Laune bei Konstantin an der Bar.

„Marlene muss nur noch gesund werden, dann gehen wir auf Tournee“, sagte sie fröhlich. „Um die ganze Welt.“ Sie wollte so lange an ihrer Solokarriere arbeiten, bis es klappte damit. „Und wenn du an meiner Seite bist – the sky is the limit.“

„Woher weißt du, dass ich das alles auch möchte?“, erwiderte er.

„Ich kenne dich“, säuselte sie. „Du liebst das Showgeschäft genauso wie ich. Das Prickeln, den Erfolg …“

„Hast du …“, ergänzte er trocken, „… mit Marlene. Ich wäre bloß Natascha Schweitzers ständiger Begleiter oder wie das in der Regenbogenpresse heißt.“

„Du bist viel mehr als das“, protestierte sie so leidenschaftlich, dass er sich sofort unwohl fühlte. „Ohne dich hätte sich Marlene nie operieren lassen.“

„Hat es mit dem Unfall zu tun?“, hakte er ein. „Ist es deshalb so wichtig für dich, dass sie nicht mehr humpelt?“

„Ich war nun einmal schuld“, stellte sie bitter fest.

„Du bist in einem Land Auto gefahren, das bekannt ist für seinen mörderischen Verkehr“, gab er zu bedenken.

„Ich hätte gar nicht fahren dürfen“, flüsterte sie. „Ich war total stoned.“ Ihre Freundin und sie hatten direkt vorher einen Joint geraucht.

„Welche Freundin?“, fragte er.

„Die mit im Auto war.“ Natascha seufzte. „Ist doch auch egal. Ich hätte mich nie ans Steuer setzen dürfen. Kapierst du das nicht?“

Er spürte ihre Not. „Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst …“ Er musste nur an seine erste Begegnung mit Moritz denken …

Marlene träumte in dieser Nacht einen schlimmen Albtraum. Sie schrie und strampelte so sehr im Schlaf, dass sie schließlich aus dem Bett fiel. Unsanft wurde sie wach. Was war das denn gewesen? Nur ein böser Traum? Es hatte sich alles so real angefühlt. Das Kind, das war sie gewesen. Und die beiden anderen im Zimmer … Erst jetzt dachte sie an ihr Bein. Sie musste sofort nach der Schwester klingeln.

Michael konnte sich nicht vorstellen, dass eine erwachsene Frau einfach so aus dem Bett fiel. Am nächsten Morgen wollte er von Marlene wissen, ob sie nicht doch einfach aufgestanden war – was unverantwortlich gewesen wäre. Glücklicherweise war nichts weiter passiert.

„I…ich habe schlecht geträumt …“, berichtete Marlene stockend. „Dabei habe ich mich wohl zu stark bewegt und dann …“ Sie war den Tränen nahe. „Ich will doch auch nicht, dass mit meinem Bein etwas schiefläuft.“

„Möchten Sie mir von dem Traum erzählen?“ Michaels Stimme war nun ganz sanft. „Es würde Ihnen vielleicht helfen.“

„Ich kann mich nicht richtig erinnern.“ Das war nur die halbe Wahrheit. „Aber es war der Horror.“ Sie verstand selbst nicht genau, warum sie Dr. Niederbühl anlog. Er hatte ihr nur helfen wollen. Und sie? Und wieso träumte sie überhaupt so ein wirres Zeug?

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